Da rief eine gellende Weiberstimme über den Hof: „Aber Vater!“

„Das ist die Schnur[31],“ sagte der alte Reindorfer. „Also behüt Gott!

Sobald tunlich, komm’ ich! Behüt Gott!“ Er griff nach seinem Stocke und

trippelte eilig davon.

Der Grasbodenbauer verließ rasch den Hof, bestieg seinen Wagen und fuhr

nach dem Gemeindegasthause. Dort saß er in der von Fliegenschwärmen

surrenden Gaststube, sah durch deren rückwärtige Tür nach einem

Düngerhaufen, auf welchem Hühner scharrten, und durch die vordere auf

die Straße, wo ab und zu ein Langendorfer vorbeistapfte und einen

„guten Abend“ hereingab. Der Wirt, der beim Schanktische stand, wollte

unterhalten sein. „Vetter, was wißt’s Neu’s?“ fragte er und ließ sich

nicht so leicht abweisen. „Seid’s ja nit hiesig. Wo Ihr daheim seid,

sind wir fremd. Wo seid’s denn her und wie geht’s dort zu?“ Die Wirtin

dagegen war ein unterhaltliches Weib; sie saß, mit dem Strickzeug

im Schoß, am andern Ende der Stube und schrie herüber, was sie

„Hierortiges“ wußte, es war wenig, aber sie hatte die Gabe, viel Worte

darüber zu machen. Dem Grasbodenbauer, den das nicht zerstreuen konnte,

aber auch nicht seinen Gedanken nachhängen ließ, ward die Zeit und

Weile schrecklich lang. Er fühlte das Bedürfnis, etwas unter den Händen

und vor Augen zu haben, das seine Aufmerksamkeit erforderte und wo es

doch nicht viel verschlug, wenn er auch etwas dabei versah. Ein Spiel,

am liebsten eines, das einem warm macht. Er ging nach dem Garten und

kegelte mit dem Wirte.

Über all das war eine geraume Zeit verstrichen, als endlich der

alte Reindorfer sich einfand. „Nit wahr,“ begann er außer Atem, „da

erstaunst dich halt, daß ich so fruhzeitig schon da bin? Ich war aber

auch fleißig.“ Er übergab dem Grasbodenbauer einen Brief und ein

offenes Blatt. „Da is ’s Schreiben an d’ Leni -- wann du so gut sein

willst --, und ’s andere mein’ Einwilligung zur Eheschließung meiner

Tochter Magdalena Reindorfer von hier, zu Langendorf, mit Kaspar

Engert, ~vulgo~ Grasbodenbauer, zu Föhrndorf. Der Schulmeister -- er

is ja auch z’ Gast --, hat mir’s in der G’schwindigkeit aufg’setzt

und sagt, es wär’ ganz nach der Vorschrift g’macht. Sei so gut und tu

es durchlesen, ich weiß nit, ob ich dem Mann heut trauen darf, er hat

allzeit Durst und der Wein is süffig. Nachschau’n schad’t nit.“

Er wartete, bis Kaspar das Papier wieder zusammenfaltete, dann fuhr er

fort: „Das also wär’ für eure dortige Pfarr’, was für d’ hiesige nötig

sein wird, das besorg’ ich alles; darfst nur schreiben, und ich will

schon recht aufhorchen alle dreimal, die es der Pfarrer auf der Kanzel

vorbringen wird. So denk’ ich, wär’ alles in Ordnung, und nun sei nit

bös, wenn ich jetzt wieder davonlauf’, heim muß ich auch dabei sein,

wenn ich gleich nit viel danach frag’.“

Der Grasbodenbauer hielt ihn zurück. „Steig doch in mein’ Wagen, ich

fahr’ ja gleich auf der Stell’. Was brauchst denn z’ gehn? Ich bring’

dich heim.“

„Bewahr’, wär’ nit übel! Aber mein’tweg’n, daß d’ siehst, ich gib dir

nach; bis wo der Weg nach ’m ‚mittern Graben‘ einbiegt, nimm ich’s an,

aber weiter nit, nit weiter!“

Als sie an der bezeichneten Stelle anlangten, verwahrte sich der Alte

entschieden gegen das Weiterfahren. „Ich bin eh’ froh,“ sagte er, „daß

unser erstes Zusammensein nit aufg’fall’n is, wann s’ mich aber heut ’s

zweite Mal mit dir und jetzt gar anfahren kommen sehen, dann setzt’s an

der Stell’ Verdrießlichkeiten; die bleib’n mir freilich nit erspart,

wenn ich morgen mit der Farb’ h’rausrucken muß, denn der Schulmeister

wird plauschen und die Wirtin wird klatschen, aber da streiten wir sich

doch wenigstens nüchtern herum. Ja, so steht’s und drum nimm’s für

keine Unhöflichkeit, wenn ich aussteig’.“

Kaspar half ihm aus dem Wagen. Sie schüttelten sich die Hände.

„B’hüt Gott, Grasbodenbauer,“ sagte der Alte, „tu mir d’ Leni schön

grüßen und Gottes Segen über euch allzwei! Und dein’ klein’ Dirndel

sag’, z’ Langendorf wär’ ein alt’ schneeweißes Manderl, das tät’

sich freuen, wenn es ihm gut sein möcht’! Nun, b’hüt euch Gott, z’

tausendmal, allsamt!“

„B’hüt Gott, Vater Reindorfer! Auf Wiedersehen!“

Er dachte an ein frohes, wo der Alte als Brautvater an der

Hochzeitstafel sitzen würde. -- --

Tages darauf, es war Sonnabend, langte der Grasbodenbauer daheim an und

am folgenden Morgen verließ er das Gehöft und schritt breit, inmitten

Weges, an den Gruppen der Kirchgänger vorüber, durch Föhrndorf auf

Hinterwalden zu; denn diesmal sollten es ja die Leute beachten, daß er

nach dem Hof’ auf der weiten Hald’ ging, und wer ihn befragte, erhielt

trockenen Bescheid und jeder mochte es weiter sagen, der Lust dazu

hatte.

Er brachte dem froh überraschten Mädchen Gruß und Segen, Brief und

Einwilligung des Vaters und, was Magdalenen das Liebste, er hatte ihr

von demselben zu erzählen und sie merkte wohl, daß sich beide gut waren.

Die Verheiratung ihres Bruders aber, von der in früheren Briefen noch

keine Rede war und um die sie nun auch ohne diesen letzten durch Kaspar

gewußt hätte, schien auch ihr bedenklich.

22.

Für landläufige Tugend, die alles strenger Aufsicht und natürlicher

Scheu oder kaltem Blute verdankt, aber diese Gunst der Umstände sich

gerne als Verdienst aufrechnen möchte, mag es wohl recht beschämend

sein, wenn abgelebte Leichtfertigkeit, an dem gleichen Ziele angelangt,

sich auch als gleichwertig erweist; doch soll das, Hörensagen nach,

öfter vorkommen.

Auch die Melzer Sepherl war eine aufrechte Bäuerin geworden und Florian

befand sich in einem gewaltigen Irrtume, als er damals meinte, die

Geschichte zwischen dem Reindorferhofe und der Mühle möchte sich

wiederholen, das hätte sie nicht, wenn er gleich am Leben geblieben

wäre, so wenig als irgendeine andere Geschichte, mit der Vergangenheit

war glatt abgeschlossen. Wie letztzeit die Dirne nur auf ihre Zukunft

bedacht war, so ist es nun auch die neue Bäuerin, und mag sich Ruh’

und Fried’ nicht „irgend so einer Dummheit wegen“ selbst verleiden, sie

sitzt viel zu breit und angenehm auf dem Hofe, als daß sie sich Feuer

unter den Stuhl legen möchte; ob sie nicht breiter säße, als anderen

lieb wäre und wie sich die dabei und daneben befänden, das machte ihr

allerdings geringe Sorge.

Die neue Reindorferin ließ es sich angelegen sein, allen im Orte und

auf dem Hofe zu zeigen, daß sie sich trefflich in ihre Stellung und

für die Wirtschaft schicke, und da ihr wohl bewußt war, das dürfte von

einigen angezweifelt werden, so tat sie ein übriges, fuhr vom Morgen

bis zum Abend in Haus, Hof, Feld und Garten herum und schalt und

belferte hinter dem Gesinde her. Leopold war mit ihrer „Schneid“ recht

zufrieden und versprach sich davon alles Gedeihen; der alte Reindorfer

aber meinte, das wär’ nur für den Anfang, entweder wird man selber

Scheltens müde und lernte man auch jeden Tag einem Fuhrknechte einen

neuen Fluch ab, oder das Gesinde gewöhnt’s, tut trotzdem wenig und

das Wenige noch mit Unwill’ und über die Hand.[32] Er war überhaupt

auf seine Schnur nicht gut zu sprechen, und das gedrangsalte Gesinde

versagte sich’s nicht, um die Bäuerin zu ärgern, derselben seine

Äußerungen in das Gesicht zu wiederholen, diese wurde daher auch gegen

ihn immer gehässiger und ließ sich ein über das andere Mal verlauten:

„Früher hat mich der Alte auf dem Hofe nicht haben wollen, jetzt mag

ich ihn nicht, er tut kein gut darauf, und nimmt ihn nicht bald der

Herrgott zu sich, so beiz’ ich ihn wohl noch aus!“

Das hinterbrachten die Dienstleute wieder dem alten Bauer, nur, damit

er sich „fürsehen“ könne, eigentlich aber, weil sie ein Vergnügen daran

fanden, die beiden aneinander zu hetzen und bei einem immerwährenden

Streite derselben selbst ein wenig Luft zu kriegen hofften, da hatten

sie aber die Rechnung ohne den jungen Bauer gemacht.

Es mochten etwa neun Wochen in schönstem Unfrieden auf dem Hofe

vergangen sein, da bekam der alte Reindorfer von Föhrndorf einen

Brief. Es hatte ihn zuvor an drei Sonntagen erfreut, dem Aufgebote

Magdalenens, versprochenermaßen, recht andächtig zuzuhorchen, nun lud

ihn das Schreiben zu deren Ehrentag, aber Leopold und sein Weib waren

dagegen und er sagte ab; ein zweites Schreiben lief ein, das ihn aufs

neue aufforderte, doch ja zu kommen, aber seine Leute bestanden darauf,

daß er wegbleibe.

„Hätt’ mer ahnen können,“ sagte Sepherl zu ihm, „was für ein Glück der

Leni bevorsteht, so hätten wir sie auch auf unsern Ehr’ntag geladen;

doch der Verstoß wär’ just rechtzeit’ wieder gutz’machen g’west, durch

ein freundlich Begegnen mit dem reichen Schwager, aber mit dem mußt’st

du ja hinterrücks verhandeln und ihn von uns abreden. Es is ledig dein’

Schuld, daß mer uns nit mitkommen heißt und nur nach dir verlangt.“

„Allein aber,“ nahm Leopold die Rede auf, „das wirst einsehen, kann man

dich nit gehn lassen; du bist alt und gebrechlich und der Weg is weit,

wer weiß, was dir zustoßen könnt’!“

„Und überhaupt,“ fuhr die Bäuerin dazwischen, „es ziemt sich gar nit,

daß du dich an einem Tisch breit machst, an dem zu sitzen man uns für

z’ g’ring acht’t! Z’samm’g’hörig sein wir doch!“

Hoffentlich war die Besorgtheit des Sohnes ebenso aufrichtig wie der

Verdruß der Schwiegertochter, indes ließ sich beides auch ganz gut

vorschützen, um den Alten nicht fortzulassen, denn fürs erste sollte

er denen zu Föhrndorf nicht weiß Gott was vorklagen, denn bei seinem

krittlichen Wesen vermerkt er gar nicht, wie unverdient gut es ihm

eigentlich erginge, und fürs zweite war das die beste schicksame

Gelegenheit, ihm einmal zu zeigen, wer Herr sei auf dem Reindorferhofe.

Er fügte sich und blieb, nun ja, zum Hofe gehörte er einmal und da

durfte er es mit den jeweiligen Leuten darauf nicht verderben, nicht

anders wäre es, hätte er ihn verkauft und sich sein Stüblein und den

dürftigen Unterhalt ausbedungen; daß es aber nicht anders war, obgleich

er ihn nicht verkauft, sondern an seinen Sohn und dessen Weib übergeben

hatte, das schmerzte ihn, und daß man ihm die größte der wenigen

Freuden, die ihm noch zu erwarten standen, versagte, das verbitterte

ihm die Seele.

An dem Tage, wo zu Föhrndorf die Trauung stattfand, war der alte

Reindorfer nach dem Garten gegangen und hatte von den Blumenbeeten

einen mächtigen Strauß zusammengelesen, mit diesem setzte er sich an

den Tisch in der Laube und hielt ihn in den gefalteten Händen; als er

dachte, es möchte um die Zeit sein, wo sie dort weit in der Ferne die

Ringe wechseln, da legte er den „Buschen“ leise und behutsam an die

Stelle, wo Magdalene damals gesessen, als sie von ihm Abschied nahm.

Als aber die neue Reindorferin in den Garten kam und der Blumen

ansichtig wurde, da stürzte sie herzu. „Jesus, was geschieht denn da

mit meinen Blumen?“ schrie sie.

„Es wird derowegen nicht aus sein,“ sagte der Alte, „einen Buschen hab’

ich mir gebunden.“

„Für wen denn, wohl nicht gar für dich selber?“ fragte Sepherl, und

als er stille schwieg, fuhr sie fort: „Meinst du, ich durchschau’ dein

kindisch Spiel nicht? Schneidet einen Buschen für fremde Leut’, die

viele Meilen weit vom Ort sind, die haben keine Freud’ daran und zur

Stell’ kann man sich nur darüber ärgern; tun dir denn nicht selber die

Blumenbeeten erbarmen? Und wenn auch nicht, so schickt sich doch, daß

du früher anfragst, was du darfst, es könnt’ ja sein, daß mir gleich

lieber wär’, es fräßen’s die Kühe!“ Damit nahm sie den Strauß und

warf ihn über den Gartenzaun, sie wartete nicht ab, was der Alte dazu

sagen würde, sondern stürmte nach dem Hofe. Der alte Bauer strich mit

zitternden Händen etlichemal über den Tisch, als wollte er ihn rein

haben, dann blieb er in Gedanken sitzen, in den Augenwinkeln verspürte

er etwas Feuchtes, er drückte den Finger dagegen und wischte mit diesem

über die Jacke.

An drei Wochen waren seit diesem Morgen vergangen und die Leni hatte

nichts mehr von sich hören lassen, das bekümmerte den Greis; am Ende

hatte sie gar nicht geheiratet, oder es trifft sich alles gleich für’n

Anfang schlecht, dachte er, und sie meldet sich nun vor Scham und

Herzleid nicht.

Dem alten Manne entging das Zunächstliegende, daß zwei Leute, die sich

eben glücklich zusammenfanden, nur miteinander beschäftigt seien.

Taucht auch ab und zu ein Erinnern an einen fernen Lieben auf, das ihn

für einen Augenblick als Zeugen all des Freuens, Treibens und Planens

herbeiwünscht, so zieht dies stille Grüßen und leise Wünschen wie ein

freundlicher Traum durch die Seele, das Knittern eines Papierblattes

scheucht ihn fort, und in dem Hause der Glücklichen, mag es auch

sonst sauber und blank gehalten sein, verstaubt das Tintenfaß und

rostet die Feder. Der alte Reindorfer aber hätte der Grundlosigkeit

seiner Befürchtungen gewiß sein können. Noch spät am Abende des

Hochzeitstages wurde eine Postkarte auf dem Reindorfer Hofe abgegeben,

der Bote händigte sie der Sepherl ein, die er in der Küche traf. Die

Bäuerin las die hingekritzelten Zeilen: Lieber Vater! Heut ist der Tag,

du fehlst uns wohl sehr, weil du aber schon nicht kommen kannst, so

grüßen wir dich recht schön und ich schreib’ es dir schnell, daß wir

eben zum Altar gehen. Magdalena. Kaspar Engert. --

„Ei geht’s zum -- wohin ’r wollt,“ schimpfte Sepherl und warf das Blatt

in das Herdfeuer.

Etwa acht Tage danach traf eine zweite Postkarte ein und fiel auch der

jungen Reindorferin in die Hände. Die neue Grasbodenbäuerin schrieb,

wie glücklich und zufrieden sie sei und weiters -- wie die Sepherl

meinte -- „tat sie völlig wie verliebt in den Alten“. Das wär’ dem grad

recht! Ins Feuer damit!

So wußte denn der arme Alte freilich um nichts und wurde von seiner

Unruhe in Haus und Hof herumgetrieben und allen andern lästig, die sich

aus seiner Sorge nicht das geringste machten.

Gerade auf den Tag waren es drei Wochen, als er frühmorgens in die

Küche trat, um sein Pfeifchen anzuschmauchen. „Guten Morgen, Sepherl,

guten Morgen,“ sagte er.

„Guten Morgen,“ sagte sie.

„Gestern ist wieder der Briefbot’ nicht gekommen, was da nur sein

muß, -- was da nur sein muß? Ihr tut mir doch nicht etwa die Brief’

verstecken?“

Die Bäuerin zuckte verächtlich die Achsel.

„Ich hätt’ halt doch nach Föhrndorf h’nüber sollen, ja, oder der

Leopold hätt’ sich darum annehmen können, es ist ja doch seine

Schwester.“

„Der Leopold?“ lachte spöttisch die neue Reindorferin. „Den man nicht

einmal geladen hat? Ich denk’, der hat was Gescheiteres zu tun, als

unnötig Geld zu verfahren! Ich hätt’ dich ja gerne ziehen lassen,

die paar Tage Ruh’ im Haus hätten mir auch wohlgetan, aber darum

hat es nicht sein dürfen, weil du uns, verwöhnt, nur noch murriger

heimgekommen wärst; die paar Stunden Freundlichkeit, die denen dort

leicht ankämen, hätten wir das ganze Jahr über entgelten müssen. Nein,

nein. Was anders wär’s -- aber da hüten sich die wohl --, wenn sie

dich bei sich behalten möchten und wir würden dich für allzeit los; da

könntest du heut’ noch gehen.“

„Glaub’s schon,“ sagte der Bauer und fuhr mit einem Zündhölzchen längs

der Wand herunter.

„An die Wand sollst nicht streifen, wie oft sag’ ich dir’s schon.“

„Mach Feuer, daß eine Glut ist, so wird mir auch eine Kohle lieber

sein. -- Ich glaub’s schon, daß du mich gerne vom Hofe hättest, aber

ich brauch’ anderswo keinen geschenkten Unterstand, da hab’ ich

meinen, das ist mein Recht, zum Hof gehör’ ich, das ist mein Recht und

Unterhalt und Pfleg’ heisch’ ich, das ist mein Recht.“

„Das ist mein Recht, -- mein Recht -- mein Recht“ -- spottete die

Bäuerin nach und schlug dabei jedesmal mit einem Stücke Holz auf die

Herdplatte. „Ah sag’ ja nichts dagegen, ich tu’ nur meinen, wie das

schön wär’, wenn dich dein Herzblättel zu sich nähm’ und du dein Recht

da dahinter ließest; mein’ Seel’, es käm’ mir nicht darauf an, vor

Freud’ gäbe ich dir all meine Spargroschen mit auf den Weg.“

Da sagte der Bauer giftig: „Was kannst du dir in ein halb Jahr und drei

Wochen viel erspart haben, ohne deinen Bauer zu betrügen?“

Die Bäuerin wurde im Gesichte glutrot und geriet außer Rand und Band.

„Du Krippenmandel,“ schrie sie, „daß ich mich nicht an dir vergreif’!

Du unnütz’ Maul auf der Schüssel, du Blumendieb!“

Leopold trat aus der Stube. „Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er.

„Ganz närrisch ist er heut’, der Alte. Nicht genug, daß er daherredet,

als ob wir ihm Briefe von der Leni stehlen möchten, er sagt mir auch

ganz offen ins Gesicht, daß ich mir wohl unrechterweis’ was beiseite

schaff’ --“

„Sie hat angehoben,“ sagte entschuldigend der Alte.

„Und wenn gleich,“ sagte Leopold, „du hättest sollen den Gescheiteren

machen und deiner Wege gehen, dazu bist du doch wohl alt genug! Und,

daß wir uns darüber nur einmal ausreden, Vater, denn es liegt mir

schon lang auf, da hast immer etwas gegen die Sepherl, das taugt

nicht, du weißt recht gut, daß Ordnung sein muß auf einer Wirtschaft,

zuerst kommt der Bauer, zu zweit’ die Bäuerin und unter denen stehen

alle andern ohne Ausnahm’ und ohne Unterschied, davon darf keines

aufbegehren, das gäb’ ein übel Beispiel und das darf man nicht leiden.

Du bist der Sepherl nicht gut, das kann ich nicht ändern, daß du es

aber zu Schau tragst, das muß ich dir verwehren! Du suchst offen mit

ihr Streit, du tragst es heimlich unter dem Gesind’ herum, daß dir die

Wirtschaft nicht taugt, die Kost zu schlecht ist und die Behandlung

nicht ansteht, das ist nicht recht; dafür, daß du kein Fleisch mehr

beißen kannst und je älter je krittlicher wirst, kann sie nicht, sie

nimmt dir keinen Zahn aus dem Maul und legt dir kein Jahr auf den

Rücken; wenn aber auf einer Wirtschaft etwas vorwärts soll, so bleibt

keine Zeit, daß man auf eines ganz extra schaut, extra kocht, extra

ihm nachfragt und extra mit ihm umgeht. Die Sepherl ist einmal Bäuerin

da am Hofe und der ist nicht schlechter bestellt wie unter der Mutter

selig, wenn dir nun durchaus die Bäuerin oder die Wirtschaft, eins oder

das andere, oder gar alle zwei nicht taugen wollen, so müßt’ ich dir

wohl, so leid mir ist, den guten Rat geben, daß du es dir wo anders

besser suchen sollst!“

Bedauern und Bekräftigung zugleich, daß er eben sonst nicht auswisse,

lag in der Art, wie er beide Schultern hob und die Arme seitwärts

warf, erst jetzt, wo er sie wieder sinken ließ und sich abwandte,

begegnete er den Blicken des Vaters, denen er während der ganzen Rede

geflissentlich ausgewichen war.

Der Alte hatte ihm, solange er sprach, in das Gesicht gestarrt, jetzt

ächzte er auf, drehte sich hastig um, tastete nach dem Stocke, der ihm

entfallen war, und stürzte über den Hof, hinaus auf die Straße.

Leopold machte eine Bewegung, um ihm zu folgen.

Sepherl hielt ihn zurück. „Laß ihn doch,“ sagte sie leise.

„Du hast ihn nicht angesehen,“ sagte er, „er hat so erbärmlich geschaut

wie ein geschossener Hirsch.“

„O mein,“ spottete sie.

Der junge Bauer griff nach einem der eisernen Herdreifen und wog ihn

spielend in der Hand. „Mir ist nur,“ sagte er gleichgültig, „daß es

kein Gered’ unter den Leuten gibt.“

„Besser einmal ein Gered’ unter den Leuten, als niemal Fried’ im Haus!

Freilich, wenn du etwa einen brauchst, der mir auf die Finger schaut,

dann eil dich, daß du ihn einholst.“

„Red nicht so dumm. Ich trau’ dir doch?“

„So laß ihn. Meinethalben soll er uns in der ganzen Gegend da herum

verklagen, er wird schon sehen, daß ihm niemand recht gibt, und so

zahm wiederkommen, wie er wild fortgerannt ist; er bleibt uns nicht

aus!“

Indessen ging der Alte die Straße dahin; oft blieb er stehen und wandte

den Kopf, bei dem Busche am Wege verhielt er sich ein wenig, dann

entschloß er sich, zu rasten. „Das war dumm,“ sagte er, „daß ich so wie

ein Wildling davongelaufen bin, das war dumm, nun muß es gewiß der arme

Leopold ausbaden, der wird hinter mir her wollen und sie wird es nicht

zulassen, aber er wird schon kommen, und mich holen, er wird schon

kommen, er erspart mir sicher, daß ich ihm soll auf den Hof gekrochen

kommen wie eine verlaufene Katz’; nachher will ich schon auch wieder

gute Worte geben. Ja, ja.“

Er blieb lange und er blieb allein, noch einmal sah er nach dem

Reindorfer Hofe aus, dessen Schornstein rauchte lustig und das Tor

blieb zu, wohl damit niemand Ungebetener zum Frühstück käme. Da griff

der alte Mann mit zitternden Händen nach seinem Stocke, half sich auf

die Beine und ging dahin, ohne sich weiter umzusehen.

Er bog nach links ein, ließ Langendorf hinter sich liegen und stieg

die Höhe hinan, wo das Wirtshaus unter den Tannen stand, dort wollte

er etwas zehren; aber ihm fiel ein, daß er kein Geld bei sich habe,

und Schulden wollte er keine machen, wer weiß denn, wann und ob er

überhaupt wieder in das Dorf zurückkäme?

So setzte er denn seinen Fuß weiter, nur manchmal unterbrach eine kurze

Rast seine Wanderung, und er langte endlich müde und erschöpft in dem

Orte an, in welchem seine Tochter Elisabeth als Bäuerin hauste.

Er trat in das Häuschen, man führte ihn nach der Stube, wo ihn sogleich

eine Schar lärmender Kinder umgab.

„Ei, Vater, was führt dich so zeitlich heut vom Haus’ und zu uns?“

fragte ihn Elisabeth.

Während man ihm etwas zur Stärkung vorsetzte, klagte der Alte, wie hart

es ihm letztzeit daheim ergangen.

„Hab’ ich’s nicht gleich zum vorhinein gesagt, es bringt dir keinen

Dank, daß du das schlechte Mensch auf den Hof genommen hast?!“

Weiter erzählte er, wie er sich mit dem heutigen Morgen ganz mit seinen

Leuten zertragen habe.

„So schön,“ sagte die Tochter, „jetzt kannst du dich gar auf deinem

Eigen wieder einbetteln.“

Furchtsam blickte der alte Mann auf und sagte leise: „Ich tät’ dich

bitten, Liesel --“

„Was willst?“

„Wenn ich nur nicht nach dem Hof zurück müßt’.“ Er faltete die

zitternden Hände. „Könnt’ ich nicht bei euch bleiben?“

„Bei uns bleiben, was fällt dir ein? Ich hab’ das Haus voll Arbeit und

voll Kinder und keine Zeit, daß ich sonst noch aufschau’ und gar eines

betreu’ und pfleg’, das nicht wie ein Kind je mehr zu Kräften kommt

und dem Haus zu Nutz, sondern je mehr von Kräften fällt und dem Haus

zur Last! Die am Reindorfer Hof sind kinderlos, die haben’s leichter.

Du hast dir die Melzer Sepherl einreden lassen und darum war es ein

Unsinn, dich mit ihr zu zertragen, geh in Gottesnamen wieder wohin du

gehörst, gib gute Wort’ und sei für ein andermal gescheiter.“

Sie erhob sich und ging zur Stube hinaus und ließ den alten Reindorfer

mit den Kindern allein, diese schlichen sich verschüchtert in eine Ecke

und hielten sich mäuschenstille, sie ahnten, daß da etwas nicht ganz

recht und richtig sei. Eine lange, endlose Zeit dünkte es ihm, während

er so mit gesenktem Kopfe dasaß und nicht zu gehen noch zu bleiben

wußte.

Da trat seine Tochter mit ihrem Manne ein, sie hatte ihn vom Felde

geholt.

„Grüß Gott,“ sagte der Bauer und schlug dem Alten auf die Achsel.

„Was hör’ ich von dir für Stückeln? Ausgerannt bist ihnen von daheim?

Glaub’s schon. Du hast es ja selber nicht besser haben wollen, wer sich

eine Rute auf den Rücken bindet, der muß auch die Schläge ertragen.

Nur denk’ nicht daran, uns Ungelegenheiten zu machen, das könnte ich

brauchen! Pack auf und mach fort und behüt dich Gott!“

Da rappelte sich der Reindorfer auf und wollte rasch zur Türe nach der

Straße hinaus.

„Oho,“ sagte der Bauer und hielt ihn zurück. „Da hinaus geht’s nicht.

Im Hof der Wagen, den hab’ ich dir einspannen lassen und der Knecht

wird dich bis zum Reindorferhof führen.“

Er geleitete den Alten zu dem Gefährte und half ihm, der sich willenlos

in alles ergab, auf das Sitzbrett.

Die Bäuerin stand abseit, als ihrem Vater so hart begegnet wurde,

vielleicht geschah ihr leid, aber was ist zu machen? Jeder ist sich

selbst der Nächste und verwahrt sich im Leben und Hausstand gegen eine

Überlast. „Man kann nicht anders,“ dachte sie, „der Vater wird immer

wunderlicher und da muß man ihm wie einem Kinde Ernst zeigen gleich

fürs erstemal.“

Als der Wagen dahinfuhr, und alle, unter dem Tore stehend, ihm

nachblickten, wandte sich der Bauer an sein Weib und sagte lachend:

„Ja, Kinder und Alte müssen parieren!“

Das sagte der Mann vor seinen eigenen Kindern -- und er wird auch

einmal alt werden!

Der alte Reindorfer aber weinte leise während des Fahrens. „Ich muß

wieder zurück -- ich muß wieder zurück!“ Ein über das andere Mal

führte er den Ärmel gegen die Augen. „Ja, wo anders auch hin? Zu der

Leni -- zu meinem Herzblättel --, wie sie heut die Bäuerin genannt und

mir damit meine Gutheit vorgeworfen hat.“ Er vergaß, daß ja um diese

niemand von den Leuten auf dem Hofe wissen konnte. „Ich weiß aber

nicht, was mit ihr ist, und sie ist mir zu nichts verpflicht’t, was

möcht’ auch ihr Mann dazu sagen? Ich mag mich nicht noch einmal von

einem Schwiegersohn ausjagen lassen! Zum Bruder Johann -- Jesus, der

ist ja gar verstorben -- ja freilich wär’ schier gleich das beste, ich

träf’ zu ihm!“

Als sie in Langendorf einfuhren, da wurde ihm angst und bange, wenn

er bedachte: Jetzt geht es zum Reindorferhof, da wirst du vor dem Tor

abgesetzt und die Sepherl steht mit einem breitmächtigen Maul nebenbei

und nimmt dich in Empfang.

„Da könnt’ ich nur gleich zum Hund in die Hütte unterkriechen, und

sollt’ je einmal einer von uns zwei es besser haben, so wär’ es sicher

der Hund!“ Sie waren gerade an dem mittern Graben angelangt, da klopfte

er dem Knechte auf die Schulter und sagte: „Halt ein wenig auf, ich muß

ein klein bissel absteigen.“

Der Wagen hielt und als der Alte sich herabgeholfen hatte, sagte er

störrisch: „Ich steig’ nimmer auf, tu’ was du willst, ich steig’ nimmer

auf, weiter fahr’ ich nimmer, nein: magst nur wieder heimkehren.“

„Dasselbe werd’ ich auch tun,“ sagte lachend der Knecht, „auf die Seel’

gebunden bist du mir ja nicht. Behüt Gott!“ Er lenkte um und fuhr davon.

Der Alte aber bog in den mitteren Graben ein und ging des Weges, bis

er zu dem Strauche gelangte, von wo aus man den Reindorferhof sehen

konnte, ohne selbst gesehen zu werden, da hielt er an und blickte nach

demselben, die Augen wurden ihm feucht.

„O du mein Hof, du mein lieber Hof,“ sagte er, „du Fleck, worauf

ich geboren bin und hingehör’, bis ich wegsterb’! Gegen all meine

Vorvordern, die auf dir gehaust haben, bis man sie hinweggetragen hat,

werd’ doch ich keine Ausnahm’ machen? Ich kehr’ zurück zu dir, ich

kehr’ zurück, so hart es mich auch ankommen mag; auf dir sein ist mein

Recht, was können sie mir auch viel anhaben?“

Er trat aus dem Busch, blieb aber plötzlich stehen und hob die Hände.

„O du armer Hof, wenn ich mir gleich mein Leben verleiden und mein

Sterben verbittern ließ’, wer weiß, verstürb’ ich noch in einer von

deinen Stuben?! Der erste Reindorfer hat dich auch nicht am Buckel mit

auf die Welt gebracht, der mußte ans Erwerben denken und der jetzige

ans Verlieren. Deine Bäuerin stiehlt ja! Sie stiehlt, das hab’ ich

wohl aus ihrem hellwütigen Zorn entnommen von wegen der Spargroschen,

sie stiehlt und entzieht es der Wirtschaft, wenn die sich neigt, wird

sie ihr fürs erste mit dem Gestohlenen aushelfen und gar vermeinen,

gestohlen wäre gewirtet, das wird so noch ein und das andere Mal sein,

bis es nichts mehr zu stehlen und nichts mehr aufzuhelfen gibt; und

ich sollt’ nebst all bitterm Gallentrank noch das gebrannte Herzleid

in mich hinabschlucken, daß ich dich so langsam versiechen säh’? Nein,

nein, lieber geh’ ich gleich betteln!“

Er mußte auf dem Hofe bemerkt worden sein, denn der Bauer und die

Bäuerin traten auf die Straße heraus und sahen nach ihm, sie winkten

nicht, sondern schienen zu erwarten, daß er herankomme, als er sich

aber nicht vom Flecke rührte, sah er die Sepherl lachend sich inmitten

des Weges stellen und Gebärden machen, als wolle sie ihn wie einen Hund

locken, was sie dazu rief, konnte er nicht vernehmen, daneben stand

sein Sohn und er wehrte ihr nicht, -- da winkte der Alte mit der Hand

nach dem Hofe, was diesem allein galt, wandte sich hastig ab und ging

eilig den Weg zurück, den er gekommen.

„Ihr Hofverderber ihr,“ murmelte er. „Meint ihr, ich müsse nun gar

schon kommen, wenn ihr: schön herein da! sagt? Ich nicht, ewig nicht.

Jetzt geh’ ich just betteln! Hofverderber!“

Er schlug die Straße nach der Kreisstadt ein. Es war ein heller,

sonnenklarer Tag, aber er merkte nichts davon, er sah vor sich auf

den Weg, und wo etwa ein Käfer kroch, da setzte er den Fuß seitwärts,

um ihn nicht zu zertreten. „Unziefer? -- Unziefer? Daß er leben will,

ist alles! Kann er dafür, daß, wo er anfrißt, nichts mehr gedeiht, was

andere fressen wollen? Geh auf die Seit’, geh auf die Seit’, sperr’

mir nicht den Weg, ich man fort, weit fort, hin wo mich niemand kennt,

sonst möcht’ mir keiner was geben und alle täten mich auf meine Kinder

verweisen ...“

Als er sie erwähnte, die seine Stütze hätten sein sollen, die kein

Wort fanden, keine Hand frei hatten, um ihn zurückzuhalten, und ihn

ziehen ließen, ihn, der nun müden Körpers und wirren Gedankens sich

seiner ganzen Hilflosigkeit bewußt wurde, da schluchzte er laut auf,

aber mit tränenden Augen hastete er auf dem Wege vorwärts, er fand es

nunmehr leicht, zu Fremden seine Hände bittend zu erheben, die können

nicht so arg an ihm tun, wie seine eigenen Kinder, und wie hätten die

wohl an ihm gehandelt, wenn er geblieben wäre? Ihn erfaßte eine Furcht

vor denselben; nur um von ihnen möglichst ferne zu gelangen, setzte

er seine letzten Kräfte ein -- er taumelte -- über ihm schattete es in

der Luft --, er prallte gegen den Stamm eines Baumes, den er mit beiden

Armen umgriff und sich daran aufrecht hielt. Lange stand er dort,

zitternd und nach Atem ringend.

„G’mach, g’mach,“ keuchte er, „nur mit Bedacht, all’s mit Bedacht.“

Dann versuchte er ein paar Schritte und langsamen, unsicheren Ganges

entfernte er sich, längs der Straße.

Und wie es ihn vor neunzehn Jahren von dem Wochenbette seines Weibes

hinweg, ohne daß er sich dessen unter Weges bewußt war, seinen

heimkehrenden Kindern entgegentrieb, so strebte er auch jetzt, wo

er diesen und dem Heim entfloh, ohne daß er es acht hatte, nach

+einer+ Richtung fort, immer, stetig nach der einen!

23.

Am Abende des zweiten Tages danach wankte ein alter, müder,

staubbedeckter Mann in den Hausflur des Grasbodenhofes zu Föhrndorf.

„Mein’,“ sagte die alte Sepherl, „da kommt noch spat ein alter, gar

Armer.“

Die junge Bäuerin griff nach der Tasche und als sie die kleine Gabe

darreichen wollte, da taumelte der Alte über die Küchentürschwelle.

„Leni,“ stammelte er.

Mit einem Aufschrei umfing ihn das junge Weib und hielt ihn in ihren

Armen aufrecht, dann ließ sie ihn auf die Küchenbank gleiten, von der

die Sepherl eilig das Schaff hinweghob.

„Jesus, mein Heiland! Vater!“ schrie Leni. „Wo kommst d’ her und wie

schaust d’ aus? Was ist denn g’schehn?“

„Lenerl,“ sagte er und streichelte ihr mit zitternden Händen die Wangen

und begann zu lachen und zu weinen untereinander. „Mein Lenerl! wie du

schön bist! -- Du, auf’m Hof war’s nimmer auszuhalten! -- Dir tut’s

gut gehn, gelt, dir tut’s gut gehn? -- Und die Lisbeth hat mich auch

ausjagen lassen. Ja, ja. -- Das freut mich, schau, das freut mich

recht! -- Und so tu’ ich halt jetzt betteln, ja betteln tu’ ich.“

Die Bäu’rin fuhr mit der Schürze nach den tränenden Augen und das

wollte ihr wohl der alte Mann wehren, er versuchte es, sich zu erheben,

sank aber kraftlos zurück.

Leni schluchzte laut.

„Aber sei nit närrisch, mir ist ja nichts,“ sagte er greinend, „nur

völlig hin bin ich. Sei gut, Lenerl, mir ist nichts.“ Er streichelte

ihre Hand.

Da kam der Grasbodenbauer mit Burgerl hinzu. „Je,“ sagte er, „Vater

Reindorfer, du bist einmal da? Das is recht. Grüß dich Gott!“

„Mein’ alt’ schneeweiß’s Manderl!?“ fragte Burgerl; ihr lachender Mund

ließ die blanken Zähne sehen und sie streckte beide Hände dar.

Der Greis nickte mit mattem Lächeln dem Kinde zu.

„Kaspar,“ sagte die Bäu’rin, mit feuchtem Blick zu ihrem Manne

aufsehend. „Fortgejagt haben sie ihn von daheim.“

Der Bauer runzelte die Stirne, biß in die Mundspitze seiner Pfeife und

paffte immer dichtere Rauchwolken von sich. „Nun, was ist da dabei?“

sagte er. „Doch nur Schand’ für die, die ihm so begegnen. Besinnst dich

doch, daß sein’zeit mein’ Red’ war, du dürfst nur sagen, dein Vater is

da, so führ’ ich ’n an der Hand in mein Haus? Daß er mir’s Hereinführen

erspart, das ändert doch nix an der Sach’.“ Er kehrte sich gegen

Reindorfer. „Bleibst halt bei uns, bist da so gut wie daheim, --

besser!“

Da fiel ihm Leni um den Hals.

„Narrisch,“ sagte er, „hab’ acht, wirst dich an der Pfeifen brennen.“

„Is eh’ schon g’schehn,“ sie wies lächelnd die kleine Brandblase am

linken Arm.

Der alte Reindorfer faltete die Hände. „So handelt ihr an mir, während

meine Kinder -- --“

„Du hast kein anderes Kind als mich,“ sagte eifrig Magdalena. „Bin ich

gleich nit als das geboren, ich bin es geworden, ich hab’ ja dein Herz

und Herz für dich, ich hab’ auch dein Denken; frag’ nur ’n Kaspar, ob

er nit gleich meine Reden aus den deinen herausgehört hat? Ich bin

froh, daß ich dich hab’, brauchst du noch andere? Denk nit daran,

bescheid dich mit mir; wird dir das so schwer? Sag doch einmal, ob dir

das so schwer wird?“

„Sag, sag! Kann ich denn?“ Er konnte wirklich nicht und er ward ganz

grämlich darüber, da er auch in den Augen Burgerls Tränen sah und das

Kind doch gar unnötigerweis’ ins Mitleid gezogen wurde.

Der Grasbodenbauer aber qualmte ganz erschrecklich, dann hustete er und

fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht. „Der Toback wird auch täglich

nixnutzer,“ sagte er. „Nun laßt’s aber gut sein, gönnt dem alten Mon

a Ruh’, er wird’s brauchen. Komm hitzt h’nauf in d’ Stuben, Vater

Reindorfer.“

Er faßte ihn unter dem Arme, um ihm aufzuhelfen, doch der Alte sah mit

einem ängstlichen Blick zu ihm auf, zog ihn verstohlen am Ärmel und

flüsterte: „Du, ich kann wahrhaftig nit gehn.“

„Leni,“ rief der Bauer, „du möcht’st ’m Vater ein Glas frisch Wasser

holen,“ und während die Schritte der Bäuerin im Flur verhallten,

winkte er der Burgerl und der Sepherl gar ernst mit den Augen zu, dann

faßte er den Greis in seine Arme und trug ihn wie ein Kind, die Treppe

hinauf, nach der Stube, wo er ihn zu Bett brachte.

„Ein Glas Wasser, is das alles, wirst denn sonst nix wollen, Vater?“

fragte Leni, in die Stube tretend. Hinter ihr huschte Burgerl herein.

„Nix sonst, gar nix. Nur müd’ bin ich, so viel müd’.“

„Nun so behüt dich Gott, Vater.“ Die Bäu’rin küßte ihn auf die Stirne.

„Schlaf gut und sei morgen wieder fein frisch.“

„Gute Nacht, mein schneeweiß’s Manderl,“ sagte Burgerl, „du hast mir

sagen lassen, es tät’ dich freu’n, wenn ich dir gut sein möcht’, no

schau, gleich morgen fang’ ich ’s Gernhaben an. Ist’s dir recht?“

„Halt ja, Dirndl,“ seufzte der Alte, „mußt dich schleunen, es dürft’

dir nit mehr viel Zeit dazu bleiben.“

„Vater!“ rief Leni.

„Na, na, weil ich halt alt bin. Ich werd’ doch sagen dürfen, daß ich

alt bin? Gute Nacht, gute Nacht!“

Leni und Burgerl gingen.

Der Grasbodenbauer fühlte sich an der Hand, die er zur guten Nacht bot,

zurückgehalten. Er beugte sich über das Bett und flüsterte: „Willst mir

was?“

Der Alte nickte.

Da schritt der Bauer gegen die Türe. „Ich komm’ gleich,“ sagte

er hinaussprechend. Er ließ die Klinke einspringen und kehrte zu

Reindorfer zurück.

Der Schandfleck · 第 25 / 33 题