Da lud diese es auf die Schulter, das wackelnde Köpfchen auf der
Achsel, die schlaffen, baumelnden Ärmchen über dem Rücken, eilte sie
die schmalen Steige dahin.
„O, was ich dir Beschwer mach’, Leni,“ klagte das Kind.
„Sag lieber, ich hätt’ können g’scheiter sein. Steh’ und dreh’ mich da
auf +ein’m+ Fleck und find’ kein Weiterkommen, red’ hin und red’ her,
wo ich dir doch anmerken konnt’, es taugt nit, ich dumm’s Ding, ich!“
Eine Strecke Weges schalt Magdalene sich selbst, da flüsterte ihr
Burgerl ins Ohr: „Mußt dir nit nah’ tun, -- tu dir nit nah’, -- nur
bleib du bei mir.“
„Wir bleiben schon zusammen, Burgerl!“
Der Hof lag in mittäglicher Öde, Magdalene erreichte ungesehen das
Dachstübchen, sie ließ die Kleine aus ihren Armen auf das Bett gleiten,
da stand sie erst mit fliegendem Atem, die Hände an die Brust gedrückt,
in der das Herz heftig pochte, dann zog sie sich einen Stuhl heran und
setzte sich und faßte die Hand der Kranken.
„’s g’schieht nimmer,“ sagte sie.
Gegen Abend trappelte es die Treppe herauf, ein langer, hagerer Mann
mit eingesunkener Brust schob sich zur Türe herein. Die welke Haut
seines Gesichtes spannte sich über seinen Backenknochen, er trug eine
Brille auf der Nase und auf dem Kopfe mit dem spärlichen, weißen Haare
saß eine Tuchkappe, an der war auch die Unbill der rauhen Jahreszeit
vorgesehen, eine Handbreit Stoff war aufgeklappt und eingeknöpft und
wenn man die aufknöpfte und herabzog, so schloß die Mütze wie ein Helm.
„Ei, wieder im Bett? Hm, hm,“ hüstelte der Alte.
„Ja, da ist wohl heute nichts für Euch zu tun,“ sagte Magdalene, „wenn
Ihr der Schulmeister seid?“
„Bin ich, und Sie ist wohl die Neue? Ja.“ Er griff sofort wieder nach
der Türklinke. „Hm, hm, wenn aber immer gestern nichts war und heut
nichts ist und morgen nichts sein wird, hm, hm, so holt sie mir nie die
andern ein, hm, und wenn sie zurückbleibt, gibt der Grasbodenbauer dann
mir die Schuld, hm, hm, und mein Stundengeld sieht, unverdient, einem
Almosen gleich wie ein Ei ’m andern. Hm!“
Brummend schob er sich zur Türe hinaus.
Nach dem Lehrer kam noch der Grasbodenbauer herauf, nachsehen, nach
ihm die alte Sepherl, die das Abendessen heraufbrachte, dann blieb es
stille im Kämmerlein und ward allmählich dunkel.
„Burgerl,“ sagte Magdalene, „es irrt dich wohl nit, wenn ich ein Licht
anzünd’ und du leihst mir wohl dein Schreibzeug und schenkst mir ein
Fleckl Papier?“
„Das erste irrt mich nit,“ antwortete Burgerl, „’s eine Andre leih’ ich
dir gern und vom anderen Andern nimm dir, wieviel d’ brauchst.“
„Ich muß doch nach Haus schreiben, daß meine Leut’ wissen, wo ich
verblieben bin. Mein Vater, der steif und fest glauben muß, ich sei
jetzt zu Wien, wird sich wohl wundern, wenn er mit einmal ein’ Brief
von ganz fremd woher kriegt.“
Als sich Magdalene alles zurecht gestellt und gelegt, saß sie beim
flackernden Kerzenlichte und sann. Es war der erste Brief, den sie in
ihrem Leben selbständig zu schreiben hatte, denn in der Schule hatte
sie wohl auch „im deutschen Aufsatz“ Briefe zu schreiben „aufgekriegt“,
aber da hatte immer das Buch und der Lehrer nachgeholfen.
Jetzt mußte sie allein mit sich schlüssig werden, was sie zu schreiben
habe, -- das war die „Aufgabe“, -- wie sie es zu schreiben habe, daß
es auch recht herauskomme, -- das war der „Stil“, -- wie jedes Wort
geschrieben werde, -- das war die „Rechtschreibung“, -- und wie jeder
Buchstabe, -- das war das „Schönschreiben“. Ja, es ist wohl gut, wenn
eines was gelernt hat, aber man sollte es nicht glauben, was man zu so
einem Briefe alles braucht!
Sie krümmte den Oberkörper über die Tischplatte, kniff die Lippen
zusammen und krampfte die Finger um die Feder. Anfangs achtete sie
nicht auf die kleinen Falter und Mücken, die, von der Flamme gesengt,
auf das Blatt fielen, seit aber solch ein verunglücktes Insekt sich
in den nassen Schriftzügen gewälzt und hinter sich mit den genetzten
Flügeln eine Straße gezogen hatte, blies sie ärgerlich all das
Ungeziefer hinweg.
Mit der ersten Seite war sie zustande gekommen. Den angefangenen
Satz schon fertig im Kopfe, das nächste Wort schon in der Feder,
saß sie ungeduldig; die Schrift wollte nicht trocken werden, die
Schattenstriche waren ihr gar zu gut geraten. Sie faßte das Blatt
und fuhr damit behutsam über der Kerzenflamme hin und her, bis kein
Buchstabe mehr blinkte, dann schrieb sie weiter. Mit der zweiten Seite
endete auch der Brief, sie seufzte froh auf, als sie ihren Namen
unterfertigte; nun galt es nur noch das Blatt zusammenzufalten und die
Adresse darauf zu schreiben.
Wieder fächelte sie damit über dem Lichte, einen halben Blick tat
sie dabei nach dem Fenster; außen am Nachthimmel brannte in heller,
freundlicher Lohe ein Stern.
Lieb’ Sternderl, du leucht’st jetzt wohl auch daheim über unserm G’höft
und spiegelst dich in dem Wasserstreif, der der Mühl’ zuschleicht ...
„Jesus!“
Das Papier war so geduldig gewesen, wie es ihm zugeschrieben wird, es
hatte sich braun sengen lassen, aber jetzt flackte es auf und brannte
hell.
Entsetzt starrte Magdalene darauf hin, es fehlte ihr fast an Atem, die
Flamme auszublasen. All die schwere Mühe war umsonst gewesen! Tränen
des Unmuts traten ihr in das Auge, als sie nun abermals nach der Feder
griff, denn verschieben durfte sie es nicht, heute schickte sich just
Zeit dazu, wer weiß, ob morgen wieder? Ach, und so gut wie er ihr aufs
erstemal geraten, gerät ihr der Brief wohl auch nimmer!
14.
Tag reihte sich an Tag und Woche an Woche. Seit das Kind mit einer
älteren, überlegenen Gespielin im Verkehre stand, diese täglich lieber
gewann und auch seinethalben bedacht und besorgt wußte, ward es
zusehends beruhigter, die widrigen Anfälle traten minder häufig und
heftig auf, dafür hing aber auch Burgerl wie eine Klette an Magdalenen
und diese behielt wenig Zeit für sich, und das hatte wieder für sie
sein Gutes; die stete Bedachtnahme auf die Kleine, das Hineinleben in
die neuen Verhältnisse und Vertrautwerden mit denselben beschäftigte
sie vollauf, und ganz von der Gegenwart in Anspruch genommen, fand sie
keine Muße, sich um die Zukunft zu sorgen, oder die Vergangenheit,
wenn sie selbe auch nicht vergessen konnte, sich zu vergegenwärtigen
und Gedanken darüber nachzuhängen, und wenn, nach einem innersten
Herzwinkel zurückgedrängt, auch manchmal in nächtlichen oder wachen
Träumen das Vergangene schmerzend dort aufzuckte, so deckte doch der
Tag mit seiner satten Farbe das matte Traumbild und das unmittelbare
Empfinden verscheuchte das träumerische Erinnern.
Magdalene hatte nur jene Stunden für sich, während welcher der Lehrer
mit Burgerl sich abmühte, die Anzahl derselben war aber in der letzten
Zeit vermehrt worden. Lange schon hatte der Alte geklagt, daß das
Kind so wenig aufmerke und so schwer in der Stube zu halten sei, aber
in seiner Unbeholfenheit hatte er sich nur Knechten und Mägden auf
dem Gehöfte und Leuten im Orte anvertraut, die alle ihm weder helfen
konnten, noch wollten und seine Aussage nur als willkommenen Stoff zu
Klatsch benutzten, um dem reichen Bauer hinterrücks eins aufzuhängen,
die einen gaben ihm schuld, daß er das Kind verwahrlosen lasse, die
andern fanden ihn dadurch bestraft, daß dieses ganz und gar „deppig“
sei und wohl auch sein Leb’lang bleiben werde; wodurch er die Schuld
auf sich lud und wofür er die Strafe trug, darüber zerbrachen sich
allerdings weder die einen noch die andern die Köpfe. Ganz zuletzt kam
dem Lehrer der Einfall, der vielleicht jedem anderen zuerst gekommen
wäre, sich an den Vater seiner nachlässigen Schülerin zu wenden, aber
für den ängstlichen Mann war es eben kein Kleines, dem Angesehensten im
Orte und weit in der Runde zu sagen, dein Kind ist weniger anstellig
als der nächstbeste Kleinhäuslerrange, der mir mit bloßen Füßen in die
Schulstube gerannt kommt.
„Nichts für ungut, Grasbodenbauer,“ sagte er denn eines Tages, „aber
ich kann dein’m Dirndl kein Vakanz mehr verstatten, hm, hm, es ging
wider mein Gewissen, sie bleibt mir hinter alle zurück, hm, hm, und
wenn du sie prüfen ließest und sie bekäm’ ein schlecht’ Zeugnis, das
wär’ mir eine ewige Schand’, hm, hm, ja, denn wie rechtschaffen du mich
für mein’ Sach’ bezahlst, möcht’s schier aussehen, als käm’ ich nicht
dafür auf, hm, hm, und da tät’ ich wohl bitten, du verhielt’st mir’s
dazu, daß sie auch an Donnerstagen und Sonntagen Lehrstunden nimmt, hm,
hm, mich reut die Müh’ nit und du brauchst’s nit extra z’lohnen.“
„Weißt, Schulmeister,“ sagte der Bauer, „das fiel’ mir nit bei, daß
ich dich anschuldigen möcht’, als verstünd’st du dein’ Sach’ nit, wann
dir’s gleich bei derer Teuxelsdirn’ fehlschlaget. Das Köpfel wär’ nit
so schlecht, das weiß ich, aber Sitzfleisch is kein’s da, das weiß ich
auch, und streng sein fleckt da nit, ich dankte Gott, vertrüg’ sie
wie ein anders ein’ Tracht Schläg’; aber du weißt ja! No, daß wir von
der Sach’ reden, was übers Bedungene hinausgeht, das kann ich mir nit
schenken lassen und da drüber würden wir uns wohl einigen, ich frag’
dich nur, ob du glaubst, daß du in derer Weis’ was richt’st?“
Der Schulmeister beteuerte seinen guten Glauben, in der Weise wohl
etwas richten zu können, und der Grasbodenbauer war es zufrieden.
Burgerl zog freilich sauere Gesichter, wenn sie nun jeden Donnerstag
den Alten zweimal die Treppe heraufstampfen hörte und wenn er sich gar
Sonntags bald nach Tische einstellte, aber an dem Vormittage mußte
er sie wohl frei geben, denn da hatte er in der Kirche die Orgel zu
spielen, oder, wenn ein Hochamt war, die Geige zu streichen, wozu die
andern zu Ehre Gottes darauf los paukten und trompeteten, als ob sie
des Teufels wären.
Vier Wochen waren verstrichen, seit sich Magdalene auf dem Gehöfte des
Grasbodenbauers befand, wieder war es Sonntag geworden, rings lag alles
in feiertäglicher Ruhe, ein Teil des Gesindes, der den Nachmittag frei
hatte, war gleich nach dem Mittagessen auf und davon gegangen, der
andere Teil, der heim bleiben mußte, zerstreute sich und zogen sich
die einzelnen oder ihrer etliche zusammen nach einem schattigen Winkel
zurück. Mägde vertrauten sich ihre Heimlichkeiten an, sagten sich alles
Schöne und anderen alles Üble nach, besonders den gottlosen Buben,
und diese hielten es ganz gleich mit den „verhöllten“ Dirnen. Von den
einzelnen ging müßig, wer dazu Lust hatte, wer sich aber Arbeit wußte,
der beschäftigte sich nützlich, manche Dirne setzte ihre schadhaften
Kleidungsstücke sorglich instand und tat dann wohl auch ein übriges für
die ihres Schatzes, und dieser, wenn er sich anders darauf verstand,
Schuhzeug zu nageln, vergalt ihr an den Füßen, was sie ihm an den
Armen, auf dem Rücken, oder sonst wo, gebessert. Alle aber erfüllte der
tröstliche Gedanke, daß sie, die Heimbleiber von heute, über acht Tage
die Herumtreiber sein werden, und das Vergnügen, das sie sich davon
versprachen, kosteten sie schon jetzt vor.
Als der Lehrer in Burgerls Stübchen trat, nahm Magdalene eine Näharbeit
mit sich, stieg die Treppe hinab, um in den Garten zu gehen, unten im
Flur angelangt, sah sie den Bauer an dem Türpfosten lehnen.
Ja, wie sie mit dem Grasbodenbauer daran war, das wußte sie nicht. In
der ersten Woche hatte die alte Sepherl, die gerade an Hüftweh litt,
sie gebeten, ein Schaff Wasser nach der Küche zu tragen; das Schaff
war groß und trug sich schwer, der Bauer, der nahe stand, trat rasch
hinzu, wollte anfassen und es mit ihr zu zweien tragen, aber Magdalene
wollte sich nicht um alle Welt untüchtiger wie das alte Weiblein
zeigen, das sich so oft damit schleppen mußte, daher sagte sie lachend:
„Aber was dir nur einfallt, Bauer, wirst mir doch nit helfen wollen
des klein Lackerl Wassers wegen? Bei der alten Sepherl kommst nie auf
den Gedanken.“ Der Bauer errötete und lachte auch, dann aber sah er
sie ernst an und sagte: „Weißt, weil dir solch’ Arbeit nit zukommt,“
damit wandte er sich ab und seither, wenn sich auch Gelegenheit dazu
schickte, war er ihr nie mehr beigesprungen und sprach nur wenig mit
ihr, freilich dieses Wenige so freundlich, wie es den meisten Leuten
gegenüber seine Art war. Ließ er sie sich nur Burgerls wegen auf seinem
Hofe gefallen und stand sie ihm weiter nicht zu Gesicht?
Anders verhielt sich’s mit Heiner, dem Großknechte, den Burgerl so
gerühmt hatte, der ließ es Magdalene gleich nach den ersten Tagen und
seither bei jeder Begegnung merken, daß er ihr nur zu gut wäre, und
darum wich sie ihm immer sorglich aus.
Der Bauer also, mit dem sie sich nicht aus wußte, lehnte an dem
Türpfosten, als er sie jetzt herankommen hörte, wandte er sich nach ihr
um.
Es dünkte ihr nicht schicksam, so ganz ohne Ansprache an ihm
vorbeizuschlüpfen, sie deutete hinter sich nach der Treppe und sagte:
„Der Lehrer is oben.“
„Ich weiß’s,“ sagte er, „und wart’ eb’n auf dich.“
„Ei, du mein,“ verwunderte sie sich.
„Komm mit, ich will mit dir von der Burgerl reden.“ Er schritt des
Weges voran.
In der Nähe des Gartentürchens stand der Heiner und lugte über den
Zaun. Obwohl er zu denen gehörte, die heute sich auswärts umtun
konnten, hatte er doch bis jetzt auf dem Hofe sich herumgetrieben;
als er nun Magdalene mit dem Bauern hinter den Bäumen verschwinden
sah, fluchte er leise und wünschte letzterem unterschiedliche, meist
gesundheitsschädliche Zufälle an den Leib. Unmutig wandte er sich ab.
Da schallte vom Brunnen her ein lautes Lachen, die Traudel, die
halbblöde Stalldirne, saß dort auf dem Troge, sie hatte alles mit
angesehen und lachte und wies dabei wiederholt mit steifem Finger nach
dem Garten.
Schon fuhr Heiner mit dem Arme aus, aber er besann sich, begnügte sich,
vor ihr auszuspucken und ging mit langen Schritten über den Hof zum
Tore hinaus.
In der Mitte des Gartens befand sich eine Laube, deren dichtes
Rebengrün einen Tisch und zwei Bänke beschattete, auf einer derselben
nahm der Bauer Platz, die andere wies er Magdalenen an.
„Brauchst darüber nix zu versäumen,“ sagte er, indem er nach ihrem
Nähzeuge deutete, „das verlang’ ich nit, unter solch einer Arbeit kann
man ein’m ganz gut zuhören. Bist flink! Is recht. Daß ich dir also
sag’, weil du so rechtschaffen Anteil an mein’ klein’ Dirndl nimmst und
ihm in Wahrheit ein’ gute Kameradin bist, so is es wohl billig, daß
auch du weißt, was alle im Ort wissen, nämlich, wie das arme Waiserl
zu sein’m Siechtum gekommen is; das vergessen die Leut’ nur zu oft;
wenn sie ihm just ein Ungeschickt’s in Übel aufnehmen und im Unguten
bereden. Ich erzähl’s wohl nur ungern, aber du hast es um uns allzwei,
um mich und das Kind verdient, daß du von niemand andern davon zu
erfahren brauchst, und von mir hörst du auch nur das Wahre und nix
Dazugemacht’s.
Schwach war die Burgerl von dem Tage an, wo sie’s Licht der Welt
erblickt hat, aber trotzdem is sie alleweil g’sund g’wesen, bis vor
fünf Jahren. Ihr’ Mutter war um die Zeit krank, kränker als wir, die
Nächsten um sie, ihr angemerkt haben und als sie wohl selber gedacht
hat, nit, daß sie sich gelegt hätt’, aber das geringste Bewegen hat sie
gleich ermüd’t, und oft is sie taglang im Großvaterstuhl g’sessen, ohne
sich davon zu rühren. Wir haben in dem Jahr grad ein’ nassen Hochsommer
g’habt, ein abscheulich Wetter, das ein G’sundes hätt’ krank machen
können, mit einmal setzt’s aber doch aus und kommen ein paar Tag’, an
denen die liebe Sonn’ sich hervortraut und es recht freundlich g’meint
hat, und an ein’ Morgen zeigt die Bäuerin Lust nach Hinterwalden zu
ihr’n Eltern zu fahren, die kleine Burgerl wollt’s mitnehmen, und hat
mich gebeten, ich möcht’ einspannen lassen, ich war’s z’frieden, denn
ich hab’ denkt, die Fahrt könnt’ ihr zum Guten sein, und wie ich sie in
den Wagen gehoben und das Kind ihr zur Seit’ g’setzt hab’, da hat mich
nit entfernt ein’ böse Ahnung befallen.
Nach Hinterwalden haben’s ohne Anstand hingetroffen, die Bäuerin hat
ein’ Freud’ g’habt, wieder einmal ihre Leut’ z’ sehen, und die an
ihr und dem Enkelkind, und so war dort ein Verhalten, bis die Sonn’
angefangen hat unterzugeh’n. Wie sie aber auf der Herfahrt durch’n
Föhrenwald an die Stell’ kommen, wo die Straße eb’n ins Freie ausbiegt,
da wird der Bäuerin auf ein’ Schlag plötzlich so schlecht, daß sie ’m
Knecht zuruft, einz’halten, sie vertrüg’ ’s Fahren nimmer; der muß
halten, absteigen, sie aus dem Wagen heben und legt sie am Weg auf
ein’ Rasenfleck nieder. Die klein’ Burgerl is heulend hinterher g’rennt
und wollt’ nit von der Mutter lassen, was bleibt ’m Knecht über, als
aufsteigen und davonjagen, wenngleich d’ Pferd’ drüber zuschanden
gingen, daß er nur schnell die Kund’ auf’n Hof bringt.
Dieweil is aber die Bäuerin oben im Wald g’legen an einer Stell’,
wo tagüber kein Wagen, außer ein’ unsern, verkehrt, selten ein’
Holzklauberin sich blicken laßt und damal, wo es schon zu nachten
ang’hob’n hat, war’s dort gar schreckbar einsam. Da verfallt sie
plötzlich ins Sterben und das verschreckte Kind hat das mit ansehen
müssen, sieht sie da in Krämpfen liegen, bringt mit allem Jammern und
Schrei’n kein Wort mehr aus ihr heraus, merkt, daß die Mutter sie
nimmer hört, sie gar nimmer erkennt.“
Der Bauer drückte die Hand vor die Stirne, dann fuhr er fort:
„Bis wir eine Tragbahr’ instand g’setzt, ’n Bader g’rufen, andere Ross’
eing’spannt haben und dann mit’m Wagen und ’m nebenherrennenden G’sind
an Ort gelangt sein, da is das Kind auch noch dazu schon über eine gute
Weil’ allein mit der kalten Leich’ g’wesen, und von derselben Nacht an
schreibt sich das Übel, da haben wir’s aufg’funden und heimbracht in
dem Zustand, der sie bisher nit verlassen hat und auch nit verlassen
will!“
Magdalene hatte beide Arme mit dem Nähzeug in den Schoß sinken lassen
und sah zu dem Erzählenden auf. „Das is schrecklich, Bauer,“ sagte sie
leise, „das is ganz schrecklich.“
„Gelt? Ja, mein’ liebe Leni, wie das damal so mit eins auf mir gelegen
is, da is mir vorerst auch drunter der Atem ausgeblieben. Nun sagt
mer wohl, wie ’n Menschen leicht verdient’s Glück hochfährtig und
unverdient’s übermütig machet, so tät’ ihn auch verdient Elend reuig
und unverdientes trutzig machen, weiß’s nit, ’s muß dabei halt doch
drauf ankommen, wie dasselbe Glück oder Elend und der beschaffen is,
den es betrifft; ich hab’ nit gemurrt. Was half’s auch? Ließ’ mer ’n
Herrgotten nur als barmherzigen Vatern gelten, krieget der ärgst’
Sünder kein’ Streich, und gäb’ man ihm herentgegen die Strafrut’n in
die Hand, mit der er jedem, nit nur für Werk’, sondern auch um Wort’
und Gedanken aufmesset, dann wär’ keiner auf der Welt von d’ Schläg’
ausg’schlossen. Daß unser Herrgott dasselbe veranstalt’t hätt’, konnt’
ich nit glauben, es war halt ein Geschehnis und da bleibt nix über, als
daß mer sein bissel Vernunft z’samm’nimmt, es leid’t und tragt, und ich
hab’s gelitten und getragen bis ins kleinste; wenig Nächt’ zähl’ ich,
die ganzen fünf Jahr’ her, die ich nit sorglich wie ein’ Kindsdirn’ bei
der Klein’ zugebracht hätt’, denn die ein’ Mägd’ war’n ihr zuwider, die
andern haben sie gescheut und schau, just die Plag’ hat mir das Kind
lieber g’macht und in meiner Sorg’ find’ ich gleichzeit mein’ Trost.“
„Bist ein rechtschaffen braver Mann.“
„Weiß nix davon, das is so eins aus’m andern kommen. Anfangs haben’s
mir eing’raten, ich sollt’ d’ Burgerl wo nach einer Anstalt hingeben,
die ein g’schickter Arzt leit’t und wo jed’s sein’ rechte Pfleg’ und
Wartung hat, aber ich hab’ mir denkt, wann ich’s gleich in die Fremd’
schick’, die Sorg’ um sie bleibt mir doch daheim und wann sie etwa
’s Heimweh überkommt, so müssen’s mir’s ja wieder z’ruckschicken und
wann mit’n Jahren die Dirn’ zu Verstand kommt und sich sagt, daß ich’s
mit freien Willen von mir geben und bemüßt z’ruckg’nommen hätt’, so
entfremd’t mir’s das, aber so mag ihr jede Sorg’ und Plag’ erinnerlich
sein, ich besteh’ als rechter Vater vor ihr und vielleicht erkennt’s
dann mein’ Treu’.“
„O g’wiß, Bauer, die Burgerl schon!“
„So hab’ ich’s halt unter mein’ und der Leut’ Augen aufwachsen lassen
und hab’s keinem übel g’nommen, wenn er sich in sein’ Nöten damit
getröst’t hat, daß auch ’m Grasbodenbauer ein Kreuz aufliegt, das aus
kein’m leichten Holz ’zimmert is.“
„Das is aber geg’n ein Mann, wie du bist, recht grauslich von den
Leuten.“
„Ah nein, das is nur menschlich, der Jammer sucht sein G’spann, wie
die Freud’ den ihren, gewinnen tun freilich dabei nur d’ Bettelleut’,
denen schenkt man bei einer Leich’ wie bei einer Hochzeit. Wie g’sagt,
die traurige Tröstung, die einer für sein Not in der mein’ sucht und
find’t, die bered’ ich nit, ein anders aber ist’s, das mich kränkt, die
Bosheit und Schadenfreud’. Ich könnt’ wohl ’m ärmsten Holzknecht ’s
g’sunde Leben seiner Kinder neiden und in mancher Nacht hätt’ ich gern
mit ein’ solchem ’tauscht, doch nit ohne daß ich ihm vorm Handschlag
g’sagt hätt’, sieh dich für, was d’ tust, ’s könnt’ dich reu’n und
ich mag dich nit trüg’n; doch über mein Drangsal und der Burgerl ihr
Siechtum is im Ort herumgered’t word’n, als wär’s eine verdient und ’s
andere a Schimpf, und es geschieht doch kein’m leichter je schwerer
mir geschieht und es hebt doch keiner mehr Ehr’ mit sein’ Kind auf,
weil er mir das meine verschänd’t. So oft mer so a Bösartigkeit zu
Ohren ’kommen is -- und zu’trag’n wird’s ein’m ja, -- hab’ ich all’mal
Gott dankt, daß die Dirn’ kein Bub’ is, was hätt’ mer dann erst leiden
müssen, er und ich, wir all’zwei miteinander? So ist’s ein Dirn’,
schenkt ihr Gott doch noch ’mal die G’sundheit, kann sich alles zum
Guten schicken und sie ein’ braven Mon und der Grasboden ein’ rechten
Herrn kriegen, soll’s nit sein, dann mag sie, wann’s einmal allein
auf der Welt steht, ’s Anwesen verpachten oder verkaufen, es langt
reichlich, daß sie für all ihr Leblang nit zu sorgen braucht, bis dahin
aber muß ’s Ganz’ rechtschaffen z’samm’g’halten und verwalt’t werden;
wie schwer mir das bislang aufgelegen ist, wo ich beiher die Kleine
betreuen mußt’, das kannst du dir wohl denken, aber auch das, wie froh
ich jetzt bin, Kopf und Händ’ völlig frei zu kriegen, weil du da bist!“
Er langte hinüber und erfaßte die Rechte des Mädchens, die eben nach
einer Zwirnspule griff. Magdalene zog die Hand nicht zurück, nur, wie
um dem Drucke der fremden auszubeugen, spreitete sie die Finger so
flach über der Tischplatte aus, als es die Spule gestattete, plötzlich
aber diese hastig aufgreifend, schnellte sie die Hand des Bauers von
sich, und dieser erhob sich gleichzeitig, denn Burgerl kam durch den
Garten herzugelaufen.
„Vater,“ rief sie, „weißt schon, künftig’ Donnerstag is Kirchtag?!“
„Weiß’s, weiß’s ja ehnder. Was ist dabei Neu’s?“ fragte der Bauer.
„Nix nit,“ lachte Burgerl. „Aber gelt, Vater, du setz’st dich wohl
heuer auch wieder auf ein’ oder paar Stund’ zu’n großen Leuten ins
Wirtshaus?“
„No, hinschau’n muß ich wohl.“
„No, siehst, weil d’ einmal dabei sein mußt; könnt’st mer auch fein
gleich ein’ Kirtag[17] heimbringen.“
„Werd’ dran denken.“
„Aber der Leni auch.“
„Freilich, freilich, auf die werd’ ich doch nit vergessen,“ sagte der
Bauer und schritt hinweg.
„Burgerl,“ sagte nach einer Weile Magdalene, indem sie die Kleine an
sich zog und ihr mit beiden Händen über das krause Haar strich, „du
weißt’s wohl nit und kannst’s wohl auch noch nit wissen, was für ein’
kreuzbraven Mon du zu’n Vatern hast!“
„Weil er uns ein’ Kirtag mitbringt?“ fragte lustig Burgerl.
„Du Unend’,“ schalt Magdalene und zog die Hände von ihr zurück und
wollte sich just ernstlich erzürnen, wenn sie das vermocht hätte, dem
Schalk gegenüber, der aus den Augen des Kindes lachte.
15.
„Künftig’ Donnerstag is Kirchtag,“ das sagten sich alle im Orte, einer
dem andern, obwohl es jeder und jede wußte und es keinem gesagt zu
werden brauchte; das Alter dachte dabei seinen Spaß, die Jugend ihre
Lust zu haben und die Erwartung macht mitteilsam.
Am Frühmorgen des Tages, der dem Feste voraufging, kniete Magdalene an
einem Gemüsebeete, sie hatte Grünzeug ausgestochen, nun aber lugte sie
mit langem Halse zwischen den obersten, schwanken, schütteren Zweigen
der Hecke hindurch, die diesen rückwärtigen Teil des Gartens vom
Grasboden schied. Über die Wiese kamen der Bauer und der Knecht Heiner
dahergeschritten. Dunkel und scharfumrissen hoben sich in der klaren,
farblosen Morgenluft die beiden Gestalten ab, regten die Arme, öffneten
und schlossen den Mund, doch der Entfernung wegen und weil der Wind
ihnen entgegenstrich, war kein Laut hörbar, das nahm sich so lustig wie
ein großes Schattenspiel aus und man hatte es obendrein umsonst.
„Morgen werd’n mer die Neue probier’n,“ sagte der Knecht.
„Wen?“ fragte der Bauer.
„No, die Leni, ob die auch brav tanzt.“