Inhalt

Die Abenteuer Tschitschikows, Zweiter Teil Seite 1

Novellen:

Der Mantel » 223

Die Nase » 283

Das Porträt » 329

Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows

oder

Die Toten Seelen.

Zweiter Teil

Erstes Kapitel.

Warum bloß wollen wir die Armut, nichts als die Armut und die

beklagenswerte Unvollkommenheit unseres Lebens öffentlich zur Schau

stellen, indem wir die Menschen aus der Wildnis, aus den entlegensten

Winkeln unseres Vaterlandes ausgraben und hervorziehen? -- Was ist zu

machen, wenn das nun einmal die Eigenart des Verfassers ist, und wenn er

selbst so sehr an seiner eigenen Unzulänglichkeit krankt, daß er eben

nur dies eine kann: die Armut und nichts als die Armut und

Unvollkommenheit unseres Lebens darstellen, indem er seine Menschen aus

der Wildnis und aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes

ausgräbt? Und so sind wir denn abermals mitten in die Wildnis

hineingeraten und wieder auf ein ödes trauriges Nest gestoßen. Und noch

dazu welch ein Nest und welch eine Wildnis!

Wie der Riesenwall einer unendlichen Festung mit Türmen und Bastionen,

zog sich in endlosen Windungen von mehr als tausend Werst eine

ununterbrochene Gebirgskette hin. Stolz und majestätisch erhob sie sich

über die grenzenlose Ebene, bald als nackter Ton- und Kalkfelsen, bald

als senkrecht abstürzende Bergwand, durchsetzt von Spalten und Rissen,

bald wieder in Form von grünen Kuppen, bedeckt mit jungem Buschwerk, das

zwischen kahlen Baumstümpfen emporragte und von weitem wie zartes

Lammfell aussah, bald endlich als dichter dunkler Wald, den die Axt

seltsamer Weise noch verschont hatte. Der Fluß, der überall zwischen

hohen Ufern dahinströmte, folgte den Bergen in mancherlei

Schlangenwindungen, nur hie und da entfernte er sich von ihnen, floß

zwischen Feldern und Wiesen dahin, schlängelte sich in leuchtenden

Serpentinen, verschwand plötzlich, noch einmal hell aufblitzend im

strahlenden Sonnenlicht in einem Gehölz von Birken, Espen oder Erlen und

tauchte endlich wieder triumphierend aus dem Dunkel hervor, überall

begleitet von Brücken, Windmühlen und Dämmen, die ihm bei jeder Wendung

nachzueilen schienen.

An einer Stelle war die steile Gebirgsmasse besonders dicht mit dem

Lockenschmuck jungen Baumgrünes überzogen. Durch künstliche Anpflanzung

hatte sich hier dank den Unebenheiten des Gebirgshanges die Vegetation

aus Nord und Süd zusammengefunden. Eiche, Ahorn, Birnbäume und

Weidenbüsche, Beifuß und Birke, Fichten und dicht von Hopfen umrankte

Ebereschen kletterten überall, _hier_ einträchtig und sich gegenseitig

im Wachstum unterstützend, _dort_ sich hemmend und eng zusammengedrängt,

den steilen Berg hinan. Oben am Scheitel mischten sich mit den grünen

Wipfeln die roten Dächer der Gutsgebäude, die Giebel und Dachfirste der

dahinter versteckten Bauernhütten, das oberste Stockwerk des

Herrenhauses mit seinem geschnitzten Balkon und dem halbrunden Fenster

-- und hoch über dieser Masse nah beieinander liegender Häuser und Bäume

streckte eine altertümliche Kirche ihre fünf vergoldeten Türme in die

Luft, deren jeder ein Glockenspiel enthielt. Die Türme waren mit

goldenen durchbrochenen Kreuzen geschmückt, die mit ebensolchen Ketten

von gleichem Metall an den Kuppeln befestigt waren, so daß man aus der

Ferne den Eindruck hatte, als glühte und flimmerte die Luft von

glänzendem gemünztem Golde, das frei im blauen Äther schwebte, ohne an

etwas befestigt zu sein. Und diese ganze Masse von Bäumen, Dächern und

Kreuzen spiegelte sich wie auf den Kopf gestellt lieblich im Flusse

wieder, wo die hohen mißgestalteten Weidenstämme, die teils vereinzelt

am Ufersaume, teils tief im Wasser standen, ihre von grünem schleimigen

Flußschwamm und treibenden Wasserlilien umsponnenen Zweige und Blätter

in die Fluten hinabtauchten und in die Betrachtung dieses reizenden

Bildes versunken schienen.

Dieser Anblick war in der Tat sehr hübsch, aber der Blick aus der Höhe

ins Tal, von der Terrasse des Hauses in die weite Ferne war noch viel

schöner. Kein Gast, kein Besucher vermochte es gleichgültig auf dem

Balkon zu verweilen: der Atem stockte ihm in der Brust vor Staunen und

Entzücken, und er konnte bloß ausrufen: »Gott wie geräumig und frei ist

es hier!« Ein unendlicher grenzenloser Raum breitete sich vor ihm aus:

Hinter den Wiesen, die mit Buschwerk und mit Windmühlen übersät waren,

erhoben sich dunkle Wälder wie eine Reihe grün schimmernder Zonen;

hinter den Wäldern leuchteten gelbliche Sanddünen durch die sich mählich

verfinsternde Luft; auf diese folgten wiederum Wälder, die bläulich

schimmerten, wie ein sich weithin dehnendes Meer oder eine weite

Nebelfläche; dahinter lagen wieder Sanddünen, welche zwar nicht mehr so

hell, wie die ersten, aber doch noch deutlich sichtbar gelb glimmten und

leuchteten. Am fernen Horizont bemerkte man die Konturen eines

Bergrückens: das waren Kalkfelsen, die selbst bei schlechtestem Wetter

beständig in blendender Weiße erstrahlten, wie wenn eine ewige Sonne sie

beleuchtete. An ihrem Fuße, der zum Teil aus Gipsgestein bestand, hoben

sich hie und da nebelgrau flimmernde Flecken von dem blendenden Weiß des

Hintergrundes ab: das waren ferne Dörfer, die jedoch kein menschliches

Auge erkennen konnte -- nur die goldene Spitze einer Kirche, die hin und

wieder aufblitzte wie ein glühender Funke, ließ ahnen, das dies ein

großes, von Menschen bewohntes Dorf sei. Das Ganze aber war in eine

tiefe Stille getaucht, die nicht einmal von dem kaum bis ans Ohr

dringenden Lied der Sänger der Lüfte gestört wurde, welche sich in den

reinen Äther emporschwangen und bald im weiten Raume verloren. Mit einem

Wort, kein Gast noch Besucher konnte ruhig auf dem Balkon weilen, und

wenn er einige Stunden in die Betrachtung verloren dagestanden hatte,

brach er immer wieder in den schon bekannten Ruf aus: »Gott, wie

geräumig und frei es hier ist.«

Wer aber war der Bewohner und Besitzer dieses Landgutes, das gleich

einer uneinnehmbaren Festung dalag und zu dem von dieser Seite nicht

einmal ein Fahrweg hinführte. Man mußte schon von der andern Seite

heranzukommen suchen -- wo weit auseinanderstehende Eichen den

herannahenden Reisenden freundlich begrüßten, indem sie ihre breiten

Äste weit ausstreckten wie die Arme eines Freundes und ihn bis zu dem

Hause hingeleiteten, dessen Spitze wir schon von hinten gesehen haben,

und das jetzt ganz frei und offen dalag, zwischen einer langen Reihe von

Bauernhütten mit ihren geschnitzten Giebeln und Dachfirsten, und der

Kirche, die im Golde ihrer Kreuze und des durchbrochenen Schnitzwerkes

der in der Luft hängenden Ketten erstrahlte.

Es war der Gutsbesitzer des Tremalachanskschen Kreises Andrei

Iwanowitsch Tentennikow. Der Glückliche war ein junger Mann von

dreiunddreißig Jahren, der noch dazu unverheiratet war.

Was war nun dieser Gutsbesitzer Andrei Iwanowitsch Tentennikow für ein

Mensch? Wie war sein Wesen; was hatte er für Eigenschaften und für einen

Charakter? -- Darnach müssen wir uns natürlich bei den lieben Nachbarn

erkundigen, geneigte Leserinnen. Einer von ihnen, der zu jener Gattung

verabschiedeter Stabsoffiziere und Lebemänner gehörte, die jetzt schon

im Aussterben begriffen ist, pflegte sich folgendermaßen über ihn zu

äußern: »Ein ganz gewöhnlicher Schweinehund!« Ein General, der etwa zehn

Werst von ihm entfernt wohnte, sagte gewöhnlich: »Der junge Mann ist

nicht dumm, aber er hat sich gar zu viel in den Kopf gesetzt. Ich könnte

ihm nützlich sein, denn ich habe gewisse Verbindungen in Petersburg und

sogar beim ...« Der General beendigte seinen Satz niemals. Der

Kreisrichter kleidete seine Antwort in folgende Form: »Ich will mir mal

morgen die rückständigen Steuern von ihm abholen!« und ein Bauer hätte

auf die Frage, was sein Herr für ein Mensch sei, überhaupt nichts

geantwortet. Mit einem Wort, die Meinung, die die Nachbarn von ihm

hatten, war recht ungünstig. Vorurteilslos gesprochen aber war Andrei

Iwanowitsch eigentlich kein schlechter Mensch, sondern einfach einer von

denen, die unnütz auf der Erde herumlaufen. Es gibt ja doch ohnedies

genug Leute, welche unnütz auf der Erde herumlaufen, warum also sollte

gerade Tentennikow es nicht tun? Übrigens wollen wir hier gleich einen

kurzen Abriß seines Tagewerks geben, und da bei ihm ein Tag stets dem

andern glich, so mag der Leser darnach selbst urteilen, was er für einen

Charakter hatte, und inwieweit sein Leben den ihn umgebenden

Naturschönheiten entsprach.

Morgens pflegte er recht spät zu erwachen, dann richtete er sich im

Bette auf und rieb sich lange die Augen. Zu seinem Pech waren die Augen

sehr klein, und daher nahm diese Operation sehr viel Zeit in Anspruch.

Während der ganzen Dauer dieser Handlung stand ein Mann, namens

Michailo, mit einem Waschbecken und einem Handtuch an der Tür. Dieser

arme Michailo mußte immer stundenlang so dastehen; dann ging er in die

Küche und kam noch einmal wieder; aber sein Herr saß noch immer im Bett

und rieb sich die Augen. Endlich sprang er aber doch auf, wusch sich,

zog seinen Schlafrock an und trat in den Salon um ein Glas Tee, Kaffee,

Kakao oder sogar frische Milch zu trinken. Er trank immer in kurzen

Zügen, indem er die Brotkrumen rücksichtslos umherstreute und die

Tabakasche überall achtlos hinfallen ließ. So saß er wohl zwei Stunden

lang beim Frühstück, doch das genügte noch nicht. Dann nahm er noch eine

Tasse kalten Tee und ging langsam ans Fenster, das in den Hof führte.

Hier spielte sich jeden Tag folgende Szene ab.

Vor allem zankte sich der Hausdiener Grigorij in seiner Eigenschaft als

Aufwärter mit der Schließerin Perphiljewna, die er mit folgenden

Ausdrücken zu bedenken pflegte: »Ach du Jammerseele, du nichtsnutziges

Frauenzimmer du! Du solltest doch lieber den Mund halten, du gemeines

Geschöpf!«

»Du willst wohl _so_ etwas haben?« heulte die Jammerseele oder

Perphiljewna, indem sie ihm die geballte Faust hinhielt. Dieses

Frauenzimmer war nicht ungefährlich und hatte recht derbe und kräftige

Manieren, trotz ihrer starken Vorliebe für Rosinen, Marmelade und andere

Süßigkeiten, die sie in ihrem Schranke verschlossen hielt.

»Du liegst dir ja sogar mit dem Verwalter in den Haaren, du Staubkorn,

elendiges,« kreischte Grigorij.

»Der Verwalter ist doch gerad so'n Dieb wie du, du glaubst wohl der Herr

kennt euch nicht; er ist doch hier und hört alles.«

»Wo ist der Herr?«

»Da sitzt er am Fenster und sieht alles.«

Und in der Tat, der Herr saß am Fenster und sah alles.

Um dieses Sodom und Ghomorrha noch zu vervollständigen schrie ein Knabe

auf dem Hofe aus voller Kehle, der von der Mutter eine Ohrfeige bekommen

hatte, und ein Windspiel stimmte winselnd mit ein, indem es sich mit dem

Hinterteil auf die Erde setzte; der Koch hatte nämlich kochendes Wasser

aus dem Fenster gegossen und es verbrüht; mit einem Worte alles heulte

und plärrte unerträglich. Der Herr sah und hörte sich alles an, aber

erst als der Lärm so entsetzlich wurde, daß er Tentennikow in seinem

Nichtstun zu stören begann, schickte er in den Hof hinunter und ließ

sagen, die da unten möchten doch etwas _leiser lärmen_.

Zwei Stunden vor dem Mittagessen begab sich Andrei Iwanowitsch in sein

Zimmer, um an einem großen Werke zu arbeiten, das ganz Rußland von

sämtlichen nur möglichen Standpunkten: vom bürgerlichen, vom

politischen, vom philosophischen und religiösen umfassen und beleuchten

sollte; auch sollte es die schwierigen Aufgaben und Probleme lösen, die

die Zeit gestellt hatte und klar bestimmen, in welcher Richtung Rußlands

große Zukunft läge; mit einem Wort, es war ein Werk wie nur ein moderner

Mensch es planen konnte. Übrigens hatte es zunächst beim Nachdenken über

dieses grandiose Unternehmen sein Bewenden: man kaute an der Feder, warf

ein paar Zeichnungen aufs Papier, und schob dann alles wieder beiseite;

statt dessen wurde ein Buch zur Hand genommen, das man bis zum

Mittagessen nicht wieder fortlegte. In diesem Buche las man, während die

Suppe, die Sauce, der Braten und sogar die süße Speise verzehrt wurde,

ruhig weiter, und es kam mitunter vor, daß manche Speisen ganz kalt und

andre überhaupt nicht angerührt wurden. Dann trank man noch eine Tasse

Kaffee und rauchte ein Pfeifchen dazu und spielte noch eine Partie

Schach mit sich selbst. Was darauf noch weiter bis zum Abendessen getan

wurde -- ist tatsächlich schwer zu sagen. Ich glaube es wurde überhaupt

nichts mehr getan.

So verbrachte der junge dreiunddreißigjährige Mann, der immer im

Schlafrock und ohne Halsbinde dasaß ganz mutterseelenallein und von

aller Welt verlassen, seine Zeit. Das Spaziergehen und Herumlaufen

machte ihm keinen Spaß, er hatte nicht einmal Lust hinaufzugehen, oder

ein Fenster zu öffnen, um frische Luft in das Zimmer hineinzulassen, und

der herrliche Anblick des Dorfes, an dem sich Gäste und Besucher nicht

genug erfreuen konnten, schien für den Besitzer selbst überhaupt nicht

zu existieren. Aus alledem kann der Leser ersehen, daß Andrei

Iwanowitsch Tentennikow zu der großen Familie der Leute gehörte, die in

Rußland nicht alle werden und die man früher bei uns Schlafmützen,

Faulenzer, Bärenhäuter usw. zu nennen pflegte, und für die ich heute

wirklich keinen Namen zu finden wüßte. Ob solche Charaktere _geboren_

werden oder sich allmählich bilden, als ein Produkt trauriger

Lebensverhältnisse, in deren harte und strenge Umgebung der Mensch

hineingestellt ist, das ist eine Frage. Statt sie zu beantworten tut man

vielleicht besser, die Geschichte der Kindheit und der Lehrjahre Andrei

Iwanowitschs zu erzählen.

»Anfangs schien alles darauf abzuzielen, daß etwas Vernünftiges aus ihm

werden sollte. Mit zwölf Jahren kam der etwas kränkliche und

träumerische, aber begabte und scharfsinnige Knabe in eine Schule, deren

Direktor ein für jene Zeit wirklich ungewöhnlicher Mensch war. Der

Abgott der Jünglinge und das bewunderte Vorbild aller Lehrer und

Erzieher. Alexander Pawlowitsch war mit einem außerordentlichen

Feingefühl begabt. Wie gut kannte er den russischen Charakter! Wie

kannte er das kindliche Gemüt! Wie verstand er es, die Kinder zu leiten

und zu lenken! Es gab keinen Schelm oder Wildfang, der, wenn er etwas

angestellt hatte, nicht selbst zum Direktor kam, um ihm seine Streiche

und Untaten zu beichten. Aber das war noch nicht alles: er erhielt eine

harte Strafe, aber der kleine Schelm ließ darum keineswegs die Nase

hängen, sondern verließ das Zimmer aufrechter als vorher. Es lag etwas

wie frischer Mut in seinen Zügen, und eine innere Stimme schien zu ihm

zu sprechen: »Vorwärts! Erhebe dich schnell wieder und stelle dich ruhig

wieder auf beide Beine, trotzdem du gefallen bist.« Nie hielt der

Direktor seinen Zöglingen lange Reden über gutes Betragen. Er pflegte

nur zu sagen: »Ich verlange von meinen Schülern nur dies eine: daß sie

vernünftig und verständig sind, sonst nichts! Wer den Ehrgeiz hat, klug

zu werden, der hat nicht Zeit unartig zu sein; die Unarten müssen von

selbst verschwinden.« Und so war es in Wirklichkeit, die Unarten

verschwanden ganz von selbst. Ein Schüler, der kein ernstes Streben

hatte, lenkte nur die Verachtung seiner Kameraden auf sich. Die

erwachsenen Esel und Schafsköpfe mußten es sich gefallen lassen von den

Kleinsten mit den kränkendsten Spitznamen getauft zu werden, und durften

ihnen kein Härchen krümmen. »Das geht zu weit!« sagten viele, »diese

Knaben werden allzu gescheit, das muß sie hochmütig machen.« »Nein, das

geht durchaus nicht zu weit,« antwortete er, »die schwach Begabten

behalte ich nicht lange in der Schule; es genügt schon, wenn sie den

einen Lehrgang durchmachen; für die Begabteren habe ich noch einen

zweiten Kursus.«(1) Und in der Tat, die Begabten mußten noch einen

zweiten Kursus durchmachen. Manche Unarten und Streiche gestattete er

und machte gar nicht den Versuch sie zu unterdrücken; in diesem

Über-den-Strang-Schlagen der Kinder sah er den Beginn der Entwickelung

ihrer seelischen Regungen und er erklärte, er könne es nicht entbehren,

sondern brauche es vielmehr wie ein Arzt den Ausschlag, -- um mit

Sicherheit zu ermitteln, was in des Menschen Innerem eigentlich vorgehe.

Wie liebten ihn aber auch die Knaben! Nie trifft man eine solche

Anhänglichkeit und Liebe der Kinder zu ihren Eltern, nie gab es selbst

in dem unvernünftigen Lebensalter, wo man sich rücksichtslos sinnlosen

Leidenschaften in die Arme wirft, eine so gewaltige unauslöschliche

Neigung, wie die Liebe zu ihm. Bis zum Grabe, bis zu den letzten

Lebenstagen noch, erhoben die dankbaren Zöglinge am Geburtstage ihres

herrlichen Lehrers, der schon längst gestorben war, auf sein Andenken

ihren Pokal, schlossen die Augen und vergossen seinetwegen Tränen der

Rührung. Beim kleinsten Lob aus seinem Munde überlief den Schüler ein

freudiges Beben und ein ehrgeiziges Streben spornte ihn an, all seine

Kameraden zu übertreffen. Die Unbegabten hielt er nicht lange in der

Schule fest; sie brauchten nur einen kurzen Lehrgang durchzumachen; die

Begabten aber hatten einen doppelten Lehrgang zurückzulegen, und die

letzte Klasse, die nur aus ganz Auserwählten bestand, hatte gar keine

Ähnlichkeit mit der anderer Schulen. Erst hier verlangte er all das von

dem Zögling, was andre unvernünftigerweise schon von den Kindern

verlangen -- nämlich jenen entwickelteren Verstand, der selbst nicht

spottet, es aber versteht, jeden Spott ruhig zu ertragen, dem Dummen zu

verzeihen, sich nicht reizen zu lassen, die Geduld nicht zu verlieren,

niemals Rache zu üben und sich immer eine stolze Ruhe und

unerschütterliche Selbstbeherrschung zu bewahren; alles was geeignet

ist, aus einem Menschen einen starken Mann zu formen, kam hier beständig

zur Anwendung und er selbst stellte unaufhörlich Versuche und

Experimente mit seinen Schülern an. O, wie vorzüglich kannte er die

Wissenschaft des Lebens!

Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß. In den meisten Fächern

unterrichtete er selbst. Er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige

Terminologie, ohne großartige Theorien und geschwollene Phrasen das

eigentliche Wesen, die Seele einer jeden Wissenschaft darzustellen,

sodaß auch der ungereifte Geist es sofort begriff, wozu er dies Wissen

nötig hatte. Von allen Wissenschaften wählte er nur die, welche geeignet

sind, aus dem Menschen einen Bürger seines Vaterlandes heranzubilden.

Der größte Teil seiner Vorlesungen handelte davon, was den Jüngling in

der Zukunft erwarte und er verstand es so gut, den ganzen Horizont

seiner Laufbahn vor ihm aufzurollen, daß der Jüngling schon auf der

Schulbank mit allen Gedanken und Träumen seiner Seele in seinem

künftigen Berufe: im Staatsdienste lebte. Er verheimlichte nichts vor

ihnen: weder die Enttäuschungen noch die Hindernisse, die sich vor dem

Menschen auf seinem Lebenswege erheben, weder die Versuchungen noch die

Verführungen, die ihn erwarten, dies alles führte er ihnen in

ungeschminkter Nacktheit vor Augen, ohne ihnen das Geringste

vorzuenthalten. Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Ämter und

Berufe kennen gelernt hatte. Und seltsam, sei es nun, daß der Ehrgeiz in

ihnen so stark angeregt war, sei es daß im Auge dieses außerordentlichen

Pädagogen etwas lag, was dem Jüngling ein beständiges »Vorwärts!«

zuzurufen schien -- dieses Wort, das der Russe so gut kennt und das bei

seiner feinfühligen Natur so große Wunder wirkt -- genug, die jungen

Leute fingen sogleich an selbst die Schwierigkeiten aufzusuchen und

dürsteten förmlich darnach, sich überall dort geschäftig und tätig zu

zeigen, wo es galt, eine Schwierigkeit oder ein Hindernis zu überwinden

und einen hohen Mut und Seelenstärke zu beweisen. Nur ganz wenigen

gelang es diesen Lehrgang zurückzulegen, aber dafür waren es auch lauter

starke kräftige Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampfe

gestanden hatten. Im Dienste wußten sie sich an den exponiertesten

Stellen zu halten, während viele, die weit klüger waren als sie, es

nicht lange im Dienste aushielten, ihn wegen kleiner persönlicher

Unannehmlichkeiten quittierten oder bequem und träge(2) wie sie waren in

die Hände von Gaunern und Erpressern gerieten. Dagegen standen die

andern nicht nur fest und ohne zu wanken auf ihrem Posten, sondern

verstanden es sogar, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis auch auf

die schlechten und unehrlichen Leute noch einen starken sittlichen

Einfluß auszuüben.(3)

Das glühende Herz des ehrgeizigen Knaben pochte lange bei dem bloßen

Gedanken, daß er endlich auch in diese Klasse versetzt werden würde. Man

sollte meinen, für unseren Tentennikow hätte es gar nichts Besseres

geben können als einen solchen Erzieher. Das Unglück wollte es jedoch,

daß gerade in dem Augenblick, als er in diese Klasse der Auserwählten

versetzt worden war -- wonach er sich so lebhaft gesehnt hatte -- der

vortreffliche Lehrer einem unerwarteten Tode zum Opfer fiel. Das war ein

wahrhaft furchtbarer Schlag, ein schrecklicher unersetzlicher Verlust

für den jungen Mann. Nun wurde es in der Schule mit einem Male ganz

anders. An die Stelle des Alexander Petrowitsch trat jetzt ein gewisser

Fjodor Iwanowitsch. Er ging vor allem daran, allerlei äußere

Vorschriften und ein strenges Reglement einzuführen und verlangte von

den Kindern lauter Dinge, die man nur von Erwachsenen verlangen konnte.

In dem freien Sichgehenlassen sah er nichts wie Ungezogenheit und

Zügellosigkeit. Wie im bewußten Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte

er gleich am ersten Tage, er lege gar keinen Wert auf den Verstand und

die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften, sondern allein auf

das gute Betragen.(4) Aber seltsam! gerade dies, wonach er so eifrig

strebte, das gute Betragen konnte Fjodor Iwanowitsch seinen Schülern

nicht beibringen. Sie machten allerhand schlechte Streiche, suchten sie

aber geheim zu halten. Am Tage ging alles wie am Schnürchen, dafür gab

man sich in der Nacht wilden Orgien und Zechereien hin.

Auch mit den Wissenschaften ging es ganz seltsam. Fjodor Iwanowitsch

stellte neue Lehrer mit neuen Anschauungen und neuen Grundsätzen an. Sie

ließen ein wahres Hagelwetter von neuen Worten und Termini auf die

Schüler niedergehen; sie vernachlässigten in ihrer Darstellung

keineswegs die logischen Zusammenhänge, sie berücksichtigten die neueren

Fortschritte der Wissenschaft und Technik, es fehlte ihnen nicht an

Feuer und wahrhafter Begeisterung -- aber ach bei alledem fehlte es doch

ihrer Wissenschaft an dem rechten Leben! Ihre tote Wissenschaft erhielt

in ihrem Munde etwas Starres und noch Totenähnlicheres. Mit einem Wort,

es ging alles drunter und drüber. Die Achtung vor der Schulobrigkeit und

Autorität ging ganz verloren, man lachte und spottete über die Lehrer,

nannte den Direktor Fritze, Pauker und wie die schönen Namen sonst noch

heißen. Es schlichen sich Laster ein, die durchaus nicht mehr unschuldig

waren, ja die Schüler machten raffinierte Streiche, daß man sich

genötigt sah viele von ihnen ganz auszuschließen. In zwei Jahren war die

Schule kaum noch wiederzuerkennen.

Andrei Iwanowitsch hatte einen stillen und sanften Charakter. Er fand

kein Gefallen an den nächtlichen Orgien seiner Kameraden, die vor dem

Fenster der Wohnung ihres Direktors ganz ungeniert ein Dämchen

einquartiert hatten, auch machte er ihre schlechten Streiche und frechen

Reden über die Religion nicht mit, zu denen sie sich nur deshalb

verstiegen, weil sie zufällig einen recht dummen Popen zum Lehrer

hatten. Nein, seine Seele ahnte selbst durch den Traum hindurch ihren

göttlichen Ursprung. Es gelang ihnen nicht, ihn zu verführen, aber er

ließ sehr bald die Nase hängen. Sein Ehrgeiz war schon erwacht, aber es

gab leider kein Feld, auf dem er ihn hatte betätigen können. Es wäre

besser gewesen, wenn dieser Ehrgeiz überhaupt nicht geweckt worden wäre.

Andrei Iwanowitsch hörte wie sich die Professoren auf dem Katheder

ereiferten und mußte dabei stets an seinen früheren Lehrer denken, der,

auch ohne sich aufzuregen, immer klar und verständig blieb. Was hörte er

nicht alles für Gegenstände und Fächer! Philosophie, Medizin, sogar

Jurisprudenz, allgemeine Weltgeschichte und zwar in einem solchen

Umfange, daß der Professor in ganzen drei Jahren kaum über die

Einleitung und über die Entstehung gewisser deutscher Städte hinauskam

-- und Gott weiß was er nicht noch alles hörte, aber dies alles blieb in

seinem Kopfe wie ein Haufe von formlosen Stücken liegen -- dank seinem

angeborenen Verstande fühlte er nur, daß dies nicht die richtige

Unterrichtsmethode sein könne, worin aber nun die rechte bestand -- dies

wußte er selbst nicht. Und oft noch mußte er an Alexander Petrowitsch

denken, und dann wurde ihm so schwer ums Herz, daß er nicht wußte, wo er

sich vor Schmerz lassen sollte.

Aber das eben ist das Glück der Jugend, daß sie noch eine Zukunft hat.

Je näher die Zeit heranrückte, wo seine Lehrzeit ein Ende nehmen sollte,

um so lebhafter schlug das Herz in seiner Brust. Er sprach zu sich

selbst: »Das alles ist ja noch nicht das Leben, das wahre Leben fängt

erst mit dem Staatsdienst an, da beginnt die Zeit der großen Taten.« Und

ohne einen Blick auf den herrlichen Winkel zu werfen, der alle Gäste und

Besucher in Staunen und Entzücken versetzte, ohne dem Grabe seiner

Eltern einen Besuch abgestattet zu haben, eilte er wie alle ehrgeizigen

Menschen nach Petersburg, das Ziel aller feurigen jungen Leute, die aus

allen Gegenden Rußlands hierher zusammenströmen, um in den Staatsdienst

zu treten, um zu glänzen, Karriere zu machen oder auch nur ganz

oberflächlich von unserer eiskalten, farblosen, trügerischen

gesellschaftlichen Bildung zu nippen. Allein Andrei Iwanowitsch sah sich

in seinem ehrgeizigen Streben sehr bald gehemmt und abgekühlt durch

seinen Onkel den wirklichen Staatsrat Onufrij Iwanowitsch. Dieser

erklärte kategorisch, die Hauptsache, auf die alles ankomme, sei eine

gute Handschrift; alles Übrige sei unrichtig; ohne diese jedoch könne er

es unmöglich bis zum Minister oder einer höheren Staatsstellung bringen.

Nur mit großer Müh und durch die hohe Protektion seines Onkels gelang es

ihm endlich, sich eine kleine Stellung in einem untergeordneten

Departement zu verschaffen. Als er den prachtvollen hell erleuchteten

Saal mit dem glänzenden Parkett und all den lackierten Tischen betrat,

da hatte er den Eindruck, als säßen hier die ersten Würdenträger des

Reiches, die über das Schicksal des ganzen Landes zu entscheiden hätten,

und als er dann die Legionen schöner Herren erblickte, die den Kopf auf

die Schulter gebeugt, dasaßen und laut mit den Federn kritzelten, und

wie er nun aufgefordert wurde, hinter einem Tische Platz zu nehmen und

ein Aktenstück abzuschreiben (es hatte wie mit Absicht einen ganz

unbedeutenden Inhalt; handelte es sich doch um drei Rubel, wegen der

schon ein halbes Jahr lang hin- und hergeschrieben wurde) da überlief

den unerfahrenen Jüngling ein ganz merkwürdiges Gefühl. Die um ihn

herumsitzenden Herren erinnerten ihn lebhaft an kleine Schuljungen! Zur

Vervollständigung der Ähnlichkeit waren noch einige von ihnen in die

Lektüre eines dummen Romans, eine Übersetzung aus einer fremden Sprache

vertieft; sie hielten ihn zwischen den Blättern des Aktenstückes

versteckt, suchten sich den Anschein zu geben, als seien sie mit der

Durchsicht der Akten beschäftigt und fuhren jedesmal zusammen, wenn der

Vorgesetzte in der Türe erschien. Dies alles kam ihm so seltsam vor und

er konnte das Gefühl nicht los werden, daß seine frühere Tätigkeit

unendlich viel bedeutender und die Vorbereitung zum Staatsdienst weit

schöner gewesen war, als der Staatsdienst selbst. Er sehnte sich wieder

in seine Schulzeit zurück. Plötzlich stand Alexander Petrowitsch wie

lebendig vor seinem geistigen Blick -- und er konnte nur mit Mühe seine

Tränen unterdrücken.

Das ganze Zimmer begann sich zu drehen. Die Tische und die Beamten

wirbelten durcheinander und fast wäre er in dieser plötzlichen

Umnachtung zu Boden gesunken. »Nein,« sagte er, als er wieder zu sich

kam, leise zu sich selber, »ich will dennoch ans Werk gehen, so

kleinlich es mir auch erscheint.« Nachdem er sich so selbst ermutigt

hatte, beschloß er, seinen Dienst ruhig weiter zu versehen, wie alle

andern.

Wo ist die Welt ganz freudenleer? Auch Petersburg bietet trotz seines

rauhen, finstern Äußeren mancherlei Genüsse. Draußen herrscht eine

fürchterliche Kälte von dreiunddreißig Grad; wie ein entfesselter böser

Geist jagt heulend die Schneesturmhexe, dies Kind des Nordens, durch die

Luft, wütend fegt sie den Schnee über das Straßenpflaster, klebt den

Leuten die Augen zusammen, und bestreut die Pelz- und Mantelkragen, die

Schnurrbärte der Menschen und die Schnauzen der Tiere mit weißem Puder;

aber anheimelnd blinkt zwischen den durcheinanderwirbelnden

Schneeflocken hindurch irgendwo hoch oben im vierten Stock ein

freundlich erleuchtetes Fenster; in einem gemütlichen Zimmer beim Lichte

bescheidener Stearinkerzen und beim traulichen Gesumm der Teemaschine

werden hier Herz und Seele erwärmende Gedanken ausgetauscht, erklingt

manch herrliches, begeistertes Poetenwort, mit dem Gott sein liebes

Rußland so reichlich beschenkte, und in erhabener Glut erbebt manch

Jünglingsherz wie nirgends sonst, nicht einmal unter dem schwellenden

Himmel des Südens.

Tentennikow gewöhnte sich bald an den Dienst, aber die berufliche

Tätigkeit wurde ihm nicht zum eigentlichen Ziel und Selbstzweck, wie er

zuerst geglaubt hatte, sondern sie rückte gewissermaßen an die zweite

Stelle. Sie diente ihm dazu, seine Zeit besser einzuteilen, und lehrte

ihn die wenigen freien Augenblicke, die ihm übrig blieben, erst recht

schätzen. Sein Onkel der wirkliche Staatsrat fing schon an zu glauben,

daß aus dem Neffen noch etwas Rechtes werden könne, als dieser plötzlich

einen ganz dummen Streich machte. Hier müssen wir einflechten, daß sich

unter den vielen Freunden Andrei Iwanowitschs zwei junge Leute befanden,

die zur Klasse der sogenannten »verbitterten« Menschen gehörten. Das

waren zwei von jenen seltsamen und unruhigen Charakteren, die nicht nur

keine _Ungerechtigkeit_ geduldig zu ertragen vermögen, sondern nicht

einmal das, was ihnen wie eine Ungerechtigkeit erscheint. Von Natur

gutmütig, aber unklug und systemlos in ihren Handlungen, verlangen sie

von andern Leuten alle nur möglichen Rücksichten, während sie selbst

äußerst intolerant gegen andre Menschen sind. Ihre feurige Rede und die

äußerlich zur Schau getragene edle Entrüstung gegen die Gesellschaft

machten einen starken Eindruck auf Tentennikow. Im Umgang mit ihnen

schärften sich seine Nerven und erwachte in ihm eine gewisse

Empfindlichkeit und Reizbarkeit. Er lernte von ihnen, all jene

Kleinigkeiten zu bemerken, die er früher kaum beachtet hatte. Fjodor

Nikolajewitsch Lenitzyn, der Chef einer der Abteilungen, die sich in

jenem prachtvollen Saal befanden, erregte plötzlich sein Mißfallen. Es

schien ihm, daß sich Lenitzyn ganz und gar in ein Stück Zucker

verwandelte und sein Gesicht zu einem widerlich süßen Lächeln verzog,

wenn er mit Leuten sprach, die über ihm standen, dagegen sofort eine

essigsaure Miene machte, wenn er sich an seine Untergebenen wandte; daß

er sich nach Art aller kleinlichen Menschen alle die merkte, die an den

großen Festtagen nicht zu ihm kamen, um zu gratulieren und es denen

nicht vergessen konnte, deren Namen er nicht auf der beim Portier

ausliegenden Liste fand. Infolgedessen faßte er eine unüberwindliche,

beinahe physische Antipathie gegen ihn. Es war fast so, als stachele und

reize ihn beständig ein böser Geist, Fjodor Fjodorowitsch eine

Unannehmlichkeit zu bereiten. Mit einer geheimen Freude suchte er nach

einer passenden Gelegenheit und sie fand sich sehr bald. Einmal wurde er

so grob gegen ihn, daß ihm von der vorgesetzten Behörde bedeutet wurde,

-- er müsse den Chef um Verzeihung bitten oder um seinen Abschied

einkommen. Er nahm seinen Abschied. Sein Onkel, der wirkliche Staatsrat,

kam ganz erschrocken zu ihm gelaufen und flehte ihn an: »Um

Gotteswillen, Andrei Iwanowitsch! Ich bitte dich! Was machst du? Deine

ganze, so glücklich begonnene Karriere aufs Spiel zu setzen, bloß weil

du einen Vorgesetzten bekommen hast, der dir nicht gefällt! Was soll das

nur bedeuten? Wenn jeder es so machen wollte, dann bliebe doch überhaupt

keiner mehr im Amte. Komm zu dir, sei vernünftig ... Überwinde deinen

falschen Stolz und deine Eitelkeit, fahre zu ihm hin und sprich dich mit

ihm aus!«

»Es handelt sich hier doch gar nicht _darum_, lieber Onkel,« sagte der

Neffe. »Es wird mir ja garnicht schwer, ihn um Verzeihung zu bitten. Ich

bin wirklich schuld: er ist mein Vorgesetzter, und ich hätte nicht so

mit ihm reden dürfen. Aber die Sache ist die: für mich gibt es noch

einen andern Dienst und eine andre Aufgabe: ich habe dreihundert Bauern,

mein Gut liegt darnieder, und mein Verwalter ist ein Narr. Der Staat

wird nicht sehr viel verlieren, wenn ein anderer meinen Platz im Bureau

einnehmen und meine Akten abschreiben wird, aber er verliert sehr viel,

wenn dreihundert Bauern ihre Steuern nicht bezahlen können. Bedenken

Sie, ich bin doch Gutsbesitzer: das ist kein Beruf, bei dem man müßig

dasitzen könnte. Wenn ich für die Erhaltung, für die Hebung der Lage der

mir anvertrauten Menschen sorge und dem Staate dreihundert tüchtige,

nüchterne und fleißige Untertanen auf die Beine stelle, -- habe ich

damit etwa weniger getan, als irgend ein Departementschef Lenitzyn?«

Der wirkliche Staatsrat sperrte vor Verwunderung den Mund weit auf;

einen solchen Redeerguß hatte er nicht erwartet. Er dachte etwas nach

und begann dann etwa folgendermaßen: »Aber trotzdem ... nein, was denkst

du nur? Du kannst dich doch nicht auf dem Lande vergraben? Die Bauern

sind doch kein Umgang für dich! Hier ist's doch anders, da begegnet man

doch hin und wieder einmal einem General oder einem Fürsten. Und wenn du

Lust hast, kannst du auch an irgend einem schönen öffentlichen Gebäude

vorübergehen. Hier gibt es doch Gasbeleuchtung und europäische

Industrie, dagegen dort! da siehst du doch nichts wie Bauern und

Bauernweiber. Warum willst du dich unter so ungebildete Menschen

begeben?«

Aber diese so überzeugenden Einwände und Vorstellungen des Onkels

machten keinen rechten Eindruck auf den Neffen. Das Land erschien ihm

als ein Hort der Freiheit, als Nährmutter schöner Träume und Gedanken,

als das einzige Feld einer nützlichen Tätigkeit. Er hatte sich schon die

allerneuesten Werke über Landwirtschaft besorgt. Mit einem Wort, zwei

Wochen nach dieser Unterhaltung befand er sich schon in der Nähe jener

Plätze, wo er seine Jugend verlebt hatte, und jenes lieblichen Winkels,

der jeden Gast und Besucher so in Begeisterung versetzte. Ein ganz neues

Gefühl bemächtigte sich seiner. Alte längst verblaßte Eindrücke

erwachten in seiner Seele. Manche Plätze hatte er schon ganz vergessen,

und neugierig wie ein Neuling betrachtete er die herrlichen Gegenden, an

denen er vorüberkam. Und plötzlich begann sein Herz aus einem

unbekannten Grunde heftig zu schlagen. Doch als dann der Weg durch eine

enge Schlucht in das Dickicht eines gewaltigen Urwaldes führte und er

oben und unten, über und unter sich dreihundertjährige Eichenstämme, die

drei Menschen kaum zu umfassen vermochten, untermischt mit Tannen, Ulmen

und Schwarzpappeln erblickte, die noch höher waren als die gewöhnlichen

Pappeln und als er dann auf die Frage: »Wem gehört dieser Wald?« die

Antwort erhielt: »Tentennikow,« und wie dann der Weg den Wald verließ,

sich an Espenhainen, jungen und alten Weidenbäumen und Sträuchen, und an

den fernen Gebirgsketten vorüberzog und den Fluß zweimal auf Brücken

überschritt, ihn bald zur Rechten bald zur Linken lassend und als der

Reisende auf die Frage: »Wem gehören diese Wiesen und diese

überschwemmten Felder?« wiederum die Antwort erhielt: »Tentennikow,« und

als dann der Weg den Berg hinaufklomm und auf dem hohen Plateau weiter

fortlief, vorbei an Korngarben, Weizen, Roggen und Gerste und sich noch

einmal an all den Plätzen entlang zog, an denen man schon einmal

vorbeigekommen war und die nun plötzlich weit näher gerückt schienen,

und als der Weg immer dunkler wurde und in den Schatten breiter

weitverzweigter Bäume untertauchte, die dicht beieinander auf dem grünen

Rasenteppich standen, welcher sich bis zur Grenze des Dorfes hinzog; als

die mit Schnitzwerk verzierten Bauernhütten, die roten Dächer der

steinernen Gutsgebäude ihm freundlich entgegenschimmerten, als die

goldene Spitze des Kirchturms vor ihm aufblitzte und das feurig pochende

Herz ihm auch ohne zu fragen sagte, wo er sich jetzt befand, -- da

machten sich die immer höher schwellenden Gefühle in folgenden lauten

Worten Luft: »War ich nicht ein Narr bis auf den heutigen Tag. Das

Schicksal hatte mich zum Besitzer eines irdischen Paradieses ausersehen,

und ich verdammte mich selbst zu niederen Schreiberdiensten, machte mich

zum Knechte toter Buchstaben. Da habe ich nun viel gelernt, eine

sorgfältige Erziehung genossen, mich über die Dinge orientiert, mir

einen großen Schatz von Kenntnissen angeeignet, deren man zur Förderung

des Guten unter seinen Untergebenen, zur Hebung eines ganzen Gebietes,

zur gewissenhaften Erfüllung der zahlreichen Pflichten eines

Gutsbesitzers bedarf, der Verwalter, Richter und Ordnungswächter in

einer Person ist! Und da gehe ich hin und vertraue diesen Posten irgend

einem ungebildeten und unfähigen Inspektor an! Und wähle mir statt

dessen den Beruf eines Gerichtsschreibers und kümmere mich um die

Prozesse anderer Leute, die ich überhaupt noch nicht gesehen habe und

deren Wesen und Charakter ich nicht einmal kenne. Wie konnte ich nur

dies Papierregiment, diese phantastische Verwaltung von Provinzen, die

vielleicht tausend Werst von mir entfernt sind, die ich noch nie mit dem

Fuße betreten habe und wo ich einen ganzen Haufen von Dummheiten

anrichten kann -- der realen Verwaltung meiner eigenen Güter vorziehen?«

Unterdessen aber erwartete ihn ein andres Schauspiel. Die Bauern hatten

von der Ankunft ihres Herrn gehört und sich an der Freitreppe des

Herrenhauses versammelt. Bunte Tücher, Gürtel, Hauben, Bauernkittel und

die mächtigen malerischen Bärte dieses schönen Menschenschlages drängten

sich um ihn. Und als dann aus hundert Kehlen der Ruf ertönte:

»Väterchen! Hast du dich endlich unser erinnert!« und den alten Leuten,

die noch seinen Großvater und Urgroßvater gekannt hatten unwillkürlich

die Tränen in die Augen traten, da konnte auch er seine Rührung nicht

unterdrücken. Und er mußte sich insgeheim fragen: »So viel Liebe! Womit

habe ich sie nur verdient?« -- »Wohl damit, daß ich sie nie gesehen,

mich nie um sie gekümmert habe!« Und er schwur sich, von nun an alle

Mühe und Arbeit mit ihnen zu teilen.

Und Tentennikow machte sich ganz ernstlich an die Verwaltung und

Bewirtschaftung seines Gutes. Er setzte den Erbzins herab, verringerte

die Fronarbeit und ließ den Bauern mehr Zeit für ihre eigenen Arbeiten.

Den dummen Verwalter jagte er davon und kümmerte sich selbst um alles.

Er erschien selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der

Getreidedarre, in den Mühlen und am Landungsplatz; und er war beim Laden

und bei der Abfertigung der Barken zugegen, sodaß die Trägen und Faulen

sich bereits hinter den Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht

lange.(5) Der Bauer ist nicht dumm, er begriff bald, daß der Herr zwar

flink und gewandt sei und wirklich Lust habe, was Tüchtiges zu leisten,

aber noch nicht recht wisse, wie er es anfangen solle; auch war seine

Ausdrucksweise gar zu kompliziert und zu gebildet. Schließlich kam es

soweit, daß sich Herr und Bauer -- es wäre zu viel gesagt -- garnicht

verstanden, aber doch nicht recht miteinander harmonierten und es nie

lernten, den gleichen Ton zu treffen.

Tentennikow bemerkte bald, daß auf dem herrschaftlichen Grund und Boden

alles bei weitem nicht so gut gedieh, wie auf dem des Bauern: das Korn

wurde früher ausgesät und ging später auf; und doch konnte man nicht

sagen, daß die Leute schlecht arbeiteten. Der Herr stand immer selbst

dabei und ließ den Bauern sogar einen Becher Branntwein reichen, wenn

sie sich besonders viel Mühe gaben. Trotzdem aber stand bei den Bauern

der Roggen schon längst in vollen Halmen, der Hafer reifte, die Hirse

schoß mächtig empor, bei ihm dagegen grünte das Korn noch kaum und die

Ähren waren kaum gefüllt. Mit einem Wort, der Herr merkte, daß ihn der

Bauer einfach hinterging trotz aller Erleichterungen und Wohltaten, die

er ihm angedeihen ließ. Er machte den Versuch, die Bauern zur Rede zu

stellen, da erhielt er aber folgende Antwort: »Wie können Sie nur

glauben, gnädiger Herr, daß wir nicht an den Nutzen und Vorteil der

Herrschaft denken. Sie haben doch selbst gesehen, wieviel Mühe wir uns

beim Pflügen und Säen gegeben haben! -- Sie haben uns doch sogar einen

Becher Branntwein geben lassen.« Was konnte er darauf antworten?

»Warum steht denn aber das Getreide so schlecht?« fragte der Herr

weiter.

»Gott weiß es! Der Wurm hat's wohl von unten angenagt! Und dann kommt

noch der schlechte Sommer dazu: es hat ja nicht ein einziges Mal

geregnet.«

Aber der Herr sah, daß der Wurm das Getreide der Bauern verschont hatte,

und es regnete auch so merkwürdig, sozusagen streifenweise, sodaß nur

der Bauer Vorteil davon hatte, während auch nicht ein Tropfen das

herrschaftliche Kornfeld traf.

Und noch schwerer wurde es ihm mit den Frauen auszukommen. In einem fort

bettelten sie um Befreiung von der Arbeit und klagten über die Lasten

des Frondienstes. Seltsam! Er verlangte überhaupt keine Lieferungen von

Leinwand, Beeren, Pilzen und Nüssen mehr von ihnen, erließ ihnen die

Hälfte aller andern Arbeiten, weil er glaubte, die Frauen würden die

freigewordene Zeit für ihre häuslichen Arbeiten verwenden, für die

Wäsche und Kleidung ihrer Männer sorgen und ihre Gemüsegärten

vergrößern. Welch ein Irrtum! Statt dessen griff der Müßiggang, das

Raufen, die Klatschsucht und allerhand Zänkereien derartig unter dem

schönen Geschlecht um sich, daß die Männer jeden Augenblick zum Herrn

gelaufen kamen und ihn baten: »Gnädiger Herr, bringen Sie diesen Satan

von einem Weibe zur Vernunft! Das ist ja der reinste Teufel. Mit der

kann kein Mensch auskommen!«

Mehrmals schon hatte er sich überwunden und seine Zuflucht zur Strenge

nehmen wollen. Aber wie konnte er es übers Herz bringen! Wie konnte er

streng sein, wenn so eine Frau daher kam und nach rechter Weiberart zu

heulen begann? Dazu sahen sie alle so krank und elend aus und waren in

so häßliche widerwärtige Tücher und Lappen gehüllt! (Woher sie sie bloß

nahmen -- das weiß Gott allein!) »Fort, geh mir aus den Augen, daß ich

dich nicht zu sehen brauche!« rief der arme Tentennikow und hatte gleich

darauf das Vergnügen zu sehen, wie das Weib aus dem Tore hinaustrat,

sich mit einer Nachbarin um irgend eine Rübe zu zanken begann und ihr

trotz ihrer Kränklichkeit so kräftig den Buckel volldrosch, wie es ein

gesunder Bauer nicht schöner fertiggebracht hätte.

Eine Zeitlang wollte er eine Schule für sie gründen, aber das gab eine

solch tolle Verwirrung, daß er ganz mutlos wurde, den Kopf hängen ließ,

und bedauerte überhaupt damit angefangen zu haben!

Bei seiner Tätigkeit als Schiedsrichter und Mittler merkte er

gleichfalls, daß sich mit all den juristischen Kniffen und Finessen

nicht viel anfangen ließ, auf die ihn seine philosophischen Professoren

gebracht hatten. Die eine Partei log, die andre schwindelte nicht

weniger und schließlich konnte nur der Teufel aus der Sache klug werden.

Und er erkannte, daß die schlichte Menschenkenntnis weit wertvoller war,

als alle juristischen Kniffe und philosophischen Bücher; -- er fühlte,

daß ihm noch etwas fehlte, was dies aber war, das wußte nur Gott allein.

Und es passierte etwas, was so oft zu passieren pflegt: weder verstand

der Herr den Bauern noch der Bauer den Herrn; und beide, sowohl der Herr

wie der Bauer schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Dies kühlte den

Eifer des Gutsbesitzers erheblich ab. Wenn er jetzt hinging, um die

Arbeiten zu beaufsichtigen, dann ließ er es fast ganz an der früheren

Aufmerksamkeit fehlen. Während der Heuernte achtete er nicht mehr auf

den leisen Ton der Sensen, er sah nicht, wie die Heuschober errichtet,

wie das Heu verladen wurde und bemerkte nicht, daß um ihn herum die

Erntearbeiten in vollem Gange waren. -- Seine Augen blickten in die

Ferne; befand er sich abseits von den Arbeiten, so suchte das Auge

irgend einen Gegenstand in der Nähe oder er blickte nach der Seite, wo

der Fluß eine Wendung machte, und wo ein Kerl mit roten Beinen und rotem

Schnabel auf und ab spazierte -- ich meine natürlich einen Vogel und

keinen Menschen; neugierig beobachtete er, wie der Vogel am Ufer einen

Fisch fing und ihn eine Zeitlang im Schnabel hielt, tiefsinnig

überlegte, ob er ihn verschlucken solle oder nicht, und aufmerksam den

Fluß hinabblickte, wo in der Ferne ein anderer ähnlicher Vogel zu sehen

war, der noch keinen Fisch gefangen hatte, aber aufmerksam nach dem

Vogel mit dem Fisch im Schnabel ausschaute. Oder er schloß die Augen,

richtete den Kopf in die Höhe zu dem blauen Himmelsraume empor, und ließ

seine Nase den Geruch der Felder einsaugen und die Ohren den Gesang des

gefiederten luftigen Sängervolkes auffangen, wenn sie sich allenthalben

im Himmel und auf der Erde zu einem wundersamen Chore vereinen, in dem

kein Mißklang die schöne Harmonie stört: im Roggen schlägt die Wachtel,

der Wiesenknarrer pfeift im Grase, die Hänflinge fliegen zwitschernd

herüber und hinüber, eine Schnepfe blökt während sie sich in die Luft

schwingt, die Lerchen trillern, sich hoch im blauen Himmelsraum

verlierend, und wie ein Trompetenton erklingt der Schrei der Kraniche,

die hoch oben in den Lüften ihre dreieckigen Flugreihen formieren. Die

ganze Umgegend tönt und klingt und gibt jeden Laut wundersam zurück ...

O Gott! Wie herrlich ist doch Deine Welt noch in der Wildnis, in dem

kleinsten Dörfchen, fern von den abscheulichen großen Landstraßen und

Städten! Aber auch dieses wurde ihm mit der Zeit langweilig. Bald hörte

er ganz auf, aufs Feld zu gehen, von nun ab hockte er beständig im

Zimmer und wollte nicht einmal mehr den Verwalter empfangen, wenn dieser

kam, um ihm seinen Bericht zu erstatten.

Früher sprach noch von Zeit zu Zeit ein Nachbar bei ihm vor; irgend ein

Husarenleutnant a. D., ein leidenschaftlicher Raucher, der ganz mit

Tabakqualm gesättigt war, oder ein radikaler Student, der seine Studien

nicht vollendet hatte und seine Weisheit aus allerhand modernen

Broschüren und Zeitungen schöpfte. Aber auch dies begann ihn zu

langweilen. Die Unterhaltungen dieser Leute kamen ihm bald recht

oberflächlich vor; ihr europäisch-sicheres und gewandtes Auftreten, die

Ungeniertheit, mit der sie ihm aufs Knie klopften, ihre Schmeicheleien

und Familiaritäten erschienen ihm gar zu unverhüllt und offen. Er

beschloß daher, den Verkehr mit ihnen abzubrechen und entledigte sich

ihrer in sehr schroffer Weise. Als nämlich ein Repräsentant jener Sorte

von Obersten und Lebemännern, die heute bereits im Aussterben begriffen

sind, ein überaus angenehmer Gesellschafter und Freund oberflächlicher

Unterhaltungen und zugleich der Vordermann und Vertreter jener neuen bei

uns eben erst aufkommenden Denkart, Warwar Nikolajewitsch

Wischnepokromow ihn einmal besuchte, um sich so recht von Herzen über

Politik, Philosophie, Literatur, Moral und sogar über die Finanzlage

Englands mit ihm auszusprechen, da schickte er seinen Diener hinaus und

ließ ihm sagen, er sei nicht zu Hause, wobei er zugleich die

Unvorsichtigkeit hatte, sich am Fenster zu zeigen. Die Blicke des

Hausherrn und des Gastes begegneten sich. Der eine murmelte natürlich

»so ein Schweinehund!« durch die Zähne, worauf ihm der andere

gleichfalls so etwas wie einen Schweinehund nachsandte. Damit endete

ihre Bekanntschaft. Seitdem besuchte ihn niemand mehr.

Er war eigentlich recht froh darüber und gab sich ganz dem Nachdenken

über sein großes Werk über Rußland hin. In welcher Weise dieses geschah

-- hat der Leser bereits gesehen. In seinem Hause bürgerte sich von

selbst eine merkwürdige -- liederliche Ordnung ein. Trotzdem kann man

nicht sagen, daß es keine Augenblicke gab, wo er nicht sozusagen aus

seinem Schlafe erwachte. Wenn die Post neue Zeitungen und Journale ins

Haus brachte und er beim Lesen auf den Namen eines alten Kameraden

stieß, der sich im Staatsdienste zu einer bedeutenden Stellung

emporgeschwungen hatte, oder sein Teil zum Fortschritt der

Wissenschaften und der Sache der ganzen Menschheit beigetragen hatte,

dann schlich sich ein stiller leiser Schmerz in sein Herz und eine

sanfte, stumme aber bittere Klage über sein tatenloses Leben entrang

sich seiner Seele. Dann erschien ihm sein ganzes Dasein ekelhaft und

häßlich. Mit ungewöhnlicher Klarheit erstand vor ihm die längst hinter

ihm liegende Zeit seiner Schuljahre, und das Bild von Alexander

Petrowitsch wurde plötzlich vor ihm lebendig, und Tränenbäche stürzten

ihm aus den Augen .....

Was bedeuteten diese Tränen? Offenbarte sich etwa in ihnen die tief

erschütterte Seele, das schmerzliche Geheimnis ihrer Leiden, des

Schmerzes über den großen und edlen Menschen, der in seinem Innern

schlummerte und der mitten im Wachstum stecken geblieben war, noch ehe

er vermocht hatte sich zu entwickeln und zu erstarken? Noch nicht

erprobt im Kampf mit der Mißgunst des Schicksals, hatte er noch jene

hohe Reife nicht erreicht, die ihn lehrte, sein eigenes Wesen zu erhöhen

und zu kräftigen in dem Ansturm gegen Hemmungen und Hindernisse;

dahingeschmolzen wie glühendes Metall war ein reicher Schatz großer

herrlicher Gefühle, ohne die letzte Stählung und Härtung erhalten zu

haben; allzu früh für ihn war der herrliche Lehrer gestorben, und nun

gab es auf der ganzen Welt keinen Menschen mehr, der fähig gewesen wäre,

die durch fortwährende Erschütterungen geschwächten Kräfte und den

jeglicher Widerstandskraft beraubten machtlosen Willen zu heben und zu

wecken, -- der ihn mit lebendigem Worte ermuntert -- der Seele ein

belebendes »Vorwärts« zugerufen hätte, ein Ruf, nach dem ein jeder

Russe, überall in jeder Lebenslage, ob hoch oder niedrig, in jedem Rang,

Beruf und Stande so lebhaft dürstet.

Wo ist der, der unserer russischen Seele in ihrer eigenen teuren

Muttersprache dieses allgewaltige Wort »Vorwärts« zuzurufen vermöchte?

Wer kennt so gut alle Kräfte und Fähigkeiten, die ganze Tiefe unseres

Wesens, daß er uns mit einem Zauberwink zum höchsten Leben fortreißen

könnte? Mit welchen Tränen, mit welcher Liebe würde es ihm der Russe

danken! Aber Jahrhunderte auf Jahrhunderte verrinnen; in schmachvoller

Trägheit und sinnloser Geschäftigkeit unreifer Jünglinge versinkt unser

Geschlecht, und nicht will uns Gott den Mann senden, der es verstünde,

dieses allgewaltige Wort zu sprechen!

Und doch hätte ein Ereignis Tentennikow beinahe aus seinem Schlaf

geweckt und eine völlig Umwälzung in seinem Charakter hervorgebracht. Es

war eine Art Liebesgeschichte, aber auch sie hatte keine weiteren

Folgen. In Tentennikows Nachbarschaft, etwa zehn Werst von seinem Gute

entfernt lebte ein General, der wie wir schon wissen nicht allzu

freundlich von Tentennikow sprach. Dieser General lebte wie ein echter

General d. h. wie ein großer Herr, machte ein offenes Haus und liebte

es, daß seine Nachbarn ihn besuchten und ihm ihre Aufwartung machten; er

selbst erwiderte natürlich die Besuche nicht, hatte eine rauhe heisere

Stimme, las viele Bücher und besaß eine Tochter, ein ganz seltsames,

ungewöhnliches Wesen. Sie hatte etwas so Lebensvolles, wie das Leben

selbst.

Ihr Name war Ulenka, sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Eine

englische Gouvernante hatte sie erzogen, die kein Wort russisch

verstand. Ihre Mutter war schon sehr früh gestorben und der Vater hatte

keine Zeit sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner

unsinnigen Liebe zu seiner Tochter gar nicht anders geschehen, als daß

er sie schrecklich verwöhnte. Bei ihr atmete alles Selbständigkeit und

Eigenart, wie bei einem Kinde, das in der Freiheit erzogen ward. Wenn

jemand gesehen hätte wie ein plötzlicher Zorn strenge Falten in die

herrliche Stirn grub, wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater

stritt dann hätte er wohl glauben können, sie sei das launischste

Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie von

einer Ungerechtigkeit oder Grausamkeit hörte, die einem andern

widerfahren war. Niemals zürnte oder stritt sie sich um ihrer selbst

willen und nie suchte sie sich zu rechtfertigen. Wie schnell aber

verschwand ihr Zorn, wenn sie den, dem sie zürnte, in Unglück und Elend

sah! Sie hätte jedem, der sie um ein Almosen bat, sofort ihren

Geldbeutel mit seinem ganzen Inhalt zugeworfen, ohne zu überlegen, ob

das auch vernünftig sei(6) oder nicht. Es war etwas Heftiges, Ungestümes

in ihr. Wenn sie sprach, dann schien alles dem Gedanken zu folgen, ja

ihm voranzueilen: der Ausdruck ihres Gesichtes, ihre Sprache, die

Bewegungen, ihre Hände; selbst die Falten ihres Kleides schienen

vorauszuflattern, und man konnte fast glauben, sie müsse selbst mit

ihren Worten davonfliegen. Sie hatte nichts Verschlossenes an sich, vor

keinem Menschen hätte sie sich gefürchtet, ihre geheimsten Gedanken zu

offenbaren, und keine Macht der Welt hätte sie zum Schweigen veranlassen

können, wenn sie reden wollte. Ihr entzückender Gang, ein Gang, wie nur

sie allein ihn hatte, war so frei und fest, daß jeder, der ihr

begegnete, unwillkürlich zur Seite trat und ihr den Weg freigab. In

ihrer Gegenwart überkam jeden bösen Menschen etwas wie Verlegenheit, und

er verstummte. Die Kecksten und Frechsten fanden keine Worte und

verloren ihre ganze Fassung und Sicherheit, während die Blöden sofort

ganz unbefangen mit ihr zu plaudern begannen wie mit keinem andern

Menschen auf der Welt und schon nach den ersten Worten schien es einem

solchen, als hätte er sie schon irgendwo und irgendwann kennen gelernt

und als hätte er diese selben Züge schon irgendwo gesehen: in seiner

frühesten Kindheit, an die er sich kaum noch erinnerte, im eigenen

Vaterhause, an einem glücklichen Abend, während fröhliche Kinderscharen

spielten und lärmten, und traurig erschien ihm noch lange nachher der

Ernst und die Reife des Mannesalters.

Tentennikow ging es mit ihr ganz ebenso wie allen andern Menschen. Ein

unerklärlich neues Gefühl bemächtigte sich seiner. Ein heller

Lichtstrahl erhellte einen Augenblick sein monotones und trauriges

Leben.

Der General nahm Tentennikow zuerst recht freundlich und herzlich auf,

eine rechte Harmonie aber wollte sich zwischen ihnen trotzdem nicht

herstellen. Jede Unterhaltung endigte mit einem Streit, der stets ein

unangenehmes Gefühl in beiden zurückließ; denn der General konnte keinen

Widerspruch und keine Gegenrede vertragen. Andererseits war auch

Tentennikow ein ziemlich empfindlicher junger Mann. Natürlich vergab er

dem Vater manches um seiner Tochter willen, und der Friede zwischen

beiden blieb so lange ungestört, bis eines schönen Tages zwei Verwandte

des Generals: eine Gräfin Boldyrew und eine Fürstin Jusjakow bei ihm zu

Besuch eintrafen: beide Hofdamen der alten Kaiserin, die aber doch noch

einige gute Verbindungen mit einflußreichen Personen in Petersburg

besaßen; der General bemühte sich lebhaft, ihre Zuneigung zu gewinnen.

Tentennikow kam es so vor, daß der General seit dem Tage ihrer Ankunft

etwas kälter gegen ihn wurde, ihn kaum noch beachtete und ihn wie eine

stumme Person behandelte. Er redete ihn oft von oben herab an; nannte

ihn »mein Bester« oder »Verehrtester« und sagte einmal sogar »du« zu

ihm. Andrei Iwanowitsch fuhr auf. Er biß die Zähne zusammen, wußte sich

aber unter ungeheurer Selbstüberwindung soviel Geistesgegenwart zu

bewahren, um ihm mit sehr sanfter und höflicher Stimme zu erwidern,

während alles in ihm kochte und rote Flecken auf seinem Gesichte

hervortraten: »Ich bin Ihnen für Ihre Güte großen Dank schuldig Herr

General. Mit diesem vertraulichen »du« bieten Sie mir ein enges

Freundschaftsbündnis an, und verpflichten mich, Sie gleichfalls »du« zu

nennen. Aber der Unterschied der Jahre macht einen so familiären Verkehr

zwischen uns vollkommen unmöglich!« Der General wurde verlegen. Er

suchte seine Gedanken zu sammeln und das rechte Wort zu finden;

schließlich erklärte er, das »du« sei von ihm durchaus nicht in dem

Sinne gemeint gewesen, in dem etwa alte Leute es sich erlauben, einen

jungen Menschen »du« anzureden. Von seinem Generalsrang sagte er kein

Wort.

Natürlich brachen beide nach diesem Vorfall jeglichen Verkehr

miteinander ab, und seine Liebe wurde im Keime erstickt. Das Licht

erlosch, das einen Moment vor ihm aufgeleuchtet war, und die nun

herabsinkende Dämmerung war noch finsterer und dunkler, als vordem. Sein

Leben kehrte wieder in die alten Bahnen zurück und nahm seine frühere

Gestalt an, die der Leser schon kennen gelernt hat. Und wiederum lag er

tagelang untätig da. Das Haus starrte vor Schmutz und Unordnung. Der

Besen steckte tagelang mitten im Zimmer in einem Haufen Schutt. Die

Unterhosen trieben sich sogar im Salon umher, auf dem eleganten Tisch

vor dem Sofa lagen ein Paar schmutzige Hosenträger, gleichsam als

Festgabe für den eintretenden Gast. Tentennikows ganzes Leben wurde so

armselig und schläfrig, daß nicht nur seine Diener aufhörten, ihn zu

achten, sondern selbst die Hühner ohne jeden Respekt nach ihm pickten.

Er konnte stundenlang mit der Feder in der Hand dasitzen und allerhand

Figuren auf ein vor ihm liegendes Blatt zeichnen: Brezel, Häuser,

Hütten, einen Bauernwagen, ein Dreigespann usw. Mitunter aber vergaß er

alles um sich her, und dann bewegte sich die Feder ganz von selbst über

das Papier ohne daß der Hausherr etwas davon wußte und formte ein

kleines Köpfchen mit feinen, scharfen Zügen, einem schnellen forschenden

Blick und einem leicht emporgekämmten Haarbüschel -- und staunend sah

der Zeichner, daß es das Abbild jenes Wesens war, dessen Porträt kein

Künstler hätte malen können. Und dann wurde ihm noch wehmütiger und

schmerzlicher ums Herz; er wollte nicht mehr glauben, daß es ein Glück

auf dieser Erde gibt, und darnach wurde er nur noch trauriger und

einsilbiger als vordem. So war die Stimmung Andrei Iwanowitsch

Tentennikows. Da bemerkte er plötzlich, als er sich eines Tages nach

seiner Gewohnheit ans Fenster setzte, um in den Hof hinabzusehen, und zu

seinem Erstaunen weder Grigorij noch Perfiljewna erblickte, daselbst

eine gewisse Unruhe und Bewegung.

Der junge Koch und die Aufwartefrau liefen hin um das Tor zu öffnen; es

tat sich auf, und ließ drei Pferde sehen, ganz wie man sie auf

Triumphbögen abgebildet findet: eine Schnauze rechts, eine links und

eine in der Mitte. Hoch über ihnen thronte ein Kutscher und ein

Bedienter in einem weiten Rock und mit einem Taschentuch um den Kopf.

Hinter diesen saß ein Herr in Mantel und Mütze, tief eingehüllt in ein

regenbogenfarbiges Plaid. Als die Equipage vor der Treppe hielt, zeigte

es sich, daß es nur eine leichte Kutsche auf Federn war. Der Herr, der

ein ungewöhnlich anständiges Äußeres hatte, sprang beinahe mit der

Schnelligkeit und Gewandtheit eines Militärs aus dem Wagen und eilte die

Treppe hinauf.

Andrei Iwanowitsch bekam Angst. Er hielt den Ankömmling für einen

Regierungsbeamten. Hier muß ich nachholen, daß er in seiner Jugend in

eine dumme Geschichte verwickelt gewesen war. Ein paar philosophierende

Husarenoffiziere, die eine Menge moderner Broschüren gelesen hatten, ein

Ästhet, der die Universität nicht beendigt hatte, und ein

heruntergekommener Spieler wollten eine Wohltätigkeitsgesellschaft

gründen unter der Oberleitung eines Freimaurers, eines alten Gauners,

der gleichfalls dem Kartenspiel ergeben, aber ein sehr redegewandter

Herr war. Die Gesellschaft hatte sich ein außerordentlich hohes Ziel

gesteckt: nämlich die ganze Menschheit von den Ufern der Themse bis

Kamtschatka, dauernd zu beglücken. Dazu bedurfte man jedoch einer

ungewöhnlich großen Kasse, und die Geldspenden, die den großmütigen

Mitgliedern abgenommen wurden, waren unerhört groß. Wo das Geld hinkam,

das wußte freilich niemand außer dem ersten Vorsitzenden, der die

Oberleitung in den Händen hatte. Tentennikow wurde durch zwei Freunde in

diese Gesellschaft eingeführt; das waren zwei von jenen verbitterten

Menschen, die von Natur gutmütig, sich durch die vielen Toaste auf die

Wissenschaft, die Aufklärung und ihre künftigen Heldentaten im Dienste

der Menschheit dem Trunk ergeben hatten und zu berufsmäßigen Säufern

geworden waren. Tentennikow besann sich noch zur rechten Zeit, und trat

aus dieser Gesellschaft aus. Aber die Gesellschaft hatte sich schon in

gewisse andre Operationen eingelassen, mit denen sich ein Edelmann

eigentlich nicht abgeben sollte, die aber bald darauf zu unangenehmen

Folgen und sogar zu Konflikten mit der Polizei führten ... Es ist daher

kein Wunder, daß Tentennikow auch nach seinem Austritt und nachdem er

alle Beziehungen zu diesen Leuten abgebrochen hatte, seine Ruhe nicht

ganz wiederfinden konnte: sein Gewissen war nicht vollkommen rein. Und

daher sah er jetzt nicht ohne Schrecken auf die Türe, die sich gleich

öffnen mußte.

Aber seine Angst verflog sofort, als der Gast mit einer schier

unglaublichen Gewandtheit seine Verbeugung machte, wobei er zum Zeichen

der Achtung seinen Kopf etwas zur Seite geneigt hielt. In kurzen aber

bestimmten Worten erklärte dieser, daß er schon seit längerer Zeit teils

in Geschäften, teils aus Wißbegierde Rußland bereise: unser Land sei

sehr reich an merkwürdigen Dingen, ganz abgesehen von dem Überfluß an

Erwerbsmöglichkeiten und den großen Unterschieden in der

Bodenbeschaffenheit; er sei entzückt von der reizenden Lage des Gutes,

hätte es aber trotz dieser entzückenden Lage doch niemals gewagt, den

Gutsherrn durch seinen ungelegenen Besuch zu belästigen, wenn nicht

seiner Kutsche infolge der Überschwemmungen dieses Frühjahrs und der

schlechten Wege plötzlich ein Unfall zugestoßen wäre; die Reparatur

werde nämlich die Meisterhand geübter Schmiedekünstler erfordern. Bei

alledem aber hätte er es sich, auch wenn mit seiner Kutsche gar nichts

passiert wäre, dennoch nicht versagen können, ihm persönlich seine

Aufwartung zu machen.

Als der Gast seine Rede beendigt hatte, machte er mit geradezu

bezaubernder Liebenswürdigkeit einen Kratzfuß und ließ dabei seine

eleganten Lackstiefel mit den reizenden Perlmutterknöpfen sehen, um

gleich darauf, trotz seiner Körperfülle, mit der Elastizität eines

Gummiballes ein paar Schritte zurückzuspringen.

Andrei Iwanowitsch hatte sich schon längst beruhigt; er nahm an, das

müsse irgend ein wißbegieriger Gelehrter oder Professor sein, der

Rußland bereist, um Pflanzen oder vielleicht sogar seltene Fossilien zu

sammeln. Er erklärte sogleich seine Bereitwilligkeit, ihm in allen

Dingen behilflich zu sein; bot ihm seine Wagenbauer und Schmiede für die

Reparatur der Kutsche an, bat ihn, sich's bei ihm so bequem zu machen,

wie in seinem eigenen Hause, ließ den Gast in einem großen Lehnsessel

_à la Voltaire_ Platz nehmen, und schickte sich an, seine

Erzählung anzuhören, die sicherlich von allerhand gelehrten

naturwissenschaftlichen Gegenständen handeln würde.

Allein der Gast brachte die Rede mehr auf einige Gegenstände des inneren

Lebens. Er verglich sein Leben mit einem Schiff, das auf hoher See von

heillosen Stürmen und Winden dahingetrieben werde; erwähnte wie oft er

schon Amt und Beruf habe wechseln müssen, wieviel er für die Wahrheit

gelitten habe und wie er infolge der Nachstellungen seiner Feinde schon

oft in Lebensgefahr geschwebt habe, und noch vielerlei andres, woraus

Tentennikow ersehen konnte, daß sein Gast eher ein Mann der Praxis sei.

Zum Schluß führte er sein weißes Batisttaschentuch an die Nase und

schneuzte sich so laut, wie Andrei Iwanowitsch es noch niemals gehört

hatte. Mitunter begegnet man wohl in einem Orchester einer solchen

vertrackten Trompete; wenn die einmal einen Ton von sich gibt, dann

scheint es einem, als habe es nicht im Orchester, sondern im eigenen

Ohre gekracht. Ein ähnlicher Laut erdröhnte jetzt durch die plötzlich

erwachten Gemächer des in ewigen Schlaf versunkenen Hauses, und gleich

darauf erfüllte die Luft ein intensiver Geruch nach Kölnischem Wasser,

der sich durch ein leichtes Schütteln des Batisttaschentuches unsichtbar

im Zimmer verbreitete.

Der Leser hat vielleicht schon erraten, daß der Gast kein andrer war,

als unser verehrter, von uns so lange vernachlässigter Pawel Iwanowitsch

Tschitschikow. Er war etwas älter geworden: diese Zeit war an ihm

offenbar nicht ohne Stürme und Sorgen vorübergegangen. Selbst der Frack,

in dem er stets zu erscheinen pflegte, schien etwas abgetragen zu sein;

auch Kutscher und Equipage, der Diener, die Pferde und das Geschirr

sahen ein wenig verbraucht und verschlissen aus. Auch seine Finanzlage

schien nicht allzu glänzend zu sein. Aber der Ausdruck seines Gesichts,

und der feine Anstand seines Auftretens waren noch ganz dieselben wie

früher. Ja sein Benehmen und seine Formen waren eher noch etwas

liebenswürdiger geworden, und er legte die Füße noch gewandter

übereinander, wenn er im Lehnstuhle Platz nahm. Seine Aussprache war

fast noch weicher, in seinen Worten und Redewendungen lag beinahe _noch_

mehr Vorsicht und Mäßigung, in seiner Haltung noch mehr Klugheit und

Sicherheit, und fast noch mehr Takt in seinem ganzen Betragen. Sein

Kragen und sein Vorhemd waren weißer und glänzender als Schnee, und

obwohl er auf Reisen war, klebte auch nicht ein Federchen an seinem

Frack: er hätte sofort eine Einladung zu einem Geburtstagsdiner annehmen

können. Kinn und Backen waren so glatt rasiert, daß nur ein Blinder über

die angenehme Fülle und Rundung nicht in Entzücken geraten konnte.

Im Hause ging sofort eine gewaltige Umwälzung vor sich, die eine Hälfte,

die bislang stets in Dunkel und Finsternis gelegen hatte, weil die Laden

geschlossen und zugenagelt waren, erstrahlte plötzlich in blendender

Helligkeit. In den schön erleuchteten Zimmern wurden die Möbel

umgestellt, und bald nahm alles folgendes Aussehen an: das Zimmer,

welches zum Schlafgemach ausersehen war, wurde mit allen zur

Nachttoilette nötigen Gegenständen ausgerüstet, die Stube die als

Arbeitszimmer dienen sollte ... doch halt, zuerst müssen wir wissen, daß

in diesem Zimmer drei Tische standen: ein Schreibtisch vor dem Sofa, ein

Spieltisch vor dem Spiegel zwischen den Fenstern und ein dritter

Ecktisch in einer Zimmerecke, zwischen der Schlafzimmertüre und der in

den unbewohnten anstoßenden Salon führenden Türe, in dem zerbrochene

Möbel standen. Dieser Saal diente bis jetzt als Vorzimmer und war etwa

ein Jahr lang von niemandem betreten worden. Auf diesem Ecktische fand

die Garderobe ihren Platz, die der Reisende in seinem Koffer mitgebracht

hatte und zwar: ein Paar zu dem bekannten Frack gehörige Beinkleider,

ein Paar _neue_ Beinkleider, ein Paar _graue_ Beinkleider, zwei

Sammetwesten, zwei Atlaswesten und ein Gehrock. Dies alles wurde

übereinander, in Form einer Pyramide aufgeschichtet, und ein seidenes

Taschentuch über das Ganze gebreitet. In der andern Ecke zwischen Tür

und Fenster wurden in langer Reihe die Stiefel aufgestellt: ein Paar

_nicht mehr ganz_ neue, ein Paar _ganz_ neue, ein Paar Lackschuhe und

ein Paar Morgenschuhe. Auch sie wurden ebenso schamhaft mit einem

seidenen Taschentuch zugedeckt -- ganz als ob sie überhaupt nicht

vorhanden wären. Auf dem Schreibtisch wurden sofort folgende Gegenstände

in schönster Ordnung gruppiert: die Schatulle, eine Flasche mit

Kölnischem Wasser, ein Kalender und zwei Romane, von beiden jedoch nur

der zweite Band. Die reine Wäsche wurde in der Kommode untergebracht,

die sich schon vorher im Schlafzimmer befand; die Wäsche hingegen, die

zur Wäscherin geschafft werden sollte, wurde zu einem Bündel

zusammengebunden und unter das Bett geschoben. Auch der Koffer wurde,

nachdem er ausgeräumt war, unters Bett gestellt. Der Säbel, der

unterwegs immer mitgenommen wurde, um den Räubern und Dieben Schrecken

einzujagen, wurde auch im Schlafzimmer untergebracht und an einem Nagel

in der Nähe des Bettes aufgehängt. Alles nahm das Aussehen höchster

Sauberkeit und einer ganz ungewöhnlichen Ordnungsliebe an. Nirgends war

ein Papierschnitzel, ein Federchen oder ein Stäubchen zu entdecken.

Selbst die Luft schien gleichsam feiner und besser geworden zu sein: in

ihr verbreitete sich der angenehme Geruch einer frischen gesunden

Mannsperson, die ihre Wäsche nicht zu lange trägt, regelmäßig baden geht

und sich Sonntags mit einem nassen Schwamm abwäscht. In dem Saal, der

als Vorzimmer diente, schien sich eine Zeitlang der Geruch des Dieners

Petruschka festsetzen zu wollen, aber Petruschka wurde bald ausquartiert

und, wie es sich gehörte, in der Küche untergebracht.

In den ersten Tagen fürchtete Andrei Iwanowitsch ein wenig für seine

Unabhängigkeit; er hatte einige Sorge, der Gast könne ihn belästigen,

unliebsame Änderungen in seiner Lebensweise einführen, und die von ihm

mit soviel Glück aufgestellte Tageseinteilung stören, allein seine

Besorgnisse waren unbegründet. Unser Freund Pawel Iwanowitsch legte eine

ganz außerordentliche Elastizität und Fähigkeit an den Tag, sich an

alles anzupassen. Er sprach sich beifällig über die philosophische

Langsamkeit seines Wirtes aus und erklärte, sie verheiße ein langes

Leben. Über sein Einsiedlertum äußerte er sich sehr treffend, es nähre

in dem Menschen die großen Gedanken. Er warf auch einen Blick auf die

Bibliothek, sprach sehr lobend über die Bücher im allgemeinen und

bemerkte, sie bewahrten den Menschen vor dem Müßiggang. Er ließ nur sehr

wenige Worte fallen, aber alles, was er sagte war ernst und bedeutend.

In allem, was er tat, aber erwies er sich fast noch liebenswürdiger und

taktvoller. Er kam und ging immer zur rechten Zeit, plagte den Wirt

nicht mit Fragen und Wünschen, wenn dieser einsilbig und nicht zur

Unterhaltung geneigt war; spielte mit Vergnügen eine Partie Schach mit

ihm, und schwieg gleichfalls mit Vergnügen. Während der eine den

Tabakrauch in krausen Wolken in die Luft blies, suchte sich der andre,

da er keine Pfeife rauchte, eine ähnliche Beschäftigung: so holte er zum

Beispiel seine Tabaksdose aus schwarzem Silber aus der Tasche, nahm sie

zwischen zwei Finger seiner linken Hand, und drehte sie mit einem Finger

der rechten rasch um den der linken, ganz so, wie die Erdkugel sich um

ihre eigene Achse dreht, oder er trommelte mit dem Finger auf dem Deckel

herum und pfiff eine Melodie dazu. Mit einem Wort, er störte seinen Wirt

nicht im mindesten. »Zum erstenmal im Leben sehe ich einen Menschen, mit

dem sich's leben läßt!« sagte Tentennikow zu sich selbst, »diese Kunst

ist bei uns im allgemeinen recht wenig verbreitet. Unter uns gibt es

mancherlei Leute: kluge, gebildete und auch wirklich gute Menschen, aber

Menschen von immer gleichmäßigem Charakter, Menschen, mit denen man ein

Jahrhundert lang zusammen leben könnte, ohne sich zu zanken -- solche

Menschen kenne ich nicht. Wieviel solche Leute gibt's denn bei uns

überhaupt? Dies ist der erste Mensch dieser Art, den ich kennen lerne.«

So urteilte Tentennikow über seinen Gast.

Tschitschikow war seinerseits gleichfalls sehr froh, daß er eine

Zeitlang bei einem so ruhigen und friedlichen Herrn wohnen durfte. Das

Zigeunerleben hatte er gründlich satt bekommen. Sich einmal einen Monat

lang ordentlich ausruhen, den Anblick des herrlichen Gutes, den Duft der

Felder und des beginnenden Frühlings so recht von Herzen genießen zu

können, das war sogar mit Rücksicht auf die Hämorrhoiden von großem

Nutzen und Vorteil.

Man hätte nicht leicht einen schöneren Winkel zu seiner Erholung finden

können. Der Frühling, dessen Sieg durch starke Fröste aufgehalten worden

war, entfaltete sich plötzlich in seiner ganzen Pracht, und überall

sproßte junges Leben. Wälder und Wiesen schimmerten bläulich, aus dem

frischen Smaragd des ersten Grünes leuchtete hell das Gelb der Kuhblume

hervor, und die rötlich-violette Anemone neigte sanft ihr zartes

Köpfchen. Schwärme von Mücken und Scharen von Insekten zeigten sich über

den Sümpfen, verfolgt von der langbeinigen Wasserspinne, und von allen

Seiten flüchteten die Vögel in das trockene, schützende Schilfrohr. Hier

strömte alles zusammen, um einander zu sehen und sich näher kennen zu

lernen. Plötzlich bevölkerte sich die Erde, die Wälder erwachten, in den

Wiesen wurde es lebendig und laut. In den Dörfern schlang sich der

Reigen. Wieviel Raum gab es hier, um sich im Freien zu ergehen. Wie hell

leuchtete das Grün! Wie frisch war die Luft! Wieviel Vogelsang in den

Gärten! Paradiesisches Jauchzen und Jubeln des Alls! Das Dorf tönte und

sang, wie bei einem Hochzeitsfest!

Tschitschikow ging viel spazieren. Zu Wanderungen und Spaziergängen bot

sich die reichste Gelegenheit. Bald erging er sich auf dem flachen

Hochplateau, wo sich die Aussicht auf die unten liegenden Täler, mit den

großen Seen auftat, welche die über die Ufer getretenen Flüsse

zurückgelassen hatten, und aus denen ganze Inseln von dunklen noch

unbelaubten Wäldern hervorragten; oder er schritt mitten durch das

Dickicht dunkler Wälder, und finsterer Gründe, wo die Bäume mit

Vogelnestern geschmückt, dicht beisammen standen und die Raben krächzend

durcheinander flogen, und gleich einer Wolke den Himmel verfinsterten.

Über trockeneres Erdreich konnte man bis zum Landungsplatz wandern, wo

die ersten Barken, mit Erbsen, Gerste und Weizen beladen in die See

stachen, und wo sich das Wasser mit ohrenbetäubendem Getöse auf das

Mühlrad stürzte, das sich langsam in Bewegung zu setzen begann. Oder er

ging hin, um sich die ersten Frühjahrsarbeiten anzusehen, und zu

beobachten, wie sich ein Stück frisch gepflügtes Ackerland mitten durch

das Grün der Felder zog und der Sämann mit der Hand auf das Sieb

trommelnd, welches ihm auf der Brust hing, gleichmäßig den Samen

ausstreute, ohne auch nur ein Körnchen auf der einen oder andern Seite

zu verschütten.

Tschitschikow besuchte jedes Fleckchen. Er unterhielt sich und besprach

alles mit dem Verwalter, mit den Bauern und dem Müller. Er erkundigte

sich nach allem, nach dem Wo und Wie und fragte wie es mit dem Haushalt

stehe, wieviel Getreide verkauft werde, was im Frühjahr und Herbst für

Korn gemahlen wird, wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem

verwandt ist, wo er seine Kuh gekauft hat, womit er sein Schwein

füttert, mit einem Wort er vergaß nichts. Er ließ sich auch sagen,

wieviel Bauern gestorben wären, und erfuhr, daß es nur wenige seien. Als

kluger Mann erkannte er sofort, daß es nicht allzu glänzend um Andrei

Iwanowitsch' Haushalt stand. Überall entdeckte er Unterlassungssünden,

Nachlässigkeit, Diebstahl, auch die Trunksucht war recht verbreitet, und

er dachte sich: »Was der Tentennikow doch für ein Rindvieh ist! So ein

Gut! und es so zu vernachlässigen! Man könnte sicherlich ein Einkommen

von fünfzigtausend Rubeln daraus herauswirtschaften!«

Mehr als einmal kam ihm bei diesen Spaziergängen der Gedanke, selbst

einmal -- d. h. natürlich nicht jetzt, sondern später, wenn die

Hauptsache erledigt sein, und er Geld in Händen haben würde -- selbst

einmal so ein friedlicher Besitzer eines ähnlichen Gutes zu werden. Und

sofort tauchte natürlich das Bild eines jungen, frischen Weibchens mit

weißem Gesicht, aus dem Kaufmannsstande oder sonst einem reichen Kreise

vor ihm auf. Ja, er träumte sogar davon, daß sie musikalisch sei. Er

stellte sich auch die junge Generation seiner Nachkommen vor, deren

Bestimmung es war, die Familie Tschitschikow zu verewigen: einen

munteren Jungen und eine schöne Tochter, oder sogar zwei Jungen und

zwei, ja selbst drei Mädel, damit alle wissen sollten, daß er wirklich

gelebt, existiert, und nicht etwa bloß wie ein Gespenst oder Schatten

über die Erde gewandelt wäre -- und damit er sich vor dem Vaterlande

nicht zu schämen brauchte. Dann kam ihm wohl der Gedanke, daß es nicht

übel wäre, wenn er auch im Rang ein wenig aufrückte: Staatsrat zum

Beispiel. Das war immerhin ein recht anständiger und achtbarer Titel!

Was kommt einem nicht alles in den Sinn, wenn man spazieren geht: so

mancherlei, was den Menschen aus dieser langweiligen, traurigen

Gegenwart entführt, ihn neckt, reizt, seine Einbildungskraft bewegt und

ihr selbst dann noch schmeichelt, wenn er überzeugt ist, daß es nie

eintreffen wird.

Auch Tschitschikows Bedienten gefiel es recht gut auf dem Lande. Sie

gewöhnten sich schnell an das neue Leben. Petruschka schloß bald

Freundschaft mit dem Hausdiener Grigorij, obwohl beide zuerst sehr

wichtig taten und sich furchtbar aufbliesen. Petruschka suchte Grigorij

Sand in die Augen zu streuen und mit seiner Erfahrenheit und

Weltkenntnis zu imponieren; Grigorij aber übertrumpfte ihn sofort mit

Petersburg, wo Petruschka noch nicht gewesen war. Er machte zwar noch

einen Versuch zu opponieren und wollte die ganze Entfernung der Gegenden

geltend machen, die er besucht hatte, aber Grigorij nannte ihm einen

solchen Ort, den man nicht einmal auf der Karte hätte finden können, und

er sprach von mehr als dreißigtausend Werst, sodaß der Diener Pawel

Iwanowitschs ganz verdutzt sitzen blieb, den Mund weit aufriß und von

allen Knechten und Mägden ausgelacht wurde. Trotzdem nahm die Sache den

allerschönsten Ausgang; beide Diener schlossen eine enge Freundschaft.

Am Ende des Dorfes Lyssyer Pimen war eine Schenke, die einem gewissen

Akulka gehörte, den man den Bauernvater nannte. Hier in diesem Lokal

konnte man sie zu allen Tageszeiten sehen. Dort wurde die Freundschaft

besiegelt, damit wurden sie zu »Stammgästen« der Kneipe wie man sich im

Volke auszudrücken liebt.

Für Seliphan gab es andre Anziehungspunkte. Jeden Abend wurden im Dorfe

Lieder gesungen; die Dorfjugend versammelte sich, um den beginnenden

Frühling durch Gesänge und Tänze zu feiern; es schlang sich der Reigen

und löste sich wieder. Die schlanken rosigen Mädchen, von einem

Liebreiz, wie man ihn heute in den größeren Dörfern kaum noch findet,

machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, sodaß er stundenlang dastehen

und sie angaffen konnte. Es war schwer zu sagen, welche von ihnen die

Schönste war; sie hatten alle schneeweiße Busen und Hälse, große runde

und verschleierte Augen, den Gang eines Pfaus und einen Zopf der bis an

den Gürtel reichte. Wenn er sie bei ihren weißen Händen faßte, und sich

mit ihnen langsam im Reigen vorwärtsbewegte oder zusammen mit den andern

Burschen gleich einer Mauer gegen sie vorrückte, wenn die Mädchen laut

lachend auf sie zukamen und sangen: »Wo ist der Bräutigam, Bojaren?« und

wenn dann die Gegend ringsum allmählich in Nacht versank und weit hinter

dem Flusse das treue Echo der Melodie melancholisch zurücktönte, dann

wußte er kaum, wie ihm geschah. Und noch lange nachher: am Morgen und in

der Dämmerung, ob er schlief oder wachte -- immer wieder kam es ihm so

vor, als halte er ein Paar weiße Hände in seinen Händen und bewege sich

langsam mit ihnen im Reigen.

Auch Tschitschikows Pferde fühlten sich in ihrer neuen Wohnung sehr

wohl. Das Deichselpferd, der Assessor, und selbst der Schecke fanden den

Aufenthalt bei Tentennikow gar nicht langweilig, den Hafer vortrefflich

und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. Ein jedes hatte seinen

Stand, der zwar von dem des andern durch einen Verschlag abgeteilt war,

über den man jedoch leicht hinweggucken konnte. Daher konnte man auch

die andern Pferde sehen, und wenn es einem unter ihnen, selbst dem das

in der äußersten Ecke stand, einfiel loszuwiehern, war es den andern

leicht möglich, dem Kameraden in der gleichen Weise zu antworten.

Mit einem Wort, alles fühlte sich bei Tentennikow bald wie zu Hause. Was

jedoch die Angelegenheit anbetraf, wegen der Pawel Iwanowitsch das weite

Rußland bereiste, nämlich die toten Seelen, so war er in dieser

Beziehung äußerst vorsichtig und taktvoll geworden, selbst dann wenn er

es mit kompletten Narren zu tun hatte. Tentennikow aber las doch

immerhin Bücher, philosophierte, suchte sich über die Ursachen und

Gründe aller Erscheinungen klar zu werden -- über ihr Warum und Weshalb

.... »Nein, vielleicht ist es besser, ich fange vom andern Ende an!« So

dachte Tschitschikow. Er plauderte oft mit den Knechten und Mägden, und

so erfuhr er unter anderem einmal, daß der Herr früher häufig zu einem

seiner Nachbarn -- einem General zu Gaste fuhr, daß der General eine

Tochter habe, daß der Herr für das Fräulein -- und auch das Fräulein für

den Herrn eine gewisse ... daß sie sich aber plötzlich entzweit und von

da ab für immer gemieden hätten. Er selbst hatte auch schon bemerkt, daß

Andrei Iwanowitsch beständig mit Bleistift und Feder allerhand Köpfe

zeichnete, die einander alle sehr ähnlich sahen.

Eines Tages nach dem Mittagessen, als er wieder einmal nach seiner

Gewohnheit die silberne Tabaksdose mit dem Zeigefinger um ihre Achse

drehte, sagte er zu Tentennikow: »Sie haben alles was das Herz begehrt,

Andrei Iwanowitsch; nur eins fehlt Ihnen noch.«

»Das wäre?« fragte jener, indem er eine krause Rauchwolke in die Luft

blies.

»Eine Lebensgefährtin,« versetzte Tschitschikow. Andrei Iwanowitsch

entgegnete nichts, und damit war das Gespräch für dies Mal zu Ende.

Tschitschikow ließ sich jedoch nicht einschüchtern, suchte sich einen

andern Zeitpunkt aus -- diesmal war es _vor_ dem Abendbrot -- und sagte

plötzlich mitten in der Unterhaltung: »Wirklich, Andrei Iwanowitsch, Sie

sollten heiraten!«

Aber Tentennikow entgegnete auch nicht ein Wort, gerad als ob ihm dieses

Thema unangenehm sei.

Allein Tschitschikow ließ sich nicht abschrecken. Das dritte Mal wählte

er wieder eine andre Zeit und zwar _nach_ dem Abendbrod, und sprach

folgendermaßen: »Nein wirklich, von welcher Seite ich mir Ihre

Lebensverhältnisse auch ansehe, ich komme immer wieder zur Überzeugung,

daß Sie heiraten müssen. Sie verfallen noch in Hypochondrie.«

Sei es daß Tschitschikows Worte diesmal besonders überzeugend waren,

oder daß Andrei Iwanowitsch heute besonders zur Aufrichtigkeit und

Offenherzigkeit geneigt war, er stieß einen Seufzer aus und sagte, indem

er wieder eine Rauchwolke aufsteigen ließ: »Bei allen Dingen muß man

Glück haben, man muß als Sonntagskind geboren werden, Pawel

Iwanowitsch.« Und er erzählte ihm alles, genau so wie es sich ereignet

hatte: die ganze Geschichte seiner Bekanntschaft mit dem General und

ihre Entzweiung.

Als Tschitschikow die bekannte Affäre Wort für Wort kennen gelernt

hatte, und hörte, daß wegen des einen kleinen Wörtchens »du« eine so

große Geschichte entstanden war, blieb er ganz verdutzt sitzen. Mehrere

Minuten lang sah er Tentennikow prüfend in die Augen, ohne entscheiden

zu können, ob er ein kompletter Narr oder bloß ein bißchen dumm sei.

»Andrei Iwanowitsch! ich bitte Sie!« sprach er endlich, indem er jenen

bei beiden Händen nahm: »Was ist denn das für eine Beleidigung? Was

finden Sie denn in dem Wörtchen »du« Beleidigendes?«

»Das Wort selbst enthält natürlich keine Beleidigung,« entgegnete

Tentennikow: »die Beleidigung lag in dem Sinn, in dem Ausdruck, mit dem

dieses Wort gesprochen wurde. >Du!< -- das soll heißen: >wisse, daß du

ein minderwertiges Subjekt bist; ich verkehre nur darum mit dir, weil

ich keinen besseren habe als dich; jetzt dagegen, wo die Fürstin

Jusjakin gekommen ist, bitte ich dich, dich daran zu erinnern, wo dein

eigentlicher Platz ist und dich an die Türe zu stellen.< _Das_ hat es zu

bedeuten!« Bei diesen Worten funkelten die Augen unseres sanften und

milden Andrei Iwanowitsch; in seiner Stimme zitterte die Erregung eines

aufs tiefste beleidigten Gefühls nach.

»Nun und wenn es sogar etwas Ähnliches zu bedeuten hätte? -- Was ist

denn dabei?« sagte Tschitschikow.

»Wie? Sie verlangen von mir, daß ich ihn nach diesem Benehmen noch

weiter besuche?«

»Ja, was ist denn das für ein Benehmen? Das kann man doch nicht einmal

ein Benehmen nennen,« sagte Tschitschikow kaltblütig.

»Wieso kein >Benehmen<,« fragte Tentennikow erstaunt.

»Das ist überhaupt kein Benehmen, Andrei Iwanowitsch. Das ist bloß so

eine Gewohnheit dieser Herren Generäle: sie duzen alle Leute. Und

schließlich, warum sollte man das einem so verdienten und geachteten

Mann nicht einmal gestatten?«

»Das ist ganz was andres,« versetzte Tentennikow, »wäre er nur ein alter

Herr oder ein armer Kerl, und nicht so eitel, stolz und empfindlich,

wäre er kein General, dann würde ich es ihm sehr gern erlauben, mich

_du_ zu nennen, und es sogar mit Respekt aufnehmen.«

»Tatsächlich, er ist ein Narr!« dachte Tschitschikow. »Einem zerlumpten

Kerl würde er es gestatten, einem General dagegen nicht!« Und nach

dieser Erwägung fuhr er laut fort: »Gut, meinetwegen, zugegeben, daß er

Sie beleidigt hat, aber Sie haben sich doch revanchiert: er hat Sie

beleidigt, und Sie haben ihm die Beleidigung zurückgegeben. Aber wie

kann man sich wegen einer solchen Bagatelle entzweien und eine Sache so

im Stiche lassen, die einem persönlich am Herzen liegt? Nein, da muß ich

schon um Entschuldigung bitten, das ist doch ... Wenn Sie sich einmal

ein Ziel gesteckt haben, dann müssen Sie auch drauf los gehen, komme was

da will. Wer achtet denn darauf, daß die Menschen einen anspeien. Alle

Menschen bespeien einander. Heute finden Sie keinen Menschen auf der

ganzen Welt, der nicht um sich schlägt und einen nicht anspuckt.«

Tentennikow war über diese Worte aufs höchste betroffen, er saß ganz

verblüfft da und dachte nur: »Ein zu seltsamer Mensch, dieser

Tschitschikow!«

»Ist das ein wunderlicher Kauz! dieser Tentennikow!« dachte

Tschitschikow, und er fuhr laut fort: »Andrei Iwanowitsch, lassen Sie

mich zu Ihnen sprechen, wie zu einem Bruder. Sie sind noch so

unerfahren. Erlauben Sie mir, daß ich die Sache ins Reine bringe. Ich

will zu Seiner Exzellenz hinfahren und ihm erklären, daß die Sache

Ihrerseits auf einem Mißverständnis beruht, und auf Ihre Jugend und Ihre

geringe Welt- und Menschenkenntnis zurückzuführen ist.«

»Ich habe nicht die Absicht, vor ihm zu kriechen!« sagte Tentennikow

gekränkt »und kann auch Sie nicht dazu zu ermächtigen!«

»Zum Kriechen bin ich nicht fähig,« versetzte Tschitschikow gleichfalls

gekränkt. »Ich bin nur ein Mensch. Ich kann mich irren und fehlen, aber

kriechen -- niemals! Entschuldigen Sie Andrei Iwanowitsch; ich meine es

zu gut mit Ihnen, als daß sie ein Recht hätten, meinen Worten einen so

beleidigenden Sinn unterzulegen.«

»Verzeihen Sie, Pawel Iwanowitsch, ich bin schuld!« sagte Tentennikow

gerührt und ergriff Tschitschikow dankbar bei beiden Händen. »Ich wollte

Sie wirklich nicht beleidigen. Ihre gütige Teilnahme ist mir sehr

wertvoll. Das schwöre ich Ihnen. Aber geben wir dies Gespräch auf, wir

wollen nie wieder über diese Sache reden!«

»Dann fahre ich eben, ohne einen besonderen Anlaß, zum General«, sprach

Tschitschikow.

»Wozu?« fragte Tentennikow, indem er Tschitschikow verwundert ansah.

»Ich will ihm meine Aufwartung machen!« versetzte Tschitschikow.

»Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tschitschikow!« dachte

Tentennikow.

»Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tentennikow!« dachte

Tschitschikow.

»Ich fahre morgen gegen zehn Uhr früh zu ihm, Andrei Iwanowitsch. Ich

glaube je eher man einem solchen Herrn seinen Achtungsbesuch macht, um

so besser. Leider ist bloß meine Kutsche noch nicht in der rechten

Verfassung, ich möchte Sie daher nur um die Erlaubnis bitten, Ihren

Wagen zu benutzen. Ich möchte schon morgen so gegen zehn Uhr zu ihm

hinfahren!«

»Aber natürlich. Welch eine Bitte! Sie haben nur zu befehlen. Nehmen Sie

jeden Wagen, welchen Sie wollen: es steht alles zu Ihrer Verfügung!«

Nach dieser Unterhaltung verabschiedeten sie sich und begaben sich ein

jeder auf sein Zimmer, um schlafen zu gehen und nicht ohne beiderseits

über die Eigenheiten des andern nachzudenken.

Und doch: war es nicht merkwürdig: als am andern Tage der Wagen vorfuhr

und Tschitschikow mit der Gewandtheit eines Militärs, in einem neuen

Frack, weißer Weste und weißer Halsbinde hineinsprang und davonfuhr, um

dem General seine Aufwartung zu machen: -- da geriet Tentennikow in eine

solche Aufregung, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. All seine

eingerosteten und schlummernden Gedanken kamen in Unruhe und Bewegung.

Eine nervöse Raserei bemächtigte sich plötzlich mit aller Gewalt dieses

schläfrigen und in Bequemlichkeit und Müßiggang versunkenen Träumers.

Bald setzte er sich auf das Sofa, bald trat er ans Fenster, bald nahm er

ein Buch zur Hand, bald wieder versuchte er es, über etwas nachzudenken.

Verlorene Liebesmüh! Er konnte keinen Gedanken fassen. Oder er versuchte

es, an gar nichts zu denken. Vergebliches Bemühen! Armselige Bruchstücke

eines Gedankens, allerhand Gedankenendchen und -fragmente drängten sich

in sein Hirn und bestürmten seinen Schädel. »Ein merkwürdiger Zustand!«

sagte er und setzte sich ans Fenster, um auf den Weg hinauszublicken,

der den dunklen Eichenwald durchschnitt, und an dessen Ende eine

Staubwolke sichtbar war, welche der davonrollende Wagen aufgewirbelt

hatte. Doch verlassen wir Tentennikow und folgen wir Tschitschikow.

Zweites Kapitel.

In einer knappen halben Stunde trugen die braven Rosse Tschitschikow

über die etwa zehn Werst lange Strecke hinweg -- erst ging es durch den

Eichwald, dann durch das Kornfeld, das zwischen langen Streifen frisch

gepflügten Ackerlandes lag und im ersten Grün des Frühlings prangte,

dann wieder den Rand des Gebirgs entlang, wo sich in einem fort

herrliche Fernblicke auftaten -- und endlich durch eine breite

Lindenallee, deren Laub sich eben zu entfalten begann, bis zu dem Gute

des Generals. Die Lindenallee ging bald in eine Allee schlanker Pappeln

über, die unten in geflochtene Körbe eingefaßt waren, und führte zuletzt

auf ein gußeisernes Torgitter, hinter dem man den prächtigen, mit

reichem krausem Schnitzwerk verzierten Giebel des Herrenhauses

erblickte, der von acht Säulen mit Korinthischen Kapitälen getragen

wurde. Überall roch es nach Ölfarbe, die allem einen neuen Anstrich gab,

und keinem Ding Zeit ließ, alt zu werden. Der Hof war so glatt und

sauber, daß man über Parkett zu wandeln glaubte. Als der Wagen vor dem

Hause Halt machte, sprang Tschitschikow respektvoll heraus und betrat

die Treppe. Er ließ sich gleich beim General anmelden, und wurde direkt

in dessen Arbeitszimmer geführt. Die majestätische Gestalt des Generals

machte einen tiefen Eindruck auf unseren Helden. Er hatte einen

zugeknöpften Sammetschlafrock von himbeerroter Farbe an, sein Blick war

offen, sein Gesicht männlich, er trug einen großen Schnurrbart und einen

stattlichen graumelierten Backenbart und Haare, die im Nacken ganz kurz

geschnitten waren; sein Hals war breit und dick oder »dreistöckig«, wie

man bei uns zu sagen pflegt, d. h., er wies drei Längsfalten und eine

Querfalte auf: mit einem Wort, es war einer von jenen prächtigen

Generalstypen, an denen das Jahr 1812 so reich war. General

Betrischtschew war, wie wir alle, mit einem ganzen Haufen von Vorzügen

und Mängeln gesegnet. Diese wie jene waren jedoch, wie das bei uns

Russen oft zu geschehen pflegt, recht bunt durcheinandergewürfelt:

Großmut und Aufopferungsfähigkeit, in entscheidenden Momenten auch

Tapferkeit, Verstand und bei alledem eine genügende Dosis Eitelkeit,

Ehrgeiz, Eigensinn und kleinliche Empfindlichkeit, ohne die der Russe

nun einmal nicht auskommen kann, wenn er nichts zu tun hat und nichts

ihn zum Handeln bestimmt. Er hatte eine starke Abneigung gegen alle die,

welche ihm den Rang abgelaufen hatten und äußerte sich in sarkastischer

Weise über sie. Am meisten aber hatte einer seiner früheren Kollegen von

ihm zu leiden, denn der General war fest davon überzeugt, daß er in

bezug auf Verstand und Fähigkeiten hoch über jenem stand, und doch hatte

ihn der andere überholt und war bereits Generalgouverneur zweier

Provinzen. Unglücklicherweise befand sich auch noch eins von den Gütern

des Generals in einer dieser Provinzen, sodaß dieser gewissermaßen von

seinem Kollegen abhängig war. Der General rächte sich reichlich; er

sprach bei jeder Gelegenheit von seinem Nebenbuhler, kritisierte eine

jede seiner Verordnungen und erklärte jede seiner Maßnahmen und

Handlungen für den Gipfelpunkt des Unverstandes und der Torheit. Alles

an ihm hatte einen gewissen merkwürdigen Anstrich, vor allem auch seine

Bildung. Er war nämlich ein großer Freund und Vorkämpfer der Aufklärung;

auch wollte er immer mehr und alles besser wissen, als andre Leute und

daher hatte er die Menschen nicht gern, die etwas wußten, was ihm

unbekannt war. Mit einem Wort, er liebte es durch seinen Verstand zu

glänzen. Einen großen Teil seiner Erziehung hatte er im Auslande

genossen, trotzdem aber wollte er den russischen Aristokraten spielen.

Bei einem Charakter, der soviel Härten und soviel starke hervorstechende

Gegensätze aufwies, war es nur natürlich, daß er im Dienst beständig mit

Unannehmlichkeiten zu kämpfen hatte, was ihn schließlich auch

veranlaßte, seinen Abschied zu nehmen. Die Schuld, daß es so gekommen

war, schob er auf eine gewisse feindliche Partei, denn er hatte nicht

den Mut, sich selbst für etwas verantwortlich zu machen. Auch nach

seinem Abschied behielt er seine vornehme und majestätische Haltung. Ob

er nun einen Frack, einen Gehrock oder einen Schlafrock anhatte -- er

blieb sich immer gleich. Von seiner Stimme bis zur letzten Geste und

Bewegung war alles an ihm gebieterisch und majestätisch, und flößte

jedem unter ihm Stehenden wenn auch nicht Achtung, so doch wenigstens

Furcht oder Scheu ein.

Tschitschikow fühlte beides: Ehrfurcht _und_ Scheu. Er neigte den Kopf

ehrerbietig zur Seite, streckte die Hände aus, wie wenn sie ein Tablett

mit Teetassen ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswürdiger

Gewandtheit fast bis zur Erde und sagte: »Ich habe es für meine Pflicht

gehalten, Exzellenz meine Aufwartung zu machen. Die hohe Achtung vor den

Tugenden der Männer, die das Vaterland auf den Schlachtfeldern

verteidigten, veranlaßte mich, mich Eurer Exzellenz persönlich

vorzustellen.«

Dem General schien diese Introduktion nicht zu mißfallen. Er machte eine

sehr gnädige Kopfbewegung und sagte: »Ich freue mich sehr, Ihre

Bekanntschaft zu machen. Bitte nehmen Sie Platz! Wo haben Sie gedient?«

»Das Feld meiner Tätigkeit,« sprach Tschitschikow, indem er sich im

Lehnstuhl niederließ -- aber nicht in der Mitte, sondern ein wenig

seitwärts auf der Kante -- und mit der Hand die Stuhllehne festhielt,

»das Feld meiner Tätigkeit begann im Kameralhof, Exzellenz, um seinen

weiteren Verlauf an verschiedenen Stellen zu nehmen; ich habe im

Hofgericht, in einer Baukommission und im Zollamt gedient. Mein Leben

läßt sich mit einem Schiff inmitten stürmischer Wogen vergleichen,

Exzellenz. Ich kann wohl sagen, ich bin mit Geduld aufgesäugt und

großgepäppelt, ich selbst bin sozusagen die personifizierte Geduld.

Wieviel ich allein von meinen Feinden zu erdulden hatte, das vermag

weder ein Wort noch der Pinsel eines Künstlers zu schildern. Erst jetzt

an meinem Lebensabend suche ich mir einen Winkel, wo ich den Rest meiner

Tage verbringen kann. Einstweilen habe ich mich bei einem der nächsten

Nachbarn Eurer Exzellenz niedergelassen ...«

»Bei wem, wenn ich fragen darf?«

»Bei Tentennikow, Exzellenz.«

Der General runzelte die Stirn.

»Er bereut es schwer, Exzellenz, daß er Eurer Exzellenz nicht die

schuldige Achtung erwiesen hat.«

»Achtung! Wovor?«

»Vor den Verdiensten Eurer Exzellenz,« sagte Tschitschikow. »Er kann

bloß das rechte Wort nicht finden ... Er sagt: >Wenn ich Seiner

Exzellenz nur irgendwie ... denn ich weiß doch die Männer zu schätzen,

die das Vaterland gerettet haben,< sagt er.«

»Ja, was will er denn? ... Ich bin ihm doch garnicht böse!« versetzte

der General, der schon weit milder gestimmt war. »Ich habe ihn herzlich

lieb gewonnen und bin überzeugt, daß er mit der Zeit noch ein sehr

nützlicher Mensch werden kann.«

»Sehr richtig bemerkt, Exzellenz,« fiel Tschitschikow ein. »Ein sehr

nützlicher Mensch; er ist so sprachgewandt und schreibt auch sehr

schön.«

»Aber ich glaube er schreibt allerhand Dummheiten. Ich glaube er macht

Verse oder so etwas.«

»Oh nein, Exzellenz, durchaus keine Dummheiten. Er schreibt an einem

sehr ernsten und bedeutenden Werke. Er schreibt .... eine Geschichte,

Exzellenz ....«

»Eine Geschichte? ... Was für eine Geschichte?«

»Eine Geschichte« ... hier hielt Tschitschikow ein wenig inne, war es

nun, weil ein General vor ihm saß, oder wollte er der Sache bloß eine

größere Bedeutung beilegen, genug er fügte hinzu: »eine Geschichte der

Generäle, Exzellenz!«

»Wie? der Generäle? Welcher Generäle?«

»Der Generäle im allgemeinen, Exzellenz, überhaupt aller Generäle ...

das heißt, ich wollte eigentlich sagen, der _vaterländischen_ Generäle.«

Tschitschikow fühlte, daß er sich gar zu weit verrannt hatte, und war

daher sehr verlegen. Er hätte vor Ärger ausspucken mögen und sagte zu

sich selbst: Herrgott, was rede ich da für einen Blödsinn.

»Entschuldigen Sie, ich verstehe noch nicht ganz ... wie ist denn das?

Soll es die Geschichte einer bestimmten Epoche, oder sollen es einzelne

Biographieen werden. Und dann: handelt es sich um sämtliche Generäle die

existiert, oder nur um die, die am Feldzug des Jahres 1812 teilgenommen

haben?«

»Seht richtig, Exzellenz, nur um die letzteren!« Und er dachte sich:

»Schlagt mich tot, ich verstehe kein Wort!«

»Ja, warum kommt er denn dann nicht zu mir! Ich könnte ihm äußerst

interessantes Material geben!«

»Er hat nicht den Mut, Exzellenz!«

»Was für ein Unsinn! Wegen irgend eines dummen Wortes, das unter uns

gefallen ist ... Ich bin doch gar nicht so ein Mensch. Ich will

meinetwegen selbst zu ihm hinfahren.«

»Das würde er nie zugeben, er wird selbst kommen,« sagte Tschitschikow,

er hatte sich schon ganz wieder erholt und dachte sich dabei: »Hm! die

Generäle kommen mir aber gerade zupaß; und dabei hat meine Zunge doch

ganz frech darauflos geschwätzt!«

In dem Arbeitszimmer des Generals hörte man ein Geräusch. Die Nußholztür

eines geschnitzten Schrankes öffnete sich von selbst. Auf der Rückseite

der Tür erschien das lebende Bild eines Mädchens, welches die Türklinke

in der Hand hielt. Wenn auf dem dunkelen Hintergrunde des Zimmers

plötzlich ein hell von Lampen erleuchtetes Lichtbild erschienen wäre, es

hätte durch sein plötzliches Erscheinen keinen so gewaltigen Eindruck

hervorbringen können, wie diese liebliche Gestalt. Sie war offenbar

hereingekommen, um etwas zu sagen, aber als sie einen unbekannten

Menschen im Zimmer sah --. Mit ihr zugleich schien ein Sonnenstrahl in

die Stube gedrungen zu sein, und das ganze finstere Gemach des Generals

schien zu leuchten und zu lächeln. Tschitschikow konnte sich im ersten

Moment keine Rechenschaft ablegen, was für ein Wesen eigentlich vor ihm

stand. Es war schwer zu sagen, in welchem Lande sie geboren war, denn

man hätte nicht so leicht ein so reines und vornehmes Profil finden

können, es sei denn auf antiken Kameen. Schlank und leicht wie ein Pfeil

schien ihre edle Gestalt alles zu überragen. Aber das war nur eine

schöne Täuschung. Sie war keineswegs sehr groß. Dieser Schein rührte

bloß von der wunderbaren Harmonie her, in der all ihre Glieder standen.

Das Kleid, das sie anhatte, schmiegte sich ihrer Gestalt so wohltuend

an, daß man hätte glauben können, die berühmtesten Schneiderinnen wären

zusammengekommen, um zu beratschlagen, was ihr am besten stehen möchte.

Aber auch das war nur eine Täuschung. Sie dachte nicht lange über ihre

Toilette nach, alles ergab sich wie von selbst: an zwei, drei Stellen

hatte die Nadel ein kaum zugeschnittenes Stück des einfarbigen Stoffes

berührt und dieses hatte sich selbst in edlen Falten um ihren Leib

gelegt; hätte man dieses Gewand samt ihrer Trägerin im Bilde

festgehalten, so hätten alle modischen Damen und Fräuleins ausgesehen,

wie bunte Kühe oder irgend eine Schöne vom Trödelmarkt. Und hätte man

sie mit diesen Falten und in diesem sie umhüllenden Gewande in Marmor

gehauen, so hätte man dieses Bildnis das Werk eines genialen Künstlers

genannt. Nur einen Mangel hatte sie: sie war fast zu zart und

schmächtig.

»Darf ich Ihnen mein Nesthäkchen vorstellen!« sagte der General, indem

er sich an Tschitschikow wandte. Ȇbrigens verzeihen Sie, ich kenne

Ihren Vor- und Vaternamen noch nicht ...«

»Muß man denn den Vor- und Vaternamen eines Mannes kennen, der sich noch

durch keinerlei Vorzüge und Tugenden ausgezeichnet hat,« entgegnete

Tschitschikow, während er seinen Kopf bescheiden auf die Seite neigte.

»Immerhin ... So etwas muß man doch wissen!«

»Pawel, Iwanowitsch, Exzellenz!« sagte Tschitschikow, indem er sich

beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs verbeugte und mit der

Elastizität eines Gummiballs zurücksprang.

»Ulinka!« fuhr der General fort. »Pawel Iwanowitsch hat mir soeben eine

äußerst interessante Neuigkeit mitgeteilt. Unser Nachbar Tentennikow ist

gar kein so dummer Mensch, wie wir angenommen haben. Er arbeitet an

einem großen Werk: an einer Geschichte der Generäle des Jahres 1812.«

»Ja, wer hat denn gesagt, daß er dumm ist,« sagte sie schnell. »Das

konnte doch höchstens dieser Wischnepokromow glauben, dem du so

vertraust, Papa, und der bloß ein hohler und gemeiner Mensch ist.«

»Warum denn gemein? Er ist etwas oberflächlich, das ist wahr!« sagte der

General.

»Er ist auch etwas gemein und etwas schlecht und nicht nur

oberflächlich. Wer seine Brüder so behandelt, und seine eigene Schwester

aus dem Hause jagen konnte, das ist ein abscheulicher, häßlicher

Mensch.«

»Aber das erzählt man doch bloß von ihm.«

»Solche Dinge erzählt man nicht umsonst. Ich kann dich nicht verstehen,

Papa. Du hast ein selten gutes Herz und doch kannst du mit einem

Menschen verkehren, der tief unter dir steht und von dem du weißt, daß

er schlecht ist.«

»Sehen Sie,« sagte der General lächelnd zu Tschitschikow. »So liegen wir

uns stets in den Haaren!« Dann wandte er sich wieder zu Ulinka und fuhr

fort: »Liebes Herzchen! Ich kann ihn doch nicht davonjagen!« sagte der

General.

»Warum denn davonjagen? Aber man braucht ihn doch nicht mit soviel

Achtung zu behandeln und ihn gleich in sein Herz zu schließen!«(7)

Hier hielt es Tschitschikow für seine Pflicht, gleichfalls ein Wörtchen

zu sagen.

»Jedes Wesen verlangt nach Liebe,« sprach Tschitschikow. »Was soll man

machen? Auch das Tier liebt, daß man es streichelt, es steckt seine

Schnauze aus dem Stall heraus, als ob es sagen wollte: komm, streichele

mich.«

Der General fing an zu lachen. »Ganz recht: so ist es. Es steckt seine

Schnauze hervor und bittet: da streichele mich! Ha, ha, ha! Nicht bloß

die Schnauze, der ganze Mensch steckt tief im Dreck, und doch verlangt

er, daß man ihm sozusagen Teilnahme erweise .... Ha, ha, ha!« Der

General schüttelte sich vor Lachen. Seine Schultern, welche einstmals

dicke Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch heute noch

mit dicken Achselklappen geschmückt wären.

Auch Tschitschikow lachte kurz auf, stimmte jedoch sein Gelächter aus

Achtung vor dem General mehr auf den Buchstaben e ab: he, he, he, he,

he, he! Auch er schüttelte sich vor Lachen, nur bewegten sich seine

Schultern nicht, denn sie trugen keine dicke Achselklappen.

»So ein Kerl beschwindelt und bestiehlt erst den Staat und verlangt dann

noch, daß man ihn dafür belohnen soll! Wer wird sich denn mühen und

abquälen, ohne Ansporn und Aussicht auf eine Belohnung!« sagte er. »Ha,

ha, ha, ha!«

Ein schmerzliches Gefühl verdüsterte das edle, liebliche Gesicht des

Mädchens: »Papa! Ich verstehe nicht, wie du bloß lachen kannst! Mich

stimmen solche Schlechtigkeiten und solche gemeine Handlungen bloß

traurig. Wenn ich sehe, wie irgend ein Mensch ganz öffentlich und vor

allen Leuten einen Betrug verübt, und ihn nicht die Strafe der

allgemeinen Verachtung trifft, so weiß ich kaum noch, was in mir

vorgeht, dann werde ich selbst böse und schlecht; ich denke und denke

und ....« Sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen.

»Bitte, sei uns nur nicht böse,« sagte der General. »Wir sind doch ganz

unschuldig an der Sache. Nicht wahr?« fuhr er fort, indem er sich an

Tschitschikow wandte. »So, nun gib mir einen Kuß und geh auf dein

Zimmer, ich muß mich gleich umkleiden, denn es ist bald Zeit zum

Mittagessen.«

»Du ißt doch bei mir?« sagte der General und warf Tschitschikow einen

Blick zu.

»Wenn Eure Exzellenz bloß ...«

»Bitte ohne Umstände. Es wird wohl noch für dich reichen. Gott sei Dank!

Wir haben heute Kohlsuppe.«

Tschitschikow streckte seine beiden Hände aus und ließ den Kopf

ehrfurchtsvoll herabsinken, sodaß er alle Gegenstände im Zimmer einen

Augenblick aus den Augen verlor und nur noch die Spitzen seiner Schuhe

sehen konnte. Nachdem er eine Weile in dieser respektvollen Stellung

verharrt war, und hierauf den Kopf wieder erhob, sah er Ulinka schon

nicht mehr. Sie war verschwunden. An ihrer Stelle stand ein Riese von

einem Kammerdiener mit einem buschigen Schnauzbart und wohlgepflegtem

Backenbart, der, eine silberne Schüssel und ein Waschbecken in den

Händen hielt.

»Du erlaubst wohl, daß ich mich in deiner Gegenwart umkleide!«

»Sie dürfen sich nicht bloß in meiner Gegenwart umkleiden, vielmehr

steht es Ihnen frei, in meiner Gegenwart alles zu tun, was Ihnen

beliebt, Exzellenz.«

Der General zog die eine Hand aus dem Schlafrock und streifte sich die

Hemdärmel an den athletischen Armen in die Höhe. Hierauf begann er sich

zu waschen, wobei er um sich spritzte und prustete wie eine Ente. Das

Seifenwasser stob nur so durch das Zimmer.

»Ja, ja, sie wollen alle einen Ansporn und eine Belohnung haben,« sagte

er indem er sich seinen dicken Hals rings herum sorgfältig abtrocknete

... »Streichele ihn, streichele ihn nur. Ohne Belohnung hört er nun

einmal nicht auf zu stehlen!«

Tschitschikow befand sich in selten guter Laune. Eine Art Begeisterung

war plötzlich über ihn gekommen. »Der General ist ein lustiger und

gutmütiger alter Herr! Man könnte es am Ende versuchen!« dachte er und

als er sah, daß der Kammerdiener mit dem Waschbecken hinausgegangen war,

rief er aus: »Exzellenz! Sie sind so gütig und aufmerksam gegen

jedermann! Ich habe eine große Bitte an Sie zu richten.«

»Was für eine Bitte?« -- Tschitschikow sah sich vorsichtig um.

»Ich habe einen Onkel, einen alten sehr gebrechlichen Herrn. Er hat

dreihundert Seelen und zweitausend ... und ich bin sein einziger Erbe.

Er kann sein Gut nicht mehr allein verwalten, weil er schon zu alt und

zu schwach dazu ist, mir aber will er es auch nicht überlassen. Er gibt

einen höchst seltsamen Grund dafür an: >Ich kenne meinen Neffen nicht,<

sagt er, >vielleicht ist er ein Verschwender und Tunichtgut. Er soll mir

erst beweisen, daß er ein zuverlässiger Mensch ist, und sich selbst erst

einmal dreihundert Seelen erwerben, dann will ich ihm meine dreihundert

dazugeben.<«

»Erlauben Sie mal! Ist der Mann denn ganz närrisch?« fragte der General.

»Das wäre noch nicht das Schlimmste, wenn er bloß ein Narr wäre. Das

wäre sein eigener Schade. Aber versetzen Sie sich auch in meine Lage,

Exzellenz ... Denken Sie, er hat eine Schließerin die bei ihm wohnt, und

diese Schließerin hat Kinder. Da muß man sich doch in acht nehmen, daß

er ihr nicht noch sein ganzes Vermögen vermacht.«

»Der alte Narr hat seinen Verstand verloren, das ist das Ganze,« sagte

der General. »Ich sehe nur keine Möglichkeit, wie ich Ihnen hier helfen

könnte!« fuhr er fort, indem er Tschitschikow erstaunt ansah.

»Ich habe eine Idee, Exzellenz. Wenn Sie mir alle toten Seelen, die Sie

besitzen, überlassen wollten, Exzellenz, ich meine auf Grund eines

Kaufvertrages, ganz so als ob sie noch am Leben wären, dann könnte ich

dem Alten diesen Vertrag zeigen, und er müßte mir die Erbschaft

aushändigen.«

Jetzt aber lachte der General so laut auf, wie wohl noch nie ein Mensch

gelacht hat: So lang er war, sank er in den Lehnstuhl, warf den Kopf

über die Rücklehne und wäre beinahe erstickt. Das ganze Haus kam in

Bewegung. Der Kammerdiener erschien in der Türe, und die Tochter kam

ganz erschrocken herbeigelaufen.

»Papa, was ist geschehen?« rief sie entsetzt und sah ihn bestürzt an.

Aber der General vermochte lange Zeit hindurch keinen Laut von sich zu

geben. »Sei ruhig, es ist nichts, liebes Kind. Ha, ha, ha. Geh nur auf

dein Zimmer. Wir kommen gleich zum Mittagessen. Beunruhige dich nicht.

Ha, ha, ha.«

Und nachdem der General ein paarmal nach Luft geschnappt hatte, fing er

mit erneuter Kraft an zu lachen; laut hallte es durch das ganze Haus,

vom Vorzimmer bis zur letzten Stube.

Tschitschikow wurde ein wenig unruhig.

»Der arme Onkel! Wie der zum Narren gehalten werden soll! Ha, ha, ha.

Wie der dasitzen wird, wenn er statt der lebenden Bauern lauter tote

kriegt. Ha, ha!«

»Es geht schon wieder los!« dachte Tschitschikow. »Ist der kitzlich! Er

wird noch platzen!«

»Ha, ha, ha!« fuhr der General fort. »So ein Esel! Wie einem nur so

etwas einfallen kann: Geh, erwirb dir mal erst selbst dreihundert

Seelen, dann sollst du noch weitere dreihundert dazu haben! Er ist

wahrhaftig ein Esel!«

»Ganz recht, Exzellenz, er ist wirklich ein Esel!«

»Na, aber dein Scherz ist auch nicht ohne! Den Alten mit toten Bauern

abzuspeisen! Ha, ha, ha! Bei Gott, ich würde viel drum geben, könnte ich

nur dabei sein, wenn du ihm den Kaufvertrag überreichst! Was ist er

eigentlich für ein Mensch? Wie sieht er aus? Ist er sehr alt?«

»Gegen achtzig Jahre!«

»Und ist er noch rüstig? Kann er noch gut gehen? Er muß doch noch recht

kräftig sein, wenn er mit der Schließerin zusammenlebt?«

»Keine Spur! Exzellenz. Er ist so hilflos wie ein Kind!«

»So ein Narr! Nicht wahr? Er ist doch ein Narr!«

»Sehr richtig, Exzellenz! Ein vollkommener Narr!«

»Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche? Ist er noch gut auf den

Beinen?«

»Ja, aber es wird ihm doch schon recht schwer.«

»So ein Narr! Aber er ist doch noch ganz rüstig? Wie? Hat er noch

Zähne?«

»Nur noch zwei, Eure Exzellenz!«

»So ein Esel! Sei mir nicht böse, Verehrtester. -- Er ist zwar dein

Onkel, aber ist _doch_ ein Esel.«

»Freilich ist er ein Esel, Exzellenz. Trotzdem er mein Verwandter ist

und es mir schwer wird, es einzugestehen, daß Sie recht haben, aber was

soll ich machen?«

Der gute Tschitschikow schwindelte. Es wurde ihm durchaus nicht schwer,

dies einzugestehen, um so weniger, als er schwerlich je solch einen

Onkel besessen hatte.

»Eure Exzellenz wollen also die Freundlichkeit haben ...«

»Dir die toten Seelen abzukaufen? Für diesen großartigen Gedanken sollst

du sie mitsamt dem Grund und Boden und ihrer jetzigen Wohnung haben. Du

darfst dir meinetwegen den ganzen Friedhof mitnehmen. Ha, ha, ha, ha.

Nein dieser Alte! Wird dem ein Streich gespielt! Ha, ha, ha, ha.«

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II · 第 7 / 31 题