»Ei, warum nicht gar? Erstens ist dieses Zimmer doch als Freihafen

gedacht, Herr Spinell, und dann: worin sollten Sie uns stören. Ich habe

das entschiedene Gefühl, die Rätin zu langweilen ...«

Hierauf wußte er nichts mehr zu erwidern, sondern ließ nur lächelnd

seine kariösen Zähne sehen und ging unter den Augen der Damen mit

ziemlich unfreien Schritten bis zur Glastür, woselbst er stehen blieb

und hinausschaute, indem er in etwas unerzogener Weise den Damen den

Rücken zuwandte. Dann machte er eine halbe Wendung rückwärts, fuhr aber

fort, in den Garten hinauszublicken, indes er sagte:

»Die Sonne ist fort. Unvermerkt hat der Himmel sich bezogen. Es fängt

schon an, dunkel zu werden.«

»Wahrhaftig, ja, alles liegt im Schatten«, antwortete Herrn Klöterjahns

Gattin. »Unsere Ausflügler werden doch noch Schnee bekommen, wie es

scheint. Gestern war es um diese Zeit noch voller Tag; nun dämmert es

schon.«

»Ach«, sagte er, »nach allen diesen überhellen Wochen tut das Dunkel den

Augen wohl. Ich bin dieser Sonne, die Schönes und Gemeines mit gleich

aufdringlicher Deutlichkeit bestrahlt, geradezu dankbar, daß sie sich

endlich ein wenig verhüllt.«

»Lieben Sie die Sonne nicht, Herr Spinell?«

»Da ich kein Maler bin ... Man wird innerlicher ohne Sonne. -- Es ist

eine dicke, weißgraue Wolkenschicht. Vielleicht bedeutet es Tauwetter

für morgen. Übrigens würde ich Ihnen nicht raten, dort hinten noch auf

die Handarbeit zu blicken, gnädige Frau.«

»Ach, seien Sie unbesorgt, das tue ich ohnehin nicht. Aber was soll man

beginnen?«

Er hatte sich auf den Drehsessel vorm Piano niedergelassen, indem er

einen Arm auf den Deckel des Instrumentes stützte.

»Musik ...« sagte er. »Wer jetzt ein bißchen Musik zu hören bekäme!

Manchmal singen die englischen Kinder kleine nigger-songs, das ist

alles.«

»Und gestern nachmittag hat Fräulein von Osterloh in aller Eile die

'Klosterglocken' gespielt«, bemerkte Herrn Klöterjahns Gattin.

»Aber Sie spielen ja, gnädige Frau«, sagte er bittend und stand auf ...

» Sie haben ehemals täglich mit Ihrem Herrn Vater musiziert.«

»Ja, Herr Spinell, das war damals! Zur Zeit des Springbrunnens, wissen

Sie ...«

»Tun Sie es heute!« bat er. »Lassen Sie dies eine Mal ein paar Takte

hören! Wenn Sie wüßten, wie ich dürste ...«

»Unser Hausarzt sowohl wie Doktor Leander haben es mir ausdrücklich

verboten, Herr Spinell.«

»Sie sind nicht da, weder der eine noch der andere! Wir sind frei ...

Sie sind frei, gnädige Frau! Ein paar armselige Akkorde ...«

»Nein, Herr Spinell, daraus wird nichts. Wer weiß, was für Wunderdinge

Sie von mir erwarten! Und ich habe alles verlernt, glauben Sie mir.

Auswendig kann ich beinahe nichts.«

»Oh, dann spielen Sie dieses Beinahe-nichts! Und zum Überfluß sind hier

Noten, hier liegen sie, oben auf dem Klavier. Nein, dies hier ist

nichts. Aber hier ist Chopin ...«

»Chopin?«

»Ja, die Nocturnes. Und nun fehlt nur, daß ich die Kerzen anzünde ...«

»Glauben Sie nicht, daß ich spiele, Herr Spinell! Ich darf nicht. Wenn

es mir nun schadet?!« --

Er verstummte. Er stand, mit seinen großen Füßen, seinem langen,

schwarzen Rock und seinem grauhaarigen, verwischten, bartlosen Kopf, im

Lichte der beiden Klavierkerzen und ließ die Hände hinunterhängen.

»Nun bitte ich nicht mehr«, sagte er endlich leise. »Wenn Sie fürchten,

sich zu schaden, gnädige Frau, so lassen Sie die Schönheit tot und

stumm, die unter ihren Fingern laut werden möchte. Sie waren nicht immer

so sehr verständig; wenigstens nicht, als es im Gegenteile galt, sich

der Schönheit zu begeben. Sie waren nicht besorgt um Ihren Körper und

zeigten einen unbedenklicheren und festeren Willen, als Sie den

Springbrunnen verließen und die kleine goldene Krone ablegten ... Hören

Sie«, sagte er nach einer Pause, und seine Stimme senkte sich noch mehr,

»wenn Sie jetzt hier niedersitzen und spielen wie einst, als noch Ihr

Vater neben Ihnen stand und seine Geige jene Töne singen ließ, die Sie

weinen machten ... dann kann es geschehen, daß man sie wieder heimlich

in Ihrem Haare blinken sieht, die kleine, goldene Krone ...«

»Wirklich?« fragte sie und lächelte ... Zufällig versagte ihr die Stimme

bei diesem Wort, so daß es zur Hälfte heiser und zur Hälfte tonlos

herauskam. Sie hüstelte und sagte dann: »Sind es wirklich die Nocturnes

von Chopin, die Sie da haben?«

»Gewiß. Sie sind aufgeschlagen, und alles ist bereit.«

»Nun, so will ich denn in Gottes Namen eins davon spielen«, sagte sie.

»Aber nur eines, hören Sie? Dann werden Sie ohnehin für immer genug

haben.«

Damit erhob sie sich, legte ihre Handarbeit beiseite und ging zum

Klavier. Sie nahm auf dem Drehsessel Platz, auf dem ein paar gebundene

Notenbücher lagen, richtete die Leuchter und blätterte in den Noten.

Herr Spinell hatte einen Stuhl an ihre Seite gerückt und saß neben ihr

wie ein Musiklehrer.

Sie spielte das Nocturne in Es-Dur, opus 9, Nummer 2. Wenn sie wirklich

einiges verlernt hatte, so mußte ihr Vortrag ehedem vollkommen

künstlerisch gewesen sein. Das Piano war nur mittelmäßig, aber schon

nach den ersten Griffen wußte sie es mit sicherem Geschmack zu

behandeln. Sie zeigte einen nervösen Sinn für differenzierte Klangfarbe

und eine Freude an rhythmischer Beweglichkeit, die bis zum

Phantastischen ging. Ihr Anschlag war sowohl fest als weich. Unter ihren

Händen sang die Melodie ihre letzte Süßigkeit aus, und mit einer

zögernden Grazie schmiegten sich die Verzierungen um ihre Glieder.

Sie trug das Kleid vom Tage ihrer Ankunft: die dunkle, gewichtige

Taille mit den plastischen Sammetarabesken, die Haupt und Hände so

unirdisch zart erscheinen ließ. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich

nicht beim Spiele, aber es schien, als ob die Umrisse ihrer Lippen noch

klarer würden, die Schatten in den Winkeln ihrer Augen sich vertieften.

Als sie geendigt hatte, legte sie die Hände in den Schoß und fuhr fort,

auf die Noten zu blicken. Herr Spinell blieb ohne Laut und Bewegung

sitzen.

Sie spielte noch ein Nocturne, spielte ein zweites und drittes. Dann

erhob sie sich; aber nur, um auf dem oberen Klavierdeckel nach neuen

Noten zu suchen.

Herr Spinell hatte den Einfall, die Bände in schwarzen Pappdeckeln zu

untersuchen, die auf dem Drehsessel lagen. Plötzlich stieß er einen

unverständlichen Laut aus, und seine großen, weißen Hände fingerten

leidenschaftlich an einem dieser vernachlässigten Bücher.

»Nicht möglich! ... Es ist nicht wahr! ... « sagte er ... »Und dennoch

täusche ich mich nicht! ... Wissen Sie, was es ist? ... Was hier lag?

... Was ich hier halte? ... «

»Was ist es?« fragte sie.

Da wies er ihr stumm das Titelblatt. Er war ganz bleich, ließ das Buch

sinken und sah sie mit zitternden Lippen an.

»Wahrhaftig? Wie kommt das hierher? Also geben Sie«, sagte sie einfach,

stellte die Noten aufs Pult, setzte sich und begann nach einem

Augenblick der Stille mit der ersten Seite.

Er saß neben ihr, vornübergebeugt, die Hände zwischen den Knieen

gefaltet, mit gesenktem Kopfe. Sie spielte den Anfang mit einer

ausschweifenden und quälenden Langsamkeit, mit beunruhigend gedehnten

Pausen zwischen den einzelnen Figuren. Das Sehnsuchtsmotiv, eine einsame

und irrende Stimme in der Nacht, ließ leise seine bange Frage vernehmen.

Eine Stille und ein Warten. Und siehe, es antwortet: derselbe zage und

einsame Klang, nur heller, nur zarter. Ein neues Schweigen. Da setzte

mit jenem gedämpften und wundervollen Sforzato, das ist wie ein

Sich-Aufraffen und seliges Aufbegehren der Leiden schaft, das

Liebesmotiv ein, stieg aufwärts, rang sich entzückt empor bis zur süßen

Verschlingung, sank, sich lösend, zurück, und mit ihrem tiefen Gesänge

von schwerer, schmerzlicher Wonne traten die Celli hervor und führten

die Weise fort ...

Nicht ohne Erfolg versuchte die Spielende, auf dem armseligen Instrument

die Wirkungen des Orchesters anzudeuten. Die Violinläufe der großen

Steigerung erklangen mit leuchtender Präzision. Sie spielte mit

preziöser Andacht, verharrte gläubig bei jedem Gebilde und hob demütig

und demonstrativ das Einzelne hervor, wie der Priester das

Allerheiligste über sein Haupt erhebt. Was geschah? Zwei Kräfte, zwei

entrückte Wesen strebten in Leiden und Seligkeit nacheinander und

umarmten sich in dem verzückten und wahnsinnigen Begehren nach dem

Ewigen und Absoluten ... Das Vorspiel flammte auf und neigte sich. Sie

endigte da, wo der Vorhang sich teilt, und fuhr dann fort, schweigend

auf die Noten zu blicken.

Unterdessen hatte bei der Rätin Spatz die Langeweile jenen Grad

erreicht, wo sie des Menschen Antlitz entstellt, ihm die Augen aus dem

Kopfe treibt und ihm einen leichenhaften und furchteinflößenden Ausdruck

verleiht. Außerdem wirkte diese Art von Musik auf ihre Magennerven, sie

versetzte diesen dyspeptischen Organismus in Angstzustände und machte,

daß die Rätin einen Krampfanfall befürchtete.

»Ich bin genötigt, auf mein Zimmer zu gehen«, sagte sie schwach. »Leben

Sie wohl, ich kehre zurück ...«

Damit ging sie. Die Dämmerung war weit vorgeschritten. Draußen sah man

dicht und lautlos den Schnee auf die Terrasse herniedergehen. Die beiden

Kerzen gaben ein wankendes und begrenztes Licht.

»Den zweiten Aufzug«, flüsterte er; und sie wandte die Seiten und begann

mit dem zweiten Aufzug.

Hörnerschall verlor sich in der Ferne. Wie? oder war es das Säuseln des

Laubes? Das sanfte Rieseln des Quells? Schon hatte die Nacht ihr

Schweigen durch Hain und Haus gegossen, und kein flehendes Mahnen

vermochte dem Walten der Sehnsucht mehr Einhalt zu tun. Das heilige

Geheimnis vollendete sich. Die Leuchte erlosch, mit einer seltsamen,

plötzlich gedeckten Klangfarbe senkte das Todesmotiv sich herab, und in

jagender Ungeduld ließ die Sehnsucht ihren weißen Schleier dem Geliebten

entgegenflattern, der ihr mit ausgebreiteten Armen durchs Dunkel nahte.

O überschwenglicher und unersättlicher Jubel der Vereinigung im ewigen

Jenseits der Dinge! Des quälenden Irrtums entledigt, den Fesseln des

Raumes und der Zeit entronnen, verschmolzen das Du und das Ich, das Dein

und Mein sich zu erhabener Wonne. Trennen konnte sie des Tages

tückisches Blendwerk, doch seine prahlende Lüge vermochte die

Nachtsichtigen nicht mehr zu täuschen, seit die Kraft des Zaubertrankes

ihnen den Blick geweiht. Wer liebend des Todes Nacht und ihr süßes

Geheimnis erschaute, dem blieb im Wahn des Lichtes ein einzig Sehnen,

die Sehnsucht hin zur heiligen Nacht, der ewigen,-wahren, der

einsmachenden ...

O sink hernieder, Nacht der Liebe, gib ihnen jenes Vergessen, das sie

ersehnen, umschließe sie ganz mit deiner Wonne und löse sie los von der

Welt des Truges und der Trennung. Siehe, die letzte Leuchte verlosch!

Denken und Dünken versank in heiliger Dämmerung, die sich welterlösend

über des Wahnes Qualen breitet. Dann, wenn das Blendwerk erbleicht, wenn

in Entzücken sich mein Auge bricht: Das, wovon die Lüge des Tages mich

ausschloß, was sie zu unstillbarer Qual meiner Sehnsucht täuschend

entgegenstellte, -- _selbst_ dann, o Wunder der Erfüllung! selbst dann

bin ich die Welt. -- Und es erfolgte zu Brangänens dunklem

Habet-Acht-Gesange jener Aufstieg der Violinen, welcher höher ist als

alle Vernunft.

»Ich verstehe nicht alles, Herr Spinell; sehr vieles ahne ich nur. Was

bedeutet doch dieses -- 'Selbst -- dann bin ich die Welt'?«

Er erklärte es ihr, leise und kurz.

»Ja, so ist es. -- Wie kommt es nur, daß Sie, der Sie es so gut

verstehen, es nicht auch spielen können?«

Seltsamerweise vermochte er dieser harmlosen Frage nicht standzuhalten.

Er errötete, rang die Hände und versank gleichsam mit seinem Stuhle.

»Das trifft selten zusammen«, sagte er endlich gequält. »Nein, spielen

kann ich nicht. -- Aber fahren Sie fort.«

Und sie fuhren fort in den trunkenen Gesängen des Mysterienspieles.

Starb je die Liebe? Tristans Liebe? Die Liebe deiner und meiner Isolde?

Oh, des Todes Streiche erreichen die Ewige nicht! Was stürbe wohl ihm,

als was uns stört, was die Einigen täuschend entzweit? Durch ein süßes

Und verknüpfte sie beide die Liebe ... zerriß es der Tod, wie anders,

als mit des einen eigenem Leben, wäre dem anderen der Tod gegeben? Und

ein geheimnisvoller Zwiegesang vereinigte sie in der namenlosen Hoffnung

des Liebestodes, des endlos ungetrennten Umfangenseins im Wunderreiche

der Nacht. Süße Nacht! Ewige Liebesnacht! Alles umspannendes Land der

Seligkeit! Wer dich ahnend erschaut, wie könnte er ohne Bangen je zum

öden Tage zurückerwachen? Banne du das Bangen, holder Tod! Löse du nun

die Sehnenden ganz von der Not des Erwachens! O fassungsloser Sturm der

Rhythmen! O chromatisch empordrängendes Entzücken der metaphysischen

Erkenntnis! Wie sie fassen, wie sie lassen, diese Wonne fern den

Trennungsqualen des Lichts? Sanftes Sehnen ohne Trug und Bangen, hehres,

leidloses Verlöschen, überseliges Dämmern im Unermeßlichen! Du Isolde,

Tristan ich, nicht mehr Tristan, nicht mehr Isolde----

Plötzlich geschah etwas Erschreckendes. Die Spielende brach ab und

führte ihre Hand über die Augen, um ins Dunkel zu spähen, und Herr

Spinell wandte sich rasch auf seinem Sitze herum. Die Tür dort hinten,

die zum Korridor führte, hatte sich geöffnet, und herein kam eine

finstere Gestalt, gestützt auf den Arm einer zweiten. Es war ein Gast

von >Einfried<, der gleichfalls nicht in der Lage gewesen war, an der

Schlittenpartie teilzunehmen, sondern diese Abendstunde zu einem seiner

instinktiven und traurigen Rundgänge durch die Anstalt benutzte, es war

jene Kranke, die neunzehn Kinder zur Welt gebracht hatte und keines

Gedankens mehr fähig war, es war die Pastorin Höhlenrauch am Arme ihrer

Pflegerin. Ohne aufzublicken, durchmaß sie mit tappenden, wandernden

Schritten den Hintergrund des Gemaches und entschwand durch die

entgegengesetzte Tür, -- stumm und stier, irrwandelnd und unbewußt. --

Es herrschte Stille.

»Das war die Pastorin Höhlenrauch«, sagte er.

»Ja, das war die arme Höhlenrauch«, sagte sie. Dann wandte sie die

Blätter und spielte den Schluß des Ganzen, spielte Isoldens Liebestod.

Wie farblos und klar ihre Lippen waren, und wie die Schatten in den

Winkeln ihrer Augen sich vertieften! Oberhalb der Braue, in ihrer

durchsichtigen Stirn, trat angestrengt und beunruhigend das blaßblaue

Äderchen deutlicher und deutlicher hervor. Unter ihren arbeitenden

Händen vollzog sich die unerhörte Steigerung, zerteilt von jenem beinahe

ruchlosen, plötzlichen Pianissimo, das wie ein Entgleiten des Bodens

unter den Füßen und wie ein Versinken in sublimer Begierde ist. Der

Überschwang einer ungeheuren Lösung und Erfüllung brach herein,

wiederholte sich, ein betäubendes Brausen maßloser Befriedigung,

unersättlich wieder und wieder, formte sich zurückflutend um, schien

verhauchen zu wollen, wob noch einmal das Sehnsuchtsmotiv in seine

Harmonie, atmete aus, erstarb, verklang, entschwebte.

Tiefe Stille.

Sie horchten beide, legten die Köpfe auf die Seite und horchten.

»Das sind Schellen«, sagte sie.

»Es sind die Schlitten«, sagte er. »Ich gehe.«

Er stand auf und ging durch das Zimmer. An der Tür dort hinten machte er

halt, wandte sich um und trat einen Augenblick unruhig von einem Fuß auf

den anderen. Und dann begab es sich, daß er, fünfzehn oder zwanzig

Schritte von ihr entfernt, auf seine Kniee sank, lautlos auf beide

Kniee. Sein langer, schwarzer Gehrock breitete sich auf dem Boden aus.

Er hielt die Hände über seinem Munde gefaltet, und seine Schultern

zuckten.

Sie saß, die Hände im Schöße, vornübergelehnt, vom Klavier abgewandt,

und blickte auf ihn. Ein Ungewisses und bedrängtes Lächeln lag auf ihrem

Gesicht, und ihre Augen spähten sinnend und so mühsam ins Halbdunkel,

daß sie eine kleine Neigung zum Verschießen zeigten.

Aus weiter Ferne her näherten sich Schellenklappern, Peitschenknall und

das Ineinanderklingen menschlicher Stimmen.

9

Die Schlittenpartie, von der lange noch alle sprachen, hatte am 26.

Februar stattgefunden. Am 27., einem Tauwettertage, an dem alles sich

erweichte, tropfte, plantschte, floß, ging es der Gattin Herrn

Klöterjahns vortrefflich. Am 28. gab sie ein wenig Blut von sich ... oh,

unbedeutend; aber es war Blut. Zu gleicher Zeit wurde sie von einer

Schwäche befallen, so groß wie noch niemals, und legte sich nieder.

Doktor Leander untersuchte sie, und sein Gesicht war steinkalt dabei.

Dann verordnete er, was die Wissenschaft vorschreibt: Eisstückchen,

Morphium, unbedingte Ruhe. Übrigens legte er am folgenden Tage wegen

Überbürdung die Behandlung nieder und übertrug sie an Doktor Müller, der

sie pflicht- und kontraktgemäß in aller Sanftmut übernahm: ein stiller,

blasser, unbedeutender und wehmütiger Mann, dessen bescheidene und

ruhmlose Tätigkeit den beinahe Gesunden und den Hoffnungslosen gewidmet

war.

Die Ansicht, der er vor allem Ausdruck gab, war die, daß die Trennung

zwischen dem Klöterjahn'schen Ehepaare nun schon recht lange währe. Es

sei dringend wünschenswert, daß Herr Klöterjahn, wenn anders sein

blühendes Geschäft es irgend gestatte, wieder einmal zu Besuch nach

>Einfried< käme. Man könne ihm schreiben, ihm vielleicht ein kleines

Telegramm zukommen lassen ... Und sicherlich werde es die junge Mutter

beglücken und stärken, wenn er den kleinen Anton mitbrächte: abgesehen

davon, daß es für die Ärzte geradezu interessant sein werde, die

Bekanntschaft dieses gesunden kleinen Anton zu machen.

Und siehe, Herr Klöterjahn erschien. Er hatte Doktor Müllers kleines

Telegramm erhalten und kam vom Strande der Ostsee. Er stieg aus dem

Wagen, ließ sich Kaffee und Buttersemmeln geben und sah sehr verdutzt

aus.

»Herr«, sagte er, »was ist? Warum ruft man mich zu ihr?«

»Weil es wünschenswert ist«, antwortete Doktor Müller, »daß Sie jetzt in

der Nähe Ihrer Frau Gemahlin weilen.«

»Wünschenswert ... Wünschenswert ... Aber auch notwendig? Ich sehe auf

mein Geld, mein Herr, die Zeiten sind schlecht und die Eisenbahnen sind

teuer. War diese Tagesreise nicht zu umgehen? Ich wollte nichts sagen,

wenn es beispielsweise die Lunge wäre; aber da es Gott sei Dank die

Luftröhre ist ...«

»Herr Klöterjahn«, sagte Doktor Müller sanft, »erstens ist die Luftröhre

ein wichtiges Organ ...« Er sagte unkorrekterweise »erstens«, obgleich

er gar kein »zweitens« darauf folgen ließ.

Gleichzeitig aber mit Herrn Klöterjahn war eine üppige, ganz in Rot,

Schottisch und Gold gehüllte Person in 'Einfried' eingetroffen, und sie

war es, die auf ihrem Arme Anton Klöterjahn den Jüngeren, den kleinen

gesunden Anton trug. Ja, er war da, und niemand konnte leugnen, daß er

in der Tat von einer exzessiven Gesundheit war. Rosig und weiß, sauber

und frisch gekleidet, dick und duftig lastete er auf dem nackten, roten

Arm seiner betreßten Dienerin, verschlang gewaltige Mengen von Milch und

gehacktem Fleisch, schrie und überließ sich in jeder Beziehung seinen

Instinkten.

Vom Fenster seines Zimmers aus hatte der Schriftsteller Spinell die

Ankunft des jungen Klöterjahn beobachtet. Mit einem seltsamen,

verschleierten und dennoch scharfen Blick hatte er ihn ins Auge gefaßt,

während er vom Wagen ins Haus getragen wurde, und war dann noch längere

Zeit mit demselben Gesichtsausdruck an seinem Platze verharrt.

Von da an mied er das Zusammentreffen mit Anton Klöterjahn dem Jüngeren

so weit als tunlich.

10

Herr Spinell saß in seinem Zimmer und >arbeitete<.

Es war ein Zimmer wie alle in >Einfried<: altmodisch, einfach und

distinguiert. Die massige Kommode war mit metallenen Löwenköpfen

beschlagen, der hohe Wandspiegel war keine glatte Fläche, sondern aus

vielen kleinen quadratischen, in Blei gefaßten Scherben zusammengesetzt,

kein Teppich bedeckte den bläulich lackierten Estrich, in dem die

steifen Beine der Meubles als klare Schatten sich fortsetzten. Ein

geräumiger Schreibtisch stand in der Nähe des Fensters, vor welches der

Romancier einen gelben Vorhang gezogen hatte, wahrscheinlich, um sich

innerlicher zu machen.

In gelblicher Dämmerung saß er über die Platte des Sekretärs gebeugt und

schrieb, -- schrieb an einem jener zahlreichen Briefe, die er

all-wöchentlich zur Post befördern ließ, und auf die er

belustigenderweise meistens gar keine Antwort erhielt. Ein großer,

starker Bogen lag vor ihm, in dessen linkem oberen Winkel unter einer

verzwickt gezeichneten Landschaft der Name Detlev Spinell in völlig

neuartigen Lettern zu lesen war, und den er mit einer kleinen,

sorgfältig gemalten und überaus reinlichen Handschrift bedeckte.

»Mein Herr!« stand dort. »Ich richte die folgenden Zeilen an Sie, weil

ich nicht anders kann, weil das, was ich Ihnen zu sagen habe, mich

erfüllt, mich quält und zittern macht, weil mir die Worte mit einer

solchen Heftigkeit zuströmen, daß ich an ihnen ersticken würde, dürfte

ich mich ihrer nicht in diesem Briefe entlasten ...«

Der Wahrheit die Ehre zu geben, so war dies mit dem »Zuströmen« ganz

einfach nicht der Fall, und Gott wußte, aus was für eitlen Gründen Herr

Spinell es behauptete. Die Worte schienen ihm durchaus nicht

zuzuströmen, für einen, dessen bürgerlicher Beruf das Schreiben ist, kam

er jämmerlich langsam von der Stelle, und wer ihn sah, mußte zu der

Anschauung gelangen, daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das

Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.

Mit zwei Fingerspitzen hielt er eins der sonderbaren Flaumhärchen an

seiner Wange erfaßt und drehte Viertelstunden lang daran, indem er ins

Leere starrte und nicht um eine Zeile vorwärtsrückte, schrieb dann ein

paar zierliche Wörter und stockte aufs neue. Andererseits muß man

zugeben, daß das, was schließlich zustande kam, den Eindruck der Glätte

und Lebhaftigkeit erweckte, wenn es auch inhaltlich einen wunderlichen,

fragwürdigen und oft sogar unverständlichen Charakter trug.

»Es ist«, so setzte der Brief sich fort, »das unabweisliche Bedürfnis,

das, was ich sehe, was seit Wochen als eine unauslöschliche Vision vor

meinen Augen steht, auch Sie sehen zu machen, es Sie mit meinen Augen,

in derjenigen sprachlichen Beleuchtung schauen zu lassen, in der es vor

meinem inneren Blicke steht. Ich bin gewohnt, diesem Drange zu weichen,

der mich zwingt, in unvergeßlich und flammend richtig an ihrem Platze

stehenden Worten meine Erlebnisse zu denen der Welt zu machen. Und darum

hören Sie mich an.

Ich will nichts als sagen, was war und ist, ich erzähle lediglich eine

Geschichte, eine ganz kurze, unsäglich empörende Geschichte, erzähle sie

ohne Kommentar, ohne Anklage und Urteil, nur mit meinen Worten. Es ist

die Geschichte Gabriele Eckhofs, mein Herr, der Frau, die Sie die Ihrige

nennen ... und merken Sie wohl! Sie waren es, der sie erlebte; und

dennoch bin ich es, dessen Worte sie Ihnen erst in Wahrheit zur

Bedeutung eines Erlebnisses erheben wird.

Erinnern Sie sich des Gartens, mein Herr, des alten, verwucherten

Gartens hinter dem grauen Patrizierhause? Das grüne Moos sproß in den

Fugen der verwitterten Mauern, die seine verträumte Wildnis umschlossen.

Erinnern Sie sich auch des Springbrunnens in seiner Mitte? Lilafarbene

Lilien neigten sich über sein morsches Rund, und sein weißer Strahl

plauderte geheimnisvoll auf das zerklüftete Gestein hinab. Der Sommertag

neigte sich.

Sieben Jungfrauen saßen im Kreis um den Brunnen; in das Haar der

Siebenten aber, der Ersten, der Einen, schien die sinkende Sonne

heimlich ein schimmerndes Abzeichen der Ober hoheit zu weben. Ihre

Augen waren wie ängstliche Träume, und dennoch lächelten ihre klaren

Lippen ....

Sie sangen. Sie hielten ihre schmalen Gesichter zur Höhe des

Springstrahles emporgewandt, dorthin, wo er in müder und edler Rundung

sich zum Falle neigte, und ihre leisen, hellen Stimmen umschwebten

seinen schlanken Tanz. Vielleicht hielten sie ihre zarten Hände um ihre

Kniee gefaltet, indes sie sangen ....

Tristan · 第 2 / 3 段