„Freilich wohl, aber so ohne Arg nit; morgen ist ja auch ein Tag, da
kann man sie bedeuten.“
„Nein,“ rief heftig die Kleine dazwischen.
„Denk nur, wenn’s dich heut so überkommt.“
„Ich fürcht’s nit,“ sagte Burgerl, doch schauerte sie leicht zusammen.
„Laß sie nur mit mir gehn.“
„Ich ließ’ sie ja gern,“ sagte der Bauer, sich erhebend.
„Du laßt sie, Vater?“ rief aufhüpfend die Kleine und streichelte ihm
die Hand.
„Aber wär’ nit g’scheiter, Burgerl --?“
„Nein,“ sie stampfte mit den Füßchen.
„Mein’tswegen, mein’tswegen,“ sagte der Grasbodenbauer, er stand
eine Weile unentschlossen. „Geh’ ich halt jetzt und schau’ vorm
Schlafen nochmal in Haus und Hof nach. Gut’ Nacht.“ Achselzuckend und
kopfschüttelnd stieg er die breite Treppe, die nach dem Erdgeschosse
führte, hinab, während Burgerl die schmale, steile Treppe, die unter
das Dach führte, behend hinaneilte. Also sie wohnte unterm Giebel.
„Komm, Leni,“ rief sie.
Als diese ihr folgen wollte, ward sie von Sepherl, die das Eßzeug
wegräumte, am Arme festgehalten. „Daß du’s weißt,“ flüsterte ihr die
Alte zu, „Licht und Feuerzeug stehn auf’m großen Wäschkasten. Hast ein
schweres Kreuz auf dich g’nommen. Gute Nacht!“
„Leni,“ rief es von oben.
Magdalena eilte die Stufen hinan und oben traten die beiden Mädchen in
das kleine Stübchen.
„Soll’n wir uns nit Licht machen?“ fragte Magdalene.
„Wozu?“ fragte Burgerl entgegen. „Es ist hell genug, daß wir allzwei
ins Bett finden, das meine steht da, das deine an der Wand gegenüber.
An dem Wäschkasten neben der Tür und an dem Wäschkasten zwischen ’n
Fenstern kannst dich nit stoßen, wann du’s an dem klein’ Tischl und
den zwei Stühl’ nit tust, so wüßt’ ich nit, wie du’s sonst zuwegen
brächt’st, denn weiter is nix da.“
Die gute Laune des Kindes beruhigte Magdalene, welche die Andeutungen
des Großvaters, das Gespräch des Vaters und die Worte der alten Magd
schon besorgt gemacht hatten, um so besorgter, da ihr nicht klar war,
was sie eigentlich zu fürchten hatte.
Außer dem Gebell der Hunde, das manchmal von ferne erscholl, ohne sich
dem Ohre aufzudrängen, war kein Laut im Dorfe hörbar und Schweigen der
Nacht lag weit über das Land gebreitet. In dieser tiefen Stille wollten
eben Magdalene wehmütige Gedanken an ihren Heimatsort beschleichen,
an alle, die sie dort verlassen mußte und warum sie das mußte, --
plötzlich schreckte sie empor, von der Wand gegenüber tönte ein
eigentümliches Geräusch; wie unruhig mußte sich das Kind gehaben, da
das Bett unter ihm schütterte?
Rasch erhob sie sich vom Lager, trat an den Wäschschrein und tastete
nach dem Feuerzeug.
„Kein Licht,“ rief das Kind, „kein Licht, Leni!“ Aber es sprach das
mit so entstellter Stimme, daß Magdalena sich nur schneller mühte,
Licht zu gewinnen, und als jetzt der Docht der Kerze aufflammte und sie
hinzutrat, da streifte ihr Fuß an die herabgewühlte Decke und im Bette
lag das Kind, den kreidigweißen Körper entblößt, jedes Glied desselben
unter regellosen, wilden Zuckungen herumgeworfen, das Auge stier, den
Mund verzerrt.
Entsetzt stand Magdalena und drückte die gefalteten Hände vor die
Brust, aber das Grauen wich, als die Kleine zu klagen begann.
„Sagt’ ich’s? Kein Licht! Nun schreckst dich auch vor mir und magst
mich nimmer, wie mich alle scheuen, die Kinder, wenn ich mit ihnen
spielen will, die Großen, wenn ich möcht’, daß’s ’gen mich freundlich
wär’n. Den Veitstanz, sagen’s, hätt’ ich. Da sieh, wie das ist.
Ich bin nit Herr über meine Füß’, nit über meine Händ’, bald auch
über mein’ Zunge nit. Unterdrück’ ich’s tagüber mit aller Gewalt,
überkommt’s mich nachts nur ärger. O, Leni, ich hab’ doch nix
ang’stellt, kein’ Menschen hab’ ich was an’tan, noch ’n Herrgott im
hohen Himmel oben beleidigt, z’weg’n leid’ ich denn?“
Da beugte sich Magdalene mit tränenden Augen über sie und ein heißer
Tropfen netzte die bleiche Wange des Kindes.
„Um ’n Hals,“ lallte dieses aufgeregt, „um ’n Hals.“
Was wollte es nur, -- fragte Magdalene, -- doch nicht um den Hals
genommen sein, den es unaufhörlich drehte? Da begriff sie, faßte die
armen, zuckenden Ärmchen, legte sie sich um den Nacken und hielt sie
da fest. „Ich tu’ mich nit scheuen,“ sagte sie dabei, „ich scheu’ dich
nit, Burgerl.“
Der Mund der Kleinen verzerrte sich, häßlich, nichtssagend, nur in den
Augen, die sich für einen Blick ganz öffneten, sprach es sich aus, daß
sie lächeln gewollt.
Ein lange, bange Weile verstrich, so länger, je bänger sie war, dann
löste sich der Krampf, die Ärmchen glitten matt und müde herab, das
Kind lag ruhig und verfiel in Schlaf.
Leise erhob sich Magdalene, griff die Bettdecke vom Boden auf und
breitete sie über.
„O, du mein arm’, armes Haserl, du!“
* * * * *
Der wolkenlose Himmel und die klare Luft des Frühmorgens versprachen
einen schönen Tag. Der Grasboden umschloß auch einige Ackergründe, die
betreut sein wollten, nach diesen zog das Gesinde des Grasbodenbauers
aus und er selbst, nachdem er denen, welche die Arbeit zu leiten
hatten, einige Weisungen zugerufen, stand nun inmitten des Hofes und
sah den Abziehenden nach.
Da wurde es vom Wohnhause her laut, Burgerl sprang aus der Tür und lief
durch den Garten.
Magdalene folgte ihr nach und lachte: „Schau, was du rennen magst mit
deinen klein’ Stelzerln.“
Burgerl riß die Zauntüre auf. „Guten Morg’n, Vater. Grüß dich Gott!
Guck, da kommt auch die Leni, mein’ gute Leni, mein schöne Leni. Is sie
nit schön?“ sagte sie, als wäre sie darauf stolz.
Der Bauer und Magdalene lächelten.
Nur als die Kleine neckte: „Na, so sag doch, Vater!“ und der Bauer
schmunzelnd erwiderte: „Sauber is ’s schon,“ da errötete Magdalene.
„Geh’n wir heut auch über die Wiesen, damit du das Anwesen kennen
lernst,“ sagte Burgerl, dann schmiegte sie sich an Magdalene an und
flüsterte: „Ich führ’ dich nur, wo wir all’n aus’n Augen sind, daß ich
dich allein hab’.“
Der Bauer sah mit freundlich aufleuchtenden Augen nach Magdalene. „Ist
ein Schmeichelkatz’, das? Was?“
„Aber eh’ hol’ ich mir mein’ Gartenhut,“ rief Burgerl. „Möcht’st auch
ein’ haben, Leni? I gäb’ dir gern den von meiner Mutter selig. Darf
ich, Vater?“
Der Bauer nickte.
Das Kind lief durch den Garten in das Wohnhaus zurück.
Die beiden standen sich nun allein gegenüber.
Nach einer Weile sagte der Bauer, indem er dabei zur Seite sah: „Wirst
schlecht geschlafen haben?“
„Viel nit.“
„Denk’ mir’s.“
„Aber das Wenig’ dafür recht gut.“
Der Bauer blickte fragend auf, dann senkte er wieder den Kopf und
murmelte leise: „So viel unruhig ist’s halt.“
„Weißt, Bauer,“ sagte Magdalene, „daß dir dein’m Kind sein Unglück
nit von der Zung’ will, das begreif’ ich recht wohl und daß du wissen
willst, woran du mit mir bist, versteh’ ich auch; laß uns also nit
lang’ herumreden. Gestern, im ersten Schreck, war mir, als müßt’ ich
flüchten, auf und davon, wie’s mich aber gejammert hat und die klein’
Armerln da über mein’ Hals gelegen sein, da hätt’ ich nimmer das Herz
dazu gehabt, jetzt bleib’ ich dir schon bei dem Dirndl, so lang’s dir
taugen mag.“
„Das ist recht schön von dir.“
Weiter sagte der Bauer nichts und doch blickte Magdalene verwundert
auf, wie das so zu tiefst heraufgeholt klang aus der mächtigen Brust
des starken Mannes, der vor ihr stand.
Jetzt, da er das Kind durch den Garten kommen sah, hob er die Rechte,
wie um darauf aufmerksam zu machen, und einen Schritt zurücktretend,
sagte er: „Es schickt sich wohl noch, daß ich dir das eine und das
andere sag’.“
Nun lief Burgerl hinzu, einen Strohhut auf dem kraushaarigen Köpfchen,
den zweiten, den sie in der Hand schwenkte, mußte sich Magdalene von
ihr aufsetzen lassen. „Selb’ unter dem verdrückten Strohdeckel guckst
noch lieb hervor,“ lachte sie, „hab’ schon gedacht, ich hätt’ mein
Spaß, wie ich dich recht mit ihm verunzier’. Nun komm, komm nur mit.“
Sie faßte sie an der Hand und führte sie durch das rückwärtige Hoftor,
auf dem Wege, den früher das Gesinde eingeschlagen hatte, hinaus auf
die sonnigen Wiesen.
Auf schmalen Fußsteigen, neben den nickenden Halmen, auch quer über
manche Fläche gingen sie dahin, „denn ’m schüttern Graswuchs,“ meinte
Burgerl, „hilft’s Schonen nit auf und ’n fetten bringen paar Fußtritt
nit um.“ Magdalene merkte, daß die Kleine, trotz des anscheinend
ziellosen Herumstreifens, eine bestimmte Richtung einhielt.
Vor den beiden Mädchen liefen zwei langgestreckte Schatten einher.
Magdalene wies danach. „Wenn die zwei schwarzen Manderln da klein
geworden sein, wird die Sonn’ wohl rechtschaffen herbrennen. Schad’t
dir’s denn nit, wenn du in der Hitz’ gehst?“
„Ich frag’ nit nach dem bisserl Hitz’,“ sagte Burgerl, „wenn ich
gleich kein Mohr bin, wovon der Lehrer sagt, sie täten bei uns zu Land
frieren.“
„Geh, hätt’ der Lehrer wohl gar mit ein’ solchem g’red’t?“
„Ei mein, wie käm’ der Alte dazu, daß er ein’ Mohren kennt, außer den
beim Krämer auf’n Schild, wo d’runter steht, ‚Tabak und Zigarren‘?
Aus sein’ Büchern hat er’s halt, wie alles, was er uns aufsagen und
niederschreiben laßt. Gäb’ man die Bücher ’m Heiner, unserm Großknecht,
der lest, daß es wie geredet ist, er könnt’ leicht schulhalten an des
Alten Stell’, wär’ aber schad’, denn der könnt’ ihm’s nit gleich tun
auf’m Feld.“
„No, wie ich merk’,“ lachte Magdalene, „bist du dein’m Lehrer nit wenig
aufsässig. Ja, sag’ mal, ist denn heut kein’ Schul’? Am End’ gehst du
stürzen[16] und ich halt’ da mit.“
„Schul’ is wohl,“ sagte die Kleine mit trotzigem Lächeln, „aber ich
besuch’ keine, seit ich krank bin. Hat’s ja gleich der Alte mein’m
Vater nahg’legt, daß ich die dummen Fratzen zur Unzeit lachen mach’
oder fürchten, und seit der Zeit kommt er zu uns auf’n Hof ’gen Abend,
wenn er sich schon mit alle andern abgemüd’t hat und lehrt mich, was er
denen. Sonntag nachmittags geh’ ich in d’ Christenlehr’ zur Kirch’, aus
der haben’s mich doch noch nit hinaus geschafft.“
Eine gute Weile schritten die beiden Mädchen schweigend nebeneinander
her. Plötzlich rief Burgerl lustig: „Da sind wir. Jetzt komm, Leni!“
Sie lief auf einen Hügel zu, auf welchem eine knorrige Eiche stand,
welche die Krone eingebüßt hatte, dafür wuchsen die Äste am Stumpfe um
so mehr in die Breite.
„Gibt dir der wohl genug Schatten?“ fragte Burgerl nach dem Baume
weisend. „Und nun schau dich einmal um, da hast du den ganzen Grasboden
vor dir liegen.“ Beide Arme von sich streckend, drehte sie sich herum.
„Hat er eigentlich nit zu viel, der Vater? Guck nur, ’s ganze Dorf
entlang und beidseit’ drüber hinaus, so weit ’s Buschwerk davor und
dahinter an der Straß’ lauft, dann die ganze Zeil’, die ’s da zur Seit’
sich streckt, bis wo es das Eck’ macht, in dem du die winzigen Manderln
sich umtun siehst, unser G’sind, und von da bis an den Föhrenwald.“
„Der g’hört nimmer dazu?“
„Er g’hört dazu und es führt die Straße durch, die der Vater auf sein’
Grund instand halt’.“
„Es muß ja ganz schön sein im Wald da drüben?“
Burgerl wandte scheu den Blick von der Gegend ab. „Ich geh’ nit hin,“
murmelte sie. Sie setzte sich auf den weichen Rasen zu Füßen des
Baumes. „Nun könnt’st dich aber auch schon g’nug umgesehen haben, jetzt
komm her, setz’ dich da zu mir in’ Schatten und erzähl du einmal.“
Und als Magdalene an ihrer Seite saß, begann die Kleine sie zu fragen,
woher sie sei, wie es wohl in Langendorf und auf dem Gehöfte der Eltern
aussähe, nach diesen und nach Geschwistern und zuletzt fragte sie:
„Hast du dort auch einen Schatz?“
Magdalena schrak zusammen, dann schoß ihr das Blut ins Gesicht, sie sah
das Mädchen mit einem zornigen Blicke an und sagte: „Nein.“ Es klang
hart und rauh.
„Leni,“ rief Burgerl, „sei mir nit bös! Ich hab’ nur gedacht, weil du
so lieb bist ... aber freilich wohl, es war dumm, denn, gelt ja, wenn
man ein’ gern hat, lauft man nit so weit vom Ort wie du?“
Magdalene empfand es wie ein Unrecht, daß sie sich über die Frage
eines Kindes gegen dieses erzürnt hatte. „Burgerl,“ sagte sie leise
und drückte mit ihrer Rechten die Händchen, welche die Kleine gefaltet
im Schoße liegen hatte, „frag nit. Was weißt du? Is eh’ gut, je länger
eins nix davon weiß und je weniger es nachher erfahren muß. Viel Wissen
macht da leicht Herzweh.“
So saß sie, ihre Rechte lag über den Händen des Kindes und mit der
Linken raufte sie langsam einen Halm um den andern aus. Nach einer
geraumen Weile sagte Burgerl: „Gehn wir, Leni. Es ist Zeit.“
Sie erhoben sich und gingen. Burgerl schlug denselben Weg ein, auf
welchem sie gekommen waren. Magdalene hatte vom Hügel aus bemerkt,
daß der Hof in viel kürzerer Zeit zu erreichen sein mußte, wenn man
sich der Straße nach hielt, die vom Föhrenwalde her kam und die
Wiesengründe, näher und näher dem Dorfe zurückend, durchschnitt; die
Kleine war derselben in einem weiten Bogen ausgewichen. Als daher
jetzt, nach einer guten Strecke, dieser Fahrweg in Sicht kam, wollte
Magdalene darauf zuschreiten.
„Warum geh’n wir nit auf der Straße?“ sagte sie. „Es is ja weit näher.“
Burgerl wandte den Kopf zur Seite und streckte beide Hände abwehrend
von sich. „Da geh’ ich nit,“ rief sie.
„Ja, was schreckt dich denn dort?“ fragte Magdalene. Da sah sie in
einiger Entfernung, hart an der Straße, eine niedere Mauer, über welche
Grabsteine und Kreuze ragten. „Der Freithof doch nit?“
Burgerl nickte.
„Geh, Kindisch, wirst dich doch nit vor den Toten fürchten? Sei
kuraschiert, komm! Liegt ja wohl auch dein’ Mutter dort?“
„Eb’n die, eb’n die,“ schrie das Kind, dessen Hände und Füße zu
schlottern begannen.
„Um Gottes willen, Burgerl!“ Magdalene eilte auf sie zu.
„Ja, mein’ Leni,“ stammelte das Kind, „wer weiß, weißt du, wie das is?
Hast du schon ein Totes neben dir liegen gehabt?“
„Das nit, Burgerl.“
„Und bevor eins tot is, muß es versterben, hast du schon eins sterben
gesehen?“
„Nein, Burgerl.“
„Siehst, Leni, da weißt du gar nit, wie schreckbar das is und wie es
mich ängstet, daß sie mich auch schon dort haben wollen.“
„Wer denn, Burgerl, wer denn nur? Bild’ dir doch so was nit ein.“
„O, wie oft hab’ ich’s schon g’hört, zuflüstern und laut sagen und
vielleicht denkt’s auch der Vater im stillen, daß besser wär’, wann
mich unser Herrgott zu sich nähm’. Aber ich will nit -- ich nit --“
„Komm fort! Laß uns gehn,“ sagte Magdalene, die mit ihren Armen bisher
das wankende Kind aufrecht gehalten.