Und der Bursche erwiderte: „Das hat es nicht not. Was kann er viel
sagen und was kann er dagegen haben, wenn er sieht, daß wir uns leiden
mögen. Dann muß er mir eben nachfragen und das ist recht; für blind
halte ich ihn nicht, und so wird er einsehen, und auch von den Leuten
wird er es zu hören bekommen, daß wir ganz zusammentaugen, sorgen
kann er auch nicht, daß du es schlecht haben wirst als Müllerin im
Wasser-Graben, weiter kann es für ihn doch kein Bedenken geben. Und so
denke ich, unser Herrgott wird es mit uns nicht schlechter meinen als
mit den andern, die in ehrsamer Verliebnis auf ihn bauen!“
Ein düsterer Schatten lief über die Wiese.
„Wir wollen auf ihn trauen,“ flüsterte das Mädchen und als es wieder
rings freundlich hell war: „Und schau nur, wie er alles gescheit
einrichtet, der liebe Gott, schon als Kind hätt’ ich die Mühl’ im
Wasser-Graben gern gehabt, es ist was Eigenes um so eine liebe,
klappernde Mühl’, jetzt kriege ich sie, weil ich mich aber doch nicht
darauf versteh’, so gibt er mir gleich einen jungen Müller dazu.“
„Freilich,“ lachte Florian, „der muß dabei sein und ohne den kriegst
du sie gar nicht, und hübsch freundlich mußt du mit ihm umgehen, sonst
stellt er die Mühle und du verschuldest eine große Mehlnot im Lande.“
„Und du mußt nicht so einbilderisch daherreden, es gibt noch genug
Mühlen, wegen der Leute wär’ mir nicht bang, die fänden schon andere
Müller, aber wo nähm’ ich einen her?“
„Nun siehst, und darum darfst du nicht trutzig sein.“
„Ich meine nicht, daß ich es werde lassen können, jetzt nehme ich mich
noch zusammen, aber bin ich einmal auf deinem Hof --“
„Ei wohl, darauf fürcht’ ich mich schon, wie eine arme Seel’ aufs
Himmelreich.“
„Sag einmal im Ernst, was kann man deinen Leuten zulieb tun?“
„Wie du doch fragen magst, was willst du einem Lieberes tun, als wenn
du tust, wie es dir gegeben ist, und bleibst, wie du bist? Da sorg’
nicht, man muß dich gern haben.“
„Tun, wie ich will, und bleiben, wie ich bin? Nun, ich meine schon, das
werd’ ich kaum verfehlen und mich nicht besonders anstrengen dabei.
Deine Mutter ist gar so eine ansehnlich schöne Frau, wenn mich die
möcht’ liebgewinnen, das wär’ mir eine rechte Freud’.“
„O meine Mutter, so groß und breit sie ist, die hast du in der Tasche.
So oft die Red’ auf dich kommt, tut sie völlig verliebt, wär’ sie ein
Mannsbild, ich könnt’ rein eifersüchtig werden auf sie. Denk’, sie
erinnert sich noch, wie du einmal als ganz kleines Ding mit mir nach
unserer Mühle gelaufen bist, weißt du es denn selber noch?“
„Ei freilich.“
„Und damals schon hat sie gemeint, wir sähen einander gleich, und
darauf hin schaut sie dich noch bis auf den heutigen Tag an.“
„Geh zu, wie kann sich ein Mannsbild und ein Weibsleut gleichschauen?“
„Nun, ich meine doch selber, das könnte wohl sein!“
„Und gar ich und du, das ist spaßig! Du bist schwarz und ich bin
blond, du bist groß und ich bin mittel, du bist schlank und ich bin
untersetzt, einen Bart wirst auch bald kriegen, und ich hoff’ doch, daß
mir keiner wachsen wird.“
„Aber halt sonst.“
„Ja, sonst freilich! Schau, sonst fürcht’ ich wohl selber, daß uns die
Leute oft verwechseln möchten!“
Beide lachten laut.
Ein Wolkenschatten machte sie wieder ernst.
„Wenn mich deine Mutter nur gut leiden kann,“ sagte das Mädchen, „dann
mag sie glauben, wir sähen einander so gleich, wie ein Ei dem andern;
denn weißt du, man faßt doch mehr Herz wieder zu einem Frauenzimmer.“
„Das versteh’ ich schon, übrigens ist mein Vater auch nicht uneben,
kennt man ihn nur erst, brummig und nachdenklich ist er halt die Zeit
her geworden, aber reden läßt er doch mit sich. Und wirst sehen, es
kommt nur auf ein näheres Bekanntwerden an, so mögen sich alle auf dem
Reindorferhof und von der Mühle im Wasser-Graben untereinander gar
wohl leiden und auf dem Wege, der dazwischen liegt, wird immer eines
auf den Füßen sein, das die andern heimsucht, oder just von ihnen
kommt, und Sonntags finden wir uns alle, so viel wir unser sind, in der
Kirche zusammen, und haben alle Ursach’ Gott zu danken, daß er solche
rechtschaffene Eintracht gestiftet und alles wohl gemacht hat.“
„Das wär’ so viel schön!“
„Es wird so, verlaß dich darauf, und siehst, dann braucht sich auch
keines mehr zu fürchten, es möcht’ in Widerwärtigkeit allein und
verlassen dastehen, da wollen wir immer uns alle für das eine rühren,
und die schwerste Prüfung fällt nimmer so hart, wenn man weiß, es
nehmen andere teil. Ich denk’ nicht anders, als es muß ein Leben
werden, wie wenn uns ein Stück vom Himmelreich auf die Erd’ gefallen
wär’, und dasselbe vergönn’ ich allen miteinander, nur den Erzengel,
der mit dabei ist, den behalt’ ich für mich alleinig.“
„Geh zu, du Schmeichelkatz, meinst du, ich weiß nicht, daß es dir
selber zuwider sein möcht’, wenn ich ein Engel wär’, was könntest du
auch mit einem solchen anfangen? Aber ich hoff’ schon, der liebe Gott
läßt uns früher ein Stückl Himmelreich zukommen, bevor wir ins ganze
hinauf müssen; ich bin mit ein’ ganz klein bißchen zufrieden, nur zum
Verkosten.“
„Ich verlang’ just auch keinen ganzen Laib, aber doch einen
ordentlichen Anschnitt, daß auf jeden ein Bröserl kommt, und so viel
wird er sich schon abbetteln lassen! Ich sag’ dir, Leni, es kann ja gar
nicht anders werden als schön!“
„Ich freu’ mich darauf,“ sagte leise das Mädchen, vor innerer Lust
ballte sie fest die Hände, dann raufte sie die Halme, die sie dabei
erfaßte, aus und ließ sie spielend durch die Finger gleiten.
Eine schwere, düstere Wolke deckte den Mond. Es raschelte auf dem Wege,
der aus dem Tannenwäldchen führte, im Dunkel schritt jemand auf sie zu,
und als das Licht wieder hervorbrach, stand der junge Reindorfer vor
ihnen, und seitab die Josepha.
„So, du bist es,“ sagte Leopold. „Hinter den Tannen, wo wir uns
verhalten haben, hör’ ich schon eine Weile da außen reden und denke,
ich muß mir doch die ansehen, die sich da zusammenfinden. Auf dich aber
hätt’ ich wohl zu allerletzt geraten. Schickst dich etwas früh dazu
an, und ich meine, wenn andere bis in ihr Vierunddreißigstes zuwarten,
wirst du auch dein Zwanzigstes erpassen können. Ich hätte gute Lust und
jagte dich heim, daß dir alle derartigen Gedanken vergingen.“
Florian schnellte von seinem Sitze empor und trat auf ihn zu.
„Nun, was rührst denn du dich, Gelbschnabel? Willst du es vielleicht
verhindern, wenn ich meine Schwester, auf die eine oder die andere Art,
von wo sie nicht hingehört, nach Hause schicke?“
„Ich möchte dir nicht raten, nur die Hand wider sie zu rühren!“
„Weißt, Müllerbub’, es wird besser sein, du bindest nicht mit mir an,
denn fürs erste zerschlüge ich dir die Knochen im Leibe und fürs zweite
möchte ich es deinen Schatz dann auch verspüren lassen, wer eigentlich
Herr ist.“
Statt aller Gegenrede warf Florian seine Jacke ab.
Magdalena eilte auf Josepha zu. „Ich bitt’ dich um Gottes willen, laß
sie doch nicht miteinander raufen!“
„Komm nur,“ sagte Leopold, sich gleichfalls seines Rockes entledigend.
Da trat Josepha heran und legte die Hand auf seine Schulter und sagte:
„Geh, sei nicht so neidisch auf die zwei Leut’, du gewinnst doch nichts
dabei, wenn du ihnen die Freude verdirbst.“
„Er will ja raufen; das siehst ja, daß er raufen will!“
„Lieber mag er doch mit der Leni plaudern, das sag’ ich dir, auch hab’
ich keine Zeit, daß ich abwarte, wer von euch dem andern das erste
Loch in den Kopf schlägt, ich muß nach Hause, willst mich allein gehen
lassen?“
„Aber, Sepherl, glaub’ mir, das geht in einer Geschwindigkeit, wie du
gar nicht denkst, ich verstehe mich darauf, gleich hab’ ich ihn auf der
Erde, so lang er auch ist.“
„Prahlhans!“ schrie Florian.
„Ich bitt’ dich, sei doch still,“ bat Magdalena.
„Ihr dauert mich wirklich recht, wenn ihr euch nichts Gescheiteres
wißt, als Mann gegen Mann da auf dem Rasen herumzukugeln!“ lachte
Josepha. „Komm, Leopold, lassen wir die zwei allein, die sind noch
heurig und kennen noch nichts Besseres, als im Mondschein sitzen und
sich schöne Reden geben. Gönnen wir es ihnen! Komm!“
„Aber, wenn ich jetzt ginge, das schaute völlig aus, als ob ich mich
fürchten tät’.“
„Was du denkst! Ich und die Leni haben schon gemerkt, daß ihr euch
einer vor dem andern nicht fürchtet, auch habt ihr euch schon in
Hemdärmeln sehen lassen und wir möchten nicht, daß ihr die Courage noch
weiter treibt. Ich denk’, es ist recht, ihr zieht beide eure Jacken
wieder an.“
Die beiden Mädchen nahmen die genannten Kleidungsstücke vom Boden auf
und halfen den Burschen in die Ärmel.
Leopold hatte den linken Arm in der Jacke und suchte mit der freien
Rechten noch ungewiß herum. „Aus ist es deswegen noch nicht, wenn es
auch für heute gar ist!“ sagte er und fuhr mit geballter Faust in den
rechten Ärmel, dessen Futter dabei fürchterlich litt.
Florian war eben mit beiden Armen in das Gewandstück eingegangen und
rückte sich dasselbe zurecht. „Ich meine auch,“ sagte er, „geborgt ist
nicht geschenkt.“ Und machte dazu eine Bewegung, als ob er auf seinen
Widerpart zuflattern wollte.
„So seid doch gescheit,“ sagte Josepha, „und haltet Friede!
Verschwägert werden wir ja doch alle zusammen, ob nun der Alte da unten
auf dem Hofe will oder nicht. Gute Nacht, Müller Flori.“ Sie faßte ihn
freundlich an der Hand.
Leopold drängte sich dazwischen. „Da laß das Händedrücken sein,
Müllerbub’, und halte dich an die Schwester.“
„Tu nur nicht eifersüchtig in der Verwandtschaft,“ lachte Josepha.
„Gute Nacht, Leni.“
„Gute Nacht! -- Du Leopold, dich hätte ich etwas zu bitten. Es gilt
nichts Unrechtes, aber weißt, ich möchte keinen Verdruß und brächte es
ungern früher zur Sprache, bevor es richtig werden soll und man mich
nur ja oder nein fragen kann, und das soll gar bald sein; nur heut tu
mich daheim nicht verraten!“
„Brauchst gar nicht zu bitten, könntest ja auch sagen, du hast mich
mit der Sepherl betroffen; obwohl ich mich derohalben nicht fürchten
möcht’, so ist mir doch das unnötige Worteln und Zanken zuwider. Kennst
mich überhaupt schlecht, wenn ich gleich zehnmal um deine Liebschaft
wüßt’ und was ich auch davon halte, ob ich meine, es wär’ gut oder
übel, sagen tät’ ich doch nichts davon; der Alte tut ja, als ob er
auf’m Erdboden das Gras und auf der Leut’ Köpfe die Haare wachsen
hörte, so mag er warten, bis er auch das von sich selber erfährt. Gute
Nacht miteinander!“
„Gute Nacht!“
Leopold und Josepha gingen die Wiese hinab, nach der Straße zu.
Florian rückte verdrossen den Hut zur Seite und kraute sich in den
Haaren. „Warum hast du dich auch hinter die leichtfertige Dirn’ stecken
müssen? Die meint nun, daß wir ihr Wunder was für Dank schuldig wären,
weil sie deinen Bruder vom Raufen abgehalten hat. Hättest du uns raufen
lassen! Es wäre mir jetzt viel leichter. Das Innerste kehrt sich in
mir herum, wenn solche, wie die zwei, das Maul breit ziehen und einem
merken lassen, sie halten alle Welt für gleich unbedacht, spielerisch
und unehrbar, wie sie selber sind. Für mein Leben gern hätte ich ihn
niedergeschlagen und sie dazu, die beiden haben uns heute ja doch alle
Freude verdorben und zernichtet!“
„Sie ist gar so frech.“
„Und dein Bruder kriegt von ihr ab, darauf verlaß dich. Aber bin nur
ich erst in der Verwandtschaft, dann halte ich zu deinem Vater, die
darf mir nicht hinein, dein Bruder wird doch nicht gar so dumm sein,
wenn ihm alles abredet! Und morgen schon vertrau’ ich mich der Mutter
an, die muß anfragen bei deinen Leuten, damit wir wissen, woran wir
sind, und sagen sie etwa, wir beide wären noch zu jung, das tut nichts,
wenn ich dich nur kriege! Hat der Jakob, wovon in der Bibel steht,
sieben Jahr’ Wartzeit auf sich genommen, damit er die Rechte bekommt,
so werd’ ich doch auch eine Zeit ausdauern können, zweimal sieben Jahr’
kann es einen heuttags nimmer treffen, weil sie keinem zwei Weiber
antrauen können, das ist nur zu Erzväterzeiten gegangen, und ich mag es
ihnen nicht neiden; so recht, nach Herz und Seel’ eins werden, können
doch gewiß nur zwei alleinige Leut’!“
„Nicht wahr? Ich hab’ just so denken müssen, wie du vom Jakob zu reden
anhebst. Ich möcht’ wohl wissen, was ihrer zwei Weiber in einem Haus
vorstellen sollen? Ist da heut eine die erste und muß morgen wieder
gegen die gestrige zweite zurückstehen, oder hat jede abwechselnd die
Woche? O, du lieber Himmel, ich muß lachen, wenn ich denk’, was das für
ein Durcheinander wär’, wo keines wüßt’, wer eigentlich zu schaffen
hat, darüber müßt’ ja auch jede Wirtschaft zugrund’ gehen!“
„Freilich, darum sorg’ nicht, ich nehme mir keine zweite.“
„Ich wollte dir’s auch nicht raten! Weißt, bei meinen Lebzeiten nicht,“
setzte sie plötzlich sehr ernsthaft hinzu. „Sollt’ ich versterben,
wirst du dir schon eine andere suchen müssen. Wer weiß, was bis dahin
geschieht, dann such dir halt eine recht brave ins Haus, weißt, eine,
wo du dir denken kannst, daß sie mir vom Himmel herunter gut gefallen
könnt’!“
Florian lachte laut auf.
Das Mädchen schnitt ihm ein beleidigtes Gesicht und kehrte ihm den
Rücken zu.
„Du närrische Mirl, hörst,“ sagte er und zupfte sie an den
Schürzenbändern, „wirst du dich gleich umdrehen? Ich löse dir die
Fürtuchbänder auf!“
„Untersteh dich,“ sie wandte sich gegen ihn. „Keck genug bist du dazu.
Wie kannst du einem denn bei einer so heilig ernsthaften Red’ ins
Gesicht lachen?“
„Weil es doch nur eine heilig ernsthafte Dummheit ist,“ sagte er
zornig, „so daherreden, daß man meint, der Mond macht dich irr’!
Verhüt’s Gott, daß mir einmal so geschäh’, aber dann such’ ich nach
keiner zweiten, man kann ja doch keine anstückeln, wo die erste
aufgehört hat.“
„So hat schon mancher zu seiner ersten gesagt --“
„Und doch wieder geheiratet, freilich, und hat es vielleicht sogar
besser getroffen, wie das erstemal, denn die zweite will schon
nimmer recht behalten, wenn sie von ihrem Versterben redet, weil sie
doch meint, sie hat mehr Aussicht, daß sie überbleibt. Sollst recht
behalten!“
„Ich hab’ recht, ob du es einsehen willst oder nicht.“
„Aber ich seh’ es ja auch ein. Du hast recht!
Mein Schatz b’halt gern recht,
Und zum Streit bin ich z’faul,
Und da häng’ ich mir lieber
Ein Schlösserl vors Maul!“
„Schön, jetzt sing noch gar ein Trutzliedel auf mich! Ich geh’ jetzt!“
„Mußt nicht bös’ sein, aber da muß einem ja der helleidige Übermut
einschießen, wenn man dich so frischlebig da stehen sieht und vom
Versterben reden hört, nur damit man wissen soll, daß ihr Weiberleut’
selbst noch übers Grab hinaus euch um ein Hauswesen annehmen tätet! Das
sag’ ich dir aber nun gleich, bevor ich geheiratet habe, denke ich gar
nicht daran, Witwer zu werden! Gelt, da lachst du selber? Gewinnen will
ich dich, vom Verlieren will ich gar nichts hören, mit dem Tod tät’ ich
um dich raufen, aber ich hoff’ schon, unser Herrgott hat ein Einsehen
und läßt uns beieinander, so lang es angehen mag. Heut aber möcht’ es
schier nicht länger angehen und wir müssen allzwei nach Haus denken und
uns gute Nacht sagen. Wenn du morgen, oder nächster Tage meine Mutter
bei euch auf dem Reindorferhofe siehst, so weißt du, was es zu bedeuten
hat.“
Sie drückten sich die Hände.
„Gute Nacht, Leni!“
„Gute Nacht, Flori!“
Der tiefdunkle Schatten einer schweren Wolke, die unter dem Monde
langsam dahinstrich, entzog das davoneilende Mädchen seinen Blicken,
nach einer geraumen Weile ging unten das Tor auf und schlug wieder
zu. Er schritt im Düster durch den Tannenwald, erst am jenseitigen
Waldessaume wurde es wieder licht.
Mit Schritten rasch und kräftig, wie sein Herzschlag, ging er den Steig
dahin, der hinab nach der Mühle führte.
Bald sollte ja alles werden!
Beschränkten nicht die Gedanken und Vorstellungen der Schläfer die
Träume, wüßten diese mehr als jene, kämen und gingen sie, wie sie oft
in ihren Täuschungen uns vorgaukeln, als wären sie leibhafte Wesen,
in dieser Nacht mit den ziehenden Wolkenschatten hätten sich zwei
freundliche Traumbilder auf dem Wege zwischen der Mühle und dem Gehöfte
getroffen und sie hätten sich wehmütig lächelnd sagen können, daß sie
gehen, ein Glück vorausnehmen, das die Wirklichkeit nie und nimmer
gewähren konnte und durfte!
9.
In der Küche war die Müllerin geschäftig. Florian schlich herzu, er
hatte seine unangebrannte Pfeife in der Hand und suchte an seiner
etwas umfangreichen Mutter vorüber nach dem Herde zu gelangen, das
Ungeschick, mit dem er sie immer anrannte, so oft sie ihm auszuweichen
gedachte, machte sie ungeduldig.
„Was hast du denn eigentlich da in der Küche zu suchen, du
Häferlgucker!“ sagte sie.
„Einen Span fänd ich gerne, damit ich mir die Pfeife anbrennen könnt’;
weil da Feuer genug ist, denk’ ich, es wäre schade um ein Streichholz.“
„Seit wann bist du denn so sparsam?“
„Nun, ich mache so kleinweis einen Anfang, damit ich mich leichter
eingewöhne, wenn ich es einmal brauche.“
„Wie du altklug tust! Ein lediger Bursche, wie du, wird auch viel
Sparsamkeit brauchen!“
Unterdem hatte er einen Span gefunden. „Ich denk’, ich bleibe nicht
immer neunzehn und auch nicht ledig,“ sagte er, kauerte sich an dem
Herde nieder und schob das Hölzchen in die Feuerung.
„Schau mal einer!“
„Und ich meine, das Heiraten mag auch keine schlechte Sache sein.“
Jetzt brannte der Span lichterloh.
„Was du nicht alles denkst und meinst,“ sagte die Müllerin, und um
ihre Mundwinkel zuckte es leise, als sie auf den Burschen herabsah,
dessen hochgerötetes Gesicht bei jedem Aufflackern des Hölzchens, das
er über den Tabak hielt, sich verlegener ausnahm.
Er mußte etwas davon merken, hastig warf er den prasselnden Span weg,
drückte laut klappend den Pfeifendeckel zu und erhob sich. Auf einige
glimmende Kohlensplitterchen setzte er bedachtsam den Fuß, dann sagte
er möglichst unbefangen: „Ich werd’ immer so rot wie ein Hahnenkamm,
wenn ich mich niederbücken tu’, und dazu noch die Hitze, die vom Herd
weggeht, da steigt einem alles Blut in den Kopf.“
„Ja, ja, du bedauerst mich recht,“ sagte die Müllerin, „ich an deiner
Stelle möcht’ gar nicht rauchen, wenn mich das Anfeuern schon so
angreifen tät.“
„Ausschauen muß ich, wie ein gesottener Krebs,“ sagte er und versuchte
zu lachen, es war wohl nur die Pfeife, die er dabei zwischen den Zähnen
hielt, welche es nicht dazu kommen ließ.
Die Müllerin trat an ihren Sohn heran und sah ihm in die Augen. „Geh,
mein dummes Büberl, jetzt sperr dich nicht lang und beichte weiter.
Hast ja doch schon so viel geredet, daß dir selber leid wär’, wenn
ich nicht danach fragen möcht’! Nach all deinen Reden gefällt dir ein
Dirndl, so sag lieber gleich heraus, wer es ist.“
„Rat einmal.“
„Dazu hab’ ich keine Zeit, da könnt’ eines lange herumraten, denn
für ein Frauenzimmer ist es immer schwer, man weiß selten, was die
Mannsleut’ an einer finden.“
„Du kennst sie.“
„Wenn sie aus dem Ort ist, werd’ ich sie wohl kennen, denn da kenn’ ich
alle!“
„Sie war sogar schon auf Besuch bei uns.“
„Bei uns, auf Besuch? Nun, da wüßte ich doch keine.“
„Aber da war sie nicht größer als so!“ Er bückte sich dabei und hielt
die Hand nicht viel höher, als seine Kniee vom Erdboden waren.
„Doch nicht gar die Lenerl vom Reindorfer?“
„Und gerad die!“
„Nun ja, die kann einem freilich lieb sein! Aber sag, hast du schon mit
ihr geredet?“
„O wohl.“
„Mag sie dich leiden?“
„Ich meine schon.“
„Bist du aber ein heimlicher Ding, man hat dir doch gar nichts
angemerkt.“
„Es ist auch erst seit drei Tagen.“
„Das ist ein wenig schnell hergegangen.“
„Es kann ja vorkommen. Zwei meinen es ehrlich und besinnen sich lang,
so hast du mir selber gesagt, daß es zwischen dir und dem Vater gewesen
wär’, er war Soldat und du im Dienst, und ob ihm der Großvater die
Mühl’ auch geben wird, hat keines gewußt, aber ich denk’, zwischen mir
und der Leni braucht es kein Zuwarten des lieben Brotes willen, und da
gilt bei grundehrlicher Absicht auf die einmalige Anfrag’ die einmalige
Antwort, und ich fürchte mich gar nicht darauf, daß du sagen könntest,
ich möchte da nicht zugreifen mit beiden Händen.“
„Behüt, daß ich dich von dem Dirndl abreden möcht’! Ich möcht’ ja so
keine andere ins Haus, die hab’ ich immer im Aug’ gehabt, nur weil es
einem selten nach Herzenswunsch ausgeht, so hab’ ich nicht gedacht, es
würd’ auch so kommen, und nun bin ich recht froh. Ich will dir auch
gleich nach dem Reindorferhof hinüber, heut noch, voreh’, versteht
sich, rede ich mit deinem Vater. Aber er wird so wenig etwas dagegen
haben wie ich. Ich meine schon, wir stehen auch den Reindorferischen
an, so meine ich schon, freilich, wie es dann wird und wann es sein
kann, davon läßt sich noch nichts reden.“
„Vergelt dir Gott dein gutes Herz, Mutter; warten will ich schon,
solang etwa sein muß, dafür krieg’ ich, wofür sich wohl Warten
auszahlt.“
„Gelt ja? Aber nun erzähl mir nur auch, wie ihr euch denn
zusammengefunden habt und ob sie dich auch recht gut leiden kann!
Meiner Treu’, das macht mir eine rechte Freude! Nun, fang an, aber
ehrlich, sonst mach’ ich dir keinen Schritt.“
Und er fing an. Er wurde nicht müde zu erzählen und die Mutter nicht,
zuzuhören.
Er hatte sich auf eine Ecke des Herdes gesetzt und die Müllerin
stand mitten vor demselben, stützte sich auf den Stiel eines großen
Abschöpflöffels und blickte mit leuchtenden Augen auf ihren Jungen. Du
magst schon einem Mädchen gefallen können -- dachte sie dabei -- und es
schickt sich recht gut, daß die es ist, das gibt ein paar schöne Leute,
welche auch zusammen taugen ...
Die gänzliche Außerachtlassung und Vernachlässigung war aber einem der
Töpfe unerträglich geworden, schon lange hatte er vor sich hingesummt,
dann sogar ein paarmal mit der Stürze geklappert, da aber alles nichts
half, so wallte er jetzt über, -- und im Gezische des ausgelaufenen
Inhaltes, dem Aufschrei der bestürzten Hauswirtin und dem Auflachen des
Burschen zerriß unanknüpfbar der Faden des Gespräches.
* * * * *
Sie waren mit der Mahlzeit zu Ende. Das Gesinde war vom Tische
aufgestanden und verließ die Stube. Da schob auch Florian den Teller
von sich und rückte den Stuhl.
„Leidet es dich nimmer?“ fragte der Müller. „Hast du es heute so eilig?“
„Ich will nur meine Pfeife draußen am Zaun rauchen, nämlich, weil ein
Schulkamerad vorüberkommen soll, den sie vorig’ Jahr zu den Soldaten
genommen haben und der jetzt ein paar Tage auf Urlaub ist.“
Die Müllerin schüttelte den Kopf und dachte: Nun Gott verzeih ihm! Der
Bub’ kann ja so keck in einem Atem weg lügen, wie ich ihm gar nicht
zugetraut hätte. Woher er nur das hat?
Er aber zog sachte die Tür hinter sich ins Schloß, Müller und Müllerin
waren allein.
Sie legte ihre Hand mit einem leisen Druck auf die Linke ihres
Mannes. „Du, Alter,“ sagte sie, „nimm es ihm nicht übel, aber das vom
Schulkameraden war doch nur geflunkert. Und er hat sich davongemacht,
weil er gemerkt hat, ich will es zur Rede bringen, daß ihm auch weniger
um einen Kameraden, als um eine Kameradin zu tun ist.“
Der Müller, der immer, während man mit ihm sprach, den Kopf gesenkt
hielt, blickte jetzt leicht schmunzelnd auf.
„Im Ernst, Vater, unser Bub’ ist verliebt.“
„Nun, so drück halt ein Auge zu oder alle zwei. Soll er es mitmachen,
solang es ihn freut.“
Die Müllerin hatte das Erröten noch nicht verlernt, sie strich mit der
flachen Hand die Brosamen von dem Tischtuche und sagte leise: „Ich
werde zu dir doch nicht von Sachen reden, an die kein ehrsames Weib
rührt?! Es hat ein rechtschaffen Absehen.“
„Ja so.“ Er drückte ihr begütigend die Hand. „Dann mußt du mir freilich
davon sagen. Nur möcht’ ich meinen, das käm’ doch etwas zu früh für den
Jungen.“
„Davon ist keine Rede, daß sie gleich zusammengegeben werden sollen,
und auf das Zuwarten versteht er sich recht gerne, nur das soll in
aller Gehörigkeit ausgemacht werden, daß sie einander zugehören sollen
und vor der Welt als Versprochene dastehen.“
„Das ginge wohl an, und ich könnte es ganz zufrieden sein, wenn der
Dirn’ ihre Eltern mit uns auf gleich stehen[11] und dasselbe, denk’
ich, wird wohl der Fall sein, weil du deine Fürsprache so sicher
vorbringen magst. So sag mir nur auch, was sich der Junge ausgesucht
hat.“
„O, für die möcht’ ich reden, und kriegte sie keinen Kreuzer mit, ich
wüßt’ mir keine säubere, liebere und rechte!“
„Als wen?“
„Als die Reindorfer Leni.“
Da senkte der Müller jählings den Kopf noch tiefer und zuckte zusammen;
die Gabel, die er spielend ergriffen hatte, fuhr in die Tischplatte,
daß sich die Zinken bogen.
„Jesus, was hast du denn?“ Die Müllerin griff nach seiner Hand.
„Nichts,“ sagte er schwer aufatmend. „Es hat mich nur so überkommen.“
„Geh, wie du einen erschrecken magst, so krampfig’ Wesen hast du doch
sonst nie an dir merken lassen.“
„Es hat ja auch nichts weiter auf sich.“
„So hoff’ ich. Nun aber sag mir, Alter, was du dazu meinst? Wenn dir
die Sache ansteht, so machte ich gerne dem Flori die Freude, ließe
gleich einspannen und führe zu den Reindorferischen hinüber.“
„So gar große Eile wird es doch nicht haben? Laß nur auch dem Jungen
ein wenig Zeit, sich zu besinnen, wer weiß, bleibt er auf dem Gedanken?
In +den+ Jahren findet man leicht Gefallen an einer, aber es hält oft
nicht lange an.“
„Glaub’ schon, daß er nicht aus der Art schlagen möcht’, die ihr
Mannleute an euch habt, wär’ nur da herum etwas Besseres zu finden,
aber wenn einer die Taube in der Hand hat, wird er auf kein Dach mehr
nach Spatzen sehen! Auch im übrigen, meine ich, tät’ sich alles ganz
wohl schicken, und du selber könntest schwerlich etwas Passenderes
ausfinden.“
„Das geb’ ich zu. Gleichwohl wär’ besser, es dem Jungen auszureden. Geh
nicht!“
„Warum?“
„Geh nicht, es ist umsonst.“
„Was hast du für Grund, das zu glauben?“
„Es ist zwischen mir und den Reindorferischen nicht alles wie es sein
soll.“
„Und darunter sollten die Kinder leiden? Verlaß dich darauf, komme ich
mit ihnen zu reden, ich setze ihnen schon den Kopf zurecht.“
Der Müller senkte wieder den Kopf tiefer als sonst, und mit einem
leisen Seufzer sagte er: „Tu wie du willst.“ Dann aber rasch sich von
seinem Sitze erhebend, setzte er gleichmütig hinzu: „Versuch es!“ Er
dachte bei sich: Was ist da weiter? Was hab’ ich mich da zu sorgen?
Mögen es die andern zum Austrag bringen! Sie werden nein sagen und sie
müssen nein sagen, und mehr kann nicht zur Sprache kommen!
Die Müllerin war aus der Stube bis an die Küchentür geeilt, sie ersah
ihren Sohn, der rauchend an dem Zaune lehnte und rief ihm zu: „Flori,
es ist schon richtig, ich fahre dir gleich hinüber.“
„Da spann’ ich auch gleich selber ein, Mutter,“ sagte freudig der
Bursche und lief nach dem Stalle. Die Müllerin ging eilfertig wieder
nach der Stube zurück, um sich in ihren Sonntagsstaat zu kleiden.
Auch der Müller war aus der Stube getreten und sah zu, wie Florian
und ein Knecht den Wagen aus dem Schupfen zogen und die Pferde davor
anschirrten.
Der Mann blickte gar ernst.
Als der Mensch all jene Übermächte, nach denen ihn in seinen Träumen
verlangte, und alle Vollkommenheiten, die er zu erreichen verzagte,
Gott als Eigenschaften beilegte und denselben, wiewohl in kolossalen
Proportionen, nach seinem Ebenbilde formte, da leuchtete ihm gleich
ein, welch ein furchtbares Geschenk selbst für einen Gott die
Allwissenheit an sich allein wäre, und er setzte ihr wohlbedächtig die
Allmacht voran, und nun weiß die Gottheit in allem nur ihren Willen.
Für den Sterblichen aber, im Gefühle seiner Ohnmacht, ist schon die
Gabe der Weissagung kein freundliches Geschenk und alle Seher waren
düster und blieben freudelos.
Es gibt nur eine Art der Weissagung, und diese erfüllt die Menschen
mit Scheu vor den Sehern und mit Vorliebe für die Gaukler, denn
es ist nicht die Kunst, aus dem Fluge der Vögel, den Eingeweiden
der Opfertiere, den Kartenblättern oder dem Kaffeesatze -- es ist
die Kunst, aus den eigenen und den fremden Sünden das Kommende
vorherzusagen, welche sich bis heutigen Tag an Staaten, Völkern und
Fürsten erprobt und deren furchtbare Folgerichtigkeit in Stunden
stiller Einkehr bei sich selbst auch den einzelnen durchschauert.
Ein unangenehmes Gefühl beschlich den Müller, als er die Seinen sich
ahnungslos umsonst mühen sah, während ihm klar lag, daß alle diese
mit freudiger Hast betriebenen Vorbereitungen, alle daran geknüpften
Hoffnungen und Erwartungen vergebens seien.
Er senkte den Kopf, obgleich niemand da war, der mit ihm sprach,
vielleicht horchte er auf sich selber.
Da legte sich eine Hand auf seine Schulter, er blickte auf, die
Müllerin stand mit hellfreudigen Augen vor ihm und sagte: „Behüt dich
Gott, Vater, ich geh’ jetzt und ich werd’ schon die rechte Antwort mit
heimbringen, da sorg’ ich nicht!“
„Behüt dich Gott.“
Florian wollte ihr beim Einsteigen in den Wagen behilflich sein, aber
in eiliger Zutulichkeit vereitelte er nur alle ihre Bemühungen, auf den
Sitz zu gelangen.
„Du Ungeschickt,“ rief sie fröhlich lachend und stieß ihn weg. „Wie du
mit unsereinem umgehst! Nun, wirst es schon lernen.“
Der Knecht trieb die Pferde an und der Wagen rollte davon. Lange sah
Florian demselben nach, dann schloß er das Einfahrgatter und lehnte
sich an dasselbe.
Der Müller trat herzu. „Bist doch ein Hallodri,“ sagte er, „siehst
aus, als könntest du nicht bis fünfe zählen, und weißt dich doch
aus bis hundert. Eine Wette hätte ich gehalten, daß dir noch kein
Mädel im Sinne läge, und schön hätte ich dabei verspielt. Nun, ich
hab’ dir deinen Willen getan und die Mutter zu den Reindorferischen
hinüberfahren lassen.“
„Ich sag’ dir tausend Dank dafür, Vater.“
„Hast mir nicht zu danken, ich könnte nicht sagen, du hättest
fehlgegriffen, und soweit wäre alles in Ordnung. Aber ich muß dir
aufrichtig sagen, ich glaube nicht, daß sie dir die Dirn’ geben werden,
wir waren nie recht Freund zusammen, ich und der Reindorfer, darfst
schon gefaßt sein auf einen abschlägigen Bescheid.“
„Ich wüßte wohl nicht, wie ich den aufnehmen möcht’. Bei vernünftigem,
ehrlichem Vornehmen ist doch keiner auf leidigen Widersinn gefaßt.“
„Ah, sei gescheit und mache dir nichts daraus. Wer weiß, wozu es gut
ist. Bindet sich einer so früh, wie du, gar leicht reuen ihn später
seine jungen Jahre. Du wirst dir schon wieder eine andere ausfinden,
es gibt ja noch genug Mädeln auf der Welt, lerne sie erst aus und dann
wähl eine; wer sich darauf versteht, trifft es besser, und es ist doch
eine Wahl, die einem nicht wehe tut. Meinst nicht?“
„Ich meine nicht. Wenn du es so gehalten hast, Vater, so ist’s ja doch
auch nur verlorne Zeit gewesen. Es wird kein so großer Unterschied sein
zwischen den Rechtschaffenen, und nach den andern verlangt mich nicht.“
Der Bursche hatte bisher bei Rede und Antwort vor sich niedergesehen,
jetzt blickte er auf und bemerkte, daß sein Vater sich schweigend von
ihm entfernt hatte, er holte ihn ein, hielt ihn am Arme zurück und
sagte: „Vater, du hast vorhin geredet, als wäre ausgemacht, daß ich die
Leni nicht haben soll. Ist das nur so dein Dafürhalten, oder weißt du
etwas?“
„Was kann ich wissen? Nur weil du gar so sicher tust, als könnten sie
die Verschwiegerung mit uns gar nicht abweisen, so hab’ ich vorbauen
wollen, daß es dich nicht wie vor den Kopf trifft, wenn es doch
geschieht.“
„Was hilft es auch, daß man das früher beredet? Ich kann mir ja doch
nicht vornehmen, wie ich mich dann gebärden will, wenn mir all mein
Glück in den Brunnen fällt! Ich denk’, dem lass’ ich Zeit, bis die
Mutter heimkommt; bringt sie mir solche Botschaft mit, dann gibt sich
wohl von selber, wie ich mich dabei verhalten werde.“
Der Müller setzte kopfschüttelnd seinen Weg nach dem Garten fort.
Er ging zwischen den Beeten dahin. Es war schwül geworden. Der Kies
knirschte nicht, er stäubte leise unter den Tritten. Kein Blatt rührte
sich, höchstens eines, hinter dem sich ein Käfer oder ein Wurm verbarg.
Die Blumen hielten den Duft an sich. Ringsum tat es so stille und
verschwiegen; dem Müller aber war, als merke er, das geschähe nicht aus
Unschuld, die nichts zu sagen weiß, sondern aus lüsterner Erfahrenheit,
die gerne für sich behält, was ihr bewußt, und es schien ihm, als läge
ein unlauteres Geheimnis in allem und hinter dieser Welt.
„Er wird es verwinden,“ sagte er. „Der Bub’ wird doch etwas von meiner
Art an sich haben? Er wird doch nicht seiner Mutter nachgeraten, die,
wenn sie einmal zu einem hielt, sich mit Füßen hat treten lassen!
Ich habe nicht schön gehandelt an ihr, und doch, wenn ich freud- und
freundlos war, ist sie immer wieder gekommen, die getreue Seel’!
Aber dem Jungen mag ich ihr Herz nicht wünschen, es wär’ gar nicht
abzusehen, was daraus werden soll!“
Ihn fröstelte -- es war aber noch immer so schwül wie zuvor.
10.
Der Wagen der Müllerin war in den Hofraum bei Reindorfer eingefahren
und die behäbige Frau stieg eben bedächtig ab.
Der alte Reindorfer und Magdalena traten aus der Scheuer.
„Die Müllerin vom Wasser-Graben!“ sagte er. „Was mag die wohl
herführen?“
Das Mädchen war rot geworden, sie rieb sich mit der Schürze die
Handfläche der Linken und lächelte in sich hinein.
„Lauf zur Mutter und sag ihr, wer kommt, daß sie eine Jause[12] mag
richten lassen.“
„Grüß Gott,“ sagte die Müllerin. „Heiß macht es heute!“
„Ja, es macht heiß,“ sagte der Bauer und trat wieder in die Scheuer
zurück.
Die Müllerin folgte dem voraneilenden Mädchen.
Magdalena ließ die Türe hinter sich halb offen stehen und flüsterte
eilfertig der Mutter zu: „Die Müllerin vom Wasser-Graben kommt, der
Vater meint, du solltest eine Jause richten.“
„Nun, so richte eine,“ sagte die Bäuerin, erhob sich und ging nach der
Tür.
„Grüß Gott,“ rief die Müllerin in der Küche.
„Grüß Gott,“ erwiderte die Reindorferin. „Nur herein da!“
Die Müllerin trat ein, nachdem sie zuvor an dem Türpfosten anklopfte,
da die Bäuerin die Tür vollends an sich gezogen hatte. „Guten Tag,
herein! Heiß ist es heute.“
„Schon wie, man meint völlig, man müßt’ verschmachten. Nun, mach doch
Feuer an,“ sagte sie zu Magdalena.
Das Mädchen schlüpfte zur Türe hinaus und strich an der Müllerin
vorbei, diese zupfte sie an der Rockfalte und lächelte gar bedeutsam.
Magdalena trat nun an den Herd und machte sich da zu schaffen, und das
nahm sie so in Anspruch, daß ihr gar keine Zeit blieb, die Stubentür,
welche nur angelehnt war, in das Schloß zu drücken.
Drinnen sagte die alte Reindorferin: „So, nun tu dich nur auch setzen,
Müllerin.“
Diese strich erst ihre Röcke glatt, dann ließ sie sich auf einen Stuhl
nieder. „Damit ich euch nicht den Schlaf austrage,“[13] sagte sie.
„Mich wundert dein Kommen. Weil doch unsere Männer sich voneinander
fernhalten, so sind wir gar nie zu einer Ansprache gekommen. Es muß
doch recht was Besonderes sein, was dich herführt.“
„Das wird sich wohl weisen, denn ich kann dir doch nicht vorenthalten,
was mich zu dir her den Weg hat tun lassen. Es wird schon herauskommen.
Nur immer hübsch eines nach dem andern.“ Sie trocknete sich den Schweiß
von der Stirne. „Heiß ist es heute.“
„Rechtschaffen, daß man verschmachten könnt’.“
„Es wird aber wohl ein gesegnetes Jahr geben.“
„Zu wünschen wär’ es schon, die Zeiten sind arg.“
„Ja, ja, freilich sind die arg, man verspürt das gleich, und wenn eines
die Wirtschaft noch so genau führt; besser ist es wohl früher gewesen,
derowegen ist es jetzt just auch noch nicht schlecht, man mag sich noch
immer ehrlich durchbringen und dabei etwas auf die Seite legen. Ist es
nicht auch bei euch so?“
„Gott sei Dank, ich könnt’ nicht klagen, daß es schlimmer wäre!“
„Wir haben gut verkauft.“
„Wir nicht anders!“
„Und auch nicht schlecht eingehandelt.“
„Ich meine, wir seien just auch nicht übervorteilt.“
„Wir haben zwei Pferde eingeschafft, die sind ihr Geld wert. Und
Leinenzeug -- ich sag’ dir, Reindorferin, ich möcht’ es nicht selbst
gesponnen haben, für die paar Gulden! Aber was schwätz’ ich? Kommt
das zustande, wegen was ich da bin, so schickt sich ohnehin die
Gelegenheit, daß man darüber redet und später werden wir noch oft und
gern uns all das einzeln aufzählen und weisen, was wir erwirtschaften.
Ich will vorderhand nur gesagt haben, außer dem Vorsprung, den der
liebe Herrgott selber dem einen Teil durch die Mühl’ verliehen hat,
stünden wir, was das Hereinbringen und Zusammenhalten anlangt, völlig
gleich und taugten zusammen.“
„Hast recht, Müllerin, in der Wirtschaft steh’ ich auch keiner nach.
Aber was meinst du mit dem Zusammentaugen?“
„Ich meine, jede Dummheit muß einmal ihr Ende finden, und schon gar,
wo sich die Gelegenheit schickt, daß mit ihrem Aufhören ein gut’ Werk
seinen Anfang nimmt! Es ist doch nur eine Dummheit, daß sich unsere
Männer nicht vertragen mögen.“
Die Bäuerin blickte ängstlich auf, dann senkte sie wieder die Augen und
sagte leise: „Ich weiß nicht.“
„Aber ich weiß es,“ sprach um so lauter die Müllerin, „und so wahr
ich hier sitze, ich will meinem Alten all die Feindseligkeiten schon
austreiben, und das, liebe Reindorferin, mußt du dir auch bei deinem
Bauer angelegen sein lassen, denn so, wie es bisher gewesen, darf es
nicht verbleiben! Daß ich dir auch sage, warum: für gewöhnlich sollen
die Alten den Jungen ein gut’ Beispiel geben, aber manchmal kann doch
vorkommen, daß die Jungen den Alten damit vorangehen, und wenn sich
unsere Alten nicht leiden mögen, so haben sich dafür unsere Jungen gar
lieb.“
„Wer?“ schrie die Bäuerin auf.
„Nun, nun, wie magst du nur so ungebärdig fragen, ich red’ doch
deutlich, wen kann ich anders meinen als euere Magdalen’ und unsern
Florian? Die beiden wären eins und derowegen bin ich da, daß ich ihnen
das Wort rede und wir uns über eine Zeit einigen, danach man sie fein
christlich zusammengibt.“
Die Reindorferin war kreidebleich geworden. „Jesus, Maria!“ sagte sie
und preßte beide Hände über dem Scheitel zusammen.
„Du meine Güte,“ rief die Müllerin, sich rasch vom Stuhle erhebend,
„Reindorferin, was hast du?“ Und zu Magdalena, welche unter die Tür
getreten war, sagte sie: „Hol doch deinen Vater!“
Das Mädchen lief fort.
Die Reindorferin sah zur Müllerin auf, welche vor ihr stand und faßte
sie an beiden Armen über den Ellbogen an. „Und dein Mann, der Müller,
hat es zugelassen, daß du wegen dem herkommst?“
„Wie du fragst! Ohne sein Vorwissen wär’ doch alles unnütz!“
Die Bäuerin strich sich ein über das andere Mal über die wirren Haare,
die ihr um die Schläfe hingen. „Er läßt es zu,“ flüsterte sie, „er
selber -- der ... Hätt’ er mich doch allzeit allein gelassen, wie
jetzt! Himmlischer Vater, mir verbleibt doch gar nichts erspart, gar
nichts!“ Es schüttelte das Weib in Krämpfen.
Da trat der alte Reindorfer in die Stube, gefolgt von Magdalena.
„Nun, was gibt es denn?“ fragte er.
Die Bäuerin deutete mit dem ganzen Arme nach dem Mädchen und sagte:
„Die will den Florian vom Müller im Wasser-Graben.“
Der Bauer sah erschreckt die Anwesenden der Reihe nach an.
„O, hättest du sie doch damals aus dem Hause geben lassen,“ schluchzte
das Weib, „hättest du sie doch aus dem Hause geben lassen!“
Da trat der Bauer auf sie zu und sagte ruhig: „Tu nur nicht gar so
wunderlich und auffällig, daß man meint, es wär’, Gott weiß was,
dahinter. Ich begreif’ nur den Müller nicht, wie er sein Weib mag einen
solchen Gang tun lassen, wo doch zwischen mir und ihm Feindschaft ist
und sein soll für alle Zeit. Weiter hat es doch nichts auf sich, man
sagt: Schön Dank für die zugedachte Ehr’ und daraus kann nichts werden!
Der Bursch’ und die Dirn’ mögen sich einander aus dem Sinn schlagen und
gar ist es!“
„Gar ist es? Was kann da gar sein?“ sagte aufgeregt die Müllerin.
„Ich wollte kein Wörtel verlieren, Reindorfer, wenn du nur einen
Grund angeben tätest, warum du nein sagst, möglich, daß dann doch
eine Vernunft darein käme! Aber, daß man so ganz eigensinnig und
unvernünftig zweien jungen Leuten ihr Lebensglück abspricht, das
darf ich doch nicht so ohne Widerred’ hingehen lassen. In allem und
jedem taugen sie zusammen, den Jahren, wie dem Wesen nach, auch die
Sippschaften, aus denen sie her sind, haben keine vor der anderen
etwas voraus, und ich denke, meine Werbung wäre nicht zu verachten
und könnte dir wohl anstehen. Was aber die Feindschaft zwischen dir
und meinem Mann anlangt, so halt’ ich doch dafür, daß du soviel
Christ sein wirst, sie beiseit’ zu lassen, um so mehr, wenn andere
unschuldigerweis’ darunter leiden möchten! Also sei gescheit und besinn
dich anders, tu es deinem eigenen Kind nicht an, daß du dich gegen sein
Glück sperrst.“
„Du redest viel in einem Atem, Müllerin,“ sagte der Reindorfer, „und
machst dir damit doch nur ungeschaffte und unnütze Arbeit. Da gilt kein
anderes Besinnen; glaub’ mir, ich tue nur, wie ich muß!“
Die Müllerin schlug die Hände zusammen. „Du lieber Himmel, bist du
aber dickköpfig! Nun, warte nur, so geschwinde denk’ ich mich nicht
abspeisen zu lassen, da reden wir doch noch eine Weile darüber. Sag mir
nur, wie kann man denn gar so sein, daß man jahrelang dem andern etwas
nachtragen mag, und selbst dann noch, wenn dem sein Kind und das eigene
darunter leiden soll? Ich bitt’ dich!“
Der Bauer blies den verhaltenen Atem durch die Zähne, dann sagte er:
„Ich möcht’ dich bitten, Müllerin, stell das unnütze Reden ein! Weil
ihr Weiberleute zu allem herumzukriegen seid, wenn euch nur einer recht
mit Reden zusetzt und nicht nachläßt, so meint ihr, auf gleiche Weis’
vermöchtet auch ihr eines Mannes Sinn zu ändern. Das ist aber nicht
so. Was ein Mann ist, der bleibt bei seiner Rede und bei dem, was sie
besagt.“
„Wir wollen ja sehen! Wenn du aber guten Rat annehmen willst, so höre
lieber gleich heute auf das, was ich dir zu sagen habe und gib mir
vernünftigen Bescheid darauf, sonst komme ich dir morgen wieder und
übermorgen und Tag für Tag, bis es dir zuwider wird.“
Reindorfer sah die Müllerin ernst an. „Das wirst du bleiben lassen!
Dein Mann wußte recht gut, daß dein Herfahren zu nichts führt, er hätte
es dir ersparen können. Frag ihn einmal selber auf sein Gewissen hin,
ob ich anders tun kann?“
„Das Fragen gedenke ich ohnehin nicht zu sparen und verlaß dich darauf,
erfahr’ ich, mein Mann wär’ schuld, daß ihr euch zertragen, so muß auch
er wieder der erste sein, der gut wird. Morgen sag’ ich dir, was ich
ausgerichtet.“
„Sei nicht aufdringlich, Müllerin. Du redest da doch nur herum wie der
Blinde von der Farbe. Ich sage dir, die Sache ist für heut und für
allemal abgetan und ich will nichts mehr davon hören. Ich mag dich
wohl leiden und bin sonst kein Schroll, aber wenn du mir wieder damit
angerückt kämest, so müßte ich dir, um mir Ruhe zu schaffen, die Tür
weisen!“
Die Müllerin wandte sich beleidigt ab.
„Nichts für ungut,“ sagte Reindorfer, „es ist nur, damit du weißt,
woran du bist. Gib jetzt weiter keine Achtung darauf, denn ich denke“
-- er sah fragend nach Magdalena -- „die Jause wird fertig sein, laß
sie nicht verderben.“
„Ich danke. Ich verlang’ nichts. Solange wir so miteinander stehen,
könnte mir ohnehin da bei euch kein Bissen schmecken. Behüt Gott!“
Sie ging und Magdalena begleitete sie bis an den Wagen.
Als sie dort in die tränenden Augen des Mädchens blickte, tätschelte
sie ihm die Wange. „Armes Hascherl, du,“ sagte sie, „mußt dich deswegen
nicht gleich so kränken! Es war kein leeres Reden von mir, ich komme
schon wieder, denn das Hinauswerfen fürcht’ ich kein klein bißchen.
Aber ich bitt’ dich, sei auch du gescheit und laß nicht nach zu fragen,
warum ihr euch nicht haben sollt, du und der Florian. Behüt dich Gott,
lieb’ Herz!“
Der Wagen rollte davon.
Drinnen in der Stube rang die Bäuerin die Hände. „Nun will es an das
Licht,“ jammerte sie, „es will an das Licht und wird sich nicht länger
verschweigen lassen!“
„Warum nicht?“ sagte der Bauer. „Jetzt schickt sich Zeit und
Gelegenheit, daß man die Dirne aus dem Hause bringt. Ich steh’ für sie
ein, daß man sie nun ohne Gefährd’ nach der Stadt in einen Dienst gehen
lassen kann, und für die Ausred’, warum sie weg muß, ist gesorgt; eben
die Liebschaft will uns nicht taugen und die jungen Leute müssen sich
aus dem Gesicht.“
„Das wäre schon recht, Joseph. Aber bedenk, bevor sich das ins Werk
richten läßt, werden die Leute sich dareinmischen und herumfragen, und
wenn es der Dirn’ selber keine Ruhe gibt und sie fragt, -- sie fragt
etwa dich selbst ...?“
„Ich möcht’ das nicht,“ murmelte scheu der Bauer, „ihr ins Gesicht
komme ich mit Lügen nicht auf und fremder Sünd’ willen werd’ ich mir
doch an keiner Betrübnis schuld geben! Ich verhoff’ nicht, daß sie
fragen wird. Nein, ich verhoff’ nicht.“
Er kehrte sich ab und ging.
Die Bäuerin saß allein und starrte vor sich hin. Sie fühlte sich
verlassen und doch war ihr, als wäre die ganze Stube übervoll, als
hielte es alle frische Luft von außen ab, daß ihrer gepreßten Brust
kein freier Atemzug möglich war, als drängte es sich an sie heran, daß
sie sich nicht vom Stuhle zu erheben vermochte, als bannte es sie hier
fest, daß sie nicht dem Geringsten von all dem, was nun kommen wird
und muß, aus dem Wege gehen konnte. Und wenn dieser Bann andauerte,
wenn sie gewärtig sein sollte, daß durch jene Tür Schande auf Schande,
Jammer um Jammer hereintreten und sie betreffen würden, hier inner
diesen Wänden, deren Steine gegen sie zeugen konnten, -- -- dann
flüchteten wohl ihre Gedanken in das Weite und das Elend trifft sie
wohl heim, aber nimmer bei sich!