Nach allen diesen Geschichten ließ der Berggeist lange Zeit nichts wieder
von sich hören. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten,
welche die Einbildung der Hausmütter in geselligen Winterabenden so lang
und fein ausspann als den Faden am Rocken; es war eitel Fabelei, zur
Kurzweil ausgedacht. Der Gräfin Cäcilie war die letzte Begegnung mit dem
Berggeiste vorbehalten, bevor er seine letzte Hinabfahrt in die Unterwelt
antrat.
Diese Dame, mit allerlei Gicht und Gebrechen beladen, machte nebst zwei
gesunden, blühenden Töchtern die Reise nach Karlsbad. Die Mutter verlangte
so sehr nach der Badekur und die Fräuleins nach den Lustbarkeiten des
Bades, daß sie sonder Rast Tag und Nacht reisten. Es traf sich, daß sie
gerade mit Sonnenuntergang ins Riesengebirge gelangten. Es war ein
wunderbar schöner, warmer Sommerabend, kein Lüftchen regte sich. Der
nächtliche Himmel mit funkelnden Sternen besät, die goldene Mondsichel,
deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten
milderte, und die beweglichen Funken unzähliger, leuchtender Johanniskäfer,
die in den Gebüschen schwirrten, gaben die Beleuchtung zu einer der
schönsten Naturbilder, wiewohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm;
denn Mama war, da es gemächlich bergan ging, von der schaukelnden Bewegung
des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden und die Töchter nebst der
Zofe hatten sich jede in ein Eckchen gedrückt und schlummerten gleichfalls.
Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutscherbockes kein
Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rübezahl, die er vor Zeiten so
gespannt angehört hatte, kamen ihm jetzt auf dem Schauplatz dieser
Abenteuer wieder in den Sinn und er hätte wohl gewünscht, nie etwas davon
gehört zu haben. Ach, wie sehnte er sich nach dem sicheren Breslau zurück,
wohin sich nicht leicht ein Gespenst wagte! Er sah schüchtern auf alle
Seiten umher und durchlief mit den Augen oft alle zweiunddreißig Richtungen
der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig
wurde, das ihm bedenklich schien, so lief ihm ein kalter Schauer den Rücken
herunter und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen ließ er seine
Besorgnisse den Schwager Postillion merken und forschte mit Fleiß von ihm,
ob's auch geheuer sei im Gebirge. Wiewohl ihm dieser nun die heile Haut
durch einen kräftigen Fuhrmannsschwur versicherte, bangte ihm doch das Herz
unablässig.
Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Postkutscher die Pferde
an, murmelte etwas zwischen den Zähnen und fuhr weiter, hielt nochmals an
und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine Augen fest geschlossen
hatte, ahnte nichts Gutes, blickte schüchtern auf und sah mit Entsetzen in
der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt
daherwandeln von übermenschlicher Größe mit einem weißen spanischen
Halskragen angetan, und das Bedenklichste bei der Sache war, daß der
Schwarzmantel keinen Kopf hatte.
Hielt der Wagen, so stand der Wanderer still und regte Wipprecht die Pferde
an, so ging er auch weiter. »Schwager, siehst du was!« rief der zaghafte
Tropf vom hohen Kutschbock herab mit berganstehendem Haar.
»Freilich seh' ich was,« antwortete dieser ganz kleinlaut; »aber schweig'
nur, daß es nichts merkt.«
Johann waffnete sich mit allen Stoßgebetlein, die er wußte und schwitzte
dabei vor Angst kalten Todesschweiß. Und wie ein Blitz, wenn's in der Nacht
wetterleuchtet und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus
rege macht, um sich durch die Gemeinschaft mit den Hausbewohnern vor der
gefürchteten Gefahr zu sichern, so suchte aus dem nämlichen Trieb der
verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und
klopfte hastig ans Fenster. Die erwachende Gräfin, unwillig, daß sie aus
ihrem sanften Schlummer gestört wurde, fragte: »Was gibt's?«
»Ihro Gnaden, schaun Sie einmal aus,« rief Johann mit zagender Stimme,
»dort geht ein Mann ohne Kopf.«
»Dummkopf, der du bist,« antwortete die Gräfin, »was träumt deine Phantasie
für Fratzen! Und wenn dem so wäre,« fuhr sie scherzhaft fort, »so ist ja
ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und außerhalb
genug.«
Die Fräuleins konnten indessen den Witz der gnädigen Mama diesmal nicht
schmackhaft finden, ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten
sich schüchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: »Ach, das ist
Rübezahl, der Bergmönch!«
Die Dame aber, die an keine Geister glaubte, strafte die Fräuleins dieser
spießbürgerlichen Vorurteile halber, bewies, daß alle Gespenster- und
Spukgeschichten Ausgeburten einer kranken Einbildungskraft wären, und
erklärte die Geistererscheinungen samt und sonders aus natürlichen
Ursachen.
Ihre Zunge war eben in vollem Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige
Augenblicke dem Gespensterspäher aus dem Auge geschwunden war, wieder aus
dem Busch hervor auf den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, daß
Johann falsch gesehen hatte; der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf,
nur daß er ihn nicht wie gewöhnlich zwischen den Schultern, sondern wie
einen Schoßhund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei
Schritten erregte innerhalb und außerhalb des Wagens großes Entsetzen. Die
holden Fräuleins und die Zofe, welche sonst nicht gewohnt war, mit
einzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort führte, taten aus einem
Munde einen lauten Schrei, ließen den seidenen Vorhang herabrollen, um
nichts zu sehen und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strauß, wenn er
dem Jäger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummem Schrecken die
Hände zusammen. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel es besonders
abgesehen zu haben schien, erhob in der Angst des Herzens das gewöhnliche
Feldgeschrei, womit die Gespenster begrüßt zu werden pflegen: »Alle guten
Geister loben Gott den Herrn!« Doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte
ihm das Ungetüm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, daß er von seinem
hohen Sitz herabstürzte; in dem nämlichen Augenblicke lag auch der
Postkutscher durch einen kräftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt und die
Erscheinung keuchte aus hohler Brust in dumpfen Ton diese Worte aus: »Nimm
das von Rübezahl, dem Herrn des Gebirges, daß du ihm ins Gehege fuhrst!
Verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung.« Hierauf schwang sich das
Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr bergab, bergan, über
Stock und Stein, daß vor dem Rasseln der Räder und dem Schnauben der Rosse
von dem Angstgeschrei der Damen nichts hörbar war.
Urplötzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter
trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar nicht zu
bemerken, daß diesem der Kopf fehle; er ritt vor dem Wagen her, als wenn er
dazu gedungen wäre. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft eben nicht
zu behagen, er lenkte nach einer andern Richtung um, der Reiter tat
dasselbe und so oft auch jener aus dem Weg bog, so konnte er den lästigen
Geleitsmann nicht los werden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm den
Fuhrmann groß wunder, besonders da er deutlich wahrnahm, daß der Schimmel
des Reiters einen Fuß zu wenig hatte, obgleich die dreibeinige Rosinante
übrigens ganz schulgerecht trabte. Dabei wurde dem schwarzen Wagenlenker
auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute und er fürchtete, seine
Rübezahlsrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich ins
Spiel zu mischen schien. --
Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter um, so daß er dicht neben
den Fuhrmann kam, und fragte ihn ganz traulich: »Landsmann ohne Kopf, wo
geht die Reise hin?«
»Wo wird's hingehen,« antwortete das Kutschergespenst mit furchtsamem
Trotz, »wie Ihr seht, der Nase nach.«
»Wohl!« sprach der Reiter, »laß sehen, Gesell, wo du die Nase hast!«
Darauf fiel er den Pferden in die Zügel, packte den Schwarzmantel beim Leib
und warf ihn so kräftig zur Erde, daß ihm alle Glieder dröhnten; denn das
Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie jeder Mensch. Behend war der Betrüger
entkleidet; da kam ein wohlgeformter Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet
war wie ein gewöhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und
die schwere Hand seines Gegners fürchtete, auch nicht zweifelte, der Reiter
sei der leibhaftige Rübezahl, den er nachzuäffen sich unterfangen hatte,
ergab er sich auf Gnade und Ungnade und bat flehentlich um sein Leben.
»Gestrenger Gebirgsherr,« sprach er, »habt Erbarmen mit einem
Unglücklichen, der die Schläge des Schicksals von Jugend auf erfahren hat,
der nie sein durfte, was er wollte, der jederzeit aus dem Stand mit Gewalt
herausgestoßen wurde, in den er sich mit Mühe hineingearbeitet hatte, und
nachdem sein Aufenthalt unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht
einmal Gespenst sein darf.«
Diese Anrede war ein Wort zu seiner Zeit. Der Berggeist war gegen seinen
Doppelgänger so ergrimmt, daß er ihn erdrosselt haben würde, wenn nicht
seine Neugierde rege gemacht worden wäre, die Schicksale des Abenteurers zu
vernehmen.
»Sitz' auf, Gesell,« sprach er, »und tu, was dir geheißen wird.« Darauf zog
er vorerst dem Schimmel den vierten Fuß zwischen den Rippen hervor, trat an
den Schlag, öffnete diesen und wollte die Reisegesellschaft freundlich
begrüßen.
Aber drinnen war's stille wie in einer Totengruft; der übermäßige Schrecken
hatte die Insassen so gewaltsam erschüttert, daß alle, von der gnädigen
Frau bis auf die Zofe, in ohnmächtigem Hinbrüten dalagen. Der Reiter wußte
indessen bald Rat zu schaffen; er schöpfte aus dem vorüberrieselnden
Bächlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser, sprengte den
Damen davon ins Gesicht, hielt ihnen das Riechfläschchen vor, rieb ihnen
mit der duftenden Flüssigkeit die Schläfe und brachte sie wieder ins Leben.
Sie schlugen eine nach der andern die Augen auf und erblickten einen
wohlgestalteten Mann von unverdächtigem Aussehen, der durch seine
Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen erwarb.
»Es tut mir leid, meine Damen,« redete er sie an, »daß Sie in meinem
Gerichtsbezirk von einem vermummten Bösewicht belästigt worden sind, der
ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie sind in
Sicherheit, ich bin der Oberst von Riesental. Erlauben Sie, daß ich Sie zu
meiner Wohnung geleite, die nicht fern von hier ist.«
Diese Einladung kam der Gräfin sehr gelegen, sie nahm solche mit Freuden
an; der Krauskopf bekam Befehl, fortzufahren und gehorchte mit zagender
Bereitwilligkeit. Um den Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken zu
erholen, gesellte sich der Oberst wieder zum Fuhrmann, hieß ihn bald
rechts, bald links wenden und dieser bemerkte ganz deutlich, daß der Ritter
zuweilen eine von den herumschwirrenden Fledermäusen zu sich berief und ihr
geheime Befehle erteilte, was sein Grausen noch vermehrte.
In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurden
zwei und endlich vier; es kamen vier Jäger herangesprengt mit brennenden
Fackeln, die ihren Herrn, wie sie sagten, ängstlich gesucht hatten und
erfreut schienen, ihn zu finden. Die Gräfin war nun wieder in vollem
Gleichmute und da sie sich außer Gefahr sah, dachte sie an den ehrlichen
Johann und war um sein Schicksal bekümmert. Sie eröffnete ihrem Schutzherrn
dieses Anliegen, der alsbald zwei von den Jägern fortschickte, die beiden
Unglückskameraden aufzusuchen und ihnen benötigten Beistand zu leisten.
Bald darauf rollte der Wagen durchs düstere Burgtor in einen geräumigen
Vorhof hinein und hielt vor einem herrlichen Palast, der ganz erleuchtet
war. Der Oberst bot der Gräfin den Arm und führte sie in die Prachtgemächer
seines Hauses in eine große Gesellschaft ein, die daselbst versammelt war.
Die Fräuleins befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, daß sie in
Reisekleidern in eine so glänzende Gesellschaft traten, ohne vorher die
Kleider gewechselt zu haben.
Nach den ersten Höflichkeitsbezeigungen gruppierte sich die Gesellschaft
wieder in verschiedene kleine Kreise. Einige setzten sich zum Spiel, andere
unterhielten sich durch Gespräche. Das Abenteuer wurde viel beredet und,
wie es bei Erzählung überstandener Gefahren gewöhnlich der Fall ist, zu
einem kleinen Heldengedicht ausgebildet, in welchem Mama sich gern die
Rolle der Heldin zugeteilt hätte, wenn sich das Riechfläschchen des
hilfreichen Ritters hätte beseitigen lassen. Bald darauf führte der
aufmerksame Wirt einen Mann ein, der recht wie gerufen kam; es war ein
Arzt, der nach dem Gesundheitszustande der Gräfin und ihrer schönen Töchter
forschte, den Puls prüfte und mit bedeutender Miene mancherlei bedenkliche
Anzeichen ahnte. Obwohl sich die Dame so wohl als möglich befand, so machte
ihr doch die angedrohte Gefahr für das Leben bange; denn aller
Leibesbeschwerden ungeachtet, war ihr der gebrechliche Körper noch so lieb
wie ein langgewohntes Kleid, das man nicht gern entbehrt, ob es gleich
abgetragen ist. Auf Verordnung des Arztes verschluckte sie Pulver und
Tropfen, und die gesunden Töchter mußten wider Willen dem Beispiel der
besorgten Mutter folgen.
Allzu nachgiebige Patienten machen strenge Ärzte; die ärztlichen
Verordnungen waren kaum befolgt, so begab man sich zur Tafel in den
Speisesaal, wo ein königliches Mahl aufgetischt wurde. Die Schenktische
waren mit Silberwerk aufgeputzt; es prangten da goldene und übergoldete
Pokale und riesige Willkommen nebst den dazugehörigen Schalen von
getriebener Arbeit. Eine herrliche Musik tönte aus den Nebenzimmern und
flötete den leckerhaften Schmaus und die feinen Weine den Gästen lieblich
hinunter. Nach Entfernung der Schüsseln ordnete der Speisemeister den
bunten Nachtisch, der aus Bergen und Felsen von gefärbtem Zucker bestand.
Das ganze Abenteuer der Gräfin war in niedlichen Figuren, wie sie auf den
Tafeln der Großen zu prangen pflegen, abgebildet. Die Gräfin unterließ
nicht, das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie
wendete sich an ihren Stuhlnachbar, seiner Angabe nach einen böhmischen
Grafen, fragte neugierig, was für ein Festtag hier gefeiert werde, und
erhielt zur Antwort, daß nichts Außerordentliches vorgehe, es sei nur eine
freundschaftliche Begegnung von guten Bekannten, die hier zufälligerweise
zusammenträfen. Es nahm sie wunder, von dem wohlhabenden, gastfreien
Obersten von Riesental weder in noch außerhalb Breslau je ein Wort gehört
zu haben, und so emsig sie auch die Namen durchlief, wovon ihr Gedächtnis
einen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunter
nicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirt selbst zu erforschen
und begehrte von ihm Aufschluß und Belehrung; aber dieser wußte ihr so
geschickt auszuweichen, daß sie nie mit ihm zum Zwecke kam. Geflissentlich
riß er diesen Faden ab und zog die Unterredung in die lustigen Räume des
Geisterreiches hinüber.
Einer der Gäste wußte viel wundersame Geschichten von Rübezahl zu erzählen;
man stritt für und wider die Wahrheit derselben; die Gräfin zog gegen das
Dasein des Geistes sehr zu Felde.
»Meine eigene Geschichte,« so sprach sie, »ist ein augenscheinlicher
Beweis, daß alles, was man von dem erwähnten Berggeiste sagt, leere Träume
sind. Wenn er hier im Gebirge sein Wesen hätte und die edlen Eigenschaften
besäße, die ihm Fabler und müßige Köpfe zueignen, so würde er einem
Schurken nicht gestattet haben, solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu
treiben. Aber das armselige Unding von Geist konnte seine Ehre nicht retten
und ohne den edelmütigen Beistand des Herrn von Riesental hätte der freche
Bube sein Spiel so weit mit uns treiben können, als er Lust hatte.«
Der Herr vom Hause hatte an diesen Gesprächen bisher wenig Anteil genommen;
jetzt aber mischte er sich ins Gespräch und nahm das Wort:
»Sie haben, gnädige Frau, mit vielem Geschick versucht, das
Nichtvorhandensein des Berggeistes mit mancherlei Gründen zu beweisen.
Dennoch dünkt mich, ließen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige
Einwürfe machen. Wie, wenn der fabelhafte Gebirgsgeist bei Ihrer Befreiung
aus der Hand des entlarvten Räubers dennoch mit im Spiel gewesen wäre? Wie,
wenn es ihm gefallen hätte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser
unverdächtigen Maske in Sicherheit zu bringen, und wenn ich Ihnen sagte,
daß ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht einen Fuß
breit entfernt habe, daß Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnung
eingeführt worden sind, der nicht mehr vorhanden ist? Sonach wär's doch
möglich, daß der Berggeist seine Ehre gerettet hätte, und daraus würde
folgen, daß er nicht ganz das Unding wäre, wofür Sie ihn halten.«
Diese Rede brachte die Gräfin einigermaßen aus der Fassung und die schönen
Fräuleins legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand und sahen dem
Hausherrn starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob das im
Scherz oder im Ernst gesagt sei. Die weitere Erörterung unterbrach die
Ankunft des wieder aufgefundenen Bedienten und des Postkutschers. Der
letztere war ebenso beglückt beim Anblick seiner vier Rappen im Stalle, wie
der erstere, als er frohlockend ins Tafelgemach eintrat und daselbst seine
Herrschaft vergnügt und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das
ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels einher, durch welches er wie von
einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte
übergeben, um es zu begutachten. Doch erkannte er es bald für einen
ausgehöhlten Kürbis, der mit Sand und Steinen angefüllt und durch den
Zusatz einer hölzernen Nase und eines langen Flachsbartes zu einem
abschreckenden Menschenantlitz aufgestutzt war.
Nach aufgehobener Tafel ging die Gesellschaft auseinander, da der Morgen
bereits herandämmerte. Die Damen fanden ein köstlich zubereitetes
Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind
überraschte, daß die Einbildungskraft nicht Zeit hatte, ihnen die
Schreckbilder der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln und ängstliche
Träume anzuspinnen. Es war hoch am Tage, als Mama erwachte, der Zofe
klingelte und die Fräuleins weckte, die gern noch einen Versuch gemacht
hätten, in den weichen Federn auch auf dem andern Ohr zu schlafen. Allein
die Gräfin verlangte so sehr, die Heilkräfte des Bades aufs baldigste zu
versuchen, daß sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu
bewegen war, einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fräuleins dem Ball
beigewohnt hätten, den er ihnen zu geben verhieß. Sobald das Frühstück
eingenommen war, schickten sich die Damen zur Abreise an. Gerührt durch die
freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn von Riesental
genossen hatten, der auf die höflichste Art bis an die Grenzen seines
Gebietes ihnen das Geleite gab, beurlaubten sie sich mit der Verheißung,
auf der Rückkehr wieder einzusprechen.
Kaum war Rübezahl in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf ins
Verhör geführt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen
würden, die Nacht in einem unterirdischen Keller zugebracht hatte.
»Elender Erdenwurm,« redete ihn der Geist an, »was hält mich ab, daß ich
dich nicht zertrete für die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohn
verübte Gaukelei? Büßen sollst du mir mit Haut und Haar für diese
Frechheit.«
Der Krauskopf hielt eine lange Rede und suchte sein Verhalten mit seinen
unglücklichen Lebensschicksalen zu beschönigen. Das stimmte den Berggeist
milder und er sprach:
»Geh, Schurke, so weit dich deine Füße tragen und ersteig den Gipfel deines
Glücks am Galgen!« Hierauf verabschiedete er seinen Gefangenen mit einem
kräftigen Fußtritte, und dieser war froh, daß er mit einer so gelinden
Strafe abkam und pries seine Beredsamkeit, die seiner Meinung nach ihn
diesmal aus einer sehr mißlichen Lage gezogen hatte. Er beeilte sich, dem
gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen.
Die Gräfin Cäcilie war indessen mit ihrer Begleitung glücklich und
wohlbehalten in Karlsbad angelangt. Das erste, was sie tat, war, den
Badearzt zu sich zu berufen und ihn, wie gewöhnlich, über ihren
Gesundheitszustand und die Einrichtung der Kur zu befragen. Da trat herein
der weiland hochberühmte Arzt Doktor Springsfeld aus Merseburg, für welchen
das Bad eine Goldquelle war.
»Seien Sie uns willkommen, lieber Doktor,« riefen Mama und die holden
Fräuleins ihm traulich und freundlich entgegen.
»Sie sind uns zuvorgekommen,« fügte erstere hinzu, »wir vermuteten Sie noch
bei dem Herrn von Riesental; aber loser Mann, warum haben Sie uns dort
verschwiegen, daß Sie der Badearzt sind?«
Der Arzt stutzte, sann lange hin und her und erinnerte sich nicht, die
Damen irgendwo gesehen zu haben.
»Ihro Gnaden verwechseln ohne Zweifel mich mit einem andern,« sprach er,
»ich habe vorher nicht die Ehre gehabt, Ihnen persönlich bekannt zu sein;
der Herr von Riesental gehört auch nicht zu meiner Bekanntschaft, und
während der Kurzeit pflege ich mich nie von hier zu entfernen.«
Die Gräfin konnte keinen anderen Grund von dieser Verstellung, welche der
Arzt so ernsthaft behauptete, sich geben, als daß er für die geleistete
Dienste nicht wollte belohnt sein. Sie erwiderte lächelnd: »Ich verstehe
Sie, lieber Doktor; Ihr Zartgefühl geht aber zu weit; es soll mich nicht
abhalten, mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für Ihren guten
Beistand dankbar zu sein.«
Sie nötigte ihm darauf eine goldene Dose mit Gewalt auf, die der Arzt
jedoch nur als Vorausbezahlung annahm und, um die Dame als eine gute
Kundschaft nicht unwillig zu machen, widersprach er ihr nicht weiter. Er
erklärte sich übrigens das Rätsel ganz leicht durch die Annahme, daß die
ganze gräfliche Familie von einer Art Kribbelkrankheit befallen sei, wobei
seltsame und unbegreifliche Wirkungen der Einbildungskraft nichts
Ungewöhnliches sind, und verordnete allerlei Mittel.
Doktor Springsfeld suchte sich seinen Patienten lieb und angenehm zu
machen; er wußte seine Kunden mit artigen Geschichtchen, Stadtneuigkeiten
und kleinen Anekdoten wohl zu unterhalten und ihre Lebensgeister dadurch
aufzumuntern. Da er vom Besuch der Gräfin seine Ronde ging, gab er die
sonderbare Begegnung mit der neuen Kundschaft in jedem Krankenzimmer zum
besten, ließ bei der oftmaligen Wiederholung die Sache unvermerkt wachsen
und kündigte die Dame bald als eine Kranke, bald als Seherin an. Man war
begierig, eine so außerordentliche Bekanntschaft zu machen, und die Gräfin
Cäcilie wurde in Karlsbad das Märchen des Tages. Alles drängte sich zu ihr,
da sie mit ihren schönen Töchtern zum erstenmal erschien. Es war ihr und
den Fräuleins ein höchst überraschender Anblick, die ganze Gesellschaft
hier anzutreffen, in welche sie vor einigen Tagen in dem Schlosse des Herrn
von Riesental eingeführt worden waren. Der böhmische Graf fiel ihnen zuerst
in die Augen. Sie waren der steifen Formen überhoben, gegen Unbekannte sich
zu beknicksen; es war für sie kein fremdes Gesicht im Saale. Mit
freimütiger Unbefangenheit wendete sich die gesprächige Dame bald zu dem,
bald zu jenem von der Gesellschaft, nannte jeden bei seinem Namen und
Titel, sprach viel vom Herrn von Riesental, bezog sich auf die bei diesem
gastfreien Manne mit ihnen allerseits gepflogenen Unterredungen und wußte
sich nicht zu erklären, was das fremde und kalte Betragen aller der Herren
und Damen bedeuten sollte, die vor kurzem so viel Freundschaft und
Vertraulichkeit gegen sie geäußert hatten. Natürlich geriet sie auf den
Wahn, das sei eine abgeredete Sache, und der Herr von Riesental würde der
Schäkerei dadurch ein Ende machen, daß er unvermutet selbst zum Vorschein
käme.
Alle diese Reden bewiesen nach der Meinung der Badegesellschaft so sehr
eine überspannte Einbildung, daß sie samt und sonders die Gräfin
bemitleideten, die nach dem Urteil aller Anwesenden eine sehr vernünftige
Frau zu sein schien und in ihren Reden und dem Gange der Gedanken nichts
Ausschweifendes verriet, wenn ihre Einbildung nicht den Weg über das
Riesengebirge nahm. Die Gräfin ihrerseits erriet aus den bedeutsamen
Gesichtszügen, Winken und Blicken der um sie her versammelten Herrschaften,
daß man sie schief beurteilte und daß man wähnte, ihre Krankheit habe sich
aus den Gliedern ins Hirn versetzt. Sie glaubte, die beste Wiederlegung
dieses kränkenden Vorurteils sei die aufrichtige Erzählung ihres Abenteuers
auf der schlesischen Grenze. Man hörte sie mit der Aufmerksamkeit, mit der
man ein Märchen anhört, das auf einige Augenblicke angenehm unterhält,
davon man aber kein Wort glaubt.
»Wunderbar!« riefen alle Zuhörer aus einem Munde und sahen bedeutsam den
Doktor Springsfeld an, der verstohlen die Achsel zuckte und sich gelobte,
die Patientin nicht eher aus seiner Pflege zu entlassen, bis das heilende
Wasser des Bades das abenteuerliche Riesengebirge aus ihrer Einbildung rein
weggespült haben würde. Das Bad leistete indessen alles, was der Arzt und
die Kranke davon erwartet hatten. Da die Gräfin sah, daß ihre Geschichte
wenig Glauben fand und sogar ihren gesunden Menschenverstand verdächtig
machte, so redete sie nicht mehr davon und Doktor Springsfeld unterließ
nicht, dieses Schweigen den Heilkräften des Bades zuzuschreiben, das doch
auf eine ganz andere Art gewirkt und die Gräfin aller Gichten und
Gliederreißen entledigt hatte.
Nachdem die Badekur beendigt war, die schönen Fräuleins sich genug hatten
bewundern lassen, den lieblichen Weihrauch der Schmeichelei reichlich
eingeatmet und sich satt und müde getanzt hatten, kehrten Mutter und
Töchter nach Breslau zurück. Sie nahmen mit gutem Vorbedacht den Weg wieder
durchs Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten Wort zu halten und bei der
Rückreise bei ihm vorzusprechen; denn von ihm hoffte die Gräfin Auflösung
des ihr unbegreiflichen Rätsels, wie sie zur Bekanntschaft der
Badegesellschaft gelangt sei, die sich so wildfremd gegen sie gebärdete.
Aber niemand wußte den Weg nach dem Schlosse des Herrn von Riesental
nachzuweisen, noch war der Besitzer zu erfragen, dessen Name sogar weder
diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt war. Dadurch wurde die
verwunderte Dame endlich überzeugt, daß der Unbekannte, der sie in Schutz
genommen und beherbergt hatte, kein anderer gewesen sei als Rübezahl, der
Berggeist. Sie gestand, daß er das Gastrecht auf eine edelmütige Art an ihr
ausgeübt hätte, verzieh ihm seine Neckerei mit der Badegesellschaft und
glaubte nun von ganzem Herzen an das Dasein des Geistes, obgleich sie um
der Spötter willen Bedenken trug, ihren Glauben vor der Welt offenbar
werden zu lassen.
Seit dieser Begegnung mit der Gräfin Cäcilie hat Rübezahl nichts mehr von
sich hören lassen. Er kehrte in seine unterirdischen Staaten zurück, und da
bald nach dieser Begebenheit der große Erdbrand ausbrach, der Lissabon und
nachher Guatemala zerstörte, so fanden die Erdgeister so viel Arbeit in der
Tiefe, den Fortgang der Feuerströme zu hemmen, daß sich seitdem keiner mehr
auf der Oberfläche der Erde hat blicken lassen.