„Vater,“ rief sie bittend.
Der Bauer schöpfte tief Atem.
„Du mußt es mir sagen,“ sagte sie leidenschaftlich, „du kannst über
mich schalten, das ist richtig, aber ich kenn’ dich, du wirst nicht
wollen, daß ich denk’, du tuest unrecht an mir! Dir, gerade dir, trau’
ich zu, selbst wo du hart bist, daß du hart sein mußt, und weil ich das
tu, und weil ich alt genug bin, daß ich dich begreif’ und versteh’, so
sag mir auch deinen Grund, es ist ja kein Fremdes, das danach fragt,
ich bin ja doch dein Kind!“
„Wenn du mein Kind wärst,“ stammelte der Bauer mit feuchten Augen,
„dann wär’ eh’ alles gut!“
„Ich bin doch nicht angenommen?“
„Nein, -- du bist deiner Mutter Kind.“
„Das deine nicht? Heiliger Herrgott im Himmel! Du willst doch nicht
sagen, daß sich meine Mutter versündigt hat?“
Der Bauer sah ihr starr in das Gesicht.
„Jesus, Maria! So bin ich wider Recht auf der Welt!“
Sie warf sich über die Bank in der Laube. Reindorfer trat hinzu, und
sie schluchzte an seiner Brust, ihr ganzer Körper schütterte und wand
sich, und immer begann sie aufs neue und sagte dazwischen: „Sei nicht
bös, -- o, sei nur nicht bös!“ Der alte Mann aber streichelte mit
beiden zitternden Händen ihre nassen Wangen und seine Tränen fielen auf
ihr reiches Haar.
Plötzlich unterdrückte sie das Schluchzen, schob den Bauer einen
Schritt von sich und sah ihm groß in die Augen. „Ja, wie ist denn
das,“ sagte sie, „und wie paßt das zusammen, du hast es mich doch nie
verspüren lassen; du tust es wohl auch jetzt nicht, nur um mich zu
kränken; warum verweigerst du mich dem Florian?“
Dem Bauer war der helle Schweiß auf die Stirne getreten, er wischte mit
dem Ärmel darüber. „Es ist schon allzuviel gesagt, schon zu viel, laß
es gut sein, frag nicht weiter!“
„Da ich das eine weiß, gib mir das andere auch. Noch hast du mich in
deiner Hand und kannst mich leiten. Verlaß mich nicht in so schwerer
Stund’, wo ich nicht weiß, wo hinzu ich mich wenden soll. Tu es nicht,
laß in mir keine Gedanken aufkommen; wenn du mich überweisen kannst,
red, eh’s zu spät ist! Noch frag’ ich, warum nicht sein kann und darf,
was wider deinen Willen wär’, sag es, sonst möcht’ ich mir etwa den
meinen nehmen, und dann nicht weiter danach fragen, was Gott und die
Welt davon halten!“
„Jesus! Dirn’, Dirn’, red nicht so unbeschaffen, das ist nicht
christlich, das ist heidnisch Wesen!“
„Sag das andere!“
„Das andere, mein Jesus, ja, das andere. Wie soll ich dir das sagen?
Ich darf es nicht zugeben und es kann nicht sein, -- mußt nicht
erschrecken, -- aber du und der Florian habt +einen+ Vater!“
Das Mädchen zuckte zusammen, es war bleich geworden bis in die Lippen,
starrte eine Weile schweigend vor sich hin, drückte dann dem alten
Manne die Hände und sagte leise: „Wohl, du hast recht, du denkst
allzeit ehrenhaft und der Sache nach. Ich dank’ dir!“
„Leni, Leni,“ rief der Alte. „Tu nicht so wirr’, weine lieber noch
einmal, ich mag dir ja dabei helfen. Geh, wein’ lieber noch einmal!“
„Nein,“ sagte Magdalena; sie strich sich langsam über die Stirne, und
dann eilte sie rasch davon.
„Sei gescheit, mein Dirndl, sei gescheit,“ rief Reindorfer, er
stolperte ein paar Schritte, die Kniee zitterten ihm und er gab es auf,
sie einzuholen. Jetzt fühlte er seine Siebzig, und die Angst, welche
ihn bei seiner Hinfälligkeit, des Mädchens wegen, überkam, ließ ihn gar
wohl merken, wie lieb er dasselbe gewonnen hatte.
„Es dürft’ mein eigenes Kind sein,“ sagte er unwillig. Er schritt aus
dem Garten, er spürte im Hofe umher. Das Tor nach der Straße stand
offen. Er trat hinaus.
„Soll ihr nur nichts Übles beifallen oder zustoßen,“ murmelte er.
* * * * *
Dort oben beim Tannenwäldchen saß Florian auf dem weichen Rasen und sah
herunter nach dem Reindorferhofe.
Der Mond ging eben auf. Es schien eine Nacht anzubrechen, so schön
wie andere waren. Wer es nur hätte acht haben wollen! Aber es war
schwül geblieben und vom Wetterwinkel zogen schwere Wolken heran, eine
erwartungsvolle Stille lag über der Natur. Der Bursche merkte auch
darauf nicht.
Plötzlich bebte er zusammen, -- jemand kam den Steig herauf. Er wagte
kaum seinen Augen zu trauen. Er erhob sich. Es ward ihm freudig
zumute, was er zagend gehofft hatte, das erfüllte sich, das Mädchen
kam; aber er sah ihr bald bange entgegen, das war nicht liebende Eile,
in der sie heranflog, das war ein angstvolles Heranhasten, mit dem
sie sich die Höhe hinanarbeitete, er hörte ihre schweren Atemzüge,
sie stand vor ihm, und aus leichenblassem Gesichte starrten ihn zwei
brennende Augen an.
Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück.
Sie lächelte trübe. „Magst mir die Hand schon geben,“ sagte sie. Er
faßte die angebotene Rechte, sie war kalt, und lag wie tot in der
seinen.
„Ich weiß nun, warum wir nicht zusammen sollen, noch dürfen,“ sagte sie
tonlos. „Auch du hast ein Recht, es zu wissen. Ich bin ein Schandfleck
auf meiner Mutter Weiberehr’ und nicht des Bauers Kind.“
„Heilige Mutter Anna! -- Aber warum tust du dir das zuleid’ und sagst
es mir, was bekümmert das mich?“
Da faßte sie ihn leidenschaftlich an den beiden Schultern, und am
ganzen Leibe erzitternd, rüttelte sie ihn mit.
„Du bist mein Bruder!“
Er schrie vor Schrecken auf und stieß sie angstvoll von sich. Ihm war,
als blickte ihm sein eigenes glanzloses Auge entgegen, als er dem ihren
begegnete. Es durchschauerte ihn, als er sie vor sich stehen sah, ihm
so ähnlich und so nah verwandt.
Aber noch einmal, das letztemal, wollte er seine Augen auf sie wenden
und sie daraufhin ansehen, was sie ihm gewesen, da aber übermannte es
ihn, er warf sich auf den Rasen und weinte laut.
Magdalena war an seiner Seite niedergekniet und legte sanft die Hand
auf seinen Arm. „Flori,“ sagte sie, „weine nur recht; ich wollte,
es wäre mir gegeben, daß ich es da auch könnte. Tu dich nur recht
ausweinen, es wird dir leichter werden. Und dann sei gescheit, sei mein
braver, lieber Bruder!“
Er richtete sich auf. „Sorg nicht wegen mir. Ich denk’, um mich wird
bald alle Sorge übel aufgewendet sein. Nur dich gesegne und behüte
unser Herrgott für immer und allzeit, dich -- wie ich nun zu dir sagen
muß -- meine Schwester.“ Er zog sie an sich, und die Lippen beider
zuckten in scheuer, flüchtiger Berührung aneinander.
„Leb wohl!“
Er schritt rasch hinweg und trat in das Walddunkel.
„Leb wohl!“
Sie wandte sich ab und ging langsam nach dem Gehöfte.
Plötzlich krallte sich etwas in ihren Rock ein, es war der Weißdorn,
sie blieb stehen und löste ihr Gewand von den Dornen los, sie sah, der
Strauch war abgeblüht, und sagte: „Ist deine schöne Zeit auch schon
vorüber? Gelt ja, das ist uns beiden schnell gekommen? Hältst mich
deswegen zurück und möchtest mich gern trösten? Halt ja, dir muß so weh
sein um deine Blüh wie einem Menschen um sein Glück. Wir sind schon
recht arm, wir allzwei!“
Sie ließ, wie schmeichelnd, einen Zweig durch ihre hohle Hand gleiten
und dann ging sie weiter.
* * * * *
„Wo bleibst du denn?“ sagte die Müllerin, als Florian in die Küche
trat. „Und, mein Jesus, wie du aussiehst!“
Er hatte das Halstuch gelöst, die Haare hingen ihm wirr in das bleiche
Gesicht.
„Wie ich ausseh’? Mich nähm’ wunder, ich schaute anders aus! Ich hab’
den Vater etwas zu fragen. Komm nur mit herein, du darfst es wohl auch
hören.“
Sie traten beide in die Stube.
„Kommst endlich heim?“ sagte der Müller.
„Ja, und ganz anders komm’ ich heim, als ich ausgegangen war. Nun meine
ich schon selber, daß ich die Reindorfer Magdalen’ in alle Ewigkeit
nicht kriegen kann. Aber ich geh’ gern sicher, und darum frag’ ich
dich, ob du auch darum gewußt hast, daß sie meine Schwester ist?“
Der Müller senkte den Kopf tief, tief bis auf die Brust.
„O du mein Herr und Heiland,“ rief die Müllerin und richtete ihre
feuchten Augen auf den Sohn, „darum sehen sie einander so gleich! Ich
war immer in Furcht wegen deinem verbuhlten, gottuneingedenken Wesen.
Nun kommt das davon!“
Da fuhr der Müller wild empor. „Was kommt davon? Ich denk’, es kann nun
nichts mehr kommen, und damit ist nun alles vorbei und vorüber. Laßt
mich zufrieden mit langvergessenen Geschichten, redet mir kein Wort
weiter, keines von euch beiden, sonst verschaffe ich mir Ruhe!“
„Mußt nicht so herumschreien, Vater,“ sagte der Bursche, „du würdest
doch nur die Mutter einschüchtern, nicht mich, wenn mir um Streit zu
tun wäre. Ich hab’ aber nur in Güte angefragt und, wie ich denk’, meine
Antwort bekommen. Ich merk’ schon, es geht höllenmäßig christlich auf
der Welt zu, und wir alle -- wie der Pfarrer sagt -- sind Geschwister;
so oder so! Und weil mir’s mit einer Schwester so traurig ergangen ist,
so werd’ ich mich halt zu den lustigen Brüdern halten. Meinst nicht
auch?“
Die Müllerin saß abseit und drückte ihr Tuch vor die Augen, der Müller
sah sprachlos zu seinem Sohne auf.
Der aber sagte kurz: „Gute Nacht miteinander!“ und ging aus der Stube.
Die Müllerin erhob sich, um ihm nachzufolgen, aber ihr Mann vertrat
ihr den Weg. „Lois,“ sagte er, „geh nicht du auch noch fort von mir,
du weißt nicht, wie mir ist. Laß mich jetzt nicht allein, bleib da, du
warst immer um mich, wenn mir hart geschehen ist, laß auch jetzt mit
dir reden. Ich meine doch, der Jung’ wird noch Vernunft annehmen?“
„Ich weiß nicht,“ sagte sie weinend.
„Ihm steht das wilde Reden gar nicht an. Ich merk’ wohl, es tät’ ihm
auch kein gut, wenn er anders werden möcht’. Gelt, du meinst selber,
daß er nicht anders wird? Daß er uns verbleibt wie er ist?“
„Ich weiß nicht.“
Und nun saßen sie schweigend nebeneinander, und wenn von Zeit zu Zeit
das Weib aufseufzte, dann streichelte der Mann begütigend ihre Hände,
als könnte er sich zugleich mit ihr beruhigen.
So saßen sie lange, dann erhoben sich beide zu gleicher Zeit, um ihr
Lager aufzusuchen.
Die Mutter schlich vorher noch nach der Kammer ihres Sohnes und
lauschte an der Tür, sie hörte laute und regelmäßige Atemzüge; sie war
es zufrieden, ihn im Hause zu wissen, denn an seinen Schlaf glaubte sie
nicht; er hatte sie wohl herankommen gehört und wollte nicht, daß sie
klopfe oder ihn anrufe. Auch den Müller fand sie, als sie zurückkehrte,
wie schlafend liegen. Sie alle zogen es vor zu schweigen, sie hatten
keine Gedanken zu tauschen, ohne fürchten zu müssen, für das Arge nur
Ärgeres zu bieten oder zu empfangen.
Und als in der Mühle und im Gehöfte Reindorfers die Lichter erloschen
waren, und als sie alle schlaflos in ihren Betten lagen, da zuckte es
in greller Lohe am Himmel auf und das Gewitter brach grollend über der
Gegend los, und es war eines jeden selbsteigene Sache, ob er dabei an
die Donner des Gerichtes oder an den befruchtenden Regen dachte.
12.
Am darauffolgenden Tage frühmorgens erhob sich Magdalena von ihrem
Lager, und ohne dabei einen Blick hinüber nach dem Bette der Mutter zu
tun, schlich sie sich leise aus der Stube.
Die Bäuerin stöhnte tief auf, als sie gegangen war.
Das Mädchen trat in den Hof, die bleichen Wangen und die Ringe um die
Augen verrieten, daß es eine schlaflose Nacht gehabt.
Leopold ging eben mit einem Wasserzuber zum Brunnen, er blieb stehen,
als er sie herankommen sah. „Dich läßt der Alte auch nicht heiraten,
hab’ ich gehört.“
„Du hast recht gehört. Er hat wohl eben einen so guten Grund dazu wie
bei dir.“
„Ei, schwätz, wenn er keinen bessern hat, so taugt er nicht viel. Nun,
ihr habt noch immer leichter warten als unsereiner. Was machen euch ein
paar Jahre auf oder ab? Und gar lang kann es ja doch nimmer dauern.“
Er war unterdem an den Brunnen getreten, hatte das Gefäß auf den
Brunnentrog gestellt und dabei dem Mädchen den Rücken zugekehrt, als er
sich jetzt umsah, schloß dasselbe gerade das Gartengatter hinter sich.
„Schau, bin ich dir vielleicht zu gering? Das dürft’ dich doch noch
gereuen, stolze Gretl!“ Er griff nach der Brunnenstange und zog heftig
daran, jeden Zug begleitete ein Schimpfname oder eine Ehrenrührigkeit,
welche er sämtlich in aufrichtigster Mißachtung seiner Schwester
widmete. Der Eimer war früher voll geworden, ehe er sich erleichtert
fühlte, und so schalt und schimpfte er auf dem Wege nach dem Stalle
fort; dort hatte er zwei Pferde zu betreuen, die eine Stute hatte in
ihrer Jugend dem Vaterlande gedient und sich daher eine etwas strammere
Haltung bewahrt, das fiel dem jungen Reindorfer eben jetzt unangenehm
auf, er versetzte dem Tiere einen Tritt. „Stolze Gretl,“ sagte er. Das
Pferd schnaubte und spitzte die Ohren. Klangen ihm aus vergangenen,
besseren Tagen Trompetenklänge durch die Seele, die zu ruhmreichem
Streite oder zur sorglichen Fütterung riefen? Wer weiß es?
Magdalena fand den alten Reindorfer an dem Platze, wo sie gestern von
ihm gegangen.
Der nächtliche Gewitterregen hatte die Rebenblätter erfrischt, und sie
standen in frischem Grün aufrecht an den schlanken Stielen, einzelne
Ranken hingen aus dem dichten Blätterdache hernieder, unter welchem
der alte Mann saß; als er die Dirne herankommen hörte, blickte er auf,
es ließ sich an seinem Wesen weder eine Ermüdung noch eine Änderung
vermerken, er zeigte sich wieder ganz wie sonst.
Magdalena setzte sich ihm gegenüber, sie spreizte die Finger der
rechten Hand an der Bank auf, drückte manchmal mit dem vollen, runden
Arm dagegen und sah schweigend eine Weile vor sich nieder. Dann wendete
sie sich nach dem Alten. „Ich hätte etwas zu sagen.“
„Red’.“
„Mußt aber nicht bös sein, wenn ich dich dabei gleichwohl ein oder das
andere Mal Vater nenn’, ich bin es so gewöhnt; sollt’ ich zu dir Bauer
sagen, es geschähe mir hart und das Reden käm’ mich schwerer an.“
„Dasselbe müßt’ sowieso sein, der Leute wegen, und dann mag ich von dir
schon leiden, daß du Vater sagst.“
„Ich kann nimmer dableiben.“
„Das sollst du auch nicht.“
„Ich mag euch nimmer unter den Augen herumlaufen und anderen noch
weniger.“
„Hast ganz recht, du mußt fort, je weiter, je besser. Hab’ schon darauf
Bedacht genommen. Ich denk’, du gehst halt nach der Stadt und suchst
dir einen Dienst.“
„So war mein eigen Vornehmen.“
„In der Kreisstadt, von wo die Eisenbahn geht, wohnt mein Bruder, der
Schullehrer gewesen ist, ich möcht’, daß du früher bei ihm einsprichst,
vielleicht kann er dir ein wenig an die Hand gehen, und du brauchst
auch nicht Tag und Nacht über in einem Stück zu reisen.“
„So schreib mir nur gleich den Brief, Vater.“
„Gleich? Wohin denkst denn? Eine Reis’ allweg vom Hause in die Welt, um
Brot zu suchen, die tut man nicht so über Hast. Dann schickt sich auch
keine Gelegenheit, ich brauche die Pferde in der Wirtschaft und kann
dich nicht einen halben Tag lang fahren. Ich hör’, der Kleehuber fährt
in acht Tagen nach der Kreisstadt, der nimmt dich wohl gegen ein gut
Wort mit.“
„Acht Tage vermöcht’ ich nimmer da zu bleiben. Wozu soll noch eine
ganze Woche eines dem andern in Scheu, Bangigkeit und Herzweh aus dem
Wege schleichen, und sich dann wieder vor Leuten zu verlogenem Wesen
zwingen? Besser ich geh’ gleich, heute noch. Heut ist Kirchweih,
da hat kein Mensch darauf acht und mengt sich niemand ein, später,
wenn sie nachfragen, bin ich eben nimmer da. Sorg dich nicht um mich,
Vater, ich schick’ mich schon darein und werd’ mich schon auswissen;
fleißige Hände finden immer ehrlich Brot, und rechtschaffenes Wesen
eine freundliche Aufnahme, so ist mir nicht bange, wie ich durch die
Welt komme. Was die Gelegenheit anlangt, so brauch’ ich gar keine,
ich bin gut zu Fuß, mein Bündel ist bald geschnürt und leicht zu
tragen, in einer Stunde kann ich von da weggehen und bin abends in der
Kreisstadt, da übernachte ich bei deinem Bruder, dem Herrn Lehrer, und
die Eisenbahn fährt morgen, wie alle Tage, ihren Weg.“
„Du denkst noch heute fortzugehen?“ Die Stimme des alten Mannes klang
etwas unsicher, als er das fragte.
„Ja, Vater. Sag selber, denk’ ich nicht recht?“
„Ich vermöcht’ dir nicht nein zu sagen. Es wird schier völlig das
Gescheiteste sein, wie du meinst. Nun, so richt halt in Gottesnamen
deine Sach’ zurecht. Vergiß den Taufschein und das Impfzeugnis nicht,
denn in der Stadt drinnen, hab’ ich mir sagen lassen, muß sich jedes
siebenfach ausweisen, daß es einmal auf der Welt ist; solltest du sonst
noch was von Papieren brauchen, so schreib, daß wir dir’s besorgen und
schicken mögen.“ -- Er erhob sich. -- „Ich geh’ jetzt deinen Brief
schreiben.“ Er hatte es vermieden, das Mädchen anzusehen und so ging er
jetzt mit gesenktem Haupte langsam von ihr hinweg.
Und als sie nun allein verblieb und den Blick nach der Stelle richtete,
wo der alte Mann gesessen hatte, und aufhorchte, wie das Geräusch
seiner Tritte nach und nach erstarb, da war ihr, als ginge er nun
fort und fort, weiter und immer weiter von ihr hinweg, als wäre nicht
nur da in der Laube ein leerer Platz, sondern auch in ihren kommenden
Tagen eine Lücke, wo sie nie mehr so den ehrlich gemeinten Rat in der
liebgewonnenen Weise zur Hand haben wird. Sie stand rasch auf und ging
ihr Bündel schnüren.
Sie trat in die Stube, öffnete ihren Schrank, begann ihre Kleider
herauszunehmen und legte sie auf einen Stuhl.
Die Bäuerin, welche mit einem Strickzeug in der Ecke saß, sah erst
diesem Beginnen verwundert zu, dann erhob sie sich, legte die Arbeit
hinter sich auf den Sitz zurück und trat mit fragendem Blick an das
Mädchen heran.
„Ich muß dich bitten, Mutter,“ sagte Magdalena, „daß du so gut bist
und mir von den Sachen herausgibst, was mein gehören soll und was ich
mitnehmen darf.“
„Du gehst fort?“
„Ja, Mutter.“
Die Bäuerin trat zu dem Wäscheschrank, schloß auf, kramte mit
zitternden Händen Stück für Stück hervor und zählte sie der Tochter hin.
Als sie damit fertig war, ging sie eilig nach der Küche, dort stand
sie, hielt ihr Fürtuch an das Gesicht und sah mit unterdrücktem Weinen
durch die halboffene Türe nach der drallen Gestalt des Mädchens, das
zierlich und flink sich umtat, seine geringe Habe in ein großes Tuch zu
verpacken.
Sie war bald damit zustande gekommen, hing das Bündel über ihren Arm
und ging aus der Stube.
In der Küche stand die alte Reindorferin und blickte wie verloren vor
sich nieder.
„Ich geh’ jetzt, Mutter. Behüt dich Gott und bleib recht gesund.“
Das alte Weib schluchzte laut, es drängte sie, sich an die Brust
ihres Kindes zu werfen, aber sie hielt etwas in der festgeschlossenen
Rechten, das mochte sie wohl behindern, sie faßte nach den Händen
Magdalenas und steckte ihr ein Päckchen zu, jahredurch aufgesparte
Pfennige zur Wegzehrung, und jetzt hatte sie beide Arme frei, aber sie
blieb unbeweglich vor dem Mädchen stehen.
„Behüt dich Gott, und was ich dir sagen muß, bleib brav! Leni, um alles
in der Welt, bleib brav!“ Sie weinte neuerdings. Das Mädchen hielt sie
scheu an den zuckenden Händen, küßte sie flüchtig auf die tränenden
Wangen und ging.
Keines von beiden, wie ihnen auch um die Seele sein mochte, blickte
auf. Hättet ihr doch die Augen aufgehoben, ihr wäret euch in die Arme
gesunken, ihr hättet eines an dem Herzen des andern geweint, ihr hättet
euch nicht der Liebkosung geweigert, die ja doch die letzte -- die
letzte gewesen wäre!
Seltsame Menschen! Glaubt ihr nur darum an einen Gott des Erbarmens,
damit ihr alle Milde und alles Mitleid ihm allein anheimgeben könnt?
Hofft ihr nur darum auf ein Reich des Trostes und der Gnade, damit ihr
jedes verlangende Sehnen und jede weinende Bitte dahin verweisen könnt?
Warum vermögt ihr nicht milde zu sein einer gegen den andern und Herz
zu fassen eines zu dem andern, warum nicht? Haß, so groß und gewaltig
er sein mag, zeigt ihr offen, -- Liebe, so klein und gering sie sein
mag, verbergt ihr scheu! O, wie ihr euch doch wehe tun mögt, seltsame
Menschen!
Als Magdalena tief aufatmend im Hofe stand, sah sie im Garten
Reindorfer auf die Laube zuschreiten. Bevor sie ihn dort aufsuchen
mochte, trat sie an die Stalltür. „Leopold,“ rief sie hinein, „ich
geh’ vom Ort, ich such’ mir in der Stadt einen Dienst.“
Der Angeredete kam heraus zu ihr. „So, fort gehst du? Hast eigentlich
recht. Wenn man es über das Herz bringt, so ist es ungleich besser, man
schlägt sich derlei gleich ganz aus dem Sinn. Mein’ Seel’, ich möcht’
auch schon lieber auf und davon rennen, als daß ich es da ertrotzen
oder erpassen soll! Nun, viel Glück. Behüt dich Gott!“
„Schön’ Dank. Behüt dich Gott, Leopold!“
Er bot ihr die Hand und trat dann in den Stall zurück.
Nachdenklich, den Kopf auf beide Arme gestützt, saß Reindorfer, er
hatte vor sich ein Päckchen liegen, einen Brief und etliche Banknoten,
aber er kannte das flatterhafte Zeug zu gut, es lag ein schwerer Stein
darüber, damit der Wind nichts enttrage.
So fand ihn Magdalena.