Darüber trug es sich zu, als Madalen’ das viel umfangreichere Bündel
zuschnürte, daß Burgerl noch neben dem ihren kauerte, an dem erst zwei
Zipfel des Einbindtuches verknotet waren, während sie den dritten in
der geballten Hand und den vierten krampfhaft zwischen den Zähnen
hielt. Als jetzt der Großvater vom Flur heraufschrie: „Seid’s fertig?
Wir wär’n ’s!“ da schlang sie schnell den Knoten, raffte das Bündel auf
und rannte zur Türe hinaus.
Leni warf sich das Bündel über den Rücken.
„Aber laß doch --,“ sagte Kaspar, indem er auf sie zutrat, um es ihr
abzunehmen.
Sie wehrte ab. „Heut bin ich noch Dirn’ und du der Herr,“ damit schritt
sie voran.
Der Bauer wußte es nicht zu sagen und suchte auch keine Erklärung
dafür, warum er sich scheute, an das Mädchen zu rühren und ihm das
Bündel abzuringen, wobei er doch nur viel Spaß und wenig Mühe gehabt
hätte. Er folgte ihr ernst und gemessen nach.
Im Hausflur wartete die alte Sepherl und raunte Leni zu: „Gratulier’
dir auch schön! Und, gelt nein, mein Reden, das der Dirn’ vermeint war,
wird mer doch d’ Bäu’rin nit nachtrag’n? Gelt nein?“
„G’wiß nit, Sepherl, hast’s ja auch nit schlecht gemeint.“
Im Hofe sah sie das übrige Gesinde stehen, sie nickköpften alle,
mancher mit hochgezogenen Augenbrauen und offenem Maul, es gab lauter
erstaunte Gesichter, aber kein unfreundliches, und als sie ihr Bündel
dem Mathies übergab, da nickte er ihr fast vergnügt zu. Volksgunst
hält sich, wie im großen, so auch im kleinen an den Erfolg und darin
liegt ein gutes Stück gesunden Denkens, welches nur da falsch schließt
und verderblich wird, wo der Erfolg in seinen Mitteln und Zwecken
unmoralisch, oder der Person und der Sache nach ein unverdienter ist.
Alle, die Magdalenen abgünstig waren, seit es hieß, sie habe es auf
den Bauer abgesehen, schienen jetzt anderen Sinnes, wo sie eben das
erreicht hatte, was zu erstreben man ihr für übel genommen.
Als sie nun, die Letzte, in den Wagen steigen sollte, da umschlang
Kaspar, wie von einer plötzlichen Wildheit erfaßt, mit beiden Armen
ihre Hüfte und schwang die Erschreckte auf den Sitz. Sie stieß einen
leichten Schrei aus. „Hab’ ich z’ grob zug’griffen?“ flüsterte er.
„Schau, ich konnt’ mer nit helfen, anfassen mußt’ ich dich und halten,
auf daß ich glaub’, daß d’ mein bist, und auch du merkst, daß d’ mir
nimmer auskannst.“
Sie reichte ihm, vor sich niederblickend, die Hand. Der Wagen setzte
sich langsam in Bewegung und der Bauer schritt nebenher bis zum Tore.
Dort sahen sich die beiden Scheidenden tief in die Augen und trennten
zögernd die Hände. Man rief und winkte sich Abschiedsgrüße zu, bis das
Wagengerassel die Rufe übertönte und man sich an einer Straßenkrümmung
jäh aus dem Auge verlor. Der Bauer blieb horchend an der Stelle stehen,
bis ferne jedes Geräusch erstorben war, dann kehrte er auf den Hof
zurück und begann ein lustiges Schelten, geschäftiges Anordnen und
rühriges Selbstzugreifen.
„Ah, halt ja,“ sagte halblaut der Heiner, „hitzt g’freut ihn erst ’s
Leb’n.“
* * * * *
Gar stille war es auf dem Wägelchen geworden. Leni saß mit
halbgeschlossenen Augen, die gefalteten Hände im Schoße, zwischen
Wachen und Träumen.
Erst als das Dorf hinter ihnen lag und sie in den Föhrenwald einfuhren,
wandte sich der alte Bauer an das Mädchen: „Möcht’st etwa ’n Brautstand
über lieber bei dein’ Leuten bleiben?“
Sie schüttelte den Kopf. „’m Vater z’lieb’ schon, aber ’n Geschwistern
trau’ ich nit, sie könnten ihm und mir d’ Freud’ verderben.“
„Dann bleibst af mein’ Hof, bis dich der Kaspar als Bäu’rin af sein’
holt, Ich gönn’ dir’s.“
Er hatte seine Rechte bekräftigend auf beide Hände Lenis gelegt und
konnte es nun nicht wehren, daß diese zufaßte und seine Hand an die
Lippen führte.
Er machte sich frei und streichelte den Scheitel des Mädchens. „Dir
gönn’ ich’s.“
Und Hiesl nickte dazu. Wohl, wohl!
Wieder fuhren sie schweigend eine Strecke.
Da rückte Burgerl nah und lehnte ihre Wange an die der Freundin.
„Leni-Mutter,“ flüsterte sie.
Ein Schauer, unter dem sie zugleich aufseufzte und lächelte, befiel
Magdalene, sie drückte das Kind an sich und küßte es. Und so in sich
geschmiegt, wie verschüchtert und demütig, blieb sie sitzen, als säße
all das Glück, so groß es war, ihr zur Seite und sie müsse sich klein,
recht klein machen, daß es Platz fände.
Sachte fuhr der Wagen dahin, lautlos kreisten die Räder über der
dichten Decke gefallener Nadeln, die zu Füßen der hohen Föhren lag.
* * * * *
Als der Grasbodenbauer abends in seine Stube trat, streckte er sich
sofort breit und behaglich auf einen Stuhl; er gestand sich, daß er
müde sei, wie nie, und sich wohl heute in seiner Frohmütigkeit ein
wenig übernommen haben dürfte.
Und als er so saß, begann er an das zu denken, was er erlebt und
erfahren hatte, und von dem zu träumen, was er nun erleben und erfahren
würde. Und da tauchten plötzlich, nah’, wie lebendig, die beiden
braunen Augen vor ihm auf, in die er heute beim Abschiede so tief
hineingeguckt; selbst, wenn er die seinen schloß, blieben sie in ihrem
heimelnden Blinken und herzlieben Geschau bestehen. Lächelnd schloß er
öftere Male die Augen.
Überdem war es stockdunkel geworden und Sepherl, die Licht brachte,
unterbrach ihn in diesem Spiel.
Er erhob sich vom Sitze und hatte nun das Madonnenbild an der Wand
gegenüber, gerade vor sich.
Die Madonna war braunäugig.
„Hat s’ ein Öl?“ fragte der Bauer, indem er auf das Lämpchen hinwies,
das an der unteren Leiste des Rahmens angebracht war.
„Wohl,“ sagte Sepherl, „’s is von letzthin noch ein’s drein.“
„Dann is ’s schon recht.“
„Willst denn aufzünden?“