»Ja, gnädige Frau. >Einfried< ist ganz empire, es ist ehedem

Tristan

von

Thomas Mann

1

Hier ist >Einfried<, das Sanatorium! Weiß und geradlinig liegt es mit

seinem langgestreckten Hauptgebäude und seinem Seitenflügel inmitten des

weiten Gartens, der mit Grotten, Laubengängen und kleinen Pavillons aus

Baumrinde ergötzlich ausgestattet ist, und hinter seinen Schieferdächern

ragen tannengrün, massig und weich zerklüftet die Berge himmelan.

Nach wie vor leitet Doktor Leander die Anstalt. Mit seinem zweispitzigen

schwarzen Bart, der hart und kraus ist wie das Roßhaar, mit dem man die

Möbel stopft, seinen dicken, funkelnden Brillengläsern und diesem Aspekt

eines Mannes, den die Wissenschaft gekältet, gehärtet und mit stillem,

nachsichtigem Pessimismus erfüllt hat, hält er auf kurz angebundene und

verschlossene Art die Leidenden in seinem Bann, -- alle diese Individuen,

die, zu schwach, sich selbst Gesetze zu geben und sie zu halten, ihm ihr

Vermögen ausliefern, um sich von seiner Strenge stützen lassen zu

dürfen.

Was Fräulein von Osterloh betrifft, so steht sie mit unermüdlicher

Hingabe dem Haushalte vor. Mein Gott, wie tätig sie, treppauf und

treppab, von einem Ende der Anstalt zum anderen eilt! Sie herrscht in

Küche und Vorratskammer, sie klettert in den Wäscheschränken umher, sie

kommandiert die Dienerschaft und bestellt unter den Gesichtspunkten der

Sparsamkeit, der Hygiene, des Wohlgeschmacks und der äußeren Anmut den

Tisch des Hauses, sie wirtschaftet mit einer rasenden Umsicht, und in

ihrer extremen Tüchtigkeit liegt ein beständiger Vorwurf für die gesamte

Männerwelt verborgen, von der noch niemand darauf verfallen ist, sie

heimzuführen. Auf ihren Wangen aber glüht in zwei runden, karmoisinroten

Flecken die unauslöschliche Hoffnung, dereinst Frau Doktor Leander zu

werden...

Ozon und stille, stille Luft ... für Lungenkranke ist >Einfried<, was

Doktor Leanders Neider und Rivalen auch sagen mögen, aufs wärmste zu

empfehlen. Aber es halten sich nicht nur Phthisiker, es halten sich

Patienten aller Art, Herren, Damen und sogar Kinder hier auf: Doktor

Leander hat auf den verschiedensten Gebieten Erfolge aufzuweisen. Es

gibt hier gastrisch Leidende, wie die Magistratsrätin Spatz, die

überdies an den Ohren krankt, Herrschaften mit Herzfehlern, Paralytiker,

Rheumatiker und Nervöse in allen Zuständen. Ein diabetischer General

verzehrt hier unter immerwährendem Murren seine Pension. Mehrere Herren

mit entfleischten Gesichtern werfen auf jene unbeherrschte Art ihre

Beine, die nichts Gutes bedeutet. Eine fünfzigjährige Dame, die Pastorin

Höhlenrauch, die neunzehn Kinder zur Welt gebracht hat und absolut

keines Gedankens mehr fähig ist, gelangt dennoch nicht zum Frieden,

sondern irrt, von einer blöden Unrast getrieben, seit einem Jahre

bereits am Arm ihrer Privatpflegerin starr und stumm, ziellos und

unheimlich durch das ganze Haus.

Dann und wann stirbt jemand von den >Schweren<, die in ihren Zimmern

liegen und nicht zu den Mahlzeiten noch im Konversationszimmer

erscheinen, und niemand, selbst der Zimmernachbar nicht, erfährt etwas

davon. In stiller Nacht wird der wächserne Gast beiseite geschafft, und

ungestört nimmt das Treiben in >Einfried< seinen Fortgang, das

Massieren, Elektrisieren und Injizieren, das Duschen, Baden, Turnen,

Schwitzen und Inhalieren in den verschiedenen mit allen Errungenschaften

der Neuzeit ausgestatteten Räumlichkeiten...

Ja, es geht lebhaft zu hierselbst. Das Institut steht in Flor. Der

Portier, am Eingange des Seitenflügels, rührt die große Glocke, wenn

neue Gäste eintreffen, und in aller Form geleitet Doktor Leander,

zusammen mit Fräulein von Osterloh, die Abreisenden zum Wagen. Was für

Existenzen hat >Einfried< nicht schon beherbergt! Sogar ein

Schriftsteller ist da, ein exzentrischer Mensch, der den Namen

irgendeines Minerals oder Edelsteines führt und hier dem Herrgott die

Tage stiehlt...

Übrigens ist, neben Herrn Doktor Leander, noch ein zweiter Arzt

vorhanden, für die leichten Fälle und die Hoffnungslosen. Aber er heißt

Müller und ist überhaupt nicht der Rede wert.

2

Anfang Januar brachte Großkaufmann Klöterjahn -- in Firma A. C.

Klöterjahn & Comp. -- seine Gattin nach >Einfried<; der Portier rührte

die Glocke, und Fräulein von Osterloh begrüßte die weither gereisten

Herrschaften im Empfangszimmer zu ebener Erde, das, wie beinahe das

ganze vornehme alte Haus, in wunderbar reinem Empirestil eingerichtet

war. Gleich darauf erschien auch Doktor Leander; er verbeugte sich, und

es entspann sich eine erste, für beide Teile orientierende Konversation.

Draußen lag der winterliche Garten mit Matten über den Beeten,

verschneiten Grotten und vereinsamten Tempelchen, und zwei Hausknechte

schleppten vom Wagen her, der auf der Chaussee vor der Gatterpforte

hielt -- denn es führte keine Anfahrt zum Hause-, die Koffer der neuen

Gäste herbei.

»Langsam, Gabriele, take care, mein Engel, und halte den Mund zu«, hatte

Herr Klöterjahn gesagt, als er seine Frau durch den Garten führte; und

in dieses »take care« mußte zärtlichen und zitternden Herzens jedermann

innerlich einstimmen, der sie erblickte, -- wenn auch nicht zu leugnen

ist, daß Herr Klöterjahn es anstandslos auf deutsch hätte sagen können.

Der Kutscher, welcher die Herrschaften von der Station zum Sanatorium

gefahren hatte, ein roher, unbewußter Mann ohne Feingefühl, hatte

geradezu die Zunge zwischen die Zähne genommen vor ohnmächtiger

Behutsamkeit, während der Großkaufmann seiner Gattin beim Aussteigen

behilflich war; ja, es hatte ausgesehen, als ob die beiden Braunen, in

der stillen Frostluft qualmend, mit rückwärts gerollten Augen

angestrengt diesen ängstlichen Vorgang verfolgten, voll Besorgnis für

soviel schwache Grazie und zarten Liebreiz.

Die junge Frau litt an der Luftröhre, wie ausdrücklich in dem

anmeldenden Schreiben zu lesen stand, das Herr Klöterjahn vom Strande

der Ostsee aus an den dirigierenden Arzt von >Einfried< gerichtet hatte,

und Gott sei Dank, daß es nicht die Lunge war! Wenn es aber dennoch die

Lunge gewesen wäre, -- diese neue Patientin hätte keinen holderen und

veredelteren, keinen entrückteren und unstofflicheren Anblick gewähren

können als jetzt, da sie an der Seite ihres stämmigen Gatten, weich und

ermüdet in den weißlackierten, gradlinigen Armsessel zurückgelehnt, dem

Gespräche folgte.

Ihre schönen, blassen Hände, ohne Schmuck bis auf den schlichten

Ehering, ruhten in den Schoßfalten eines schweren und dunklen

Tuchrockes, und sie trug eine silbergraue, anschließende Taille mit

festem Stehkragen, die mit hochaufliegenden Sammetarabesken über und

über besetzt war. Aber diese gewichtigen und warmen Stoffe ließen die

unsägliche Zartheit, Süßigkeit und Mattigkeit des Köpfchens nur noch

rührender, unirdischer und lieblicher erscheinen. Ihr lichtbraunes Haar,

tief im Nacken zu einem Knoten zusammengefaßt, war glatt

zurückgestrichen, und nur in der Nähe der rechten Schläfe fiel eine

krause, lose Locke in die Stirn, unfern der Stelle, wo über der markant

gezeichneten Braue ein kleines, seltsames Äderchen sich blaßblau und

kränklich in der Klarheit und Makellosigkeit dieser wie durchsichtigen

Stirn verzweigte. Dies blaue Äderchen über dem Auge beherrschte auf eine

beunruhigende Art das ganze feine Oval des Gesichts. Es trat sichtbarer

hervor, sobald die Frau zu sprechen begann, ja sobald sie auch nur

lächelte, und es gab alsdann dem Gesichtsausdruck etwas Angestrengtes,

ja selbst Bedrängtes, was unbestimmte Befürchtungen erweckte. Dennoch

sprach sie und lächelte. Sie sprach freimütig und freundlich mit ihrer

leicht verschleierten Stimme, und sie lächelte mit ihren Augen, die ein

wenig mühsam blickten, ja hie und da eine kleine Neigung zum

_Verschießen_ zeigten, und deren Winkel, zu beiden Seiten der schmalen

Nasenwurzel, in tiefem Schatten lagen, sowie mit ihrem schönen, breiten

Munde, der blaß war und dennoch zu leuchten schien, vielleicht, weil

seine Lippen so überaus scharf und deutlich umrissen wa-ren. Manchmal

hüstelte sie. Hierbei führte sie ihr Taschentuch zum Munde und

betrachtete es alsdann.

»Hüstle nicht, Gabriele«, sagte Herr Klöterjahn. »Du weißt, daß Doktor

Hinzpeter zu Hause es dir extra verboten hat, darling, und es ist bloß,

daß man sich zusammennimmt, mein Engel. Es ist, wie gesagt, die

Luftröhre«, wiederholte er. »Ich glaubte wahrhaftig, es wäre die Lunge,

als es losging, und kriegte, weiß Gott, einen Schreck. Aber es ist nicht

die Lunge, nee, Deubel noch mal, auf so was lassen wir uns nicht ein,

was, Gabriele? hö, hö!«

»Zweifelsohne«, sagte Doktor Leander und funkelte sie mit seinen

Brillengläsern an.

Hierauf verlangte Herr Klöterjahn Kaffee -- Kaffee und Buttersemmeln, und

er hatte eine anschauliche Art, den K-Laut ganz hinten im Schlunde zu

bilden und »Bottersemmeln« zu sagen, daß jedermann Appetit bekommen

mußte.

Er bekam, was er wünschte, bekam auch Zimmer für sich und seine Gattin,

und man richtete sich ein.

Übrigens übernahm Doktor Leander selbst die Behandlung, ohne Doktor

Müller für den Fall in Anspruch zu nehmen.

3

Die Persönlichkeit der neuen Patientin erregte ungewöhnliches Aufsehen

in >Einfried<, und Herr Klöterjahn, gewöhnt an solche Erfolge, nahm jede

Huldigung, die man ihr darbrachte, mit Genugtuung entgegen. Der

diabetische General hörte einen Augenblick zu murren auf, als er ihrer

zum ersten Male ansichtig wurde, die Herren mit den entfleischten

Gesichtern lächelten und versuchten angestrengt, ihre Beine zu

beherrschen, wenn sie in ihre Nähe kamen, und die Magistratsrätin Spatz

schloß sich ihr sofort als ältere Freundin an. Ja, sie machte Eindruck,

die Frau, die Herrn Klöterjahns Namen trug! Ein Schriftsteller, der seit

ein paar Wochen in >Einfried< seine Zeit verbrachte, ein befremdender

Kauz, dessen Name wie der eines Edelgesteines lautete, verfärbte sich

geradezu, als sie auf dem Korridor an ihm vorüberging, blieb stehen und

stand noch immer wie angewurzelt, als sie schon längst entschwunden war.

Zwei Tage waren noch nicht vergangen, als die ganze Kurgesellschaft mit

ihrer Geschichte vertraut war. Sie war aus Bremen gebürtig, was

übrigens, wenn sie sprach, an gewissen liebenswürdigen Lautverzerrungen

zu erkennen war, und hatte dortselbst vor zwiefacher Jahresfrist dem

Großhändler Klöterjahn ihr Ja-Wort fürs Leben erteilt. Sie war ihm in

seine Vaterstadt, dort oben am Ostseestrande, gefolgt und hatte ihm vor

nun etwa zehn Monaten unter ganz außergewöhnlich schweren und

gefährlichen Umständen ein Kind, einen bewundernswert lebhaften und

wohlgeratenen Sohn und Erben beschert. Seit diesen furchtbaren Tagen

aber war sie nicht wieder zu Kräften gekommen, gesetzt, daß sie jemals

bei Kräften gewesen war. Sie war kaum vom Wochenbette erstanden, äußerst

erschöpft, äußerst verarmt an Lebenskräften, als sie beim Husten ein

wenig Blut aufgebracht hatte, -- oh, nicht viel, ein unbedeutendes bißchen

Blut; aber es wäre doch besser überhaupt nicht zum Vorschein gekommen,

und das Bedenkliche war, daß derselbe kleine unheimliche Vorfall sich

nach kurzer Zeit wiederholte. Nun, es gab Mittel hiergegen, und Doktor

Hinzpeter, der Hausarzt, bediente sich ihrer. Vollständige Ruhe wurde

geboten, Eisstückchen wurden geschluckt, Morphium ward gegen den

Hustenreiz verabfolgt und das Herz nach Möglichkeit beruhigt. Die

Genesung aber wollte sich nicht einstellen, und während das Kind, Anton

Klöterjahn der Jüngere, ein Prachtstück von einem Baby, mit ungeheurer

Energie und Rücksichtslosigkeit seinen Platz im Leben eroberte und

behauptete, schien die junge Mutter in einer sanften und stillen Glut

dahinzuschwinden ... Es war, wie gesagt, die Luftröhre, ein Wort, das in

Doktor Hinzpeters Munde eine überraschend tröstliche, beruhigende, fast

erheiternde Wirkung auf alle Gemüter ausübte. Aber obgleich es nicht die

Lunge war, hatte der Doktor schließlich den Einfluß eines milderen

Klimas und des Aufenthaltes in einer Kuranstalt zur Beschleunigung der

Heilung als dringend wünschenswert erachtet, und der Ruf des

Sanatoriums >Einfried< und seines Leiters hatte das übrige getan.

So verhielt es sich; und Herr Klöterjahn selbst erzählte es jedem, der

Interesse dafür an den Tag legte. Er redete laut, salopp und gutgelaunt,

wie ein Mann, dessen Verdauung sich in so guter Ordnung befindet wie

seine Börse, mit weit ausladenden Lippenbewegungen, in der breiten und

dennoch rapiden Art der Küstenbewohner vom Norden. Manche Worte

schleuderte er hervor, daß jeder Laut einer kleinen Entladung glich, und

lachte darüber wie über einen gelungenen Spaß.

Er war mittelgroß, breit, stark und kurzbeinig und besaß ein volles,

rotes Gesicht mit wasserblauen Augen, die von ganz hellblonden Wimpern

beschattet waren, geräumigen Nüstern und feuchten Lippen. Er trug einen

englischen Backenbart, war ganz englisch gekleidet und zeigte sich

entzückt, eine englische Familie, Vater, Mutter und drei hübsche Kinder

mit ihrer nurse, in >Einfried< anzutreffen, die sich hier aufhielt,

einzig und allein, weil sie nicht wußte, wo sie sich sonst aufhalten

sollte, und mit der er morgens englisch frühstückte. Übrigens liebte er

es, viel und gut zu speisen und zu trinken, zeigte sich als ein

wirklicher Kenner von Küche und Keller und unterhielt die

Kurgesellschaft aufs anregendste von den Diners, die daheim in seinem

Bekanntenkreise gegeben wurden, sowie mit der Schilderung gewisser

auserlesener, hier unbekannter Platten. Hierbei zogen seine Augen sich

mit freundlichem Ausdruck zusammen und seine Sprache erhielt etwas

Gaumiges und Nasales, indes leicht schmatzende Geräusche im Schlunde sie

begleiteten. Daß er auch anderen irdischen Freuden nicht grundsätzlich

abhold war, bewies er an jenem Abend, als ein Kurgast von >Einfried<,

ein Schriftsteller von Beruf, ihn auf dem Korridor in ziemlich

unerlaubter Weise mit einem Stubenmädchen scherzen sah, -- ein kleiner,

humoristischer Vorgang, zu dem der betreffende Schriftsteller eine

lächerlich angeekelte Miene machte.

Was Herrn Klöterjahns Gattin anging, so war klar und deutlich zu

beobachten, daß sie ihm von Herzen zugetan war. Sie folgte lächelnd

seinen Worten und Bewegungen: nicht mit der überheblichen Nachsicht,

die manche Leidenden den Gesunden entgegenbringen, sondern mit der

liebenswürdigen Freude und Teilnahme gutgearteter Kranker an den

zuversichtlichen Lebensäußerungen von Leuten, die in ihrer Haut sich

wohlfühlen. Herr Klöterjahn verweilte nicht lange in >Einfried<. Er

hatte seine Gattin hierher geleitet; nach Verlauf einer Woche aber, als

er sie wohl aufgehoben und in guten Händen wußte, war seines Bleibens

nicht länger. Pflichten von gleicher Wichtigkeit, sein blühendes Kind,

sein ebenfalls blühendes Geschäft, riefen ihn in die Heimat zurück; sie

zwangen ihn, abzureisen und seine Frau im Genusse der besten Pflege

zurückzulassen.

4

_Spinell_ hieß der Schriftsteller, der seit mehreren Wochen in

>Einfried< lebte, Detlev Spinell war sein Name, und sein Äußeres war

wunderlich.

Man vergegenwärtige sich einen Brünetten am Anfang der Dreißiger und von

stattlicher Statur, dessen Haar an den Schläfen schon merklich zu

ergrauen beginnt, dessen rundes, weißes, ein wenig gedunsenes Gesicht

aber nicht die Spur irgendeines Bartwuchses zeigt. Es war nicht

rasiert, -- man hätte es gesehen; weich, verwischt und knabenhaft, war es

nur hier und da mit einzelnen Flaumhärchen besetzt. Und das sah ganz

merkwürdig aus. Der Blick seiner rehbraunen, blanken Augen war von

sanftem Ausdruck, die Nase gedrungen und ein wenig zu fleischig. Ferner

besaß Herr Spinell eine gewölbte, poröse Oberlippe römischen Charakters,

große, kariöse Zähne und Füße von seltenem Umfange. Einer der Herren mit

den unbeherrschten Beinen, der ein Zyniker und Witzbold war, hatte ihn

hinter seinem Rücken »der verweste Säugling« getauft; aber das war

hämisch und wenig zutreffend. -- Er ging gut und modisch gekleidet, in

langem schwarzen Rock und farbig punktierter Weste.

Er war ungesellig und hielt mit keiner Seele Gemeinschaft. Nur zuweilen

konnte eine leutselige, liebevolle und überquellende Stimmung ihn

befallen, und das geschah jedesmal, wenn Herr Spinell in ästhetischen

Zustand verfiel, wenn der Anblick von irgend etwas Schönem, der

Zusammenklang zweier Farben, eine Vase von edler Form, das vom

Sonnenuntergang bestrahlte Gebirge ihn zu lauter Bewunderung hinriß.

»Wie schön!« sagte er dann, indem er den Kopf auf die Seite legte, die

Schultern emporzog, die Hände spreizte und Nase und Lippen krauste.

»Gott, sehen Sie, wie schön!« Und er war imstande, blindlings die

distinguiertesten Herrschaften, ob Mann oder Weib, zu umhalsen in der

Bewegung solcher Augenblicke...

Beständig lag auf seinem Tische, für jeden sichtbar, der sein Zimmer

betrat, das Buch, das er geschrieben hatte. Es war ein Roman von mäßigem

Umfange, mit einer vollkommen verwirrenden Umschlagzeichnung versehen

und gedruckt auf einer Art von Kaffee-Sieb-Papier mit Buchstaben, von

denen ein jeder aussah wie eine gotische Kathedrale. Fräulein von

Osterloh hatte es in einer müßigen Viertelstunde gelesen und fand es

»raffiniert«, was ihre Form war, das Urteil »unmenschlich langweilig« zu

umschreiben. Es spielte in mondänen Salons, in üppigen Frauengemächern,

die voller erlesener Gegenstände waren, voll von Gobelins, uralten

Meubles, köstlichem Porzellan, unbezahlbaren Stoffen und künstlerischen

Kleinodien aller Art. Auf die Schilderung dieser Dinge war der

liebevollste Wert gelegt, und beständig sah man dabei Herrn Spinell, wie

er die Nase kraus zog und sagte: »Wie schön! Gott, sehen Sie, wie

schön!« ... Übrigens mußte es wundernehmen, daß er noch nicht mehr

Bücher verfaßt hatte als dieses eine, denn augenscheinlich schrieb er

mit Leidenschaft. Er verbrachte den größeren Teil des Tages schreibend

auf seinem Zimmer und ließ außerordentlich viele Briefe zur Post

befördern, fast täglich einen oder zwei, -- wobei es nur als befremdend

und belustigend auffiel, daß er seinerseits höchst selten welche

empfing...

5

Herr Spinell saß der Gattin Herrn Klöterjahns bei Tische gegenüber. Zur

ersten Mahlzeit, an der die Herrschaften teilnahmen, erschien er ein

wenig zu spät in dem großen Speisesaal im Erdgeschoß des Seitenflügels,

sprach mit weicher Stimme einen an alle gerichteten Gruß und begab sich

an seinen Platz, worauf Doktor Leander ihn ohne viel Zeremonie den neu

Angekommenen vorstellte. Er verbeugte sich und begann dann, offenbar ein

wenig verlegen, zu essen, indem er Messer und Gabel mit seinen großen,

weißen und schön geformten Händen, die aus sehr engen Ärmeln

hervorsahen, in ziemlich affektierter Weise bewegte. Später ward er frei

und betrachtete in Gelassenheit abwechselnd Herrn Klöterjahn und seine

Gattin. Auch richtete Herr Klöterjahn im Verlaufe der Mahlzeit einige

Fragen und Bemerkungen betreffend die Anlage und das Klima von

>Einfried< an ihn, in die seine Frau in ihrer lieblichen Art zwei oder

drei Worte einfließen ließ, und die Herr Spinell höflich beantwortete.

Seine Stimme war mild und recht angenehm; aber er hatte eine etwas

behinderte und schlürfende Art zu sprechen, als seien seine Zähne der

Zunge im Wege.

Nach Tische, als man ins Konversationszimmer hinübergegangen war und

Doktor Leander den neuen Gästen im besonderen eine gesegnete Mahlzeit

wünschte, erkundigte sich Herrn Klöterjahns Gattin nach ihrem Gegenüber.

»Wie heißt der Herr?« fragte sie ... »Spinelli? Ich habe den Namen nicht

verstanden.«

»Spinell ... nicht Spinelli, gnädige Frau. Nein, er ist kein Italiener,

sondern bloß aus Lemberg gebürtig, soviel ich weiß ...«

»Was sagten Sie? Er ist Schriftsteller? Oder was?« fragte Herr

Klöterjahn; er hielt die Hände in den Taschen seiner bequemen englischen

Hose, neigte sein Ohr dem Doktor zu und öffnete, wie manche Leute

pflegen, den Mund beim Horchen.

»Ja, ich weiß nicht, -- er schreibt ...« antwortete Doktor Leander. »Er

hat, glaube ich, ein Buch veröffentlicht, eine Art Roman, ich weiß

wirklich nicht ...«

Dieses wiederholte »Ich weiß nicht« deutete an, daß Doktor Leander

keine großen Stüke auf den Schriftsteller hielt und jede Verantwortung

für ihn ablehnte.

»Aber das ist ja sehr interessant!« sagte Herrn Klöterjahns Gattin. Sie

hatte noch nie einen Schriftsteller von Angesicht zu Angesicht gesehen.

»O ja«, erwiderte Doktor Leander entgegenkommend. »Er soll sich eines

gewissen Rufes erfreuen ...« Dann wurde nicht mehr von dem

Schriftsteller gesprochen.

Aber ein wenig später, als die neuen Gäste sich zurückgezogen hatten und

Doktor Leander ebenfalls das Konversationszimmer verlassen wollte, hielt

Herr Spinell ihn zurük und erkundigte sich auch seinerseits.

»Wie ist der Name des Paares?« fragte er ... »Ich habe natürlich nichts

verstanden.«

»Klöterjahn«, antwortete Doktor Leander und ging schon wieder.

»_Wie_ heißt der Mann?« fragte Herr Spinell ...

»_Klöterjahn_ heißen sie!« sagte Doktor Leander und ging seiner

Wege. -- Er hielt gar keine großen Stüke auf den Schriftsteller.

6

Waren wir schon soweit, daß Herr Klöterjahn in die Heimat zurükgekehrt

war? Ja, er weilte wieder am Ostseestrande, bei seinen Geschäften und

seinem Kinde, diesem rüksichtslosen und lebensvollen kleinen Geschöpf,

das seiner Mutter sehr viele Leiden und einen kleinen Defekt an der

Luftröhre gekostet hatte. Sie selbst aber, die junge Frau, blieb in

>Einfried< zurück, und die Magistratsrätin Spatz schloß sich ihr als

ältere Freundin an. Das aber hinderte nicht, daß Herrn Klöterjahns

Gattin auch mit den übrigen Kurgästen gute Kameradschaft pflegte, zum

Beispiel mit Herrn Spinell, der ihr zum Erstaunen aller (denn er hatte

bislang mit keiner Seele Gemeinschaft gehalten) von Anbeginn eine

außerordentliche Ergebenheit und Dienstfertigkeit entgegenbrachte, und

mit dem sie in den Freistunden, die eine strenge Tagesordnung ihr ließ,

nicht ungern plauderte.

Er näherte sich ihr mit einer ungeheuren Behutsamkeit und Ehrerbietung

und sprach zu ihr nicht anders als mit sorgfältig gedämpfter Stimme, so

daß die Rätin Spatz, die an den Ohren krankte, meistens überhaupt nichts

von dem verstand, was er sagte. Er trat auf den Spitzen seiner großen

Füße zu dem Sessel, in dem Herrn Klöterjahns Gattin zart und lächelnd

lehnte, blieb in einer Entfernung von zwei Schritten stehen, hielt das

eine Bein zurückgestellt und den Oberkörper vorgebeugt und sprach in

seiner etwas behinderten und schlürfenden Art leise, eindringlich und

jeden Augenblick bereit, eilends zurückzutreten und zu verschwinden,

sobald ein Zeichen von Ermüdung und Überdruß sich auf ihrem Gesicht

bemerkbar machen würde. Aber er verdroß sie nicht; sie forderte ihn auf,

sich zu ihr und der Rätin zu setzen, richtete irgendeine Frage an ihn

und hörte ihm dann lächelnd und neugierig zu, denn manchmal ließ er sich

so amüsant und seltsam vernehmen, wie es ihr noch niemals begegnet war.

»Warum sind Sie eigentlich in >Einfried<?« fragte sie. »Welche Kur

gebrauchen Sie, Herr Spinell?«

»Kur? ... Ich werde ein bißchen elektrisiert. Nein, das ist nicht der

Rede wert. Ich werde Ihnen sagen, gnädige Frau, warum ich hier bin. -- Des

Stiles wegen.«

»Ah!« sagte Herrn Klöterjahns Gattin, stützte das Kinn in die Hand und

wandte sich ihm mit einem übertriebenen Eifer zu, wie man ihn Kindern

vorspielt, wenn sie etwas erzählen wollen.

»Ja, gnädige Frau. >Einfried< ist ganz empire, es ist ehedem ein Schloß,

eine Sommer-Residenz gewesen, wie man mir sagt. Dieser Seitenflügel ist

ja ein Anbau aus späterer Zeit, aber das Hauptgebäude ist alt und echt.

Es gibt Zeiten, in denen ich das empire einfach nicht entbehren kann, in

denen es mir, um einen bescheidenen Grad des Wohlbefindens zu erreichen,

unbedingt nötig ist. Es ist klar, daß man sich anders befindet zwischen

Möbeln weich und bequem bis zur Laszivität, und anders zwischen diesen

gereadlinigen Tischen, Sesseln und Draperieen ... Diese Helligkeit und

Härte, diese kalte, herbe Einfachheit und reservierte Strenge verleiht

mir Haltung und Würde, gnädige Frau, sie hat auf die Dauer eine innere

Reinigung und Restaurierung zur Folge, sie hebt mich sittlich, ohne

Frage....«

»Ja, das ist merkwürdig«, sagte sie. »Übrigens verstehe ich es, wenn ich

mir Mühe gebe.«

Hierauf erwiderte er, daß es irgendwelcher Mühe nicht lohne, und dann

lachten sie miteinander. Auch die Rätin Spatz lachte und fand es

merkwürdig; aber sie sagte nicht, daß sie es verstünde.

Das Konversationszimmer war geräumig und schön. Die hohe, weiße

Flügeltür zu dem anstoßenden Billard-Raume stand weit geöffnet, wo die

Herren mit den unbeherrschten Beinen und andere sich vergnügten.

Andererseits gewährte eine Glastür den Ausblick auf die breite Terrasse

und den Garten. Seitwärts davon stand ein Piano. Ein grünausgeschlagener

Spieltisch war vorhanden, an dem der diabetische General mit ein paar

anderen Herren Whist spielte. Damen lasen und waren mit Handarbeiten

beschäftigt. Ein eiserner Ofen besorgte die Heizung, aber vor dem

stilvollen Kamin, in dem nachgeahmte, mit glühroten Papierstreifen

beklebte Kohlen lagen, waren behagliche Plauderplätze.

»Sie sind ein Frühaufsteher, Herr Spinell«, sagte Herrn Klöterjahns

Gattin. »Zufällig habe ich Sie nun schon zwei- oder dreimal um halb acht

Uhr am Morgen das Haus verlassen sehen.«

»Ein Frühaufsteher? Ach, sehr mit Unterschied, gnädige Frau. Die Sache

ist die, daß ich früh aufstehe, weil ich eigentlich ein Langschläfer

bin.«

»Das müssen Sie nun erklären, Herr Spinell!« -- Auch die Rätin Spatz

wollte es erklärt haben.

»Nun ... ist man ein Frühaufsteher, so hat man es, dünkt mich, nicht

nötig, gar so früh aufzustehen. Das Gewissen, gnädige Frau ... es ist

eine schlimme Sache mit dem Gewissen! Ich und meinesgleichen, wir

schlagen uns zeit unseres Lebens damit herum und haben alle Hände voll

zu tun, es hier und da zu betrügen und ihm kleine, schlaue Genugtuungen

zuteil werden zu lassen. Wir sind unnütze Geschöpfe, ich und

meinesgleichen, und abgesehen von wenigen guten Stunden schleppen wir

uns an dem Bewußtsein unserer Unnützlichkeit wund und krank. Wir hassen

das Nützliche, wir wissen, daß es gemein und unschön ist, und wir

verteidigen diese Wahrheit, wie man nur Wahrheiten verteidigt, die man

unbedingt nötig hat. Und dennoch sind wir so ganz vom bösen Gewissen

zernagt, daß kein heiler Fleck mehr an uns ist. Hinzu kommt, daß die

ganze Art unserer inneren Existenz, unsere Weltanschauung, unsere

Arbeitsweise ... von schrecklich ungesunder, unterminierender,

aufreibender Wirkung ist, und auch dies verschlimmert die Sache. Da gibt

es nun kleine Linderungsmittel, ohne die man es einfach nicht aushielte.

Eine gewisse Artigkeit und hygienische Strenge der Lebensführung zum

Beispiel ist manchen von uns Bedürfnis. Früh aufstehen, grausam früh,

ein kaltes Bad und ein Spaziergang hinaus in den Schnee ... Das macht,

daß wir vielleicht eine Stunde lang ein wenig zufrieden mit uns sind.

Gäbe ich mich, wie ich bin, so würde ich bis in den Nachmittag hinein im

Bette liegen, glauben Sie mir. Wenn ich früh aufstehe, so ist das

eigentlich Heuchelei.«

»Nein, weshalb, Herr Spinell! Ich nenne das Selbstüberwindung ... Nicht

wahr, Frau Rätin?« -- Auch die Rätin Spatz nannte es Selbstüberwindung.

»Heuchelei oder Selbstüberwindung, gnädige Frau! Welches Wort man nun

vorzieht. Ich bin so gramvoll ehrlich veranlagt, daß ich ...«

»Das ist es. Sicher grämen Sie sich zuviel.«

»Ja, gnädige Frau, ich gräme mich viel.«

-- Das gute Wetter hielt an. Weiß, hart und sauber, in Windstille und

lichtem Frost, in blendender Helle und bläulichem Schatten lag die

Gegend, lagen Berge, Haus und Garten, und ein zartblauer Himmel, in dem

Myriaden von flimmernden Leuchtkörperchen, von glitzernden Kristallen zu

tanzen schienen, wölbte sich makellos über dem Ganzen. Der Gattin Herrn

Klöterjahns ging es leidlich in dieser Zeit; sie war fieberfrei, hustete

fast gar nicht und aß ohne allzuviel Widerwillen. Oftmals saß sie, wie

das ihre Vorschrift war, stundenlang im sonnigen Frost auf der Terrasse.

Sie saß im Schnee, ganz in Decken und Pelzwerk verpackt, und atmete

hoffnungsvoll die reine, eisige Luft, um ihrer Luftröhre zu dienen. Dann

bemerkte sie zuweilen Herrn Spinell, wie er, ebenfalls warm gekleidet

und in Pelzschuhen, die seinen Füßen einen phantastischen Umfang

verliehen, sich im Garten erging. Er ging mit tastenden Schritten und

einer gewissen behutsamen und steif-graziösen Armhaltung durch den

Schnee, grüßte sie ehrerbietig, wenn er zur Terrasse kam, und stieg die

unteren Stufen hinan, um ein kleines Gespräch zu beginnen.

»Heute, auf meinem Morgenspaziergang, habe ich eine schöne Frau gesehen

... Gott, sie war schön!« sagte er, legte den Kopf auf die Seite und

spreizte die Hände.

»Wirklich, Herr Spinell? Beschreiben Sie sie mir doch!«

»Nein, das kann ich nicht. Oder ich würde Ihnen doch ein unrichtiges

Bild von ihr geben. Ich habe die Dame im Vorübergehen nur mit einem

halben Blicke gestreift, ich habe sie in Wirklichkeit nicht gesehen.

Aber der verwischte Schatten von ihr, den ich empfing, hat genügt, meine

Phantasie anzuregen und mich ein Bild mit fortnehmen lassen, das schön

ist ... Gott, es ist schön!«

Sie lachte. »Ist das Ihre Art, sich schöne Frauen zu betrachten, Herr

Spinell?«

»Ja, gnädige Frau; und es ist eine bessere Art, als wenn ich ihnen plump

und wirklichkeitsgierig ins Gesicht starrte und den Eindruck einer

fehlerhaften Tatsächlichkeit davontrüge ...«

»Wirklichkeitsgierig ... Das ist ein sonderbares Wort! Ein richtiges

Schriftstellerwort, Herr Spinell! Aber es macht Eindruck auf mich, will

ich Ihnen sagen. Es liegt so manches darin, wovon ich wenig verstehe,

etwas Unabhängiges und Freies, das sogar der Wirklichkeit die Achtung

kündigt, obgleich sie doch das Respektabelste ist, was es gibt, ja das

Respektable selbst ... Und dann begreife ich, daß es etwas gibt außer

dem Handgreiflichen, etwas Zarteres ...«

»Ich weiß nur ein Gesicht«, sagte er plötzlich mit einer seltsam

freudigen Bewegung in der Stimme, erhob seine geballten Hände zu den

Schultern und ließ in einem exaltierten Lächeln seine kariösen Zähne

sehen ... »Ich weiß nur ein Gesicht, dessen veredelte Wirklichkeit durch

meine Einbildung korrigieren zu wollen sündhaft wäre, das ich

betrachten, auf dem ich verweilen möchte, nicht Minuten, nicht Stunden,

sondern mein ganzes Leben lang, mich ganz darin verlieren und alles

Irdische darüber vergessen ...«

»Ja, ja, Herr Spinell! Nur daß Fräulein von Osterloh doch ziemlich

abstehende Ohren hat.«

Er schwieg und verbeugte sich tief. Als er wieder aufrecht stand, ruhten

seine Augen mit einem Ausdruck von Verlegenheit und Schmerz auf dem

kleinen, seltsamen Äderchen, das sich blaßblau und kränklich in der

Klarheit ihrer wie durchsichtigen Stirn verzweigte.

7

Ein Kauz, ein ganz wunderlicher Kauz! Herrn Klöterjahns Gattin dachte

zuweilen nach über ihn, denn sie hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken.

Sei es, daß der Luftwechsel anfing, die Wirkung zu versagen, oder daß

irgendein positiv schädlicher Einfluß sie berührt hatte: ihr Befinden

war schlechter geworden, der Zustand ihrer Luftröhre schien zu wünschen

übrigzulassen, sie fühlte sich schwach, müde, appetitlos, fieberte nicht

selten; und Doktor Leander hatte ihr aufs entschiedenste Ruhe,

Stillverhalten und Vorsicht empfohlen. So saß sie, wenn sie nicht liegen

mußte, in Gesellschaft der Rätin Spatz, verhielt sich still und hing,

eine Handarbeit im Schöße, an der sie nicht arbeitete, diesem oder jenem

Gedanken nach.

Ja, er machte ihr Gedanken, dieser absonderliche Herr Spinell, und, was

das Merkwürdige war, nicht sowohl über seine als über ihre eigene

Person; auf irgendeine Weise rief er in ihr eine seltsame Neugier, ein

nie gekanntes Interesse für ihr eigenes Sein hervor. Eines Tages hatte

er gesprächsweise geäußert:

»Nein, es sind rätselvolle Tatsachen, die Frauen ... sowenig neu es

ist, sowenig kann man ablassen, davor zu stehen und zu staunen. Da ist

ein wunderbares Geschöpf, eine Sylphe, ein Duftgebild, ein Märchentraum

von einem Wesen. Was tut sie? Sie geht hin und ergibt sich einem

Jahrmarktsherkules oder Schlächterburschen. Sie kommt an seinem Arme

daher, lehnt vielleicht sogar ihren Kopf an seine Schulter und blickt

dabei verschlagen lächelnd um sich her, als wollte sie sagen: Ja, nun

zerbrecht euch die Köpfe über diese Erscheinung! -- Und wir zerbrechen sie

uns.« --

Hiermit hatte Herrn Klöterjahns Gattin sich wiederholt beschäftigt.

Eines anderen Tages fand zum Erstaunen der Rätin Spatz folgendes

Zwiegespräch zwischen ihnen statt.

»Darf ich einmal fragen, gnädige Frau (aber es ist wohl naseweis), wie

Sie heißen, wie eigentlich Ihr Name ist?«

»Ich heiße doch Klöterjahn, Herr Spinell!«

»Hm.-- Das weiß ich. Oder vielmehr: ich leugne es. Ich meine natürlich

Ihren eigenen Namen, Ihren Mädchennamen. Sie werden gerecht sein und

einräumen, gnädige Frau, daß, wer Sie >Frau Klöterjahn< nennen wollte,

die Peitsche verdient.«

Sie lachte so herzlich, daß das blaue Äderchen über ihrer Braue

beängstigend deutlich hervortrat und ihrem zarten, süßen Gesicht einen

Ausdruck von Anstrengung und Bedrängnis verlieh, der tief beunruhigte.

»Nein! Bewahre, Herr Spinell! Die Peitsche? Ist >Klöterjahn< Ihnen so

fürchterlich?«

»Ja, gnädige Frau, ich hasse diesen Namen aus Herzensgrund, seit ich ihn

zum erstenmal vernahm. Er ist komisch und zum Verzweifeln unschön, und

es ist Barbarei und Niedertracht, wenn man die Sitte so weit treibt, auf

Sie den Namen Ihres Herrn Gemahls zu übertragen.«

»Nun, und >Eckhof<? Ist Eckhof schöner? Mein Vater heißt Eckhof.«

»Oh, sehen Sie! >Eckhof< ist etwas ganz anderes! Eckhof hieß sogar ein

großer Schauspieler. Eckhof passiert. -- Sie erwähnten nur Ihres Vaters.

Ist Ihre Frau Mutter ...«

»Ja; meine Mutter starb, als ich noch klein war.«

»Ah. -- Sprechen Sie mir doch ein wenig mehr von Ihnen, darf ich Sie

bitten? Wenn es Sie ermüdet, dann nicht. Dann ruhen Sie, und ich fahre

fort, Ihnen von Paris zu erzählen, wie neulich. Aber Sie könnten ja ganz

leise reden, ja, wenn Sie flüstern, so wird das alles nur schöner machen

... Sie wurden in Bremen geboren?« Und diese Frage tat er beinahe

tonlos, mit einem ehrfurchtsvollen und inhaltsschweren Ausdruck, als sei

Bremen eine Stadt ohnegleichen, eine Stadt voller unnennbarer Abenteuer

und verschwiegener Schönheiten, in der geboren zu sein eine

geheimnisvolle Hoheit verleihe.

»Ja, denken Sie!« sagte sie unwillkürlich. »Ich bin aus Bremen.«

»Ich war einmal dort«, bemerkte er nachdenklich. --

»Mein Gott, Sie waren auch _dort_? Nein, hören Sie, Herr Spinell,

zwischen Tunis und Spitzbergen haben Sie, glaube ich, alles gesehen!«

»Ja, ich war einmal dort«, wiederholte er. »Ein paar kurze Abendstunden.

Ich entsinne mich einer alten, schmalen Straße, über deren Giebeln

schief und seltsam der Mond stand. Dann war ich in einem Keller, in dem

es nach Wein und Moder roch. Das ist eine durchdringende Erinnerung ...«

»Wirklich? Wo mag das gewesen sein?-Ja, in solchem grauen Giebelhause,

einem alten Kaufmannshause mit hallender Diele und weißlackierter

Galerie, bin ich geboren.«

»Ihr Herr Vater ist also Kaufmann?« fragte er ein wenig zögernd.

»Ja. Aber außerdem und eigentlich wohl in erster Linie ist er ein

Künstler.«

»Ah! Ah!. Inwiefern?«

»Er spielt die Geige ... Aber das sagt nicht viel. _Wie_ er sie spielt,

Herr Spinell, das ist die Sache! Einige Töne habe ich niemals hören

können, ohne daß mir die Tränen so merkwürdig brennend in die Augen

stiegen, wie sonst bei keinem Erlebnis. Sie glauben es nicht ...«

»Ich glaube es! Ach, ob ich es glaube! ... Sagen Sie mir, gnädige Frau:

Ihre Familie ist wohl alt? Es haben wohl schon viele Generationen in dem

grauen Giebelhaus gelebt, gearbeitet und das Zeitliche gesegnet?«

»Ja. -- Warum fragen Sie übrigens?«

»Weil es nicht selten geschieht, daß ein Geschlecht mit praktischen,

bürgerlichen und trockenen Traditionen sich gegen das Ende seiner Tage

noch einmal durch die Kunst verklärt.«

»Ist dem so? -- Ja, was meinen Vater betrifft, so ist er sicherlich mehr

ein Künstler als mancher, der sich so nennt und vom Ruhme lebt. Ich

spiele nur ein bißchen Klavier. Jetzt haben sie es mir ja verboten; aber

damals, zu Hause, spielte ich noch. Mein Vater und ich, wir spielten

zusammen ... Ja, ich habe all die Jahre in lieber Erinnerung; besonders

den Garten, unseren Garten, hinterm Hause. Er war jämmerlich verwildert

und verwuchert und von zerbröckelten, bemoosten Mauern eingeschlossen;

aber gerade das gab ihm viel Reiz. In der Mitte war ein Springbrunnen,

mit einem dichten Kranz von Schwertlilien umgeben. Im Sommer verbrachte

ich dort lange Stunden mit meinen Freundinnen. Wir saßen alle auf

kleinen Feldsesseln rund um den Springbrunnen herum ...«

»Wie schön!« sagte Herr Spinell und zog die Schultern empor. »Saßen Sie

und sangen?«

»Nein, wir häkelten meistens.«

»Immerhin ... Immerhin ...«

»Ja, wir häkelten und schwatzten, meine sechs Freundinnen und ich ...«

»Wie schön! Gott, hören Sie, wie schön!« rief Herr Spinell, und sein

Gesicht war gänzlich verzerrt.

»Was finden Sie nun _hieran_ so besonders schön, Herr Spinell!«

»Oh, dies, daß es sechs außer Ihnen waren, daß Sie nicht in diese Zahl

eingeschlossen waren, sondern daß Sie gleichsam als Königin daraus

hervortraten ... Sie waren ausgezeichnet vor Ihren sechs Freundinnen.

Eine kleine goldene Krone, ganz unscheinbar, aber bedeutungsvoll, saß in

Ihrem Haar und blinkte ...«

»Nein, Unsinn, nichts von einer Krone ...«

»Doch, sie blinkte heimlich. Ich hätte sie gesehen, hätte sie deutlich

in Ihrem Haar gesehen, wenn ich in einer dieser Stunden unvermerkt im

Gestrüpp gestanden hätte ...«

»Gott weiß, was Sie gesehen hätten. Sie standen aber nicht dort, sondern

eines Tages war es mein jetziger Mann, der zusammen mit meinem Vater aus

dem Gebüsch hervortrat. Ich fürchte, sie hatten sogar allerhand von

unserem Geschwätz belauscht ...«

»Dort war es also, wo Sie Ihren Herrn Gemahl kennenlernten, gnädige

Frau?«

»Ja, dort lernte ich ihn kennen!« sagte sie laut und fröhlich, und indem

sie lächelte, trat das zartblaue Äderchen angestrengt und seltsam über

ihrer Braue hervor. »Er besuchte meinen Vater in Geschäften, wissen Sie.

Am nächsten Tage war er zum Diner geladen, und noch drei Tage später

hielt er um meine Hand an.«

»Wirklich! Ging das alles so außerordentlich schnell?«

»Ja ... Das heißt, von nun an ging es ein wenig langsamer. Denn mein

Vater war der Sache eigentlich gar nicht geneigt, müssen Sie wissen, und

machte eine längere Bedenkzeit zur Bedingung. Erstens wollte er mich

lieber bei sich behalten, und dann hatte er noch andere Skrupeln.

Aber...«

»Aber?«

»Aber ich _wollte_ es eben«, sagte sie lächelnd, und wieder beherrschte

das blaßblaue Äderchen mit einem bedrängten und kränklichen Ausdruck ihr

ganzes liebliches Gesicht.

»Ah, Sie wollten es.«

»Ja, und ich habe einen ganz festen und respektablen Willen gezeigt, wie

Sie sehen ...«

»Wie ich es sehe. Ja.«

«... so daß mein Vater sich schließlich darein ergeben mußte.«

»Und so verließen Sie ihn denn und seine Geige, verließen das alte Haus,

den verwucherten Garten, den Springbrunnen und Ihre sechs Freundinnen

und zogen mit Herrn Klöterjahn.«

»Und zog mit ... Sie haben eine Ausdrucksweise, Herr Spinell!

Beinahe biblisch! -- Ja, ich verließ das alles, denn so will es ja die

Natur.«

»Ja, so will sie es wohl.«

»Und dann handelte es sich ja um mein Glück.«

»Gewiß. Und es kam, das Glück ...«

»Das kam in der Stunde, Herr Spinell, als man mir zuerst den kleinen

Anton brachte, unseren kleinen Anton, und als er so kräftig mit seinen

kleinen gesunden Lungen schrie, stark und gesund wie er ist ...«

»Es ist nicht das erstemal, daß ich Sie von der Gesundheit Ihres kleinen

Anton sprechen höre, gnädige Frau. Er muß ganz ungewöhnlich gesund

sein?«

»Das ist er. Und er sieht meinem Mann so lächerlich ähnlich!«

»Ah! -- Ja, so begab es sich also. Und nun heißen Sie nicht mehr Eckhof,

sondern anders, und haben den kleinen gesunden Anton und leiden ein

wenig an der Luftröhre.«

»Ja. -- Und _Sie_ sind ein durch und durch rätselhafter Mensch, Herr

Spinell, dessen versichere ich Sie ...«

»Ja, straf mich Gott, das sind Sie!« sagte die Rätin Spatz, die übrigens

auch noch vorhanden war.

Aber auch mit diesem Gespräch beschäftigte Herrn Klöterjahns Gattin sich

mehrere Male in ihrem Innern. So nichtssagend es war, barg es doch

einiges auf seinem Grunde, was ihren Gedanken über sich selbst Nahrung

gab. War _dies_ der schädliche Einfluß, der sie berührte? Ihre Schwäche

nahm zu, und oft stellte Fieber sich ein, eine stille Glut, in der sie

mit einem Gefühle sanfter Gehobenheit ruhte, der sie sich in einer

nachdenklichen, preziösen, selbstgefälligen und ein wenig beleidigten

Stimmung überließ. Wenn sie nicht das Bett hütete und Herr Spinell auf

den Spitzen seiner großen Füße mit ungeheurer Behutsamkeit zu ihr trat,

in einer Entfernung von zwei Schritten stehenblieb und, das eine Bein

zurückgestellt und den Oberkörper vorgebeugt, mit ehrfürchtig gedämpfter

Stimme zu ihr sprach, wie als höbe er sie in scheuer Andacht sanft und

hoch empor und bettete sie auf Wolkenpfühle, woselbst kein schriller

Laut und keine irdische Berührung sie erreichen solle..., so erinnerte

sie sich der Art, in der Herr Klöterjahn zu sagen pflegte: »Vorsichtig,

Gabriele, take care, mein Engel, und halte den Mund zu!«, eine Art, die

wirkte, als schlüge er einem hart und wohlmeinend auf die Schulter. Dann

aber wandte sie sich rasch von dieser Erinnerung ab, um in Schwäche und

Gehobenheit auf den Wolkenpfühlen zu ruhen, die Herr Spinell ihr dienend

bereitete.

Eines Tages kam sie unvermittelt auf das kleine Gespräch zurück, das sie

mit ihm über ihre Herkunft und Jugend geführt hatte.

»Es ist also wahr«, fragte sie, »Herr Spinell, daß Sie die Krone gesehen

hätten?«

Und obgleich jene Plauderei schon vierzehn Tage zurücklag, wußte er

sofort, um was es sich handelte, und versicherte ihr mit bewegten

Worten, daß er damals am Springbrunnen, als sie unter ihren sechs

Freundinnen saß, die kleine Krone hätte blinken, -- sie heimlich in ihrem

Haar hätte blinken sehen.

Einige Tage später erkundigte sich ein Kurgast aus Artigkeit bei ihr

nach dem Wohlergehen ihres kleinen Anton daheim. Sie ließ zu Herrn

Spinell, der sich in der Nähe befand, einen hurtigen Blick

hinübergleiten und antwortete ein wenig gelangweilt:

»Danke; wie soll es dem wohl gehen? -- Ihm und meinem Mann geht es gut.«

8

Ende Februar, an einem Frosttage, reiner und leuchtender als alle, die

vorhergegangen waren, herrschte in >Einfried< nichts als Übermut. Die

Herrschaften mit den Herzfehlern besprachen sich untereinander mit

geröteten Wangen, der diabetische General trällerte wie ein Jüngling,

und die Herren mit den unbeherrschten Beinen waren ganz außer Rand und

Band. Was ging vor? Nichts Geringeres, als daß eine gemeinsame Ausfahrt

unternommen werden sollte, eine Schlittenpartie in mehreren Fuhrwerken

mit Schellenklang und Peitschenknall ins Gebirge hinein: Doktor Leander

hatte zur Zerstreuung seiner Patienten diesen Beschluß gefaßt.

Natürlich mußten die >Schweren< zu Hause bleiben. Die armen >Schweren<!

Man nickte sich zu und verabredete sich, sie nichts von dem Ganzen

wissen zu lassen; es tat allgemein wohl, ein wenig Mitleid üben und

Rücksicht nehmen zu können. Aber auch von denen, die sich an dem

Vergnügen sehr wohl hätten beteiligen können, schlössen sich einige aus.

Was Fräulein von Osterloh anging, so war sie ohne weiteres entschuldigt.

Wer wie sie mit Pflichten überhäuft war, durfte an Schlittenpartieen

nicht ernstlich denken. Der Hausstand verlangte gebieterisch ihre

Anwesenheit, und kurzum: sie blieb in >Einfried<. Daß aber auch Herrn

Klöterjahns Gattin erklärte, daheim bleiben zu wollen, verstimmte

allseitig. Vergebens redete Doktor Leander ihr zu, die frische Fahrt auf

sich wirken zu lassen; sie behauptete, nicht aufgelegt zu sein, Migräne

zu haben, sich matt zu fühlen, und so mußte man sich fügen. Der Zyniker

und Witzbold aber nahm Anlaß zu der Bemerkung:

»Geben Sie acht, nun fährt auch der verweste Säugling nicht mit.«

Und er bekam recht, denn Herr Spinell ließ wissen, daß er heute

nachmittag arbeiten wolle -- er gebrauchte sehr gern das Wort >arbeiten<

für seine zweifelhafte Tätigkeit. Übrigens beklagte sich keine Seele

über sein Fortbleiben, und ebenso leicht verschmerzte man es, daß die

Rätin Spatz sich entschloß, ihrer jüngeren Freundin Gesellschaft zu

leisten, da das Fahren sie seekrank mache.

Gleich nach dem Mittagessen, das heute schon gegen zwölf Uhr

stattgefunden hatte, hielten die Schlitten vor >Einfried<, und in

lebhaften Gruppen, warm vermummt, neugierig und angeregt, bewegten sich

die Gäste durch den Garten. Herrn Klöterjahns Gattin stand mit der Rätin

Spatz an der Glastür, die zur Terrasse führte, und Herr Spinell am

Fenster seines Zimmers, um der Abfahrt zuzusehen. Sie beobachteten, wie

unter Scherzen und Gelächter kleine Kämpfe um die besten Plätze

entstanden, wie Fräulein von Osterloh, eine Pelzboa um den Hals, von

einem Gespann zum anderen lief, um Körbe mit Eßwaren unter die Sitze zu

schieben, wie Doktor Leander, die Pelzmütze in der Stirn, mit seinen

funkelnden Brillengläsern noch einmal das Ganze überschaute, dann

ebenfalls Platz nahm und das Zeichen zum Aufbruch gab ... Die Pferde

zogen an, ein paar Damen kreischten und fielen hintüber, die Schellen

klapperten, die kurzstieligen Peitschen knallten und ließen ihre langen

Schnüre im Schnee hinter den Kufen dreinschleppen, und Fräulein von

Osterloh stand an der Gatterpforte und winkte mit ihrem Schnupftuch, bis

an einer Biegung der Landstraße die gleitenden Gefährte verschwanden,

das frohe Geräusch sich verlor. Dann kehrte sie durch den Garten zurück,

um ihren Pflichten nachzueilen, die beiden Damen verließen die Glastür,

und fast gleichzeitig trat auch Herr Spinell von seinem Aussichtspunkte

ab.

Ruhe herrschte in >Einfried<. Die Expedition war vor Abend nicht

zurückzuerwarten. Die >Schweren< lagen in ihren Zimmern und litten.

Herrn Klöterjahns Gattin und ihre ältere Freundin unternahmen einen

kurzen Spaziergang, worauf sie in ihre Gemächer zurückkehrten. Auch Herr

Spinell befand sich in dem seinen und beschäftigte sich auf seine Art.

Gegen vier Uhr brachte man den Damen je einen halben Liter Milch,

während Herr Spinell seinen leichten Tee erhielt. Kurze Zeit darauf

pochte Herrn Klöterjahns Gattin an die Wand, die ihr Zimmer von dem der

Magistratsrätin Spatz trennte, und sagte:

»Wollen wir nicht ins Konversationszimmer hinuntergehen, Frau Rätin? Ich

weiß nicht mehr, was ich hier anfangen soll.«

»Sogleich, meine Liebe!« antwortete die Rätin. »Ich ziehe nur meine

Stiefel an, wenn Sie erlauben. Ich habe nämlich auf dem Bette gelegen,

müssen Sie wissen.«

Wie zu erwarten stand, war das Konversationszimmer leer. Die Damen

nahmen am Kamine Platz. Die Rätin Spatz stickte Blumen auf ein Stück

Stramin, und auch Herrn Klöterjahns Gattin tat ein paar Stiche, worauf

sie die Handarbeit in den Schoß sinken ließ und über die Armlehne ihres

Sessels hinweg ins Leere träumte. Schließlich machte sie eine Bemerkung,

die nicht lohnte, daß man ihretwegen die Zähne voneinander tat; da aber

die Rätin Spatz trotzdem »Wie?« fragte, so mußte sie zu ihrer Demütigung

den ganzen Satz wiederholen. Die Rätin Spatz fragte nochmals »Wie?« In

diesem Augenblicke aber wurden auf dem Vorplatze Schritte laut, die Tür

öffnete sich, und Herr Spinell trat ein.

»Störe ich?« fragte er noch an der Schwelle mit sanfter Stimme, während

er ausschließlich Herrn Klöterjahns Gattin anblickte und den Oberkörper

auf eine gewisse zarte und schwebende Art nach vorne beugte ... Die

junge Frau antwortete:

Tristan · 第 1 / 3 段