Er nickte kurz. „Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Bauer!“ sagte die Alte und die Treppe hinab murmelte sie:

„Aufzünden will er und ’s is doch heut nit Sunnabend und auch kein

Frau’ntag?“

Er rieb ein Schwefelhölzchen an, das schien ihm aber doch zu unheilig

für solchen Gebrauch, so griff er denn nach dem Wachsstocke auf seinem

Nachtkästchen und entflammte damit den Docht des Lämpchens und als er

es hinter dem roten Glase aufflackern sah, sagte er: „So! Warst ja auch

eine Rechte, eine Brave, Muttergottesin, du!“

21.

Früh am andern Morgen ging der Bauer mit Gesinde und Taglöhnern vom

Hofe weg. Obwohl die Arbeiter sich in zwei Partien schieden, deren

jede es von einem anderen Ende des weitläufigen Grasbodens angriff, so

sah doch in der ersten halben Stunde jeder den Bauern mehrere Male;

er hatte -- wie die Leute meinten -- „heut wieder einmal das große

Umschießen“. Später sah man ihn längs des Waldsaumes dahinstreifen und

bald darauf gar nicht mehr.

Hatte er es mit seinem Ab- und Zulaufen darauf abgesehen, die Leute bei

Fleiß und Rührigkeit zu erhalten, so wirkte allerdings die Furcht, daß

er mit einmal wieder mitten unter ihnen zur Stelle sein könnte, eine

geraume Weile nach.

Er war, ein wenig zögernd, in den Wald getreten, dann eine gute Strecke

unter den Bäumen dahingegangen, plötzlich besann er sich und kehrte

zurück, hielt aber mitten auf dem Rückwege wieder inne und verfolgte

nun gesenkten Kopfes und mit stark ausgreifenden Schritten den Pfad,

der tiefer in den Wald führte. Als er, um auszuschnaufen, still hielt,

befand er sich auf freier, sandiger Heide, fern im Rücken die dunklen

Föhren.

„’s wär’ ein Unsinn,“ murmelte er. „Jetzt, wo ich so weit von Föhrndorf

abkommen bin und so nah nach Hinterwalden hab’, müßt’ mer mich frei

auslachen, wenn ich umkehret.“

Wieder begann er rasch auszuschreiten. Er hatte einen Weg zu nehmen,

nicht kürzer, als der zurückgelegte war, um an das Dorf heranzukommen,

und erst eine Strecke hinter demselben lag der Hof auf der weiten Hald’.

Als er Hinterwalden erreichte, bog er von der Straße, die ihn mitten

durch den Ort geführt hätte, nach einem Fußsteige ab, der im Rücken

der einen Häuserzeile an Gartenzäunen und Scheuern hinlief und sich

mit dem Fahrwege erst angesichts der letzten Häuser wieder vereinigte,

unmittelbar vor einer Brücke, unter welcher ein dünner Wasserfaden

in einem zerklüfteten Bette rann, in welchem nur frühjahrs und nach

Regenstürzen ein schäumender Wildbach toste. Jenseits der Brücke lag

ein mit Buschwerk bestandener Hügel.

Als der Bauer über den Bach schritt, tat er einen flüchtigen Blick über

die Achsel, sah aber niemand um die Wege; nur dort vor dem Laden des

Krämers, der zugleich Posthalter war, stand, den Rücken herwärts, eine

Dirne, die einen Brief in den Sammelkasten warf.

Als der Bauer den Hügel hinanstieg, horchte er auf und zog ein

ärgerlich Gesicht; über die Brücke kam jemand in trappelnden, eiligen

Schritten nach, dem mochte er nun vorauflaufen, oder hinter ihm

zurückbleiben, nach fünfzig Schritten hatte der Busch ein Ende und

begann die weite Hald’, wo man für jeden, ob er einem im Rücken

herankam oder voranschritt, auf eine lange Strecke sichtbar blieb. Das

Klügste war wohl ins Gesträuch zu brechen und den Weg eine gute Weile

über ganz freizugeben.

Dazu wollte der Bauer eben Anstalt machen.

„Kaspar,“ rief eine Stimme hinter ihm, auf deren Klang er sich mit

einem Ruck umwandte.

„Ja, bist du ’s denn?“ sagte Leni, die freudig aufschauend an ihn

herantrat.

„Ei, freilich bin ich’s, wohl,“ lachte er, indem er sie an beiden

Händen faßte. „Grüß dich Gott, du mein herztausendschöner Schatz! Und

dann bist wohl auch du dieselbe dort bei’n Briefkastel g’west?“

„Ja, ich hab’ g’schrieb’n.“

„An wen denn?“

„Rat’ einmal.“

„Kann ich’s?“

„’s is kindleicht.“

„Kindleicht? Dann g’wiß nach Langendorf an dein’ Vater.“

Sie nickte. „Ihm mußt’ ich doch gleich all’s z’ wissen tun. Was er dazu

sagen wird? Es wird ’n wohl recht g’freu’n! Und, Kaspar“ -- sie legte

beide Hände auf seine Schultern und rüttelte ihn --, „wie erst mich,

wenn ihr zwei euch sehn und reden möchtet!“

„Ei, Lenerl,“ sagte er rasch, hielt aber plötzlich inne und wich ihrem

fragenden Blick mit schlau zwinkernden Augen aus, dann setzte er

überlegend hinzu: „das schickt sich wohl einmal, eher als nit.“

Sie senkte den Kopf.

„Aber grundmäßig g’freut mich,“ fuhr er fort, „und is ein merkwürdiger

Zufall, daß ich dich da g’troffen hab’.“

„So nah’bei um ’n Weg, wo ich jetzt heim bin? Da is doch b’sonderer,

wie du daher kommst, so weit ab, von wo d’ hing’hörst.“

„Herg’rennt bin ich wie a ledig Füllen und hitzt müd’ wie a g’hetzter

Hund.“

„Ja, was hat dir denn gar so geeilt?“

„Dich z’ sehn, Lenerl, sonst nix, als dich z’ sehn.“

Er leitete sie an der Hand nach einem Rasenflecke, der auf dem Kamme

des Hügels lag, und dort setzten sich beide unter dem Schatten eines

Busches auf dem grasbewachsenen Rande einer Erdwelle nieder.

„Weißt, Lenerl, gar z’ schnell bist mer fort g’west und wie ich heut

fruh nachdacht hab’, was gestern af einmal alles uns überkommen und

sich zu’trag’n hat ... Jesses und Joseph, wir war’n doch kein klein’

bissel[27] dumm, das heißt, vor all’m ich, ich als Mann, ’s darf

dich nit harb’n und braucht’s auch nit, in denselben Stucken und

Sachen macht auch der Verstand nit g’scheiter ... wie ich also all

dem Gestrigen nachsinn’, is mir frei g’west, als hätt’ ich ’träumt,

ei, denk’ ich mir, rennst umi[28] und hilfst dir aus’m Traum. Vom

Grasboden bin ich ihnen heimlich abg’fahr’n und hab’ glücklich bis

daher g’troffen, ohne a menschliche Seel’ z’ begegnen; z’ Föhrndorf und

Hinterwalden weiß niemand um mein Hiersein, denn wenn mich wer g’sehn

hätt’, wie ich eil’ und wohinzu, ’s wär’ wieder was zun Lachen g’west

und dazu hab’n wir eh’ schon mehr Anlaß geb’n, als uns lieb is. Nun

war nur noch mein’ alleinige Sorg’, wie ich mich an’ weiten Haldhof

h’ranschleich’ und dich z’ G’sicht krieg’, und schau, da hilft der

Herrgott sein’ Leuten und führt uns mitten Weg’s z’samm’, wenn auch

nur af a paar Minuten Alleinsein, aber grad die hab’n mir g’fehlt, von

gestern her noch, wie wir einmal eins g’west sein.“

Er legte die Rechte um ihre Hüfte und faßte mit der Linken ihre Hand

und ihr welliger Scheitel neigte sich gegen seine Wange.

Im Busche zwitscherten und flirrten Vögel, ein bunter Falter gaukelte

über den Rasen, Ameisen liefen eilig zwischen Moos und Steinen dahin

und kleine, grünschillernde Käfer schaukelten sich auf den Halmen,

die gleich den Blättern, jetzt von der Sonne durchleuchtet, dann im

sanften Winde fächelnd, ein wechselndes Farbenspiel trieben. Weithin

sah man über die Halde, deren Grün mancher bunte Fleck unterbrach, an

Stellen, wo zahllose Feldblumen emporgeschossen waren; gar klein lag

dort der Haldhof mit seinem weißen Gemäuer und roten Dache, noch weiter

ein lichter Streif, über den eine Nadel mit goldengleißender Spitze

aufragte, der Kirchturm einer Ortschaft, dahinter blauten hohe Berge

und über dem allen wölbte sich ein klarer Himmel, der mit erfreulichem

Licht und belebender Wärme an das Nächste wie an das Fernste rührte und

regte.

„O, du mein Herrgott, wie is doch d’ Welt schön!“ sagte Kaspar leise.

Da fühlte er den kurzen, zustimmenden Druck der Hand, die in der seinen

lag. So saßen sie eng aneinander geschmiegt, zu tiefst im Herzen

befriedet, ohne einen Wunsch in der Seele und ohne einen Anspruch an

diese prangende Welt.

* * * * *

Sie wußten es nicht zu sagen, wie lange sie gesessen hatten, als sie

sich plötzlich erhoben und zugleich sagten: „’s is Zeit, jetzt heißt’s

wieder laufen.“

„B’hüt Gott, Kaspar,“ sagte sie.

Er aber hielt sie an der dargereichten Hand zurück, zog sie an sich und

seine Lippen suchten die ihren. „B’hüt Gott, Lenerl, mein.“ Noch rief

er ihr nach: „Wirst von mir hören, bald!“

Sie nickte ihm lächelnd zu und schritt dann, ohne sich umzusehen, eilig

dem Hofe auf der Halde zu.

Eine ganz kurze Weile stand der Bauer und blickte ihr nach, dann

kehrte er sich ab und nahm den entgegengesetzten Weg. Wieder umging er

Hinterwalden. Als er auf dem Fußsteige einherschritt, pfiff er halblaut

Ländlerweisen und lachte dazwischen ein über das andere Mal; das andere

Mal geschah es immer, weil ihm das eine Mal das Lachen die zum Pfeifen

gespitzten Lippen breit gezogen hatte. Das Dorf im Rücken und die freie

offene Heide vor sich, begann er Tanzweisen und Schnadahüpfeln vor sich

hin zu summen und unter den dunklen Föhren wagte er gar einen hellen

Juchzer. Am Fuße der mächtigen Stämme hinstreichend, summte und pfiff,

pfiff und summte er die Sangweise eines Vierzeiligen, dessen Worte ihm

lange nicht beifallen wollten, und als er sie endlich hatte, platzte er

lachend heraus:

Vernünftig und g’scheit,

Und tun, was ein’ g’freut!

So vernünftig, o mein,

Möcht’ ich selber gleich sein!

’s war ein Hauptspaß, daß er just dem nachsinnen mußte und nicht sofort

darauf verfiel, aber das letztere nahm ihn nicht wunder, den ganzen Weg

über horchte er kaum auf sein eigenes Gesinge, seine Gedanken hatte er

ganz anderswo und über den letzten galt es sogar rasch schlüssig zu

werden.

-- -- „Hätt’ sie sich nit g’scheut, g’wiß möcht’ s’ mich gebeten haben,

daß ich ehestens ihr’n Vatern aufsuch’. Ich hab’ ihr’s wohl ang’merkt,

am liebsten hätt’ s’ mich gleich gradweg’s von Hinterwalden nach

Langendorf g’schickt. Sie kann’s nit erwarten, daß mich der Alte sieht

und ich selber wär’ nit wenig neugierig auf ihn. Ja, mein’ liebe Leni,

mit dein’ Brief karriolt wohl der Postbot’ schon die Straßen vorauf,

den hol’ ich nimmer ein; aber hint’nach mag ich dort sein, eh’ d’ nur

ein’ Gedanken davon hast. Was? das ging’ wohl? Han?“ -- --

Es war hoch am Mittage, als er den Grasboden erreichte und mit einmal

wieder, wie aus der Erde gewachsen, vor den Arbeitsleuten stand, deren

verlegene Mienen ihn wohl merken ließen, daß sie sich seine Abwesenheit

zunutz’ gemacht; aber er schalt nicht. „Lei, lei[29],“ sagte er, „tut

nit lauleln[30], Leut’! Ich verlang’ von kein’ mehr, als sich ’n Tag

über schaffen laßt, das aber wohl. Seid nur auch billig, wie ich’s bin.“

Er nahm den Großknecht beiseite. „Heiner, morgen mußt du dich da als

Herrn aufspiel’n. Ich fahr’ zur Eisenbahn. Trag mir Sorg’, daß Roß und

Wagen rechtzeitig bereit stehn. Der alte Sepp zählt wenig mehr bei

der Feldarbeit und geht nit ab, mag er mitfahr’n und auf der Station

warten, bis ich heimkehr’.“

Er rieb sich vergnügt die Hände.

* * * * *

Auf dem Reindorfer Hofe ging es recht lebhaft zu. Gegenüber auf der

Anhöhe vor dem Tannenwäldchen krachten Pöller, Pistolen wurden im Hofe

abgefeuert, es herrschte lauter Jubel, Hochzeitfeier war im Hause.

Nachdem die alte Reindorferin gestorben war, redete alles auf den Bauer

ein und stellte ihm vor, wie er es nun doch nimmer allein werde richten

und machen können. Schon damit die Wirtschaft nicht zurückginge,

sollte er sie doch ja beizeiten seinem Leopold übergeben und den

heiraten lassen, wenn es nicht anders wäre, in Gottesnamen die Melzer

Sepherl, die werde sich ja auch anders anlassen, wenn man ein Einsehen

mit ihr hat, und jung waren wir alle, mein Himmel, das gibt sich mit

der Zeit! Allerdings, das Jungsein pflegt sich mit der Zeit zu geben.

Der Alte wollte auch wieder etwas „Weiberhafts“ auf dem Hofe haben,

es war recht kindisch, daß er dabei an die Magdalen’ dachte und sich

die Melzer Sepherl aufreden ließ, aber es waren ihrer so viele, die

da zuredeten und ihn ganz verwirrt machten, so daß er eines Tages ja

sagte; die alte Hex’, der Sepherl ihre Mutter, war ja mittlerweile

gestorben und die hatte er am meisten gefürchtet. So kriegten sich denn

der Leopold und die Sepherl und heute hielten sie Hochzeit.

Nur war kein Verwandtes bei der Feier, der Onkel Schulmeister war

gestorben, die Magdalen’ -- schützte man vor --, wär’ zu weit weg, um

sie einladen zu können, und die Schwester Elisabeth war weggeblieben;

die war mit der neuen Verschwägerung gar nicht einverstanden und als

ihr gegenüber der Alte entschuldigend meinte, daß ihm halt so viel

zugeredet worden sei und daß er hoffe, es werde wohl alles zum Guten

ausgehen, da hatte sie gesagt: „Erzwingen hätt’ man deine Einwilligung

doch nie können, und daß du die hast in die Verwandtschaft lassen, das

verzeiht dir mein Mann nimmer und ich auch nicht.“

Auch dem Grasbodenbauer kam diese Hochzeit verquer und er war nicht

sonderlich erbaut, als er vom Wagen stieg, den er in der Kreisstadt

gemietet hatte, und nun in dem Trubel und aus dem Menschengewirr den

Mann herausfinden sollte, dem er sich in einer stillen Stunde und

traulichen Ansprache gegenüber dachte, wobei ihnen beiden das Herz

aufgehen mochte. Indes an Ort und Stelle war er einmal und diese

lagen doch etwas zu weit ab, als daß man sich so leicht entschlösse,

umzukehren und ein andermal wiederzukommen, so trat er denn in den

Hofraum und bat einen der dort lärmenden Burschen, ihm den Reindorfer

auf einen Augenblick abzurufen.

„Den Bräutigam?“ fragte der höchlich verwundert.

„Nein, den Vater!“

„Ah so, den Alten?“ Der Bursche zuckte geringschätzig die Achseln,

man sah, daß ein neu Regiment auf dem Hofe begann. „Ah so, den Alten?

der hat sich verzogen, er sitzt im Garten in der Lauben, mein’ ich.

Sitzt der Alte nit in der Gartenlauben?“ wandte er sich an ein paar

Nächststehende.

„Ja, der sitzt in der Gartenlauben.“

Der Grasbodenbauer begab sich in den Garten, er stand nach wenigen

Schritten vor der Laube und hielt still inne. Im Schatten des

überwuchernd dichten Blätterdaches saß ein silberhaariger Alter, der

einen Brief in den zitternden Händen hielt und oft während des Lesens

wie ungläubig lächelte und den Kopf schüttelte, immer danach brachte

er das Schreiben dem Auge näher; jetzt war er, wohl auch nicht zum

erstenmal, damit zu Ende gekommen und faltete es bedächtig zusammen.

„’s Glück meinet ihr’s gut,“ murmelte er, „’s Glück wollt’ ihr schon,

käm’ nur nix dazwischen, ’s g’schäh’ mir hart.“

„Kein’ Sorg’,“ sagte, hinzutretend, der Grasbodenbauer.

„Jesus, wer ist denn da?“ fragte, zusammenschreckend, der Alte.

„Einer, der’s ehrlich meint. Grüß Gott, Reindorfer.“

„Mein Je, wer der mich kennen will, und ich entsinn’ mich nit, aber gar

nit.“

„Glaub’s wohl, wir sehn sich heut ’s erste Mal, aber die Schrift af’m

Brief, den d’ zu dir gesteckt hast, is mir nit fremd.“

„Er is von meiner Jüngsten, von der Leni.“

„Ich weiß’s und mehr auch noch, ohne ein Hexenmeister z’sein; ich weiß

gar, was dreinsteht.“

„No, dös doch nit.“

„Ei wohl. Schreibt s’ nit von Hinterwalden all’s Gute und Schöne? Daß

s’ vom Grasbodenhof z’ Föhrndorf als Dirn’ weg is und als Bäu’rin

draufkimmt?“

„Ja ja, schau einmal!“

„Und rat’ ich weit um, wenn ich sag’, daß s’ ’n selben Bauern ihr’n

Kaspar nennt, und ’s Liebere und Schönere von ihm schreibt?“

„Ei freilich,“ lachte der Alte, „das tut sie halt ja, wird ihm wohl

auch gebühr’n.“

„Ob’s ihm gebührt, dös streit’ ich nit, aber daß sie ’s guten Glaubens

is, da drüber is niemand froher wie ich! Und nach all dem, was hitzt

g’red’t is, gib ich dir wohl auch kein schwer Rätsel mehr auf, wenn ich

dich frag’: Wer, meinst, wer ich bin?“

„Ei, du mein,“ sagte der alte Mann sich etwas mühevoll erhebend. „Wirst

doch du nit etwa selber der Grasbodenbauer sein?“

„Selber,“ lachte der, „’s tut’s kein andrer für mich.“ Er bot dem alten

Reindorfer die Hand, drückte ihn wieder auf den Sitz zurück und nahm an

seiner Seite Platz. „Ich bin ’kommen, bei dir um Magdalen’ anz’halten.“

„So, so? Na, das g’freut mich, das g’freut mich schon gar nit zun

sagen!“ Er streichelte mit beiden Händen die Rechte des jungen Bauers

über dem Tische.

„Dann schlag’ nur gleich ein,“ sagte Kaspar.

Der Alte zog verlegen die Hand zurück. „Nein, nein, noch is ’s kein

b’schloss’ner Handel,“ sagte er. „Eins könnt’ dich davon absteh’n

machen. Mein’ Seg’n den gäb’ ich wohl z’tausend und tausendmal dazu,

aber mit dem müßt’ d’ auch vorlieb nehmen, sonst nix! Morg’ngab’ kriegt

die Dirn’ keine mit.“

Der Grasbodenbauer tat einen ärgerlichen Ruck mit dem Kopfe. „Hab’ ich

der nachg’fragt? Ich mein’ nit!“

„Dann is ’s recht, dann is ja all’s recht, da sag’ ich nix mehr, als

unser Herrgott lass’ euch lang’ glücklich und zufrieden miteinander

hausen! Und a wahre Freud’ is mir auch, daß d’ mir d’ Ehr’ erweist und

kommst, dich anschau’n lassen, von so weit her. Soll ein ornd’lich

Stuck Weg sein von Föhrndorf, hab’ ich mir sagen lassen? Aber is ’s

denn auch d’ Möglichkeit, daß d’ schon da vor mir stehst, wo ich kaum

’n Brief von dort in Händen hab’? Sag mir nur, wie kommst denn her in

derer Schnell’n?“

„Mit der Eisenbahn. Mit’m Schnellzug bin ich bis zur Kreisstadt. Da

flieg’n dir nur d’ Zäun’ und Bäum’ und Häuser vorbei, daß dir völlig

schwindlig wird und kaum hast Zeit breit niederz’sitzen, so heißt’s

schon wieder aussteig’n.“

„Schau, schau, so is dös mit der Bahn? Hab’ mir viel davon erzählen

lassen, aber mein Lebtag noch keine probiert. Da is ja bald d’

G’schicht’ von dö Sieb’nmeil’nstiefeln kein’ Lug’ mehr! Ja, ja, wann

sich der Mensch fürs erste auch nur vorfabelt, wonach er Begehr tragt,

spater fangt er an dran herumz’sinnieren und ’s laßt ihm kein’ Ruh’,

bis er ihm zun wenigsten nah’kommt. Schau einer, dö Bahn, ja, dö Bahn!“

Er nickte paarmal vor sich hin, dann hob er plötzlich den Kopf. „Je,

was wollt’ ich denn noch Red’ haben? Worauf war’n wir z’letzt?“

„Auf der Eisenbahn.“

„Eh, Eisenbahn! Vorher?“

„Über d’ Leni sein wir einig word’n.“

„Ja, ja, bin schon drauf! Aber da siehst es, du hast es, wie man

doch im Alter oft ganz verwirrt werden kann! Heut nimmt’s mich auch

gar nit wunder, der Kopf tut mir schon weh; seit der Fruh schießen

die Sackermenter Löcher in d’ Luft, zuvor haben sie’s auf eine Weil’

eing’stellt, jetzt heben sie wieder damit an, man kann kein gescheit

Wort reden -- -- Jesus und Joseph!“ schrie er auf und fuhr mit beiden

Händen nach den Ohren, denn von der Anhöhe donnerten zugleich beide

Pöller und Schlag darauf krachten alle Pistolen im Hofe los.

Danach ward es stille, man sah auch, daß sich die Leute verloren.

„Jetzt geht’s ans Fressen,“ sagte aufatmend der Alte, „nun geben s’

für eine Zeitlang Ruh’! -- Ja, mein lieber Grasbodenbauer, +das+

wollt’ ich bereden, daß dich wohl befremden mag, daß die Dirn’ nix

mitkriegt, aber so leid mir g’schieht, ich kann nit! Mußt mich

der’wegen für kein’ alten Scharrz’samm’ halten und mir auch nit bös

sein, daß ich dir nit klarmachen kann, was mich da verpflicht’t und

bind’t; aber es is ein’ G’wissenssach’, wohl ein G’wissenssach’, daß

ich mein’ andern Kindern ihretwegen nix entziehen darf.“

„Müh’ dich nit, Reindorfer. Ich nähm’ ja die Sach’, wie sie liegt, aber

aufrichtig, ich weiß eh’, wie sie steht und, als ehrlicher Mon, brauch’

ich wohl nit erst z’sagen, daß ich s’ auch bei mir b’halt’. D’ Leni hat

mir nix verheimlicht, sie hat mir all’s anvertraut, was sie angeht.“

„So, so? Schau, schau! das hätt’ sie doch lieber auch bleiben lassen

können! Nun halt, eigentlich hat sie wohl recht g’habt, zwischen Mann

und Weib soll nit die geringste Heimlichkeit bestehn, da soll jed’

Herzfalterl offen liegen; aber ich steh’ halt jetzt schön sauber vor

dir da!“

Der Grasbodenbauer schnitt ein einigermaßen verlegenes Gesicht, ehe

er polternd herausfuhr: „Na, wie denn auch?! Mein Gott, du bist nit

schlechter wie der heilig’ Joseph, der Nährvater.“

Der Alte blinzelte ihm einen lustigen Blick zu. „Du, du! Wirst dich

schier mit mein’ Namenspatron zerkriegen, wann d’ so despektierlich von

ihm red’st.“

„Nein, nein, mußt erst mein Meinen anhör’n! D’ Heiligen sind einmal

auch nur menschliche Leut’ g’west, wovon jeder auf sein’ Art und Weis’

is heilig word’n und heut noch in seiner Art a Vorbild gibt und in

seiner Weis’ Fürbitt’ leist’t; drum wissen wir gut -- so viel ihrer

sind --, nach welchen wir sich zu richten und an wen wir sich z’ halten

haben und drum is auch nit jeder Heiliger ein’m jedem seiner! Wirst

mich wohl verstehn?“

„Versteh’ dich schon. Wo aber keines Vorbild und Fürbitt’ mehr

zureichen will, da kommt’s bei jedem auf der krumm’ Schusterin in

unsern Ort ihr’ Red’ h’naus. All’n Heiligen sagt s’, bin ich umsonst

’kommen, jetzt muß einmal unser Herrgott dran!“

Der Grasbodenbauer lachte. „Ei, weißt, lassen wir die Heilig’n, ich

werd’ dir’s unheilig sag’n.“

„Ist mir eh’ lieber.“

„Hör mich an, Reindorfer und nimm mir kein Wörtel für übel, bevor

ich ausg’red’t hab’. Es is nit jedem geben, sich drein z’schicken,

in was du dich, und in derselben Sach’ is auch der Leut’ Urteil gar

verschieden, denn da schaut jeder mit selbeigene Augen. Es gibt

ein’, die offen über so was lachen, und andere, die sich heimlich

schadenfreuen, ich für mein’ Teil find’ gar nix Spaßhaft’s dran, denn

nur selten möcht’s, wie da g’schehn is, ein’m Kind zu nutz’ ausgehn,

und viel eh’nder für alle häuslich Zucht und Ehr’ ein abträglich

Beispiel geb’n, drum hüt’ ich mich wohl, daß ich dich ’n andern zun

Vorbild aufweis’.“

„Davor hüt’ ich mich selber. Hast recht, wenn ich mich auch gleich kein

bissel für mich z’ schämen brauch’, so was muß in der Ausnahm’ bleiben;

so Beispiel’, worüber d’ Welt von alle geweisten Weg’ abbiegen möcht’,

die taugen nit.“

„Ich weiß aber auch, die Menschen sein kein’ Gartenhecken und d’

allg’meine Schicksamkeit is kein’ Buchsscher’, mit der man alle z’samm’

fein sauber nach der Schnur zustutzen kann, und jeder gilt auch an

seiner Stell’ und in seiner Art, und da sag’ ich dir, dich lieb z’

g’winnen, könnt’ mir völlig g’nüg’n, daß die Leni, die Dirn’, dein

Kind sein will und kein’m andern sein’s! Du stehst aber auch als der

hochachtbarige Mon vor mir, der über sie gewacht hat von klein auf

und in schweren Stunden, allweil sorglich, daß sie Kopf und Herz af’m

richtigen Fleck b’halt und das gedenk’ ich dir, Vater Reindorfer,

solang mir unser Herrgott ’s Leben schenkt!“

Der Alte sah mit feuchten Augen freundlich auf, dann nickte er ernst.

„Es ist nur der Dank, was mich freuen tut,“ sagte er, „blieb’ er weg,

müßt ich’s auch zufrieden sein, es ist doch nur Pflicht gewesen.“

„Pflicht?“

„Ei, jawohl! Schickt man sich auch anfangs hart dazu an, später bleibt

man darauf, es ist die einzige Weis’, wo man sich selber fühlt als

zu Nutz und zu Recht auf der Welt. Wenn es bei Leuten, die am Wasser

wohnen, ein Gut anschwemmt, da denkt vielleicht der eine des Gewinnes

wegen: Ich nehm’ es! Und der andere der Schererei halber: Ich lass’ es

liegen! Und das denken sie wie ein Dieb und ein Verderber; recht wird

es wohl sein, wenn ich es vorsorglich aufbehalte bis auf den Tag, wo es

mir wieder abgefordert wird.“

„Wer aber könnt’ dir über das Kind Rechenschaft abverlangen?“

„Gott, und wenn selber der nicht, meine eigene Ehr’ und mein Menschtum.“

Kaspar sah den Alten mit großen Augen an und verhielt den Atem,

doch spielte ihm um die Mundwinkel ein verstohlenes Lächeln. Wenn

Reindorfer sich auf einen Scherz was zugute tat, so brachte er ihn mit

zusammengezogenen Brauen und zwinkernden Augen vor, und wenn er eine

ernste Rede besonders bekräftigen wollte, so schlug er mit der Rechten,

drei Finger offen und zwei eingeknickt, einen ganz kurzen Auftakt.

Das beides hatte Kaspar auch manchmal an Leni bemerkt und das machte

ihn nun schmunzeln, dann aber nickte er ernst und sagte: „Du denkst

rechtschaffen, wie nit bald einer.“

Eine Magd kam erhitzt herbeigelaufen und schrie: „Bauer, kommen sollst,

abgehst ihnen!“

„Gleich komm’ ich.“ Er erhob sich langsam und sagte zu Kaspar: „Willst

vielleicht mit h’nein, die Brautleut’ anschau’n und dich ihnen zeigen?“

„Aufrichtig, Reindorfer, wann dir nit dran g’legen is, so unterließ’

ich’s lieber.“

„Mir liegt gar nit daran, es ist zwar mein leiblicher Sohn, von dem

ich’s sag’, aber es ist nit gut mit ihm umz’gehen. Wenn die Mahlzeit

vorüber sein wird, schreib’ ich ein’ Brief an die Leni und bring’ auch

gleich meine Einwilligung zu Papier, ich möcht’ gerne, daß d’ allbeides

mit dir nehmen und damit aufweisen kannst, du wärst hier gewesen und

nit unverrichteter Sache weggegangen.“

„No, heut, an dein’m Sohn sein’ Ehrn’ntag, wirst wohl kaum Zeit und

Ruh’ dazu finden.“

Der Alte schüttelte den Kopf. „Mir ist’s ein Tag wie ein anderer;

gut, wenn ich mich seiner nit noch einmal übel erinnern muß! Daß

ich’s dir nur sag’, die Leni, die ist mir das Liebste von meinen

Kinder, die andern ... hebst nit viel Ehr’ mit der Verwandtschaft auf,

Grasbodenbauer, besser, du halt’st s’ von dir fern.“

Kaspar faßte teilnehmend seine Hand. „Du red’st von dein’ eigenen

Kindern!“

„Von meinen eigenen. Es mag am End’ doch leichter sein, fremde zu

erziehen, an denen einem das Gute weniger Freud’ und das Schlimme mehr

Unlust macht. Bei meinen eigenen Kindern hab’ ich’s verfehlt, soll

noch was Rechtes aus ihnen werden, muß jetzt Schicksalshärte statt

Vatershärte über sie; ich hab’ g’meint, die brauchten keine besondere

Nachhilf’, um nach uns, nach den Eltern zu arten, nun zeigen sie ein

trutziges, verstocktes Wesen, nehmen, was ich für sie tu’, nicht

anders, als müßt’ es sein und haben kein Herz dafür, -- kein Herz!“

Er sah eine Weile stumm zu Boden, einmal schnupfte er auf, dann hob

er den Kopf und sprach in gleichem Tone wie zuvor weiter zu Kaspar:

„Es ist mir recht unlieb, daß d’ gerade heut hast kommen müssen,

mitten in den Wirrwarr hinein, wo man dir nit die geringste Ehr’ antun

kann, wo d’ bei uns keine Unterkunft find’st, ja nit einmal Roß und

Wagen einstellen kannst, da schon welche frei im Hofe herumstehen

müssen. Ich denk’, das Gescheiteste muß sein, du laßt dich nach dem

Gemeind’wirtshaus fahren und verhalt’st dich dort. Ich werd’ schon

hinkommen und dir das Versprochene bringen; so brauchst nimmer her in

das Getös und Gesäus.“

„Was fallt dir ein, Reindorfer? Was d’ so freundlich warst, mir z’

versprechen, das werd’ ich mir abholen; ich werd’ doch dich alten Mann

nit hinter mir jungen herlaufen lassen!“

„Ah, beileib’, es ist ja nit gar weit, nur ein Sprüngerl, und wenn ich

mein’ Stock hab’, so bin ich noch recht gut zu Fuß.“

„Mir macht ’s aber gar keine Umständ’, ich hol’ mir’s gern.“

„Nein, ich komm’ hin, ich lass’ mir’s einmal nit nehmen, ich komm’

hin,“ sagte eigensinnig der Alte.

Der Schandfleck · 第 24 / 33 题