Der Priester und der Sterbende waren allein. --

Der Seelsorger war ein kräftiger junger Mann von Mittelgröße, galt aber

wegen seiner Körperfülle eher für klein, und ein sogenanntes Doppelkinn

verlieh ihm vollends dem Äußeren nach einen behäbigen Anschein, welchem

jedoch sein lebhaftes Auge und seine rege Beweglichkeit widersprach.

Er schritt rasch nach dem Tische und entfernte für einen Augenblick

den Schirm von der Lampe, um nach dem Kranken zu sehen, der mit

geschlossenen Augen im Bette lag, der farbige Überzug der Polster hob

die eingefallenen, scharfen Züge noch mehr hervor, die abgezehrten

Arme lagen schlaff über der Bettdecke, nur manchmal zuckte es in den

Fingerspitzen.

Der Kranke merkte sich beobachtet, er meinte zeigen zu müssen, daß er

wach sei. „Die Gundel,“[3] sagte er heiser, „die Gundel“ -- so hieß

seine Wärterin -- „hat mich wohl verklagt, ich bete ihr alleweil zu

wenig, es hilft ja doch zu nichts mehr, nein, es hilft nichts mehr;

wenn nur das Versehen[4] helfen möcht’.“

Der Priester trat an sein Lager.

„Herlinger, kennt Er mich denn?“

„Ach ja wohl, freilich, Hochwürden. Hab’ Euch ja rufen lassen, damit

Ihr mich einölen sollt, der Doktor meint, er könne nichts mehr richten,

da müßt halt Ihr jetzt Eure Kunst probieren. Ich hab’ mehrere gekannt,

die es ein paarmal mitgemacht haben und nach jedem Versehen noch eine

Zeit herumgelaufen sind. Es ist fast so, wenn man das liebe geweihte Öl

auf dem Leibe hat, als könnte der Tod nimmer so hart anfassen, -- hihi

-- man rutscht ihm aus.“

„Nun ja, Herlinger, wenn Gott will, kann er Ihm auch noch Seine Zeit

verlängern, aber das Sakrament der letzten Ölung ändert nichts an

seinem ewigen Ratschlusse.“

„Und warum nicht? Zu was hätten wir denn dann die hochheiligen

Gnadenmittel, als um etwas gegen ihn ausrichten zu können, wenn kein

Gebet mehr verfangen will?! Dazu sind sie da, o, ich kenn’ mich aus,

ich verabsäum’ es nicht, denn da heißt’s wohl auch: Friß Vogel oder

stirb!“

„Herlinger, weiß Er auch, was Er spricht? Regt Ihn etwa das Reden zu

viel auf?“

„O nein, nein, Hochwürden. Ich müßt’ ohnedem in einem fort reden, denn

mir geht allerhand durch den Kopf. Aber ich laß mich nicht irremachen

und wenn ich bei einer Sach’ verbleib’, so weiß ich ganz gut meine

Meinung.“

„Gut, doch muß Er auch imstande sein, Müller, auf das zu hören, was ich

Ihm zu sagen habe.“

„Ich bin ja noch bei mir, warum sollt’ ich nicht aufmerken können?“

„Ich finde Ihn in einer schlechten Verfassung; Herlinger, das ist keine

Vorbereitung zu dem Empfange der heiligen Sterbesakramente, das muß Er

ganz anders anfassen, sonst kann ich sie Ihm nicht spenden.“

Das Bett schütterte unter dem Kranken, dem die Angst die Schlaffheit

der Glieder löste. „Ihr müßt,“ kreischte er auf, „Ihr müßt! ich gehöre

zur Pfarre, habe immer mein Teil und darüber gerne gegeben, Ihr habt

mein Geld genommen, Ihr müßt! -- Ihr werdet es ja doch nicht über Euer

Gewissen bringen, Hochwürden,“ setzte er flehend hinzu, „daß Ihr mich

da liegen laßt, ohne Versuch, mir aufzuhelfen?“

„Das ist es eben, Herlinger; Er vermeint, durch die Sterbesakramente

bleibe er am Leben, darum verlangt Er nach ihnen. Ihm fehlt die

christliche Ergebenheit in den Willen Gottes, Er glaubt wohl gar, es

anders erzwingen zu können, Er begehrt keine Gnadenmittel, Er will

Wundermittel, und die habe ich nicht. Eine heilige Handlung kann ich

aber nicht mißbrauchen lassen, es hieße Spott damit treiben, wollte

ich einem Menschen die letzte Ölung spenden, der sich dabei mit dem

Gedanken trüge, es möge doch nur die vorletzte oder drittletzte gewesen

sein!“

„Tut nur nicht gleich so bös’, hochwürdiger Herr. Ihr wißt freilich

besser Bescheid in solchen Sachen wie ich, müßt mir halt sagen, was ich

tun muß, daß ich dazu gelangen kann.“

„Wenn Er auf Seinen verfallenen Leib blickt, Müller, dann muß Er sich

wohl selber sagen, wie wenig zu hoffen ist und daß Er ganz etwas

anderes der Barmherzigkeit Gottes zu empfehlen hätte.“

„Nichts für ungut, -- aber wie man sich halt oft so Gedanken macht, --

ich begreif’ schon, mit ihm vergleichen muß man sich wohl, daß er es

einem im Leben gut geschehen läßt, gut’ Freund muß man wohl mit ihm

bleiben, sonst verhagelt er einem die Felder und schickt Kümmernis

und Trübsal, aber man vermeint doch, für weiter hinaus könne er einem

nichts mehr anhaben! Wenn es aus sein soll mit mir, wozu brauch’ ich

ihn dann? Wenn einer verstorben ist, so ist er wohl ganz und gar

verstorben.“

„Herlinger, Er ist auch einer von denen, die Gott fürchten wie den

Teufel, darum möchte Er ein Ende der Herrschaft absehen. Ich aber

sage Ihm, Gottes Macht und Herrlichkeit leuchtet über Lebende wie

über Tote in gleicher Helle, und darüber ist keiner so ganz sicher,

ob ihm nicht dereinstens vor ihr die Augen übergehen; denn wie keiner

weiß, von wannen er kommt, so ist er auch nicht gewiß, wohin er geht,

und ich möchte den Allmächtigen nicht versuchen, was er für weiter

hinaus mir anhaben, wozu ich ihn noch gebrauchen könnte, denn nach der

Zeitlichkeit beginnt die Ewigkeit!“

„Hochwürden, glaubt Ihr daran?“

„Warum sollte ich sagen, was ich nicht glaube?“

„Wohl, Ihr hättet es nicht Ursache. Aber doch -- nicht jeder darf

reden, wie er es vermeint; was seines Amtes ist, daran muß er sich

halten. Hab’ einen Advokaten gekannt, der hat auch gesagt, von der

Wahrheit könne er nicht leben.“

„Verblendeter Mensch! Wenn ich dir jetzt mit den Tröstungen der Kirche

beispringe, was bin ich denn anders als dein Advokat, der dich nicht

unvorbereitet, nicht unverteidigt vor den Richterstuhl Gottes treten

lassen will?! Aber auch ich werde da mit der Wahrheit nicht weit

kommen, denn ich darf deine Sünden und Vergehungen nicht die strenge

Gerechtigkeit Gottes aufreizen lassen, austilgen muß ich sie durch die

Gnadenmittel, damit ich seine Erbarmung für dich anrufen kann!“

„Ja, ja, es möcht’ schon recht sein, wenn Ihr so tätet, es könnt’ nicht

schaden, wenn es nur nützt! Aber ihr hochwürdige Herren seid ja selber

so, alle Ostern seht ihr einem die Sünden nach, und darauf rückt ihr

sie ihm wieder allzusammen vor, -- wenn bestimmt ist, daß es einem

eingebracht werden soll, so steht wohl auch schon das Urteil fest, was

hilft nachher alles Beten und zum Kreuz kriechen?“

„Es hilft auch nicht ohne aufrichtige und -- wo es noch etwas

gutzumachen gibt -- tätige Reue. -- Wie aber kommt Er dazu, Herlinger,

daß Er sich leichter in eine harte Führung und ein strenges Gericht

Gottes ergibt, als an dessen Milde und Barmherzigkeit glaubt?“

„Ja, es ist mir halt alles im Leben so überquer gekommen, immer eines

auf das andere, als ob es hätt’ sein müssen, niemal ist es mir so gut

geworden, daß ich einem Jammer hätt’ ausbeugen können, niemal hat

es mich aus einem Drangsal gerissen, wie andere oft, daß man meint,

ihr Schutzengel führt sie an der Hand heraus, und wenn man so immer

und alleweil ohne jede Hilfe verbleibt, dann merkt man wohl, wie man

nie etwas hat tun können gegen das, was werden will, und wenn es der

Herrgott auf einen abgesehen hat, da muß man noch froh sein, wenn

man ihm abbetteln kann, daß er es nicht gar zu grob macht. -- Als

kleiner Bub’ hab’ ich meine Mutter verloren, mein Vater hat nach ihr

ein junges Weib genommen und kurz darauf kam auch ein Stiefbruder zur

Welt, natürlich waren bald alle drei gegen mich, die Bäurin wegen ihrem

Kind, der Vater wegen der Bäurin und der kleine Stiefbruder hielt sich

an das Beispiel der beiden; nun ja, mein Erbrecht auf die Mühle trug

mir all die Gehässigkeiten ein, das konnte ich freilich damals nicht

wissen, in so jungen Jahren hat man noch nicht den Verstand, aber eben

wo man gar keine Ursache weiß, da tut es desto weher, wenn man immer

so lieblos aus dem Wege geschoben wird. -- So bin ich aufgewachsen,

daheim hab’ ich nichts Gutes genossen, aber auch außerm Haus hätt’ ich

mir nichts herausnehmen sollen. Die andern alten Leute lachten, wenn

ihre Bursche wild und toll taten, und meinten, so verbleibt’s nicht

und sie würden sich schon die Hörner ablaufen, mir aber sagte mein

Vater, ich sollte mir derlei vergehen lassen, sonst erschlüge er mich.

Daß ich ihnen neidig war, sahen sie gar bald, und sie zahlten mir mit

Spott heim. Da hab’ ich denn aus Trotz angefangen, es heimlich ärger

zu treiben, wie sie offen; o, auf krummen Wegen findet man schon auch

seine Leute, ist zwar dem einen an dem andern nichts gelegen, aber zum

Gruß und Dank ist man sich gerade gut genug.“

Der Pfarrer rührte mit der Hand an die Bettdecke. „Hör’ Er, Müller, da

gibt Er wohl selber zu, daß das nicht zu loben und nicht gut getan war,

ich denke, es könnte Ihm auch die Reue darüber nicht schwer fallen.“

„Das nicht, Hochwürden, das wohl nicht, derlei unbedachte Sündigkeit

mag wohl einer rechtschaffen bereuen! Wer weiß, ob es nicht ohne

das mit mir ganz anders stünde, -- ob ich jetzt auch schon so siech

daläge?! Hab’ ohnehin meine wilde Zeit einmal abbrechen wollen, aber

es hat ja nicht sein sollen. Das war, wie die Weninger Kathrin’ zu uns

auf die Mühle in Dienst kam, mit der hielt ich es auf der ehrlichen

geraden Straße, der war viel an mir gelegen, und ich freute mich, daß

ich einmal auch so eine fand. Was für ein Ende es genommen, darauf

mögen sich wohl noch viele Leute im Ort besinnen, mein Vater steckte

sich hinter den Herrn Pfarrer und den Herrn Bürgermeister, durch den

Schandarm ließ er die Dirne, die keine sichere Stunde mehr hatte, von

der Mühle wegholen, mit Dieben und Landstreichern auf einen Karren

laden und nach ihrer Heimat abschieben. Seither hab’ ich das Weibsbild

nicht mehr gesehen. Mich aber nahm der Vater in seine Stube und sagte,

wenn mir nur um das Heiraten zu tun wäre, so hätte er eigentlich nichts

dagegen, und es schicke sich eben eine Gelegenheit dazu, die ihm

tauge und auch mir recht sein könne; auf den Strauch geschlagen habe

er schon, die reiche Müllerstochter aus dem Nachbarort gäbe man mir

gerne und die dürft’ mir doch nicht zu gering sein? Am Hochzeitstage

wolle er mir die Mühle verschreiben, und dann mit Weib und Kind nach

dem Hof der Schwiegereltern ziehen, weil die alten Leute sich zur Ruhe

setzen möchten. Ob ich mit all dem einverstanden wäre? Ich sagte:

nein, -- und wenn er mir eine Kronprinzeß zum Weibe angetragen hätte,

ich hätte ihm nein gesagt, nur um ihn zu ärgern, und dabei glaubte

ich auch bleiben zu können; aber er führte mich zu seinen Büchern und

Aufschreibungen, und da hatte es nicht viel Rechnen not, so wußte

ich, wie eine Stiefmutter wirtschaften und zur Seite schleppen kann.

Der Vater hatte mir gar nichts mehr zu vererben, binnen Jahr und Tag

konnten uns die Gläubiger aus unserm Besitze treiben und ich hätte, wie

der ärmste Knecht, mir Brot und Unterkunft suchen müssen; wollte ich

die Mühle, worauf die Herlinger an die hundert Jahre gehaust hatten,

behalten, so mußte ich wohl die Müllerstochter nehmen und so hab’ ich

sie denn auch genommen. Meine Sippschaft zog fort, und wenn nur ein

wenig Glück mit meinem Weibe hätte einziehen wollen, es wäre nun Platz

gewesen! Viel Geld, das muß ich sagen, kam mit ihr in das Haus, aber

wenig Segen. Ich merkte bald, wir waren einander zu gleich, es hatte

eines dieselben Fehler und Untugenden wie das andere, und da rechtet

keines mit sich, sondern was man nicht gerne an sich selber sieht, das

verschimpfiert man dann an dem andern. Sie war nicht besser wie ich.

Ich sage nicht, daß sie auch leichtlebig gewesen wäre, aber sie war

nicht besser als ich, und die Weibsleute sollen immer besser sein wie

der Mann, sonst taugen sie nichts. Das war ein böses Einsehen, denn mit

aller Hoffnung auf einen gedeihlichen Hausstand war es vorbei, und als

Gott mein Hauskreuz zu sich nahm, da war es zu spät, ich hatte mich

schon in alles darein ergeben, und es war nichts mehr da, nach was

ich hätte verlangen mögen. -- Ja, die erste Zeit hatte ich oft an die

Kathrin’ gedacht, denn manchmal hätte ich wohl auch gerne jemanden zur

Ansprache gehabt, von dem ich wußte, er sei mir so recht vom Herzen

gut. Eines Abends setzte ich mich hin und schrieb einen Brief an sie,

schrieb ihr, daß ich für sie und ihr Kind sorgen wolle, daß ich sie

noch immer lieb hätte und daß sie auch mich nicht vergessen solle; und

ich gestand ihr zu, es wäre vielleicht besser gewesen, ich wäre ihr

zuliebe Knecht geworden, als wegen der andern auf der Mühle verblieben.

Es war der erste Brief, es sollte auch der letzte sein. Eben als ich

ihn zusiegeln wollte, erhielt ich eine Vorladung vors Kreisgericht, die

Katharina Weninger hatte sich einen Advokaten genommen, damit er vor

Gericht ausmache, daß ich ihr das Kind veralimentiere. Da hatte ich die

Antwort auf meinen Brief und konnte das Porto ersparen. Die Vorladung

vors Gericht, Hochwürden, die Vorladung vors Gericht, das war der erste

Gruß nach so langer Zeit, das war das erste Lebenszeichen, das der

Vater von seinem Kind erhielt. Da hab’ ich denn meinen Schreibbrief

zerrissen, und weil gar kein Vertrauen zu mir war, auch für den Buben,

so lang noch mein Weib und die andere lebte, nicht mehr getan, als mir

ist aufgetragen gewest; an die Ansprach’ war nicht mehr zu denken, und

seither hab’ ich mich auch ohne einer beholfen.“

„Das war wohl auch das Klügste, Herlinger. Der Brief, den Er an die

Weninger schrieb, hätte doch zu nichts Gutem geführt. Wenn die Dirn’,

nachdem sie einmal durch Ihn ins Unglück gekommen war, nicht weiter

samt dem Kinde von ihm abhängig sein wollte, sondern ihr Recht suchte,

so hat sie nur ihre Pflicht getan, und das war auch von ihr klug.“

„Ah ja, gescheit war schon, wie sie getan hat; war ja alles, was mir im

Leben aufgestoßen ist, so viel gescheit, wie ich sag’, alles ordentlich

ausgetipfelt, wie es kommen soll und will, daß ich mich nie dagegen

hab’ rühren und wehren mögen, so hab’ ich mich schon in alles darein

ergeben, aber Vertrauen hab’ ich nie eines gehabt und hab’ noch keines.

Oft ist mir schon beim „Vater unser“ in den Sinn gekommen, auf die

Letzt hat unser Herrgott auch -- wie manche da herunten -- doch viel

Kinder und kann nicht für jedes auf gleiche Weis’ sorgen.“

„Herlinger, Er hat wohl wenig Zeit mehr, am allerwenigsten dazu, daß

Er sich Gedanken macht, wobei Er sich wahrscheinlich selber wunderklug

vorkommt; die Stadtleute nennen das Philosophieren, überlass’ Er das

den Studierten, bei denen es doch Hand und Fuß hat, der Kopf oder das

Herz, eines oder das andere, bleibt ja doch immer davon weg. Wenn ich

nicht umsonst gekommen sein soll, so muß Er auf mich hören.“

„O ich bitt’, hochwürdiger Herr, ich bitt’, tut nur reden.“

„Darüber sind wir doch wohl einig, was Er sich erinnert in seinem Leben

übel gemacht und getan zu haben, das will Er auch bereuen? Nicht?“

„O ja, gewiß, gewiß.“

„Damit die Reue nicht unfruchtbar bleibt, muß ich Ihm auch sagen, was

Er noch gutzumachen hat.“

„Gutzumachen, an wem? An die Kathrin’ vielleicht! Der tut kein Bein

mehr weh.“

„An euer beider Kind!“

„An dem Burschen, dem Florian? Der tut ja kein gut; der Herumtreiber,

wie viel Geld hat er mich schon gekostet, und im vergangenen Herbst,

wie ich ihn hab’ auf der Mühle behalten wollen, ist er geblieben?

Ei ja, hätt’ ich seine Stadtdirn’ und ihr Kind dazu, die ganze

leichtfertige Wirtschaft, mit in Kauf nehmen wollen ... das soll er

sich aber nur vergehen lassen!“

„Müller, eben das wäre der gewiesene Weg, den Herumtreiber zum

seßhaften, ehrlichen Mann zu machen. Und gerade von Ihm, Herlinger,

hätte ich nicht gedacht, daß Er dagegen wäre, da Er weiß, wie es tut,

wenn man da den Vater wider sich hat.“

„Ah, Hochwürden, nichts für ungut, das ist da ganz etwas anderes. Mein

Vater war mein Vater, mußte es sein, bei mir aber kommt es doch auf

den guten Willen an, ich kann meine Bedingung stellen, ich kann sagen,

so bin ich dir Vater, und anders bin ich dir es nicht! -- Ihr müßt dem

Herumtreiber nicht das Wort reden, Hochwürden, es wird Euch auch keinen

Dank einbringen.“

„Dankes wegen tue ich es auch nicht, es geschieht wegen Ihm selber,

Müller, damit es Ihm nicht auf dem Gewissen bleibe, komme er mir daher

nicht mit Kniffen, den Burschen braucht Er vor mir nicht schlecht zu

machen, Er muß es ja am besten wissen, Herlinger, daß ich auch mit

räudigen Schafen wohl umzugehen weiß; wenn ich Ihn jetzt verliere und

dafür mit dem neuen Müller ein anderes in den Stall kriege, so gleicht

sich das nur aus.“

„Hihi, dasselbe dürft’ schon sein.“

„Daß ich auf +die+ Art nicht zu kurz komme, möchte ich gerade keinen

Vorteil nennen, und so mag Er wohl glauben, Müller, daß ich nach keinem

frage. Ich frage auch nicht danach, wozu Er nach weltlichem Rechte

etwa gezwungen oder nicht gezwungen werden könnte, frage nicht, ob

es vielleicht, der Leute wegen, besser wäre, das böse Beispiel, das

Er einst gegeben, vergessen zu machen und damit aller üblen Nachrede

ein Ende zu bereiten. Wozu Ihn die Gerichte bemüssen, die Leute

bereden könnten, danach habe ich nicht zu fragen; aber das habe ich zu

fragen, ob Er es auch vor Gott wird verantworten können? Der Bursche

ist leichtsinnig, liederlich ..... schlimm genug, aber eben nur ein

Grund mehr, sich seiner anzunehmen, ihn nicht ganz sich selbst zu

überlassen. Herlinger, Er weiß recht gut, wie einem Kinde ist, das

keine Elternliebe genossen hat, Er weiß recht gut, daß des Verwilderns

kein Ende ist, wenn man einem ohnehin leichtlebigen Burschen die Dirn’,

die er einmal für sein Leben gern hätte, zum Hause hinausjagt, -- und

davon will Er seinem eigenen, leiblichen Kinde nichts ersparen? Auch

das soll sich im Leben nie rühren und nie wehren können, und was wird

endlich aus ihm werden, da ihm der letzte Anhalt fehlt, den doch Er,

Müller, immer gehabt hat, ein Heimwesen!? Herlinger, bedenk Er wohl,

Er kann seinem Kinde ein Heiland oder ein Verderber werden, Er kann

machen, daß es Ihm nachsegnet oder nachflucht, und es ist ganz in Seine

Hand gegeben, welches Bewußtsein er mit sich in die Grube nehmen will.“

Die mageren Hände über der Bettdecke hatten in ratloser Eile

herumgesucht, jetzt zerrten sie ein verwaschenes, blaues Sacktuch aus

seinem Verstecke hervor und führten es rasch nach dem Gesichte des

Kranken, der nun mit außergewöhnlichem Nachdrucke dasselbe in gewohnten

Gebrauch nahm, dann knüllte er es zusammen, schob es wieder unter die

Polster, und sagte trocken: „Nun, so werd’ ich halt den Sappermenter

auf meinen Namen und an die Mühle schreiben lassen. Aber das gilt erst,

wenn ich verstorben bin, solang ich leb’, bin ich der Herr, und da darf

sich keines wider meinen Willen einnisten.“

„Gut, Herlinger, verlieren wir darüber keine Zeit, sondern lasse Er

uns die Hauptsache erst in Ordnung bringen.“ -- Der Pfarrer öffnete

die Tür und rief den Knecht herbei, der ihn gefahren hatte. „Barthel,“

sagte er zu diesem, „du mußt dann, wenn du mich nach dem Pfarrdorf

zurückgebracht haben wirst, weiter nach der Kreisstadt fahren, dort den

Herrn Notar aufsuchen, und ihn morgen mit dem frühesten mitbringen.“ --

Er wandte sich an den Kranken. „Was soll er denn dem Doktor Schneller

sagen?“

„Der Herr Doktor möcht’ so gut sein und die Schriften wegen dem Florian

wieder hervorsuchen, er wird es schon wissen, im vorigen Herbst war ja

schon alles bereit, aber da hat es der Bub’ durch seine Bockbeinigkeit

rückgängig gemacht.“

Der Knecht kraute sich verlegen hinter dem Ohr. Ihn dauerte nur

die Mühle, der Florian wird einen raren Dienstherrn abgeben!

Vergangenes Jahr noch hat ihn jeder verlumpt den lieben Tag lang

herumstromen gesehen, wo soll da der Respekt herkommen? Da kann auch

kein ordentliches Gesinde mehr aushalten, kein Weibsbild, das in Ruh

verbleiben will, und kein Knecht, der seine Sach’ besser weiß als der

Herr; aber die Mühle kann einer schon bedauern.

Der Pfarrer stellte sich auf die Fußspitzen, um dem langen Burschen auf

die Achsel zu klopfen. „Barthel,“ sagte er zu dem Zusammenschreckenden,

„du kannst auch dem Notar sagen, daß er dem Florian nach der Stadt

telegraphieren soll, so kann auch der morgen schon da sein.“

„Wozu braucht Ihr den Burschen, Hochwürden,“ fragte heiser der Kranke,

„was soll der hier machen?“

„Will Er ihn denn nicht noch einmal sehen, Herlinger? Ich denke, es ist

gut, wenn er dabei ist.“

„Nun, so mag er dabei sein, aber mit dem Verbleiben hat es noch seine

guten Wege, dann soll er nur wieder fort.“

„Du weißt nun, Barthel, was du zu tun hast, richte dich auch danach,

und jetzt geh und sag den Leuten, sie sollen sich da vor der Türe

versammeln, ich werde sie hereinrufen, wenn ich dem Müller den Leib des

Herrn reiche.“

Der Knecht entfernte sich.

Jetzt wandte sich der Priester nach dem Kranken und sagte: „Da ich Ihn

nun für genügend vorbereitet halte, Müller, so will ich an Ihm die

heilige Handlung vornehmen!“

* * * * *

Die vor der Tür Flüsternden und Wispelnden wurden bald in die

Krankenstube eingelassen, was sie für das Seelenheil ihres Dienstherrn

das Beste hoffen ließ, denn gar viele Sünden konnte er doch nicht

haben, da er in so kurzer Zeit mit dem „Hersagen“ fertig war.

Nachdem die Zeremonien mit aller Förmlichkeit und Feierlichkeit zu

Ende gebracht waren, sagte der Pfarrer: „Verbleibe Er mir hübsch in

christlicher Ergebenheit, Müller, wie Gott will, Er kann das jetzt mit

Beruhigung abwarten!“ -- Dann segnete er noch einmal die Anwesenden und

schritt, von dem Meßner gefolgt, zum Hause hinaus nach dem Wagen.

Der hagere Kirchendiener duckte sich zu seinem geistlichen Vorgesetzten

hinunter, um ihm bewundernd zuzuflüstern: „Wie Hochwürden mit den

Leuten umzuspringen wissen, da hab’ ich doch immer meine helle Freude

daran.“

„Weiß Er, Wolfbauer,“ sagte mitteilsam der Pfarrer, „wen ich

immer gerne bei so einem Versehgange mit hätte, damit sie diesen

Menschenschlag auch kennen lernten? Ein paar Idealisten, die glauben,

mit ethischen Mitteln aufkommen zu können, ein paar Träger der Kultur,

die aber nebenbei die Kirche fallen lassen wollen; vielleicht gingen

ihnen doch darüber die Augen auf, daß unter der Masse nichts verfängt

als Einschüchtern und Vertrösten, und wenn wir diese beiden Zügel nicht

immer stramm angezogen hielten, schon längst ihre ganze Herrlichkeit

zertrampelt und zertreten wäre.“

Der lange Meßner nickte ein paarmal mit dem Kopfe, eigentlich aus purer

Gefälligkeit, denn verstanden hatte er nichts; nur weil von zwei Zügeln

die Rede war, so meinte er, es sei damit auf eine Hartmäuligkeit des

Volkes angespielt, um doch zu zeigen, daß dieser versteckte Gedanke

nicht an ihm verloren gegangen sei, sagte er, während er mit seiner

Laterne in das Korbgeflechte des Wagens kletterte: „Ja, die sollten es

nur einmal versuchen mit dem hartmäuligen Volke!“

Der Pfarrer bog sich von seinem Sitze nach dem Meßner zurück,

und, da sich der Wagen gerade in Bewegung setzte, so fuhr er mit

forschenden Augen auf ihn zu, während das groblinige Gesicht des

letzteren nichtssagend zurückwich. Der Mann war unschuldig an den

Gedanken, die er mit einem Worte in dem jungen Seelsorger weckte und

die sich nun, begünstigt durch das Schweigen und die Einförmigkeit

der Nachtlandschaft und durch das gleichmäßige Dahinrollen des

Gefährtes, stille in ihm fortspannen. -- -- „Das ist eine ganz

vertrackte Arbeitsteilung, der Wolfbauer findet das Wort und ich muß

die Gedanken dazu nachholen. Es liegt ein fertiger Einwurf darin.

Die Hartmäuligkeit kann auch von dem strengen Gebrauche der Zügel

herrühren, und dann vermeint man nur die Masse zu lenken, während sie

seelenmüde und gleichmütig in den ausgefahrenen Geleisen dahinzieht --

bis sie ein gewaltiges, unerwartetes Ereignis scheuen macht, und sie

mit elementarer Gewalt unberechenbare Wege dahinrast. Darin liegt die

Gefahr, sie ist furchtbar, doch sie tritt selten auf, der Vorteil aber

liegt in der angewohnten Fügsamkeit der Massen und die ist alltäglich.

Es ist doch nur Geschmacks-, eigentlich Parteisache, ob man den Vorteil

nützen oder der Gefahr vorbeugen will, die einen wollen die Menschen zu

Massen ballen, das sind die politischen Praktiker, die andern wollen

die Massen in Menschen auflösen, das sind die -- Idealisten!“ Er

seufzte leise auf. Vielleicht war er in seinen Studienjahren auch einer

gewesen.

Bis er das Geräusch des davonrollenden Wagens aus dem Gehör verlor,

hatte der Müller aufgehorcht, er hatte sich im Bette halb aufgerichtet,

jetzt griff er mit der Rechten hinter sich, bauschte die Polster auf

und lehnte sich zurück. Er fühlte sich leichter. Er sah um sich, er war

wieder allein.

„Schau,“ sagte er, „der Pfarrer, das ist ein feiner! Zum Streiten

möchte er gar anheben, wenn man ihm nicht in allen Stücken zu Willen

wär’. Bei all dem ist nichts verhaut, solang ich lebe. Hab’ ihm doch

auch manche Red’ gegeben, wo er ein Gesicht dazu gemacht hat, als hörte

er den Teufel Mess’ lesen -- -- und einölen hat er mich doch müssen,

hihi“ -- er schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke --, „einölen

hat er mich doch müssen.“

3.

Der Morgenwind strich vor der Sonne her, als wollte er Busch und

Kraut wach fächeln, und ein geheimnisvolles Weben und Regen begann

in der Luft, im Dämmer schienen sich die Gegenstände auf die Farbe

zu besinnen, die sie im Lichte trugen, -- der Tag brach an. Vorüber

war die Nacht, die letzte auf Erden für den alten Mann in der Mühle,

die erste für den Säugling im Reindorferhof, dort verflackerte ein

ausgebranntes Licht, hier glimmte ein verwandter Funke mählich an.

Es lag noch alles in anheimelnder Stille. In den Büschen längs des

Fahrweges begann es mit ungelenkem Flügelschlag zu flattern und in

einzelnen Tönen zu zwitschern, und von gegenüber rief eine Stimme:

„Seid ihr noch verschlafen, Geflieder?“ Es war der Reindorfer, der an

seinem Hoftor lehnte, er zwinkerte dabei lustig mit den Augen, sah

dann zu dem blassen, reinen Himmel auf und rings nach den bewaldeten

Hügelkämmen und tat einen tiefen Atemzug. Ja, der Morgen, wo man so mit

der lieben Gotteswelt allein ist! --

Es dauert aber nicht so lange, als man eine Pfeife raucht, so rufen sie

einem zum Frühstück und da sitzt man wieder mitten drinnen ... Sein

Gesicht verfinsterte sich, er führte die Pfeife nach dem Munde und

preßte die Zähne auf die Spitze, dann trat er zurück, schloß hinter

sich das Tor und ging durch die Küche nach der Wohnstube, an der Tür

lauschte er, die Bäuerin hustete, sie war wach, da begann auch das Kind

zu schreien, unwillkürlich ballte sich ihm die Faust und siedig heiß

schoß es ihm nach den Augen, als solle er vor Zorn weinen, er wandte

sich ab.

„Das Kleine schreit recht brav,“ sagte die Dirn’, die am Herde stand.

Da lehnte er seine Pfeife in den Herdwinkel und trat in die Stube.

Er ging nach dem Fenster, die Bäuerin sah ihm mit furchtsamen Augen

nach, sie erwartete keinen Gruß von ihm, aber sie getraute sich auch

nicht, ihn zu grüßen.

Der Bauer blieb, wo er war, zog den nächsten Stuhl an sich, setzte

sich, sah auf seine Stiefelschäfte nieder und begann ohne weitere

Einleitung: „Ich bin alt und du bist nimmer jung, lärmendes Getue und

Getreibe macht uns keine Aufheiterung mehr, wozu sollen wir derlei uns

ins Haus laden? Aufsehen macht es auch, wenn man das Kind im Aufzug

zur Kirche bringt, all das mag mir nicht taugen, so will ich gleich

dazusehen; heut’ fährt der Herr Pfarrer gewiß wieder vorbei nach der

Mühle, und da will ich ihn abpassen und ihn bitten, daß er zu uns

kommt und das Kind im Hause tauft. So mein’ ich, könnt’ alles in der

Stille vor sich gehen, und brauchte nur die Gevatterin und wer sonst

not ist, dabei zu sein; man kann ja sagen, man tu’ so eilig, weil es

mit dem Kind nicht recht richtig wär’,“ -- er blickte seitwärts nach

der Wöchnerin und setzte halblaut hinzu -- „wär’ auch nicht gelogen,

und doch die Wahrheit im Sacke behalten.“

„Du sitzest soviel weit weg,“ klagte die Bäuerin, „daß man nicht reden

kann, ohne daß eines draußen alles hört.“

„Was braucht es da Heimlichkeiten, sag’ ja oder nein.“

„Schau, wegen der Tauf’, da tu nur, wie du dir vorgenommen hast, aber

ich hätt’ noch etwas zu sagen, und das kann ich nicht laut.“

Der Bauer erhob sich und trat näher.

„Du wirst wohl nicht dagegen sein, und mir wäre es ein rechter Trost

in meinem Unglück. Weißt,“ flüsterte die Bäuerin, indem sie den Arm

etwas hob und nur mit dem Handrücken gegen die Wiege deutete, „wenn es

aufkommt, möchte ich es gerne in die Stadt zu den frommen Frauen geben,

damit es christlich auferzogen wird und einmal selber eine werden kann.

Da wäre es gut aufgehoben, der Herrgott möchte ihm sein Dasein nicht so

übel vermerken und wohl auch ... anderen ihre Sündhaftigkeit nicht mehr

so schwer aufrechnen.“

Der Bauer trat hart an das Bett.

„Sei nit so dumm,“ sagte er, „unsern Herrgott geht es nicht so nah’

an, wie mich, so wird er doch keinen Zorn auf das Kind haben, das an

allem ganz unschuldig ist; du aber verbleibst eine Sünderin, wenn es

gleich eine Heilige werden möcht’, und es soll doch vorerst nur eine

Klosterfrau werden, und die sollen nicht alle auf das Heiligwerden

aus sein. Es ist nicht mein Kind, so red’ ich ihm auch nicht das

Wort, aber die Frommheit kann man keinem anlernen, wie jungen Hunden

das Wildaufspüren, und wenn dann plötzlich eines zu Jahren und zu

Verstand kommt und es mag sich nicht darein finden, dann taugt es für

Erd’ und Himmel nicht mehr. Und sich dabei auf gut Glück verlassen,

wie es ausgeht, dazu ist heuttags schon gar kein Zeitpunkt, wo alle

Welt hinter den Kutten her ist, früher hat man noch manches vertuschen

können, jetzt aber braucht unser Herrgott nur Leute in seinem Dienst,

die ihm Ehre machen, die andern sollen davonbleiben. Wär’ das aber auch

nicht meine Meinung, hierin tät’ ich dir doch nicht deinen Willen!

Du hast vermeint, ich würde ja sagen, weil ich selber das Kind nicht

gerne vor mir sehen möcht’, und dabei hättest du es auch aus den Augen

gekriegt und aus dem Sinn, und das wär’ dir recht gewesen, denn mit der

Schamhaftigkeit über seine Sünden hält es der Mensch, wie die Katze mit

dem Unrat, weiß sie den nur eingescharrt, so geht sie stolz davon, als

hätte man sie nie darüber hocken gesehen. Du hättest darauf vergessen

und dir einbilden können, es wäre noch alles in alter Gehörigkeit.

Darum bleibt das Kind im Hause und dir unter Augen!“ --

„Freilich, wenn du es willst,“ sagte kleinlaut die Bäuerin, „muß es

schon verbleiben, das Weggeben war auch nur so ein Gedanke von mir.“

„Dasselbe und das der Taufe wegen hätten wir also unter uns ausgemacht,

mehr hab’ ich auch nicht zu sagen gehabt und so geh’ ich jetzt wieder,

damit ich den Wagen mit dem Herrn Pfarrer nicht verabsäume. Oder weißt

du noch etwas?“

Die Bäuerin war trotz ihrer achtunddreißig Jahre noch immer ein

hübsches Weib, das wußte sie, auch das, daß Schmerz und Angst ihre Züge

nicht verstelle, denn schon als Kind sagten die Leute von ihr, sie

könne so schön weinen. Der Bauer stand noch immer knapp an ihrem Bette,

er hatte beide Arme sinken lassen und zunächst ihr befand sich seine

Linke, schon lange schielte sie danach, als wollte sie des Griffes

sicher sein, als er sich nun zum Gehen wandte und sie dabei aus den

Augen lassen mußte, während er den Arm ihr etwas zurückte, da faßte

sie mit beiden Händen zu, hielt ihn an der Hand und über dem Ellbogen

und suchte ihn gegen sich zu ziehen, daß er ihr in das Gesicht sehe.

„Joseph, mein Joseph,“ rief sie bittend.

Reindorfer aber riß sich von ihr los, wischte mit der Schürze über den

linken Jackenärmel und über die Hand und sagte: „Laß das gut sein! Aus

Angewöhnung und aus Scheu vor jedem Aufsehen mag ich mir in meinem

Hauswesen nichts verändern, und so muß denn auch vor den Leuten alles

beim alten bleiben, wenn du aber meinst, es könnte noch einmal werden

wie früher, da irrst du dich groß, das hat vertan für alle Zeit!“

Er ging. Die Tür schloß sich hinter ihm. Seine Tritte verhallten.

Die Bäuerin war mit dem halberhobenen Oberleibe wieder zurückgesunken

und lag ohne Laut und Regung.

Er war ja im Rechte!

Ihn zu gewinnen mußte sie wohl versuchen, welch eine hätte auch

das nicht versucht? Eine Schwäche für sie hätte ihr ihre eigene

verzeihlicher erscheinen lassen. Es kam aber, wie sie selbst gefürchtet

hatte, daß es kommen werde. Nun war es auch gewiß.

Und er hatte recht.

Sie schloß müde die Augen und wünschte, sie täte sie nie mehr auf.

* * * * *

Ein Wagen kam jetzt in raschem Trabe angefahren, Reindorfer lief vor

das Tor und sah nach demselben aus, es war schon der rechte, der Knecht

von der Mühle kutschierte, zwei Herren saßen hinter ihm, der eine war

der Pfarrer und auf den andern besann er sich nur so lange, bis sie

etwas näher kamen, er hatte ihn oft in der Gegend herum gesehen, es war

der Herr Notar aus der Kreisstadt. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und

trat hinzu und grüßte.

„Guten Morgen, Reindorfer,“ sagte der Pfarrer, „will Er mir etwas? So

sage Er es nur schnell, wir haben Eile.“

Reindorfer legte die Linke auf den Kutschensitz und ging neben dem

Wagen, den man etwas langsamer fahren ließ, eine Strecke her. Er

brachte sein Anliegen vor, der Pfarrer sagte zu, er dankte und trat

zurück und der Wagen schoß wieder in Eile dahin.

Stunden waren darüber vergangen, die Sonne stand schon ziemlich hoch

und meinte es gar zu gut. Auf einer großen Wiese, die gegen den Fahrweg

abfiel und von diesem durch einen lebenden Zaun geschieden war,

rechte der Reindorfer mit seinen beiden Kindern und einem Knechte Heu

zusammen. Er ließ gerade den Stiel des Rechens gegen seine Schulter

fallen und wischte sich mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirne,

als er über den Zaun gegrüßt wurde.

„Grüß’ Gott, Reindorfer!“

Er fuhr bei dem Klange dieser Stimme zusammen und blickte auf.

Jenseits des Zaunes stand ein Mensch in verwahrloster städtischer

Kleidung, eine Lagermütze, die er schief über dem rechten Ohre sitzen

hatte, verlieh ihm ein unternehmendes Aussehen und ließ erraten, daß

er Soldat gewesen oder wohl noch war. Er mochte über dreißig Jahre alt

sein, aber trotz seines herabgekommenen Äußern ließ ihn seine kleine

schmächtige Gestalt und der sorglose Ausdruck seines Gesichtes viel

jünger erscheinen. Unter der Mütze fiel ihm schwarzes Haar in Ringeln

bis in die Stirne, große braune Augen blickten keck in die Welt und

unter der geraden Nase mit den scharf vortretenden Nüstern trug er

einen Schnurrbart, dessen eine Spitze er eben jetzt durch die Finger

zog.

Reindorfer sagte, ohne seinen Gruß zu erwidern: „Du bist wieder da?

Lump!“

Der Urlauber lachte. „Ein bißchen höflicher könntest du wohl auch gegen

mich sein, wer weiß, was geschieht!? Diesmal haben sie mich extra aus

der Stadt gerufen, und wenn die Mühle nun doch an mich käme, dann

sollten wir als Nachbarsleute in gutem Einvernehmen stehen.“

Der Bauer kehrte ihm den Rücken und schickte sich an, seine Arbeit

wieder aufzunehmen.

Das schien den auf der Straße zu verdrießen, er drehte den Schnurrbart

heftiger und nach einer Weile sagte er, während sein Gesicht durch

die lauernd zusammengekniffenen Augen und den breitgezogenen Mund ein

unsäglich gemeines Aussehen bekam: „Ist es wahr, was ich gehört hab’?

Seit ich das letztemal da war, ist eines mehr auf dem Reindorferhof

geworden.“

Da riß der Bauer mit einem Ruck den Rechen an sich, alle Muskeln in

den Armen krampften sich ihm zusammen, die Adern an der Stirne traten

hervor und die Wiese zerrann vor seinen Blicken, nur ein roter Fleck

verblieb aufdringlich in seinem Auge, er besann sich, +die+ Farbe trug

der Rock seiner Tochter, und indem er sich besann, sah er auch wieder

diese selbst, seinen Buben und den Knecht, die in geringer Entfernung

von ihm gleichmütig fortarbeiteten; da ließ er den verhaltenen Atem

von sich, handhabte wieder seinen Rechen, und indem er sich dabei

dem Zaune etwas zukehrte, warf er über seine Arbeit weg dem Urlauber

einen einzigen Blick zu; aber es war jener Blick, dem selbst der

Unverschämteste nicht standhält, jener Blick, der dem Beleidiger sagt:

Die Unbill ertrag’ ich, aber dich nicht!

Langsam entfernte sich der Urlauber, und erst, als er sich außer dem

Gesichtskreise Reindorfers wußte, schritt er rascher auf dem Wege nach

der Mühle hin.

* * * * *

Auch in der Mühle waren, wie den Tag zuvor im Reindorferhofe, die

Fenster verhangen. Das Licht tut dem Menschen wehe, wenn er zur Welt

kommt und wenn er von ihr geht, er muß es erst gewöhnen und er muß

seiner entwöhnt werden, denn aus dem Dunkel kommt er und in das Dunkel

soll er wieder; das Licht ist ein armes Geschenk, es scheint ihm nur

gegeben, um sich von der Wiege in den Sarg zu finden, die kurze Strecke

dahin wirft es nur schwanke, zitternde Kreise auf die Welt, und keiner

weiß, wo hindurch eigentlich sein Weg gegangen.

Der Pfarrer und der Notar waren am frühen Morgen angelangt.

Der Notar war ein kleines, bewegliches Männchen, er schien gerne eine

gewisse Feierlichkeit zur Schau zu tragen, ging stets in schwarzer,

städtischer Kleidung, und einer ziemlich hohen, steifen, tadellos

weißen Halsbinde verdankte er die würdevolle Haltung seines Kopfes,

derselben wurde durch dessen Kahlheit und die durchwegs rundlichen

Züge seines Gesichtes, die ihm ein stets freundliches, wohlwollendes

Aussehen verliehen, durchaus keinen Abbruch getan, nur weil die Bauern

überhaupt gerne über Brillen lachen und witzeln, so war es ein ziemlich

gewagtes Unternehmen von ihm, auf seinen Fahrten über Land farbige

kreisrunde Staubgläser mit einer massiven Einfassung zu tragen.

Nachdem sie in die Krankenstube eingetreten waren, legte der kleine

Mann einen ihn behindernden Pack Schriften auf ein Tischchen und

entfernte für das erste diese ihm nun selbst bedenklichen Gläser; er

tat das mit großer Bedächtigkeit, reinigte sie erst sorgfältig mit dem

Taschentuche, holte aus den Tiefen eines Rockschoßes das dazu gehörige

Futteral hervor, schob sie vorsichtig hinein und steckte das Ganze

mit ebensowenig Eile wieder zu sich. Aber er sollte bald aus dieser

gemütlichen Verfassung herausgeschreckt werden.

Der Schandfleck · 第 10 / 33 题