„Ich wüßt’ doch um alle Welt nit, was ich dir zu verzeihen hätt’?!“
„Daß ich da bin.“
„No, da bist, wo man dich gern sieht.“
„O, meine lieben Leut’, meine lieben Leut’, ihr! Glaubst nit, wie ich
mich über euch freu’! Bleibt nur allzeit in Gleichem, dazu schütz euch
Gott an Leib und Leben und an Ehr’.“
„Da sag’ ich g’schwind ‚Amen‘ dazu, Vater Reindorfer.“
„Drum is mir wohl ein Trost g’west, daß ich her’troffen hab’, aber
g’scheiter, ich wär’ wegg’blieben. Mir bangt, daß ich euch da ein’
fürchterlich Ungelegenheit mach’.“
„Machst uns ja gar keine, g’schweig’ a fürchterliche.“
„Wann ich hitzt etwa da mit einmal verstirb --“
„Verhüt’s Gott! Was dir einfallt? Ich hoff’, eh’s da dazu kommt,
verlebst erst noch a gute Weil’ bei uns.“
„Ja, wie ihr gut seid gegen mich, saget ich freilich gern zun Tod, wie
d’ Bäu’rin zun Leinwandkramer: Dasselbe Restl könnt’st mir wohl noch
zukommen lassen, es wär’ schad’, daß mer da einreißt! Aber da hilft
kein Betteln. ’s ist Rest mit’m Restl. ’s Zeug is eing’rissen. Ich
g’spür’n -- ’n Riß -- da g’spür’ ich ’n.“ Er deutete nach der Brust.
„Nit bild’ dir so was ein und sinn’ ihm nach. Ich versteh’ wohl wie d’
drauf verfallst, das ausgestand’ne Herzleid, der harte Weg, deine Jahr’
... Aber mach dir keine unb’schaffenen Gedanken. Überschlaf’s! Wirst
sehn, morgen is ’s, wann gleich nit ganz gut, so doch besser wie heut.“
Er strich die Decke glatt, die der Alte herabgewühlt hatte. „Gute
Nacht, Vater Reindorfer.“
Der lag nun allein. Er hörte, wie sie außen auf den Zehenspitzen sich
wegschlichen, und er unterschied die bekannte liebe, tiefe Stimme, die
sagte: „Es wird ihm doch nix sein?“
„Der Schandfleck,“ murmelte er, „der Schandfleck? Tut er’s sein? Heb’
ich nit mit ihm die größte Ehr’ auf? -- Nein, nein, bist mein frisch
grün Ehrenpreis! -- Wenn ich denk’, du wärest gar niemal, es möcht’
mir völlig leid tun, -- sonderlich, nun weiß man gar nimmer, wie man
wünschen soll. Und wenn sie jetzt gar nit auf der Welt wär’, wer stünd’
mir bei in mein’ Elend, vielleicht bald in meiner letzten Not? Kein
mitleidig Seel’ hätt’ ich! -- Das konnt’ ich mir nit denken, wie sie ’s
erstemal als kleinwinzig Ding mir in’ Arm g’legt worden ist. Konnt’s
nit denken, wie ich s’ als g’ring Menscherl und als Dirn’ streng
g’halten hab’, daß ein Tag käm’, an dem sich’s mir heimzahlt. Und da
ist der Tag, der heutig’. -- Allwegen g’schieht nichts um nichts.“
Nach und nach verfiel er in einen unruhigen Halbschlummer, in dem er
die ganze Nacht über dahinlag. Etliche Male war ihm, als ob jemand die
Türe sacht öffnete, mit leisen Schritten sich heranschliche und über
ihn beugte. Es war auch so, sie kamen nachts, eines um das andere,
nachzusehen. Die Gestalt, die er zuletzt beim Morgengrauen deutlicher
wahrgenommen, sah er jetzt, da er den Kopf nach dem Fenster wandte,
dort sitzen; es war Burgerl.
Dann kamen der Bauer und die Bäuerin, ihm noch einmal „nachschauen“,
eh’ sie aufs Feld gingen, denn es war trabige[33] Zeit, die letzten
Feld-, Wiesen- und Gartenbestellungen des Jahres. Sie boten ihm guten
Morgen. Auf die Frage, wie er sich fühle, wiederholte er nur das Wort:
müd’, müd’. Sie empfahlen der Burgerl, ja recht auf ihn zu sehen und
gingen. Der Bauer aber entschloß sich, trotz bei der vielen Arbeit Not
an Mann war, den Heiner nach der Kreisstadt fahren zu lassen, damit er
einen Arzt mitbringe; der würde wohl in viel kürzerer Zeit, als sich
das von selbst gäbe, dem Vater wieder zu Kräften verhelfen, dieser war
ja nur müd’, -- müd’.
Außen am Himmel zogen graue Wolken dahin, dahinter blitzte für
Augenblicke die Sonne hervor. Der Kranke lag still und stumm. Das
Mädchen am Fenster strickte emsig. Stunde um Stunde verrann.
Mittags war es wieder lebendig auf dem Hofe. Kaspar und Leni kamen
herauf. Der Alte wies jede Nahrung zurück. Besorgt entfernten sich die
beiden. Aber noch heut in der Nacht, spätestens morgen in aller Früh’
wird der Doktor zur Stell’ sein.
Bald lag der Hof wieder verlassen. Von dem Gesinde blieb niemand
zurück als die alte Sepherl, die unten in der Küche auf einem Schemel
einnickte. Oben in der Stube war Burgerl bis zum Abende mit dem Kranken
allein. Manchmal klang ferne von der Straße ein einzelner Kinderschrei
herauf. Der Wind, der noch immer schwere Wolken vor sich herjagte, fuhr
zeitweilig mit einem heftigen Prall gegen die Fenster, danach hielt er
den Atem ein und das Mädchen tat es ihm nach, dann ward es beängstigend
stille und das Gemach lag wie weltverloren.
Plötzlich versuchte der Kranke sich mit beiden Ellbögen emporzustemmen.
„Dirndel“, sagte er mit Anstrengung, „geh du fort. Schick’ ein ander’s.
Ich weiß nit, wie mir wird. Meine Gedanken werden roglich[34], in
mein’ Kopf fangt’s zun bildern an. Geh -- was jetzt etwa g’schieht --
anschau’n -- taugt dir nit.“
Burgerl hatte sich jäh vom Sitz erhoben und starrte nach ihm hin. Nur
das namenlose Entsetzen, das sie erfaßte und ihr das Herz wild, bis
zum Halse hinauf, schlagen machte, erstickte den grellen Aufschrei, der
ihr schon in der Kehle saß.
Der alte Mann zeigte das Gesicht, das sie wohl kannte, das letzte.
Sie wäre davongeeilt, so schnell sie ihre Füße getragen hätten,
aber diese versagten den Dienst, und so stand sie, wie in den Boden
gewurzelt, und preßte die Ballen beider Hände gegen die Augen, um das
Gräßliche nicht sehen zu müssen.
Du kannst nicht bleiben, schrie es entsetzt in ihr auf. Du mußt, sagte
es ängstlich, es wär’ eine Sünd’, ihn zu verlassen! Dann erinnerte sie
sich, wie er vor wenig Minuten in seiner letzten Not, sie wußte es nur
zu gut, daß es die letzte war, um sie gesorgt hatte. „Steht mir Gott
bei, daß mich kein Anfall hinwirft, so will ich bleiben!“
Sie stand noch eine Weile. Die stürmischen Herz- und Pulsschläge
hatten sich mit einmal gesänftigt. Sie biß die Zähne zusammen und ließ
entschlossen beide Arme sinken.
Da lag der Sterbende, seine Züge waren nicht entstellt, nur dichte
Schweißtropfen standen ihm auf der Stirne und sein Atem ging schwer.
Bleich, aber mit keiner Wimper zuckend, trat sie ganz nahe an das
Sterbelager heran.
„Willst was, Ehnl?“
Keine Antwort.
Sie trocknete ihm mit ihrer Schürze die Stirne. „Ehnl, soll ich dir
was?“
Vergebens, er hörte sie wohl nicht. Aber in seinem Gesichte zeigte sich
eine Unruhe, in der Art, wie er manchmal, wie suchend, den Kopf drehte,
lag eine hilflose Ungeduld; es sah aus, als horche er nach etwas und
nur nach dem. So hatte Burgerl einmal eine blinde Bettlerin inmitten
des Straßenlärmes nach ihrem Kinde horchen und sich zu ihm hinfinden
sehen.
Sie beugte sich rasch hinab zu seinem Ohre und sagte laut: „Ich hol’
die Mutter, -- die Leni!“
Da wich die ängstliche Spannung in dem Gesichte des Sterbenden.
Burgerl eilte fort. Sie ließ die Türe hinter sich offen stehen, unten
vom Flur rief sie in die Küche hinein: „G’schwind, Sepherl, hinauf in
die Stuben! Der Ehnl liegt in Zügen. Er kann nit versterben, er wartet
auf die Mutter!“
Dann rannte sie über den Hof, hinaus in das freie Feld, sie brauchte
nicht lange zu rufen, sie brauchte auch keinen Bescheid zu sagen, ihr
Schrei klang so erregt, ihr Aussehen war so verstört, daß Kaspar und
Leni eilig herzugestürzt kamen und, ohne Frage, des Leidesten gewiß
waren.
Burgerl lief hinter den Voraneilenden her, eh’ sie ihnen aber die
Treppe hinanfolgte, nahm sie aus der Küche die Essigflasche mit. „Es
könnt’ sein, daß der Mutter schwach würd’.“
Oben war Leni vor dem Bette in die Kniee gesunken und hatte nach der
Hand des Schweratmenden gefaßt, diese suchte unsicher herum, erst als
das weinende Weib sie sich selbst auf den Scheitel gelegt hatte, ruhte
sie, wie an ihrem Ziele.
Plötzlich sagte der Sterbende mit knabenhaft heller Stimme: „Leg’ mich
geg’n d’ Wand.“
Leni erhob sich, sie drückte einen Kuß auf seine Stirne, dann schlang
sie sorglich beide Arme um ihn und tat, wie er geheißen.
Es war ein einziger Blick, den Burgerl, vom Fußende des Bettes, ihrem
Vater zuwarf, der diesen veranlaßte, hinzuzuspringen. Er fing das
zusammenbrechende Weib in seinen Armen auf.
Er setzte die Bewußtlose auf einen Stuhl. Burgerl drängte ihn weg.
„Laß mich, Vater.“ Sie begann Lenis Stirne und Schläfen mit Essig zu
waschen. „Sie wär’ die Nächste dazu,“ sagte sie unterdem, „ihm die
Augen zuzudrücken, man darf aber damit nit warten, heißt es, so will
ich es an ihrer Stell’ tun. Willst so gut sein, Vater, und ’n armen
Ehnl wieder herüberlegen.“
Der Bauer legte den Toten zurecht. „Er hat die Augen ohnehin fest zu.
Er liegt, wie schlafend.“
Als Kaspar vom Bette zurücktrat, ging Sepherl hinzu und faltete die
Hände des Erkalteten.
Leni kam wieder zu sich, sie hielt Burgerl, die ihr mit Tränen in
den Augen um den Hals gefallen war, vor sich auf dem Schoße und so,
enge aneinander geschmiegt, schluchzten beide, bis Kaspar bekümmert
herzutrat und das Weib über das Köpfchen seines Kindes hinweg ihm die
behende Hand reichte. Burgerl hauchte in die Schürze und trocknete der
Mutter die Augen, dann wies sie nach dem Bette. „Er schlaft, der Ehnl,
schau, wie er schlaft.“
Sie führte Leni, die sich wie ein Kind leiten ließ, einige Schritte
gegen das Sterbelager, da knieten beide nieder und sprachen halblaut
ein Gebet, und als das Amen verhallt war, erhob sich Burgerl und sagte:
„Vater, jetzt führ’ d’ Mutter hinweg.“
„Ich kann nit fort,“ widersprach diese.
„Du kannst ihn ja noch sehen, später,“ tröstete Burgerl und half ihr
vom Boden auf.
Die Bäuerin stand unschlüssig. „Wer wird bei ihm wachen?“ fragte sie
leise.
„Ich und die Sepherl,“ gab Burgerl entschieden zur Antwort.
„Komm, komm, mein arm’s Weib,“ drängte Kaspar, „laß uns gehen.“ Und
sie folgte ihm aus der Stube. An der Schwelle blickte sie noch einmal
feuchten Auges zurück und als Burgerl die Türe schloß, da sank sie an
die Brust des Mannes und stöhnte: „O, Kaspar! Wie weh das tut! Wenn ich
ihn nur einen einzigen Tag länger behalten hätt’! -- Grad jetzt, wo
er’s hätt’ guthaben können!“
Und da fand Kaspar das erlösende Wort, das den wilden Krampf brechen
und dem Schmerze seine Heiligkeit wahren sollte. Er holte es aus dem
eigenen Herzen herauf. „Schau, Leni,“ sagte er weich, „wieviel härter
wär’s, wenn der alte Mann nit g’wußt hätt’, wie wir’s mit ihm meinen,
so hat sich’s noch rechtzeit’ g’schickt, daß er davon erfahrt, das war
sein letzt’s Erlebt’s, sein letztes Freuen und in dem is er hinüber.“
-- -- --
Nachdem Burgerl die Türe des Sterbezimmers geschlossen, suchte sie aus
einer Lade ein Gebetbuch hervor und blätterte darin nach den Gebeten
für die Verstorbenen.
„Aber Burgerl, du wirst doch nit wirklich da beim Toten bleiben
wollen?“ fragte erstaunt die alte Sepherl.
„Ich werd’ bleiben.“
Burgerl setzte sich zu Häupten und Sepherl an das Fußende des Bettes
und beide begannen gemeinsam zu beten. Das Mädchen las die Gebete mit
halblauter Stimme, die alte Magd murmelte sie Wort für Wort aus dem
Gedächtnisse. Die beiden Stimmen, die helle gedämpft und die tiefe
klanglos, erfüllten den kleinen Raum mit einem schwirrenden Gesumme,
das bei Stellen dringender Anrufung und kräftiger Bitte sich etwa um
einen Ton erhöhte, aber immer gleichförmig und einschläfernd fortwährte.
Burgerl ermüdete zuerst und ließ die Hand mit dem Buche in den Schoß
sinken, bald aber machte die vollkommene Stille, die eingetreten war,
sie aufblicken und sie sah Sepherl, die eine Weile eifrig allein weiter
gebetet hatte, schlummernd sitzen. Sie weckte sie nicht.
Sie war mit dem Toten allein.
Er lag wie in tiefem Schlafe.
Sie rührte leise mit einem Finger an seine Hände, die waren kalt und
starr.
Gestern noch weh und freudig bewegt, müde gehetzt vom Herzleid, der
Freude gegenüber wie ein verschüchtertes Kind, das, vom Weihnachtsbaum
geblendet, sich nicht zuzulangen traut, heut über Leid und Freud’
hinweg!
Alle Böswilligkeit der Welt würde umsonst an dem Bettschragen rütteln,
auf dem er da liegt, die rauhen Hände über der eingesunkenen Brust
gefaltet.
Ihm kann nichts an!
Burgerl faßte alles Zutrauen zu dem stillen Manne. Vermöchte er den
Mund aufzutun, er hätte keine Schrecken auszusagen, so ruhig sah das
bleiche Angesicht, so friedlich.
* * * * *
Mit dem Köpfchen auf den über der Stuhllehne gekreuzten Armen ruhend,
saß das junge Mädchen lange in dem Anblicke des Toten versunken.
Sie wandte sich erst ab, als Tritte, die auf der Treppe hörbar wurden,
Sepherl aus dem Schlafe schreckten. Etliche vom Gesinde, das von der
Arbeit heimgekehrt war, kamen herauf, um die Totenwache mitzuhalten.
Sie begannen zu beten und mehrstimmig Lieder zu singen. Die meisten
der Sänge waren den religiösen Anschauungen angepaßt, doch kam auch
manchmal ein Lied an die Reihe, das von der Ergebung in Gottes
Ratschluß und der Verheißung des ewigen Lebens absah und in ungefügen
Worten, aber desto ergreifender, die Hinfälligkeit des Menschen und die
Vergänglichkeit alles Irdischen beklagte. Es waren das auch Trostlieder
in ihrer Art, denn der Ausblick auf das unabwendbare, allgemeine
Verderben stumpft den Schmerz über den einzelnen Fall. Wechselnd
klangen die schwermütigen Weisen in die stille Nacht hinaus.
Früh, im Morgengrauen, rasselte ein Wagen in den Hof. Heiner war
zurückgekehrt. Als der Doktor, geleitet von dem ernstblickenden Bauer
und der weinenden Bäuerin, in die Stube trat, schlüpfte Burgerl hinaus.
Es trieb sie ins Freie.
Als sie die Treppe hinunterstieg, trat sie kräftig auf und schwenkte
die Arme; da ihr gestern, wo sie der erste Schreck fast sinnlos machte,
weder Hand noch Fuß versagte, achtete sie sich des Siechtums ledig und
frommen Glaubens sah sie darin die Vergeltung für ihr treues Ausharren
bei dem Sterbenden und dem stillen Toten.
Leicht erschauernd in dem kühlen Winde, der mit vergilbten Blättern
sein Spiel trieb, trat sie hinaus in den frischen Herbstmorgen, heil
und kein Kind mehr!
24.
Es war noch kein Jahr vergangen, da kam eines Tages die Sonne herauf
und wie sie sich in den Fenstern des Grasbodenhofes spiegelte, da gaben
die Scheiben der Bäu’rinstube ihr Bild in scharfen Umrissen wieder,
denn sie waren dicht verhangen.
Im ganzen Gehöft ist alles still und ruhig, nur die beiden Pferde vor
dem Wägelchen, auf dessen Kutschbocke Heiner sitzt, schnauben und
prusten, stampfen und scharren laut; der Knecht verweist ihnen ihr
ungeduldig Wesen durch mahnende Zurufe, neigt aber selbst unbillig oft
den Kopf, um zwischen Stämmen und Geäst der Bäume hindurch nach dem
Hause zu lugen. Im Flur läuft das Gesinde ab und zu, wie Ameisen in dem
Schlupfloche ihres Baues, oft löst sich eines von der Gruppe los und
strebt eilig durch den Garten und über den Hof, dann kommt vom Ende
der Wirtschaftsgebäude ein zweites herzugeschossen, beide treffen sich
inmitten der Strecke und stehen einen Augenblick stille, danach nimmt
jedes seinen Weg wieder auf und hastet entweder zurück, oder an dem
anderen vorüber; so oft so eins nah’ dem Wagen zögert, sichtlich mit
einer Ansprach’ auf der Zunge, wendet sich Heiner ab, wie jemand, der
weder Lust hat zu hören, noch Red’ zu stehen.
Manch Scherzwort wird den Mägden von den Knechten zugeflüstert, manch
Lächeln zwischen zwei Dirnen gewechselt, aber bald ziehen alle wieder
ein ernsthaft Gesicht, wie sich’s geziemt und schicklich ist, denn die
Bäuerin hat ihre schwere Stund’.
Jetzt machte der Heiner einen langen Hals, denn er sah den Bauer durch
den Garten herzurennen.
„Heiner, fahr zu!“ schrie der. „Grüß ’n weiten Haldhofbauer und sag
ihm, ’s wär’ alles glücklich verlaufen und ein’ Bub’n hätten wir!
Ein’ Kerl wie ein Bär, sag’ ich dir, grad kriegt er sein erstes Bad
und plärrt dabei, was er aus dem Hals bringt.“ Er klatschte einem der
Pferde auf den Rücken. „Hott mein Schimmel! Hott mein Braun!“
Es war das der Eingang eines Liedes, unter dem man Kinder auf den
Knieen reiten läßt.
Die Zügel schlaff in Händen, saß der Heiner, als hätte der Bauer in
einer fremden Sprache zu ihm geredet, denn eben lief eine Dirne durch
den Garten, die des Nachsehens wohl wert war, das schwarze, gekrauste
Haar fiel ihr in natürlichen Locken bis zum Nacken, die Wangen des
zarten, weißen Gesichtchens waren blühend gerötet und die runden Arme
und kleinen Füße bewegten sich so zierlich als behend’; im Vorübereilen
warf sie einen freundlichen Blick nach Heiner, wandte sich aber sofort
in neckisch hochmütiger Weise ab, als wär’ er ihr fremd und sollte
ihr’s bleiben. Es war Burgerl, nahezu einen Kopf größer und bildsauber
geworden.
Der Bauer hatte begreiflicherweise seine Gedanken anderswo und keinen
Merk dafür, wohin sich etwa die eines anderen verloren. Mit einem Griff
packte er den vor ihm Sitzenden an dem Schenkel.
Heiner schrie lachend auf.
„Was wart’st denn? Fahr zu!“ sagte der Bauer.
Der Wagen rollte fort.
Durch das Dorf jagte Heiner die Pferde, auf dem stillen Waldwege ließ
er sie im Schritt gehen.
Ei, wie schön war die Burgerl geworden! Als Kind hat sie etwas auf ihn
gehalten, weil er sein’ Sach’ versteht und sonst nicht unbelehrt ist,
aber jetzt? Unfreundlich tät’ sie just nit sein. Nun wär’ der kleine
Bauer da, der kriegt einmal den Hof und sie ist nimmer ’s überreichen
Bauers einzig’ Kind und Erbin und er auch nit von schlechten Eltern,
der zweite Sohn, und ein Bauerngütel ließ sich immer noch beschaffen,
wo man darauf leben könnt’ wie die zwei Schwiegerleut’, das sind doch
die rarsten! Und warten, das will er, er ist ja noch jung, soll’s
sieben Jahr’ sein, wie im Alten Testament so ein Warten beschrieben
ist, pah, auf +die+ siebenmal sieben Jahr -- --
Er begann zu rechnen, aber das Resultat machte ihn etwas stutzig, denn
auf die Lebensdauer und patriarchalische Manneskraft, wovon allerdings
auch im Alten Testamente geschrieben stand, wagte er doch nicht zu
hoffen.
Burgerl war nach dem Friedhofe gelaufen, sie stieß das Gittertor auf
und eilte über den Kies einem Grabe zu, auf dessen eisernem Kreuze der
Name „Joseph Reindorfer“ stand; auf dem Hügel darunter wuchsen Blumen,
so dicht, daß sie sich kaum im Winde schüttelten.
Sie kniete nieder. „Schau, da wuchert doch Unkraut.“ Während sie dieses
ausraufte und von den Blumenstengeln welke Blätter entfernte, plauderte
sie:
„Ich komm’ nur, sagen, daß wir einen kleinen Bauer auf’n Hof ’kriegt
haben! Ein schön’s Büberl, sagen die Leut’, ich versteh’ mich nit so
drauf, da muß er vorerst größer werden, bis er mir gefallen kann, aber
lieb hab’ ich ihn schon, weil er so sinnlich schaut, als möcht’ er
sich einem anbetteln, da er sich selber doch auch gar nit zu helfen
weiß. Und Joseph wird er heißen wie du und brav soll er werd’n. Die
Leni-Mutter ist wohl ein bissel schwach, aber brauchst nit zu sorgen,
es geht ihr gut; das mußt’ ich dir sagen kommen, hab’ ich mir gedacht,
sonst wüßt’ ich nix Neues.“ Sie drückte beide Hände mit ausgespreiteten
Fingern gegen die Erde. „Daß ich gesund bin, das weißt du ja? So b’hüt
dich Gott, Ehnl.“
Sie erhob sich. An einem Grabe, nahe der Kirchhofpforte, blieb sie
stehen und murmelte ein Vaterunser, dann eilte sie heim.
Als sie wieder in die Wochenstube trat, sagte Kaspar: „Wo warst denn?
Heut mußt nit h’rumlaufen, mußt zur Hand bleiben.“
„Ich bin nur schnell nach’m Friedhof,“ sagte sie, „’m Ehnl es
berichten.“
Die Bäuerin lächelte wehmütig.
„Ja so.“ Der Bauer nickte einverständlich, dann aber wiegte er
nachdenklich den Kopf: Sonderbar, es widersinnt mir nit, daß mer ihm
Posten zutragt, und er liegt dort drüben, wie aus der Welt, gleich, er
dürft’ weder gelebt haben, noch gestorben sein.
Unklar, aber desto mächtiger -- wie alles, was nicht in Worten
auszusagen ist, den Mann aus dem Volke erfaßt, -- durchschauerte ihn
der Gedanke an einen Zusammenhang alles Lebendigen und Toten.
Er stand hochaufgerichtet, so daß das gar kleine Weiblein, das das Kind
mittlerweile „gewickelt“ hatte, ihm dasselbe ordentlich hinausreichen
mußte.
Er trug es ans Bett.
„Da is er, da hab’n wir’n. Nun zählt einer mehr auf der Welt.“
„Und g’weisten Wegs is er auf dieselbe gekommen,“ lächelte Leni.
„Kein’m z’ Leid, all’n z’ Freud’.“
Daß er auch so sein Leben führen möchte, das wünschte die junge Mutter,
doch dazu müßte einer schier ein Heiliger werden und einen solchen
getraute sie sich wohl nicht zu ziehen, aber wenn sie einen guten
Menschen aus ihm macht, aus dem kleinen Joseph, den sie da zum ersten
in ihren Armen hält, einen so guten etwa, wie +der+ Joseph war, den sie
zum letzten in ihren Armen gehalten, dann wird sie doch mit der Welt
auf gleich gekommen sein, als Mutter das Unrecht ihrer eigenen gesühnt
haben und -- gelt ’s ja -- dann hat er sich wohl selber ausgetilgt, der
Schandfleck?!
Auf Kriegspapier gedruckt.