„Ja, heut. Es sollt’ mich wundern, wenn sie nicht schon mittlerweil’
hinter uns her auf dem Weg wär’!“
Da endete der mittlere Graben an der breiten Landstraße, links führte
diese durch das Dorf und rechts, an verschiedenen Ortschaften vorüber,
nach der Kreisstadt. Florian bog nach rechts ein.
„Wohin denn?“ rief Leopold.
„Geh nur voran, ich komm’ schon später nach.“
„Ich merk’, du willst die Leni abpassen: was hast du auch davon? Komm
doch lieber gleich mit!“
Der junge Müller aber schritt nur rascher den eingeschlagenen Weg
dahin.
Magdalena war gerade bis zu dem Busche gelangt, der ihr jetzt den
Anblick des Reindorferhofes entzog, wie er sie einst vor Blicken von
dort aus gesichert hatte.
Sie und ihren -- Bruder.
Sie brach einen Zweig und trug ihn spielend in der Hand.
Hatte sie nicht einst gehört -- von wem, das wußte sie sich wohl nicht
mehr zu erinnern --, daß unter den heidnischen Leuten Geschwister
zusammengeheiratet hätten, ja selbst Vater und Tochter, Mutter und
Sohn? Und wenn es auch Brauch im Lande war, was mußten das für
gottverlassene Leute sein! Ärger als die Tiere, die haben doch
kein Besinnen, woher sie stammen und brauchen sich nicht darüber
hinwegzusetzen, unter Menschen aber schließt gleiches Blut jede
Vertrautheit aus. Wie das nur einst möglich war? Und wäre es jetzt
noch vor Gott und der Welt verstattet, wer vermöchte es, dazu sich zu
verstehen?
„Gewiß, der Vater gäbe mir recht und könnte es nicht anders sagen!“
Bisher hatte sie keine lebende Seele auf ihrem Wege angetroffen und
noch lag derselbe, so weit sie blicken konnte, menschenleer vor ihr,
aber jetzt wurde es, ihr im Rücken, auf der Straße lebendig.
Sie horchte auf, noch ziemlich ferne fuhr ein Wagen, die
Daraufsitzenden sangen und die Luft wehte vor ihnen her und trug ihr
die Töne zu und ließ sie die Worte erraten.
Ein Bursche sang:
„Der Wirt, der wirft heut aus sein’m Haus
Gleich dutzendweis die Bub’n hinaus,
Dirndel, willst ein’n haben, so lauf,
Fang dir g’schwind ein’n auf!“
Und eine Dirn’ sang zurück:
„Solche, die herausfall’n,
Sind mir nicht recht,
Sollt’ ich die Zech’ noch zahl’n,
No, wär’ nicht schlecht!“
Magdalena ging in die Fremde, ihr Brot suchen, und die fuhren zur
Kirchweih, suchten ihre Freude und waren wieder mit dem Morgen heim.
Sie lächelte, weil die Leute so lustig waren. Unterdem war der Wagen
näher gekommen, schon ein paarmal glaubte sie sich beim Namen rufen
zu hören, aber sie sah nicht zurück; jetzt schrak sie zusammen, weil
plötzlich das Gefährt eilig hinter ihr herpolterte. Gewiß wollte man
sie einholen. Sie aber scheute jede Begegnung, und da sie eben am Ende
des Grabens angelangt war, so lief sie rasch eine Strecke Weges nach
rechts fort.
Als sie aufatmend stehen blieb und sich umsah, da hielt der Wagen am
Anfange des Ortes, ein Mädchen schwang sich flink herab und begann
rufend und winkend auf sie zuzueilen.
Es war die Kleehuber Franzl.
Magdalena wartete, bis sie herankam.
„Ja, sag mir nur, um alles in der Welt, Leni, was treibst du denn?
Ich schrei’ mich heiser, damit du uns abwartest, auf unseren Wagen
aufsitzest und mit uns zur Kirchweih fährst, aber du gibst kein Gehör
und auf die Letzt nimmst du gar Reißaus.“
Sie verstummte plötzlich und sah Magdalena bedenklich an, diese
streichelte ihr die vom Laufen hochgeröteten Wangen und sagte: „Wie du
mir’s gut vermeint hast! Also du hast gerufen, warst gewiß auch du es,
die gesungen hat auf dem Wagen?“
„Jesus, du falsches Ding, du,“ schrie die Franzl, „jetzt kenn’ ich mich
aus! Was machst du am Kirchtag auf der offenen Landstraß’ und mit
einem Bündel noch dazu? Fort gehst du vom Ort, auf, Gott weiß, wie lang
und sagst kein Wort. Geh zu, ich bin recht bös auf dich!“
„Warum denn auch willst bös sein? Schau, ich hab’ uns nur den Abschied
ersparen wollen. Von Zeit zu Zeit komm’ ich ja doch wieder und wir
sehen uns.“
„Wohin gehst denn?“
„In die Stadt.“
„Was machst denn dort?“
„In Dienst geh’ ich.“
„Du, dem Reindorfer seine Jüngste, die Einzige, die er noch im Haus
hat? Und deine Leut’, die schon alt sind und ihre Pflege brauchen, die
lassen dich gehen?“
„Das siehst ja. Laß dich jetzt nicht weiter aufhalten, Franzl, du
willst tanzen und ich muß gehen, wir dürfen allzwei dazuschauen, sonst
kommst du zu kurz und ich zu spät.“
„Ah, das dumme Hopsen hat Zeit, und wenn du es auch nicht verdient hast
um mich, so geleit’ ich dich doch ein Stück Weges.“
„So komm!“
Die beiden Mädchen hielten Schritt und gingen ziemlich rasch einher.
„Du, Leni,“ begann Franzl, „nimm es nicht für übel auf, aber sag, gelt
ja, du gehst wegen dem Müller Florian?“
„Mag schon sein.“
„Will dich dein Vater ihm nicht geben?“
„Nein.“
„Ist gewiß auch deine Mutter dagegen?“
„Freilich.“
„Das ist recht grauslich von deinen Eltern. Schau, wie so alte Leute
sind! Weil sie keinen Gefallen mehr aneinander finden und sich leicht
entbehren mögen, denken sie gar nicht, was wohl unsereins für ein
Verlangen haben könnt und daß sie selber einmal nicht anders waren,
sonst liefen wir nicht da auf der Welt herum. Ich denk’, Alte sollten
sich doch immer erst besinnen, ehe sie uns Jungen nein sagen. Und gar
bei euch zweien! Was ist denn an dem Müller Flori auszusetzen? Ist er
nicht ein ordentlicher, braver Bursche? Hat er nicht, oder kriegt er
nicht, daß er Weib und Kind vollauf ernähren kann? Geh, ich mag gar
nicht darüber reden, sonst kommt mir der Ärger! Ist das auch recht
von deiner Mutter, daß sie kein Wort für dich einlegt, wo doch wir
Weiberleut’ zusammenhalten sollen, damit wir etwas gegen die Männer
ausrichten? Ist das auch gescheit von deinem Vater? Ich meine schon,
der ist auch nur im Sonntagsrock, vor den Leuten, klug und zu Haus
trägt er einen Spenzer mit einem Loch am Ellbogen und da guckt das Hemd
hervor und das ist seine ganze ‚Weißheit‘ für daheim!“
„Mußt nicht ungebührlich reden von dem alten Mann, wo du doch nicht
weißt, was eigentlich an der Sache ist; er hat nicht anders können.“
„Nicht anders können? Aber ich bitt’ dich, sag nur, warum denn nicht?“
„Mußt nicht danach fragen, Franzl, das kann ich niemandem sagen.“
Die beiden Mädchen schwiegen eine Weile und schritten wacker aus.
Ein dichter Wald, der linker Hand über alle Hügel sich ausbreitete,
war auch nach der Ebene herabgestiegen und zwischen Äcker und Wiesen
weit in das flache Land vorgerückt, mitten durch diesen breiten grünen
Streif führte nun in vielen Krümmungen die Straße, aber ehe man die
erste Wegbiegung erreichte, zweigte ein schmaler Steig ab, der quer den
Wald durchschnitt und daher von allen Fußgängern benutzt wurde.
Am Eingange dieses schattigen Waldweges stand Florian und wartete auf
Magdalena; als er sie nun in Begleitung herankommen sah, tat er einen
leisen Fluch und verbarg sich hinter das Gesträuch.
Die Kleehuber Franzl war kurzbeiniger als ihre Freundin und ihr fiel
das Schritthalten bald beschwerlich. „Du, Leni,“ sagte sie, „mußt nicht
gar so scharf gehen, da tragen einen die Füße leicht weiter, als man
will. Wenn wir so fort daherrennen, kommen wir heut noch bis hinunter
in die Türkei.“
Da Magdalena schweigend vor sich niederblickte und in gleicher Eile
daherschritt, fuhr sie fort: „Du, das wär’ so eine Geschichte, dort
sollen sie die Weibsleute verkaufen, bin doch neugierig, für wen sie
mehr Geld lösen, für dich oder für mich?“
Und als auch jetzt die Freundin nichts sagte, sondern nur ihre Schritte
mäßigte, da hielt Franzl schwer atmend inne: „Weißt, ich mag aber nicht
in die Türkei und mit dir mag ich auch nicht weiter gehen,“ -- damit
warf sie sich weinend an Magdalenas Brust. -- „Arme Lenerl du, kann
dich nicht einmal mehr die dumme Franzl zum Lachen bringen? Gelt, dir
ist wohl gar so viel hart? Es wird schon wieder anders werden, -- gelt,
es wird schon wieder anders werden?“
„Ich hoff’ ja.“
Die Franzl war mit ihrem Vortuche über die Augen gefahren, sie bedachte
nicht, daß das die feine Schürze war, die zum Sonntagsstaate gehörte
und die sie heute gar zur Kirchweih trug, erst als sie dieselbe
zerknittert vom Gesichte wegzog und den Stoff prüfend etlichemal
zwischen den Fingern befühlte, da machte sie eine Miene, als stünde
sie einer fürchterlichen Gewißheit gegenüber, und da mußte Magdalena
unwillkürlich lächeln.
„Und soll sie hin sein,“ schrie Franzl, lustig in den Boden strampfend,
faßte sie die Schürze mit beiden Händen und zog eine breite Querfalte.
„Weil ich nur weiß, daß du das Lachen nicht ganz und gar verlernt
hast.“ Sie faßte Magdalena um die Mitte, legte den Kopf auf ihre
Schulter und sah zu ihr auf. „Jetzt magst mir schon wieder gefallen.
Ich hätt’ sonst heute keinen Schritt tanzen können, nun will ich aber
dazuschauen, und jetzt behüt dich Gott, herztausendschöner Schatz, und
laß bald von dir hören, was Gutes, weißt du! Noch eins, -- auf den
Tanzboden wird er wohl nicht kommen, aber wenn ich ihn zunächst sehe,
soll ich ihn grüßen von dir?“
„Nein, Franzl, wo sich zwei wirklich aus dem Sinn müssen, da tut kein
Erinnern gut, da wär’ besser, es könnt’ eines vergessen helfen. Und
jetzt leb wohl, behalt deine Lustigkeit und deine Bravheit, ich frag’
dir schon nach. Behüt dich Gott!“ Damit betrat sie den schmalen Waldweg
und schritt rasch dahin.
„Behüt dich Gott.“ Die Dirne sah der Davongehenden nach, bis sie die
Zweige der Büsche deckten, auch der Bursche haftete noch an der Stelle,
wo sie ihm entschwand.
Ich gönne es ihr, dachte er stille bei sich, daß sie sich so ruhig
in das fügen kann, wogegen ich mich aufbäum’, weil es unsinnig ist!
Sie hat recht. Vergessen wär’ wohl das Gescheiteste, sie wird es wohl
zuwege bringen und ich kann ihr keinen Vorwurf daraus machen. Aber es
ist halt doch leicht, auf und davon rennen und eines im Jammer am Ort
zurücklassen, was tu’ ich jetzt; wie verbring’ ich meine Zeit? Jeder
andere mag sich über so was ehrlich hinunterkränken, auch das soll
da nicht erlaubt sein! Sie ist ja meine Schwester; wie stolz könnt’
ich sein, wär’ sie das, wie andere eine haben! Aber mir verkehrt sich
das Rechtschaffenste in der Welt zur Ausnahm’, ich taug’ nicht mehr
unter die Leute wie ein anderer Mensch, ihr ganzes Getu’ und Wesen
hat einen gar andern Sinn für mich. Mitten quer durch fahr’ ich euch,
was liegt auch daran und was bekümmert mich euer Schreien, weil doch
alles Lug und Trug ist, nur daß es der eine weiß und der andere nicht.
Ihr Herrgottsbande auf der Welt, ich will euch zeigen, daß ich mich
auskenne! Unter ihren Augen wär’ mir zu weh gewesen und ich hätt’ es
ihr nicht antun mögen, daß sie sich meiner schämen muß, sie aber schaut
ja selber dazu, daß sie mir aus dem Gesichte kommt, was brauch’ ich
noch weiter auf mich selbst zu halten?!
Unwillkürlich sagte er laut: „Sie ist weg und damit alles, was mich
freuen kann!“
Die Franzl schrak nicht wenig zusammen, als plötzlich neben ihr jemand
zu reden anhob, sie sah sich um und der Bursche stand mit finsterem
Gesichte vor ihr.
„Du bist da, Flori?“ rief sie.
„Ja, ich bin da.“
„Hast sie halt auch noch einmal sehen wollen?“
„Freilich.“
„Du lieber Gott, wer hätt’ sich denken können, daß es mit euch zwei so
einen traurigen Ausgang nimmt?“
„Wohl, wohl. Lassen wir das gut sein. Reden wir von was anderem!“
„Was tust du jetzt?“
„Auf den Tanzboden geh’ ich.“
„Du gehst jetzt -- von da weg -- auf den Tanzboden?“
„Wohl, du gehst ja auch keinen anderen Weg.“
„Aber Flori --“
„Hei, Franzl, wir gehen miteinander. Halte mit, auf drei Tag’ fang’ ich
mit dir eine Liebschaft an, länger darf keine bei mir dauern, denn ich
hab’ nur auf drei Tag lang Glück.“
„Jesus, wie ihr Mannleute doch sein könnt? So magst du daherreden und
ist kaum dein Schatz von dir gegangen, vielleicht auf Nimmerwiederkehr,
eine Dirn’, wie du bald keine zweite findest.“
„Eben darum halte ich mich jetzt an mehrere, weil eine nicht ausreicht,
sie mir aus dem Sinn zu bringen.“
„Das ist ein recht garstiges Reden, Flori, dasselbe hätt’ ich von dir
nicht erwartet.“
„Es möcht’ doch nicht anders werden, und wenn ich gleich winseln
tät’ wie ein geschlagener Hund. Nun, Franzl, was ist es mit unserer
Liebschaft?“
„Geh zu, du wirst mich gleich bös machen. Zum Spaßen ist jetzt kein
Anlaß und dein Ernst kann es nicht sein.“
„Warum nicht, auf drei Tag’?“
„Nicht auf einen nähm’ ich dich. Wenn du so in Handumkehr die
Reindorfer Leni vergessen kannst, so wär’ für dich die Melzer Sepherl
noch zu gut.“
Der Bursche sah auf das Mädchen herab. Meinst du? dachte er. Ich sollte
fast selber glauben, aber danach frage ich jetzt nicht! Du, mit deiner
Lustigkeit und deiner Bravheit, läufst mir auch zu viel über den Weg,
hüt dich, jetzt bin ich spielerisch wie ein kleiner Bub’, lockt mich
ein Kieselstein, ich hole ihn aus dem Bache und tändle damit, solang es
mich freut, dann werf’ ich ihn wieder weg. Aber weil sie dir nachfragen
will, weil ihr vielleicht leid geschehen möchte um dich, so bleibe halt
im Wasser!
„Nun, schau,“ sagte er, „gerade eben darum möcht’ ich gern mit dir den
Anfang machen, weil du so hübsch in der Mitte zwischen einer Reindorfer
Leni und einer Melzer Sepherl liegst.“
Die Dirn’ wandte sich ab.
So gingen sie nebeneinander her und die Kleehuber Franzl fand noch oft
Gelegenheit, ihm „sein loses Maul zu verbieten“.
Sie gelangten in das Dorf, aus dem Wirtshause scholl ihnen Musik
entgegen, Florian warf mit einem wildlustigen Aufschrei seinen Hut in
die Luft, fing ihn auf, drückte ihn tief in die Stirne und stürzte sich
mitten hinein in das Gewühl der tanzlustigen und durstigen Gäste.
* * * * *
Die Vögel sangen nicht, sie lärmten so aufdringlich laut, und grell
schlug das Sonnenlicht durch die fächelnden Blätter an den oberen
Zweigen der Büsche und an den Kronen der Bäume, längs des Waldweges,
den Magdalena dahinschritt. Fernab lag die Straße, wo eine Begegnung
sie hätte verstören oder zerstreuen können, das Auge ihrer Eltern
folgte ihr nicht mehr und das närrisch-tröstliche Geplauder von
befreundeter Lippe war längst an ihrer Seite verstummt; sie fühlte sich
allein und was sie sich auch darauf zugute tat, daß sie ihren alten
Leuten und der Jugendgespielin gegenüber stark geblieben und über ihr
Los gedacht, wie es der Vater nicht anders hätte sagen können: dagegen
kann kein’s, wie rechtschaffen dasselbe es sonst meinen mag, -- lange
schon war der Zweig, den sie unter diesem Denken dort vom Busche
gebrochen, ihrer Hand entglitten, gar weh überkam sie der Gedanke, wie
übel es doch sei, wenn der Mensch den Kopf gegen das Herz, all sein
Besinnen gegen sein Empfinden ausrufen müsse; zwei schwere Tränen
traten ihr in die Augen und überwältigt von dem Gefühle, -- „halt doch
unglücklich zu sein, wie nit bald eines,“ -- warf sie sich nieder auf
den Rasen und drückte laut aufschluchzend ihr Gesicht gegen das Bündel.
Ja, dagegen kann auch kein’s, wie rechtschaffen dasselbe es sonst
meinen mag!
Plötzlich aber raffte sie sich auf und eilte, wie flüchtend, den
Waldweg entlang, hinaus auf die offene Straße. Bis dorthin, wo das
Marterkreuz hersieht, ist ihr die Gegend bekannt, sie hat dieselbe
vielhundertemal gesehen, von dort aber beginnt für sie die weite Welt,
von der fast alle, die nach ihr ausziehen, Glück erhoffen und begehren;
sie, die nur so ins Leben hereingeschlüpft ist, will demütiger sein und
für das bescheidenste Plätzchen mit dem vollen Einsatze ihres ganzen
Pflichtgefühles bezahlen, denn sie hat nicht wie andere mit Gott und
Welt dafür wett zu werden, daß sie da ist, sondern +weil+ sie da ist.
Und als sie vorübergeschritten war an dem gemauerten Pfeiler mit der
vom Regen verwaschenen Bildtafel, da forderte der ungewohnte Weg ihre
Aufmerksamkeit, tausend und ein Gegenstand ihr Auge, fernes und nahes
Geräusch ihr Ohr; an allen Sinnen beschäftigt, von jedem Gedanken,
außer jenen auf das Zunächstliegende, abgelenkt, ging sie wie träumend
an Feldern, kleinen Dörfern und einsamen Weilern vorüber und gegen
Abend stieg sie von dem Kamme eines Hügels hernieder und schritt auf
die Kreisstadt zu.
Was sie, um sich zurechtzufinden, die Leute fragte, und was diese,
sie recht zu weisen, antworteten, sie behielt es nur die kurze
Strecke über, bis wo sie aus dem beängstigenden Gehaste der Fußgänger
hinweg in einen ruhigen Hausflur trat und der tosende Straßenlärm
in dem stillen Stübchen erstarb, zu dessen Tür ein altes, kleines,
freundliches Mütterchen sie hineinschob.
Dort saß in einem hohen Lehnstuhle ein greiser Mann, der Schein der
Lampe fiel auf sein Gesicht und Magdalena erkannte sofort in ihm ihren
Oheim; das war Zug für Zug der Vater Reindorfer, nur noch einige Jahre
älter und infolgedessen hinfälliger, aber so und nicht anders wird er
aussehen, wenn er das gleiche hohe Alter erreicht, was sich ja bei
seiner zähen Lebenskraft wohl erwarten ließ und das Mädchen auch vom
Grunde ihres Herzens hoffte, trotzdem sie bald mit sich uneins ward, ob
sie ihm damit Gutes wünsche.
Die alte Frau sagte dem Greise ziemlich laut ins Ohr, wer da sei,
sie mußte es mehreremal wiederholen, dann nickte er und lächelte,
es war ein verlorenes Lächeln und etwas wie Ärger lag dabei in den
Augenfältchen, denn er war nicht gewiß, ob er auch recht verstanden
habe. Er ergriff die dargebotene Hand des Mädchens. „Je ja, je ja, vom
Bruder Joseph. Und wie groß du bist. Wie groß. Schau, schau, die Liese.“
„Das ist meine Schwester, die hat geheiratet, schon vorlängst.“
„So? Ja, die hat geheirat’t.“
„Ich bin die Leni. Die Jüngste.“
„Na schau, na schau, das hab’ ich gar nit gewußt, daß der Bruder zwei
Mädeln hat, von dir hat er mir ja gar nichts sagen lassen.“
„Aber er sagt, er hätt’ noch eigens den Bruder und die Schwester zu
euch nach der Stadt geschickt.“
„So, so, wann war denn das?“
„Es ist nun achtzehn Jahr’ vorüber.“
„Achtzehn Jahr’? Das ist doch spaßig, ich kann mich darauf nicht
besinnen und wie sein Erstes zur Welt gekommen ist, das weiß ich noch
wie heut. Das ist gewesen vor sechsunddreißig Jahren, da hat er, ohne
anzuklopfen, dort die Tür sperrangelweit aufgerissen und zum Grüßgott
hereingerufen: Wir haben einen Buben! Das war ein sauberes Kind, ist
ihnen aber nicht lange verblieben. Das weiß ich noch wie heut -- noch
wie heut, -- daß aber dein Bruder und deine Schwester sollten bei
uns gewesen sein?“ Er stützte den Kopf auf die Hand und sann nach.
Nach einer Weile fiel sein Blick auf den Brief, den Magdalena vor ihn
hingelegt hatte, er erbrach ihn mit den zitterndem unbeholfenen Händen
und versuchte ihn zu lesen, er wendete ihn und drehte ihn. „Hihi, ich
behalt’ nicht, was er da schreibt, er wird halt auch alt, der Joseph --
auch alt. Was schreibt er denn?“
Die alte Frau hatte während des ganzen Treibens gegen das Mädchen ein
paarmal mit dem Kopfe genickt und dazu gar kläglich die Augen zur
Zimmerdecke aufgeschlagen. Ja, was für Beschwer und Kreuz macht einem
ein so alter Mann! Sich wollte sie bedauern lassen, ihn nicht, für ihn
geschah ja alles, was sie konnte. Nun nahm sie den Brief und hatte alle
Mühe, ihn dem ehemaligen Schulmeister verständlich zu machen.
„Armes Kind,“ sagte sie, „daß wir dich die Nacht über bei uns behalten,
das versteht sich von selbst, das ist aber auch alles, was wir für
dich tun können, zu Rat und Tat sind wir keinem mehr nütze, die Welt
und die Leute sind uns fremd geworden, wir gelten nun schon vorweg wie
gestorben und begraben. Ja, ei ja wohl.“
Dem Mädchen ward ein ebenso schmaler, als kurzer Diwan zur Schlafstelle
angewiesen, dann sollte der alte Schulmeister zu Bette gebracht werden,
der fügte sich aber nicht sofort, er setzte allem gütlichen Zusprechen
ein zänkisches Gekeife, aller ärgerlichen Bedrohung ein beleidigtes
Empfindlichtun entgegen und es dauerte geraume Zeit, bis er zur Ruhe
kam.
Magdalena gestand sich im stillen, der alte Mann sei greinig und
launenhaft wie ein Kind, ohne daß er es vermochte, auch manchmal lieb
zu sein, wie ein solches, aber er war ebenso hilflos und der Pflege
bedürftig, und hätte man es an dieser fehlen lassen, es wäre ihm gewiß
weh zu Herzen gegangen. Ei ja, so hohes Alter bringt wohl nur Beschwer
und Mißmut über die, welche man andern macht, und der es erreicht, hat
keine Freude daran! Und nun ward ihr auch klar, warum sie trotzdem
ihrem Vater ein solches wünschte, er hat ja nichts Gutes davon, es
war eigensüchtig von ihr, aber es war liebende Eigensucht, sie wollte
sich die härteste Mühsal nicht gereuen lassen, um in der Sorge für
seine letzten Tage ihren Gefühlen gegen ihn genug zu tun, und wie sie
es nie vergaß, so sollte es die Welt daraus innewerden, was der alte,
hinfällige Mann ihr dereinstens gewesen war. In diesem Sinne betete
sie zu Gott, daß er ihr erhalten bleiben möge, und nach diesem Gebete
versuchte sie einzuschlafen, aber die unbequeme Liegerstatt, das ganz
Ungewohnte der ersten Nacht, die sie in ihrem Leben unter fremdem
Dache zubrachte, der Straßenlärm, der jetzt in der Stille der Nacht
wieder vernehmlich wurde, nicht betäubend wie am Tage, aber wie ein
fortwährendes fernes Gegrolle und dumpfes Gebrause, all das ließ sie
nur in einen Halbschlummer verfallen, aus welchem sie beim Morgengrauen
emporschreckte und sich müder und mutloser fand als am Tage zuvor.
Der alte Oheim schlief noch, die Tante setzte sich im Bette auf und
küßte das Mädchen auf die Wange und dieses trat zum Hause hinaus
in die Morgenfrische und suchte den Weg zum Bahnhofe. Sie löste am
Schalter die Karte, und als der Zug heranrollte, stieg sie ein und
drückte sich scheu in eine Ecke.
Ein paar Stunden hatte die Fahrt gedauert. Magdalena sah nicht mehr aus
dem Fenster, nicht mehr nach den Mitreisenden. Es war nun der zweite
Tag, an dem ihr nur fremde Orte und fremde Gesichter -- den alten
Schulmeister etwa ausgenommen, der sie an Vater Reindorfer erinnerte --
vor Augen kamen, und wie sie sich jetzt fühlt, selbst wildfremd, unter
Leuten, die es ihr weder gut noch böse meinen und ihr keinen Anlaß
geben, Dank zu betätigen oder Unbill zu wehren, ganz so unselbst und
willenlos wird sie sich auch in der Stadt fühlen, und das wußte sie
wahrhaftig nicht zu sagen, ob sie je dorthin käme, versuchte einer,
dem sie zu vertrauen vermöchte, sie eines anderen Weges zu leiten, in
dieser Stunde, wo ihr jeder Arm wie vom Himmel zu greifen schiene.
Sie hielt ihre Blicke nach dem Bündel gesenkt, das auf ihren Knieen
lag, und zupfte an den Falten des Einbindetuches.
„Sinnst zu viel, Dirndl,“ sagte eine Stimme.
Als sie fragend aufsah, guckten ihr aus einem runden, rotbäckigen
Gesichte, das von kurzen, weißen Haaren umrahmt war, ein paar kluge,
graue Augen entgegen.
„Sinnst zu viel, Dirndl. Fahrst denn weit?“
„Nach der Hauptstadt.“
„Wen heimsuchen?“
„Nein, in Dienst geh’ ich.“
„Ei, da kommst freilich weit ab vom Land, wie vom Brauch. Na, du bist
noch jung, kannst viel zulernen und auch fremde Art annehmen, wär’
aber nit besser, du treibest, was du kannst, und bleibest, wie du
bist?“
Eine breite, schwielige Hand legte sich auf ihre Rechte.
* * * * *
Und das war die Hand, die zur Stunde, wo Magdalenen jeder Arm wie vom
Himmel zu greifen schien, sie auf einen andern Weg wies, und das war
die Schickung, nach welcher sie wahrhaftig nicht zu sagen wußte, ob sie
je nach der Stadt käme.
Sie kam nicht dahin.
13.
„Wär’ nit besser, du treibest, was du kannst, und bleibest, wie du
bist?“ fragte der alte Mann, indem er seine Hand auf die Rechte
Magdalenens legte.
„Mag wohl sein,“ sagte das Mädchen und nickte vor sich hin. „Aber
jetzt, nun schon einmal inmitten Wegs, weiß ich mir dazu nit Rat.“
„Was auf der Welt der eine nit weiß, das weiß vielleicht der andere,“
sagte der Alte. „Dasselbe seh’ ich dir wohl an, du gehst ungern.“
„Gern just nit.“
„Könnt’ sein, ich wüßt’ dir ein anderes Bleiben, wann’s dir anständig
is.“
„Darüber könnt’ mer sich ja reden.“
„Wohl, wohl, anders mein’ ich’s nit, als daß sich darüber reden ließ’.“
Er schwieg eine Weile, während er sich im weißen Haare kraute, dann
fragte er plötzlich: „Kennst ’leicht ’n Grasbodenbauer in Föhrndorf?“
„Nein.“
„Wo bist denn her?“
„Von Langendorf.“
„Langendorf? Hab’s schon nennen g’hört. Muß weit sein? Da kennt’s ihr
freilich nit ’n Grasbodenbauer, drum is ’s unnötig, daß mer davon
red’t, oder eigentlich wohl, is ’s erst recht nötig, daß ich dir davon
sag’.“ Wieder hielt er inne, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare
und fragte dann: „Wie heißt denn, Dirndl?“
„Magdalen’ Reindorfer.“
„Nit, daß ich neugierig bin, aber wann sich’s schickt, daß wir einig
werd’n, so müssen wir doch eins ’s andere kennen lernen. Daß ich dir
also sag’, derselbe Grasbodenbauer in Föhrndorf is mein Schwiegersohn,
sein Weib -- Gott laß mein Kind ruh’n! -- is ihm schon vor Jahren
verstorben, nur ein klein’s Menscherl is da von ihr, geht jetzt ins
zwölfte Jahr und is allweil siech; aber das muß dich nit verschrecken,
sie hat kein’ Krankheit, die sich auf ein anders übertragt, dieselbe
is ein Übel, das alleinig auf dem verbleibt, den ’s betroffen
hat. Ein Professor, zu dem wir’s gebracht hab’n, hat g’sagt, ein’
Nervenkrankheit tät’s sein, -- frei zum Lachen, wann’s nit so traurig
wär’ -- in der Stadt soll’n wohl mehr Leut’ so sein, aber da mit einmal
eins mitten unter uns Bauern! Nun und da braucht der arme Hascher sein’
Wartung und sein’ Aufsicht, und das schafft uns, je älter sie wird,
je mehr und mehr Sorg’ und Kreuz; sie leid’t unterm G’sind keins, das
ihr nit zu G’sicht steht, da hat noch all’mal schleunig mit jedem
aus’packt werd’n müssen, manch’ guten Knecht und manch’ brave Magd
hab’n wir ihretwegen wegg’schickt, na, und gar von den Dirnen, die
allweil hätten um sie bleiben sollen, hat’s uns bisher keine kein’
Stund’ lang nit duld’t, das hätt’ nur übel ärger g’macht! Aber wie ich
mir dich so betracht’ hab’, da ist mir der Gedanken ’kommen, ob ich’s
nit vielleicht mit dir treffen möcht’, ob ’s dich denn nit leiden
könnt’?! O, ich hab’ dich ganz g’nau beobacht’, mein liebe Dirn’!
Vorhin, wie d’ noch munterer g’wesen bist und die zwei Herrn dort ent’
im Eck kurzweilige Reden g’führt hab’n, da hast du wohl g’schmunzelt,
denn Spaß bleibt Spaß und ihn nit verkennen, das is schon recht, aber
verquer is er dir ’kommen und zur Unzeit und drum hast ’s Lachen
bezwungen; wann sich’s schickt, würd’st wohl auch ’n Ernst bezwingen
können und grad dös, daß einer geg’n sich selber aufkommen kann, is ’s
Notwendigste, was der Mensch auf der Welt braucht und was mer schon
’n Kindern von klein auf beibringen sollt’, denn solang ich’s unter’n
Händen hab’, verhüt’ ich wohl, daß ’s ein’ Dummheit machen, wann ich’s
aber freilassen muß, nachher nimmer. Ja, schau Dirn’, vermöcht’ sich
nur ein jeder zu bezwingen, kein’ Schlechtigkeit gäb’s mehr in der
Welt, kein’ Sünd’ nit! Freilich, mein’ liebe Dirn’, kann ich nach dem
kurz’n Aug’nschein nit wissen, wie weit du über dich Herr bist, aber du
gibst dir das Ansehn, wie eins, das sich bei sich selber in Respekt zu
setzen weiß, und dasselbe g’lassene Wesen wirkt auch auf andere, denn
wenn die Ärzten sag’n. -- du magst baden oder trinken -- daß sich vom
Wasser mitteilt, was drein steckt und dich g’sund oder krank macht,
so mehr wird sich doch, was in ein’ Menschen Gut’s oder Übels steckt,
ein’m andern mitteilen, der mit ihm häufig Umgang hat! Soweit wär’s
mir wohl recht, du tät’st dich entschließen und gingst mit mir und
schauest dir unser’ Kleine an. Dann hast auch so ruhig’s, bedeutsam’s
G’schau; das is eine Gottesgab’, wann eins mit den Augen reden kann, --
wo oft keine tausend Wort’ flecken, hilft dös. Ja, ja.“ Wieder faßten
die Finger in das weiße Haar und aufseufzend sagte er: „Ah, mein, hart
red’t sich’s mit dir, fragst nix und sagst nix.“
„Ja, wußt’ ich denn, daß d’ schon fertig bist? Und bevor tät’ sich’s
doch nit ziemen, daß ich dir in d’ Red’ fall’!“
„Weit g’fehlt! Freilich muß ich ’s Wort führen, daß d’ Red’ nit
einschlaft, aber du sitz’st da wie ein Stummerl und laßt mich schon d’
längst’ Zeit her über Macht reden.“
„Was soll ich denn sagen, Bauer? Mir wär’s ja in d’ Seel’ h’nein recht,
wenn sich’s so schicken möcht’, wie du denkst; aber wer weiß, mag mich
die kleine Dirn’ leiden?“
„No, so wär’n wir doch soweit einig, daß d’ mitgingst?“
„Mitgeh’n tu’ ich dir schon.“
„Na, und sollt’n mer uns vergeblich’ Müh’ machen, so brauchst doch du
nit z’sorgen weg’n dem, was du versäumst und verlierst, weil d’ Reis’
unterbrichst, der Grasbodenbauer is mein Schwiegersohn und der laßt
sich nit spotten und dann bring’ ja ich dich hin und ich bin dir wohl
auch für den Schaden gut; jed’ Kind in Föhrndorf und in Hinterwalden,
wo ich daheim bin, kennt mich, ’n Bauer vom Hof auf der weiten Hald’.
Also es gilt, Dirn’.“ Er hielt die Rechte hin und Magdalena schlug ein.
„Mit geh’ ich,“ sagte sie, „aber für’n Ausgang steh’ ich nit, denn wo’s
Aussehn alles richten soll, da kommt’s eben aufs Anschau’n an.“
„Wohl, aber beim Anschau’n auch aufs Aussehn, dächt’ ich nit so, möcht’
ich mir ein Gewissen daraus machen, dich von dein’ geweisten Weg
abzureden. Wann die Eisenbahn zunächst wieder stillhalt’, steigen wir
aus und fahr’n hinüber nach Föhrndorf. Schaust dir’s halt an, ’s klein’
Menscherl, wirst ja nachher wohl versteh’n, wie ’m Großvater hart
g’schieht, daß er wildfremde Leut’ inmitten Weg’s anspricht, denkt er,
sie könnten da helfen, wo er nit kann.“
Magdalena griff mit beiden Händen nach denen des alten Mannes.
„Bist gut,“ lächelte er, „und ’s ist schön von dir, daß du mitkommst.“
Als der Zug hielt, stiegen beide aus. Der Mann, der am Ausgange stand,
grüßte den Bauer vom Hof auf der weiten Halde und als er Magdalenen die
Karte abnahm, rief er lachend: „Oho, lieb’s Kind, soweit sind wir noch
lang nit.“
„Sie unterbricht die Fahrt,“ sagte der Bauer.
Der Stationsdiener griff abermals an den Schirm seiner Kappe.
Der Bahnhof lag auf einem Hügel und eine schattige Allee führte
hinunter nach dem Dorfe, das in hellem Sonnenbrande lag.
Ehe sie in den Baumgang traten, hielt der Alte beide Hände hohl vor den
Mund und schrie aus Leibeskräften: „Hiesl!“
„Jo,“ gröhlte es von unten herauf, und als der Bauer und das Mädchen am
Fuße des Hügels angelangt waren, rasselte ein kleines Wägelchen heran.
„No, bist schon da, Bauer? Grüß Gott!“ sagte der Knecht, der die
Pferde lenkte. Es war ein langer, dürrer Mensch, er qualmte aus einem
sogenannten Nasenwärmer, einer Pfeife mit einem ganz kurzen Rohre, aber
der Kopf derselben war so groß, daß das spitze Kinn und die hohlen,
braunen, runzligen Wangen fast dahinter verschwanden, den oberen Teil
des Gesichtes verdeckte der breitkrempige Hut, den er zum Schutze gegen
das grelle Sonnenlicht tief in die Stirne gedrückt hatte.
Der Bauer kletterte auf den Sitz, dann reichte er Magdalenen die Hand
und half ihr an seine Seite. „Fahr zu,“ sagte er zum Knechte.
„Ja, Bauer,“ fragte der, bevor er die Zügel anzog, „wen bringst denn da
mit dir?“
„Für’n Schwiegersohn sein’ Hof, ein’ G’sellschafterin für unser klein’
Burgerl, mein’ ich.“
Der Knecht sah dem Mädchen in das Gesicht, dann nickte er gegen den
Bauer. „Möcht’s schier auch meinen.“ Damit schwang er die Peitsche
und das Gefährt rollte dahin. Erst lief die Straße an den kleinen
Häusern des Dorfes vorüber, dann eine Weile inmitten von Feldern und
Wiesen, zuletzt bog sie in ein Wäldchen ein und als sich die Bäume
wieder lichteten, da schlängelte sie, wie endlos, auf einer weiten
Ebene zwischen Wiesengründen dahin. Fernher blickte das Kreuz eines
Kirchturmes.
Während der Fahrt fiel kein Wort, außer dem einen und dem andern,
mit welchem hie und da der Knecht die Pferde ermunterte, die Hitze
war drückend und der dicht aufwallende Straßenstaub ließ es ratsam
erscheinen, den Mund geschlossen zu halten; auch Leute, die weniger mit
ihren Gedanken beschäftigt gewesen wären, hätten es wohl auf günstigere
Gelegenheit verschoben, sich etwas mitzuteilen. Erst als der Kirchturm
schon hoch aufragte und nunmehr unter ihm die Häuser wie aus dem Boden
auftauchten, zeigte der Alte danach.
„Föhrndorf,“ sagte er.
Und nach einer Weile, als sie noch näher an den Ort herankamen, hob er
wieder weisend die Hand.
Quer über Feld und längs der Straße lief in unabsehbarer Zeile
Buschwerk dahin, das tiefgrünes Wiesenland umhegte, und ganz
fern, scharf vom hellen Himmel abgehoben, zeigte sich ein dunkler
Streif, der gleichfalls wie eine Hecke aussah, in der Tat aber ein
Föhrenwäldchen war, das am Kamme einer Felswand stand; dort steilte
sich nämlich der Boden beträchtlich ab und, weil tiefer gelegen,
breitete sich von da eine zweite Ebene aus, fast so weit wie die obere.
Diesmal streckte der Bauer die flache Hand aus und strich von da, wo
die Büsche querfeldein liefen, gleichsam über die Wiesen hinweg, bis zu
dem dunklen Föhrensaume, gegen den er den Zeigefinger ein wenig hob.
„Der Grasboden,“ sagte er, und als er das Mädchen verwundert aufblicken
sah, nickte er lächelnd, dann aber senkte er plötzlich den Kopf und
murmelte: „Mangel wär’ freilich keiner.“
Nun zeigte sich ganz nahe das erste Haus an der Straße, es trug ein
Stockwerk, die Mauer hatte grauen, das Holzwerk braunen Anstrich und
das Dach, das sich hoch darüber aufbaute, war mit Schiefer gedeckt,
hinter den zwei Bodenfensterchen, die nach vorn heraussahen, hingen
weiße Vorhänge, ein Zeichen, daß unter dem Giebel jemand wohnte.
Das Wägelchen fuhr aber nicht an dem Hause vorüber, sondern lenkte,
ehe es an dasselbe herankam, durch den großen Torbogen, der daneben
aufgemauert war.
Auf der einen Seite der Garten, der sich vom Wohnhause ab erstreckte,
auf der andern die Reihe von Scheunen und Ställen gaben dem schmalen,
langen Hofe das Ansehen eines kleinen, einseitigen Dorfgäßchens.
Ein gut Stück rädelte das Gefährt in den Hof, dann zog Hiesl die Zügel
an und klatschte mit der Peitsche.
„Vater, der Ehnl,“ rief eine helle Stimme im Garten.
Und als sich alle vom Wagen geholfen hatten, trat durch das
Zaunpförtchen ein Mann in den Hof, dessen Hand ein kleines Mädchen
umklammert hielt. „Grüß Gott, Schwiegervater,“ sagte er, „schön, daß
mer dich wieder einmal sieht.“ Dann nickte er dem Knechte auf dessen
Gruß zu. „Grüß Gott, Hiesl.“
„Grüß dich Gott, Grasbodenbauer,“ sagte der Alte, indem er mit der
Rechten die Hand des Schwiegersohnes schüttelte und mit der Linken das
kleine Mädchen am Kinne faßte. „Wie geht’s dir denn, Burgerl?“
„Dank’ schön, Ehnl,“ sagte das Kind.
Dasselbe stand in der Größe gegen viele seiner Altersgenossen
zurück, dagegen waren, trotz der Zartheit der Gestalt, alle seine
Formen entwickelt und nichts Eckiges an ihm zu sehen. Die Bleiche
des Gesichtes, welche selbst das Rot der Lippen und der Nüstern des
Stumpfnäschen abschwächte, wurde durch die tiefschwarzen Augen und das
wirre, krause, gleich dunkle Haar um so auffallender.
Auf den ersten Blick hin hatte die Kleine mit dem Manne, den sie an
der Hand hielt, nicht die geringste Ähnlichkeit. Der Grasbodenbauer
war groß und kräftig gebaut, er sah „staatsch“ aus, wie die Dirnen
meinten, deren manche den hübschen, wohlhabenden Witwer gar verfänglich
ansah und sich ärgerte, daß sie das so unverfänglich tun konnte, da er
keine erröten machte, indem er ihr mit Gleichem erwiderte. Die beiden
Schultern des Mannes trugen einen Kopf, der für die Größe und Stärke
der ganzen Gestalt fast etwas zu klein geraten erschien, aber nur der
untere Teil des Gesichtes sah wie gedrückt, mit dem kleinen rundlichen
Kinne und den hart aneinandergefalteten Lippen, welche dem Munde
den Ausdruck von Gleichmütigkeit gaben, wie man ihn an ganz kleinen
Kindern findet, doch über der leicht gebogenen Nase zeigte sich, vom
goldblonden Haar umrahmt, eine breite Stirne, so klar und offen wie der
Blick der großen, tiefblauen Augen unter derselben. Eben eine solche
Stirne entwickelte sich bei dem Kinde, und wenn der Winter in das Land
kommen wird, wo die Sonne nicht mehr die Wangen bräunt, dann werden
auch die des Vaters ihre Farbe verlieren.
Gleich nach der Begrüßung war der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’
zum Brunnen geschritten, er winkte Magdalene, die abseit stand, zu
sich. „Geh, Dirndl, magst mir schöpfen. Die Augen brennen mir von der
Hitz’ und dem Staub.“
Magdalena trat hinzu und zog mit dem freien rechten Arm -- unter dem
linken hielt sie ihr Bündel -- die Brunnenstange.
Der Alte hielt die hohle Hand unter das Rohr, führte sie träufelnd
gegen die Augen und kühlte die Lider; als er zurückkam, fragte ihn der
Grasbodenbauer, der erst jetzt auf die fremde Dirne aufmerksam geworden
war: „Hast Reis’g’sellschaft g’habt?“
„Aufg’nommen hab’ ich die Dirn’.“
„Was d’ sagst? Ein’ Neue für dein’ Hof?“
„Vielleicht für dein’,“ sagte der Alte mit einem bedeutsamen Blicke
nach dem Enkelkinde.
Der Grasbodenbauer zuckte die Achseln, sah dann schärfer hinüber nach
dem Mädchen, das beim Brunnen stehen geblieben war, und murmelte: „Wird
sich ja erproben.“
Burgerl ließ die Hand des Vaters fahren und lief über den Hof zu
Magdalene, welche zu zögern schien, ihr Bündel auf die Erde oder auf
den Brunnentrog zu legen. „Brauchst ’s nit in Staub, noch in die Nässe
zu legen,“ sagte die Kleine, „gib her, ich halt’ dir’s.“
„Dank’ schön,“ lächelte Magdalena, streifte die Ärmel bis über den
Ellbogen zurück und griff nach der Brunnenstange.
Burgerl aber faßte sie am Arme. „Halt’ du deine Händ’ unter. Schöpfen
werd’ schon ich.“
„Wär’ nit schlecht, wirst dich doch nit mein’tweg’n müh’n!“
„Du haltest unter, ich schöpf’,“ wiederholte die Kleine mit
zusammengezogenen Brauen und kneipte Magdalene in den Arm, daß diese
mit einem Aufschrei lachend den Schwengel fahren ließ. Burgerl ergriff
denselben und fuhr unter dem Schöpfen fort: „Schon einmal, möcht’st du
nit auch, kaum du den Fuß auf’n Hof g’setzt hast, falsch gegen mich
sein, wie sie hier alle sind? Heißt’s nit allzeit mir ins Gesicht, ich
möcht’ mich nit müh’n und ihretweg’n schon gar nit, damit sie dann
hinterm Rücken sagen können, ich könnt’ nix richten und zum Helfen wär’
ich zu großtuisch? Geh mir zu, da hast dein Bündel wieder.“
Magdalena trocknete sich die Hände an ihrer Schürze, stellte einen Fuß
auf den Brunnenrand, nahm das Bündel auf das Knie und streifte den
Ärmel über den linken Arm wieder zurück, Burgerl haschte nach dem noch
entblößten rechten. „Was du für schöne Arm’ hast,“ sagte sie, „so rund
und prall und so sauber fleischfarben, nit so braun oder so kreidig
weiß.“ Sie zupfte an der eigenen Ärmelkrause.
„Und mit ein’ klein’ Andenken drauf von dir,“ lachte Magdalena, auf die
gekneipte Stelle weisend.
„Narrisch,“ sagte Burgerl, „wirst doch nit bös sein weg’n dem blauen
Fleckl?“ Sie drückte ihre Lippen darauf. „Hineinbeißen möcht’ ich da.“
„Na, du nit! Sei so gut,“ rief Magdalena, den Arm zurückziehend.
Burgerl zeigte lachend die kleinen, scharfen, weißen Zähne, dann lief
sie zu Vater und Großvater zurück. „Wie heißt denn die, Ehnl?“ fragte
sie.
„Leni heißt’s.“
„Die kommt auf dein’ Hof?“
„Freilich, aber wenn du mich schön bittest, so lass’ sie dir als
Kameradin da.“
„Bitten tu’ ich niemal.“
„Du Bockkopf, du! Na, brauchst halt nit z’ bitten, ist’s dir recht, so
soll sie bei euch bleiben.“
„’s gilt schon, Ehnl.“ Das Mädchen faßte ihn mit ihren kurzen Armen
um den Leib, dann rief sie: „He, Leni, komm einmal her, sag’ dir was
Neu’s.“ Damit lief sie ihr den halben Weg entgegen, ergriff sie an
der Hand und sagte: „Weißt, du bleibst bei uns und sollst mir ein’
Kameradin sein.“
Der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ blickte lächelnd den vom
Grasboden an, der die großen Augen größer machte und jetzt, als
Magdalena grüßend herantrat, freundlich nickte.
„Will schon ein’ recht brave Kameradin sein,“ sagte diese und meinte es
recht gut zu machen, daß sie dabei die Kniee ein wenig vorbog und den
Kopf beugte, während sie so zu der Kleinen sprach.
Burgerl aber sagte verdrießlich: „Ja, aber wenn d’ das sein willst, so
halt’ dich dabei fein grad, mußt mich nit noch kleiner machen, als ich
eh’ bin, und“ -- setzte sie lachend hinzu -- „so groß bist du auch noch
lang’ nit, wie ich klein bin.“
Sie hing sich in den Arm Magdalenens und führte sie in den Garten. Da
dieser nun bis auf das letzte Fleckchen abgegangen wurde, Baum für Baum
und Strauch für Strauch, dann Beet für Beet, wie sie der Reihe nach mit
Gemüse, Nutz-, Arznei- und Zierpflanzen standen, und zu guter Letzt
noch der kleine, eigens für Burgerl abgegrenzte Raum, so verstrich
darüber Zeit und Weile. Während dieser Wanderung fiel Magdalenen an
ihrer kleinen Begleiterin eine eigene Unruhe der Gliedmaßen auf, ein
Zucken der Hände und Füße, und das Kind tat manchen scheuen Blick nach
ihr, ob sie es etwa deshalb beobachtete.
Die Sonne begann zu sinken, als der Grasbodenbauer über den Hof
geschritten kam und über den Gartenzaun rief: „Burgerl, der Ehnl fahrt
heim!“
Die beiden Mädchen liefen Arm in Arm aus dem Garten.
Der alte Bauer strich über den Krauskopf der Enkelin, tätschelte ihre
Wange. „Sei nur fein brav und bet’ fleißig, Burgerl, so wird dir der
liebe Gott schon noch ’n G’sund[14] schenken.“ Dann legte er die Hand
auf Magdalenens Schulter. „Der Herr g’segn’ dein Eingang in das Haus!
Richt’st was, wird dir’s nit vergessen bleiben.“
Damit ging er nach dem Wägelchen, Burgerl folgte ihm dahin und der
Grasbodenbauer, an Magdalene vorbeischreitend, flüsterte ihr zu: „G’wiß
nit, zügelst[15] dir ja wahrhaftig kein’ Freud’ damit.“
Die Männer schüttelten sich die Hände, Hiesl hieb in die Pferde und der
Wagen fuhr davon.
Als vom Turme das Abendgeläute verklungen war, ging der Bauer mit den
beiden Mädchen gegen das Wohnhaus, in dem Flur standen zwei Türen
offen, aus der einen schlug das Geprassel und der helle Schein des
Herdfeuers, aus der andern tönte vielstimmiges Gemurmel, die erste
führte in die Küche, wo ein paar Dirnen hantierten, die zweite in die
Gesindestube, wo Knechte und Mägde an einem langen Tische saßen und auf
das Abendessen warteten. Burgerl faßte Magdalene an der Hand und stieg
mit ihr die Treppe hinan, der Bauer trat in die Gesindestube, hatte
für jeden und jede, je nachdem der verflossene Tag Anlaß bot, eine
Vermahnung, eine Frage oder ein gutmütiges Witzwort, er wartete, bis
die dampfenden Schüsseln aufgetragen wurden, dann betete er laut vor
und ging, nachdem er ein „Bekomm’s euch“ und „Gute Nacht“ geboten und
empfangen.
Er ging nach seiner Stube, die im Stockwerke lag; dieselbe enthielt
außer einigem altertümlichen Geräte, darunter ein paar Eichenschränke
mit kunstvoller Schnitzerei, auch etliche neue Stücke, die sonst nicht
in Bauernstuben in Gebrauch stehen, besonders der große Schlafdiwan
nahm sich etwas fremd daselbst aus. Der runde Tisch, um welchen die
kleine Burgerl und Magdalena saßen, war mit feiner Tischwäsche belegt.
Die verstorbene Bäuerin mochte ihre Mahlzeiten nicht unter den Augen
des Gesindes halten, nur an besonders hohen Festtagen machte sie eine
Ausnahme, saß mit demselben an +einem+ Tische und zeigte sich als
freigebige Wirtin, dann ging es aber auch hoch her und wurde festlich
getafelt; sonst saß sie die erste Zeit allein mit ihrem Manne, dann zu
dreien, als die kleine Burgerl hinzukam, so war es bis zu ihrem Tode,
vor etwa fünf Jahren, gehalten worden, dann nahm der Bauer mit seinem
Kinde den Platz obenan am Gesindetische ein, nur für kurze Zeit, denn
bald veranlaßte ihn die Krankheit, welche die Kleine befiel, letztere
den Leuten aus dem Gesichte zu rücken und allein mit ihr wieder auf
seiner Stube zu bleiben.
Als er sich zu den beiden Mädchen an den Tisch gesetzt hatte, trug eine
alte Magd das Essen auf.
„Sepherl,“ sagte der Bauer.
„Jo,“ sagte die Alte.
„Da hab’n wir ein’ neue Dirn’ ’kriegt.“
„So?“
„Leni heißt’s.“
„Leni?“
„Is der Burgerl z’lieb aufg’nommen.“
„Ahan!“
„Ich denk’, sie soll heut noch in der Gäststub’n schlafen.“
„Freilich.“
„’s Weitere muß sich halt schicken.“
„Is eh’ so.“
„Daß ’s Bett g’richt wird, hab’ ich schon der Traudel g’sagt.“
„G’sagt.“
„Schau du nach, ob auch all’s in Ordnung is.“
„Jo,“ sagte die Alte und schlich so schwerfällig hinweg, wie sie
gekommen war.
„Aber, Vater, sie kann ja doch heut’ gleich in mein’ Stüberl schlafen,“
sagte Burgerl, auf Magdalena weisend. „Du hast dich jetzt schon d’
längst’ Zeit her beholfen, gönn’ dir ein’ Ruh’ und bleib’ herunt’, sie
geht schon mit mir.“
„Bedenk, Burgerl, es ist d’ erst’ Nacht,“ entgegnete der Vater.