15. Meister Meckerling.

In der Stadt Landshut in Schlesien lebte ein Schneidermeister, namens

Samuel Meckerling. Sein Name war weit über das Weichbild der Stadt hinaus

bekannt, denn er galt für einen der geschicktesten Meister weit und breit

und es kam nicht selten vor, daß Edelleute, hohe Beamte und Gelehrte in

seinem Hause abstiegen und die Anfertigung ihrer Kleider bestellten. Einen

Fehler aber besaß der geschäftige Meister. Er pflegte von den kostbaren

Stoffen, aus welchen er die Kleider zuschnitt und anfertigte, immer einige

Stücken in die »Hölle« wandern zu lassen, das heißt für sich zu verwerten.

Auch kam es wiederholt vor, daß er gröbere Stoffe an Stelle der ihm

übergebenen feineren verarbeitete.

Einst hielt ein herrschaftliches Geschirr vor seinem Hause und diesem

entstieg ein vornehmer Herr. Meckerling sprang von seinem Schneidertisch,

ging vor die Tür und begrüßte mit tiefer Verbeugung den Fremden.

»Was verschafft mir, gnädiger Herr, die Ehre Eures Besuches?« redete er ihn

mit gewandten Worten an.

»Ich wünsche von Euch innerhalb drei Tagen von diesem Tuche einen Rock

angefertigt zu haben. Gebt Euch rechte Mühe; er soll mein Staatsrock werden

und es wird für Euch kein Schaden sein, wenn das Werk den Meister lobt.«

Meister Meckerling betrachtete mit Wohlgefallen den kostbaren Stoff und

machte sich daran, an der Gestalt des Fremden Maß zu nehmen. Da wiegte er

seinen Kopf wie bedenklich hin und her und sagte:

»Der Stoff wird nicht reichen, gnädiger Herr, aus solchem kurzen Stück kann

ich den Rock, wie Ihr ihn wünscht, nicht anfertigen. Es fehlen noch fast

zwei Ellen.«

Der Fremde aber, welcher wußte, daß er zwei Ellen zu viel beim Tuchhändler

gekauft hatte, antwortete nicht, sondern ging aus dem Hause. Als ihm

Meckerling das Geleit gab, verabschiedete er sich mit den kurzen Worten:

»In drei Tagen also wird mein Diener den fertigen Rock von Euch abholen.«

So geschah es. Ein reichbetreßter Diener erschien, nahm den Rock in Empfang

und bezahlte die Rechnung.

Meckerling lachte sich ins Fäustchen, als er die blanken Taler einstrich.

»Das war ein feines Geschäft,« murmelte er vor sich hin, »einen honetten

Kunden mehr, eine reichliche Bezahlung und obendrein noch zwei Ellen des

kostbaren Stoffes für die >Hölle<.«

Es war Sommer geworden und Meister Meckerling beschloß, drüben im

Böhmerlande seinen Bruder zu besuchen. Für die Schneiderei ist der Sommer

die stillste Zeit, darum war es ihm möglich, einen Ausflug zu unternehmen.

Frisch und fröhlich ging er seinen Weg über das Gebirge. Da stand plötzlich

an einer engen Stelle der Straße ein Reiter vor ihm, der ihn am Weitergehen

hinderte. Von Kopf bis zu den Füßen war er feuerrot gekleidet und auf

seinem Hute prangte eine lange rote Feder. Sein Reittier bestand in einem

riesigen schwarzen Ziegenbock mit zwei gewaltigen Hörnern.

»Nun, ehrsamer Meister Meckerling, das trifft sich ja herrlich,« schrie der

Rote, in welchem jener mit Schrecken seinen Kunden, den Edelmann, erkannte.

»Liegen denn noch die zwei Ellen gestohlenen Stoffes von meinem Rock in

Eurer Hölle? Ihr werdet mir gewiß davon mancherlei zu erzählen haben. Also

kommt, schwingt Euch auf meinen Ziegenbock, ich habe wenig Zeit.«

Da fiel der Schneider in die Knie und hob flehentlich seine Hände auf. »Ach

Herr,« jammerte er, »macht keinen Ernst mit Euren Worten. Ich will Euch

alles gern wieder ersetzen, was ich veruntreut habe.«

»Aufsitzen!« befahl wütend der Reiter, der kein anderer als Rübezahl war,

»oder ich schleudere dich den Abgrund hinunter, daß du kein Glied mehr

fühlst.«

Da faßte Meckerling in seiner Angst in das zottige Fell des Bockes, um sich

auf seinen Rücken zu schwingen. Aber in demselben Augenblick erhob sich das

Tier und nun schwebte der dürre Schneider angsterfüllt zwischen Himmel und

Erde und flog sausend durch die Luft. Mit einem steinerweichenden Schrei

bat er flehentlich den lachenden Reiter, ihn wieder zur Erde zu befördern.

Endlich setzte ihn der Bock ab. Aber es war finster geworden und der arme

Tropf befand sich in einer wildfremden Gegend. Über Stock und Stein, durch

Dornen und Dickicht, durch Moor und Sumpf stapfte er dahin, bis er endlich

erschöpft auf der breiten Fahrstraße anlangte. Mit zerrissenen Kleidern,

ermatteten Gliedern und gedemütigtem Herzen traf er endlich wieder in

seiner Behausung ein.

Der Lustritt aber hatte den Schneider geheilt. Nun wurde er ehrlich und

legte vor seiner Hölle für alle Zeiten ein Schloß. Das wurde allenthalben

bekannt und Meister Meckerling ein wohlhabender Mann.

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 19 / 20 题