nicht. Ihre Augen waren nicht geschaffen dafür, und Ihre Ohren nicht,
die keusche Süßigkeit seiner Melodie zu vernehmen. Sahen Sie es -- Sie
durften nicht wagen, zu atmen, Sie mußten Ihrem Herzen zu schlagen
verwehren. Sie mußten gehen, zurück ins Leben, in Ihr Leben, und für den
Rest Ihres Erdendaseins das Geschaute als ein unantastbares und
unverletzliches Heiligtum in Ihrer Seele bewahren. Was aber taten Sie?
Dies Bild war ein Ende, mein Herr; mußten Sie kommen und es zerstören,
um ihm eine Fortsetzung der Gemeinheit und des häßlichen Leidens zu
geben? Es war eine rührende und friedevolle Apotheose, getaucht in die
abendliche Verklärung des Verfalles, der Auflösung und des Verlöschens.
Ein altes Geschlecht, zu müde bereits und zu edel zur Tat und zum Leben,
steht am Ende seiner Tage, und seine letzten Äußerungen sind Laute der
Kunst, ein paar Geigentöne, voll von der wissenden Wehmut der
Sterbensreife .... Sahen Sie die Augen, denen diese Töne Tränen
entlockten? Vielleicht, daß die Seelen der sechs Gespielinnen dem Leben
gehörten; diejenige aber ihrer schwesterlichen Herrin gehörte der
Schönheit und dem Tode.
Sie sahen sie, diese Todesschönheit: sahen sie an, um ihrer zu begehren.
Nichts von Ehrfurcht, nichts von Scheu berührte Ihr Herz gegenüber ihrer
rührenden Heiligkeit. Es genügte Ihnen nicht, zu schauen; Sie mußten
besitzen, ausnützen, entweihen... Wie fein Sie Ihre Wahl trafen! Sie
sind ein Gourmand, mein Herr, ein plebejischer Gourmand, ein Bauer mit
Geschmack.
Ich bitte Sie, zu bemerken, daß ich keineswegs den Wunsch hege, Sie zu
kränken. Was ich sage, ist kein Schimpf, sondern die Formel, die
einfache psychologische Formel für Ihre einfache, literarisch gänzlich
uninteressante Persönlichkeit, und ich spreche sie aus, nur weil es mich
treibt, Ihnen Ihr eigenes Tun und Wesen ein wenig zu erhellen, weil es
auf Erden mein unausweichlicher Beruf ist, die Dinge bei Namen zu
nennen, sie reden zu machen, und das Unbewußte zu durchleuchten. Die
Welt ist voll von dem, was ich den 'unbewußten Typus' nenne: und ich
ertrage sie nicht, alle diese unbewußten Typen! Ich ertrage es nicht,
all dies dumpfe, unwissende und erkenntnislose Leben und Handeln, diese
Welt von aufreizender Naivität um mich her! Es treibt mich mit
qualvoller Unwiderstehlichkeit, alles Sein in der Runde -- so weit meine
Kräfte reichen -- zu erläutern, auszusprechen und zum Bewußtsein zu
bringen, -- unbekümmert darum, ob dies eine fördernde oder hemmende
Wirkung nach sich zieht, ob es Trost und Linderung bringt oder Schmerz
zufügt.
Sie sind, mein Herr, wie ich sagte, ein plebejischer Gourmand, ein Bauer
mit Geschmack. Eigentlich von plumper Konstitution und auf einer äußerst
niedrigen Entwicklungsstufe befindlich, sind Sie durch Reichtum und
sitzende Lebensweise zu einer plötzlichen, unhistorischen und
barbarischen Korruption des Nervensystems gelangt, die eine gewisse
lüsterne Verfeinerung des Genußbedürfnisses nach sich zieht. Wohl
möglich, daß die Muskeln Ihres Schlundes in eine schmatzende Bewegung
gerieten, wie angesichts einer köstlichen Suppe oder seltenen Platte,
als Sie beschlossen, Gabriele Eckhof zu eigen zu nehmen ...
In der Tat, Sie lenken ihren verträumten Willen in die Irre, Sie führen
sie aus dem verwucherten Garten in das Leben und in die Häßlichkeit, Sie
geben ihr Ihren ordinären Namen und machen sie zum Eheweibe, zur
Hausfrau, machen sie zur Mutter. Sie erniedrigen die müde, scheue und in
erhabener Unbrauchbarkeit blühende Schönheit des Todes in den Dienst des
gemeinen Alltags und jenes blöden, ungefügen und verächtlichen Götzen,
den man die Natur nennt, und nicht eine Ahnung von der tiefen
Niedertracht dieses Beginnens regt sich in Ihrem bäuerischen Gewissen.
Nochmals: Was geschieht? Sie, mit den Augen, die wie ängstliche Träume
sind, schenkt Ihnen ein Kind; sie gibt diesem Wesen, das eine
Fortsetzung der niedrigen Existenz seines Erzeugers ist, alles mit, was
sie an Blut und Lebensmöglichkeit besitzt, und stirbt. Sie stirbt, mein
Herr! Und wenn sie nicht in Gemeinheit dahinfährt, wenn sie dennoch
zuletzt sich aus den Tiefen ihrer Erniedrigung erhob und stolz und selig
unter dem tödlichen Kusse der Schönheit vergeht, so ist das _meine_
Sorge gewesen. Die Ihrige war es wohl unterdessen, sich auf
verschwiegenen Korridoren mit Stubenmädchen die Zeit zu verkürzen.
Ihr Kind aber, Gabriele Eckhofs Sohn, gedeiht, lebt und triumphiert.
Vielleicht wird er das Leben seines Vaters fortführen, ein
handeltreibender, Steuern zahlender und gut speisender Bürger werden;
vielleicht ein Soldat oder Beamter, eine unwissende und tüchtige Stütze
des Staates; in jedem Falle ein amusisches, normal funktionierendes
Geschöpf, skrupellos und zuversichtlich, stark und dumm.
Nehmen Sie das Geständnis, mein Herr, daß ich Sie hasse, Sie und Ihr
Kind, wie ich das Leben selbst hasse, das gemeine, das lächerliche und
dennoch triumphierende Leben, das Sie darstellen, den ewigen Gegensatz
und Todfeind der Schönheit. Ich darf nicht sagen, daß ich Sie verachte.
Ich kann es nicht. Ich bin ehrlich. Sie sind der Stärkere. Ich habe
Ihnen im Kampfe nur eines entgegenzustellen, das erhabene Gewaffen und
Rachewerkzeug der Schwachen: Geist und Wort. Heute habe ich mich seiner
bedient. Denn dieser Brief -- auch darin bin ich ehrlich, mein Herr -- ist
nichts als ein Racheakt, und ist nur ein einziges Wort darin scharf,
glänzend und schön genug, Sie betroffen zu machen, Sie eine fremde Macht
spüren zu lassen, Ihren robusten Gleichmut einen Augenblick ins Wanken
zu bringen, so will ich frohlocken.
Detlev Spinell.«
Und dieses Schriftstück couvertierte und frankierte Herr Spinell, versah
es mit einer zierlichen Adresse und überlieferte es der Post.
11
Herr Klöterjahn pochte an Herrn Spinells Stubentür; er hielt einen
großen, reinlich beschriebenen Bogen in der Hand und sah aus wie ein
Mann, der entschlossen ist, energisch vorzugehen. Die Post hatte ihre
Pflicht getan, der Brief war seinen Weg gegangen, er hatte die
wunderliche Reise von 'Einfried' nach 'Einfried' gemacht und war richtig
in die Hände des Adressaten gelangt. Es war vier Uhr am Nachmittage.
Als Herr Klöterjahn eintrat, saß Herr Spinell auf dem Sofa und las in
seinem eigenen Roman mit der verwirrenden Umschlagzeichnung. Er stand
auf und sah den Besucher überrascht und fragend an, obgleich er deutlich
errötete.
»Guten Tag«, sagte Herr Klöterjahn. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie in
Ihren Beschäftigungen störe. Aber darf ich fragen, ob Sie dies
geschrieben haben?« Damit hielt er den großen, reinlich beschriebenen
Bogen mit der linken Hand empor und schlug mit dem Rücken der Rechten
darauf, so daß es heftig knisterte. Hierauf schob er die Rechte in die
Tasche seines weiten, bequemen Beinkleides, legte den Kopf auf die Seite
und öffnete, wie manche Leute pflegen, den Mund zum Horchen.
Sonderbarerweise lächelte Herr Spinell; er lächelte zuvorkommend, ein
wenig verwirrt und halb entschuldigend, führte die Hand zum Kopfe, als
besänne er sich, und sagte:
»Ah, richtig ... ja ... ich erlaubte mir ...«
Die Sache war die, daß er sich heute gegeben hatte, wie er war, und bis
gegen Mittag geschlafen hatte. Infolge hiervon litt er an schlimmem
Gewissen und blödem Kopfe, fühlte er sich nervös und wenig
widerstandsfähig. Hinzu kam, daß die Frühlingsluft, die eingetreten war,
ihn matt und zur Verzweiflung geneigt machte. Dies alles muß erwähnt
werden als Erklärung dafür, daß er sich während dieser Szene so äußerst
albern benahm.
»So! Aha! Schön!« sagte Herr Klöterjahn, indem er das Kinn auf die Brust
drückte, die Brauen emporzog, die Arme reckte und eine Menge ähnlicher
Anstalten traf, nach Erledigung dieser Formfrage ohne Erbarmen zur Sache
zu kommen. Aus Freude an seiner Person ging er ein wenig zu weit in
diesen Anstalten; was schließlich erfolgte, entsprach nicht völlig der
drohenden Umständlichkeit dieser mimischen Vorbereitungen. Aber Herr
Spinell war ziemlich bleich.
»Sehr schön!« wiederholte Herr Klöterjahn. »Dann lassen Sie sich die
Antwort mündlich geben, mein Lieber, und zwar in Anbetracht des
Umstandes, daß ich es für blödsinnig halte, jemandem, den man stündlich
sprechen kann, seitenlange Briefe zu schreiben ...«
»Nun ... blödsinnig ...« sagte Herr Spinell lächelnd, entschuldigend und
beinahe demütig ....
»Blödsinnig!« wiederholte Herr Klöterjahn und schüttelte heftig den
Kopf, um zu zeigen, wie unangreifbar sicher er seiner Sache sei. »Und
ich würde dies Geschreibsel nicht eines Wortes würdigen, es wäre mir,
offen gestanden, ganz einfach als Butterbrotpapier zu schlecht, wenn es
mich nicht über gewisse Dinge aufklärte, die ich bis dahin nicht
begriff, gewisse Veränderungen ... Übrigens geht Sie das nichts an und
gehört nicht zur Sache. Ich bin ein tätiger Mann, ich habe Besseres zu
bedenken als Ihre unaussprechlichen Visionen ...«
»Ich habe 'unauslöschliche Vision' geschrieben«, sagte Herr Spinell und
richtete sich auf. Es war der einzige Moment dieses Auftrittes, in dem
er ein wenig Würde an den Tag legte.
»Unauslöschlich... unaussprechlich...!« entgegnete Herr Klöterjahn und
blickte ins Manuskript. »Sie schreiben eine Hand, die miserabel ist,
mein Lieber; ich möchte Sie nicht in meinem Kontor beschäftigen. Auf den
ersten Blick scheint es ganz sauber, aber bei Licht besehen ist es
voller Lücken und Zittrigkeiten. Aber das ist Ihre Sache und geht mich
nichts an. Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß Sie erstens ein
Hanswurst sind -- , nun, das ist Ihnen hoffentlich bekannt. Außerdem aber
sind Sie ein großer Feigling, und auch das brauche ich Ihnen wohl nicht
ausführlich zu beweisen. Meine Frau hat mir einmal geschrieben, Sie
sähen den Weibspersonen, denen Sie begegnen, nicht ins Gesicht, sondern
schielten nur so hin, um eine schöne Ahnung davonzutragen, aus Angst vor
der Wirklichkeit. Leider hat sie später aufgehört, in ihren Briefen von
Ihnen zu erzählen; sonst wüßte ich noch mehr Geschichten von Ihnen. Aber
so sind Sie. 'Schönheit' ist Ihr drittes Wort, aber im Grunde ist es
nichts als Bangebüchsigkeit und Duckmäuserei und Neid, und daher wohl
auch Ihre unverschämte Bemerkung von den 'verschwiegenen Korridoren',
die mich wahrscheinlich so recht durchbohren sollte und mir doch bloß
Spaß gemacht hat. Spaß hat sie mir gemacht! Aber wissen Sie nun
Bescheid? Habe ich Ihnen Ihr ... Ihr 'Tun und Wesen' nun 'ein wenig
erhellt', Sie Jammermensch? Obgleich es nicht mein 'unausbleiblicher
Beruf' ist, hö, hö! ... «
»Ich habe 'unausweichlicher Beruf' geschrieben«, sagte Herr Spinell;
aber er gab es gleich wieder auf. Er stand da, hilflos und abgekanzelt,
wie ein großer, kläglicher, grauhaariger Schuljunge.
»Unausweichlich ... unausbleiblich ... Ein niederträchtiger Feigling
sind Sie, sage ich Ihnen. Täglich sehen Sie mich bei Tische. Sie grüßen
mich und lächeln, Sie reichen mir Schüsseln und lächeln, Sie wünschen
mir gesegnete Mahlzeit und lächeln. Und eines Tages schicken Sie mir
solch einen Wisch voll blödsinniger Injurien auf den Hals. Hö, ja,
schriftlich haben Sie Mut! Und wenn es bloß dieser lachhafte Brief wäre.
Aber Sie haben gegen mich intrigiert, hinter meinem Rücken gegen mich
intrigiert, ich begreife es jetzt sehr wohl ... obgleich Sie sich nicht
einzubilden brauchen, daß es Ihnen etwas genützt hat! Wenn Sie sich etwa
der Hoffnung hingeben, meiner Frau Grillen in den Kopf gesetzt zu haben,
so befinden Sie sich auf dem Holzwege, mein wertgeschätzter Herr, dazu
ist sie ein zu vernünftiger Mensch! Oder wenn Sie am Ende gar glauben,
daß sie mich irgendwie anders als sonst empfangen hat, mich und das
Kind, als wir kamen, so setzten Sie Ihrer Abgeschmacktheit die Krone
auf! Wenn sie dem Kleinen keinen Kuß gegeben hat, so geschah es aus
Vorsicht, weil neuerdings die Hypothese aufgetaucht ist, daß es nicht
die Luftröhre, sondern die Lunge ist, und man in diesem Falle nicht
wissen kann ... obgleich es übrigens noch sehr zu beweisen ist, das mit
der Lunge, und Sie mit Ihrem -- 'sie stirbt, mein Herr!' Sie sind ein
Esel!«
Hier suchte Herr Klöterjahn seine Atmung ein wenig zu regeln. Er war
nun sehr in Zorn geraten, stach beständig mit dem rechten Zeigefinger in
die Luft und richtete das Manuskript in seiner Linken aufs übelste zu.
Sein Gesicht, zwischen dem blonden englischen Backenbart, war furchtbar
rot, und seine umwölkte Stirn war von geschwollenen Adern zerrissen wie
von Zornesblitzen.
»Sie hassen mich«, fuhr er fort, »und Sie würden mich verachten, wenn
ich nicht der Stärkere wäre ... Ja, das bin ich, zum Teufel, ich habe
das Herz auf dem rechten Fleck, während Sie das Ihre wohl meistens in
den Hosen haben, und ich würde Sie in die Pfanne hauen mitsamt Ihrem
'Geist und Wort', Sie hinterlistiger Idiot, wenn das nicht verboten
wäre. Aber damit ist nicht gesagt, mein Lieber, daß ich mir Ihre
Invektiven so ohne weiteres gefallen lasse, und wenn ich das mit dem
'ordinären Namen' zu Haus meinem Anwalt zeige, so wollen wir sehen, ob
Sie nicht Ihr blaues Wunder erleben. Mein Name ist gut, mein Herr, und
zwar durch mein Verdienst. Ob Ihnen jemand auf den Ihren auch nur einen
Silbergroschen borgt, diese Frage mögen Sie mit sich selbst erörtern,
Sie hergelaufener Bummler! Gegen Sie muß man gesetzlich vorgehen! Sie
sind gemeingefährlich! Sie machen die Leute verrückt! ... Obgleich Sie
sich nicht einzubilden brauchen, daß es Ihnen diesmal gelungen ist, Sie
heimtückischer Patron! Von Individuen, wie Sie eins sind, lasse ich mich
denn doch nicht aus dem Felde schlagen. Ich habe das Herz auf dem
rechten Fleck ....«
Herr Klöterjahn war nun wirklich äußerst erregt. Er schrie und sagte
wiederholt, daß er das Herz auf dem rechten Fleck habe.
»'Sie sangen.' Punkt. Sie sangen gar nicht! Sie strickten. Außerdem
sprachen sie, soviel ich verstanden habe, von einem Rezept für
Kartoffelpuffer, und wenn ich das mit dem 'Verfall' und der 'Auflösung'
meinem Schwiegervater sage, so belangt er Sie gleichfalls von Rechts
wegen, da können Sie sicher sein! ...'Sahen Sie das Bild, sahen Sie es?'
Natürlich sah ich es, aber ich begreife nicht, warum ich deshalb den
Atem anhalten und davonlaufen sollte. Ich schiele den Weibern nicht am
Gesicht vorbei, ich sehe sie mir an, und wenn sie mir gefallen, und
wenn sie mich wollen, so nehme ich sie mir. Ich habe das Herz auf dem
rechten Fl ...«
Es pochte. -- Es pochte gleich neun -- oder zehnmal ganz rasch
hintereinander an die Stubentür, ein kleiner, heftiger, ängstlicher
Wirbel, der Herrn Klöterjahn verstummen machte, und eine Stimme, die gar
keinen Halt hatte, sondern vor Bedrängnis fortwährend aus den Fugen
ging, sagte in größter Hast:
»Herr Klöterjahn, Herr Klöterjahn, ach, ist Herr Klöterjahn da?«
»Draußen bleiben«, sagte Herr Klöterjahn unwirsch ... »Was ist? Ich habe
hier zu reden.«
»Herr Klöterjahn«, sagte die schwankende und sich brechende Stimme, »Sie
müssen kommen ... auch die Ärzte sind da ... oh, es ist so entsetzlich
traurig ...«
Da war er mit einem Schritt an der Tür und riß sie auf. Die Rätin Spatz
stand draußen. Sie hielt ihr Schnupftuch vor den Mund, und große,
längliche Tränen rollten paarweise in dieses Tuch hinein.
»Herr Klöterjahn«, brachte sie hervor ..., »es ist so entsetzlich
traurig ... Sie hat so viel Blut aufgebracht, so fürchterlich viel ...
Sie saß ganz ruhig im Bette und summte ein Stückchen Musik vor sich hin,
und da kam es, lieber Gott, so übermäßig viel ...«
»Ist sie tot?!« schrie Herr Klöterjahn ... Dabei packte er die Rätin am
Oberarm und zog sie auf der Schwelle hin und her. »Nein, nicht ganz,
wie? Noch nicht ganz, sie kann mich noch sehen ... Hat sie wieder ein
bißchen Blut aufgebracht? Aus der Lunge, wie? Ich gebe zu, daß es
vielleicht aus der Lunge kommt ... Gabriele!« sagte er plötzlich, indem
die Augen ihm übergingen, und man sah, wie ein warmes, gutes,
menschliches und redliches Gefühl aus ihm hervorbrach. »Ja, ich komme!«
sagte er, und mit langen Schritten schleppte er die Rätin aus dem Zimmer
hinaus und über den Korridor davon. Von einem entlegenen Teile des
Wandelganges her vernahm man noch immer sein rasch sich entfernendes
»Nicht ganz, wie? ... Aus der Lunge, was? ... «
12
Herr Spinell stand auf dem Fleck, wo er während Herrn Klöterjahns so jäh
unterbrochener Visite gestanden hatte, und blickte auf die offene Tür.
Endlich tat er ein paar Schritte vorwärts und horchte ins Weite. Aber
alles war still, und so schloß er die Tür und kehrte ins Zimmer zurück.
Eine Weile betrachtete er sich im Spiegel. Hierauf ging er zum
Schreibtisch, holte ein kleines Flacon und ein Gläschen aus einem Fache
hervor und nahm einen Cognac zu sich, was kein Mensch ihm verdenken
konnte. Dann streckte er sich auf dem Sofa aus und schloß die Augen.
Die obere Klappe des Fensters stand offen. Draußen im Garten von
'Einfried' zwitscherten die Vögel, und in diesen kleinen, zarten und
kecken Lauten lag fein und durchdringend der ganze Frühling ausgedrückt.
Einmal sagte Herr Spinell leise vor sich hin: »Unausbleiblicher Beruf...«
Dann bewegte er den Kopf hin und her und zog die Luft durch die Zähne
ein, wie bei einem heftigen Nervenschmerz.
Es war unmöglich, zur Ruhe und Sammlung zu gelangen. Man ist nicht
geschaffen für so plumpe Erlebnisse wie dieses da! -- Durch einen
seelischen Vorgang, dessen Analyse zu weit führen würde, gelangte Herr
Spinell zu dem Entschlusse, sich zu erheben und sich ein wenig Bewegung
zu machen, sich ein wenig im Freien zu ergehen. So nahm er den Hut und
verließ das Zimmer.
Als er aus dem Hause trat und die milde, würzige Luft ihn umfing, wandte
er das Haupt und ließ seine Augen langsam an dem Gebäude empor bis zu
einem der Fenster gleiten, einem verhängten Fenster, an dem sein Blick
eine Weile ernst, fest und dunkel haftete. Dann legte er die Hände auf
den Rücken und schritt über die Kieswege dahin. Er schritt in tiefem
Sinnen.
Noch waren die Beete mit Matten bedeckt, und Bäume und Sträucher waren
noch nackt; aber der Schnee war fort, und die Wege zeigten nur hier und
da noch feuchte Spuren. Der weite Garten mit seinen Grotten,
Laubengängen und kleinen Pavillons lag in prächtig farbiger
Nachmittagsbeleuchtung, mit kräftigen Schatten und sattem, goldigem
Licht, und das dunkle Geäst der Bäume stand scharf und zart gegliedert
gegen den hellen Himmel.
Es war um die Stunde, da die Sonne Gestalt annimmt, da die formlose
Lichtmasse zur sichtbar sinkenden Scheibe wird, deren sattere, mildere
Glut das Auge duldet. Herr Spinell sah die Sonne nicht; sein Weg führte
ihn so, daß sie ihm verdeckt und verborgen war. Er ging gesenkten
Hauptes und summte ein Stückchen Musik vor sich hin, ein kurzes Gebild,
eine bang und klagend aufwärtssteigende Figur, das Sehnsuchtsmotiv ...
Plötzlich aber, mit einem Ruck, einem kurzen, krampfhaften Aufatmen,
blieb er gefesselt stehen, und unter heftig zusammengezogenen Brauen
starrten seine erweiterten Augen mit dem Ausdruck entsetzter Abwehr
geradeaus...
Der Weg wandte sich; er führte der sinkenden Sonne entgegen. Durchzogen
von zwei schmalen, erleuchteten Wolkenstreifen mit vergoldeten Rändern
stand sie groß und schräge am Himmel, setzte die Wipfel der Bäume in
Glut und goß ihren gelbrötlichen Glanz über den Garten hin. Und inmitten
dieser goldigen Verklärung, die gewaltige Gloriole der Sonnenscheibe zu
Häupten, stand hochaufgerichtet im Wege eine üppige, ganz in Rot, Gold
und Schottisch gekleidete Person, die ihre Rechte in die schwellende
Hüfte stemmte und mit der Linken ein grazil geformtes Wägelchen leicht
vor sich hin und her bewegte. In diesem Wägelchen aber saß das Kind, saß
Anton Klöterjahn der Jüngere, saß Gabriele Eckhofs dicker Sohn!
Er saß, bekleidet mit einer weißen Flausjacke und einem großen weißen
Hut, pausbäckig, prächtig und wohlgeraten in den Kissen, und sein Blick
begegnete lustig und unbeirrbar demjenigen Herrn Spinells. Der Romancier
war im Begriffe, sich aufzuraffen, er war ein Mann, er hätte die Kraft
besessen, an dieser unerwarteten, in Glanz getauchten Erscheinung
vorüberzuschreiten und seinen Spaziergang fortzusetzen. Da aber geschah
das Gräßliche, daß Anton Klöterjahn zu lachen und jubeln begann, er
kreischte vor unerklärlicher Lust, es konnte einem unheimlich zu Sinne
werden.
Gott weiß, was ihn anfocht, ob die schwarze Gestalt ihm gegenüber ihn in
diese wilde Heiterkeit versetzte oder was für ein Anfall von
animalischem Wohlbefinden ihn packte. Er hielt in der einen Hand einen
knöchernen Beißring und in der anderen eine blecherne Klapperbüchse.
Diese beiden Gegenstände reckte er jauchzend in den Sonnenschein empor,
schüttelte sie und schlug sie zusammen, als wollte er jemanden spottend
verscheuchen. Seine Augen waren beinahe geschlossen vor Vergnügen, und
sein Mund war so klaffend aufgerissen, daß man seinen ganzen rosigen
Gaumen sah. Er warf sogar seinen Kopf hin und her, indes er jauchzte.
Da machte Herr Spinell kehrt und ging von dannen. Er ging, gefolgt von
dem Jubilieren des kleinen Klöterjahn, mit einer gewissen behutsamen und
steif-graziösen Armhaltung über den Kies, mit den gewaltsam zögernden
Schritten jemandes, der verbergen will, daß er innerlich davonläuft.