„Dank’ der Nachfrag’, ich bin schier völlig gesund.“
„Kennt Er mich, Herlinger?“
„Ei freilich, Ihr seid ja der Herr Notar, freilich.“
„Nun und warum bin ich denn da?“
„Hihi, warum werdet Ihr da sein? Heirat’ ich nicht heut die Weninger
Kathrin’?“
Der Notar warf einen erschreckten Blick auf den Pfarrer, dieser trat
näher und sprach, indem er jedes Wort nachdrücklich betonte: „Aber,
Herlinger, wohin denkt Er denn? die Weninger Kathrin’ ist ja schon
lange tot.“
„So, so, die Kathrin’ wär’ schon lang’ tot? Ja, wie werden wir es denn
nachher anfangen?“
„Er hat es mir ja gestern selbst gesagt, besinn’ Er sich nur.“
„Ja, ja, mag schon recht sein.“
„Und heute ist der Herr Notar mit mir herausgefahren, um den Florian an
die Mühle zu schreiben.“
„Ja, ja, den Florian auf meinen Namen und an die Mühle schreiben. Ist
schon recht.“
„Also darauf besinnt Er sich,“ fragte hastig der Notar, „das ist Seine
Willensmeinung?“
„Ja freilich, das ist schon so meine Willensmeinung.“
„Da ist allerhöchste Zeit, Hochwürden“ -- der kleine Doktor stürzte
nach dem Tischchen, wo die Schriften lagen --, „in ein paar Minuten
kann der Mann nicht mehr bei sich sein, und dann ließe sich nichts
machen; ich bitte nur um noch einen Zeugen, um einen dritten Zeugen.“
Der Pfarrer eilte zur Türe. „Barthel,“ rief er hinaus, „laufe nach
dem Anrainer[5] Kleehuber, er möchte gleich kommen, er soll nur alles
liegen und stehen lassen!“
Der Knecht rannte fort.
„Hochwürden haben gehört, daß er auch an dem Gedanken festhält, den
Florian auf seinen Namen zu schreiben; wie ich schon die Ehre hatte
auseinanderzusetzen, so ist das vergangenes Jahr an der Bockbeinigkeit
von Vater und Sohn gescheitert und läßt sich jetzt nicht mehr ins Werk
richten, es ist das ein Geschäftsgang, der gesunde Leute erfordert.“
„Die noch ein langes Leben vor sich haben, Herr Doktor?“
„Es ist auch nicht anders, Hochwürden. Unter den gegebenen Umständen
ist es unmöglich und halte ich es auch für ganz nebensächlich. Eine
Aufklärung darüber verstünde der Alte nimmer und sie würde ihn nur ganz
verwirren. Die Schriften habe ich, Gott sei Dank, vom vorigen Jahre
her fix und fertig liegen gehabt und daher nur von der Adoption Umgang
genommen und an die Stelle derselben in der letztwilligen Verfügung ein
Bekenntnis der Vaterschaft treten lassen, das zwar keine Rechtsfolge
hat, aber, ich denke, wir begnügen uns diesfalls mit der moralischen.
In dieser Form werde ich auch das Testament vorlesen und zur
Unterschrift unterbreiten; mein Schreibzeug führe ich mit mir,“ -- der
Notar stieß zum Beweise dessen ein kleines, eiförmiges Tintenfaß mit
dem eisernen Dorne in die Tischplatte, -- „so haben wir auch einerlei
Tinte bei der Fertigung der Dokumente, wenn uns nur der Müller noch die
paar Minuten aushält.“
„Ich hoffe, das wird er wohl,“ sagte der Seelsorger. „Nun, Herlinger,
wie ist Ihm denn?“
„Gut, recht gut.“
Und näher zu ihm tretend, sagte er, damit der Sterbende an dem Gedanken
festhalte: „Nun werden wir halt den Florian an die Mühle schreiben.“
„Ja an die Mühle schreiben und auf meinen Namen, die Kathrin’ wird eine
Freude haben, es ist ja unser Kind.“
Da öffnete sich die Türe und mit dem zurückkehrenden Knechte stürzte
der Anrainer Kleehuber herein. Der Mann sah wie verwildert aus, die
Haare hingen ihm in das Gesicht, seine Hände waren mit Lehm beschmiert
und er wischte beständig mit der blauen Schürze an ihnen, um sie rein
zu bekommen, denn früher schien ihm doch nicht geraten, sich damit über
die Stirne zu streichen.
„Da bin ich, Hochwürden, da bin ich,“ sagte er atemlos, „sauber bin ich
hergelaufen, der Barthel hat mich auf dem Erdäpfelacker getroffen, und
weil er gesagt hat, es müßt’ gleich sein, so bin ich halt mit, wie ich
auch ausschau’, nichts für ungut.“
„Das ist schon recht, Kleehuber,“ sagte der Seelsorger, „und so hab’
ich es auch gemeint, wie Er aussieht, das hat nichts zur Sache, wir
brauchen eben schnell noch einen Zeugen, der Müller will seinen letzten
Willen angeben.“
„So, so, nun, das freut mich, da bin ich schon gern dabei,“ sagte der
Kleehuber, „der Barthel hat mir schon gesagt, er müßt’ auch seinen
Namen dazu hergeben, aber, Hochwürden, ich bitt’, wer ist denn hernach
der dritte Zeuge, der mit uns schreiben soll?“
„Der bin ich!“
„Nein, Hochwürden, das geht nicht, da mach’ ich mich doch lieber
sauber, ich bin gleich wieder da, nur meinen Sonntagsrock zieh’ ich
an, was würden die Leute sagen, wenn ich mich so, wie ich da bin, Euer
Hochwürden nebenan schreiben täte, und die Herren vom Gericht erst,
wenn sie es lesen?!“
Der Notar, der bisher dem Müller zugesprochen hatte, kehrte sich rasch
gegen Kleehuber und fuhr den „ersuchten Herrn Zeugen“ an: „Wird Er
dableiben! Sei Er doch nicht gar so dumm, Seinem Hühnergekratze kann
doch niemand ansehen, ob Er es im Sonntagsrock oder in Hemdärmeln
hingekleckst! -- Den Müller Herlinger kennt Er?“
„Aber freilich, Herr Doktor, da liegt er ja.“
„Es ist gut! Der hochwürdige Herr Pfarrer hat Ihm bereits gesagt, um
was es sich handelt, merk’ Er nun auf, auch du, Barthel, ob alles
hübsch in der Ordnung vor sich geht, damit jeder mit gutem Gewissen
seine Zeugenschaft abgeben kann.“
„Wollen schon aufpassen, Herr Doktor.“
„Wer ist denn der da mit der blauen Schürze?“ fragte der Müller.
„Der Kleehuber ist es,“ sagte der Pfarrer, „der Kleehuber. Kennt Er ihn
denn nicht?“
„Ah ja, der Kleehuber. Aber was will denn der auf der Hochzeit mit der
blauen Schürze?“
„Nun sehen Hochwürden, ich bin ihm selber nicht gut genug.“
„Aber Herlinger,“ sagte der Seelsorger und legte seine Hand auf den
abgezehrten Arm des Kranken, „besinne Er sich doch, daß wir keiner
Hochzeit wegen gekommen sind.“
„Der Kleehuber“, nahm der Notar hinzutretend das Wort, „ist nur da,
damit auch alles ordentlich aufgeschrieben wird, was zu geschehen hat
wegen dem Florian.“
„Auf meinen Namen und an die Mühl’ schreiben,“ sagte mechanisch der
Sterbende.
„Ich muß Ihm bemerken, Müller, daß diese Seine Äußerung lediglich nur
von einer Wirkung auf die anwesenden Zeugen ist und bleibt, daß ich
aber gleichwohl voraussetze, daß Er schriftlich aufgezeichnet haben
will, daß Er sich in Seinem Gewissen verpflichtet fühle, den Sohn
der Dienstmagd Katharina Weninger, Namens Florian Weninger, für Sein
leibliches Kind anzuerkennen und demselben für den Todesfall die Mühle
samt allem, was dazu gehört, wie es liegt und steht, zu hinterlassen?“
Der Müller nickte.
„Dann muß Er sich aber zusammennehmen, Herlinger, daß Er hübsch bei
sich bleibt, denn ich muß Ihm jetzt vorerst die Schrift vorlesen, und
da muß Er gut aufhorchen, damit Er auch alles recht versteht und uns
sagen kann, ob Er es auch so und nicht anders gemeint hat, wie da
aufgeschrieben steht.“
„O, hören tu’ ich noch recht gut, auch verstehen, wenn ich mich
zusammennehme, nur was ich rede, da weiß ich oft nicht, wo ich es her
habe.“
„Dann muß Er auch noch Seinen Namen daruntersetzen können.“
Die magere Rechte über der Bettdecke versuchte zu schreiben.
Der Notar las rasch die letztwillige Verfügung vor.
„Ist das so recht, will Er nichts davon weg haben oder dazu tun,
Herlinger?“
Der Müller langte nach der eingetauchten Feder, die der Notar in der
Hand hielt.
„So gut und deutlich es geht,“ -- sagte dieser, hinter den Schreibenden
tretend -- „den vollen Namen: Matthias Herlinger.“
Da stand es in großen unsicheren Zügen auf dem Papiere: „Matthias
Herliner“. Bei dem Punkte stach die Feder tief in das Blatt und der
Notar löste sie rasch aus der zusammenzuckenden Hand, damit nicht das
Schriftstück in Fetzen gerissen werde.
Der Müller sank mit einem tiefen Seufzer zurück.
Der Notar aber atmete erleichtert auf, als er mit dem unterfertigten
Dokumente zu dem Tischchen trat.
„Ich bitte, Hochwürden, als Zeuge.“ Er präsentierte dem Pfarrer die
Feder. Dann wies er dem Kleehuber die Stelle, wohin derselbe seinen
Namen zu schreiben hatte.
Der Mann besann sich lange, nicht wie er heiße, sondern auf das
Aussehen jedes einzelnen Buchstabens, den er bei der Namensfertigung
anzubringen hatte. Zuletzt schrieb der Knecht.
Vom Bette her klang es flüsternd: „Die Blumen, die gar vielen Blumen,
die sie mir hergebracht haben.“
Der Notar und die Zeugen traten von dem Tische zurück und wandten sich
nach dem Sterbenden. Die langgestreckte Gestalt mit den verfallenen
Zügen, die dort im Bette lag, leise vor sich hinflüsternd und mit den
eigenen Fingern spielend wie ein Kind, das war nicht mehr der Müller
Herlinger. Wer sonst? Niemand. Das war das, was einst war, als wir
uns noch nicht fühlten, das nämliche, das sich schon einmal ohne uns
behalf, als es rege an unserem Bewußtsein baute, und das, wenn uns
dasselbe verläßt, sich zum letzten an den angesammelten Erinnerungen
schreckt oder erfreut, das nämliche, das die Kinder weinen oder lachen
macht, und das auch den Sterbenden als letzten Gruß eine Träne oder ein
Lächeln mit auf den Weg gibt.
Ein schwerer Atemzug hob die Bettdecke, -- es war der letzte. Vor den
Anwesenden lag eine Leiche. Der Pfarrer war gerade darauf bedacht, das
Gesinde zusammenzurufen und an derselben ein kurzes Gebet sprechen zu
lassen, als sich die Türe öffnete und Florian Weninger eintrat.
Der Urlauber behielt den Drücker in der Hand und sagte kurz: „Guten
Tag! da bin ich. Nun, was ist’s, darf die Lois[6] mit dem Buben jetzt
kommen? Sonst geh’ ich lieber gleich!“
Der Priester aber trat rasch auf ihn zu, führte ihn vor den Toten und
drückte ihn dort an der Hand auf die Kniee nieder: „Da sieh, spare
vorlautes Reden und bete für ihn, -- er hat sterbend deiner als Vater
gedacht und dir die Mühle hinterlassen!“
Der Mensch sah verwirrt zu den Umstehenden auf, dann blickte er in das
stille bleiche Antlitz vor ihm, drückte beide Hände an die Brust und
sagte mit liebender Stimme: „Ich hätt’ ihn doch noch gerne getroffen,
daß ich ihm dafür hätt’ danken können!“
Es war die erste Regung besseren Gefühles, der erste Keim der Saat,
welche der alte Müller mit sterbender Hand gestreut hatte, und es war
wohl auch das rechte Bewußtsein, das er mit sich hinübernahm!
* * * * *
In den Aufschreibungen der Pfarre, welche die Geschicke der Gemeinde
als Abnahme und Zuwachs, und die des einzelnen Geburt, Heirat und Tod
in fortlaufender Einförmigkeit aufbehielten, verzeichnete der Pfarrer
die Geburt eines Mädchens, Tochter des Joseph Reindorfer und dessen
Ehefrau Rosalia, welches in der heiligen Taufe den Namen Magdalena
erhielt, und den Tod des Matthias Herlinger, Müller im sogenannten
Wasser-Graben hierorts. Eine geraume Zeit verstrich, Schnee lag über
den Hügeln und lastete schwer auf den Tannen und das Jahr war zur Neige
gegangen, als des Namens Herlinger in dem Kirchenbuche noch einmal
Erwähnung geschah, woselbst zu lesen stand: daß der neue Müller im
Wasser-Graben, Florian Weninger, ~vulgo~ „Herlinger Florian“, -- denn
das Volk hielt sich an die Vaterschaftserklärung des verstorbenen
Müllers, -- und Aloisia Kaufmann, in der Haupt- und Residenzstadt
wohnhaft, als Brautleute an hiesiger Pfarrstelle um das dreimalige
kirchliche Aufgebot nachgesucht und sich darauf auch über die in der
Stadt eingegangene Ehe durch legalen Trauschein ausgewiesen hätten.
4.
Auf dem Reindorferhofe wuchs die kleine Magdalena heran. Seit dieses
Kind Wartung und Pflege heischte, meinte der Bauer für die anderen
ein übriges tun zu müssen, er war gegen die Fehler derselben nicht
mehr so strenge, sah ihnen manche Nachlässigkeit nach, gestattete
ihnen mehr Freiheit, ja, er bereitete ihnen wohl auch manchmal eine
kleine Freude, griff in seine Tasche und gab der Dirne auf Bänder und
Tücher, dem Burschen auf Bier und Tabak, sowie für manche Kirchweih die
Musikantengroschen.
Warum sollte er ihnen das Leben schwer machen? Etwas mußten sie doch
vor dem anderen Kinde voraus haben, meinte er, das war nur recht und
billig.
Der junge Leopold Reindorfer und seine Schwester Elisabeth waren es
höchlich zufrieden und auch sie schrieben das geänderte Verhalten des
Vaters gegen sie dem Kinde zu.
„Weil das Kleine einmal da ist,“ sagte der Leopold, „so hat es auch
sein Gutes, seit der Vater so ein unnütz’ Maul auf dem Hofe hat, sieht
er doch mehr auf die, die ihr Essen auch verdienen.“
Elisabeth fühlte sogar zu der unschuldigen Ursache dieser Änderung
der Verhältnisse einige Neigung und nahm sich hie und da der kleinen
Schwester an. Sie war die einzige, die sich etwas mit dem Kinde abgab.
Auch sie, nicht die Mutter war es, welche das Kind den Bauer als
„Vater“ ansprechen lehrte.
Wie viel Zeit verging bis dahin? Für kleine Leute bleibt die Welt
immer auf einem Flecke stehen. Sie merken nicht, daß sich in ihr etwas
ändert, weil sie ja auch nicht verspüren, wie sie sich selbst ändern.
Welche Zeit? Fragt das die Kinder, die sich dort spielend in der Sonne
tummeln.
Es war ein kleiner Junge mit großen braunen Augen, aus denen zu sehen
ihn fast das Haar verhinderte, das in dichten schwarzen Ringeln ihm
über die Stirne fiel, ein Hemd und ein Höschen, mit einem Träger
querüber festgehalten, bildete seine ganze Bekleidung, ebenso barfuß
wie er war seine Gespielin, die nur über ein grobes Hemdchen einen für
ihre kleine Person etwas zu langen Rock trug und unter blondem wirren
Haar auch mit braunen Augen in die Welt lugte. --
Der Kleine stand mit gespreizten Beinen, die Hände in den Hosentaschen,
vor dem Mädchen und fragte: „Wer bist denn du?“
„Ich bin die Leni,“ sagte das Kind und sah verwundert auf den Knaben,
der nicht einmal wußte, wer sie war, sie hielt ihn gewiß für einen
recht dummen Buben. „Wer bist denn du?“
„Ich bin des Müllers Florian, vom Wasser-Graben, weißt du?“ sagte er.
Er bewies männliche Überlegenheit genug, sich über die Unkenntnis des
Mädchens gar nicht zu verwundern.
Die Kleine nickte, sie wußte zwar nicht, was eine Mühle sei, noch
wohinzu der Wasser-Graben läge, aber sie war mit der Auskunft doch
zufrieden.
„Du,“ sagte der Knabe, „siehst du Vögel gerne?“
„Ei freilich,“ sagte das Mädchen, „hast du einen bei dir?“
Der kleine Florian lachte, zog die Hände aus den Taschen und wies sie
leer vor. „Dort oben da sind dir so viele. Komm mit!“ Er nahm sie an
der Hand.
Die beiden gingen ein Stück Weges, da stand ein großer Busch und
darunter war eine Wasserlache noch vom letzten Regen, jetzt halb
eingetrocknet, in der feuchten Erde mochten sich Gewürm und Larven
angesiedelt haben, die Vögel schossen ab und zu und pickten in den
Schlamm. Es war ein lustiges Treiben.
Eine Goldammer gefiel den Kindern gar zu gut, und als etliche
Rotschwänzchen im Kote herumtänzelten, als wollten sie ihre Beine nicht
gar zu sehr beschmutzen, da brachen die Kleinen in hellen Jubel aus und
hüpften mit steifen Beinen herum, wie sie es von den Tierchen gesehen
hatten.
Die Folge war, daß diese sich beleidigt zurückzogen und selbst dann
wegblieben, als Leni und Florian ganz ernst versicherten: sie wollten
es nicht wieder tun -- und sie möchten doch nicht so dumm sein und sich
nicht wieder sehen lassen.
Sie warteten eine ganze Weile, aber vergebens.
Der Knabe zuckte mißlaunig die Achsel. „Das hast du gemacht,“ sagte er
zu der Kleinen, „du hast sie nachgespottet.“
„Sie kommen schon wieder,“ lachte Leni.
„Heut nimmer,“ sagte Müllers Florian. „Ich geh’ heim.“
„Ich geh’ mit dir,“ rief das Mädchen. „Ist weit bis zu dir hin?“
„O freilich, ich weiß nicht, ob du es wirst gehen können; aber komm nur
mit, ich trag’ dich schon, wenn du müde wirst.“
Das Mädchen überlegte.
„Ich zeig’ dir unsern Garten,“ versprach der Knabe.
„O, da haben wir einen größeren.“
„Hast du schon eine Mühle gesehen?“
„Nein, wie sieht die aus?“
„Weißt, wo man das Mehl macht. Die gehört meinem Vater, die zeig’ ich
dir.“
Wer, der noch nie eine Mühle gesehen hat, möchte eine solche nicht
sehen? Die Neugierde überwog, und das Mädchen lief munter neben dem
Knaben her, oft über das lange Röckchen stolpernd, daß sie sich gar
nicht zu halten wußte, worüber beide laut lachten. Was das war, eine
Mühle, wo man das Mehl macht?
Sie waren schon ziemlich weit gegangen; das Mädchen fing an müde und
ängstlich zu werden, es hörte nicht mehr auf den kleinen Begleiter,
der fortwährend versicherte, gleich müßten sie dort sein; er tat dies
auch zu seiner eigenen Beruhigung, -- so lang wie heute war doch der
Weg noch nie gewesen. Beide Kinder kamen in die bedenklichste Stimmung.
Jedes fühlte sich so weit weg vom Hause, und so allein, alles war so
stille, niemand zu hören noch zu sehen, höchstens ein Vogel flatterte
vom Gezweige auf den Weg nieder, aber auf diese hatten sie schon lange
nicht mehr acht. Sie vermieden es, einander anzusehen, denn das Weinen
war jedem nahe, und wenn das eines an dem andern bemerkt hätte, dann
wäre der laute Jammer unabwendbar gewesen.
Aber da hörten sie plötzlich ein helles Klappern und Rauschen, der
Knabe tat vor Freude einen Jauchzer, faßte die kleine Leni bei der
Hand und sie rannten um eine Ecke, da rauschte und klapperte es noch
fröhlicher, und dort unten am Wege das Haus mit dem großen Rade daran,
das war die Mühle, das Rauschen kam aber vom Wasser und klappern tat
das Rad, so sagte wenigstens der Florian.
Sie standen über dem Fahrwege auf einem kleinen Fußsteige, diesen
mußten sie verlassen und den auf der andern Seite drüben einschlagen.
„Jetzt komm, jetzt trag’ ich dich schon bis hin,“ rief fröhlich
herumhüpfend der Knirps, er schärfte der kleinen Leni ein, sich ja
recht fest an seinem Halse anzuhalten, faßte sie an den Füßchen und
versuchte sie aufzuheben, aber das ging nicht an, und sie lachte,
weil sie so schwer war; da ließ sie der Florian vorerst los, und mit
ernstem Gesichte spuckte er in seine Hände, wie er es von Großen hatte
tun sehen, dann packte er aber an, mit einem Ruck hob er sie empor,
und -- beide kollerten über das hohe Gras hinunter auf den Fahrweg, da
rangen sie sich voneinander los, da saßen sie und sahen einander an und
lachten, und der Knabe sprang auf und lief voran und das Mädchen hinter
ihm her der Mühle zu.
Als sie nahe kamen, da bewunderte Leni wohl das Rad, wie das gar so
groß war, aber da war nur noch Wasser zu sehen und kein Mehl. „Das sei
drinnen in der Mühle,“ sagte der Florian. „Komm nur!“
An einem Lattenzaun war ein kleiner Einlaß, Florian hob das Querholz
geschickt aus und schob das Türchen nach einwärts, die Kinder traten
in den Hof, ein großer Hund schoß auf sie zu und umsprang den Knaben;
da er aber gegen das Mädchen bellte, so bekam er einen Puff, dem
Schlage der kleinen Hand konnte er aber bei seinem zottigen Felle keine
feindseligen Absichten unterlegen und so nahm er als verständiges Tier
denselben als eine bescheidene Mahnung auf, sein Betragen gegen die
kleine Dame zu ändern; er reckte daher seine Pranken zu deren Füßen
hin, legte den Kopf darauf und bewegte auf dem aufrechtgehaltenen
Hinterleibe wedelnd die Rute, was bei deren erhabenem Standpunkte sich
sehr feierlich ausnahm; hätte der Hund nur seiner innersten Überzeugung
über den Wert der Umgangsformen einigen Zwang angetan und nicht dabei
gegähnt, aber das tat er.
An der Schwelle der Küche, durch die man auch hier unmittelbar vom
Hofe in das Haus gelangte, erschien jetzt eine große, stattliche Frau.
Es war die Müllerin. Der „Herlinger Florian“ schien es für unehrenhaft
gehalten zu haben, an ein Mädchen gewöhnlichen Schlages seine Freiheit
zu verlieren, hier hatte er es leicht, sich auf die Übermacht
auszureden, denn sein Weib war viel höher und stärker als er.
Der Knabe lief auf die Mutter zu.
„Nun, Flori,“ sagte diese, „wen bringst denn du da mit?“
„Das ist die Leni.“
Die Frau nahm beide Kinder an der Hand und ging nach der Stube, wo
der Müller gerade über Rechnungen saß, sie öffnete halb die Türe und
schob die Kinder vor sich hinein und mit einem Schelmengesicht sagte
sie: „Du, Vater, schau einmal her, ob nicht der Florian dir ganz
nachgeratet, da bringt er sich schon ein Dirndl mit.“
Der Müller lachte.
Er hatte die Zeit über ein etwas behäbigeres Ansehen gewonnen. Es war
nämlich nicht so gekommen, wie es die Leute erwarteten, sondern von
dem Augenblicke an, wo er mit Weib und Kind die Mühle in Besitz nahm,
trug er den seßhaften verheirateten Mann mit Auffälligkeit zur Schau,
er gefiel sich darin und gewöhnte sich daran, und so wurde er zuletzt
selbst, wofür er gehalten werden wollte, ein umsichtiger Geschäftsmann
und sorglicher Familienvater, und so genoß er auch sein Teil Zutrauen
in der Gemeinde und in der Umgegend.
Jetzt legte er die Feder weg und wandte sich nach den Kindern. „Wie
heißt denn du?“ fragte er das Mädchen, das ihm die Müllerin bis vor
sein Knie geschoben hatte.
Das Kind lachte verlegen.
„Nun geh’, so sag’ mir es doch!“ Er hob die Kleine auf seinen Schoß.
„Wie heißt du denn?“
„Magdalena.“
„Und mit dem andern Namen?“
Das Mädchen besann sich, „Reindorfer,“ sagte es dann rasch.
Der Arm des Müllers, mit dem er das Kind umfaßt hielt, zuckte und
unwillkürlich drückte er leise mit der anderen Hand das blonde Köpfchen
an sich.
Das Kind, überrascht durch eine ihm ungewohnte Liebkosung, stemmte sich
mit beiden Händchen gegen ihn, machte sich frei und sah ihm mit den
großen braunen Augen, wie fragend, in das Gesicht.
Er aber hielt diesen Blick nicht aus, hob das Mädchen von seinem Knie
und stellte es wieder auf die Diele. Seine Hände zitterten dabei.
Florian hatte früher, an seinen Vater gelehnt, zu der kleinen Gespielin
aufgesehen, jetzt standen beide Kinder auf ebenem Boden nebeneinander,
die Müllerin sah auf sie herab und sagte: „Das Dirndl da schaut unserm
Flori völlig gleich.“
Der Müller schüttelte den Kopf.
„Nun, sieh nur selbst, die gleichen Augen haben sie gewiß.“
Da stand der Müller ärgerlich auf und schob sein Weib, die Kinder
voran, nach der Türe. „Geht mir jetzt, ich muß noch rechnen,“ sagte er,
und zu der kleinen Leni: „Und du mach, daß du heimkommst!“
„Aber geh,“ sagte die Müllerin, „fahr’ das Dirndl nicht so an, es ist
doch gar ein liebes Ding.“
„Nun ja, aber denk’, wie weit es sich verrannt hat, vielleicht suchen
sie es schon auf dem Reindorferhof.“
„Ich führ’ sie ein Stück Weges.“
„Bleib du im Haus, schick einen Knecht oder eine Dirn’ mit.“ Er schloß
die Türe hinter ihnen.
„Rosel,“ rief die Müllerin, als sie mit den Kindern in den Hof
hinaustrat.
Eine Stimme antwortete: „Ja, Müllerin.“ Und bald darauf kam aus einer
Scheuer eine dicke Magd herausgelaufen. „Was willst denn?“ fragte sie
hastig.
„Geh, Rosel, führ’ das kleine Menscherl da auf den Reindorferhof, wo
sie zu Haus ist, sag’ nur, sie wär’ mit unserm Florian gar bisher zu
uns gegangen, wie halt schon Kinder sind, sie sollen’s nicht schlagen
derohalben.“ -- Sie strich der Kleinen über das blonde Haar. „B’hüt
dich Gott, kleines Dirndl.“
Die Magd ging und zerrte das Kind an der Hand hinter sich her.
„Komm wieder!“ rief Florian nach.
Das Mädchen zappelte mit seinen kurzen Beinchen neben der eilig
dahinschreitenden Magd her. Ach, es war wohl gar weit bis nach Hause,
-- und Schläge bekommt sie ganz gewiß, weil sie solange weg war, -- und
in der Mühle, ja, das hatte sie nicht einmal gesehen in der Mühle, wie
Mehl gemacht wird. Das war doch gar zu traurig! Sie verzog das Gesicht
zum Weinen, aber dazu war ihr keine Zeit gelassen, sie mußte nur immer
eilfertig auf dem Wege einherlaufen, sie senkte das Köpfchen, da fielen
ihr die Haare über das Gesicht und verhüllten den erbarmungswürdigen
Anblick.
Plötzlich ging die Magd langsamer, zog die Hand des Kindes an sich,
damit es aufblicken möge und sagte: „Schau, da kommt der Vater!“
Der alte Reindorfer kam auf sie zu. „So findet man dich endlich,“ sagte
er, „hab’ mir so gedacht, aus der Welt wirst du nicht sein. Wo warst du
denn?“
Die Magd gab Bescheid.
Die kleine Leni horchte gut auf. O, das war eine Böse; daß man sie
nicht schlagen solle, davon sagte sie gar nichts.
Der Reindorfer aber sagte, nachdem er der Dirne gedankt hatte: „Warte
nur, bis wir heimkommen, ich denk’ dir die Ungelegenheit und die Unruh’
nicht zu schenken.“
„Ist schon recht,“ sagte die Magd.
O, das war eine gar Böse!
„Gute Nacht, Reindorfer.“ -- Rosel ging ebenso eilig den Weg zurück,
wie sie ihn gekommen war.
„Gute Nacht!“ brummte der Bauer, er nahm das Kind an der Hand und
während er es mit sich fortzog, schalt er es aus, und so oft er eine
Scheltrede anhob, preßte er das kleine, schwache Pätschchen in seiner
rauhen Faust und riß die Kleine herum, daß sie taumelte.
„Gar bis zur Mühle hast laufen müssen? -- Du Brut, zieht es dich nach
dem Neste? -- Ja, zieht es dich nach dem Nest? -- Du Kuckucksvogel, du!
-- Einmal noch verlauf’ dich dorthin, -- erschlagen tu’ ich dich! --
Nur einmal noch!“
Das kleine Händchen war ganz rot geworden und der Arm schmerzte, und
das Kind weinte und schluchzte laut.
Da saß ein Mann am Wege, an dem sie vorüber mußten. Es war der
Kleehuber, der Rast hielt.
„Ho, Reindorfer,“ sagte er, „was treibst du denn mit deinem kleinen
Dirndl? Ich schau’ dir schon zu, von wo ich dich hab’ den Weg kommen
sehen. Hast halt lange keine so kleine War’ im Hause gehabt und bist
entwöhnt, wie man mit ihr umgehen soll!“
Er erhielt keine Antwort und kopfschüttelnd blickte er den beiden nach.
Reindorfer hatte die Hand des Kindes loser gefaßt und war langsamer
gegangen, jetzt, wo sie dem Kleehuber aus dem Gesichte waren, blieb er
stehen.
„Es ist eigentlich nicht recht und ist ein jähes, unchristliches Wesen!
Was kann das Kind dafür, was in ihm steckt? Und meinen tut es ja auch
nichts damit, dazu ist es noch nicht gescheit genug. Sei ruhig, Leni!“
Er nahm das Kind auf den Arm und trug es nach Hause.
Die Bäuerin stand am Hoftore und lief ihnen entgegen, aber ehe sie nach
dem Kinde langen konnte, hatte er dasselbe schon vom Arme auf die Erde
gesetzt und sagte: „Da hast du deinen Bankert, wäre der Hof abgebrannt,
oder hätte uns andere alle das Donnerwetter erschlagen, du hättest
nicht soviel Wesens darum gemacht.“
Das Weib zog das Kind an sich und sah mit weinenden Augen zu ihm auf.
„Verzeih dir Gott, wie du mir wehe tust, Joseph, aber ich kann ja doch
nicht anders, wie ich müssen tu’!“
* * * * *
Rechnen wollte der Müller, das hatte er wenigstens gesagt, er mußte
das wohl nur im Kopfe tun, denn bisher hatte er keine Ziffer auf das
Papier geschrieben. Was das wohl für eine Rechnung war? Wollte er sich
vielleicht einen alten Posten aus dem Sinne schlagen?
Er versuchte es. Warum er sein Weib nicht mit dem Kinde gehen ließ?
Es war doch spaßhaft, gerade als wüßte das Kind etwas und könnte es
ausplaudern; aber es war doch recht, und es sollte ihm vom Hause
bleiben, die großen braunen Augen hatten ihn so verwirrt gemacht und
waren auch seinem Weibe aufgefallen! Pah, es laufen wohl mehrere
herum, von denen er nicht weiß, -- -- eben, wenn man von nichts weiß
und von nichts wissen will! Als Herumstreicher ist man glücklicher!
Dir sollst das noch einmal sagen, Müller! Eines Tages wirst du es
sagen, aber es wird nicht im Gefühle des Unbehagens sein, in dem du
jetzt mißmutig den Kopf mit den aufgestemmten Armen stützest, nicht
im Gefühle, Opfer und Frucht deines Leichtsinnes in beängstigender
Nähe vor Augen zu haben und mit lahmen Armen stumm zusehen zu müssen,
wohin es führt; du wirst es sagen in ganz anderen Gefühlen, und was dir
bisher ausstand, das Mitleid, es soll dir werden!
* * * * *
Als die Elisabeth vom Reindorferhofe wegheiratete, was war das für ein
schöner Tag für die kleine Leni, was gab es da alles zu schauen und
zu -- essen! Weit, gar weit fuhr man mit den Wagen über Land, und wie
schön die Schwester angezogen war, und wie die Musikanten aufspielten
und die Leute dazu tanzten, wie ganz anders war das alles, als zu Hause!
Aber ihr wollte doch schier das Herz brechen, als die ganze
Herrlichkeit ein so trauriges Ende nahm, als sie hörte, die Schwester
bliebe für immer dort, sogar weit weg von ihr. Das Kind war nicht zu
beruhigen, bis ihm Elisabeth versprach, sie käme den nächsten Tag und
dann alle Tage nachschauen, wie es ihr erginge. Arme Leni, es sollte ja
doch nur beim Versprechen bleiben.
Wohl gab sich von da an die Mutter mehr mit ihr ab; aber die Schwester
war das doch nicht; obwohl die Reindorferin ihre natürlichen Gefühle
nie verleugnete, sie wäre sich doch dadurch nur noch strafbarer
erschienen, so hatte sie doch eine Art Scheu vor dem Kinde und das
erweckte in demselben das gleiche Gefühl.
Nur einen Freund hatte die kleine Leni noch am Hofe, dem sie sich
rückhaltslos anvertrauen konnte, der alles so ernst oder so lustig
aufnahm, wie sie es selbst meinte, und das war der alte Sultan. O,
er hätte auch gerne noch mit ihr gespielt, aber sie wußte ja, er war
so krank, und da besuchte sie ihn oft auf seinem Stroh und jedesmal
bezeigte er seine Freude darüber. Aber eines Tages da war er so unruhig
und stöhnte und winselte und warf sich herum, und sie fragte ihn:
„Sultl, was hast du denn?“ Aber er schien sie gar nicht zu bemerken,
und so saß sie denn ganz betrübt an seiner Hütte und wenn er sich das
Stroh zur Seite gewälzt hatte, so breitete sie es ihm wieder unter.
Und am andern Morgen da fand man den Sultl tot; der Bauer ließ ihn
durch einen Knecht in dem Garten verscharren, und der schleifte ihn
auf dem Wege hinter sich her, daß der Kopf an den Steinen aufschlug,
Leni schrie laut und faßte mit beiden Händen nach ihrem eigenen
Köpfchen, und der Knecht mußte warten, bis sie ihre Schürze dem Hunde
übergebunden hatte, dann folgte sie ihm weinend und sah zu, wie er eine
Grube schaufelte und den Sultan hineinlegte und die Erde darüber flach
trat.
Danach ging der Knecht wieder mit dem Spaten fort und sie blieb allein
an der Stelle zurück. Da vor ihr unter der Erde lag der Sultan, und
draußen stand seine Hütte leer und das Stroh lag zerwühlt. Wem sollte
sie es nun sagen, wenn sie sich auf Mittag oder sonst freute? Wem, wenn
sie Schläge fürchtete oder bekommen hatte? Und wenn sie sich wieder an
einem großen Dorne ritzt, da leckt er ihr nimmer das Blut weg. O, der
arme, gute Sultl!
Man hatte sie gelehrt, das Abendgebet, wenn sie es einmal gesprochen
hatte, noch einmal zu wiederholen, da galt es dann für Vater, Mutter
und Geschwister und „alle, die sie lieb hatte“. In ihrem ratlosen
Schmerze faltete sie auch jetzt die Händchen und betete, alles, was man
sie gelehrt hatte, das Morgen-, Tisch- und Abendgebet für -- den Sultl.
Dann trocknete sie sich die Augen und ging beruhigter zurück nach dem
Hofe.
Sie hoffte wohl, daß sie wieder einen Hund bekommen würden, der auch
mit ihr so gut sein würde; sie bekamen auch ein paar Tage darauf einen,
aber der war nur brummig und bissig und wollte nicht mit sich reden
lassen.
Daher war es ihr ganz recht, als es plötzlich hieß, daß sie in die
Schule müsse. Als die Mutter sie hinbrachte, da stand sie freilich ganz
eingeschüchtert an der Türe, der vielen Kinder wegen; daß es so viele
gäbe, hatte sie sich nie denken können, wo die nur alle her waren?
Und als sie nun mitten unter ihnen auf der ersten Bank sitzen mußte
wie alle ganz Kleinen, Neuen, dem Schulmeister unter den Augen, da
getraute sie sich kaum aufzusehen; aber sie wagte es doch und sah erst
ganz verstohlen die neben ihr sitzenden Mädchen an, dann sah sie auch
hinüber zu den Buben, die auf der anderen Seite saßen, und da lachte
einer auf sie herüber und das war Müllers Florian, und nun hatte sie
doch einen Bekannten und da war es gleich ganz schön in der Schule.
Als die Schulstunde vorüber war, da wartete der Flori und ging auf sie
zu.
„Du bist die Reindorfer Leni,“ sagte er.
Das Mädchen lachte.
„Das ist gescheit, daß sie dich auch in die Schule geschickt haben,“
sagte der Knabe.
Und dann gingen sie plaudernd einen Weg nebeneinander her bis zum
Reindorferhof.
So gingen sie denn eine Zeit Tag für Tag miteinander nach und aus der
Schule. Aber bald sollte ihre Eintracht gestört werden. Das Mädchen
hielt sich plötzlich fern von dem Knaben, entweder war es schon weit
voran, wenn er aus dem Schulzimmer kam, und lief dann vor ihm her,
nicht einzuholen, oder es blieb zurück und schlich hinterdrein und
mochte er noch so langsam gehen.
Als sie einst wieder hinter ihm des Weges kam, da versteckte er sich,
wo der Weg überbog im Gesträuche, und als die Leni nahe war, sprang er
hervor und faßte sie an der Hand.
„Jetzt halt’ ich dich,“ sagte er, „sag, hab’ ich dir etwas getan, daß
dir nimmer willst mit mir gehen?“
„Mein Vater hat gesagt, er schlägt mich, wenn ich mit dir gehe.“
„Dein Vater ist recht grob.“
Beide Kinder überlegten stille.
Ein Ausgleich lag freilich nahe, aber da Florian selbst jede
körperliche Züchtigung innig verabscheute, so getraute er sich nicht,
der Leni den Vorschlag zu machen, sie solle sich nur schlagen lassen,
so könnten sie immer miteinander gehen wie früher.
Aber wenn sie der grobe Reindorfer gar nicht auf dem Wege sah, dann
konnte er auch keines von ihnen schlagen, und es lag eine Heimlichkeit
darin, von der alle Leute im ganzen Dorfe nichts wußten, und nur sie
allein.
Das lockte, und wie viel pfiffiger kamen sie sich dabei vor, als alle
die großen Leute.
Bis zu dem Busche, wo sie jetzt standen, war die Straße für sie
sicher, erst wenn sie denselben hinter sich hatten, konnte man sie vom
Reindorferhofe aus sehen, so wurde denn ausgemacht, dort solle des
Morgens immer eines auf das andere warten, und auf dem Rückwege wollten
sie auch nur bis dahin miteinander gehen, dann blieb eines zurück und
kam erst viel, viel später des Weges daher.
Ja, verbiete nur einer etwas!
Die Reindorfer Leni war überhaupt ein pfiffiges Kind, das sagte auch
der Schulmeister, und er lobte sie oft vor allen andern Kindern, und
wenn dies gerade vorgekommen war, dann nahm sie auch zu Hause Fibel
oder Rechentafel an sich, schlich hinter dem alten Reindorfer her, und
wenn er sich in der Scheuer oder im Garten über einer Arbeit verhielt,
setzte sie sich in seiner Nähe nieder und las oder rechnete laut, damit
sie auch der Vater loben möchte.
Das erstemal, wo sie der Bauer gar nicht in der Nähe wußte, fuhr er
unwillig auf, als aber das Kind vor Bestürzung auf dem Flecke sitzen
blieb und über die bittere Enttäuschung leise schluchzte, da besann
er sich, daß es ihm wohl eine Freude habe machen wollen. „Nur nicht
unchristlich, unchristlich darf man nicht sein,“ sagte er vor sich hin,
und dann zur kleinen Leni: „Mach nur weiter fort! Hast schon recht,
lerne nur fleißig, damit du ehrlich durch die Welt kommst, weil du
einmal darin bist! Nun, les’ nur weiter, du Blondköpfel!“
Von da an bekam der Bauer viel zu hören, auch manches, das ihm neu
war, denn sie lehrten jetzt die Kinder ganz anders, als wie ehemal.
Aus Neugierde holte er oft das Mädchen über manches Nähere aus, und
ihn wunderte, wie es alles so gut begriffen hatte und so richtig
aufbehielt.
Bald aber wurde ihm jedesmal ganz weh zumute, wenn er das Kind sich so
bemühen sah, ihm zu gefallen, denn seine Elisabeth hatte seit Jahr und
Tag nicht mehr nach ihren Eltern gefragt und der Leopold, den er immer
so gut gehalten, der meinte, das wäre das wenigste gewesen, ein Vater
könne wohl mehr tun; der Bursche hatte sich in eine Dirne vergafft und
wollte nun, je eher, je lieber, sein eigener Herr sein. So wußte denn
der alte Mann, er war seiner Tochter gleichgültig und seinem Sohne im
Wege.
Dafür war zu Anfang auch die kleine Magdalena mit dem alten Reindorfer
nicht zufrieden, andere Kinder sagten, wenn sie ihre Sache recht brav
gemacht hätten, dann spielten ihre Eltern mit ihnen oder schenkten
ihnen wohl Sonntags darauf einen Butterweck oder sonst irgendeinen
begehrlichen Gegenstand, aber auf derartiges hoffte sie ganz vergebens;
später kam er ihr gar „ernsthaftig“ vor, wie der Herr Pfarrer und der
Lehrer, die auch immer etwas zu fragen oder auszusagen wußten, und
da verlangte sie nach keinem Spiel und nach keinem Geschenke mehr
und tat sich gerade darauf was zugute, daß er sie nicht wie ein Kind
behandelte, ... auch nicht wie das seine, das fühlte ja der kleine
Gernegroß in seinem kindischen Stolze noch nicht.
5.
Wenn Liebe etwas stark geradezu geht, so ist ihr ebenso zu mißtrauen,
wie wenn sie auf krummen Wegen schleicht. Der junge Reindorfer wäre
vollauf berechtigt gewesen, an die Gründung eines eigenen Hausstandes
zu denken, in etlichen Monaten hatte er sein dreißigstes Jahr erreicht,
aber eben die Plötzlichkeit seines Entschlusses und der Gegenstand
seiner Neigung machten den Alten vorsichtig.
Leopold hatte seine militärische Dienstzeit hinter sich, sie wurde ihm
leicht erträglich, denn sie fiel gerade in gesegnete Jahre, und der
Mangel an Feldarbeitern veranlaßte die Kriegsbehörde zu zahlreichen
Beurlaubungen, mit vielen andern wurde auch er auf einige Zeit den
Seinen wieder zurückgegeben.
Später hatte er nur noch die Verpflichtung, als Landwehrmann zu den
jährlichen Übungen einzurücken.
Als Bauernbursche hatte er nie Empfänglichkeit für die Dorfschönheiten
gezeigt, auch unter seinen militärischen Genossen, denen doch die
Langeweile und die schmale Verpflegung den Umgang mit einem weiblichen
Wesen, das in einem anständigen Hause kocht, so wünschenswert
erscheinen ließ, hatte er sich von dieser Schwäche rein erhalten.
Als er aber von der vorjährigen Waffenübung heimgekehrt war, da
öffnete er plötzlich sein Herz der Liebe; dieselbe hatte sich
seiner Eitelkeit als einer allzu willigen Pförtnerin bedient. Auch
Bauernbursche erliegen dieser allgemein menschlichen Schwäche. Wie
nach einem gegenseitigen, stillschweigenden Übereinkommen hatte sich
bisher um den Reindorfer Leopold, der sich um keine Dirne Mühe gab,
auch keine derselben gekümmert, als es aber nun eine übernahm, ihn
darüber aufzuklären, daß er mit allen Eigenschaften ausgestattet sei,
sie glücklich zu machen, warum sollte er dieser schmeichelhaften
Versicherung keinen Glauben schenken und sich böswilligerweise seiner
Bestimmung entziehen?
Diejenige, welche den jungen Reindorfer also umgewandelt hatte,
hieß Josepha Melzer und bewohnte mit ihrer Mutter das kleinste und
baufälligste Häuschen im Orte, außer diesem konnte die alte „Melzerin“
dereinstens ihrer Tochter nichts hinterlassen, als einen ebenso
übelbewahrten Ruf, dessen übrigens die Josepha gar nicht bedürftig war,
denn sie hatte sich schon aus eigenen Mitteln die Beischaffung eines
solchen angelegen sein lassen.
Ein Monat mochte verflossen sein, seit Leopold, zur Verwunderung der
Ortseinwohner, öfter in dem verfallenen Häuschen einsprach, als eines
Abends Josepha, von der Arbeit heimkehrend, die Alte sehr mißlaunig
fand.
„Warst du heute schon mit dem jungen Reindorfer zusammen?“ fragte sie
keifend.
Die Dirne warf den Grasbündel und die Sichel beiseite und nahm den
breitkrempigen Strohhut ab. „Nein,“ sagte sie, „aber er wird wohl jetzt
nach Feierabend kommen.“
„So rede einmal mit ihm, dummes Ding, daß es zu etwas führt. Wie lange
denkst du denn, daß ich noch zuwarten kann? Ich möchte doch meine paar
Tage auch noch auf dem Reindorferhofe in Ruh’ und Wohlfahrt verleben
können. Hab’ ich dich darum auf den Burschen gehetzt und dir gesagt,
mach dich an ihn, der sieht nicht nahe zu, wenn man ihm nur die Ware
ins Haus bringt, -- damit du dich wieder so dumm anstellst, wie jedes
frühere Mal? Weiß Gott, dumme Streiche hast du mir genug gemacht, und
hab’ ich dir genug nachgesehen, es wäre nun wohl auch Zeit, daß du
klüger sein und auf dich und deine alte Mutter denken möchtest! -- Daß
du mir heuer am Allerseelentag nicht wieder das kleine Grab aufputzest,
das rat’ ich dir! Ich sag’ dir, diesmal sehe ich nicht so zu, aus
dem Hause jag’ ich dich, wenn da nichts wird! Willst du zuwarten, du
langweiliger Tropf, bis dich die Leute ihm abreden? Solang das Eisen
heiß ist, muß man’s schmieden, ist nur einmal alles in Richtigkeit,
nach der Hochzeit muß sich einer wohl darein schicken; man kann auch
alles anders deuten und drehen, und er tut sich nur selber einen
Gefallen, wenn er daran glaubt. Aber so wirst du die Zeit verpassen,
der Herbst wird wieder da sein, da rückt er wieder auf vier Wochen ein
und ihr seid auf so lange voneinander; vom Ort kommen auch Bursche
mit, aber du, natürlich, nimmst dich weder vor denen in acht, noch vor
jenen, die verbleiben! Und da ist wieder nichts darauf zu geben, und
ich geb’ auch nichts darauf!“
„Du meinst gerade, das ginge nur so, und wenn man Haferl sagt, ist ’s
Häfen fertig“[7] sagte trotzig die Dirne. „Meinst du, es kostet einem
keine Mühe, wenn man selber keine Gedanken darauf hat, und man soll
zutätig sein gegen einen, der ist wie ein Stück Holz?“
„Nun ja, du wilde Hummel, nur bring’ ihn einmal darauf, was zu
geschehen hat, liegt ihm das nur erst im Kopf, dann gibt es ihm selber
keine Ruhe und er setzt sich schon daran.“
„Guten Abend, Melzerin,“ sagte Leopold eintretend, „grüß dich Gott,
Sepherl.“
„Guten Abend.“
„Die Mutter erlaubt’s schon,“ sagte der Bursche. „Magst mit mir über
die Felder gehen?“
„Ich weiß nicht, ob es auch recht ist,“ sagte die Dirne, „es schauen
so schon alle Leute, wie oft du kommst, und es bringt einer ledigen
Dirne keine gute Nachrede, wenn sie mit einem Burschen längere Zeit
geht. Es hat keinen Schick und keinen Zweck.“
„Schau, wie sie sich an das hält, was schicklich ist,“ meinte die Alte
und lachte Leopold mit dem zahnlosen Munde an. „Kriegt einer einmal ein
braves Weib an ihr!“
„Meine ich es denn nicht ehrlich?“ fragte Leopold.
„Das wirst du freilich selber am besten wissen,“ schmollte die Dirne.
„Ich meine es aber ehrlich,“ sagte aufbrausend der Bursche, „und ich
will dich auch zu meiner Bäuerin machen!“
„O, du lieber Herzensschatz! Aber schau, davon wissen halt die Leute
nichts.“
„So sollen sie es morgen schon wissen und heut noch der Vater!“
Als Leopold das sagte, tat er gewaltig sicher, als wäre mit seinem
ausgesprochenen Willen schon alles abgetan und ausgemachte Sache,
und als ob er gar kein Unbehagen verspürte, wenn er dabei an die
Unterredung mit seinem Vater dachte.
„O du mein Herzens-Leopold, wenn das dein Ernst wär’!“ rief Josepha.
Die Alte aber faltete die Hände vor freudigem Schreck und sagte:
„Jesus! Dirn’, für so ein Glück kannst du unserm Herrgott all dein
Lebtag nicht genug danken.“
„Nun, gehst jetzt mit mir?“ fragte Leopold, überlegen um sich blickend.
„Dir tue ich ja alles für mein Leben gern, und jetzt, wo es auch sein
darf, brauchst gar nimmer zu fragen, du mein schöner, goldiger Leopold,
du!“
Und sie gingen über die Felder.
Wie immer hatte Josepha das Wort zu führen; heute aber machte sich
das leicht, da sie nur über das ungeheuere Glück, das ihr widerfuhr,
gewaltig stolz zu tun brauchte -- das tat sie auch ganz ungeheuchelt
--, um wieder bei Leopold den Stolz zu erwecken, ein Bursche zu sein,
der „Eine“ so unerhört glücklich machen könne.
Beim Abschiede fügte Josepha die vielleicht weniger aufrichtig gemeinte
Versicherung hinzu: „Wenn ich dich hätte nicht kriegen sollen, glaub
mir, ins Wasser wäre ich gegangen!“
Es war immerhin ein hübscher Schlußsatz.
Leopold lachte verlegen und zugleich begütigend, auch viel
Vernünftigere wissen auf solche Reden nichts zu sagen. In dieser
Bedrängnis faßte er einen großen Entschluß, er zog die Dirne an sich
und -- ihre Lippen suchten sehr geschickt die seinen.
Er machte sich los; er war ganz rot geworden, murmelte „gute Nacht“ und
schlich davon.
Die Dirne sah ihm nach. Tat er ihr leid, oder sollte sie lachen? Sie
wußte es selbst nicht.
Der junge Reindorfer aber schritt bald rüstiger aus. Auf dem Wege
versuchte er sogar den Gefühlen, die ihn bestürmten, durch Vierzeilige
Luft zu machen, diese besaßen zwar keinen ethischen Gehalt, aber auch
der andere ließe sich nicht gut mitteilen.
Je näher er aber dem väterlichen Gehöfte kam, desto kleinlauter
wurde er, schweigend betrat er dasselbe, schweigend nahm er an dem
gemeinsamen Abendbrote teil, und als der alte Reindorfer vom Tische
aufstand, um vor dem Schlafengehen den gewohnten Rundgang durch Hof,
Scheuer und Garten anzutreten, ging er hinter ihm her.
Als der Alte das merkte, blieb er stehen.
„Warum laufst du denn hinter mir her wie ein Pummerl?“[8]
„Vater,“ sagte Leopold, an ihn herantretend, „so geht es nimmer.“
„Was geht nimmer?“
„Ich fühl’ mich, das Ledigsein tut mir kein gut, ich meine, ich hätte
es ohnehin lang genug ausgehalten, jetzt mag es mir aber nimmer taugen.“
„Heiraten willst?“ fragte der Vater mit langem Gesichte.
„Ja,“ sagte der Bursche.
„Hast dir vielleicht schon eine ausgesucht?“
Leopold lachte.
„Schau, schau, wer wär’ denn die nachher?“
„Weißt, -- die Melzer Sepherl möcht’ mir gerade anstehen.“
„Die Melzer Sepherl?!“ Der Alte sah seinem Sohne gerade in das Gesicht
und als er merkte, derselbe spaße nicht, kehrte er ihm den Rücken zu
und brummte: „Mußt heiraten, so such dir was anderes; daraus wird
nichts, all mein Lebtag nicht!“
„Warum nicht, Vater? Ich werd’ doch den Grund wissen dürfen?“
„Einen Grund?! Ich frag’, wer möcht’ die als Schwiegertochter in sein
Haus aufnehmen -- und vielleicht noch ihre Mutter, die alte Hexe, als
Daraufgabe dazu, nicht? Bub’, du bist verrückt! Weißt du denn nicht,
daß die Leut’ da herum viel von ihr zu reden wissen, nur nichts Gutes?“
„Oft reden die Leut’ gar viel,“ sagte Leopold trotzig.
„Aber da nicht mit Unrecht, und wär’ da auch nur ein Dritteil von dem
Gerede wahr, mehr braucht sich einer gar nicht zu verlangen.“
„Und wär’ das Ganze wahr, alles miteinander, so möcht’ ich doch wissen,
wen in der Welt das was anginge, wenn es mir recht ist und ich mir
nichts daraus mach’!“
„Du trauriger Hase, ich merk’, dich haben sie schön in März geschickt!“
Es war beleidigend für den Burschen, hören zu müssen, er handle in
dieser Angelegenheit wohl nicht ganz nach freiem, eigenem Antriebe,
doppelt beleidigend, weil es zufällig die Wahrheit war; so sagte er
denn ganz zornig: „Und ich heirate sie doch!“
„Das tu nur, aber verheiratet wirst du schwer als Knecht bei einem
Bauer ein Unterkommen finden, denn auf meinen Hof sollst du mir dann
nicht, weder solang ich die Augen offen habe, noch wenn ich sie einmal
schließe.“
„So, so,“ sagte der Bursche, dem vor Aufregung die Stimme stockte,
„überleg dir es halt, ob du dein Kind bei fremden Leuten als Knecht
wissen willst.“
Da zuckte der alte Reindorfer die Achseln. „Du hast wohl heute über
den Durst getrunken; schlaf vorehe deinen Rausch aus und komm mir dann
nüchtern wieder.“ Damit ging er von seinem Sohne.
Als am andern Tage der junge Reindorfer wieder in das Häuschen der
alten Melzerin trat, und die Josepha sagte, er käme ihr ganz anders
vor, als den Abend vorher, da war ihm leicht abzufragen, was ihm mit
seinem Vater begegnet war, und wie dieser durchaus gegen die geplante
Heirat sei.
Es wurde aber dem Leopold zugeredet, er möge sich, wenn er die Josepha
wirklich gern hätte, doch von dem ersten, widrigen Erfolge nicht
abschrecken lassen, auf einen Streich fälle man ja keinen Baum, und
er solle nur seinem Vater beharrlich wegen der Sache anliegen, der
werde es endlich doch müde werden, sich dagegen zu setzen, wenn er
sehen würde, wie wenig ihm das eigentlich nütze. Ernst könne ja seine
Drohung mit dem Verstoßen und Enterben doch nicht gemeint sein, denn
man wisse ja, wie er Leopold, als seinen einzigen Sohn, lieb hätte, und
mit Recht, denn Leopold wäre auch ein Bursche, der es verdient, auf den
seine Eltern stolz sein könnten, denn ihn hätten ja auch alle Leute
lieb. Freilich waren von den gesamten Leuten nur die alte Melzerin und
deren Tochter anwesend.
Von da an begann die Entfremdung zwischen Vater und Sohn, von da an
wechselten fortwährend Bitten und Abweise, Vorwürfe und Anklagen,
Bestürmungen und Drohungen, von da an lauerte und hoffte Leopold auf
irgendein Begebnis, das er nützen könne oder das ihm Nutzen brächte,
wodurch sich alles ändere, und geschähe das durch eine schwache Stunde
seines Vaters oder durch seine letzte!
„Man hat auch sein Kreuz mit einem Burschen, der weiberscheu ist,“
seufzte der Alte, „versteht sich einer nicht auf den Fang, wird er
leicht selber gefangen!“
Vorläufig dachte er daran, sich Ruhe zu schaffen und Zeit zu gewinnen.
Und so fragte er denn eines Tages, als Leopold wieder beteuerte, von
seiner Sepherl nicht lassen zu können: „Schau, was hilft jetzt alles
Herumreden, die Ernte ist vorüber und die Einberufung zur Waffenübung
vor der Türe. Vorher läßt sich ja doch nichts vereinbaren und abtun, zu
was wollen wir es also Rede haben und uns Tag für Tag darum zertragen?
Kommst du wieder heim und hast deinen Sinn nicht geändert, ist noch
Zeit genug, daß man darüber redet.“
Da der junge Reindorfer sich nicht hinter seine Mutter stecken konnte,
welche in dem Punkte ganz einer Meinung mit dem Alten war, so sah er
selbst ein, daß sich vor seiner Wiederkehr nichts werde richten lassen,
er beschloß bis dahin keine unnützen Worte zu machen, sondern erst
dann, durch seinen unveränderten Entschluß, dem Vater zu zeigen, daß er
einen Buben habe, der auf dem besteht, was er sich einmal in den Kopf
setzt, und daß es da wohl heißt, als der Klügere, nachgeben.
Dieser stillschweigend eingegangene Waffenstillstand auf dem
Reindorferhofe genoß zwar nicht die Billigung der Inwohner des kleinen
baufälligsten Häuschens im Orte, denn er rückte das erwünschte Ziel
wieder um eine Spanne Zeit hinaus, aber, wie bedenklich auch die alte
Melzerin tun mochte, Josepha sorgte nicht, sie war ihres Leopold zu
sicher.
Als der Tag kam, an dem die Reservisten nach dem Orte der Einberufung
abziehen mußten, da gab Josepha dem jungen Reindorfer eine Strecke
Weges das Geleit, und als sie mit verweinten Augen zu ihrer Mutter
zurückkehrte, da stellte sich diese mit gefalteten Händen vor sie und
sagte: „Dirn’, um Gottes willen, nur diesmal verhalte dich gescheit!“
* * * * *
Auch der Busch in der Nähe des Reindorferhofes hatte schon längere Zeit
nicht mehr Tag um Tag den Zuspruch des langaufgeschossenen Jungen und
des spaßhaft hageren Mädchens, welche sonst immer mit ihren Schulsäcken
des Weges daherkamen. Beide waren der Schule entwachsen und das Mädchen
wohl auch den Kinderschuhen, denn es war völlig stark geworden und
verglich sich im stillen schon mit den anderen Dirnen des Ortes.
Jetzt sahen sich die beiden jungen Leute nur noch Sonntags in der
Kirche, und nur manchmal, wenn ihre Eltern von der nachmittägigen
Christenlehre wegblieben, konnten sie die gewohnte Strecke Weges
miteinander gehen; aber nunmehr fühlten sie sich schon etwas
selbständiger, vergaßen ganz -- wie die Welt schon undankbar ist -- den
alten, getreuen Busch und gingen achtlos an ihm vorüber.
Und so kam es, daß sie einmal vor dem Reindorferhofe Abschied nahmen,
als der Bauer gerade an dem Tore lehnte. Der Florian tat gewaltig
unbefangen und redete sich ein, daß er sich gar kein wenig fürchte, er
ging auch ganz bedächtig an dem Alten vorüber und grüßte ihn, freilich
von der andern Seite der Straße, dafür klang es aber auch um so lauter.
„Das ist des Müllers Florian, mit dem du da gegangen bist?“ fragte
Reindorfer das Mädchen.
„Ja, Vater,“ sagte dieses.
„Ich hab’ nicht leiden mögen, daß du mit ihm gehst, wie du noch ein
Kind warst, mußt dich jetzt auch nicht zu ihm halten; glaub nur, ich
hab’ meine Ursachen, und tu fein gehorchen.“
„Aber Vater,“ lachte das Mädel, „ich wüßt’ wirklich nicht, was das
könnt’ für einen Schaden bringen, wenn er neben einem herlauft.“
„Wissen tu’ ich es just auch nicht, aber wie geht das Sprichwort von
der Mücke? Wenn sie in das Kerzenlicht fliegt, sagt sie: Ah, da herum
ist es schön warm! Und wenn sie dann im Schmeer klebt: O, da hilft kein
Zappeln! Nun, ich habe dir’s gesagt, daran halte dich, und laß mir
nicht merken, daß du auf meine Reden nichts gibst!“
Die sonntägliche Christenlehre bestand darin, daß nachmittags, geraume
Zeit vor dem Segen, der Pfarrer die Kanzel bestieg und durch einen
kleinen Vortrag die Leute über Gebräuche und Glaubenssätze der Kirche
belehrte, das geschah jahraus jahrein für die älteren Leute, damit
sie nichts vergessen, und für die jüngeren, daß sie zulernen möchten.
Es vergingen viele Sonntage, ohne daß Magdalena in Versuchung kommen
konnte, das Gebot des alten Reindorfer zu übertreten, denn dieser fand
sich jetzt immer bei jeder Christenlehre ein, fühlte er sich etwa
schwach in den Glaubensartikeln? Wohl möglich, der Mann war alt, da
will das Gedächtnis nicht mehr alles so ohne Umstände herausgeben, es
merkt, der Umsatz von außen wird schwächer, da hält es seine Laden
geschlossen und seinen Vorrat beisammen, gerade als stünde bald eine
andere Verwendung bevor.
Aber Magdalena dachte bei sich: Ich weiß, der Vater könnte die Leute
all das so gut von der Kanzel herab lehren, wie der Herr Pfarrer
selbst. Was tut er nur jetzt so oft in der Christenlehre?
Einmal blieb er aber doch wieder weg und da gesellte sich der Florian
zu ihr, sie dachte wohl an das Verbot, aber wie sie so nebeneinander
hinschritten und von Mühl’ und Mehl, Sense und Sichel, Heu und Streu
redeten, da konnte sie es doch nicht so ernsthaft nehmen wie der Vater,
sie hätte es dem Buben ja gar nicht sagen können, ohne ihm dabei in das
Gesicht zu lachen und von ihm ausgelacht zu werden.
„Ihr müßt doch alle Jahr froh sein,“ sagte Florian, „wenn die
Feldarbeit getan ist, solang ihr noch den Leopold im Hause habt.“
„Wär’ es einmal,“ meinte die Dirne, „so würden wir es ohne ihn auch
richten.“
„Gelt, dein Bruder hat die Melzer Sepherl gern?“
„Die Leute sagen es, ich hab’ ihn nicht darum gefragt.“
„In vier Wochen kommt er wieder heim, dann läßt er gewiß nimmer von
ihr.“
„Ich weiß nicht, aber der Vater ist so viel dagegen.“
„O, dein Vater, der leidet ja nicht einmal, daß Schulkinder miteinander
gehen.“
Das Mädchen lachte. „Freilich nicht! Meinst, ich sollte jetzt mit dir
gehen? Beileibe! Neulich, wie er uns zusammen gesehen hat, da ist es
wieder strenge verboten worden.“
„Und doch gehen wir jetzt zusammen! Gelt, du gibst auch nicht mehr auf
so ein Verbot, als der Leopold geben wird?“
Das Mädchen machte große Augen. „Ich meine, das wäre denn doch ganz
etwas anderes!“
„Ich freue mich,“ fuhr der Junge fort, „wenn der Leopold wieder heim
ist, mit dem mußt du mich bekannt machen, dann gehen wir zu vieren über
die Felder, er mit der Sepherl und ich mit dir.“
Da wurde Magdalena blutrot im Gesichte und sagte zornig: „Was du dir
nur für Gedanken machst, du dummer, halbwüchsiger Bube, du! Der Vater
hat ganz recht, mit dir geh’ ich auch nimmer, die Kleehuber Franzl hat
auch einen Weg mit mir, die redet mir von Kuh und Geiß, aber nicht, von
was ich nicht zu wissen verlange.“
Sie wandte dem verblüfften Jungen den Rücken und schritt rasch dahin,
daß die Stiefelchen knarrten.
Als sie das Gehöfte erreichte, stand der alte Reindorfer wieder vor dem
Tore, sie trat zu ihm, ihr Gesichtchen war gerötet, die Lippen trotzig
geschlossen und die beiden Nasenflügel arbeiteten heftig.
„Guten Abend, Vater,“ sagte sie.
„Grüß dich Gott! Schaust ja ganz zornig aus.“
Drüben über der Straße schlich gerade Florian vorbei, er sah gar nicht
auf.
Magdalena deutete mit einer kurzen Kopfbewegung nach ihm. „Das ist
wirklich ein dummer Bub’. Hast schon recht gehabt, Vater. Ich geh’
nimmer mit ihm!“
„Ist mir lieb.“
Von da an hielt sich die Reindorfer Leni zu den Dirnen.
* * * * *
Die Waffenübungen waren vorüber, Reservisten und Landwehrmänner zogen
wieder heim. Die Sonne war schon hinter die Hügel gesunken, nur rote
Wolkenstreifen verrieten dem engen Tale, daß sie noch am Himmel stünde,
als Leopold seinen Heimatsort erreichte.
Er ging aber nicht die breite Straße durch denselben, sondern schlug
einen Fußsteig ein, der ihn auf kurzem Umwege in den Rücken des
Häuschens brachte, wo seine Liebste wohnte. Er schwang sich über den
Gartenzaun, ein knurriger Spitz fuhr auf ihn los, ließ aber sogleich
ab, als er ihn beim Namen rief, und mit klopfendem Herzen schlich er
durch das Gärtchen der Hütte zu; knapp davor kniete die alte Melzerin
an einem Gemüsebeet und jätete und setzte um, er gelangte unbemerkt an
ihr vorüber.
Nun konnte er nimmer fehlgehen, es war nur ein einziges Gemach im
Hause, auf den Fußspitzen noch die paar Schritte durch die Küche, und
er riß mit freudigem Ungestüm die Türe auf.
Der laute Gruß aber, den er hineinrufen wollte, blieb ihm in der Kehle
stecken.
Sollten die Leute doch recht haben?!
Neben Josepha stand ein Bursche, der traulich den Arm um ihre Hüfte
gelegt hatte. Die beiden waren offenbar mehr überrascht, als verlegen.
Josepha faßte sich zuerst, rasch sich freimachend, sagte sie: „Sei
nicht so keck! Und siehst, da ist mein Leopold wieder, und den hab’ ich
tausendmal lieber, wie ich dir auch tausendmal gesagt habe.“
Der Bursche trat jetzt auf Leopold zu und bot ihm die Hand. „Jesus,
Reindorfer,“ sagte er, „grüß dich Gott! Bist wieder da? Nun, wenn du da
wieder einrückst, da darf ich als Ersatzmann nur gleich marschieren!
Abreden hab’ ich sie dir so nicht können, das hab’ ich nicht können,
nicht um die Welt!“
Leopold kehrte sich schweigend ab und ging davon.
Die Dirne aber schob auch den Burschen zur Türe hinaus. „Mache fort,
daß er dich doch auch fortgehen sieht.“
Sie kehrte in die Stube zurück. „Gut, daß die Mutter nichts davon weiß!
Ich meine, er kommt doch wieder!“ --
Es war gerade keine herzliche Begrüßung, welche darauf zwischen dem
Vater und dem heimgekehrten Sohne auf dem Reindorferhofe stattfand,
aber der Alte steckte den Vorwurf des Burschen, daß er ihn durch sein
Zuwarten und Abreden um die Dirne gebracht habe, welche sich jetzt an
einen andern halte, ruhig ein und wünschte nur, es möchte damit sein
Abkommen haben.
Acht Tage hatte Leopold diese Angelegenheit nicht weiter berührt, nur
blieb er mürrisch und verdrossen. Wenn es im Hause nichts mehr zu tun
gab, dann ging er über die Felder, immer jene Wege, die er früher mit
Josepha gegangen, und da traf es sich denn, daß ihm diese zufällig auf
einem schmalen Steige begegnete, wo an ein Ausweichen nicht zu denken
war.
Der junge Reindorfer blickte erst auf, als sie vor ihm stand, er
drückte seinen Hut tiefer in die Stirne und wollte an ihr vorbei, sie
aber faßte nach seiner Hand und hielt ihn daran fest.
„Ich weiß nicht, was du hast,“ sagte sie, „seit du den dummen Krämer
Alois bei mir getroffen, gerade, als ob etwas Unrechtes zwischen mir
und dem vorgegangen wär’! Halte es wie du willst, bleibe meinetwegen
weg von unserer Hütte und von mir, aber daß du Übles denkst, das leide
ich nicht!“
„Ich meine, es war nicht unrecht gedacht und nicht unbillig gefordert,
daß du es mir nicht hättest antun sollen, daß ich einen andern bei dir
treffe.“
„Wessen ist denn die Schuld? Bin ich nicht ein armes Dirndl, das sich
viel gefallen lassen muß in der Welt? Hab’ ich dir nicht gesagt gleich
zu Anfang, wie wir Bekanntschaft gemacht haben, daß ich es den Burschen
nicht verwehren kann, daß sie mich für schön halten, und daß ich mich
oft genug vor ihren Nachstellungen hab’ hüten müssen? Und du hast
gesagt, daraus machtest du dir nichts, und du möchtest nicht einmal
eine, die dir jeder ohne Neid vergönnte. Wenn ich nichts Gewisses weiß,
kann ich daraufhin die andern Bursche vor den Kopf stoßen? Wenn du
keinen Ernst zeigen willst, kannst du etwas dagegen sagen, wenn jeder
meint, mir zu gefallen könne er mit demselben Rechte versuchen, wie
du? Bin ich deine Bäuerin, dann brauchst du dir derlei nicht gefallen
lassen, und dann weiß auch ich, was ich zu tun habe!“
„Und daß du dich verhalten sollst gerade so, als wärst du schon meine
Bäuerin, das war meine Meinung! Hab’ ich dir nicht gesagt, wenn ich
wiederkomme, so mach’ ich alles richtig? Hast du so wenig Vertrauen?“
„Mehr schon als du, und mehr als zuträglich ist, das hat sich da wieder
gewiesen! Meinst du, was du mir sagst und was ich dir glaube, das
wissen und glauben auch die Leute? Die neidige Brut mißgönnt es mir
ohnehin, hätte ich ihnen davon geredet, sie hätten gemeint, es wäre nur
geprahlt, und ausgelacht wäre ich worden. So hab’ ich zuwarten wollen,
bis ich sie mit der Nase darauf stoßen kann, daß du es ehrlich meinst
und jetzt -- jetzt mögen sie nur spotten, jetzt habe ich es davon, daß
ich dir mehr vertraut habe als du mir!“ Sie führte ihre Schürze an die
Augen.
Der junge Reindorfer stand verlegen. „Aber“, sagte er nach einer Weile,
„es war auch nicht not, daß du dich von dem dummen Krämerbuben hast um
den Leib fassen lassen.“
Josepha zog die Schürze vom Gesichte und lachte: „Geh zu, weil du ihn
etwa zu fürchten hast? Keinen von allen im ganzen Ort, wie sie da
sind, sag’ ich dir; wenn du es nur ehrlich meinst, da gilt mir keiner
soviel!“ -- Sie schlug ein Schnippchen. -- „Möcht’ auch wissen, wer
einem lieber sein könnte wie du!?“
Das war Balsam auf die Wunde.
Leopold kam ziemlich spät heim und erklärte seinem erstaunten Vater,
daß wieder alles zwischen ihm und der Josepha auf gleich gekommen sei
und nun überlege er nicht länger, er wolle sie doch nehmen und der alte
Reindorfer möge daher auch ein Einsehen haben.
Der Alte unterdrückte einen schweren Fluch, erhob sich, von wo er saß
und sagte: „Es wär’ unchristlich, wenn ich in der ersten Hitze sagen
möchte, tu in drei Teufels Namen wie du willst und verrenne dich in
Schandhaftigkeit und Verderben; denn du bist mein einziger, leiblicher
Sohn! So sag’ ich dir nur, was dich vorläufig von deinem Gedanken
abbringen könnte, wenn du den Verstand dafür hast, es sind einmal jetzt
so leidige Soldatenzeiten, aus der Reserve wärest du, zwei Jahr’ noch
bist in der Landwehr, verspar dir das Heiraten, bis du ganz frei bist.“
„So, zwei Jahr’ sollt’ ich warten,“ schrie der Sohn, „sag es nur lieber
gleich frei heraus, du erhoffst, ich besinne mich mittlerweile anders?“
„Das hoff’ ich zu Gott, und es wäre nicht zu deinem Schaden.“
„Das gilt nicht, darüber reden wir noch!“
„So? Aber dann, heut nimmer! Gute Nacht!“
Die Reindorferin hatte daneben gesessen, jetzt stand sie auf und folgte
dem Bauer, vor Leopold aber hielt sie an und sagte: „Du solltest doch
den Vater nicht so erzürnen wegen der leichten Dirn’.“
„Da schlag das Wetter darein! Was die Leute nicht alles wissen! Leicht
wäre die Josepha? Weißt, Mutter, am End’ ist sie just so schwer wie du
oder ein anderes Bauernweib, nur daß man halt euer Gewicht nicht kennt!“
Die Reindorferin ging ohne ein Wort zu sagen.
Nun war es wieder, wie es gewesen war, bevor der Leopold einrückte,
ein Leben voll Unfriede und Unzufriedenheit, wohl gaben die Leute
dem alten Reindorfer recht, aber Leopold gab nichts auf die Leute,
bei jeder schicklichen oder unschicklichen Gelegenheit legte er ein
Wort für sich und Josepha ein. Wenn dem Alten bei irgendeiner Arbeit
die Kraft versagte, und es ihm nicht mehr so wie früher von der Hand
gehen wollte, so sagte der Bursche: „Da sieht man, wie alte Leute
eigensinnig sind, selber können sie es nicht mehr richten, aber sich
zur Ruhe setzen und jüngere anfassen lassen, das wollen sie nicht!“
Oder wenn der Bauer einen Tag wegen Unwohlsein das Bett hüten mußte,
sagte Leopold: „Ruhe und Pflege tät’ dir not, aber du willst ja nicht!“
Dem widersprach aber immer der alte Reindorfer und meinte, die Hände,
worauf es abgesehen sei, wären ihm zu unsauber, um sie an das Seine
fassen zu lassen, und mit der Ruh’ und Pflege würde es nicht weither
sein, käme die Sippe auf den Hof.
Ein Wort gab das andere, keifend und zänkisch, wie sie nun geworden
war, mengte sich auch die Bäuerin darein, der Streit artete aus und roh
ging es oft auf dem Reindorferhofe her.
Der Magdalene zitterte oft das Herz im Leibe, wenn sie derlei mit
anhören mußte. Aber wenn sich der rohe Bursche und die heftige Mutter
müde gestritten hatten und einsehen mochten, daß sie einander nicht
gewachsen seien, dann suchten sich beide einen schwächeren Teil, den
sie es empfinden lassen konnten, daß ihre Worte doch zählten, und dazu
war ihnen Magdalena eben recht.
Nur der alte Reindorfer brach den Streit immer ab, wie das erste
ungehörige Wort fiel, sagte noch einmal kurz seine Willensmeinung und
dann keine Silbe weiter.
Und wenn nun das Mädchen von dem mürrischen Bruder und der mißlaunigen
Mutter ohne Anlaß gescholten und gedrangsalt wurde, da war ihr der
Vater ein wahrer Trost und ein leuchtendes Beispiel, denn auch er war
ja im Rechte und ließ doch soviel Unbill über sich ergehen, und er war
doch besser als die andern, gewiß, und darum konnte er auch klüger
sein; da erfaßte sie eine innige Zuneigung zu dem ruhigen alten Manne,
der ja auch der einzige war, der nichts wider sie hatte und der sich
immer gleich blieb.
Ja, der sich immer gleich blieb! Jetzt, wo sie aufgehört hatte ein Kind
zu sein, wo sie sich fühlte, wo sie es gerne jemand anvertraut hätte,
wie sie denke und empfinde, damit sie auch hören könnte, sie dächte
recht und schicklich, jetzt merkte sie erst, daß der Vater auch gegen
sie sich immer gleichgeblieben war!
Da geschah es an einem Sonntage, daß der alte Reindorfer eines bösen
Fußes wegen die Kirche nicht besuchte, alle wollten in den Gottesdienst
gehen, das Gehöft wäre unter der Aufsicht des kranken, hilflosen Mannes
verblieben, aber Magdalene erklärte, sie bleibe gerne bei dem Vater
daheim.
So saßen denn der Greis und das junge, blühende Mädchen beisammen in
der warmen Stube. Das ganze Gehöft lag so ruhig im Sonnenschein, in
dem der frisch gefallene Schnee glänzte, die Zaunpfähle hatten jeder
eine weiße Haube auf, etliche Sperlinge flatterten an die Fenster und
pickten an die kleinen Scheiben.
„Wenn es dir recht ist, Vater,“ sagte das Mädchen, „so lese ich uns
etwas aus der Bibel vor.“
„Hast recht, Leni, lese das heutige Evangelium.“
Magdalene hatte das Buch geholt. „Mußt nicht böse sein, Vater,“ sagte
sie und drückte das Köpfchen tief in die aufgeschlagenen Blätter, „aber
ich möchte gerne ein anderes.“
„Nun ist auch recht, such dir etwas aus.“
Da begann das Mädchen und las das 15. Kapitel des Evangelisten Lukas,
das Gleichnis vom verlorenen Sohne.
Als sie geendet hatte, sagte der Alte: „Ist eine schöne Geschichte,
eine rechte Vergleichung der Gottesliebe im Himmel mit der Elternliebe
auf Erden; geschieht unsereinem auch hart, wenn ein Kind just auf das
Trebernfressen so erpicht ist, wie der Leopold. Hat dir das vielleicht
seinetwegen für heute gepaßt?“
„Nein, Vater, sondern weil ich dich hab’ fragen wollen, wenn ich von
dir fort wär’ und käm’ wieder, ob du wohl auch Freude hättest?“
Der Bauer schüttelte den Kopf. „Bist gescheit? Wohin fort solltest du
auch kommen?“
Die Dirne langte mit beiden runden Ärmchen über den Tisch nach den
welken Händen des alten Mannes und drückte sie zwischen den ihren.
„Schau, Vater,“ sagte sie, „Schand’ möcht’ ich dir um alle Welt keine
machen, aber nach Not und Elend fragte ich nicht, wenn du mich dafür
möchtest auch ein bißchen liebhaben!“
Da wurden dem Bauer die Augen groß, er stand hastig auf, an dem
Fenster tippte er paarmal an die Scheibe, um die Sperlinge außen zu
verscheuchen, dann wandte er sich zum Gehen. Mit seiner schwieligen
Rechten berührte er leicht den Scheitel des Mädchens. „Nun, sei nur
brav, bleib hübsch brav,“ sagte er leise.
6.
Nach jenem Sonntage war der alte Reindorfer umgänglicher gegen das
Mädchen geworden, und Magdalena suchte um ihn zu sein, so oft es
tunlich war. Der Vater wußte so viel von der Welt, die noch in unklarer
Weite vor ihr lag, und was er sagte, das war ein so rechtschaffenes
Meinen und Denken, daß sie ihm gar gerne zuhörte.
Er erzählte von Land und Leuten, die er kennen gelernt, von der Welt
und den Menschen, wie er sie gefunden habe und was er davon halte, von
seinen eigenen Leiden, Freuden und Erfahrungen und hatte dabei immer
einen Fingerzeig, einen Hinweis für das aufhorchende Mädchen.
Einmal begann er das Gespräch mit einer Erinnerung an seinen Vater.
„War wohl auch ein kreuzbraver Mann, mein Großvater,“ meinte die Dirne.
„Dein Großvater?“ sagte der Bauer, „von dem weiß ich wenig.“
„Bist du denn so früh verwaist gewesen, Vater?“ fragte Magdalena.
Da hustete der Bauer verlegen, brachte seine Geschichte hastig und
stotternd zu Ende und war einige Tage recht wortkarg gegen das Mädchen;
erst als er merkte, dasselbe habe gar keinen Arg, da beruhigte er sich
wieder, es war ihm, als hätte er durch seine Unvorsichtigkeit das Kind
in seinem recht heilsamen, frommen Glauben erschüttern können. Von
seinen Eltern geschah aber nie mehr wieder eine Erwähnung.
Für Magdalena konnten die längst verstorbenen Eltern des alten
Reindorfer höchstens ein Gegenstand der Neugier, aber nicht der regen
Teilnahme sein, so fragte sie ihnen auch nicht weiter nach; eine Frage
aber hätte sie schon oft gerne an den Vater gerichtet, doch dazu mußte
sie sich erst ein Herz nehmen. -- --
Es war Frühjahr, die Bäume im Garten wollten betreut sein, abgeästet
und vor dem sich allmählich einfindenden Geziefer bewahrt werden, und
dem alten Reindorfer war ihre Pflege gar angelegen.
„So ein Baum,“ sagte er, „ist grundgütiger als der beste Mensch, er
kann nur jedem Gutes erweisen und niemandem übelwollen, auch +der+
Baum, der nichts hat als seinen kühlen Schatten, will den anderen
Geschöpfen wohl, und wenn sie erst in Menge zusammenstehen, als grüner
Wald, da verrichten sie schon was Rechtes. Hab’ mein Lebtag gefunden,
wo keine Wälder stehen, da ist auch dürrer Boden und mühselige Menschen
darauf. Aber das Raupengeschmeiß, das ist nur zum Übelwollen auf der
Welt, das frißt und frißt, und gingen die Bäume darüber zugrunde,
daß sie und ihre Brut allzusammen verhungern müßten, das irrt sie
nicht; der sie ausrottet, erhält sie zugleich, wäre es nicht um die
Bäume, man hätte sie längst sich aus der Welt fressen lassen können,
die Himmelsackermenter ...“ Er streifte ihrer etliche mit dem Rücken
des Gartenmessers von der Rinde und zertrat sie, den anderen zum
erschrecklichen Exempel.
„Aber wenn sie als Falter herumfliegen,“ sagte Magdalena, die an einem
anderen Baume geschäftig war, „da sind sie so viel sauber.“
„Wenn sie als Sommervögel auf die Welt kämen,“ meinte der Bauer,
„meinetwegen möchte es ihnen vergönnt sein, daß sie ihren Rüssel in
jede Blume stecken; aber so ist ihre ganze Herrlichkeit auf fremde
Kosten angefressen und ihre Buhlerei läuft auf künftigen Raupenfraß
hinaus.“
„Ob sich die Falter gut leiden mögen, die in der Luft einander
nachjagen?“
„Nun, wohl werden sie das, weil es ein Muß ist. Dafür ist gesorgt,
was einmal in der Welt ist, stirbt nicht so leicht aus. Auch der
Mensch, der doch um all seine Mühseligkeit weiß, kann sich dem nicht
entbrechen, und ehe er es selber denkt, geht er auf die Freite.“
„Vater, mußt nicht böse sein,“ bat Magdalena und spielte mit ihrem
Schürzenbande, „aber ich möcht’ dich etwas fragen.“
„Wird was Rechtes sein, womit du dich nicht heraustrauest.“
Da sah ihm das Mädchen lächelnd in das Gesicht und sagte: „Ich möchte
gern wissen, wie du und die Mutter euch habt kennen gelernt.“
„So, so? Das fragst du zweimal umsonst, einmal, weil du meinst, das sei
wohl schon so lange her, daß ich ohne Schämigkeit davon zu reden wüßte,
aber das wüßte ich nicht anzugreifen. Und zum andernmal ist es nicht
schicklich, daß eines von den Eltern derlei zu dem Kinde redet.“
„Mußt halt nicht bös sein, Vater.“
„Hab’ derowegen keine Ursache,“ sagte der Bauer. Dann hielt er in der
Arbeit inne und trat auf das Mädchen zu. „Hör, Leni, weil du aber
Neugier zeigst in solchen Dingen, so möcht’ ich mit dir auch darüber
reden. Reden ist Silber, heißt es, und Schweigen ist Gold. Ist ein
rechtes Sprüchlein, gilt auch da, solange die Kinder hübsch um die
Eltern bleiben, aber wenn sie dann in die Welt verlangen -- Gold ist
ein heikel Ding, nicht immer findet sich ein ehrlicher Wechsler dafür
--, da ist es wohl gut, man gibt dem Kinde etwas handliches Silbergeld
mit auf den Weg, das heißt, man macht das Maul auf und redet; damit
haben es schon manche Eltern versehen und ist ihnen manch goldreines
Dirndel arg ausgewechselt heimgekommen. Du hast dein mannbar Alter
erreicht, die Zeit ist da, -- ich sag’ nicht, wo dir ein Bursche
leicht gefallen möchte, denn du hältst auf dich und das ist recht,
auch hätt’ es damit weniger Gefahr, euch meistert doch die Scheu, und
die Dirn’, die einem Manne aus freien Stücken nachlaufen möcht’, die
steht in unsers Herrgotts Aufmerkbüchel gar nicht als Frauenzimmer
eingeschrieben und gilt auch der Welt nicht dafür; aber +die+ Zeit
ist da, wo die Burschen an dir Gefallen finden könnten und da sieh
dich vor, da hüte deine Gedanken, denn es ist nicht allein not, man
nimmt sich vor, brav zu sein, das hilft nichts, wenn man nicht brav
denkt und recht. Rechtschaffen denken, das gibt erst den Schick, wer
nur brav denkt und nicht weiter, der mag leicht betrogen werden, doch
dabei kann er noch seine Seele rein fühlen, immer noch besser, als er
tut gut und denkt übel und ihm wird dabei so elend, als hätte er alle
vorgenommene Sünd’ wirklich begangen. Schau, Leni, brav denken, ist wie
ledige Kopfarbeit, bei rechtschaffen Denken ist der ganze Mensch dabei,
die Brave schiebt nur an ihrer Kammertüre den Riegel vor, das heißt: es
soll nicht sein! Die Rechtschaffene schließt auch noch das Fenster und
das heißt: es darf nicht sein! -- Danach richte dich und tu so, nicht
nur gleichnisweise, sondern auch in Wirklichkeit, denn was hilft alle
Vergleichnis, wenn nicht danach getan wird?!“
„Ich meine schon, daß du recht hast, Vater,“ sagte das Mädchen.
„Darauf verlaß dich. Ich weiß, sie halten es da herum in der Gegend
anders, da gehen Bursche und Dirnen jahrlang zusammen, bis sie einander
überdrüssig werden oder sich gewöhnen, dann ist beim Zertragen Zeit und
Ehr’ verloren und beim Zusammenbleiben kein rechter Segen. Wohl, die
Bursche werden dich hochnäsig heißen und deine Kameradinnen werden dich
auslachen, das laß sie tun; die Leute sehen es nicht gerne, wenn eines
anders ist wie sie, und das Schwein sagt zum Roß: Ich ließe mich nicht
striegeln! Sie werden dir auch sagen: Mit Fremdtun kriegst du keinen
Mann. Aber das ist alt’ Weiber- und leicht’ Dirnengerede und schlechter
Rat, auf solchen mag auch ihrer Zeit die Melzer Sepherl gehört haben,
und wohin er führt, davon ist sie ein lebendig Beispiel. Was sie
mir für Unfried’ im Haus gestiftet hat, verzeih ihr unser Herrgott;
sonst erbarmt sie mir, denn Fried’ und Segen verspürt sie wohl selber
keinen in sich! Mit der Vertraulichkeit verliert eines die Achtung
vor dem andern und mit der Zeit auch vor allem und jedem, vor Gott
und der Welt, auf das Schmeicheln kommt das Drohen, auf das Schöntun
das Grobsein, es liegt keine Vernunft darin und die soll doch der
Mensch gebrauchen, daß das, was er muß, auch einen Schick kriegt und
er nicht lebt wie das liebe Vieh. Die Bursche sind von Haus aus roh,
daß sie sich besinnen, und aus ihnen was Rechtes werden mag, dazu sind
ihnen die Weibsleute auf die Welt gesetzt, das verspürt ein jeder, und
gerade, wenn dich ein Bursche gern hat, so wird ihm deine Ehrbarkeit
bis ins Herzinnerste Freude machen.“
„Nicht wahr? So denk’ ich selber, Vater!“
„Das ist recht und dabei verbleib! Und merk dir auch, zu solch
rechtschaffenem Vornehmen paßt kein voreilig hastig Wesen, da darf
keine darauf aus sein, nur versorgt und eigene Frau zu werden, da heißt
es zuwarten und fleißig die eigenen Hände rühren und sich rechtschaffen
durch die Welt bringen, daß man vor Gott nichts abzubitten und vor
der Welt nichts zu verheimlichen braucht, und daher auch vor dem
künftigen Mann keine Heimlichkeit hat. So wirst du einmal ein rechtes
Weib werden, zu mehr kann es keine bringen! Du mußt nicht nur daran
denken, was du vor Augen hast, nicht wie ich und deine Mutter leben,
wir sind halt wohl schon alt und zuwider und da frag nicht nach. Aber
aus genotpeinigter Seel’ heraus könnt’ ich dir nichts anders sagen, als
tu so, halt dich brav! Im Himmel kennt’ sich unsereines nicht so aus,
wie vielleicht der Herr Pfarrer, aber auf Erden kann es kein lieberes
Anschauen geben, als neben einem rechten Mann ein rechtes Weib! Wirst
einmal eines, vergiß nicht darauf, der alte Reindorfer hat dir’s
gesagt, gewiß betest du mir ein paar Vaterunser übers Grab!“
„Vergelt’s Gott,“ sagte das Mädchen mit verhaltenem Atem.
Der Bauer sah sie groß an, dann sagte er lächelnd: „Ich glaub’ gar, du
meinst, das wäre gepredigt gewesen! Ich möcht’ doch nicht, es erginge
dir wie unserm hochwürdigen Herrn, dem vergessen es die Bauern von
einem Sonntag auf den andern.“
„Mein Lebtag nicht,“ sagte die Dirne.
Der Bauer aber war schon wieder an einen Baum getreten, handhabte das
Gartenmesser und tilgte Raupennester aus.
Auch Magdalene hatte die Arbeit wieder aufgenommen. -- Wie
rechtschaffen und grundgut es doch der Vater mit ihr meinte! Läßt sich
denn denken, daß jemals ein fremder Mensch es auch so mit ihr meinen
werde? Und was würde sie dann wohl diesem zuliebe tun?
7.
Wenn man einen kleinen Anstieg nicht scheut, so kann man auf kürzerem
Wege über die Hügel vom Wasser-Graben in den mitteren gelangen und
umgekehrt. Querauf über die Wiese läuft ein schmaler Pfad, verliert
sich oben im Busch und Tann und führt auf der andern Seite wieder über
eine Wiese ab.
Manchen Sonntag geleitete die Reindorfer Leni die Kleehuber Franzl
diesen Steig hinan bis zum Saume des Wäldchens, wo sie sich von ihr
verabschiedete und diese ihren Weg nach dem Wasser-Graben allein
fortsetzte. Leni ließ sich dann im Schatten der Bäume nieder, sah
von der Höhe auf das elterliche Gehöft herab und war in Rufweite von
demselben, falls man ihrer bedurfte.
So waren auch an einem Sonntagnachmittag die beiden Mädchen schäkernd
und lachend den Hügel hinangestiegen; die Franzl wußte immer zu reden
und hatte immer zu lachen, wenn es auch über nichts war.
„Was guckst du denn immer hinter dich?“ fragte Magdalena.
„Weil uns ein Bub’ nachsteigt,“ war die lachende Antwort.
„Entweder es ist nicht wahr und du möchtest mich gerne auslachen, wenn
ich den Kopf drehe, oder es ist wahr, dann schau auch du nicht zurück,
wer weiß, was sich so einer gleich einbilden könnt’!“
„Mag er sich einbilden, was er will, ich weiß, bis Fasching, wo man
heiratet, ist noch lang hin. Ich heirat’ aber auch im Fasching nicht,
ich warte bis nach Christi Himmelfahrt.“
„Da darf freilich unser Herrgott nicht herunten auf der Welt dabei
sein, wenn du heiraten wirst, du Unend’, du!“
„Ja, und weißt auch warum?“
„Nein.“
„Weil sich’s von oben schöner ausnehmen wird.“
„Geh zu!“
„Und dann noch eins, das meine ich aber im Ernst; damit er mir vom
lieben Himmel da oben einen Mann herunterwirft, denn die auf der Erd’
taugen alle nichts.“
„Du kriegst auch gewiß dein Lebtag keinen.“
„Um das Kriegen ist es nicht, aber um das Nehmen. Weißt, wie die Krämer
Liese neulich gesagt hat: ‚O Gott, wie oft hätt’ ich schon einen Mann
kriegen sollen, aber ich mag nicht so viele.‘ Und siehst, darum hat sie
auch keinen genommen.“
„Wird wohl umgekehrt gewesen sein.“
„Warum denn? Freilich hat sie ihre dreißig Jahr auf dem Rücken, aber
noch was dazu!“
„Möcht’ wissen, was?“
„Einen Buckel.“
„Jetzt behüt dich Gott. Heut bist du schon gar ausgelassen, ich bin
ordentlich froh, wenn ich dich loswerde.“
„Glaub’ es dir gerne, Leni, denn der Bub’, der uns nachgestiegen
ist, steht nicht gar weit dort am Weißdorn und zählt, glaub’ ich,
die Blüh[9], wenn ich von dir geh’, wird er just damit fertig sein,
vielleicht sagt er dir dann auch, wie viele es sind. Schau doch einmal,
wer es ist!“
„Was bekümmert das mich?“ sagte Magdalena heftig. „Du hast Zeit, daß du
gehst, du weißt, daß ich solche Dummheiten nicht leiden mag, also laß
sie sein. Ich frag’ nach keinem, und verlang’ nicht, daß einer nach mir
frage.“
„Aber Leni, besinn dich, ich bin ja doch keiner und wär’ ich auch
einer, ich tät’ doch nicht nach dir fragen, nach dir gewiß nicht!
Schau, wie du zornig sein kannst, das sähe dir niemand an.“
„Jetzt behüt dich Gott.“
„Du sag, muß ich von dir da weglaufen, oder darf ich fein langsam
gehen?“
„Geh langsam, der Teuxel wird dir nicht nachlaufen, dem bist du sicher.“
„Gelt, Leni, nächsten Sonntag gehen wir doch wieder miteinander?“
„Aber gescheit mußt du sein.“
„Gewiß. Und nun behüt dich Gott! Nur eines, sag mir dann auch, wenn du
es mittlerweile erfährst, wieviel Blüh so ein Weißdorn hat.“
Lachend verschwand sie hinter den Tannen.
Magdalena sah ihr nach. „Die ist auch dem Teuxel aus der Butte
gesprungen[10] und hat kein Bein dabei gebrochen!“ Sie lächelte und
ärgerte sich im stillen, daß sie sich über das neckende Gerede hatte
ärgern können. Warum mußte sie es auch gleich übelnehmen? Es konnte
doch jemand denselben Weg haben und ohne Arg hinter ihnen hergehen?
Was brauchte sie zu fürchten, oder verlegen zu sein, selbst wenn es
ein Bursche wäre, der sie anspräche? Gute Nacht auf den Weg! Damit ist
alles abgetan. Wer es aber wohl sein mochte? Sie wandte sich um, aber
nun hatte sie die Sonne im Gesichte, sie trat unter den schützenden
Schatten eines vorhängenden Strauches, setzte sich in das Gras und
blickte von dort nach dem Weißdorn. Da trat der Bursche davon weg und
kam auf sie zu. Es war der Müller Florian.
Sie sah betroffen vor sich nieder, die hohen Grashalme strichen an
ihrem Gewande hinauf und wiegten bedächtig die Köpfe.
„Grüß Gott, Reindorfer Leni!“ sagte der Bursche.
„Grüß Gott,“ sagte sie.
„Ich hab’ nur gewartet, bis die Schnattergans von dir weggegangen ist.
Wieder einmal hab’ ich mit dir reden wollen.“
„Es ist lang her, daß wir uns nicht gesehen haben,“ sagte, unbefangen
aufblickend, das Mädchen.
„Das möcht’ ich gerade nicht sagen, obwohl du für dein Teil auch darin
recht hast. Gesehen hab’ ich dich oft genug in der Kirche, aber du hast
von deinem Gebetbuche nicht aufgeblickt. Darüber hab’ ich mir zuerst
eingebildet, daß du mir vielleicht böse bist.“
„Warum sollt’ ich das sein?“
„Das hat mir später auch eingeleuchtet, denn du bist viel zu gescheit
dazu, mir nachzutragen, was ich etwa dazumal als täppischer Halbjung’
zu dir geredet; wenn ich uns zwei heut’ betrachte, muß ich mich
rein schämen, wie man mag so gottvergessen dumm sein! Damal ist mir
geschehen, wie mir gebührt hat, und später war auch hoch einbilderisch
von mir, daß ich gemeint hab’, du hältst dich derowegen von mir fern.
Das bring’ ich nur vor, damit du weißt, was ich von dir denke und wie
ich meine, daß auch du denken wirst. Aber mit dieser Einsicht lange ich
nicht weit und da hab’ ich dich auch fragen wollen, warum du gerade
gegen mich anders bist? Du hast doch sonst kein unfreundlich Wesen an
dir, ich verlange nicht mehr als ein anderes, dir wildfremdes, aber
warum ich weniger verdienen sollte, das möchte ich doch auch wissen?“
„Schau, du weißt es ja ohnehin, meine Eltern wollen keinen Verkehr
zwischen uns. Was soll ich mir unnötig Verdruß zuziehen?“
„Deine Eltern tun mir hart unrecht,“ sagte der Bursche.
„Es mag wohl sein,“ sagte das Mädchen und sah ihn lächelnd an, „aber
stark genug bist ja geworden, wirst es schon zu ertragen wissen, meine
ich.“
„Du hast leicht lustig sein,“ sagte er und setzte sich, zwei Schritte
weit von dem Mädchen, auf den Rasen. „Du hast leicht lustig sein, du
weißt nicht, wie mir ist. Hätte es einen Grund, dann hätte es doch
einen; so möchte man doch wissen, warum? Darüber hab’ ich mir schon
lang’ Gedanken gemacht. Und es hilft mir nichts darüber weg. Selbst das
sackermentische Rauchen hab’ ich mir angewöhnt, aber es vertreibt mir
sie nicht.“ Er warf die Pfeife vor sich in das Gras.
„So,“ sagte Magdalena, „zerbrich sie nur. Hast du so viel Geld? Eine
neue kaufst du dir ja doch wieder.“
„Der Krämer hat genug so Zeug und kostet keine ein Haus. Und da sieh“
-- er hob die Pfeife von der Erde auf --, „wenn sie dir erbarmt, es ist
ihr nicht einmal etwas geschehen, ich wollt’ nur, es möcht’ alles so
ausdauern wie eine Pfeife.“ Er seufzte tief auf.
„Geh zu,“ lachte das Mädchen, „du könntest einem schier völlig selber
erbarmen.“
„Ja, es wird schon kommen, wenn mich mein Schicksal so hinwirft wie die
Pfeife, aber es wird mich dann niemand mehr aufklauben können.“
„Wie du gleich verzagt tun magst.“
„Weil mir unrecht geschieht.“
„Von wem denn?“
„Ich hab’ es ja schon gesagt.“
„Schlag dir das aus dem Sinn, so wird es dir gerade so gut gehen, wie
den andern.“
Der Bursche hob feierlich die Pfeife in die Höhe. „Rauch’ ich denn
nicht?“
„Rauchen mag freilich nicht helfen, hängt man doch das Fleisch in den
Rauch, daß es sich hält, wird es mit den Gedanken auch nicht anders
sein.“
„Du kannst halt so viel lustig sein,“ sagte er trübselig.
„Sei du nur nicht gar so viel spaßig, du redest in einem fort von
deiner Pfeife, aber so traurig wie ein Leichenansager und rauchst so
schlechten Tabak dabei, daß man husten muß und warum? Weil dir unrecht
geschieht, sagst du. Ich wüßt’ nicht, wie das dagegen helfen soll? Hat
doch neulich, nur der Blattläus’ wegen, mein Vater ein Rosenstöckl
angeraucht, er wär’ bald dabei erstickt und die sind darauf geblieben.“
„So wird mir’s auch ergehen mit meinem Rosenstöckl,“ seufzte Florian.
„Hast du auch eines?“
„Das schönste auf der Welt!“
„Daheim?“
„Da hätt’ ich es freilich für all mein Lebtag gern, aber noch läuft es
frei herum.“
„Das Rosenstöckl? Muß wohl ein ganz besonderes sein! Hat es leicht gar
einen Namen?“
„Freilich.“
„Wie heißt’s denn?“
„Rate einmal.“
„Das ist mir zu schwer, ich hab’ unter meiner Bekanntschaft kein
Rosenstöckl.“
„Geh zu, du merkst recht gut, daß ich dich selber meine!“
Die Dirne lachte laut auf.
„Dazu lachst du?“ fragte bestürzt der Bursche.
„Weil du dich so viel gut auf das Schönheitensagen verstehst! Ich
bedank’ mich schön für die Ehr’, dein lausig’ Rosenstöckl zu sein!“
„Kreuzsakra, das ging gefehlt,“ sagte Florian, dann lachte auch er.
„Hast recht, ich versteh’ mich auch nicht darauf und es ist mir recht
lieb, daß du nicht, wie die anderen Dirnen, einen Wert darauf legst.
Sauer ist’s mich genug angekommen, aber dir zulieb tät’ ich ja alles!
Herzfroh bin ich, daß wir fein gerade und vernünftig reden können.“
„Ja, lassen wir die Dummheiten sein, Flori. Die und die anderen auch!
Gezeigt hätt’ ich dir, meine ich, daß ich dir nicht unfreundlicher
bin als den andern; mehr, hast du gesagt, tätest du ja auch nicht
verlangen, also bleib dabei.“
„Beinah’ meine ich aber doch, es wird mir zu wenig sein. Schau, Leni,
auf die Eltern hören ist immer brav, und ich wär’ der letzte, der dich
davon abreden möcht’. Aber was sie den Kindern schaffen, soll doch Hand
und Fuß haben, und nicht aus purem Eigensinn geschehen. Wenn du mit gar
keinem Burschen solltest reden dürfen, dächt’ ich, es ist übertrieben,
aber noch wär’ Sinn und Verstand dabei, -- aber nur mit mir nicht! Was
macht mich schlechter als die andern, die da herumlaufen? Ich darf mich
wohl für so gut halten wie die, und es wär’ mir leid um mich selber,
wenn ich nicht besser sein möcht’ wie manche darunter! Ich weiß,
darüber kannst du selbst nicht anders denken.“
„Nun ja, wie kann ich wissen, was meine Leute gegen dich haben?“
„Ich frag’ aber, was können sie gegen mich haben? Wird was Rechtes
sein! Meinst du, wenn es einen ordentlichen Hauptgrund hätte, sie
würden ihn dir nicht sagen, damit sie ganz sicher gingen? Gewiß. Eben,
weil sie nichts vorzubringen wissen, ist es nichts als Eigensinn, wie
oft bei alten Leuten. So gut, wie ich es weiß, werden sie es auch
wissen, daß auf dich als aufrechte Dirn’ ein Verlaß ist! Du kannst
jedem ein zutunlich Wesen verleiden, aber du kannst keinem auf eine
ehrliche Meinung die ehrliche Antwort schuldig bleiben! Nun frag’ ich,
kann ich dir denn etwas anderes sagen wie die Bursche, mit denen dir
doch zu reden erlaubt ist? Ich wüßte nicht und bedank’ mich recht
schön für die Ausnahme! Deine Eltern müssen rein glauben, daß dich mein
bloßer Atem umbringen könnte, als ob ich ein vergiftet Tier wär’, so
ein Basilikum, oder wie es heißt, du hast vielleicht davon gehört!“
„Nein, ich weiß wirklich nicht, was meine Leute sich einbilden, daß du
für ein Tier bist.“
„Heut ist mit dir kein vernünftig Wort zu reden. Ich glaub’,
die Halbscheid von der Kleehuber Franzl ihren Possen ist in dir
steckengeblieben. Und es tut mir weh, daß du mit so ernsten Sachen
deinen Spaß treiben magst. So aber -- tröst’ ich mich -- ist nur
heute! Du hast ein nachdenklich Wesen und es kann nicht ausbleiben,
so wirst du merken, daß nicht nur mir, daß uns allen beiden hellauf
unrecht geschieht, und daß gerad’ wir zwei die Welt überweisen könnten,
daß Sünd’ und Schad’ wär’, uns auseinander zu halten, da wir doch
ihr zeigen könnten, was ein rechter Zusammenhalt in Zucht und Ehr’
vermag. Heut will ich dir nicht weiter davon vorreden, was dir aus dem
Munde kommt, kommt dir wohl gar nicht aus dem Kopf und Herzen und du
spaßest vielleicht nur, weil dir die Sache selber gar ernst vorkommt;
Weibsleute, die auf die erste Rede gleich ja oder nein wissen, meine
ich selber, sind unüberlegt oder zu gut erfahren; die auf sich halten,
mögen gerne derlei überschlafen. Morgen, wenn schön Wetter ist,
Vollmond tät freilich im Kalender stehen, komm’ ich wieder daher, find’
ich dich, sollte es mir lieb sein, ich hätte dir viel zu sagen von dem,
was du heute nicht hören willst, weil es das erstemal ist, weil es
unerlaubt sein soll, und weil du selbst noch nicht weißt, wie du recht
tun sollst. Überleg es. Find’ ich dich nicht, dann will ich mich auch
darein schicken, obwohl mir ein wahrer Trost wäre, mich dir gegenüber
wenigstens ausgeredet zu haben, und Rede bindet ja keines. Ich erwarte
nicht, daß du jetzt ja oder nein darauf sagen wirst, man kann sich
nichts vornehmen, bevor man überlegt hat. Morgen, wenn Vollmond sein
wird, komm’ ich wieder her. Jetzt vieltausend gute Nacht, Leni!“
„Gute Nacht!“
Sie sagte nicht ja und nicht nein, langsam ging sie den Fußsteig
hinab nach der Straße, die aufdringlichen Gräser streiften ihre Füße,
häkelten sich mit den Fruchtsporen in die Maschen ihrer Strümpfe, als
wollten sie das Mädchen aus seinen Träumen erwecken.
Die Sonne stand schon hinter dem Wäldchen gegenüber.
Gewiß der Florian konnte es nicht anders meinen als ehrlich, und ihre
Eltern taten dem armen Burschen unrecht!
* * * * *
Als die Sonne den nächsten Tag zur Rüste gegangen war, da kam der
Vollmond den unbewölkten Himmel herauf, er tat es aber nicht einem
Burschen zu Gefallen, der so sehnsüchtig auf seinen Aufgang wartete,
er übernahm auch keine Verantwortung dafür, daß nach vielem Schwanken
ein Mädchen sein Erscheinen, wie ein Glücksspiel, darüber entscheiden
lassen wollte, ob sie zu dem Wäldchen hinansteigen solle oder nicht;
von all dem wußte er wohl gar nichts und so zeigte er unbefangen den
beiden sein freundlichstes Gesicht und das nahmen sie für eine gute
Vorbedeutung.
Der Bursche stand schon eine geraume Weile unter den Tannen, deren
weiße Stämme im Mondenlichte silbern gleißten, eine laue Luft fächelte
seine geröteten Wangen und trug den Duft von den Gräsern, den blühenden
Büschen und den harzigen Tannen durch die stille Nacht.
Da hörte er unten an der Straße ein Tor öffnen und wieder zuwerfen, in
dem Schatten des Hauses, der über dem Fahrwege lag, huschte es dahin,
und auf dem Wiesensteige trat es in das glänzende Licht, es war ihm
das herzliebste Dirndel auf der Welt, das da mit blütweißen Ärmeln und
fliegendem Röckchen daherkam.
Aber so leicht sollte ihr das nicht werden, das Gras war aufdringlicher
als je, Abendtau war gefallen, die Halme näßten ihr die Füßchen,
ballten sich unter ihrem Tritte zusammen und machten sie straucheln,
selbst der Weißdorn langte nach ihrem Kleide und suchte sie
zurückzuhalten, ganz oben am Wäldchen erschreckte sie noch ein
Nachtvogel, der mit leisem Fluge ihr über dem Kopfe hinstrich.
„Grüß dich Gott, Leni,“ sagte der Bursche zu ihr tretend und bot ihr
die Hand. „Ich vermöcht’ dir nicht zu sagen, wie mich dein Kommen
freut.“
„Grüß dich Gott, Flori,“ sagte rasch atmend Magdalena. „Ich weiß nicht,
ob ich recht damit tu’, ich weiß wahrhaftig nicht, mir ist so eigen
ängstlich, gleichwohl nichts Unrechtes dabei ist, aber es ist das
erstemal in meinem Leben, daß ich etwas unternehm’, was ich vor der
Welt heimlich halten möcht’ und ganz für mich allein.“
„Ein bißchen Heimlichkeit gehört wohl dazu,“ sagte Florian. „Wir hätten
uns gewiß keines zum Brunnen mitten im Orte getraut. Es dauert auch nur
so lang’, bis man weiß, woran man ist und dasselbe möcht’ ich dir jetzt
abfragen.“
„So frag halt.“
„Als Kinder haben wir uns leiden mögen, als halbwüchsig sind wir immer
zusammen gewesen, und wie mir weh’ geschehen ist, daß du dich von da
an hast von mir ferngehalten, das kann ich dir gar nicht sagen. Oft
genug hab’ ich dich mir die Zeit über betrachtet, bildsauber bist du,
kreuzbrav dazu und gescheit obendrein, es gibt nichts Zweites auf der
Welt wie du bist, für mich nicht, -- damit du nicht glaubst, ich rede
ungesund daher, so sag’ ich, für mich nicht; wenigstens wüßte ich
nicht, was ich angeben möchte, wenn du solltest eines anderen werden!
Wenn wir von Kind auf gedenken, tausend Einfälle und Stückeln sind uns
immer dem einen durch das andere gekommen, wir können uns für alle
Lebzeit im Gedächtnis nicht loswerden, und weil wir uns so gut kennen
und allweil so gleich Schritt gehalten haben, so meine ich, wär’ auch
gleich gescheiter, wir gingen lieber in einem Stück fort das ganze
liebe Leben lang miteinander! Uns kann nicht geschehen, wie oft anderen
zusamm’ verheirateten Hascherln, daß sich dann keines in das andere zu
schicken weiß; wir wissen es, was wir aneinander haben und jedes weiß
sich auch vom andern danach wertgeschätzt.“
Magdalena sah zu Boden, wickelte die Schürze über die vollen Arme und
wieder von denselben. „Es muß ein Unglück sein,“ sagte sie leise,
„ich hab’ es aus meines Vaters Reden entnommen, es muß ein großes
Unglück sein, wenn ein rechter Mann oder ein rechtes Weib nicht mit
ihresgleichen sich zusammenfinden.“
„Ganz recht hat da dein Vater, und ich meine schon selber, wie die
Leute sagen, er wär’ nicht dumm, aber in einem Stück könnte er wohl
auch den Gescheiteren machen; ich möchte ihn schon dafür in Ehren
halten, wie ihm gebührt.“
„Aber schau, Flori, wenn er so gescheit ist, so hat er doch am End’
seine Ursachen?“
„Sorge nicht, Leni, auch die gescheitesten Leute haben ihre Mucken.
Erst muß er mich doch kennen lernen, dann mag er reden und darauf
fürcht’ ich mich nicht, wenn ich nur eines weiß.“
Magdalena sah schweigend zur Seite.
„Wenn ich eines weiß,“ sagte Florian, „entweder frag’ ich dann nach
keinem Himmel mehr, oder mich schreckt auch keine Höll’!“
„Geh, das ist lästerliches Reden.“
„Nur die Wahrheit ist es, und frei heraus sag mir, Leni ob du mich
leiden magst?“
„Ich weiß nicht.“
Er faßte sie an beiden Händen, die leise zitterten, wendete sie gegen
sich, sah ihr treuherzig in die Augen und sagte: „Geh, du weißt es
schon, sag es!“
Was sollte daraus werden? Sie vermochte nicht zu reden, sie konnte
nicht ja sagen, nicht um die Welt, und nicht nein, wenn man ihr eine
zweite dazu geboten hätte, und war doch die eine, die in der hellen
Mondnacht vor ihr lag, so schön, und so selig auf ihr zu sein! So
bekannt wie von vieltausendmal her und so unverlierbar, so ganz unser
eigen, daß wir sie mit einem teilen und an andere schenken können. So
soll es ja sein. Was fragt der rasche Herzschlag: Teilst du mit ihm?
Teilst du mit ihm?
Ihre Finger klammerten sich fest um die seinen.
Und er sagte leise und fröhlich: „Wenn du es auch nicht sagst, nun weiß
ich es doch.“
Da lief ein flüchtiges Zittern über ihren Körper, sie wollte es ihm mit
schämigem, schalkhaftem Blick verweisen: Sei nicht so einbilderisch!
Aber ein paar Tränen, die ihr an den Wimpern zitterten, verhinderten
sie, das Auge aufzuschlagen, und das Köpfchen, das sie gar trotzig
schütteln wollte, lehnte sich traulich an seine Schulter.
Da tat der Bursche einen lauten Juhschrei, und als sich das Mädchen
erschreckt von ihm losmachte und davoneilen wollte, hielt er es an
der Hand zurück und flüsterte: „Sei nicht bös, mir ist so himmel- und
erdfreudig, daß es hat heraus müssen, wird es ja niemand Unrechter
gehört haben! Morgen, einmal noch, komm da herauf, und übermorgen
rede ich mit meiner Mutter. Weibern vertraut man derlei lieber an,
es erinnert sie selber an ihre ledige Zeit, und es ist ihr liebstes
Geschäft, wenn sie können eine Heirat richtig machen.“
Das Mädchen drückte ihm die Hand.
„Gute Nacht,“ sagten sie alle beide und traten eines von dem andern
zurück, sie wußten sich für heute nichts mehr zu sagen.
Magdalena ging auf dem Fußsteige dahin, Florian sah ihr nach, bis zum
Weißdornbusch war sie gekommen, da rief er: „Auf morgen!“
Sie blieb stehen, brach ein Zweiglein ab und sagte leise: „Morgen.“
Dann setzte sie ihren Weg fort, ungehindert und unbeirrt; die
Nachtvögel hausten da oben im Tann, der Weißdorn hatte ihr ein
Blütenbüschel geben müssen, und das Gras, vollgesogen von Tau, ließ
teilnahmlos die Halme und feinen Rispen hängen. Unten an der Straße
verschwand das Mädchen im Schatten.
Da horchte Florian noch auf, wie sich das Tor unten öffnete und schloß,
und dann schritt er fröhlich durch den Tann.
Durch den Tann im Vollmondschein! Das Tannenwäldchen war so feierlich,
so still, so ruhig wie eine Kirche, und ohne Laut mit hochklopfendem
Herzen und frischem Atemzuge durchschritt er es. Als er jenseits aus
demselben heraustrat und hinabblickte auf sein Elternhaus, da ward ihm
so jubeltoll, er faßte eine junge Tanne am Waldessaume und versuchte
sie aus dem Erdreiche zu ziehen.
Der junge Baum aber stach und sperrte sich gewaltig und knarrte: Oho,
so leicht geht das nicht!
Lachend ließ er los.
Dann sah er schweigend eine Weile in die Gegend, warf die Arme von
sich, als könnte er sie, wie weit sie auch da vor ihm lag, an das Herz
drücken und rief: „O Herrgott, wie schön ist doch deine Welt!“
Dann ging er hinab nach der Mühle und schlich sich nach seiner
Schlafstelle. „Allzusammen wissen sie noch nicht, was ich weiß.“ Er
lachte fröhlich auf, dann hatte er nur einen Gedanken: Morgen!
„Mein gehört eines auf der Welt! -- -- Und wenngleich morgen alle
Heimlichkeit vor den Leuten aufhört, bleibt allfort eine zwischen uns
und das ist das Schönste! -- -- Ob sie auch so meint? das frag’ ich sie
-- morgen -- wenn nur auch schon morgen wär’!“
Es gab nichts Klügeres, als den Rest vom Heute wegzuschlafen, damit
doch Morgen käme.
* * * * *
Der alte Reindorfer saß noch im Hofe und rauchte in der Laube seine
Pfeife, als Magdalena heimkam, er schüttelte den Kopf, als die Dirne
mit einem scheuen „Gute Nacht, Vater“ an ihm vorüberhuschte.
Das Mädchen aber ging nach dem Schlafstübchen, das sie mit der Mutter
teilte, die alte Frau schlief fest; Magdalena öffnete leise das
Fenster, weiche würzige Luft wehte hernieder vom mondbeglänzten Tann,
zu dem sie aufblickte.
Also das ist Liebe, was sie nun empfindet! Viel wissen die Leute
darüber zu reden, aber keines weiß es auszusagen, wie das ist! -- --
Jetzt geht er dort durch das Wäldchen -- nun ist er wohl schon heraus
und steigt zur Mühle hinab. -- „Gute Nacht, Flori!“ -- Und dann soll
eine Zeit kommen, wo sie nicht mehr getrennte Wege gehen, sondern
allimmer zusammen, und wo sie vor Gott und der Welt ihm angehören soll
für das ganze Leben!
Ihre Hände umspannten das Fensterkreuz, als wollten sie es zerdrücken.
„Du willst ihm ein rechtes Weib sein,“ sagte sie und ließ tief
aufatmend die Arme sinken und sah hinaus in die Mondnacht. Ruhiges
freundliches Licht über der stillen Erde. Und wieder überkam sie das
Gefühl, das gehört uns, wir teilen es und schenken es an andere!
Ein froher Schauer durchrieselte sie, aber das Blut stieg ihr nach den
Wangen, rasch schloß sie das Fenster und begab sich zur Ruhe.
8.
Diesmal jagten Wolken über den Nachthimmel und deckten von Zeit zu Zeit
die Mondscheibe und dann lief jedesmal ein schwarzer Schatten über die
Gegend.
Oben bei dem Tannenwäldchen saßen Hand in Hand Magdalena und Florian,
und so oft es um sie dunkelte, lösten sie ihre Hände und hielten im
Reden inne, bis es wieder licht geworden war.