Der Bauer runzelte die Stirne. „Hast du was mit ihr?“

„Noch nit.“

„Wär’ mir lieb, du fangest auch nix an mit der. Möcht’ nit, daß ihr was

in’ Kopf g’setzt würd’, was s’ mir ’leicht von der anvertrauten Obsorg’

abwendig machte. Verstehst?“

„G’wiß! Jetzt find’ ich mich schon z’recht. Denklich, hast ihr’s wohl

auch schon zu versteh’n geb’n und sie weicht mir aus, weil s’ fürcht’,

daß ’s ein Verdruß setzt?“

„’s war noch kein Anlaß ihrerseits, daß ich derlei bered’, es is mir

aber lieb, daß ich hör’, daß s’ dir von freien Stücken ausweicht.“

„No, ob just aus gar so freien Stucken? Weißt, Bauer, da drüber laß’s

lieber unb’fragt, aber das laß dir sagen, selb’ is wohl ein groß’s

Verlangen und hilft dir kein klein’ bissel, daß sich z’weg’n deiner

klein’ Dirn’ die große fürs Kloster versparen soll.“

„Dumm’ Zeug! Was begehrst denn auf? Wir reden sich doch in gutem. Is

mein Will’ dem dein’m z’wider, no, so kannst ja geh’n, is ’s aber der

dein’ dem mein’m, dann mußt geh’n.“

„So? Red’st deutlich.“

„Das g’hört all’mal zu ein’ rechten Verstehn und weil ich mich sonst

niemal in solchene Sachen einmisch’, derhalb’n muß ich wohl klar

aussag’n, daß ich da nix leid’, mit derer Dirn’ nit!“

„Am End’ g’fallt’s dir selber.“

Der Bauer reckte sich hoch auf, so daß der Heiner unwillkürlich einen

Schritt zurücktrat.

„Du Lapp, du! Meinst, jeder wär’ wie euer einer? Fünf Jahr is ’s, daß

ich nach keiner Schürze frag’, werd’ ich’s jetzt mit einmal tun?!“

Damit kehrte er dem Knechte den Rücken und ging rasch hinweg, als

er aber durch eine Lücke der Gartenhecke schlüpfte, befand er sich

plötzlich Magdalenen gegenüber, er errötete und sagte unwillig:

„Horchst du da?“

Auch dem Mädchen stieg die Röte ins Gesicht, es streckte den Arm nach

der Stelle aus, wo die beiden Männer gestanden hatten. „Auf +die+

Weit’? Traust mir lange Ohren zu, Bauer.“

„Nix für ungut. Nur der erst’ Anschein, -- es möcht’ dich nit der

Zufall, sondern die Neugier da herg’führt und du im voraus g’wußt

haben, was zur Sprach’ kommt, -- der hat mich verdrossen; denn über

dich sein wir red’ worden[18]. Der Heiner hätt’ ein Aug’ auf dich!“

„So? Weißt, Bauer, ob du mir’n zuz’führ’n oder abz’reden gedenkst,

verspar’ dir weitere Wort’, ich mag ihn nit und kein’.“

„Hast recht, is eh’ ’s G’scheiteste.“

„Das mein’ ich auch. Von dir aber hätt’ ich nit geglaubt, daß du

auf ein’ ersten Anschein was gäbst, noch dich einmischen würd’st,

wo zum Vertrag’n und Zertrag’n allzeit zwei alleinige Leut’ vollauf

ausg’reicht haben und für ihm selber jedem wohl auch selbst die Red’

zusteht.“

Sie kehrte sich ab und ließ den Bauer stehen, wie er zuvor den Knecht.

Im Hausflur stand die alte Sepherl und sah die Dirne mit hastigen

Schritten und heißen Wangen herankommen, während der Bauer langsam und

verdrossen nachfolgte.

„Habt’s g’stritten?“ fragte die Alte.

„Gar nit,“ sagte Magdalena.

„Stünd’ auch nit dafür, heut übellaunen, wo morg’n so ein lustiger Tag

is.“

„Für mich nit lustiger, wie ein andrer.“

„Wär’ nit schlecht! Dein’tweg’n freut sich ja auch ein andrer schon

d’längst Zeit drauf.“

„n’ Heiner, meinst? Der mag’s nur sein lassen.“

„Is doch ein schöner Bub’.“

„Kann sein, magst’s ja wissen, bist älter, ich versteh’ mich noch nit

drauf.“

„Eulenspieglin! -- Und brav!“

„Bestreit’s nit und erprob’s nit.“

„Und der G’scheitest’ von all’n.“

„Und sinnt doch af Dummheiten.“

„Mein’, das lassen mer sich von ein’ saubern Monsbild je lieber

g’fall’n, je g’scheiter er sonst in andern Stücken is.“

„Laß’s gut sein, Sepherl, an mir verdienst kein’ Kuppelpelz. Morg’n

bleib’ ich heim bei meiner Burgerl.“

„Nit ein’ Schritt tanzen und kein’ klein’ Weil’ zuschau’n? Na, hörst,

selb’ muß mehr wohl sagen, dem Dirndl bist a gute Kameradin.“

Da schritt der Grasbodenbauer an den beiden vorüber. „Nit wahr?“ sagte

er freundlich nickend. Aber die alte Sepherl sah ihn an und schüttelte

kaum merklich mit dem Kopfe; vor dem Bauer lobte sie nicht gerne eines

vom Gesinde, und daß es der selbst ins Gesicht tat, das taugte schon

gar nicht, das mach’ hochfährtig und Hochfahrt verleidet das Dienen.

* * * * *

Als abends Magdalene das Tischgerät hinwegtrug, wies der Bauer nach der

Türe, die sich hinter ihr geschlossen hatte, und sagte zur Burgerl, die

ihm gegenüber saß: „Hast sie nit g’fragt?“

„Um was, Voda?“

„Um was? Wann dich schon die G’scheitheit nit draufgeführt hat,

so hätt’ ich doch g’meint, die Neugier ließ’ dir kein Ruh’, ihr

abz’fragen, was ihr zu’n Kirchtag g’legen käm’, was s’ g’freu’n möcht’.“

„No, halt ein lebzelters Herz, so groß eins z’haben is, mit ein’ bunten

Bildl und ein’ schön’ Spruch drauf.“

„Denk’ mir wohl,“ lachte der Bauer, „da drüber wußt’ sie sich vor

Freud’ gar nit aus und billig käm’s auch. Aber ernstlich, ihr gäbet ich

schon gern rechtschaffen was, sie is brav ...“

„Und sauber.“

Der Bauer nickte vor sich hin, Burgerl saß mit verschränkten Armen und

sah ihn von der Seite an, er gab den Blick verwundert zurück, dann

sagte er hastig: „Na, sei nit dumm, ich weiß nit, was ich ihr bringen

soll.“

„Ah mein, wie sie von dir red’t, wird ihr alles lieb sein, was von dir

kommt.“

„Was red’t’s denn?“

„Daß du ein so viel braver Mon wärst.“

„Ich weiß’s, ich hab’ noch g’sagt, gar so viel tät’ ich’s just nit

sein; das war frei ins G’sicht.“ Er sah vor sich hin, als er das sagte

und schnitzelte mit seinem Taschenmesser an einer Brotkruste.

„Sie hat’s auch hinter dein’ Rücken g’sagt,“ fuhr Burgerl fort, „und

obendrein, wie du auch ein sauberer Mon wärst.“

„Burgerl!“

„Voda?“

„Dös hat’s nit g’sagt!“

„Ja, wann d’ mer kein Glauben schenkst, wann du’s besser weißt, erzähl’

ich dir gleich gar nix mehr von meiner Lenerl.“

„Und wenn sie’s auch g’sagt hätt’ ...“ Er richtete sich auf, Burgerl

sah ihn wieder von der Seite an, da ward er plötzlich böse, schlug mit

dem Heft des Messers gegen die Tischplatte und schrie: „Dummheiten

verlaub’ dir keine mit mir, das rat’ ich dir!“

Die Kleine tätschelte mit beiden Händen seine Linke, die er

ausgestreckt über dem Tische liegen hatte. „Aber, Voda, wie konnt’ ich

mir denken, daß du wild darüber würd’st, wann dich a saubere Dirn’

sauber find’t?!“

Der Bauer zog die Hand zurück, aber nur um sie vor den Mund zu halten,

so saß er und begann spielend die Messerklinge in das Tischtuch zu

bohren, ein Vorgang, dem Burgerl volle Aufmerksamkeit schenkte; sie zog

ihre Kniee auf den Stuhl hinauf und rückte mit dem Oberleibe über die

Tischkante hinvor, nach einer Weile sagte sie: „Voda, jetzt wär’ ’s

Loch grad groß g’nug, daß man’s noch stoppen kann.“

„O Himmelsapperment,“ rief der Bauer, „hätt’ ich jetz ta Bäu’rin, die

tät’ nit übel schelten, bin ich froh, daß ich keine hab’!“

„Wirklich?“ fragte Burgerl.

„Ja, wirklich! Klebere Meerkatz’, du! Wann mer nit fürchten müßt’,

daß mer dich hart angreift ...“ Das hatte der Grasbodenbauer zornig

herausgestoßen und damit war er vom Stuhle emporgefahren und nun ging

er mit langen Schritten in der Stube auf und nieder; plötzlich hielt

er vor seinem ungeratenen Kinde inne und sagte nochmals: „Wirklich!

Verstehst?“, fügte aber sofort, aufs neue erbost, hinzu: „Na, was soll

das dumme Vogelg’schau, das möcht’ ich wissen?!“

Burgerl hielt nämlich das Köpfchen stark zur Seite geneigt und

beäugelte so die überlange Gestalt ihres Vaters, etwa wie ein Rabe vom

Gartenkies nach einer Baumkrone lugt. Ob sie überhaupt nicht willens

war, ihren Vater wissen zu lassen, was er zu wissen verlangte, oder ob

sie es nur unterließ, weil Tritte auf der Treppe hörbar wurden? Genug,

sie zog an dem untersten Knopfe der Weste des Grasbodenbauers und sagte

mit sehr freundlichem Lächeln: „Die Leni kommt!“

* * * * *

Am nächsten Morgen rauschte ein dichter Gußregen nieder, außen

plätscherte es von den Traufen und gurgelte in den Rinnsalen. Die

Föhrndorfer wurden darüber sehr angehalten; der heilige Kirchenpatron

-- meinten sie -- hätte sich wohl auch um seiner Verdienste willen

zu seinem Festtage vom Himmel schönes Wetter ausbitten können! Mit

vorwurfsvollen Blicken sahen sie nach den grauen Wolken und mit

schmerzlichen nach dem zurechtgelegten Putze, der dem Verderben geweiht

schien, die Kleinmütigen! Keinem kam der Gedanke, der Heilige habe sie

wohl nur prüfen wollen, und nicht einer fühlte sich hinterher beschämt,

daß alle diese Prüfung so schlecht bestanden hatten.

Ein Wind, der unten auf der Erde kaum an die Wipfel der Bäume rührte,

ein sogenannter oberer, fegte die Wolken vor sich her, bald stand die

Sonne am freundlichen klaren Blauhimmel. Am dunklen Waldsaume an den

Nadeln der Föhren und auf der grünen Matte an Halmen, an den Kelchen

und Stielen der Spätblumen sprühten die abrinnenden Tropfen. Durch

die Dorfgasse schritten die Leute der Kirche zu, schmuck und sauber,

fröhlich und heiter plaudernd, und aus dem Gotteshause tönten Sänge und

Klänge.

Das mochte dem Heiligen, dem es zur Ehre geschah, wohl gefallen, auch

später, als die bunte Menge aus der Kirche strömte und sich zwischen

den Marktbuden drängte und stieß, konnte er auf dieses fröhliche Gewoge

und Getreibe noch freundlich lächelnd herniederblicken; aber bald lief

das junge Volk in Scharen und das alte folgte bedächtig in Gruppen

nach Orten, die keineswegs zu andächtiger Sammlung einluden, und die

Sänge und Klänge, die von diesen Stätten heraufschallten, standen in

merklichem Gegensatze zu den früher gehörten, dazwischen mischten sich

Schreie und Seufzer, die mit Gnadenschreien und Zerknirschungsseufzern

nicht die mindeste Ähnlichkeit hatten, und als das große Himmelslicht

zur Rüste gegangen war, dröhnte und kreischte es immer wirrer und

wüster von da unten. Der helle Mond tat redlich das Seine und die klare

Luft das Ihre, daß alles, was da in der Tiefe vorfiel und verlautete,

hübsch zu sehen und zu hören blieb, an den beiden lag es sicher nicht,

daß der Heilige das Himmelsfenster plötzlich zuwarf. Ach, daß ihm doch

jedes Jahr der Tag, auf den er sich so freut, verdorben werden muß!

Magdalene war mit Burgerl in der Kirche gewesen, und was den beiden

nachher im Gedränge über den Kirchenplatz von den Herrlichkeiten

des Marktes in die Augen fiel, das war auch alles, was sie von dem

Kirchweihfeste überhaupt zu sehen bekamen. Einmal wurden sie von der

Menge in einen Kreis gedrängt und mußten die Tanzkünste eines Bären

mit ansehen, ein zweites Mal gerieten sie in einen Schwarm, der wie

eine Mauer stand, bis ein Sängerpaar, Mann und Weib, die „neueste

Mordgeschichte“ zu Ende gesungen hatte. Der Sänger, ein überlanger,

hagerer Mensch, quiekte seinen Part in Fisteltönen herunter, während

die kümmerliche Alte, die fast hinter ihrer Harfe verschwand, durch

Gebrumme die Baßbegleitung dazu markierte. Im Rücken des Paares

hing eine Leinwandfläche, mit Greueln in einer diesem Vorwurfe

entsprechenden Malweise bedeckt, und der Mann hielt oft in seinem

Gesange eine Note länger aus, um mit einem Stäbchen auf die betreffende

„Szene der Historie“ zu tippen. Zu diesen bildlichen Darstellungen,

die sich in schreiender Übertreibung gefielen, stand der sangliche

Text, die dichterische Leistung, durch ihre schlichte Einfalt in

herzerfreuendem Gegensatze. Die Ballade entließ die Zuhörer mit der

freundlichen Mahnung, keinem Menschen ein so schweres Leid -- wie

das Umbringen -- zuzufügen, da Gott und die irdische Gerechtigkeit

es sehen; zwei Bedenken, die in bündigster Kürze den Mord ebenso

verwerflich, wie unpraktisch erscheinen ließen.

Auf dem Heimwege sprach Burgerl die Überzeugung aus, daß lang vor Abend

schon manches Paar auf dem Tanzboden sich nicht gelenker als der Bär

drehen und dazu nicht schöner als die beiden „Mordtäter“ quäken werde.

Unter dem großen Torbogen, dessen Holzgatterflügel zugelehnt waren,

stand Sepherl und blickte eifrig der Straße entlang, sie hatte einen

abgetragenen Sammetspenzer an, der wohl einst jugendfreudige Stunden

mit angesehen haben mochte, aber nun, wo er sie auch hätte spiegeln

können, da stellten sich keine mehr ein. Die Alte hatte während des

Kirchganges der andern das Haus zu hüten; jetzt sieht sie Burgerl und

Leni herankommen und nickt ihnen zu und trippelt ihnen eilig entgegen.

„’s in Ordnung!“ schreit sie, „und jetzt geh’ ich und jetzt schau’ ich

und jetzt tu’ ich mich um. Heut steckte ich frei eine Junge in’ Sack,

müßt’ ich nit fürchten, daß er ein Loch kriegt’! B’hüt Gott!“

Burgerl drückte das Gatter ins Schloß und sperrte ab, und nun waren die

beiden Mädchen in dem weiten, großen Gehöfte allein. Ringsum herrschte

noch feierliche Stille. Als sie über den Hof schritten, hörten sie den

Hall ihrer eigenen Tritte und von den Ställen her das Schnauben der

Kühe und das Prusten der Pferde, sie sahen vorerst nach, ob da nichts

verabsäumt worden und das Vieh das Seine habe. Als sie nach Grünzeug

durch den Garten gingen, war es dort so lautlos, daß sie fast gerne den

Atem an sich gehalten hätten, nichts als das Geflatter eines Vogels

im Geäste und das tiefe Gedröhn einer verspäteten Hummel war hörbar,

und als sie später in der Küche vor dem Herde saßen, da prasselte das

Feuer noch einmal so lustig wie sonst eines und dazu surrte eine große

Fliege, zehnmal ärgerlicher wie sonst eine, am Fensterglas auf und

nieder.

„Es tät’ gerad’ sein,“ meinte Burgerl, „als wären sie in ein

leutverlassenes Ort geraten, und sie fänd’s just nit uneben, so

gottallein zu sein auf der Welt.“

„Ei wohl,“ lachte Leni, „zu zweien und für ein’ alleinigen Tag.“

„G’wiß, af d’ Dauer fing’n mer sich allzwei zun fürchten an, oder,

wär’n wir Bub’n, zun langweilen. ’s Einsamen taugt für kein gleich’s

Paarl.“

„Für ein ungleich’s etwa?“

„Das bleibet nit allweil allein.“

Leni runzelte die Brauen. „Davon sollt’st du noch nix wissen, oder wann

du’s weißt, es nit bereden.“

„Schau, sei du nit harb,“ sagte Burgerl, indem sie Magdalene begütigend

am Arme anfaßte. „Ich kann ja nit dafür, daß die Leut’ nit allmal drauf

achten, wie die Kinder nit umsonst große Augen im Kopf haben. Jetzt

red’ ich halt oft noch wie ein Fratz, mehr, als ich weiß, aber laß mich

nur erst groß sein, dann werd’ ich auch mehr wissen“ -- hier kneipte

sie den Arm -- „als ich red’.“

Leni schürte mit der freien Hand eifrig das Herdfeuer, plötzlich rief

sie: „Los’ einmal,“[19] warf das Schüreisen fort und rannte, gefolgt

von Burgerl, in den Hof hinaus.

Nun war es außen, allenthalben um den stillen Hof, lebendig geworden,

in der Luft schwammen Töne, bald überklang das Gellen einer Pfeife,

bald das Gerumpel der Baßgeige, oder der Schlag der großen Trommel

alles andere, bald ein lustiger Aufschrei, bald eine mehrstimmig

gesungene Tanzweise, dann verschwamm wieder alles in ein unbestimmtes

Geräusch, das leise schütternd sich fortspann und allortig webte und

schwirrte, bis es plötzlich im Gekrache eines Böllers oder eines

Pistolenschusses dahinstarb, worauf sofort wieder ein einzelner Klang

es über alle anderen gewann.

Jetzt konnte das Dorf nimmer für ausgestorben gelten, eher das Gehöft,

und in selbem war man nimmer gottallein, sondern weltverlassen; daher

meinte auch Burgerl, nun sei es nicht mehr wie in einem leutverlassenen

Ort, sondern wie auf einem verwunschenen Schloß, und sie tröstete

Magdalene, daß der Spuk nur bis zum nächsten Morgen dauern werde.

Übrigens erhielten sie doch einige Nachricht von der bewegten Welt

da draußen, denn die alte Sepherl brach etlichemal den Bannkreis des

Zauberschlosses und wenn niemand bei dem Gattertore zu errufen war, so

scheute sie auch den Weg um das Gehöft nicht, um rückwärts durch den

Garten einzudringen. Das erstemal kam sie schreiend vor Lachen: „Ui,

der Maut-Einnehmer-Kathel haben sie’s aber ein’bracht! All d’ Kirchtag’

her is ihr ein Föhrndorferbub’ z’ g’ring’ g’west, ein Forscht- oder

G’richtsadjunkt, ein Schtandar-Wachtmeister oder sonst einer hat’s sein

müssen, der ’n kaiserlichen Adlervogel af’m Kragen, oder sonstwo, hat

sitzen g’habt’ wie ’n ihr Vater am Schild; dösmal aber -- weiß nit, hat

döselb’n allz’samm der Geier g’holt oder sein’s zun Kuckuck ’gangen

-- war keiner z’ sehn und die aufg’stazte Gredl is dag’sessen, breit

vor lauter Kittelwerk und Falbeln und G’schichten, hat g’scharrt mit

dö Füß’ und blinkt mit dö Aug’n und zupft mit dö Finger, und wie sie’s

lang g’nug hab’n sitzen lassen, daß ’s vor Gall’ schon hätt’ z’springen

mög’n, is der kropfete Kegelbub’ ang’stift’t worden, daß er ein’ Sprung

nach ihr tut wie a Heppel[20] und sie zum Tanz aufzieht, da is ’s aber

ausg’rissen und röhrend davong’rennt und die Bub’n samt der Musik

hinterher und haben’s fein manierlich heimgeigen lassen.“

Der Sepherl schien das ein ganz kapitaler Spaß, sie erzählte mit Händen

und Füßen, in vergnüglicher Bosheit hüpfte sie hin und her und focht

und deutete mit beiden Armen.

Das zweitemal, schon in vorgerückter Nachmittagsstunde, kam sie mit

bedenklicher Miene herzugeschlichen und sagte zur Burgerl: „Dein Ehnl

is dösmal davonblieb’n, er hat sag’n lassen, er hätt’ so stark ’s

Reißen.“

„Ei, du mein,“ rief das Mädchen, die Hände bedauernd zusammenschlagend,

„da fallt mer auch der Kirchtag von ihm in’ Brunn’.“

Die Alte drohte ihr mit der Faust und flüsterte Magdalenen zu: „Is

übel, der hat af’n Bauern g’schaut, und wenn mer nit schaut, so trinkt

der leicht mehr als er vertragt, und er vertragt wen’g.“

Und als der Mond schon hoch am Himmel stand und die Sterne funkelten,

da kam Sepherl mit gerungenen Händen herbeigestürzt und berichtete von

einer „erschrecklichen“ Rauferei im „Roten Adler“; zwei lägen schon

dort, wenn die der Bader wieder auf gleich brächt’, dann sei er ein

Hexenmeister. Und jetzt hätt’ sie sich aber auch für ihr Teil g’rad’

g’nug gesehen und blieb’ heim!

Nun begaben sich die beiden Mädchen -- „um doch auch etwas zu sehen“

-- hinauf nach ihrer Kammer, lehnten sich aus dem Fenster und horchten

hinaus in die laue Nacht, wo in der leichtbewegten Luft jedes nahe

und ferne Geräusch sich deutlich unterschied, und sahen hinab in die

Gasse nach den ab und zu gehenden Leuten, von deren Gesprächen einzelne

Worte heraufschallten. Etliche verließen das Dorf und suchten die freie

Straße, andere kehrten von derselben zurück. Ein junger Bauer trieb

unter Scheltworten und Püffen die weinende Bäuerin vor sich her nach

dem Dorfe, ein anderer schlenderte mit der seinen hinaus, hielt sie

um die Hüfte gefaßt und zog sie unter eindringlichem Geflüster und

täppischer Zärtlichkeit an sich.

„Pfui,“ sagte Leni, der die Röte ins Gesicht stieg „Einer wie der

andere sollte sich schämen; der eine, wie er so roh sein mag, der

andre, daß er die Leut’ mit ansehen laßt, was sich vor ihnen nit

schickt und Ärgernis gibt.“

„Meinst,“ warf Burgerl dazwischen, „daß die zwei Weibsleut’ miteinand’

ein’ Tausch eingehen möchten?“

„Na, ich denk’ wohl, die, was ’n Prügelprofoßen hat, gäb’ gern noch was

drauf, wenn ihn nur die andere nähm’.“

„Weit g’fehlt,“ lachte Burgerl. „Dös Wildtun und dös Einschmeicheln

gilt ja ledig nur für heut, schon morg’n wieder leb’n der Prügelprofoß

und die Seine miteinand’ wie die Lampeln[21] und die andern zwei wie

Hund und Katz’, das is der einzige Tag im Jahr, wo geg’n ’s Weib der

eine d’ Hand aufhebt und der andre sie ruh’n laßt.“

„Was du nit all’s weißt!“ sagte Leni, indem sie vom Fenster zurücktrat.

„Aber komm, denn jetzt mein’ ich schon auch -- wie die Sepherl -- für

unser Teil hätt’n mer grad g’nug g’sehn.“

„Warum?“ fragte Burgerl, sich weiter hinauslehnend. „Etwa, weil

dort der Vater daherkommt? Der halt’t sich ja grad wie a Kerzen in’

Bettelweib ihrer Latern’.“

„O, du Gottlos’ du!“

„Gelt, schmunzelst doch? Mein’, der Vater hat mich wie oft dahinliegen

sehen, wo ich außer mir war, werd’ ich ’n doch auch einmal sehn dürfen,

wo er nit ganz bei sich ist? -- Vater!“ rief sie mutwillig hinunter.

Der Grasbodenbauer hob ein wenig nach seitwärts den Kopf. „He? seid ihr

noch wach? Ist recht. Komm’ schon!“

„Du hast auch gar kein’ Respekt,“ zürnte Leni.

Da sprang Burgerl auf sie zu und faßte sie an beiden Händen. „Nein,

Leni, und wie ich ’n gern hab’, braucht er den auch nit, glaub’ mir,

das ist für die Männer untereinander, für uns is ’s Gernhaben, außer

ihr andern seid anders, was ich nit weiß; wann mir aber eins Respekt

abverlangt, is mir immer, als müßt’ ich mich hinter sein’m Rücken

lustig machen, wie mir’s mit’m alten Schulmeister ergeht.“

Leni faßte die Kleine an den Schultern, sagte lächelnd: „Schulmädel,

du!“ und schob sie von sich.

Da kam es die Treppe herauf in schweren, aber -- es schien -- sicheren

Tritten, nur einmal erlitt das gleichmäßige Aufstapfen eine kleine

tremulierende Unterbrechung, als zählte an einer Stelle die Treppe eine

Stufe weniger, oder eine Stufe einen Tritt mehr.

Magdalena schrak zusammen und merkte nicht den Blick, den ihr Burgerl

von der Seite zuwarf.

Der Grasbodenbauer stieß die Tür auf und sagte, noch außen, sehr

förmlich und gemessen: „Guten Abend, miteinander!“ dann schritt er über

die Schwelle, indem er sich vorsichtig, aber tiefer als nötig war,

niederbeugte, um nicht an dem Türpfosten anzustoßen, dem er übrigens

eine ganz beträchtliche Breite zutrauen mußte, denn er erhob den Kopf

nicht früher, bis er inmitten des Stübchens vor dem kleinen Tische

stand, auf den er sich nun mit beiden Armen aufstützte.

„Grüß Gott, Vater!“ sagte Burgerl und lehnte sich von der andern Seite

über. „Hast uns ein’ Kirchtag mitbracht?“

„Allbeiden, versteht sich.“ Der Grasbodenbauer begann seine Taschen von

außen abzuklopfen, dann zerrte er aus einem Rockschoße ein paar etwas

formlose Pappschachteln hervor und legte sie auf die Tischplatte,

während Leni -- sehr zur Unzeit -- das mittlerweile zustande gebrachte

Licht daneben rückte.

Burgerl schlug die Hände zusammen und sah ihrem Vater sehr aufdringlich

unter die Augen, der wich ein wenig zurück, starrte eine Weile auf

sein „Mitgebrachtes“, dann trat er vom Tische weg und sagte mit einer

zuweisenden Handbewegung: „Müßt’s halt vorlieb nehmen, es war nix

G’scheites af’m Markt.“

„Ei, Vater,“ seufzte Burgerl, „ich fürcht’ nur, du hast da ein’ zu

guten Handel gemacht.“

„Warum?“

Burgerl griff nach den zerdrückten Kartons. „Ich mein’ nur, da werden

jetzt mehr Stück drin sein, als du gekauft hast.“

„Nein,“ sagte der Bauer, „es is nix Gebrechlich’s -- wenigstens, ich

hoff’ nit --“

„Das is ’s Mein’!“ schrie Burgerl freudig auf, als nebst einem

Schmucketui ein Schildpattkamm aus den Falten eines buntseidenen Tuches

fiel, das sie aus der einen Schachtel hervorgeholt hatte. „Und das is

das Dein’,“ sagte sie, die andere uneröffnet Magdalenen aufdringend.

Der Bauer nickte.

Die Kleine klappte das Etui auf, es enthielt ein goldenes Kreuzchen an

dünner, feingliederiger Kette. Das Kind starrte die Herrlichkeiten erst

stumm an, dann nahm sie das Kettchen um, steckte den Kamm auf, band das

Tüchelchen vor und sprang auf den Vater zu: „Jesses und Joseph, Vater,

was tu’ ich dir denn z’lieb’, weil d’ dich so viel brav eing’stellt

hast?! Na, vergelt’ dir Gott dein G’schenktes und laß dir die Hand

küssen und noch einmal extra dafür, daß d’ mir mein’ vielschön’ Kamm

nit verbrochen hast.“ Sie küßte und tätschelte seine Hand und rief

unterdem zu Leni hinüber: „Na, schau doch das Deine.“

Magdalene hob verlegen den Deckel ab, ein seidenes Halstuch lag auch da

oben auf.

„Der Krämer sagt, es wär’ rechtschaffene Seiden,“ bemerkte der

Grasbodenbauer mit einer Stimme, als machte er ein Geständnis, das ihm

schwer fiele.

Unter dem Halstuche befand sich ein Etui mit einer Schnur gehackter

Korallen, vorne künstlich in Zacken vernestelt und rückwärts durch eine

starke Schließe zusammengehalten. Magdalene stand erschreckt. „Das kann

ich nit annehmen, Bauer,“ stammelte sie.

„Willst mich beleidigen?“ brauste der auf.

„Um d’ Welt nit,“ sagte sie, „aber sei g’scheit, das is all’s z’viel,

wie käm’ ich dazu und was tu’ ich damit? Mein Sonntagsg’wand schauet

daneb’n ein’ Hadern gleich, und wenn ich auch hätt’, was zu selb’m

G’schmuck taugt -- ich frag’ dich, ob sich wohl ziemen möcht’, daß ich

mich so trag’?“

Der Grasbodenbauer fuhr mit der Hand nach dem Ohr, er streifte dabei

die Krempe seines Hutes, jetzt erst nahm er ihn ab und strich sich die

Haare aus der feuchten Stirne. „Hast nit unrecht,“ sagte er, „aber

vermeint ist dir’s einmal und behalten mußt du’s! Und mit der Zeit

schickt sich wohl a Zeit, wo du’s auch wirst tragen können; b’halt’s

nur auf bis dahin, wer weiß, wofür’s gut is, aber z’ruckweisen darfst’s

nit, da tät’st mein’m guten Willen übel.“

„So sag’ ich vergelt’s Gott für den und fürs G’schenkte.“ Magdalene

trat an ihn heran und haschte nach seiner Hand.

„Beileib’,“ sagte er, „wirst mir doch nit wollen die Hand küssen, wo

ich dir bring’, woran dir d’ Freud’ aufsparen mußt?! Ich hab’, Gott’s

wahrhaftig, Schick und Brauch ung’fragt lassen und einkauft, als ob’s

für die Bäuerin wär’; no, mein, ’s schwerst’ Teil, was einer solchen

aufliegen könnt’, hast ja du auf dich g’nommen,“ -- er nickte gegen

Burgerl -- „verstehst mich wohl? Aber nun laß schau’n, ich möcht’

wohl probier’n, wie das Zeug paßt, ob ich mich in der Halsweiten nit

verschaut hab’ und ob ’s G’schloß fix schließt.“ Er legte ihr das

Korallenband um den Hals und mühte sich, dessen Enden zusammenzupassen;

bald begannen seine Arme zu zittern und er ließ beide Hände einen

Augenblick auf den Schultern des Mädchens ruhen, dann hob er sie hastig

und brachte es mit einem Griffe zu Ende. Der Dorn sprang ein. Tief

aufatmend richtete sich der Bauer in die Höhe und da stand er knapp an

der Dirne und da ließ er die eine Hand über dem vollen Nacken liegen

und mit der Rechten drückte er ihr Köpfchen an seine breite Brust,

sofort aber sanken ihm die Arme nieder. „Hab’ kein Arg,“ sagte er.

„Gute Nacht!“ Eilig verließ er die Kammer, man hörte, wie er über die

Treppe hinabgelangte, unten seine Stubentür öffnete und schloß und dann

mit starken Schritten im Gemache auf und nieder ging.

Während unten der Mann ruhelos auf und nieder schritt, stand oben das

Mädchen eine geraume Weile, ohne sich zu regen. Es war ihr ärgerlich,

daß sie ihm seinen Gutenachtgruß nicht zurückgegeben, um ihm zu zeigen,

daß sie in der Tat kein Arg habe; wenn er ihr merken ließ, daß er ihr

gut sei, so war er es ja doch nur -- das wußte sie -- Burgerls wegen

-- -- --

Das Geknarre einer Lade, die Burgerl aus dem Schrank zog, um ihren

„Kirchtag“ aufzuheben, schreckte sie auf und sie sagte lächelnd: „Laß

offen, ich leg’ das Meine auch gleich dazu.“ Sie entledigte sich des

Geschmeides, faltete das Tuch zusammen. „So, da bleib mir fein liegen

und komm mir nit weg. Bist ja mein G’schenktes vom Grasbodenbauer. --

Sag mal, Burgerl, -- wie lang ich schon bei euch bin, weiß ich dein’

Vater nit anders zu nennen -- wie tut ihr euch denn schreiben?“

„Ist kein Geheimnis,“ lachte die Gefragte, die sich mittlerweile

entkleidet hatte. „Ich schreib’ mich Walburga Engert.“

„Und dein Vater?“

„Kaspar,“ sagte Burgerl und schlüpfte unter die Decke.

Plötzlich verstummten die Tritte in der Stube unter ihnen, mit einem

Schlage ward es stille. „Horch,“ rief Leni, sie ging nach der Tür,

öffnete diese und lauschte. „Es wird ihm doch nix zug’stoßen sein? Er

is ’s nit g’wöhnt ...“

Das war, als der Bauer vor dem offen stehenden Fenster innehielt, einen

tiefen Atemzug tat und murmelte: „Keine Dummheiten, Kaspar! Häng keinen

Dummheiten nach.“ Dann nahm er seinen Gang wieder auf.

Oben schloß sich die Tür. „Es ist ihm nix. Da bin ich recht froh,“

flüsterte Leni. Sie stutzte und kehrte sich hastig nach Burgerl. „Was

hast denn? Mir scheint, du bist lustig und lachst?“

Die Kleine gab keine Antwort, sie lag stille, die Decke bis an die

Augen hinaufgezogen und letztere geschlossen.

Leni löschte das Licht und wieder hörte sie hinter sich ein

unterdrücktes Kichern.

„Burgerl!“

* * * * *

„Na wart nur, schlecht’s Menscherl, diesmal war’s g’wiß gelacht.“

Worüber sie lachen mag?

16.

„Da sieht man wieder, der alte Reindorfer ist halt gescheit,“ sagten

die Leute zu Langendorf, „der hat den Müllerjungen früher ausgefunden

wie keiner, darum hat er ihm sein Mädel nicht gegeben. Man braucht auch

nur zu bedenken, wie dem sein Vater war. Wahr bleibt doch: Art läßt

nicht von Art, und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“

Dagegen dachte sich der also belobte Reindorfer im stillen seinen

Teil. „Sie bedenken’s nicht,“ meinte er, „daß Art nicht von Art zu

lassen braucht und doch anders sein kann, pfropf’ ich einen Wildling,

so bleibt er der nämliche und trägt doch bessere Frucht, und steht der

Baum auf einem Hügel, so kann der Apfel gar weit vom Stamm rollen.

Sprichwörter gelten auch nur von gleichem auf gleichen Fall und treffen

nicht für allemal. Hätten auch hier nicht einzutreffen gebraucht.

Schad’ ist’s, recht schad’!“

Der Florian war aber ein wüster Bursche geworden. Man hütete Weiber

und Mädchen vor ihm, man warnte die Söhne vor seiner Händelsucht und

Rauflust, er war in der ganzen Gegend gefürchtet, und er war stolz

darauf.

Einige Liederliche aus dem Orte und der Nachbarschaft, welche Gefallen

an seinem Treiben fanden, gesellten sich ihm zu, und da er immer

auch ihr Ärgstes noch zu überbieten wußte, so ordneten sie sich ihm

unbedingt unter.

Wo die Straße in entgegengesetzter Richtung von der Kreisstadt das Dorf

verließ, stieg sie ziemlich steil die Hügel hinan, und gerade auf der

Höhe, von wo sie wieder talabwärts führte, stand ein kleines Wirtshaus,

dort versammelte Florian seine Getreuen.

Der Wald rückte knapp bis an die Straße vor, man saß unter den

prächtigen Tannen und hatte einen weiten Ausblick in das Land. Heute

lag die Gegend rings in mildem, heiterem Sonnenlichte und zu der

heiligen Stille über allem bildete die lärmende Zechgenossenschaft

unter den Bäumen, die leise ihre Wipfel schüttelten, einen argen

Gegensatz.

„Ihr seid nur liederlich,“ schrie Florian, „weil ihr gesund und dabei

faul seid und nicht wißt, was ihr anfangen sollt, damit euch die Zeit

auch ohne Arbeit vergeht. Sieben Dirnen zu gleicher Zeit nachsteigen,

euch vom Bauer ausjagen lassen, wo gar keine Bäuerin an euch denkt,

das haltet ihr schon für einen Kapitalspaß; mich freut’s nur, wo eine

Teufelei dabei ist. Einem Bauer zeigen, daß er auf seiner goldigen

Nuß, die er jahrlang bis auf den Kern zu kennen meint, nur Flimmer

klebt und daß sie taub ist, -- früher als der rechte Bub’ bei einer

Dirn’ einsteigen und ihm Tag darauf, wenn er muckt, noch obendrein die

Knochen zerschlagen, das ist so meine Unterhaltlichkeit!“

Von den sechs Burschen, die mit Florian um den Tisch saßen, waren

fünf fast noch jünger wie er; man sah ihnen an, daß sie nur mit dem

Gefürchteten umgingen, weil sie glaubten, durch die Schrecken, die ihn

umgaben, auch für ihre Person gefeit zu sein, und gewiß waren, einiges

Aufsehen zu erregen, wenn man sie immer, aus tausend und keinem Anlaß,

an seiner Seite sah. Diese schwiegen stille und begnügten sich, ihm

beifällig zuzunicken, nur einer wagte sein Weinkrüglein unternehmend

anzufassen und damit an das seines Vorbildes anzustoßen.

Der sechste war ein älterer, riesenhaft gebauter Mensch, seines

Zeichens ein Kohlenbrenner, er war offenbar dem von der Mühle im

Wasser-Graben herstammenden jungen Apostel der Liederlichkeit nicht vom

brennenden Kohlenmeiler weg gefolgt, für ihn hatte dessen Botschaft

wohl lange vorher schon bestanden und er hielt sich nur zu ihm als zu

einem Gleichgesinnten, diese Stellung und seine Jahre erlaubten ihm

schon, sich etwas „herauszunehmen“. Er tat einen langen Trunk und sagte:

„So hat halt ein jeder sein eigenes gemütliches Wesen an sich. Aber

eins hab’ ich dir schon lange sagen wollen, schau, Flori, ich meine es

dir gut, ich weiß doch gewiß auch, was einer mitmachen kann, aber das

soll ein jeder dabei recht bedenken, wie weit er ausreicht. Du bist ein

Teuxelskerl, da ist nichts zu reden, schon gar nichts; im Ringen hast

du deinen Vorteil, du hast mich untergekriegt, das will was heißen!

Wenn es dir ansteht, so saufst du die Mannleut’ untern Tisch und

schwätzest die Weibsbilder um ihr klein bissel Verstand, alles recht,

wenn man’s nur auch treibt wie ein ordentlicher Mensch, aber du tust

bei allem nicht anders wie ein wildes Vieh. Schau nur, zum Beispiel

beim Raufen, wie tust du da? Unsereines erhitzt sich dabei nicht mehr

als notwendig ist und wartet auf seinen Vorteil, gewinnt man den und

drückt seinen Widerpart so sauber nach einer Seite, wo er nimmer

schaden kann, dann lacht einem ja erst das Herz im Leibe, wenn man ihn

so hat und hält und haut, solang es angeht, in aller Gemütlichkeit;

aber du tust ja gleich vom Anfang, als würd’st es versäumen, du paßt

nichts ab, du schaust gleich aus, als möchten dir die Stirnadern

springen, und wenn du endlich obenauf bist, kannst du dem andern gar

nichts mehr antun, mußt selbst gleich ablassen und verdirbst dir die

ganze Freud’. So ist’s auch beim Trinken, du hältst keine Zeit ein von

Trunk zu Trunk, bei dir muß’s wie auf der Extrapost gehen, und hast du

dir eine Liebschaft in den Kopf gesetzt, da weißt du dich gar nicht

mehr aus vor Leidenschaftlichkeit und Übereile. Ich sag’ dir, das taugt

eben alles nichts, du schaust auch gar nicht gesund dabei aus, mir

geschäh’ leid um dich, aber glaub mir, wenn du es so forttreibst, so

machst du es nimmer lang mit!“

„Das und lang? Ich möcht’ selber nicht,“ sagte der Müllerssohn. „Meinst

du, ich häng’ an der Welt? Ich spuck’ auf sie. Einmal hätt’ ich mir

sie gefallen lassen, wie sie da eingerichtet ist für die ordentlichen

Leute, aber wie ich hinzugekommen bin, da war die Tür zu, ich hab’

mich dagegen aufgebäumt, daß ich mir die Seel’ ausgerenkt hab’, und

die richtet mir kein Doktor auf der Welt wieder zurecht. Und wenn

ich denk’, wer und was sich dagegen gestemmt hat, daß ich wohl hab’

ablassen müssen, da verwind’ ich’s nicht. Ich verwinde es nicht!“ --

Er preßte die Zähne zusammen, daß die Spitze seines Pfeifenrohres

zerspellte. -- „Kohlenbrenner-Jackerl, du sagst, ich gebärd’ mich wie

ein wildes Vieh, hast recht, was ich tu’, ich tue es in Grimm und

Wütigkeit. Ich habe eine verschrobene Welt in mir und neid’ einem jeden

seine ehrliche, gerade und verderb’ und verkrümm’ sie ihm, wo ich

kann. Schau, ich weiß, selbst deinem Treiben macht einmal die Zeit ein

End’ und du wirst dich fein langsam zur Ruh’ geben, und die andern da,

die toben sich aus und schicken sich dann gerne in ein ehrsam’ Leben

auf dem Elternhof. So aber ist’s nicht bei mir, ich komm’ nicht zur

Ruh’ und für mich ist nichts mehr da, in was ich mich hineinschicken

könnt’!“

„Und laß dir gleich noch eins sagen,“ fiel ihm der Kohlenbrenner Jakob

in die Rede, „deine Ausreden taugen auch nichts, du hast dir einmal

inwendig vorgenommen, du willst einen ganz besonderen Lumpen in der

Welt abgeben und wilder tun als alle andern, darum redest du so daher.

Man weiß ja doch, warum du auf einmal anders geworden bist, als du

früher gewesen warst; um eine Dirn’ ist’s halt hergegangen, die du

nicht hast haben sollen, nun so was mag einen schon rechtschaffen

ärgern, aber für so einen Schwächling halt’ ich dich nicht, mein lieber

Flori, daß dich das ganz aus dem Häusel brächt’ und dir die Welt

verleidet!“

Der unternehmende Junge von vorhin schrie dazwischen: „Und die Welt

wär’ schon schön, wüßt’ man nur, was man darauf anfangen sollt’.“

Da diese nachdenkliche Äußerung weder dem Müllersohne noch dem

Kohlenbrenner zugunst oder ungunst geredet war, so passierte sie

unangefochten; der Bursche blickte stolz um sich, denn er hatte

mitgesprochen.

Florian, der den Kohlenbrenner eine Weile mit großen Augen angesehen,

lachte jetzt höhnisch auf. „Ich glaub’ gar, du traust mir nur darum

nicht zu, daß mir anders zumut’ sein könnt’ als euch, weil du nicht

gerne zurückstehen willst, du warst ja vor mir der ganz besondere Lump

vom Ort, und dich kränkt wohl, daß du jetzt nicht wie früher das große

Wort führen sollst?“

„Das ist Unsinn geredet,“ brummte der also Angeschuldete.

„Kein größerer, als wie du vorhin vorgebracht hast. Um eine Dirn’ ist’s

hergegangen, meinst du? Allein um eine Dirne?! Dabei war eine, das

ist sicher und ihr alle wißt davon. -- Redet mir nur keiner ein Wort

darüber, nehmt keiner den Namen ins Maul, ihr wißt, das macht mich

wild! Nun, meine ich doch, ihr kennt mich als einen, den man schon mit

guten Fäusten eine Weile drücken kann, ehe er aufschreit: ihr mögt euch

denken, blaue Flecke hätte es wohl gegeben, -- und die wären halt ja

geblieben für alle Lebzeit, -- aber wenn ihr merkt, daß es mehr gegeben

hat, daß es mich abseit geworfen hat von aller hergebrachten Art und

Weis’, so könnt ihr doch von selber auf den Glauben kommen, daß es

um etwas mehr hergegangen ist, als um eine Dirn’, die ich nicht hab’

haben sollen! Um was mehr, das kann ich nicht aussagen, das muß ich bei

mir behalten. Darauf möcht’ mir vielleicht einer von euch noch sagen:

gar so was Arges könnt’ es nicht gewesen sein, denn die mitbetroffene

Dirn’ hat ihren Teil geduldig auf sich genommen. Wohl, aber ein Weib

ist da wie von Lehm und der Mann wie von Stein, und worunter sie noch

zur Seit’ weichen kann, darunter zerbröckelt er. Und wenn einen das

Schicksal so hinlegt wie einen fiebernden Kranken, da kommt es auch

darauf an, was für ein Trank in der Hausapotheke zur Hand ist, ob

gut’ ehrlicher Rat oder schlecht übel Beispiel. Und geh’ ich an dem

Schicksalsfieber darauf, wen bekümmert’s? Mich am allerwenigsten.“ Er

strich mit der flachen Hand über den Tisch. -- „Es wäre gerade kein Muß

gewesen, daß ich euch all das zu Gehör’ rede, es ist nur geschehen,

damit jeder weiß, ich habe mein’ Teil erlebt und es braucht bei mir

nicht erst ein Vornehmen, um ein anderer zu sein als ihr, und in

Wahrheit lass’ ich mich auch nicht gerne mit euch vergleichen, denn da,

wo ihr aufhört, da heb’ ich erst an. Glaubt es, oder glaubt es nicht.

Ihr könnt mich ja erproben. Nennt mir ein Beginnen, der Red’ wert, an

das sich keiner von euch herantraut, ich führ’ es aus!“

„Ich wüßt’ eins,“ schrie der Unternehmende, „damit ist noch keiner

aufgekommen, einen Eimer auf einen Sitz trinken.“

„Das wär’ ein Stück so groß und so dumm wie du selber bist,“ sagte

Florian.

„Was können die mitreden, die von nichts noch wissen,“ meinte der

Kohlenbrenner. „Willst wirklich an was heran, wovon neuzeit noch jeder

seine Hände ferngehalten hat?“

„Möcht’ ich es sonst sagen? Ich meine nur, wir haben es da herum in

der Gegend an keinem Unfug fehlen lassen und dir wird nicht leicht was

Neues beifallen.“

„Darf es nicht ein wenig aus dem Wege liegen?“ fragte lauernd der

Kohlenbrenner.

„Wenn es was Rechtes ist,“ sagte Florian, „so geh’ ich drei Tag’ weit

danach.“

„Bist in einem dort, wo ich meine. Weißt du Zirbendorf?“

„Dort liegt’s,“ Florian wies in die Gegend, in der Richtung lag ein

hohes Gebirge in verschwimmendem Blau.

„Hast nie etwas gehört vom Leutenberger Urban dort?“

„Nein.“

„Nimmt mich nicht wunder. Wie er in dem Alter war wie du, da war

die ganze Gegend voll von ihm, danach ist alles wieder hübsch

eingeschlafen, nur er nicht, er freilich nicht, er ist hübsch munter

geblieben bis auf den heutigen Tag. Das ist aber daher gekommen,

anfangs hat man geglaubt, er wird doch einmal seinen Meister finden,

der ist aber ausgeblieben, sauber zerschlagen ist noch jeder

heimgekommen, der mit ihm angebunden hat, es sind alle nacheinander

dort gewesen, die so was haben unternehmen können; alle hat er

heimgeschickt und so hat sich keiner mehr an ihn herangewagt und da

haben sich auch die Leute rundum nicht mehr zu mucken getraut; was er

ihnen auch an Gewalt und Bosheit angetan hat, es ist nimmer viel Gerede

davon gewesen, es hat sich eben gezeigt, daß er der Stärkste war, und

seither ist jeder froh, wenn nur er mit dem Urban auf gutem Fuß steht,

und fragt nicht danach, was der mit den andern vornimmt. Seit er ihnen

den Herrn gezeigt hat, hört man wenig mehr von ihm, aber daheim macht

er ihnen zu schaffen, gerade wie früher.“

„Du meinst, mit dem soll ich’s aufnehmen?“

„Ich meine nichts, es war nur die Rede, ob einer was weiß, was sich

keiner getraut, und da ist mir die Geschichte von dem Leutenberger

Urban eingefallen. Es ist auch schon eine lange Zeit her, jetzt lach’

ich darüber, aber damal hätt’ ich vor Wütigkeit weinen mögen, wie ich

von dort heimgekommen bin mit dem Buckel voll schwerer Schläg’, und

die hab’ ich nirgends abladen können. Wie gesagt, du mußt es nicht

so aufnehmen, als wollt’ ich dich an den hetzen, wo noch jeder übel

weggekommen ist, eben es gilt ja keine Wette.“

Florian stand auf. „Du mußt nicht auf einmal so sorglich tun um mich,

Kohlenbrenner-Jackerl. Ich merk’ ja doch, daß du mich nur hänselst und

inwendig ein breit’ Maul ziehst. Laß dir davon abraten, sonst möcht’

ich mich ein wenig an dir erproben und so gut wie der Leutenberger

Urban denk’ ich es auch noch zu treffen, und da das keine lange

Zeit her wäre, so möchtest du auch nicht darüber lachen. Wenn ich

gesagt hab’, ich führe es aus, so führe ich es aus! Ihr sollt noch

davon hören.“ Er zahlte und die Gesellschaft entfernte sich in etwas

gedrückter Stimmung.

Sie gingen die Straße durch das Dorf. Der lange Kohlenbrenner hielt

sich immer einige Schritte abseits von den andern. Hier gab der eine,

dort der andere gute Nacht und verschwand in der Türe eines niederen

Häuschens oder hinter dem Gatter einer Hofumzäunung; als Florian bei

dem mittleren Graben anlangte, befand sich niemand mehr an seiner

Seite. Er schritt rüstiger aus, aber er hatte nur eine kurze Strecke

zurückgelegt, als er hinter sich jemand eilig herankommen hörte, er

dachte gleich an den Kohlenbrenner und da er ihm keine freundliche

Absicht zumuten mochte, so drehte er sich so herausfordernd um, daß

der Herankommende, es war der Köhler, nicht zweifelhaft sein konnte,

welcher Empfang ihm zugedacht sei.

„Sei nicht dumm, Flori,“ keuchte hinzutretend der Lange. „Ich werde dir

doch nicht nachlaufen, um mir die versprochenen Schläge zu holen, ich

weiß ja wohl, daß du von uns zweien der stärkere bist. Mich verlangt

nur, daß ich dir sag’, was ich heut’ geredet hab’, das laß zu einem

Ohr hinein- und zum andern hinausgehen, kehr’ dich nicht daran, ich

hab’ es nur so im Zorn vorgebracht, weil du mich geschraubt hast,

als möcht’ ich noch immer wie ehedem der Erste sein und tät’ es dir

neiden, dasselbe ist aber halt doch nicht wahr, ich bin schon zu alt,

und dich mag ich leiden und es läge mir auf dem Gewissen, wenn ich der

Anlaß wär’, daß du zu Schaden kämst. Wo noch einer glauben kann, er

wiegt den andern auf, nun, da ist gerauft eben gerauft, aber da ist’s

gemördert, der Urban ist ein Kerl wie der Teufel selber, der bringt

einen auch um in aller Gemütlichkeit. Schau, mußt nicht nach Zirbendorf

gehen. Hänseln wird dich darum keiner, denn daheim bei uns bist du der

Starke. Tu’s nicht.“

„Bekümmer’ dich nicht allfort um mich,“ der Müllerssohn drehte ihm den

Rücken und ging.

„Hör’, Flori,“ rief ihm der Köhler nach, „nur eins nimm von mir an!“

Der Angerufene hielt inne und blieb, abgewendet von ihm, zuwartend

stehen.

„Wenn du schon gehst, so reiz’ den Sackermenter nicht unnötig auf,

sag’: du kämst nur, um dich zu erproben; verabredet ein Ringen und

welche Vorteil’ dabei gelten sollen und welche nicht, und wird einer

geworfen, so soll’s aus sein und soll nicht weiter Hand an ihn gelegt

werden. Hörst du?“

„Ich hör’ schon,“ sagte Florian und kehrte sich dabei etwas dem

Kohlenbrenner zu. „Soll nicht auch noch ausgemacht werden, auf einem

Heuschober müßt’ es vor sich gehen, damit, wer verliert, nicht hart

fällt? Du bist doch selber kein so Feighart, wie du anderen zu sein

anraten möchtest. Daß du mich darauf gebracht hast, ist mir lieb, denn

es ist doch einmal was Neues, und wie es ausgeht, da ängstige dich

nicht. Behüt dich Gott, Jackerl!“

„Behüt dich Gott, aber ...“

„Sollen wir als gut Freund voneinander gehen, so gib mir jetzt weiter

keine Red’. Gute Nacht.“

Mit raschen Schritten entfernte er sich, der Köhler blieb eine Weile

nachdenklich stehen, er machte einige lebhafte, bedauernde Gesten

hinter dem Davoneilenden und ging dann langsam und kopfschüttelnd

seiner Wege.

Als Florian dem Busche nahe war, der den Reindorferhof verdeckte, hörte

er jemand auf der Straße einherlaufen, und als er um das Gesträuch bog,

rannte ein Mann an ihn. Er erkannte den alten Knecht Reindorfers.

„Nun, was gibt’s so eilig?“ fragte er.

„Halt ja, eilig, -- guten Abend,“ -- sagte der Knecht. „Den Bader haben

wir im Haus. Die Bäuerin will versterben, ich muß nach’m hochwürdigen

Herrn laufen. Gute Nacht!“

„Gute Nacht! Die Bäuerin will versterben!“ Er betrachtete den

Reindorferhof, der friedlich im Abendschatten vor ihm lag. „Wie lang

dauert’s, so bringt der junge Bauer eine neue Bäuerin darauf. Etwa die

Melzer Sepherl?“ Er lachte höhnisch. „Dann entspinnt sich aufs neue die

alte Geschichte zwischen dem Hof und der Mühl’!“ Er lachte nicht mehr,

ihn fröstelte.

Er stieg hastig den Weg hinan, der über die Wiese und durch das

Tannenwäldchen führte. Er kam bis zum Weißdornstrauch.

„Wie dumm. Nun will mich heut auf einmal alles erinnern. Ich mein’,

sollt’ ich jetzt durch den Tann, ich könnt’ weinen wie ein Bub’!“

Er kehrte wieder um und verfolgte den Weg auf der Straße.

„Da haben wir uns auch einmal als Kinder getummelt. -- Daß es mich

gerade heute überkommt?! -- Da geh’ ich einher und mir ist, daß ich

keinen Wurm vom Halm streifen und keine Schnecke zertreten möcht’!

Ei ja, so sieht einer aus, der morgen mit dem Urban von Zirbendorf

anbinden will!“

Das half. Er trat wieder strack auf, und was im Wege war, das mochte

sich vorsehen.

* * * * *

Es war in der Nacht, als der Pfarrer auf dem Reindorferhofe anlangte.

Er trat in die Stube, in der Ecke stand das Bett, darin die Bäuerin

lag, sie atmete schwer. Ein Öllämpchen beleuchtete spärlich den Raum

und warf einen schwanken, matten Kreis auf den Tisch, worauf es stand,

daran saß der alte Reindorfer und schrieb.

„Guten Abend, Reindorfer, wie geht es?“ fragte der Pfarrer; er war die

Zeit über noch beleibter geworden, aber er hatte seine Lebhaftigkeit

eingebüßt.

„Ich küss’ die Hand, Hochwürden,“ sagte der Bauer. „Schlecht geht es,

recht schlecht. Ich schreib’ gerade an die Magdalen’, auch der Liese

hab’ ich Botschaft sagen lassen. Es ist nur, daß die Kinder es wissen,

zu sehen verlangt sie sich keines. Ich soll die nur zulassen, wenn sie

aufgebahrt sein wird.“

„Sonderbar, die Kinder will sie nicht um sich?“

„Nein. Ich werd’ sie wecken, hochwürdiger Herr, damit sie beichtet.“

„Laßt es gut sein. Ich will es schon abwarten, bis sie von selbst wach

wird.“

„Ich bin wach,“ sagte die Kranke plötzlich.

„So will ich Euch Beichte hören, Reindorferin.“ Der Pfarrer setzte sich

an das Bett der Sterbenden, der Bauer wollte sich entfernen, aber sie

machte eine heftige Bewegung, als wollte sie ihn zurückhalten, so daß

der Seelsorger sich rasch erhob und sagte: „Bleibt nur da, Reindorfer.“

Der alte Mann trat zurück an den Tisch und stützte den Kopf in die

Hände. Es rührte und regte sich nichts, nur das Geflüster und leise

Geschluchze der Beichtenden drang eintönig an sein Ohr.

Der Pfarrer bewegte sich etwas unruhig, er sprach der Bäuerin Trost zu,

betete dann und machte das Kreuzeszeichen über sie.

Er erhob sich und trat auf den Bauer zu. „Reindorfer,“ sagte er, „Sein

Weib ist nun mit Gott versöhnt, aber ehe ich ihr das heilige Abendmahl

reiche, begehrt sie noch Seine Verzeihung für all das, womit sie sich

gegen Ihn versündigt hat. Reindorfer, Er ist ein Christ, habe ich es

nötig, Ihm viel Worte darüber zu machen?“

„Nein, Hochwürden, dasselbe ist nicht not. Sie hat schon recht, wenn

sie das begehrt, denn unser Herrgott nimmt die Dinge wohl nicht so auf

wie ein Mensch und darum ist es gut, man verlangt auch den Menschen

ihre Verzeihung ab! Sie hat auch recht, -- gleichwohl sie hat merken

können, ich trage ihr nichts nach, -- wenn sie es gesagt haben will,

denn solch ein Wort zur letzten Letzt’ ist wahrhaft und läßt sich nicht

lügen und nicht leugnen.“ -- Er trat heran an das Bett. -- „Rosel, wenn

ich daran denk’, wie lange du brav und ehrlich warst, vermöcht’ ich

nicht, dir in deinem Sterben nachzutragen, daß du einmal schwach und

hinfällig gewesen.“

Das Weib schluchzte heftig. Der alte Mann fuhr sich über die Augen mit

der Rechten, dann erhob er sie feierlich. „Und so sag’ ich dir denn,

daß ich dir alles vom Grunde des Herzens verzeihe, so wahr ich mir

dereinstens von Gott und den Menschen das gleiche erhoffe. Amen!“

Er legte seine zitternde Hand in die ihre, sie faßte ihn daran und

hielt den Blick der matten Augen starr auf ihn gerichtet. „Mein Joseph,

so ist es nun recht geworden und nun bleibt es. Ich wollt’ nur, ich

hätt’ noch ein Leben mit dir, -- du solltest es anders haben.“ Wieder

weinte sie heftig.

„Tu dich nicht aufregen, der hochwürdige Herr versammelt schon das

Gesind’!“

„Du bleib’ bei mir, Joseph, du bleib’ bei mir, auch vor den Leuten,

gelt ja, -- das ist unser neuer Brauttag, unser Brauttag.“

Der Pfarrer, der vor die Tür getreten war, führte jetzt den Mesner und

das Gesinde herein. Als er der Bäuerin die kirchliche Tröstung reichte,

trat er selbst nur einen Schritt heran und vertrieb den Bauer nicht von

seinem Platze, und als sie gingen, winkte er ihm mit stillem Gruße, zu

bleiben.

Über eine Weile waren die Leute fort, die Bäuerin atmete ruhiger, es

löste sich ihre Hand, sie war eingeschlummert. Der Bauer trat leise von

ihrem Bette zurück, ging nach dem Tische und griff nach der Feder. Er

hatte an Magdalene geschrieben, wie es um ihre Mutter stehe und daß sie

für dieselbe beten solle. Jetzt fügte er noch hinzu, daß sie eben mit

den Sterbesakramenten versehen worden sei und daß er ihr vom Grunde des

Herzens vergeben habe.

Er beendete den Brief nicht, es ward ihm gar ängstlich in der Stube, er

schlich hinaus nach dem Hofe und tat einige tiefe Atemzüge.

„Ihre Reu’ hat mir schier wehgetan,“ murmelte er. „Es ist doch ein

eigenes herzverschnürend’ Wesen um so ein Sterbendes, wie bald und

es soll nimmer sein; da möcht’ man voreh’ noch einmal den ganzen

Herzinhalt vor ihm ausschütten, aber er will nicht ins Wort, bis es

vorbei ist, und man behält das Ganze für sich, ungesagt und ungehört.

O du mein Herr und Gott! Wie hilft sich doch alles auf der Welt so

elendig durch, was geboren wird, bis es wieder versterben muß! Halt ja,

müssen wir uns allsamt rechtschaffen erbarmen! Von der Lieb’ soll mir

keiner sagen, die sucht ihren Grund und hat ihr Absehen, das Erbarmen

fragt nicht danach, dem ist genug, daß eines mit da ist, das Erbarmen

untereinander, es ist doch das Beste!“

Er horchte auf, wohl regte sich nichts, aber er eilte mit leisen

Schritten zurück an das Sterbelager seines Weibes.

* * * * *

Am frühen Morgen darauf machte sich Florian bereit, die Mühle zu

verlassen.

„Wohin denn wieder,“ fragte finster der Müller, „soll das Herumstromen

nie ein Ende haben? Muß alle Tag’ etwas ins Werk, was du dir

ausgesonnen hast, um meinen Namen noch mehr zu verschänden? Immer muß

man in Angst sein, daß du von einem Gange nicht mehr heimkehrst. Sieh

dich vor, du treibst es arg, sie werden dich noch erschlagen.“

„Sei gescheit, Flori, ich bitt’ dich, sei g’scheit,“ sagte die Müllerin.

„Sorg’ dich nicht, Mutter,“ entgegnete der Bursche, dann wandte er sich

an seinen Vater. „Wenn sie mich erschlügen, ich klagte nicht darum, du

weißt am besten, was mir am Leben liegen kann; nur zank’ nicht, dazu

hast du kein Recht, denn wie du warst, werd’ ich doch auch sein dürfen.“

„Ich war nie so,“ brauste der Müller auf.

„Mag auch sein, daß ich es übertreib’; dafür ist es dich leichter

angekommen, ich geb’ mir Müh’ dazu. Nun behüt Gott!“

„Tu mir’s zuliebe,“ bat die Müllerin, „und bleib nur heut, den einen

Tag, heim.“

„Heim ist’s langweilig.“

„Sag wenigstens, wohin du gehst,“ begehrte der Müller.

„Ei, weiß ich’s, wohin mich der Zufall bringt und meine Füße tragen?

Behüt euch Gott!“

Fort war er. Die Müllerin blickte, wie Rat und Trost suchend, nach

ihrem Manne, aber der stand selbst wie verloren da.

„Es ist ein Elend mit dem Jungen,“ sagte er, „aber es wird sich wohl

geben, er treibt es mit zuviel Hast und Übernehmen, da muß er es bald

müde werden und klein beigeben.“

„Meinst du?“

„Ei freilich.“

Florian ging durch das Tannenwäldchen, die Sonne stieg eben herauf,

jenseits aber, als er über die Wiese herunterkam, lag der Reindorferhof

noch in Morgendämmer. Der Knecht stand vor dem Tore, eine Magd kam

herzugelaufen, da nahm er die Pfeife aus dem Mund und unterließ es

Feuer zu schlagen, er schickte sich gerade an, der voraneilenden Dirne

langsam nachzufolgen, als Florian ihn anrief: „Nun, was ist’s mit der

Bäuerin?“

Der Knecht wies im Gehen mit der Pfeife nach dem Hofe. „Sie stirbt

eben,“ sagte er leise.

„Schau einmal.“ Gleichzeitig ging Florian der Straße nach weiter.

Gestern wäre ihm vielleicht eingefallen, daß die Sterbende Magdalenens

Mutter war, aber heute „überkam es ihn nicht“. Rein war der Himmel,

und die Sonne wird bald ganz heroben sein und es diesmal redlich

warm meinen. Wer, der in frischer Jugendkraft dem sonnigsten Tage

entgegengeht, wird auch an das Sterben und an den Tod denken?

Das kommt, da hat es noch lang hin!

Er schritt rüstig aus, es war kein kleines Stück Weg nach Zirbendorf.

17.

Da liegen die Häuschen erst verstreut, dann tun sie sich zusammen und

bilden eine Gasse, von der hie und da ein Gäßchen abzweigt, eines

davon führt über Stufen zur Kirche hinan, die über dem Dorfe inmitten

des kleinen Friedhofes steht. Ein Schreiner hat dort seine Werkstatt,

die Fenster nach den Hügeln und Kreuzen heraus, und man hört das

langgezogene Schleifen des Hobels. Die Uhr auf dem Turme schlägt jede

Viertelstunde, zu bestimmten Tageszeiten wird auch die Glocke gezogen

und da nehmen die Leute die Kappen ab und falten die Hände, mögen sie

weit draußen auf dem Felde oder heim im Stalle oder Garten sein. Jede

Stunde mißt ihnen die Uhr unter dem funkelnden Kreuze zu, jede Stunde

als Geschenk des Himmels.

Wer zum erstenmal so ein Dorf und seinen kleinen Friedhof betritt

und den Stundenschlag gleichmäßig verhallen hört über der kleinen,

enggeschlossenen Gemeinde der Verstorbenen und der Lebenden, der

könnte wohl meinen, die letzteren überkäme, wie ein Segen aus der Höhe

des Turmes, das Gefühl, das ihn beschleicht, der all ihrer Müh’ und

Sorge ferne steht; ein Gefühl, allumgeben zu sein von der Zeit und dem

Waltenden in ihr, eine Unmittelbarkeit des Ewigen. Die liebe, lichte

Erde scheint herausgetrennt aus dem wirren Ganzen; in der Luft, die auf

ihr lastet, atmet Andacht und jeder Atemzug erfüllt die Brust mit der

Sicherheit, in und mit allem gezählt und behütet zu sein!

Es ist ein Augenblick vergessender, unmittelbarer Gegenwart, der den

Wanderer erfreut, flüchtig wie diese; die Zeit, sie hat auch hier nie

stille gestanden, nur merkt er eben ihre Spuren nicht. Die Menschen zur

Stelle aber mahnt der Stundenschlag und Glockenklang an etwas in und

über der Zeit, doch sie hören es Tag für Tag, es wird gewöhnlich, sie

murmeln ihre Gebete, leiden unter dem Vergangenen und fürchten für die

Zukunft.

Denket die Natur als, ohne Rückerinnerung und Furcht, urewig schaffende

Gegenwart, und es überkommt den Menschen ein Gefühl haltloser

Vergänglichkeit. Laßt den Reisenden nach einiger Zeit wiederkehren.

Damals war es so und wie ist es jetzt ganz anders, schon ein zweites

Mal haftet die Erinnerung auf dem Flecke und Wehmut beschleicht sein

Herz. Die Alten hatten recht, ihre Heroen mußten Lethe trinken, um ewig

sein zu können.

Im heiteren Tageslichte, das erste Mal berührt, sieht jede Stätte

heimisch aus. Wie reinlich so ein kleines Dörfchen in hellem

Sonnenscheine liegt, an die Häuser drängt das Licht, fällt durch die

Fensterscheiben und schlägt in breiter Masse durch jede sich öffnende

Türe ein, und draußen spielt es um Grabsteine und Kreuze; anders

ist es freilich, wenn der Himmel unfreundlich ist, wenn ein dichter

Landregen in trauriger Einförmigkeit niederrieselt, trotz seiner

Verdienstlichkeit um Feld und Frucht blicken die Menschen verdrießlich,

weil sie in ihre dumpfen Stuben gebannt sind, die Häuser selbst

erscheinen ganz unförmlich und schmutzig und von den Gräbern meint man

den Brodem der Fäulnis aussteigen zu sehen. Aber es gibt auch lustige

Regen, die in Hast befruchtend herniederstürzen, nach denen alsbald die

Sonne wieder hervorbricht, und deren Naß man lachend abschüttelt.

Unter solch einem frischen Sprühregen schritt Florian auf die Ortschaft

zu; es war Zirbendorf, und die ziehenden Wolken, die ihm den nassen

Gruß herniederschickten, waren schon von der Abendsonne gerötet. Er

nahm sich vor, erst die Wirtshäuser abzusuchen, denn hier wie daheim

geht wohl der Fleißige seiner Arbeit und der Ausbund dem Trunke nach,

und hinter einem vollen Glase dachte er auch seinen Mann zu finden. Das

Gemeindegasthaus war das vornehmste, mit ihm beschloß er den Anfang zu

machen, er fand aber niemand dort und es schien auch weiter niemand

kommen zu wollen, so zahlte er sein Glas Wein und ging, um sich lieber

in einer verdächtigen Schenke umzusehen.

Am andern Ende des Ortes fand er eine, welche so verkommen aussah, daß

sie sein Vertrauen gewann. Er trat ein. Das Innere hielt vollkommen,

was das Äußere versprach. Schmutz starrte an den Wänden und machte

Tische und Bänke für jeden Anständigen unnahbar, ein altes Weib, das

in versudelten Lumpen einherging, besorgte die Bedienung der Gäste und

die Leute, die hier ein Behagen finden konnten, sie waren auch danach.

Männer und Burschen in schmierigen Jacken lümmelten an den Tischen

und sahen entweder blöde mit schlaffen Gesichtern vor sich hin, oder

schrieen mit wildem Blick und krampfhaft verzerrten Mienen auf den

Nachbar ein. Diesmal keifte aber auch die Wirtin darein, und man konnte

aus ihren Worten entnehmen, daß sie die Überzeugung hege, ihre Gäste

wären „Lotter, Erzdiebe und Mistfinken“, die ein armes Weib betrügen

wollten, indem sie mehr söffen als sie dann bei der Zeche eingestünden.

„Gemein mit solchen macht er sich doch nicht,“ dachte Florian und

wollte schon umkehren, da bemerkte er durch den dichten Tabaksqualm

einen Mann, der in einer Ecke allein an einem Tische saß und wohl der

Gesuchte sein konnte. Er trat daher ohne weiteres hinzu und setzte sich

ihm gegenüber.

Dieser Stammgast beachtete ihn offenbar gar nicht, als er aber

bemerkte, daß Florian ihn mit mißgünstigen Blicken musterte, so wurde

das bald gegenseitig. Diese Musterung bestärkte Florian darin, daß er

den Leutenberger Urban vor sich habe. Der Mensch, ihm gegenüber, war

überaus kräftig gebaut, und daß er stark war, das sah man ihm sogar an

seinem Gesichte ab, wenn er eine Muskel verzog, so war es, als kröche

ihm etwas unter der Haut dahin, und es stiegen rote Flecke auf, wie von

einem Druck, er hatte die Hemdärmel zurückgestreift, seine bedenklich

kräftigen Arme konnten auch der Bekleidung entbehren, denn sie waren

mit einem dichten Felle bewachsen. Seine Stirne war nieder, wasserhelle

graue Augen, eine gerade knollige Nase und wulstige Lippen standen in

seinem breiten Gesichte, das einen brutalen Ausdruck hatte und sonst

auch keinen andern.

Er räusperte sich und spuckte über den Tisch, knapp an seinem Gegenüber

vorbei, mitten in die Stube.

Der Müllerssohn hatte sich Wein geben lassen, sein halbvolles Glas

stand vor ihm, er wandte sich jetzt ab und stieß dasselbe wie achtlos

um, daß der Inhalt über den Tisch rann.

„Noch einmal,“ rief drohend der andere.

„Kann schon sein, wenn ich meinen Wein verschütten will, geht es keinen

Menschen was an, und ist dir um deine Hosen leid, so heb dich und setz

dich wo anders hin.“

„Büberl, du weißt nicht, mit wem du zu tun hast.“

„Nu, gefressen wirst auch noch keinen haben.“

„Weißt wer ich bin?“

„Und wenn du der Leutenberger Urban selber bist, so kommst du doch

nicht gleich nach’m Teufel!“

„Kennst mich denn, weil du mich beim Namen nennst?“

„Dem Reden nach, die nähere Bekanntschaft behalt’ ich mir noch vor.“

„Wer bist denn nachher du?“

„Der Sohn vom Müller im Langendorfer Wassergraben.“

„So, so, von dir hört man ja auch reden. Schau, du steigst einem nicht

schlecht zu. Ich meine, mit ein wenig weniger Reschen[22] tätest du es

auch richten, wenn du dich mit mir messen willst.“

„Ausfordern kann ich dich wie es mir ansteht. Kannst ja zufrieden

sein, daß ich dir vorhin die Ehr’ angetan hab’ und hab’ dich mit Wein

gewaschen, wird dir ohnehin schon lang nicht geschehen sein, -- ich

meine das Waschen!“

Der Leutenberger Urban blickte finster. „Du hörtest gerne lachen über

deine Späße, damit ich mich jemehr giften möcht’, aber gib dir keine

Müh’, da lacht dir keiner; schau, wie sie duchsig herumsitzen, ich sag’

dir, ehe einer einen Lacher gegen mich losläßt, frißt er lieber sein

Stielglas auf.“

Die meisten Gäste tranken Branntwein und hatten ihn in kleinen

Kelchgläschen vor sich stehen.

„Ich weiß nicht,“ fuhr der Leutenberger fort, „ob du es so eilig hast,

daß du auf der Stell’ an mich geraten willst, aber das merk’ ich, daß

du jung bist und dich in Hitz’ und Hast hineinreden möchtest, das taugt

nicht, morgen ist auch ein Tag, da wollen wir aneinander.“

„Wenn du dich heute nicht getraust, so ist es für mich gerade

schicklich.“

„Sei gescheit, ich kann dir nicht bös sein, ich hab’ schon gemeint,

die Kuraschierten wären allsamt ausgestorben, du bist der erste, der

sich nach langer Zeit wieder heranwagt an mich, und das freut mich.

Ich sag’ dir, es ist völlig zuwider, wenn man allweil so in Ruh’ bleibt

und wo man selber angreift, nur unter den Fäusten was herumzappeln

spürt und nicht einmal weiß, haut das zurück oder nicht. Schau, sauber

hingelegt wirst, das wirst, darauf kannst du dich schon verlassen,

aber freuen tut’s mich doch.“ -- Er faßte nach Florians Arm und prüfte

ihn mit ein paar Griffen. -- „Nun, zu schaffen kannst du einem schon

machen, hätten wir’s im Ernst einer auf den andern abgesehen, wir

möchten nicht ganz heil voneinander kommen, aber die Freud’ machen

wir den Zulauerern nicht, das hat’s nicht not, stark bleibt stark und

stärker bleibt stärker, das weist sich auch beim Erproben aus.“

Damit stand er auf. „Also genug für heut, ich hab’ noch einen Gang,“

sagte er mit zusammengekniffenen Augen.

„Zu der Everl,“ kicherte die Wirtin.

Der Leutenberger tat einen verwunderten Blick nach ihr, der besagen

sollte, wie kommst du dazu, ein Wort darein zu geben, wo zwei solche,

wie ich und der, miteinander reden, weiter aber nahm er die Bemerkung

nicht übel und fuhr, zu dem Müllerssohne gewendet, fort: „Morgen

wollen wir aneinander, du triffst mich hier von früh ab, außer“ -- er

zwinkerte wieder mit den Augen, -- „du hättest so wenig Zeit, daß du

heute noch in aller Eil’ heim müßtest!“

Er begleitete diese Worte mit einem freundlichen Händedruck, der den

ganzen Arm hinauf schmerzte, aber Florian gab ihn ebenso ehrlich

gemeint zurück und hatte die Genugtuung, daß der Leutenberger ihm etwas

befremdet nach der Hand sah, dann verzog derselbe das Gesicht zum

Lachen und sagte: „Du kommst schon. Gute Nacht miteinander!“

Er war kaum gegangen, da rief es von mehreren Tischen Florian zu:

„Wirst einen schweren Stand haben!“

Der Bursche richtete sich hoch auf. „Wen bekümmert’s, was ich für

einen Stand haben werd’? Wer von euch hat da überhaupt ein Wort

dareinzureden? Tut ihr vielleicht ihm vorhinein so bedauerlich, um

mich fürchten zu machen? Gegen den Urban habt ihr euch nicht einmal

zu lachen getraut, wo es doch zum Lachen war, müßt nicht meinen, ihr

könntet euch vielleicht jetzt gegen mich etwas herausnehmen, das laßt

bleiben, sonst zeig’ ich euch gleich eines von meinen Stückeln; es darf

mir nur einfallen, daß ihr mir nicht schön genug dasitzet, so räum’ ich

euch alle hinaus bis auf den letzten!“

Er wartete eine kleine Weile ab, da aber keiner der Anwesenden sich

rührte, vielleicht aus Besorgnis in einer anderen Stellung minder schön

dazusitzen, so zahlte er und ging.

„Hihi,“ kicherte die Wirtin, „die haben alle zwei morgen einen schweren

Stand.“

„Ich vergönn’ einem jeden Schläge, so viel auf ihm Platz haben,“ sagte

ein buckliger, verkrüppelter Tagwerker.

Als Florian aus der Schenke getreten war, sah er den Leutenberger auf

der Straße, die zu dem Dorfe hinaus führte, dahingehen. Er beschloß,

ihm Zeitvertreibes halber zu folgen, und ging nun immer eine Strecke

hinter ihm her.

„Das war dumm,“ sagte er, als er nach einer geraumen Weile sich

umblickte und das Dorf weit hinter sich liegen sah. „Der wird wohl

wissen, wo er bleibt, aber ich kann jetzt die Nacht auf offenem Felde

zubringen.“ Da aber das Umkehren nunmehr auch zwecklos schien, so

setzte er seinen Weg fort und behielt den Voranschreitenden im Auge.

Es war Neumond, aber die Nacht war sternenhell, wenige einzelne Wolken

zogen langsam dahin und verdeckten hie und da am Himmel auf weite

Strecken die brennenden Lichter, aber auf Erden blieb die Helle gleich.

Ein hoher Berg lag vor den beiden nächtlichen Wanderern, der Wald

erschien undeutlich, nur einzelne Bäume an den Rändern der Zacken und

Höhen hoben sich ab, das andere war ein unentwirrbares Ganzes und es

sah aus, als wäre der Fels mit riesigen Moosfeldern bewachsen, dagegen

traten die nackten, schroffen Stellen fast leuchtend hervor, in der

halben Höhe stand eine kleine Hütte, wohl erst mit frischem Anwurf

versehen, denn sie glänzte kreidebleich in die Nacht hinaus.

Der Leutenberger Urban begann den Berg hinanzusteigen, bald mußte er

im Schatten der Bäume verschwinden, Florian beeilte sich darum, ihm

näher zu kommen, sie waren in Rufweite, als der erstere in der Nähe des

Häuschens stehen blieb und Atem schöpfte: ein paarmal schon hatte er

sich umgesehen, auch plötzlich im Gehen innegehalten, damit sich der

Nachschreitende durch seine Tritte verraten sollte, aber der war zu

sehr auf der Hut.

Da standen sie nun vor dem Häuschen, ein niederer Zaun vor demselben

schloß ein kleines Gärtchen, ein wenig Ackergrund und etliche Waldbäume

ein, er sollte das dürftige Besitztum wohl nicht schützen, sondern

nur umfrieden, damit die Eigner mit einem Blick das Ihre überschauen

konnten, sei es, um sich zu getrösten mit dem was sie hatten, oder

stets vor Augen zu haben, wie arm sie seien. Unmittelbar hinter den

Tannen, die bei dem Häuschen eingefriedet waren, zeigte sich eine

Lichtung.

Im Gärtchen war eine Laube mit Bohnen und anderen Schlingpflanzen wirr

durcheinander dicht bewachsen, sie ließ die Mauerseite der Hütte, an

der sie knapp anstand, frei und ein Fenster der einen einzigen Stube

befand sich unter ihrem Blätterdache; der Leutenberger war über den

Zaun gestiegen und dort untergetreten, das machte Florian Mut, an einer

anderen Stelle überzusteigen und sich ganz nahe heranzuschleichen.

Der Urban klopfte mit derber Faust an die Scheiben.

„Jesus, Maria,“ rief innen ein Weib. „Wer ist’s denn?“

„Ich bin’s, der Urban. Hab’ ich nicht gesagt, ich komm’ heut? Da bin

ich nun, laßt die Everl an das Fenster treten.“

„Die Everl ist nicht daheim, -- wir haben sie fortgeschickt, -- nach

Bergdörfl halt haben wir sie zur Verwandtschaft geschickt.“

„Wenn es wahr wär’, so holte ich mir meinen kleinen Schatz auch von

dort und das möcht’ mir wohl keiner wehren. Ihr kennt den Leutenberger

Urban noch nicht, wenn er sich was in den Kopf setzt! Aber ich weiß,

sie ist heim, der Halterbub’ hat für mich aufpassen müssen, seit sie

mit dem Schulzöger herein ist, ist sie nicht aus der Hütte gekommen.“

„Sie ist krank.“

„Was ist’s? Mach das Fenster auf! Durch die Scheiben versteh’ ich dich

mit keinem Laut. Mach schnell, sonst heb’ ich dir gleich allssamt mit

dem Fensterstock aus!“

Das Fenster wurde geöffnet.

Innen stöhnte eine männliche Stimme schwer auf: „O du heiliger

Herrgott in deinem Himmelreich oben, ist das auch recht, daß ich da

daniederliegen und das mit anhören muß!“

„Ich mein’, du könntest es noch verspüren, wozu dir dein Aufsein

verhelfen möcht’,“ bemerkte roh der außen.

„Anton, ich bitt’ dich, sei ruhig, sei nur du ruhig,“ sagte das Weib

in der Stube, dann zeigte es sich an dem Fenster, es war ein altes

Mütterchen, das ängstlich nach der Hand des Davorstehenden griff. „Der

Urban will uns wohl nur Angst einjagen, gelt ja!“

„Dir will ich nichts, Alte, scher’ dich fort. Everl, komm her!“ Der

ungeschlachte Mensch rief das mit leiser Stimme, fast zärtlich, als ihm

aber nicht alsbald Folge geleistet wurde, sagte er heftig: „Ich rate

dir gut, Everl, komm her!“

„Geh nicht,“ schrie innen aufgeregt die männliche Stimme, „geh nicht,

mag werden, was da will! Es wird doch noch Recht auf der Welt zu

finden sein, es wird sich doch für den auch noch ein Oberer finden!

Wir wollen in Ruh’ bleiben. Großmutter, du gehst morgen nach dem

Gendarmeriekommando!“

„Da soll sie nur hingehen, einsperren könnt ihr mich schon lassen, aber

auf ewig wird es nicht sein, und wenn ich wieder loskomm’, ist mein

erster Gang da her und da will ich so hausen, daß kein Mensch mehr

erkennen soll, was einmal auf dem Fleck gestanden.“

„Ich geh’ ja nicht,“ sagte besänftigend das Mütterchen, „ich geh’

ja nicht hin. Ich weiß schon, daß dir dein Respekt gebührt und sich

niemand einzumischen hat. Du bist halt stark, so viel stark, daß

du dich manchmal vor lauter Stärke nicht ausweißt, was du anfangen

sollst! Ja, ja, man kennt noch keinen, der dir was verwehren möcht’,

aber warum willst du es gerade auf uns absehen? Wir haben dir doch nie

einen Anlaß gegeben. Schau, Leutenberger, da sind andere, die dir immer

übel gewollt haben, denen tu etwas an, das kann dir doch selber mehr

anliegen.“

„Halt das Maul,“ sagte der Leutenberger, „ich versteh’ dich schon, aber

auf Schmeicheln und Hetzen hör’ ich nicht; zum letztenmal jetzt im

guten, Everl, komm her!“

Da zeigte sich etwas Weißes im Fenster und ein feines Stimmchen sagte

trotzig: „Was willst du mir denn? Was kannst du mir denn wollen?“

Der Leutenberger aber griff mit beiden Armen zu und hob das Weiße,

leicht wie eine Feder, heraus und setzte es neben sich auf die Bank.

Florian sah mit Erstaunen ein Kind, ein völliges Kind vor sich, ein

Mädchen von etwa dreizehn Jahren, mit verweinten Augen, barfuß, im

Hemd und Unterröckchen. Es war allerdings ein hübsches Kind mit

reichen blonden Flechten um das milchweiße Gesichtchen, in welchem,

seltenerweise, tiefschwarze Augen brannten.

„Steh Gott mir armem Weib bei, daß ich nicht irr’ werd’ an ihm!“ rief

mit bebenden Mundwinkeln das alte Mütterchen. „Ein Enkelkind hast du

mir blutrünstig geschlagen, willst du mir jetzt noch das andere gar

zugrunde richten?! O, du elender Leutschinder und Kinderverderber, daß

du doch die nächste Sonn’ nimmer sehen möchtest!“

„Schimpf’ dich nur aus, Alte,“ lachte Urban, „später reden wir uns dann

leichter.“ Er wandte sich zu dem Kinde. „Was ich dir will, meinst du?

Was werd’ ich wollen? Dich herzen, weil du mein kleiner Schatz bist.“

„Ich will dein Schatz nicht sein.“

„Oho, warum gerade du nicht? Da sitzen noch andere Dirndeln in der

letzten Klass’ neben dir auf der Schulbank, die mir freundlich waren,

frag nur nach, die sind stolz darauf, daß ich mich mit ihnen abgegeben

hab’, denn weißt, Everl, ich bin der Stärkste im Land!“

Das Kind lachte gehässig auf. „Mein Bruder, den Toni, zu schlagen,

der nicht fünf Jahr’ älter ist, dazu hat wohl der Stärkste im Land

hermüssen?! O, wär’ der Bub’ nur nicht halbwüchsig gewesen!“

„Hätt’ er sich nicht eingemischt zwischen uns, so wär’ es ihm nicht

übel ergangen; daß ich aber mit ganz anderen fertig zu werden verstehe,

das kannst du morgen mit ansehen, da ist einer heute ins Ort gekommen,

der es mit mir aufnehmen will.“

„Gekommen ist einer?“ fragte das Mädchen. „Er ist also schon da --, er

ist schon da!“ Sie drückte beide Arme vor Freude an sich.

„Wer? Kennst du ihn denn!“ fragte erstaunt der Leutenberger.

„Seit du mich nicht in Ruhe läßt,“ sagte das Kind mit scharfer Stimme,

„habe ich tagtäglich zu Gott gebetet, er möchte einen starken Engel vom

Himmel schicken, der dich klein,“ -- die schwachen Fäuste ballten sich

--, „ganz klein macht! Und der ist nun da!“

„Nun, ein Engel ist es just nicht,“ lachte Urban, „es ist nur ein

Müllerssohn von Langendorf, und was das Kleinmachen anlangt, so denk’

wohl ich das zu treffen.“

„O nein!“ schrie heftig das Mädchen.

„O ja. Hinlegen will ich ihn dir, daß du selbst deine Freude daran

haben wirst.“

„Hinlegen, du ihn?“ kreischte außer sich die Kleine auf. „Sieh’, so

und so wird er es dir machen!“ sie schlug den Leutenberger rasch ein

paarmal mit den geballten Fäusten in das Gesicht.

„Ho,“ rief der, „so gefällst du mir, komm mit;“ Er schlug das Röckchen

dem Mädchen über die Füße, preßte dessen Arme an sich und trug es wie

ein Wickelkind hinweg.

Das Kind schrie jammernd auf.

Da fühlte sich der Leutenberger am Arme ergriffen. Florian stand vor

ihm und sagte: „Setz’ das Kind nieder! Also so ein Kriminalkerl bist

du? Setz’ das Kind nieder, sag’ ich!“

Der Leutenberger hatte nicht die Absicht, das zu tun, aber unter dem

immer stärker werdenden Drucke mußte er sich unwillkürlich beugen, das

Kind kam auf die Erde zu stehen und er ließ es los. Vor Wut stammelnd

sagte er: „Dich hat auch dein Unglück hinter mir her getrieben!“

„Mach Schulkinder fürchten,“ sagte Florian und schritt, ihn im Auge

behaltend, gegen den kleinen Wiesenfleck vor, der sich vor der

Tannenlichtung befand.

Der Leutenberger folgte ihm mit raschen Schritten. „Dafür sollst du

jetzt einen Gedenkzettel für all dein Lebtag abkriegen,“ sagte er und

warf sich auf ihn.

Das Mädchen drückte sich an die nach dieser Seite hin kahle Mauer des

Häuschens und sah mit furchtsamen Augen und gefalteten Händen nach den

beiden Männern.

Der Kampf war ohne Übereinkommen aufgenommen und wurde auch ohne

alle Regeln geführt, in der ersten blinden Erbitterung hielten sich

die beiden Gegner vollkommen die Wage, aber das brachte eben den

Leutenberger zu sich, er wehrte ab und wartete zu, plötzlich ersah er

seinen Vorteil, warf seinen Widerpart zur Erde, blitzschnell sprang er

hinzu, wie ein wildes Tier, trat ihn mit Füßen, warf sich über ihn und

schlug ihn, war ebenso rasch wieder auf den Beinen, um ihn aufs neue zu

treten, und über ihm, um ihn zu schlagen.

Das Mädchen war herbeigerannt und umkreiste ratlos, weinend und

schreiend den auf der Erde liegenden Mißhandelten.

Florian schrie vor Schande, Wut und grimmem Schmerz auf, er wäre

ohnmächtig zusammengebrochen, hätte ihn nicht ein Gedanke bei sich

erhalten und mit übermenschlicher Kraft begabt, der Gedanke sich zu

rächen, es koste, was es wolle! -- Dort hinter der Lichtung mußte

abschüssiger Boden sein, -- da hinab über Geröll und spitze Kanten mit

einem gekollert und der bleibt am andern Ende wohl auch ruhig neben

liegen und läßt Rühmen und Raufen eine Weil’.

Er umschlang seinen Gegner und mit einem Schwunge rollten sie bis zur

letzten Tanne.

Aber der Leutenberger hatte plötzlich von ihm abgelassen und mit beiden

Armen in die Luft gegriffen. „Da nicht hin,“ brüllte er, „da nicht hin,

da hört der Boden auf!“ Er lag kreidebleich unter Florian und hielt

eine dünne, glatte Wurzelgerte der Tanne krampfhaft mit beiden Fäusten

umspannt.

Er sprach nur zu wahr, keine drei Spannen trennten sie von einem

Abgrunde, eine unvorsichtige Bewegung und er nahm sie auf.

„So,“ sagte Florian, und obwohl er vor Schmerz die Zähne übereinander

biß, verzerrte doch ein eigentümliches Lächeln sein Gesicht. „Dann geht

es doch ein bißchen tiefer als ich gedacht habe. Kann mir gleich sein!

Du hast mich vorhin zuschanden getreten, Leutenberger, wie ich nie eine

Katze! Hast du gemeint, ich werd’ siech auf der Welt herumkriechen

und von dir mit Fingern nach mir zeigen lassen?! Nein, Himmelhund,

elendiger, das siehst nicht und die nächste Sonn’ auch nimmer! Komm

mit!“

Ein Ruck --, ein schreckensvoller, wilder Aufschrei --, die Wurzelgerte

entglitt pfeilschnell den umklammernden Fäusten und schnellte empor --

und über den Rand des Abgrundes schlugen zwei Körper hinaus.

Das Kind tat einen gellenden Schrei und schlug die Hände vor das

Gesicht, so stand es schauernd, atemlos, erwartend. Es hätte wie sonst,

wenn manchmal ein Stein am Rande abbröckelte, langsam zählen können --,

eins --, zwei --, drei --

Da geschah in der Tiefe ein dumpfer Fall.

Das Mädchen taumelte und griff um sich, da fühlte es sich gefaßt und

gehalten, die Großmutter stand wortlos und zitternd neben ihm, sie

hatte alles mit angesehen.

Sie gingen schweigend nach der Hütte.

In den Augen Evchens glänzten zwei große Tränen.

* * * * *

Ganz Zirbendorf war auf den Beinen, ein Bauer, der von einem nahen Orte

heimkehrte, hatte es alarmiert; er kam mitten in der Nacht in das Dorf

gelaufen, sah Licht im Gemeindegasthause und traf noch einige Gäste

an, die sich verspätet hatten und nun gegenseitig einer den andern zum

Aufbruche mahnten.

„Leuteln,“ rief er atemlos, „das müßt ihr noch anhören, was mir

aufgestoßen ist, es ist schon Aufhorchens wert. Ich bin von Niederndorf

durch die Schlucht heim, es ist der kürzeste Weg und in der Nacht geht

eines nicht gern weit um; also ich geh’ und geh’ und wie ich so geh’,

auf einmal fällt aus der Höhe etwas Schweres nieder. Ich denk’, das ist

vielleicht ein Stück Vieh. O, ihr armen Leut’, denk’ ich, die ihr das

verloren habt! Da schau’ ich und seh’ Kleiderfetzen, ein Vieh trägt

doch niemalen ein Gewand, da hab’ ich gemerkt, daß es nur ein Mensch

war und wie ich noch näher schau’, waren es ihrer zwei! Da hab’ ich

lachen müssen, denn mir ist ein spaßhafter Einfall gekommen, und ihr

wißt, ich bin so ein lustiger Teufel und kann es nicht lassen, nicht

einmal in der Kirche, daß ich lach’, wenn mir ein spaßhafter Einfall

kommt und die hab’ ich wie der Hund Flöh’. Also ich lach’, weil ich

denk’: Jesus, jetzt fängt es gar ins Leut’regnen an, zwei Tröpfel sind

schon gefallen, jetzt mach’ ich aber, daß ich heimkomm’! Wie ich aber

so nach der ganz blutigen Bescherung schau’, die vor mir liegt, da hat

mich das Grausen angegangen, ich bin ausgerissen und gerannt wie nicht

gescheit und so bin ich da!“

„Ja, so bist du auch da,“ rief einer der Gäste. „Der dumme Kerl mag

noch lachen, wenn sich Leute neben ihm zu Tod’ fallen! Da hilft nichts,

der Bürgermeister muß aufgetrommelt werden, über Nacht kann man die

zwei nicht da draußen liegen lassen.“

Die kleine Schar zog vor das Haus des Bürgermeisters, über ihr Gelärme

vor dem Tore desselben wurde alsbald die ganze Nachbarschaft lebendig,

es mußte etwas Besonderes vorgefallen sein, das ahnte jeder und die

meisten warfen ihre Kleider über und eilten hinaus; als der aus dem

Schlafe Gepochte gähnend und sich reckend in die Gasse trat, hatte sich

schon ein brausender Schwarm in derselben angesammelt.

Der Gemeinderepräsentant nahm den Bericht über das Vorgefallene

entgegen. „Anschauen müssen wir uns das Ding,“ sagte er, „die Schlucht

ist Gemeindegrund; dabei dürfte sich auch herausstellen, wer die zwei

Verunglückten sind.“

Ja, das wollte man doch wissen! Man dachte gleich anfangs daran, sie

könnten nicht schlechtweg Verunglückte, sondern müßten auch sonst je

wer und etwas sein! Die Gemeinde befand sich hier in vollkommener

Übereinstimmung mit ihrem Bürgermeister, man mußte sich eben das Ding

anschauen und da wird es sich schon herausstellen; als daher derselbe

seinem Knecht einspannen hieß, da eilten mehrere, auch ihr Gefährt

instand zu setzen, um sich ihm anschließen zu können.

Die Frage, wer da draußen auf Grund und Boden der Gemeinde liege, ob

Angehörige oder Fremde, hielt die angesammelte Menge in Aufregung,

Abgängige wurden an den Fingern hergezählt, manche aber meldeten sich

selbst aus den Umstehenden oder wurden von anderen als ganz heil und

unversehrt daheim in ihren Betten liegend angesagt. Es wäre beinahe zum

Streite gekommen zwischen denen, die nur mit bekannten Toten zu tun

haben wollten und nach und nach nahezu die ganze Gemeinde in den Rachen

des Todes warfen, und jenen, die sie ihm menschenfreundlich, Stück für

Stück, wieder aus den Zähnen rissen; aber die Gewißheit sollte allem

Hader und Zwist ein Ende machen.

Der Bürgermeister wollte eben auf das Sitzbrett des Leiterwagens

steigen, als das alte Mütterchen von dem Häuschen auf dem Berge, ihr

Enkelkind an der Hand haltend, herbeikam; als er sie ansichtig wurde,

sagte er ohne weiteres: „Ah, Mutter Fehringer, ist’s gewiß in deiner

Näh’ geschehen? Kennst du die zwei Leute, die hinabgekugelt sind?“

„Ja,“ sagte die Alte.

„Der eine ist aus Langendorf, ein Müllerssohn,“ warf rasch das Mädchen

dazwischen. Er sollte den Vorrang haben.

„Ja, ein Müllerssohn aus Langendorf. Der andere,“ ergänzte die

Großmutter, „ist der Leutenberger Urban.“

„Was,“ rief der Bürgermeister, „der Leutenberger Urban, der ist hin?“

Er hätte beinahe unchristlicher Weise gottlob gesagt, da aber der Gott

schon heraus war, so besann er sich rasch auf einen anderen Zusatz.

„Gott -- tröst’ ihn!“ sagte er, das konnte niemand übel aufnehmen,

selbst der Leutenberger nicht, und es konnte ihm immerhin hinterbracht

werden, falls er doch nicht tot wäre, oder auch nach der Auferstehung.

„Sitzet auf,“ rief er dem alten Weibe und dem Kinde zu. „Erzählt mir

das Weitere im Hinausfahren.“ Sein Wagen fuhr voran, an denselben

schlossen sich viele andere, man hatte Späne von harzigem Holze

angebrannt, um die Wege zu erhellen, und so kroch die Wagenreihe wie

eine feurige Schlange rasch durch das Dorf und der Straße entlang

hinaus in das Freie.

An Ort und Stelle angelangt, trat der Bürgermeister an die beiden

leblosen Körper heran. „Da haben wir den ganzen Tatbestand liegen,“

sagte er. „Nehmt sie auf!“

Die Leute griffen zu und trennten mit Mühe die beiden Leichname

voneinander, sie legten dieselben, an denen fast jeder Knochen lose

hing, vorsichtig auf grobe Pferdedecken, wickelten sie in selbe ein und

hoben sie auf den Wagen.

Im Dorfe aber hatten die, welche zunächst standen, als die alte

Fehringer mit dem Bürgermeister sprach, die Kunde durch die Gasse

getragen, der Leutenberger Urban und noch einer von Langendorf hätten

sich in der Schlucht erfallen und man sei eben hinaus, die beiden

einholen; da begann ein Klöpfeln an allen Fensterscheiben und ein

Pochen an allen Haustoren, das mußte ja allen gesagt werden, das durfte

doch keiner verschlafen und da wollte auch jeder dabei sein, wenn sie

den Leutenberger einbringen. So kam ganz Zirbendorf auf die Beine.

„Noch vor ein paar Stunden hab’ ich sie in der Schmutz-Kathrin’ ihrer

Schenke zusammensitzen sehen,“ sagte wichtig der bucklige Taglöhner.

„Da haben sie noch abgeredet, sie wollten sich erst morgen messen,

schau, so sind sie schon heut übereinander her! Aber einen Ausgang hat

es genommen, wie man sich nicht hätt’ vorstellen mögen!“

„Wir sind doch rechte Narren, liebe Leuteln,“ sagte ein alter Bauer,

„wir stehen da und warten, wo sie doch nur zuletzt mit dem leeren Wagen

angefahren kommen werden. Nach der Kirche müssen wir hin, freilich,

nach der Kirche, das erste wird sein, daß sie die zwei dort in die

Totenkammer hineinlegen.“

Das mochte schier wahr sein. Da liefen alle, denen es die Jahre

erlaubten und die noch rüstig waren, die Gasse hinunter, die anderen

hasteten hinterher nach, und sie keuchten die Stufen nach dem Kirchhofe

hinan; oben angelangt, sahen sie einen feurigen Streif von der Straße

nach einem schmalen Fahrwege ablenken, der im Rücken der Kirche nach

der Höhe führte.

Der Kirchendiener stand erwartend unter dem Gittertore des Friedhofes,

die schwarze, eisenbeschlagene Tür der Leichenkammer war sperrangelweit

offen und der dunkle Raum gähnte von der Kirche her, manchmal zuckte in

demselben der Schein eines schwachen Ölflämmchens auf.

Der Wagen des Bürgermeisters kam angefahren, man sah bei dem Lichte der

Fackeln zwei verhüllte, formlose Massen darauf liegen.

Ein paar Männer faßten an und hoben einen der Körper von dem Fuhrwerke,

sein Gewicht machte sie wanken, noch zwei andere sprangen zu.

„Der nimmt’s noch als tot mit mehreren auf,“ murmelte einer der Träger.

„Der Leutenberger,“ flüsterte es in der Menge und diese wich scheu

zurück. So trug man den Toten vorbei an den Gräbern, durch die

Pferdedecke sickerte Blut und zeichnete den Weg, sie legten den

Leichnam auf einen Schragen und am Kopfende flackerte das müde Licht.

Als die Träger heraustraten, schloß der Kirchendiener die Türe ab.

„Und der andere? Was geschieht mit dem anderen?“ so fragten sich alle

und einer stellte auch diese Frage an den Bürgermeister.

„Es möchte vielleicht ein Fürchten in der Gemeinde sein,“ sagte der,

„wenn man einen solcherweis’ Gestorbenen nachtüber im Orte wüßte. Wir

sind übereingekommen, ihn alsfort nach Langendorf zu seinen Eltern zu

überführen. Ich habe es mit dem Mitteregger besprochen, der kennt die

Leute gut, der nimmt es auf sich und bringt ihn hin.“

Da zupfte Everl die Großmutter am Rocke und sagte leise: „Großmutter,

ich möchte mit, morgen bin ich schon wieder heim, aber jetzt möchte ich

mit, er hat ja sonst gar niemand.“

Der Mitteregger und sein Knecht banden den Leichnam mit Stricken an dem

Wagen fest, „damit es ihn beim Fahren nicht zu stark werfe“. Da trat

die alte Fehringer hinzu. „Tätest du mir wohl den Gefallen und nähmst

die Everl mit? Sie tät’ gern für den beten.“

„Warum nicht?“ sagte der Mitteregger und knüpfte den letzten Knoten.

„Soll sie mit, was das Dirndel will, ist christlich, es gilt fürs

Totenbestatten und ist ein barmherzig Werk. Komm nur!“ Er hob das

Mädchen auf den Wagen, der sich alsbald in Bewegung setzte.

Sie fuhren ziemlich rasch dahin, erst durch einen finstern Wald, dann

auf einer endlosen Straße. Der Mitteregger lenkte die Pferde und der

Knecht hielt eine brennende Fackel; die düstere, gelbe, rauchende

Flamme warf unbestimmte wirbelnde Schatten in die Büsche und auf die

Wege, zu Häupten der Leiche kniete das Kind, ein starrer Arm streckte

sich aus der Decke gegen dasselbe, diese kalte Hand hielt es lose

in seiner kleinen, lebenswarmen Rechten und mit der Linken griff es

manchmal nach den Stricken, ob diese auch festhielten und dabei nicht

einschnitten.

Der Morgen begann zu grauen, der Knecht tat die Fackel aus, immer noch

fuhren sie weiter und da kamen sie an dem Reindorferhofe vorüber,

da waren die Fenster verhangen und durch die dunklen Tücher sah man

den gelben Schein von vielen Lichtern, der Mitteregger wies mit der

Peitsche danach und sagte: „Da drinnen haben sie auch ein Totes!“

Und dann fuhren sie noch ein Stück Weges und es ward bereits heller am

Himmel, sie bogen um eine Ecke, ganz nahe stand eine Mühle, und als

sie auf dieselbe zulenkten, rauschte das Wasser, das Rad begann sich

zu drehen und es klapperte lustig durch das Tal. Da wurden die beiden

Männer völlig kleinlaut.

Der Wagen hielt vor dem Hause, der Mitteregger schwang sich vom Sitze,

nun wird er die Eltern herbeirufen --, da drückte das Mädchen die Hand

des Toten, stieg eilig herab und verbarg sich hinter ein Gebüsch.

Der Mitteregger stand an dem Hause und sah durch ein Fenster in die

Stube, dann klopfte er an die Scheibe.

Der Schandfleck · 第 19 / 33 题