Sie erkannte den leichten, federnden Tritt. Sie atmete schwer und blieb
regungslos sitzen.
Die Tür ward etwas aufgerückt, jetzt blickte wohl das Mädchen nach ihr
und zog sich zurück, da es sie eingeschlafen glaubte.
Und sie sah nicht auf -- sie sah nicht auf. Was kommt zwischen heut und
morgen und trifft zu tiefst? Sie wußte es nun und sie sagte sich’s:
„Du kannst vor deinem Kinde nimmer die Augen aufheben!“
Und da schlug sie die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich. Der
Bann war gebrochen, das Herz wohl mit, aber die Denkkraft war gerettet!
In der Stadt sollen viele umhergehen, die auf solche Art klug
geblieben, ja wohl gar klüger geworden sind, recht ansehnliche Leute!
Ja, die Bäuerin war schier vornehm, gewiß aber elend geworden!
* * * * *
Die Müllerin war daheim angelangt. Sie versuchte zu lächeln, als sie
zu ihrem herbeieilenden Sohne sprach: „Ein bißchen mußt du dich schon
noch gedulden, so fleißig ich auch gewesen bin, so hab’ ich doch die
Antwort halb fertig drüben liegen lassen müssen. Morgen fördere ich es
schon weiter!“ Den Müller aber nahm sie beiseite. „Du, Vater, vor dem
Flori mag ich gar nicht davon reden, aber das sind dir ganz närrische
Leute, hätt’ ich ihre Dirn’ als Gespons für den Gottseibeiuns verlangt,
ärger hätten sie es auch nicht aufnehmen können.“
„Ich hab’ es ja gesagt.“
Er hätte wohl auch gerne gewußt, was die andern gesagt haben, aber er
hatte Scheu zu fragen und Furcht gefragt zu werden.
Er kramte unter den Papieren auf seinem Schreibtische, er vertiefte
sich darein und hatte zu rechnen.
Die Müllerin verließ kopfschüttelnd die Stube, sie wollte nach ihrem
Sohne sehen, den Burschen aber hatte dasselbe Gefühl, von dem sie jetzt
befallen wurde, nicht mehr an Ort und Stelle gelitten.
Er merkte wohl, daß ihr das Lachen nicht vom Herzen kam, und daß sie
ihm nicht Rede stehen wollte. Als sie von ihm gegangen war, überkam ihn
eine Unruhe.
„Da ist nicht alles richtig!“
Das sagte er und ging vom Hofe hinweg hinaus in das Freie. Ihn
verlangte, von einer Höhe herabzusehen nach der Mühle, im Hause
meistert einen die Sorge, vielleicht sieht er auch die klein unter
sich liegen, wenn er da oben ein groß’ Stück der lieben, weiten Welt
vor sich hat und sich in ihr fühlt! Vielleicht geht er durch das
Tannenwäldchen und kehrt damit der Mühle und aller Sorge den Rücken,
fände er da drüben ...
Vielleicht!
11.
Reindorfer war, nachdem er die Stube verlassen hatte, nach dem Garten
gegangen. Da saß er in der Laube, in der er vor achtzehn Jahren
gesessen hatte.
„Es ist mir herzleid um die Dirn’,“ sagte er, „und wenn ich die Alte
betrachte und seh’, daß sie hinfälliger ist wie ich, da mag ich mich
wohl über die Zeit hinaus denken, wo ich ihr anders hab’ gut sein
können, als irgend wem auf Gottes Erdboden; sie hat wenig Gutes gehabt
auf der Welt, und da überkommt es manchmal den Menschen, daß er glaubt,
er möcht’ sich einmal am Unerlaubten schadlos halten und es kommt ihm
dann in schwerer Folge heim. Freilich wär’ besser gewesen, ich hätte
das Kind aus dem Hause geben können, aber die Leute hätte das wohl groß
wundergenommen und der rechte Grund war nicht auszusagen. Viel weiter
als das liebe Vieh hat es der Mensch auch nicht gebracht, nur daß er
sich schämen tut, das hat er voraus. So ist sie im Hause verblieben
und jetzt wird doch des Verwunderns kein Ende sein, daß man sie dem
Burschen nicht gibt! Und man kann doch Geschwister nicht zusammengeben,
selbst beim Tier tut das kein gut, der Stamm geht zurück, wie jeder
Züchter weiß, und daher ist wohl dem Menschen die Scheu davor gekommen,
denn was wider den Zweck geht, das schreckt ihn; das hat er aber auch
nur vom Aufmerken und nicht aus sich, denn in allem da rundum ist doch
mehr Vernunft, als wir selber in unser Leben hineintun können.“
Er war aufgestanden und schritt jetzt zwischen den Bäumen dahin.
„Ich wollt’, der Mensch müßt’ sich lieber über seine Schuftereien
schämen als über seine Schwachheiten, so würde er nicht so oft aus
Scham über seine Schwäche zum Schuft. Der sackermentische Müller hätte
doch auch dazutun können, daß es nicht dahinkommt, wo sich alle Fäden
bis zum Zerreißen spannen. Und jetzt sitzen alle, die mitgesponnen
und nicht mitgesponnen haben, im Netz und können sich anfallen wie
Geziefer.“
Er stand eben vor einem Aste, an dem ein Spinnennetz zerflatterte, in
dessen Mitte die Eignerin mit einer eingedrungenen Spinne erbittert
kämpfte.
„Das kneipt und zwackt sich untereinander nach seiner Art.“
Er setzte seinen Weg fort.
„Hätt’ es damit nur auch ein Absehen auf ein Ende, wär’ recht! Besser
als aller Anfang und Verlauf ist immer das Ende, weil es das End’ ist,
man hat die Sache fertig vor sich, weiß doch, was an ihr ist und nimmt
sich Beispiel und Warnung daraus; aber im Unfertigen steckt man selber
mitten darin, merkt, daß man mitläuft, aber nicht woher und wohin. Es
ist nichts anders, als hätte das Unheil die Zeit über gerastet und
nähm’ jetzt einen neuen Anlauf, oder nun verkriecht sich der eine,
die andere hebt großen Jammer an, zwei wissen gar nicht, wie ihnen
geschieht, und ich selbst weiß mich nicht aus, hab’ ich bisher auch
recht getan oder nicht? Ich hab’ doch getan, was ich hab’ tun können
und dürfen, und seh’, bei aller Vorsicht und guten Meinung hab’ ich
nicht mehr gerichtet als die andern, die sich ferngehalten und die
Sache haben wachsen lassen, so breit und so hoch sie werden will. Es
hat wohl so kommen sollen! Was man auch vorkehrt, es hilft nichts, wenn
etwas kommen will! Und so wird auch Gott wissen, wo das hinaus soll,
ich bin noch blind dafür!“
Er kam wieder an dem Aste vorüber, an welchem das Spinnennetz jetzt
leer und verlassen hing.
„Schau, da war keine stark genug, die andere aufzufressen. Beide liegen
wohl da unten im Kraut elendiglich zerbissen. Geschieht euch recht!
Fangt Mücken, wie euer Geschäft ist und haltet Fried’ untereinander.
Daß sich dazu nicht Vieh noch Mensch verstehen mag! Wenn mir der Müller
noch einmal sein Weib herüberschickt, dann lass’ ich ihm doch einen
andern Gruß sagen.“
Da knisterte der Kies. Der Bauer wandte sich nach dem Geräusche um und
Magdalena stand vor ihm. Er zog die Stirne in tiefe Falten.
„Was willst du da?“
„Mit dir will ich reden, Vater.“
„Mag sein. Aber ich hab’ weder Lust aufzuhorchen, noch Antwort zu
geben.“
„O, tu mich nicht wegjagen, steh mir Red’. Ich meine es ja so ehrlich
gegen dich, mußt gegen mich nicht falsch sein! Schau, die Müllerin
glaubt, wenn sie dich überläuft und fragt und beredet, und beredet
und fragt, sie würd’ es doch richten, auch mich hat sie dazu anlernen
wollen, aber ich kenn’ dich besser. Ich hab’ mir ein Herz genommen und
heut, jetzt zur Stund’, will ich mit dir reden, einmal für allemal! Ich
weiß, du hast einen Grund, daß du nein sagst, ich weiß es ganz bestimmt
und ich fürcht’ ihn, denn um ein Geringes tust du nicht so, wegen einer
Kleinigkeit hättest du tausend Vorwänd’ gefunden und weil du keinen
einzigen vorgebracht hast, so ist es nur um so schlimmer. Aber wissen
muß ich, warum du so handelst, denn es hängt mein Lebensglück daran,
und wer mir das verweigern will, der muß doch nach Recht und Billigkeit
mich überzeugen, daß, was ihn zwingt, auch für mich nicht zu ändern
steht! Dich kann ja schrecken, was mich nicht schreckt. Du kannst ja
falsch denken, wo ich wahr weiß! Also sag mir, warum du nein sagst,
sag mir, warum ich den Florian nicht haben soll.“
Der Bauer seufzte tief auf. „Du tust mir erbarmen, aber, so wahr Gott
im Himmel lebt, es steckt keine Eigensinnigkeit dahinter, glaub mir,
den mußt du dir aus dem Sinn schlagen.“
„Warum, nur sag warum?“