14. Fischbach.

Unweit des Riesengebirges liegt ein schönes Tal, auf dessen Höhenrändern

sich zwei hohe Granitkegel erheben. Das Volk nennt sie Falkenberge und die

geschwätzige Sage weiß zu erzählen, daß dort vor alten Zeiten eine Burg

stand. Dort hauste einst der gefürchtetste Raubritter des Landes, Herr

Wesso, genannt »der Falk vom Berge«. Nichts war vor seinen Falkenaugen

verborgen. Wenn die Kaufleute mit ihren Wagen und Waren zu den Märkten

zogen oder die Bauern ihr sauer erworbenes Getreide zur nächsten Stadt

fuhren, dann machte der Wächter von hoher Warte durch ein Sprachrohr seine

Meldung; im Nu waren Roß und Reisige zur Stelle und nun ging's im sausenden

Galopp zu Tal. Schnell vollzog sich die Plünderung der Wagen und

beutebeladen kehrten die räuberischen Spießgesellen auf ihre Burg zurück.

Die Beute wurde wieder verkauft und von dem Erlöse schmausten und zechten

Ritter und Mannen und führten bei Gesang und Würfelspiel ein lustiges

Leben.

Eines Abends saß der Ritter wieder beim Gelage. Aber seine Stimmung schien

sehr getrübt zu sein. Gesenkten Blickes saß er in seinem Lehnstuhle und

achtete nicht auf die Fröhlichkeit seiner zechenden Genossen. Diese

spotteten darüber, aber er tat, als höre er sie nicht. Auch den vollen

Humpen, den man ihm zum Trinken darreichte, verschmähte er. Als sich

wiederum ein höhnendes Gelächter erhob, stand der Ritter auf und ein wilder

Blick machte die Spötter stumm.

Da trat eilig ein Knappe herein und meldete, daß auf der Straße von

Schmiedeberg her ein schwer beladener Wagen in Sicht sei, der sicher eine

wertvolle Ladung mit sich führe. Mit wildem Geschrei sprangen die

Raubritter vom Gelage auf und griffen zu ihren Schwertern. Nur Wesso erhob

sich nicht und sah wie teilnahmslos den dahinstürmenden, rauhen Gesellen

nach. Nun war es still in dem weiten Gemach. Wesso blickte traurig vor sich

hin. Heute war der Todestag seiner Mutter. Das Andenken an sie hatte ihn

ernst gestimmt: darum kam heute kein Tropfen über seine Lippen, darum hatte

er nicht mit einstimmen können in die Zechlieder seiner Genossen, darum

hatte er nicht wie sie zu Schwert und Rüstung gegriffen. Das Bild seiner

Mutter in ihrer Sanftmut und Milde trat vor seine Seele; wie oft hatte sie

ihm die goldenen Worte der Schrift an das Herz gelegt: »Selig sind die

Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, selig sind die

Sanftmütigen, die Friedfertigen.« Hatte er in seinem Leben sich an ihr Wort

und ihren Wandel gehalten? Oh, wie oft war er über die Reisenden

hergefallen, hatte sie um Hab und Gut und Leben gebracht und unsägliches

Herzeleid ihren Familien angetan! War das Barmherzigkeit, Sanftmut,

Friedfertigkeit!

Mit raschem Schritt verließ er den Saal, befahl dem Knappen, schnell sein

Roß zu satteln und griff nach seinem Schwerte. In wenigen Minuten stürmte

er den Berg hinab zu der Schar seiner Ritter und Reisigen.

»Gebt den Gefangenen frei!« rief er diesen laut entgegen, als er einen Mann

gebunden zwischen den Pferden sah. »Laßt ihn ziehen, oder ihr sollt meinen

Arm fühlen!«

Die Raubritter murrten, aber Wesso stand in so hohem Ansehen bei ihnen, daß

sie nicht zu widersprechen wagten und die Bande des gefesselten Kaufmanns

lösten. Bleich und zitternd sank dieser zu Boden. Eine tiefe Wunde war am

Halse sichtbar und Blut bedeckte seinen Körper.

Mitleidsvoll beugte sich Wesso über das Gesicht des Unglücklichen und es

war ihm so, als flüstere ihm eine sanfte Stimme in die Ohren: »Selig sind

die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.« »Tragt den Mann

auf euren Armen nach meiner Burg hinauf; dort soll er gepflegt und gewartet

werden. Auch den Wagen bringt hinauf. Wer es aber wagt, Hand an sein

Eigentum zu legen, der soll es mit mir zu tun haben.«

Grollend und finsteren Antlitzes folgten ihm die Ritter. »Der Falke mausert

sich,« höhnten einige. »Seit wann ist es denn Sitte geworden, die Feinde in

die Burg einzuladen und die edlen Ritter rauh und hochmütig zu zwingen, daß

sie ihren Gegnern Hilfe leisten?«

Schweigend und ohne auf die übermütigen Worte der Raubritter zu achten,

ritt Wesso in die Burg ein. Nun wurde dafür gesorgt, daß die Kisten mit den

Waren des Kaufmanns sicher und wohl aufbewahrt wurden, der Verwundete aber

erhielt eine gute Pflege in einem der Gemächer des Ritters. Oft überzeugte

sich dieser selbst von dem Zustande des Kranken und behandelte seine Wunde

wie im Gleichnis der barmherzige Samariter tat an dem Reisenden, der unter

die Mörder gefallen war.

Wochen vergingen, ehe der Kranke genas und seine Reise weiter fortsetzen

konnte. Seine Waren ließ der Ritter auf einen Wagen laden und schenkte ihm

obendrein noch zwei seiner kräftigsten Pferde, damit er schneller vorwärts

käme und sein Ziel früher erreichte.

Aber die Spießgesellen des Ritterz grollten ihm wegen seiner Großmut. Ihm

hatten sie es zu verdanken, daß ihnen die reiche Beute entgangen war. Nun

sannen sie auf Rache.

Einer der Hauptgegner Wessos war der Herzog Bolko. Zu dessen Heerbann

gingen sie über und veranlaßten ihn, die Falkenburg zu erstürmen und den

Ritter gefangen zu nehmen. Das geschah. Eines Abends sah Wesso die Feinde,

welche einige Tage seine Burg belagert hatten, die Mauer ersteigen und

Feuerbrände in den Schloßhof werfen. Noch gab es einen Ausweg, einen

unterirdischen Gang. Diesen betrat der Ritter, während die Flammen schon

auf den Dächern der Schloßgebäude leuchteten.

Verlassen und verraten von seinen Freunden, irrte der Flüchtige durch das

Dunkel der Nacht. Da vernahm er Tritte; schon wollte er sich, in der

Befürchtung auf seine Feinde zu stoßen, hinter einen Busch verstecken, als

eine Stimme ihn anredete. Die Sprache kam ihm bekannt vor und bald erkannte

er beim Scheine der Fackel, welche der Sprecher trug, den Kaufmann, welcher

in Fischertracht vor ihm stand.

»Kommt mit mir in meine arme Hütte, Herr Ritter.« begann er zu reden, »sie

wird Euch sicher Schutz und Obdach gewähren. Seit jenem Tage, da Ihr mich

aus Eurer Burg geheilt entließet, hat mich das Unglück verfolgt. Ich bin

ein armer Mann geworden und lebe hier als Fischer. Kommt, bei mir seid Ihr

sicher vor Verfolgungen.«

Mit Freuden nahm Wesso das Anerbieten an. Nach einer kurzen Wanderung lag

die Hütte vor ihren Augen. Der Fischer bereitete seinem Gaste ein kräftiges

Abendessen und unterhielt sich eine Weile mit ihm, bis dem Ritter infolge

der Aufregungen seiner Flucht die Augen zufielen. Auf ein weiches Lager

gebettet, fiel er in einen langen, erquickenden Schlaf.

Als Wesso am andern Morgen erwachte, war der Fischer verschwunden. Er

suchte ihn in allen Winkeln und rief ihn bei seinem Namen, aber nirgends

war er zu finden. Da begann der Ritter, um sich seinen Unterhalt zu

verdienen, sich des Fischfanges zu befleißigen. Die Mannen des Herzogs

hatten seine Burg zerstört und waren abgezogen. Nun durfte er sich mehr aus

seinem Versteck wagen, um als Fischer seine Beute feilzubieten. Er konnte

zeitweise bei der allgemeinen Nachfrage nicht genug Fische liefern, obwohl

jeder Fang eine große Menge Fische einbrachte.

So lebte er eine Zeitlang friedlich dahin, aber eine gewisse Sehnsucht nach

seinem früheren Leben konnte er in seinem Herzen nie unterdrücken. Wie gern

hätte er wieder sein streitbares Roß bestiegen, wie gern die Angelrute mit

dem Schwerte vertauscht!

Eben war wieder der Todestag seiner Mutter und schwere Gedanken bewegten

Wessos Herz. Am Rande des Bächleins sitzend, senkte er traurig seine

Angelrute in das Wasser. Da zuckte es plötzlich am Haken und ein Fisch von

ungewöhnlicher Länge hing daran, den er nur mit der größten

Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach

hineinwaten, um den Fang herauszuholen. Aber was für ein wunderbarer Fisch

hing an dem Haken! Er war von gediegenem Golde und nun erst wurde es dem

Ritter klar, daß jener Kaufmann, dem er einst das Leben gerettet hatte,

niemand anders, als der Berggeist des Riesengebirges, Rübezahl, gewesen

sei.

Nun war er wieder reich. Er verließ die kleine Fischerhütte und baute ein

schönes Schloß an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine

Fischerhütte, gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des

Ritters; er gab ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte sie zur

Erinnerung an den goldenen Fisch, den er im Bache gefangen hatte,

Fischbach.

Um die Burg bauten sich im Tale Ansiedler an und wer heute zur schönen

Sommerszeit das Riesengebirge bereist, wird niemals verfehlen, auch das

herrlich gelegene, berühmt gewordene Fischbach aufzusuchen.

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 18 / 20 题