Unweit des Riesengebirges liegt ein schönes Tal, auf dessen Höhenrändern
sich zwei hohe Granitkegel erheben. Das Volk nennt sie Falkenberge und die
geschwätzige Sage weiß zu erzählen, daß dort vor alten Zeiten eine Burg
stand. Dort hauste einst der gefürchtetste Raubritter des Landes, Herr
Wesso, genannt »der Falk vom Berge«. Nichts war vor seinen Falkenaugen
verborgen. Wenn die Kaufleute mit ihren Wagen und Waren zu den Märkten
zogen oder die Bauern ihr sauer erworbenes Getreide zur nächsten Stadt
fuhren, dann machte der Wächter von hoher Warte durch ein Sprachrohr seine
Meldung; im Nu waren Roß und Reisige zur Stelle und nun ging's im sausenden
Galopp zu Tal. Schnell vollzog sich die Plünderung der Wagen und
beutebeladen kehrten die räuberischen Spießgesellen auf ihre Burg zurück.
Die Beute wurde wieder verkauft und von dem Erlöse schmausten und zechten
Ritter und Mannen und führten bei Gesang und Würfelspiel ein lustiges
Leben.
Eines Abends saß der Ritter wieder beim Gelage. Aber seine Stimmung schien
sehr getrübt zu sein. Gesenkten Blickes saß er in seinem Lehnstuhle und
achtete nicht auf die Fröhlichkeit seiner zechenden Genossen. Diese
spotteten darüber, aber er tat, als höre er sie nicht. Auch den vollen
Humpen, den man ihm zum Trinken darreichte, verschmähte er. Als sich
wiederum ein höhnendes Gelächter erhob, stand der Ritter auf und ein wilder
Blick machte die Spötter stumm.
Da trat eilig ein Knappe herein und meldete, daß auf der Straße von
Schmiedeberg her ein schwer beladener Wagen in Sicht sei, der sicher eine
wertvolle Ladung mit sich führe. Mit wildem Geschrei sprangen die
Raubritter vom Gelage auf und griffen zu ihren Schwertern. Nur Wesso erhob
sich nicht und sah wie teilnahmslos den dahinstürmenden, rauhen Gesellen
nach. Nun war es still in dem weiten Gemach. Wesso blickte traurig vor sich
hin. Heute war der Todestag seiner Mutter. Das Andenken an sie hatte ihn
ernst gestimmt: darum kam heute kein Tropfen über seine Lippen, darum hatte
er nicht mit einstimmen können in die Zechlieder seiner Genossen, darum
hatte er nicht wie sie zu Schwert und Rüstung gegriffen. Das Bild seiner
Mutter in ihrer Sanftmut und Milde trat vor seine Seele; wie oft hatte sie
ihm die goldenen Worte der Schrift an das Herz gelegt: »Selig sind die
Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, selig sind die
Sanftmütigen, die Friedfertigen.« Hatte er in seinem Leben sich an ihr Wort
und ihren Wandel gehalten? Oh, wie oft war er über die Reisenden
hergefallen, hatte sie um Hab und Gut und Leben gebracht und unsägliches
Herzeleid ihren Familien angetan! War das Barmherzigkeit, Sanftmut,
Friedfertigkeit!
Mit raschem Schritt verließ er den Saal, befahl dem Knappen, schnell sein
Roß zu satteln und griff nach seinem Schwerte. In wenigen Minuten stürmte
er den Berg hinab zu der Schar seiner Ritter und Reisigen.
»Gebt den Gefangenen frei!« rief er diesen laut entgegen, als er einen Mann
gebunden zwischen den Pferden sah. »Laßt ihn ziehen, oder ihr sollt meinen
Arm fühlen!«
Die Raubritter murrten, aber Wesso stand in so hohem Ansehen bei ihnen, daß
sie nicht zu widersprechen wagten und die Bande des gefesselten Kaufmanns
lösten. Bleich und zitternd sank dieser zu Boden. Eine tiefe Wunde war am
Halse sichtbar und Blut bedeckte seinen Körper.
Mitleidsvoll beugte sich Wesso über das Gesicht des Unglücklichen und es
war ihm so, als flüstere ihm eine sanfte Stimme in die Ohren: »Selig sind
die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.« »Tragt den Mann
auf euren Armen nach meiner Burg hinauf; dort soll er gepflegt und gewartet
werden. Auch den Wagen bringt hinauf. Wer es aber wagt, Hand an sein
Eigentum zu legen, der soll es mit mir zu tun haben.«
Grollend und finsteren Antlitzes folgten ihm die Ritter. »Der Falke mausert
sich,« höhnten einige. »Seit wann ist es denn Sitte geworden, die Feinde in
die Burg einzuladen und die edlen Ritter rauh und hochmütig zu zwingen, daß
sie ihren Gegnern Hilfe leisten?«
Schweigend und ohne auf die übermütigen Worte der Raubritter zu achten,
ritt Wesso in die Burg ein. Nun wurde dafür gesorgt, daß die Kisten mit den
Waren des Kaufmanns sicher und wohl aufbewahrt wurden, der Verwundete aber
erhielt eine gute Pflege in einem der Gemächer des Ritters. Oft überzeugte
sich dieser selbst von dem Zustande des Kranken und behandelte seine Wunde
wie im Gleichnis der barmherzige Samariter tat an dem Reisenden, der unter
die Mörder gefallen war.
Wochen vergingen, ehe der Kranke genas und seine Reise weiter fortsetzen
konnte. Seine Waren ließ der Ritter auf einen Wagen laden und schenkte ihm
obendrein noch zwei seiner kräftigsten Pferde, damit er schneller vorwärts
käme und sein Ziel früher erreichte.
Aber die Spießgesellen des Ritterz grollten ihm wegen seiner Großmut. Ihm
hatten sie es zu verdanken, daß ihnen die reiche Beute entgangen war. Nun
sannen sie auf Rache.
Einer der Hauptgegner Wessos war der Herzog Bolko. Zu dessen Heerbann
gingen sie über und veranlaßten ihn, die Falkenburg zu erstürmen und den
Ritter gefangen zu nehmen. Das geschah. Eines Abends sah Wesso die Feinde,
welche einige Tage seine Burg belagert hatten, die Mauer ersteigen und
Feuerbrände in den Schloßhof werfen. Noch gab es einen Ausweg, einen
unterirdischen Gang. Diesen betrat der Ritter, während die Flammen schon
auf den Dächern der Schloßgebäude leuchteten.
Verlassen und verraten von seinen Freunden, irrte der Flüchtige durch das
Dunkel der Nacht. Da vernahm er Tritte; schon wollte er sich, in der
Befürchtung auf seine Feinde zu stoßen, hinter einen Busch verstecken, als
eine Stimme ihn anredete. Die Sprache kam ihm bekannt vor und bald erkannte
er beim Scheine der Fackel, welche der Sprecher trug, den Kaufmann, welcher
in Fischertracht vor ihm stand.
»Kommt mit mir in meine arme Hütte, Herr Ritter.« begann er zu reden, »sie
wird Euch sicher Schutz und Obdach gewähren. Seit jenem Tage, da Ihr mich
aus Eurer Burg geheilt entließet, hat mich das Unglück verfolgt. Ich bin
ein armer Mann geworden und lebe hier als Fischer. Kommt, bei mir seid Ihr
sicher vor Verfolgungen.«
Mit Freuden nahm Wesso das Anerbieten an. Nach einer kurzen Wanderung lag
die Hütte vor ihren Augen. Der Fischer bereitete seinem Gaste ein kräftiges
Abendessen und unterhielt sich eine Weile mit ihm, bis dem Ritter infolge
der Aufregungen seiner Flucht die Augen zufielen. Auf ein weiches Lager
gebettet, fiel er in einen langen, erquickenden Schlaf.
Als Wesso am andern Morgen erwachte, war der Fischer verschwunden. Er
suchte ihn in allen Winkeln und rief ihn bei seinem Namen, aber nirgends
war er zu finden. Da begann der Ritter, um sich seinen Unterhalt zu
verdienen, sich des Fischfanges zu befleißigen. Die Mannen des Herzogs
hatten seine Burg zerstört und waren abgezogen. Nun durfte er sich mehr aus
seinem Versteck wagen, um als Fischer seine Beute feilzubieten. Er konnte
zeitweise bei der allgemeinen Nachfrage nicht genug Fische liefern, obwohl
jeder Fang eine große Menge Fische einbrachte.
So lebte er eine Zeitlang friedlich dahin, aber eine gewisse Sehnsucht nach
seinem früheren Leben konnte er in seinem Herzen nie unterdrücken. Wie gern
hätte er wieder sein streitbares Roß bestiegen, wie gern die Angelrute mit
dem Schwerte vertauscht!
Eben war wieder der Todestag seiner Mutter und schwere Gedanken bewegten
Wessos Herz. Am Rande des Bächleins sitzend, senkte er traurig seine
Angelrute in das Wasser. Da zuckte es plötzlich am Haken und ein Fisch von
ungewöhnlicher Länge hing daran, den er nur mit der größten
Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach
hineinwaten, um den Fang herauszuholen. Aber was für ein wunderbarer Fisch
hing an dem Haken! Er war von gediegenem Golde und nun erst wurde es dem
Ritter klar, daß jener Kaufmann, dem er einst das Leben gerettet hatte,
niemand anders, als der Berggeist des Riesengebirges, Rübezahl, gewesen
sei.
Nun war er wieder reich. Er verließ die kleine Fischerhütte und baute ein
schönes Schloß an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine
Fischerhütte, gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des
Ritters; er gab ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte sie zur
Erinnerung an den goldenen Fisch, den er im Bache gefangen hatte,
Fischbach.
Um die Burg bauten sich im Tale Ansiedler an und wer heute zur schönen
Sommerszeit das Riesengebirge bereist, wird niemals verfehlen, auch das
herrlich gelegene, berühmt gewordene Fischbach aufzusuchen.