13. Wünsche nicht zuviel.

»Und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen.« Damit schlug sie ihre Bibel

zu, die vielgeplagte Mutter Bärbel und reichte sie ihrem Sohne Hans, der

auf einer Fußbank zu ihren Füßen saß. Dürftig, aber sauber sah es in der

Stube der kleinen Hütte aus. In einer Ecke stand eine Spindel, an welcher

die Mutter zu spinnen pflegte; das ging aber nur langsam und mühsam

vonstatten. Mutter Bärbel hatte viel zu leiden, weil sie in den Beinen von

der Gicht heimgesucht wurde. Sie konnte nicht gehen und stehen und auch das

surrende Spinnrad mußte zuletzt in die Ecke gestellt werden, so daß sie nur

noch die veraltete Spindel drehen konnte und dementsprechend das Gepinst

nur gering ausfiel. Als einziges Kind war ihr der Hans übrig geblieben, ein

starker, kräftiger Bursche. Eben war er zu seiner Freude aus der Schule

entlassen worden, denn dort hatte er nie sein Licht leuchten lassen können

und das Lernen war ihm blutsauer geworden. Die Fibel mit dem großen

Gockelhahn auf dem Titelblatte und die fünf Hauptstücke hatte er zur Not

bewältigt, aber darüber hinaus reichten seine Kenntnisse nicht. Aber willig

und brav war Hans und er machte sich darüber Gedanken, wie er wohl am

besten für seine Mutter Geld verdienen könne.

Eines Sonntags stand sein Entschluß fest. Er nahm Abschied von seiner

Mutter und machte sich zum nächsten Dorfe auf. Im eigenen Orte wollte er

nicht Stellung nehmen, weil man ihm hier unfreundlich begegnet war. Bei

seinen Anfragen hatte er bald Glück, denn ein Bauer, welcher am Wege

pflügte, nahm ihn sofort als Hütejungen für sein Vieh an. Er war froh,

einen Fremden zu finden, weil einheimische Leute, Knechte und Mägde, das

Haus des Bauern, der als Geizhals verschrien war, mieden, über den Lohn

wurden sie bald einig: Hans sollte wöchentlich zwei Brote und einen Käse

bekommen und zu Weihnachten einen abgelegten Anzug des Bauern. Von Geld war

keine Rede.

Als am nächsten Sonntag Hans vergnügt bei seiner Mutter einkehrte, meinte

diese, es sei doch solch ein Lohn gar zu niedrig und stehe in keinem

Verhältnis zu der Arbeit.

»Von dem Bauer,« sprach sie, »bei welchem du in den Dienst gegangen bist,

habe ich schon öfters gehört. Er ist als geiziger Filz verschrien und der

abgelegte Anzug wird wohl kaum noch zu flicken sein.«

»Laß mich, Mutter,« erwiderte der Knabe, »ich fange erst an zu verdienen;

wenn ich meine Arbeit gut verrichte, dann wird mir mein Herr auch einiges

Geld zulegen.«

Hans mußte täglich die Kühe auf die Weide treiben. Hier war er den ganzen

Tag über mit dem Hunde für sich allein. Dann sang und jubelte er nach

Herzenslust und kein Mensch störte ihn in seiner fröhlichen Stimmung. Mit

den Bergen und Wiesen, Felsen und Bächen wurde er so vertraut, daß er große

Freude an seinem Berufe empfand. Jeden Sonnabend bekam er seine Brote und

den Käse und Sonntags brachte er seiner Mutter die Hälfte.

So vergingen einige Jahre; die Leute im Dorfe wunderten sich, daß der

Hütejunge noch immer um solch kärglichen Lohn bei dem Bauer diene, da er

als Knecht anderwärts um einen guten Geldlohn sein Fortkommen finden könne.

Hans aber dachte in seiner Harmlosigkeit gar nicht an einen Wechsel;

draußen in den Bergen bei den Vögeln, die ihm ihre Lieder sangen, war sein

Herz, was kümmerte ihn da Geld oder das Gerede der Leute!

Eines Sonntags aber sprach die Mutter zu ihm allen Ernstes: »Du bist nun,

mein Sohn, ein großer, starker Bursche geworden und dienst noch immer als

Hütejunge. Die Kleider, die dir dein Brotherr schenkte, wanderten bald in

die Lumpen. Bisher habe ich dich von den Gegenständen, die dein

verstorbener Vater hinterließ, gekleidet. Davon ist aber nichts mehr

vorhanden, Geld verdienst du nicht, von dem wir neue Kleider anschaffen

können. So bist du genötigt, den Bauer anzugehen, daß er dich als Knecht

mietet und dir einen ordentlichen Lohn gibt, wie er Burschen deines Alters

zukommt.«

Diese Worte gingen Hans zu Herzen und am nächsten Tage bat er den Bauer um

einen besser bezahlten Dienst. Der aber wurde kirschrot vor Ärger, schlug

die Hände über dem Kopf zusammen und schrie ihn an: »Schämst du dich nicht,

an mich ein solches Verlangen zu stellen? Du hast mich bald arm gegessen;

ich habe dich durchgefüttert und deine Mutter dazu. So ist aber die heutige

Welt: wenig Arbeit und viel Lohn. Das ist also dein Dank, du habgieriger

Bursche?«

Hans meinte in seiner Gutmütigkeit, der Bauer sei in seinem Recht und er

habe es doch eigentlich recht gut bei ihm. Verblüfft ging er wieder auf

seinen Weideplatz zu seiner Herde. Aber um seine fröhliche Laune war es

geschehen. Traurig saß er am Wiesenrain und grübelte und sann über sein

Geschick nach. Da trat plötzlich ein alter Schäfer auf ihn zu und fragte

ihn, warum er ein so trübseliges Gesicht mache. Ohne Scheu und Hinterhalt

erzählte ihm Hans seine Geschichte, wie er sich besonders um seine arme

gichtbrüchige Mutter sorge, deren Zustand immer bedenklicher würde. Da riet

ihm der Alte, sein Heil einmal in der Stadt Hirschberg zu versuchen, dort

brauche man stets kräftige und bescheidene Burschen und bezahle auch einen

guten Lohn.

Halb träumend, halb staunend hörte Hans zu und ehe er dem Alten ein Wort

erwidern konnte, war dieser bereits dem Tannendickicht zugeeilt. Merkwürdig

war es, was für lange Schritte er machen konnte; bis an die Wegecke war es

eine gute Viertelstunde, jener war in einem Augenblick dort verschwunden.

An demselben Abend trieb es ihn, seine Mutter aufzusuchen und ihr sein

Erlebnis mitzuteilen.

»Der Alte hat dir einen guten Rat gegeben, Hans,« meinte die Mutter, »tu,

wie er dir anriet. Die Schäfer werden vielfach zu allerhand Wunderkuren

allenthalben geholt und kennen Land und Leute. So mache dich sauber und

ziehe deinen Weg. Gott geleite dich!«

Es war der erste Gang des Burschen in eine Stadt. Darum pochte ihm das Herz

ein wenig. Er dachte an alle die Beschreibungen, welche man ihm von dem

städtischen Leben und Treiben gemacht hatte, aber als die Sonne ihre ersten

Strahlen herniedersandte, und Wiesen und Felder, Berge und Täler im

Morgenglanze strahlten und die Vögel ihre ersten Lieder anstimmten, da

wurde er wieder fröhlich und wohlgemut. Da fielen ihm wieder seine

Hirtenlieder ein und jubelnd sang er den Vers:

Den lieben Gott laß ich nur walten,

Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld

Und Erd' und Himmel will erhalten,

Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt.

Plötzlich erscholl neben ihm ein lautes Gelächter, er drehte sich um, sah

aber niemand. Nachdenklich senkte er den Kopf und erblickte am Boden einen

rotseidenen gefüllten Geldbeutel.

»Der Tausend,« entfuhr es da seinen Lippen, »der Anfang war gut; da scheint

einer noch früher aufgestanden zu sein als ich. Da sind ja lauter Dukaten

drin. Na, vielleicht finde ich den Pechvogel, der den Beutel verloren hat.«

Er steckte die Börse ein und schritt fürbaß; da nahte auf einem Seitenwege

ein vornehmer Herr, der seine Augen wie suchend auf den Boden heftete.

»Hat der Herr vielleicht etwas verloren?« fragte Hans.

»Ja, freilich,« war die Antwort, »meine rotseidene Börse mit Geld.«

»Hier ist sie,« entgegnete Hans freundlich, »gut, daß ich sie gefunden

habe.«

»Du bist ein ehrlicher Bursche. Hier hast du eine Belohnung für den Fund.«

Hans aber wehrte ab: »Das hat der Herr nicht nötig, ich habe die Börse ja

kaum zehn Schritte getragen, dann konnte ich sie schon wieder abliefern.«

Der Fremde plauderte mit Hans noch eine Weile und fragte ihn zuletzt, was

er sich wohl wünschen würde, wenn ihm seine Wünsche erfüllt werden sollten.

Dem Burschen schwebte noch immer der Dukatenbeutel vor und so antwortete er

hastig:

»I, so wollte ich, daß alles mein wäre, was mir heute auf dem Wege nach

Hirschberg begegnete.«

Da brach der Herr in ein solch schallendes Gelächter aus, daß es die Berge

im Widerhall zurückgaben, dann rief er:

»Sollst's haben, Hans, sollst's haben. Aber merke wohl: _Wünsche nicht zu

viel_, sei genügsam!«

Hiermit war der Fremde verschwunden und nun stieg in Hans die Ahnung auf,

mit wem er gesprochen hatte. Er wandte sich den Bergen zu, zog seinen Hut

ab und rief:

»Danke schön, Herr Berggeist!«

Wieder erschallte von den Bergen her das Echo eines Gelächters. Hans setzte

seinen Weg fort. Da fiel plötzlich etwas vor seinen Füßen nieder; er hob es

auf -- es war derselbe Beutel mit Dukaten, den er heute schon einmal

gefunden hatte.

»Hurra,« schrie Hans auf, »jetzt könnte ich eigentlich umkehren, für das

viele Geld kann ich mir bequem ein kleines Ackergut kaufen.«

Auf einem Strauche saß ein Fink und sang sein Morgenlied nach der Melodie,

welcher das Volk den Text unterlegt: »Reit zu Schitzkebier«; er setzte sich

sogleich auf Hansens Schulter und blieb dort sitzen. Hans freute sich über

den munteren Gesellen, denn er hatte alle Tiere lieb.

Aus einer Hecke kroch ein Kätzchen hervor, schmiegte sich schnurrend an

seine Beine und ging ihm nach, während ein großer zottiger Hofhund ihn

bellend umwedelte. Da kamen auf der Straße drei schwerbeladene Erntewagen

herangefahren; auf der Höhe des letzten saßen die Schnitter und hielten auf

einer Stange den Erntekranz, dessen bunte Bänder in der Luft flatterten.

»Juchhei,« jubelte Hans, »nun bin ich ein reicher Mann, jetzt habe ich Geld

zum Hauskauf, Hund und Katze und einen Vogel, der mir seine Lieder singt,

und nun gar noch Pferde und Wagen und Getreide, das ich nicht einmal

ausgesäet habe. Was wird die Mutter dazu sagen, wenn ich heimkomme!«

Er hatte gerade ausgeredet, da kam von einer andern Straße her ein Wagen,

hochbepackt mit Hausgeräten aller Art, und folgte dem Zuge, der immer

länger wurde. Da kamen Knechte und Mägde, den neuen Herrn grüßend, ein Hirt

trieb eine stattliche Herde Rinder, ein Schäfer einen großen Stamm fetter

Schafe einher. Außerdem folgten ihm alle Hühner, Enten, Gänse und Tauben,

welche sich auf seinem Wege befanden, einige Pfauhühner marschierten vor

ihm und ein Pfauhahn schlug ihm zu Ehren sein schillerndes, stolzes Rad.

Das war ein Blöken, Wiehern, Brüllen, Schnattern, Krähen, Singen, Zanken

und Raufen, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.

Jetzt wurde Hirschberg sichtbar, Hans ließ seinen Besitz an sich

vorüberziehen; als blutarmer Bursche war er ausgezogen und als Großbauer

und reicher Mann kehrte er in seine Heimat zurück. Wie das aber so oft im

Menschenleben vorkommt, so erging es auch Hans: die Mahnung: »Wünsche nicht

zuviel« war in seinen Ohren verklungen. Das gesättigte Herz begehrte den

Überfluß. Nun wollte er erst vor den Toren Hirschbergs umkehren, um alles

zu gewinnen, was ihm bis dahin begegnen würde.

Unterwegs fand er noch einen funkelnden, goldenen Ring. Er steckte ihn an

den Finger und blieb ein Weilchen vor dem Stadttore stehen, um zu sehen, ob

nicht noch etwas käme. Da kam ein Mädchen auf ihn zu, häßlich wie die

Nacht, alt, zahnlos, verwachsen, mit geröteten Augen und rief hell

auflachend:

»Juchhei, jetzt kommt mein langersehnter Bräutigam. Und den Trauring hast

du auch schon am Finger. Beeile dich nur, der Herr Pfarrer erwartet uns

schon zur Trauung in der Kirche.« Hans sträubte sich und dachte bei sich:

»Wie kannst du ein Weib deiner Mutter zuführen, welches älter ist als

diese?« -- Sie aber hielt seine Hand in der ihren, an der ein ganz

ähnlicher Ring saß.

»Lieber Hans,« sprach sie, »es ist gar nicht hübsch von dir, daß du so

lange zögerst. Bin ich auch nicht hübsch, so bin ich doch eine tüchtige

Wirtin. Du bist in den Besitz eines großen Hausrates gekommen und verstehst

von der Bauernwirtschaft gar wenig. Deine kranke Mutter will ich hegen und

pflegen und schaffen, daß unser Hausstand sich mehre.«

Hans stand eine Weile stumm da. Durch seinen Kopf ging die warnende Mahnung

Rübezahls: »Wünsche nicht zuviel!« Er hatte sie überhört und nun gab es

kein Zurück mehr.

Er kratzte sich hinter dem Ohr, machte gute Miene zum bösen Spiel, gab

seiner Zukünftigen die Hand und sprach:

»Wenn's denn durchaus sein muß, so wollen wir den Pfarrer nicht länger

warten lassen.«

Da sah sie ihn freundlich an und sprach: »Danke, lieber Hans, du sollst es

nicht zu bereuen haben.«

So wurden sie in der Kirche getraut und unter dem Jubel des Gesindes zogen

sie mit ihren Wagen und Gerätschaften nach einem Dorfe, welches Hans noch

unbekannt war. Dort kauften sie sich einen Bauernhof und brachten die

mitgebrachte Habe unter der umsichtigen Leitung der Hausfrau in kurzer Zeit

in Ordnung.

Hans gewann sein Weib schon am ersten Tage lieb und an jedem andern noch

lieber. Sie fuhren nun zu Hansens Mutter, um sie abzuholen. Diese wollte

sich jedoch gar nicht daran gewöhnen, daß ihr schmucker Junge eine so alte,

häßliche Frau bekommen hatte. Sie konnte daher der Schwiegertochter kein

freundliches Gesicht machen. Diese nahm das nicht übel, da sie wußte, von

Hans geliebt zu werden. Als Mutter Bärbel aber sah, daß ihre

Schwiegertochter Liese fleißig und unermüdlich im Haushalte tätig war und

ihr selbst in ihrer Krankheit mit Handreichungen zur Seite stand, so fand

sie sich zuletzt darein.

Ein Jahr später lag in der großen Holzwiege, deren Bretter mit allerhand

Blumenverzierungen bemalt waren, ein prächtiger Junge, der aus

Leibeskräften schrie. Mit ihm war die Freude im Hause vollkommen geworden

und Bärbel schaukelte oft unter dem Gesange eines Schlummerliedchens die

Wiege hin und her, um den kleinen schreienden Enkelsohn zu beruhigen und in

süßen Schlummer zu wiegen.

So war der Jahrestag der Hochzeit gekommen. Fröhlich saßen die drei

beieinander, als Liese zu sprechen begann:

»Ja, heut' vor einem Jahre habe ich etwas Seltsames erlebt, aber ich darf

es nicht sagen, ehe es mir erlaubt wird.«

Hans wurde neugierig und auch Bärbel wollte das Geheimnis wissen, aber

Liese blieb fest.

Da klopfte es plötzlich ans Fenster und draußen stand -- der fremde Herr

vom vorigen Jahr und sprach:

»Nun, Hans, siehst du nun, wie töricht es von dir war, zuviel zu wünschen?

Hättest du meinen Worten Gehör geliehen, dann wärest du nicht zu einem

solch häßlichen Weibe gekommen. Aber willst du sie nicht mehr, dann will

ich dich von der Plage sogleich befreien.«

»Um keinen Preis,« schrie Hans entsetzt, »wie bin ich froh, daß Ihr sie mir

gabt. Sie hat uns erst das Glück und die rechte Zufriedenheit ins Haus

gebracht. Und dann seht einmal unsern Prachtbuben an, bei dem müßt Ihr Pate

stehen, ich bitte Euch recht sehr darum.«

»Na, ihr Leutchen,« war die Antwort, »nun habe ich euch genug geneckt. Die

Patenschaft nehme ich an. Du, Liese, kannst deine Geschichte vom vorigen

Jahr erzählen.«

Damit entschwand er. Dann schloß Hans das Fenster und drehte sich um, um

mit seiner Frau zu sprechen, doch er prallte zurück. War die blitzsaubere

Frau mit den rosigen Wangen und den treublickenden Augen, die den

zappelnden Buben auf ihren Armen hielt, Liese? Als sie anfing zu sprechen,

da war es ihre Stimme und nun erzählte sie ihre Geschichte.

»Schau, Hans, vor einem Jahre sah ich gerade so aus, wie du mich jetzt

siehst. Ich war ein eitles Ding, das sich auf seine Schönheit viel

einbildete und alle Leute über die Schulter ansah. Meine Eltern waren mir

zeitig gestorben, ich war wohlhabend und besaß dieses schöne Gut. An dem

Sonntagmorgen, heute vor einem Jahre, ging ich auf die Wiese, um mir ein

Sträußchen Wiesenblumen zum Vorstecken zu pflücken, denn die anderen

Mädchen trugen Gartenblumen zu ihrem Kirchenstaat und ich mußte doch etwas

Besonderes haben. Ich steckte mein Sträußchen ans Mieder, lief zu einem

kleinen Teiche, welchen der Wiesenbach bildete, und betrachtete mich sehr

wohlgefällig. Mein Bild gefiel mir über die Maßen, ich drehte und wandte

mich nach allen Seiten und konnte mich gar nicht genug wundern über die

Schönheit meiner Gestalt. Auf einmal erscholl hinter mir ein lautes

Gelächter. Ich drehte mich um und erblickte einen Fremden und machte ihm

ein gar böses Gesicht.

>Na, na, Jungfer,< rief er spöttisch, >entstelle sie doch ihr Lärvchen

nicht so. Vorher sah die Narrheit in den Teich hinein, jetzt schaut die

Bosheit aus dem Gesicht heraus.<

Auf solche Grobheiten stemmte ich die Arme in die Seiten und schrie:

>Was fällt Euch ein, Ihr einfältiger Tropf? Was geht's Euch an, wenn ich

mich im Wasser beschaue? Ich weiß, daß ich weit und breit im Gebirge als

die >schöne Liese< bekannt bin. Was habt Ihr Euch um mich zu kümmern?<

Plötzlich reckte sich vor mir eine riesengroße Gestalt auf mit langem,

wehendem Haar und Bart und eine Donnerstimme ertönte:

>Du hoffärtiges Ding, nun wirst du wohl merken, mit wem du es zu tun hast.

Von heute ab sollst du die Gestalt annehmen, welche deine Hoffart straft.

Statt der >schönsten< sollst du als >die häßlichste Liese weit und breit im

Gebirge bekannt< sein. Gehe hin an das Tor von Hirschberg. Wenn du dort

einen Burschen deiner wartend findest, so soll er sofort dein Mann werden.

Sagst du aber einem Menschen je ein Wörtchen von dem, was hier geschehen

ist, dann erhältst du nie deine frühere Gestalt wieder. Bringst du es aber

durch Demut, Fleiß und Geduld dahin, daß dich dein Mann behalten will trotz

deiner Häßlichkeit, dann sollst du deine Schönheit wiedererlangen. Gelingt

dir das nicht, so mag dich dein Mann fortschicken und ich werde dich

mitnehmen.<

Damit verschwand er. Ich war entsetzt bei dem Gedanken an mein Schicksal.

Laut jammernd warf ich mich in das Gras, aber ich mußte gehorchen. Am Tore

zu Hirschberg wartete ich auf dich. Was habe ich dich bedauert, Hans, daß

du ein solches Schreckbild zur Frau nehmen solltest. Nun hat sich alles zum

Besten gekehrt.«

Niemand war froher über Liesens Verwandlung als ihre Schwiegermutter. Als

Hans und Liese miteinander auf der Straße gingen, da riefen die Leute: »Die

schöne Liese ist wieder da!« --

Als nun der kleine Sohn getauft werden sollte, blieb der Taufpate Rübezahl

aus. Hans öffnete das Fenster, um nach ihm zu sehen, denn nur wenige

Minuten fehlten noch an der festgesetzten Zeit. Da erhob sich ein

Wirbelwind und wehte ein Päckchen in die Stube, darauf stand: »Der Herr vom

Berge sendet seinem lieben Patchen dies Taufgeschenk zum freundlichen

Gedenken.« Den Inhalt bildeten lauter neue Dukaten.

Hans und Liese haben Rübezahl nicht wiedergesehen, wohl aber der kleine

Johannes. Ihm hat der Berggeist viel Gutes erwiesen sein Leben lang.

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 17 / 20 题