„Ja, Vater.“
„Ist recht, ich auch.“ Er zog den Brief unter dem Steine hervor, besah
ihn noch einmal auf beiden Seiten, prüfte Aufschrift und Siegel, dann
reichte er ihn dem Mädchen. „Da ist der Brief, den ich dir an meinen
Bruder geschrieben habe.“
Magdalena nahm das Schreiben an sich und ließ es hinter ihrem
Busentuche verschwinden.
Reindorfer streifte mit der Linken den Stein seitwärts vom Tische,
legte die Rechte auf das Papiergeld, und indem er die Finger
auseinander spreitete, blätterte er die Scheine auf, daß der Betrag,
den sie ausmachten, dem Mädchen in die Augen fiel. „Hier hast du, was
die Reise kosten wird und noch etwas darüber, daß du ein paar Tage ohne
Verdienst aushalten kannst und nicht gleich auf ein unbillig’ Anbot
zugreifen mußt. Was du zu tun hast, um bei Ehr’ zu verbleiben, dir
Freunde zu schaffen und brav durch die Welt zu kommen, das weißt du,
denke ich: du brauchst nur nicht zu vergessen, was ich dir seinerzeit
darüber geredet habe. Und nun geh mit Gott!“
Magdalena wickelte die Banknoten um das Päckchen, das sie von der
Mutter erhalten hatte, und band das Ganze in einen Zipfel ihres
Sacktuches, sie steckte dieses nun bedächtig in den Rocksack.
„Ich bin gleich fertig,“ sprach sie, „aber etwas hätt’ ich noch zu
sagen. Es hätt’ dir niemand übelnehmen können, wenn du allzeit gegen
mich gewesen wärst, aber du hast mich nicht als klein aus dem Hause
gestoßen, du hast dir nie eine Unlust anmerken lassen gegen mich,
hast mir keine Freude verdorben und es mir allweil so gut geschehen
lassen, als es mir hat werden wollen, mehr noch, du hast mich streng
rechtschaffen vor aller Schlechtigkeit gewarnt und gewahrt, kein
Heiliger vom Himmel hätt’ anders sein können, wie du gegen mich warst.
Darum bet’ ich zu unserm Herrgott, er möcht’ mir meine höchste Freud’
geben und eine Zeit kommen lassen, wo ich dir nur zu zeigen vermöcht’,
wie ich dich in Ehr’ halt’, und dir vergelten könnt’, was die Mutter
übel an dir getan! Und da sei jetzt nicht bös, wenn ich dich ihretwegen
bitt’, wohl ist alles wieder aufgefrischt in deinem Herzen, aber schau,
kannst du so gerecht sein gegen mich, als den unschuldigen Teil, wirst
auch nachsichtig sein können gegen sie; damit ich ruhig fort vom Haus
gehen kann, sag mir, du wirst nicht hart sein gegen die Mutter!“
Reindorfer hatte aufgehorcht, als das Mädchen seine Fürbitte für die
Bäuerin anhob, im Verlaufe nickte er ein paarmal beistimmend mit dem
Kopfe. „Recht ist’s, recht ist’s,“ murmelte er dabei, dann sagte er
laut: „Ich werd’ mich nicht ändern gegen seither, daß es neu auflebt,
dafür kann sie ja nichts.“
„So vergelt’s Gott, Vater,“ sagte Magdalena, dann faßte sie ihn erregt
an beiden Händen. „Aber wenn ich auch nicht dein Kind bin, so laß mich
doch nicht in die Fremde gehen ohne deinen Segen, er möcht’ mir sonst
fehlen, denn gerad’ auf den deinen muß ja unser Herrgott was geben.“
Sie kniete vor ihm nieder.
Der Bauer legte ihr die Hände auf den Scheitel. „Ich segne dich,
Magdalen’, möge Gott, unser Herr, dich schützen und schirmen“ ... Hier
gerieten seine Hände in heftiges Zittern, sie rüttelten so arg das
Köpfchen, auf dem sie lagen, daß er sie hastig zurückzog.
Das Mädchen, das nicht wußte, wie ihm geschah, sah ihn bittend an und
hob die gefalteten Hände gegen ihn.
Da legte er noch einmal die seinen auf ihr blondes Haar. „Ich tu’ dich
ja segnen. Ich segne dich wie mein eigenes Kind -- wie mein eigenes
Kind!“
Der Ton klang eigen, wie nach verhaltenen Tränen, Magdalena erhob sich
und lag an seiner Brust. „Vater!“ schrie sie auf.
Reindorfer wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, er löste sanft
die Arme des Mädchens, die ihn um den Hals gefaßt hielten. „Nur
gescheit! mein Dirndl, nur gescheit! Und flink, Dirndl, flink, sonst
kommst heut doch nimmer an Ort und Stell’.“
„Nun, so behüt dich Gott, Vater. Und gelt, du hast mich halt doch gern?
Ich bitt’ dich um aller Heiligen willen, schau nur, daß du mir brav
gesund bleibst, und daß es dir gut geht. Und gelt, nachschauen darf
ich dir manchmal? Und schreiben auch? Bleib nur gesund, -- ich will
schon fleißig für dich beten!“
So waren beide Hand in Hand aus dem Garten und über den Hof gegangen,
der alte Mann hatte dabei dem Mädchen auf jede Frage nur wiederholt
freundlich zugenickt: jetzt standen sie vor dem Tore.
„Und jetzt ist es wohl ernst,“ sagte die Dirn’. „Ich werd’ dir
keine Sorge machen, Vater, mach’ mir auch keine. Behüt dich Gott
vieltausendmal, behüt dich Gott!“
Er aber lächelte sie an, legte ihr noch einmal die Hand auf den
Scheitel und nickte dazu, zum Reden konnte er keinen Atem finden. Sie
ging und sah oft zurück, und immer nickte er wieder und winkte mit der
Hand, und als er das Mädchen nicht mehr sah und die Rechte sinken ließ,
da fühlte er sich daran gefaßt und gehalten.
Die Bäuerin stand neben ihm.
„Sie ist fort,“ sagte sie weinend, „jetzt ist sie fort und wir allzwei
sind darüber alt geworden. O, tu du mich nur nicht ganz verlassen!“
Sie preßte seine Hand in der ihren, er hätte sie ihr entreißen können,
wenn er gewollt hätte, der Leute wegen brauchte er nicht an sich zu
halten, es war niemand weit und breit, der auf sie gesehen hätte. Er
sah nach ihr, wie sie gebrochen und scheu neben ihm stand und leise
gab er den Händedruck zurück. Es war das erstemal seit jenem Tage vor
achtzehn Jahren, daß sie wieder Hand in Hand nebeneinander standen.
Das Weib aber fühlte sich bis in das Innerste so krank und elend,
seit die Scham vor ihrem eigenen Kinde auf ihr lastete, daß sie ganz
wohl wußte, sie hatte von ihrem Manne nichts erbettelt, als Schonung
für ihre wenigen Tage, und in diesem Sinne sagte sie: „Ich dank’ dir,
Joseph, sei nur eine kleine Weile noch gut mit mir!“
* * * * *
Während Magdalena im Garten mit dem alten Reindorfer sprach, war der
junge aus dem Stall gegangen, hatte sich sonntäglich gekleidet und
darauf den Hof verlassen, denn der Mensch, besonders wenn er ein
Bauernbursche ist, kann nie „zeitlich genug auf den Kirchtag gehen“.
Auf dem Wege nach dem Dorfe traf er den Müller Florian.
„Guten Morgen, Müllerbub’,“ rief er ihn an. „Gehst auch auf’n Kirchtag?“
„Ich schau’ hin,“ war die Antwort, „weil ich mir nichts Gescheiteres
weiß und nicht gern mit mir allein bin.“
„Hast recht. Ihr zwei, du und meine Schwester, seid nicht unkluge
Leut’. Das wirst aber doch nicht glauben, daß sie heut schon fort nach
der Stadt geht!“