»Und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen.« Damit schlug sie ihre Bibel
zu, die vielgeplagte Mutter Bärbel und reichte sie ihrem Sohne Hans, der
auf einer Fußbank zu ihren Füßen saß. Dürftig, aber sauber sah es in der
Stube der kleinen Hütte aus. In einer Ecke stand eine Spindel, an welcher
die Mutter zu spinnen pflegte; das ging aber nur langsam und mühsam
vonstatten. Mutter Bärbel hatte viel zu leiden, weil sie in den Beinen von
der Gicht heimgesucht wurde. Sie konnte nicht gehen und stehen und auch das
surrende Spinnrad mußte zuletzt in die Ecke gestellt werden, so daß sie nur
noch die veraltete Spindel drehen konnte und dementsprechend das Gepinst
nur gering ausfiel. Als einziges Kind war ihr der Hans übrig geblieben, ein
starker, kräftiger Bursche. Eben war er zu seiner Freude aus der Schule
entlassen worden, denn dort hatte er nie sein Licht leuchten lassen können
und das Lernen war ihm blutsauer geworden. Die Fibel mit dem großen
Gockelhahn auf dem Titelblatte und die fünf Hauptstücke hatte er zur Not
bewältigt, aber darüber hinaus reichten seine Kenntnisse nicht. Aber willig
und brav war Hans und er machte sich darüber Gedanken, wie er wohl am
besten für seine Mutter Geld verdienen könne.
Eines Sonntags stand sein Entschluß fest. Er nahm Abschied von seiner
Mutter und machte sich zum nächsten Dorfe auf. Im eigenen Orte wollte er
nicht Stellung nehmen, weil man ihm hier unfreundlich begegnet war. Bei
seinen Anfragen hatte er bald Glück, denn ein Bauer, welcher am Wege
pflügte, nahm ihn sofort als Hütejungen für sein Vieh an. Er war froh,
einen Fremden zu finden, weil einheimische Leute, Knechte und Mägde, das
Haus des Bauern, der als Geizhals verschrien war, mieden, über den Lohn
wurden sie bald einig: Hans sollte wöchentlich zwei Brote und einen Käse
bekommen und zu Weihnachten einen abgelegten Anzug des Bauern. Von Geld war
keine Rede.
Als am nächsten Sonntag Hans vergnügt bei seiner Mutter einkehrte, meinte
diese, es sei doch solch ein Lohn gar zu niedrig und stehe in keinem
Verhältnis zu der Arbeit.
»Von dem Bauer,« sprach sie, »bei welchem du in den Dienst gegangen bist,
habe ich schon öfters gehört. Er ist als geiziger Filz verschrien und der
abgelegte Anzug wird wohl kaum noch zu flicken sein.«
»Laß mich, Mutter,« erwiderte der Knabe, »ich fange erst an zu verdienen;
wenn ich meine Arbeit gut verrichte, dann wird mir mein Herr auch einiges
Geld zulegen.«
Hans mußte täglich die Kühe auf die Weide treiben. Hier war er den ganzen
Tag über mit dem Hunde für sich allein. Dann sang und jubelte er nach
Herzenslust und kein Mensch störte ihn in seiner fröhlichen Stimmung. Mit
den Bergen und Wiesen, Felsen und Bächen wurde er so vertraut, daß er große
Freude an seinem Berufe empfand. Jeden Sonnabend bekam er seine Brote und
den Käse und Sonntags brachte er seiner Mutter die Hälfte.
So vergingen einige Jahre; die Leute im Dorfe wunderten sich, daß der
Hütejunge noch immer um solch kärglichen Lohn bei dem Bauer diene, da er
als Knecht anderwärts um einen guten Geldlohn sein Fortkommen finden könne.
Hans aber dachte in seiner Harmlosigkeit gar nicht an einen Wechsel;
draußen in den Bergen bei den Vögeln, die ihm ihre Lieder sangen, war sein
Herz, was kümmerte ihn da Geld oder das Gerede der Leute!
Eines Sonntags aber sprach die Mutter zu ihm allen Ernstes: »Du bist nun,
mein Sohn, ein großer, starker Bursche geworden und dienst noch immer als
Hütejunge. Die Kleider, die dir dein Brotherr schenkte, wanderten bald in
die Lumpen. Bisher habe ich dich von den Gegenständen, die dein
verstorbener Vater hinterließ, gekleidet. Davon ist aber nichts mehr
vorhanden, Geld verdienst du nicht, von dem wir neue Kleider anschaffen
können. So bist du genötigt, den Bauer anzugehen, daß er dich als Knecht
mietet und dir einen ordentlichen Lohn gibt, wie er Burschen deines Alters
zukommt.«
Diese Worte gingen Hans zu Herzen und am nächsten Tage bat er den Bauer um
einen besser bezahlten Dienst. Der aber wurde kirschrot vor Ärger, schlug
die Hände über dem Kopf zusammen und schrie ihn an: »Schämst du dich nicht,
an mich ein solches Verlangen zu stellen? Du hast mich bald arm gegessen;
ich habe dich durchgefüttert und deine Mutter dazu. So ist aber die heutige
Welt: wenig Arbeit und viel Lohn. Das ist also dein Dank, du habgieriger
Bursche?«
Hans meinte in seiner Gutmütigkeit, der Bauer sei in seinem Recht und er
habe es doch eigentlich recht gut bei ihm. Verblüfft ging er wieder auf
seinen Weideplatz zu seiner Herde. Aber um seine fröhliche Laune war es
geschehen. Traurig saß er am Wiesenrain und grübelte und sann über sein
Geschick nach. Da trat plötzlich ein alter Schäfer auf ihn zu und fragte
ihn, warum er ein so trübseliges Gesicht mache. Ohne Scheu und Hinterhalt
erzählte ihm Hans seine Geschichte, wie er sich besonders um seine arme
gichtbrüchige Mutter sorge, deren Zustand immer bedenklicher würde. Da riet
ihm der Alte, sein Heil einmal in der Stadt Hirschberg zu versuchen, dort
brauche man stets kräftige und bescheidene Burschen und bezahle auch einen
guten Lohn.
Halb träumend, halb staunend hörte Hans zu und ehe er dem Alten ein Wort
erwidern konnte, war dieser bereits dem Tannendickicht zugeeilt. Merkwürdig
war es, was für lange Schritte er machen konnte; bis an die Wegecke war es
eine gute Viertelstunde, jener war in einem Augenblick dort verschwunden.
An demselben Abend trieb es ihn, seine Mutter aufzusuchen und ihr sein
Erlebnis mitzuteilen.
»Der Alte hat dir einen guten Rat gegeben, Hans,« meinte die Mutter, »tu,
wie er dir anriet. Die Schäfer werden vielfach zu allerhand Wunderkuren
allenthalben geholt und kennen Land und Leute. So mache dich sauber und
ziehe deinen Weg. Gott geleite dich!«
Es war der erste Gang des Burschen in eine Stadt. Darum pochte ihm das Herz
ein wenig. Er dachte an alle die Beschreibungen, welche man ihm von dem
städtischen Leben und Treiben gemacht hatte, aber als die Sonne ihre ersten
Strahlen herniedersandte, und Wiesen und Felder, Berge und Täler im
Morgenglanze strahlten und die Vögel ihre ersten Lieder anstimmten, da
wurde er wieder fröhlich und wohlgemut. Da fielen ihm wieder seine
Hirtenlieder ein und jubelnd sang er den Vers:
Den lieben Gott laß ich nur walten,
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd' und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt.
Plötzlich erscholl neben ihm ein lautes Gelächter, er drehte sich um, sah
aber niemand. Nachdenklich senkte er den Kopf und erblickte am Boden einen
rotseidenen gefüllten Geldbeutel.
»Der Tausend,« entfuhr es da seinen Lippen, »der Anfang war gut; da scheint
einer noch früher aufgestanden zu sein als ich. Da sind ja lauter Dukaten
drin. Na, vielleicht finde ich den Pechvogel, der den Beutel verloren hat.«
Er steckte die Börse ein und schritt fürbaß; da nahte auf einem Seitenwege
ein vornehmer Herr, der seine Augen wie suchend auf den Boden heftete.
»Hat der Herr vielleicht etwas verloren?« fragte Hans.
»Ja, freilich,« war die Antwort, »meine rotseidene Börse mit Geld.«
»Hier ist sie,« entgegnete Hans freundlich, »gut, daß ich sie gefunden
habe.«
»Du bist ein ehrlicher Bursche. Hier hast du eine Belohnung für den Fund.«
Hans aber wehrte ab: »Das hat der Herr nicht nötig, ich habe die Börse ja
kaum zehn Schritte getragen, dann konnte ich sie schon wieder abliefern.«
Der Fremde plauderte mit Hans noch eine Weile und fragte ihn zuletzt, was
er sich wohl wünschen würde, wenn ihm seine Wünsche erfüllt werden sollten.
Dem Burschen schwebte noch immer der Dukatenbeutel vor und so antwortete er
hastig:
»I, so wollte ich, daß alles mein wäre, was mir heute auf dem Wege nach
Hirschberg begegnete.«
Da brach der Herr in ein solch schallendes Gelächter aus, daß es die Berge
im Widerhall zurückgaben, dann rief er:
»Sollst's haben, Hans, sollst's haben. Aber merke wohl: _Wünsche nicht zu
viel_, sei genügsam!«
Hiermit war der Fremde verschwunden und nun stieg in Hans die Ahnung auf,
mit wem er gesprochen hatte. Er wandte sich den Bergen zu, zog seinen Hut
ab und rief:
»Danke schön, Herr Berggeist!«
Wieder erschallte von den Bergen her das Echo eines Gelächters. Hans setzte
seinen Weg fort. Da fiel plötzlich etwas vor seinen Füßen nieder; er hob es
auf -- es war derselbe Beutel mit Dukaten, den er heute schon einmal
gefunden hatte.
»Hurra,« schrie Hans auf, »jetzt könnte ich eigentlich umkehren, für das
viele Geld kann ich mir bequem ein kleines Ackergut kaufen.«
Auf einem Strauche saß ein Fink und sang sein Morgenlied nach der Melodie,
welcher das Volk den Text unterlegt: »Reit zu Schitzkebier«; er setzte sich
sogleich auf Hansens Schulter und blieb dort sitzen. Hans freute sich über
den munteren Gesellen, denn er hatte alle Tiere lieb.
Aus einer Hecke kroch ein Kätzchen hervor, schmiegte sich schnurrend an
seine Beine und ging ihm nach, während ein großer zottiger Hofhund ihn
bellend umwedelte. Da kamen auf der Straße drei schwerbeladene Erntewagen
herangefahren; auf der Höhe des letzten saßen die Schnitter und hielten auf
einer Stange den Erntekranz, dessen bunte Bänder in der Luft flatterten.
»Juchhei,« jubelte Hans, »nun bin ich ein reicher Mann, jetzt habe ich Geld
zum Hauskauf, Hund und Katze und einen Vogel, der mir seine Lieder singt,
und nun gar noch Pferde und Wagen und Getreide, das ich nicht einmal
ausgesäet habe. Was wird die Mutter dazu sagen, wenn ich heimkomme!«
Er hatte gerade ausgeredet, da kam von einer andern Straße her ein Wagen,
hochbepackt mit Hausgeräten aller Art, und folgte dem Zuge, der immer
länger wurde. Da kamen Knechte und Mägde, den neuen Herrn grüßend, ein Hirt
trieb eine stattliche Herde Rinder, ein Schäfer einen großen Stamm fetter
Schafe einher. Außerdem folgten ihm alle Hühner, Enten, Gänse und Tauben,
welche sich auf seinem Wege befanden, einige Pfauhühner marschierten vor
ihm und ein Pfauhahn schlug ihm zu Ehren sein schillerndes, stolzes Rad.
Das war ein Blöken, Wiehern, Brüllen, Schnattern, Krähen, Singen, Zanken
und Raufen, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.
Jetzt wurde Hirschberg sichtbar, Hans ließ seinen Besitz an sich
vorüberziehen; als blutarmer Bursche war er ausgezogen und als Großbauer
und reicher Mann kehrte er in seine Heimat zurück. Wie das aber so oft im
Menschenleben vorkommt, so erging es auch Hans: die Mahnung: »Wünsche nicht
zuviel« war in seinen Ohren verklungen. Das gesättigte Herz begehrte den
Überfluß. Nun wollte er erst vor den Toren Hirschbergs umkehren, um alles
zu gewinnen, was ihm bis dahin begegnen würde.
Unterwegs fand er noch einen funkelnden, goldenen Ring. Er steckte ihn an
den Finger und blieb ein Weilchen vor dem Stadttore stehen, um zu sehen, ob
nicht noch etwas käme. Da kam ein Mädchen auf ihn zu, häßlich wie die
Nacht, alt, zahnlos, verwachsen, mit geröteten Augen und rief hell
auflachend:
»Juchhei, jetzt kommt mein langersehnter Bräutigam. Und den Trauring hast
du auch schon am Finger. Beeile dich nur, der Herr Pfarrer erwartet uns
schon zur Trauung in der Kirche.« Hans sträubte sich und dachte bei sich:
»Wie kannst du ein Weib deiner Mutter zuführen, welches älter ist als
diese?« -- Sie aber hielt seine Hand in der ihren, an der ein ganz
ähnlicher Ring saß.
»Lieber Hans,« sprach sie, »es ist gar nicht hübsch von dir, daß du so
lange zögerst. Bin ich auch nicht hübsch, so bin ich doch eine tüchtige
Wirtin. Du bist in den Besitz eines großen Hausrates gekommen und verstehst
von der Bauernwirtschaft gar wenig. Deine kranke Mutter will ich hegen und
pflegen und schaffen, daß unser Hausstand sich mehre.«
Hans stand eine Weile stumm da. Durch seinen Kopf ging die warnende Mahnung
Rübezahls: »Wünsche nicht zuviel!« Er hatte sie überhört und nun gab es
kein Zurück mehr.
Er kratzte sich hinter dem Ohr, machte gute Miene zum bösen Spiel, gab
seiner Zukünftigen die Hand und sprach:
»Wenn's denn durchaus sein muß, so wollen wir den Pfarrer nicht länger
warten lassen.«
Da sah sie ihn freundlich an und sprach: »Danke, lieber Hans, du sollst es
nicht zu bereuen haben.«
So wurden sie in der Kirche getraut und unter dem Jubel des Gesindes zogen
sie mit ihren Wagen und Gerätschaften nach einem Dorfe, welches Hans noch
unbekannt war. Dort kauften sie sich einen Bauernhof und brachten die
mitgebrachte Habe unter der umsichtigen Leitung der Hausfrau in kurzer Zeit
in Ordnung.
Hans gewann sein Weib schon am ersten Tage lieb und an jedem andern noch
lieber. Sie fuhren nun zu Hansens Mutter, um sie abzuholen. Diese wollte
sich jedoch gar nicht daran gewöhnen, daß ihr schmucker Junge eine so alte,
häßliche Frau bekommen hatte. Sie konnte daher der Schwiegertochter kein
freundliches Gesicht machen. Diese nahm das nicht übel, da sie wußte, von
Hans geliebt zu werden. Als Mutter Bärbel aber sah, daß ihre
Schwiegertochter Liese fleißig und unermüdlich im Haushalte tätig war und
ihr selbst in ihrer Krankheit mit Handreichungen zur Seite stand, so fand
sie sich zuletzt darein.
Ein Jahr später lag in der großen Holzwiege, deren Bretter mit allerhand
Blumenverzierungen bemalt waren, ein prächtiger Junge, der aus
Leibeskräften schrie. Mit ihm war die Freude im Hause vollkommen geworden
und Bärbel schaukelte oft unter dem Gesange eines Schlummerliedchens die
Wiege hin und her, um den kleinen schreienden Enkelsohn zu beruhigen und in
süßen Schlummer zu wiegen.
So war der Jahrestag der Hochzeit gekommen. Fröhlich saßen die drei
beieinander, als Liese zu sprechen begann:
»Ja, heut' vor einem Jahre habe ich etwas Seltsames erlebt, aber ich darf
es nicht sagen, ehe es mir erlaubt wird.«
Hans wurde neugierig und auch Bärbel wollte das Geheimnis wissen, aber
Liese blieb fest.
Da klopfte es plötzlich ans Fenster und draußen stand -- der fremde Herr
vom vorigen Jahr und sprach:
»Nun, Hans, siehst du nun, wie töricht es von dir war, zuviel zu wünschen?
Hättest du meinen Worten Gehör geliehen, dann wärest du nicht zu einem
solch häßlichen Weibe gekommen. Aber willst du sie nicht mehr, dann will
ich dich von der Plage sogleich befreien.«
»Um keinen Preis,« schrie Hans entsetzt, »wie bin ich froh, daß Ihr sie mir
gabt. Sie hat uns erst das Glück und die rechte Zufriedenheit ins Haus
gebracht. Und dann seht einmal unsern Prachtbuben an, bei dem müßt Ihr Pate
stehen, ich bitte Euch recht sehr darum.«
»Na, ihr Leutchen,« war die Antwort, »nun habe ich euch genug geneckt. Die
Patenschaft nehme ich an. Du, Liese, kannst deine Geschichte vom vorigen
Jahr erzählen.«
Damit entschwand er. Dann schloß Hans das Fenster und drehte sich um, um
mit seiner Frau zu sprechen, doch er prallte zurück. War die blitzsaubere
Frau mit den rosigen Wangen und den treublickenden Augen, die den
zappelnden Buben auf ihren Armen hielt, Liese? Als sie anfing zu sprechen,
da war es ihre Stimme und nun erzählte sie ihre Geschichte.
»Schau, Hans, vor einem Jahre sah ich gerade so aus, wie du mich jetzt
siehst. Ich war ein eitles Ding, das sich auf seine Schönheit viel
einbildete und alle Leute über die Schulter ansah. Meine Eltern waren mir
zeitig gestorben, ich war wohlhabend und besaß dieses schöne Gut. An dem
Sonntagmorgen, heute vor einem Jahre, ging ich auf die Wiese, um mir ein
Sträußchen Wiesenblumen zum Vorstecken zu pflücken, denn die anderen
Mädchen trugen Gartenblumen zu ihrem Kirchenstaat und ich mußte doch etwas
Besonderes haben. Ich steckte mein Sträußchen ans Mieder, lief zu einem
kleinen Teiche, welchen der Wiesenbach bildete, und betrachtete mich sehr
wohlgefällig. Mein Bild gefiel mir über die Maßen, ich drehte und wandte
mich nach allen Seiten und konnte mich gar nicht genug wundern über die
Schönheit meiner Gestalt. Auf einmal erscholl hinter mir ein lautes
Gelächter. Ich drehte mich um und erblickte einen Fremden und machte ihm
ein gar böses Gesicht.
>Na, na, Jungfer,< rief er spöttisch, >entstelle sie doch ihr Lärvchen
nicht so. Vorher sah die Narrheit in den Teich hinein, jetzt schaut die
Bosheit aus dem Gesicht heraus.<
Auf solche Grobheiten stemmte ich die Arme in die Seiten und schrie:
>Was fällt Euch ein, Ihr einfältiger Tropf? Was geht's Euch an, wenn ich
mich im Wasser beschaue? Ich weiß, daß ich weit und breit im Gebirge als
die >schöne Liese< bekannt bin. Was habt Ihr Euch um mich zu kümmern?<
Plötzlich reckte sich vor mir eine riesengroße Gestalt auf mit langem,
wehendem Haar und Bart und eine Donnerstimme ertönte:
>Du hoffärtiges Ding, nun wirst du wohl merken, mit wem du es zu tun hast.
Von heute ab sollst du die Gestalt annehmen, welche deine Hoffart straft.
Statt der >schönsten< sollst du als >die häßlichste Liese weit und breit im
Gebirge bekannt< sein. Gehe hin an das Tor von Hirschberg. Wenn du dort
einen Burschen deiner wartend findest, so soll er sofort dein Mann werden.
Sagst du aber einem Menschen je ein Wörtchen von dem, was hier geschehen
ist, dann erhältst du nie deine frühere Gestalt wieder. Bringst du es aber
durch Demut, Fleiß und Geduld dahin, daß dich dein Mann behalten will trotz
deiner Häßlichkeit, dann sollst du deine Schönheit wiedererlangen. Gelingt
dir das nicht, so mag dich dein Mann fortschicken und ich werde dich
mitnehmen.<
Damit verschwand er. Ich war entsetzt bei dem Gedanken an mein Schicksal.
Laut jammernd warf ich mich in das Gras, aber ich mußte gehorchen. Am Tore
zu Hirschberg wartete ich auf dich. Was habe ich dich bedauert, Hans, daß
du ein solches Schreckbild zur Frau nehmen solltest. Nun hat sich alles zum
Besten gekehrt.«
Niemand war froher über Liesens Verwandlung als ihre Schwiegermutter. Als
Hans und Liese miteinander auf der Straße gingen, da riefen die Leute: »Die
schöne Liese ist wieder da!« --
Als nun der kleine Sohn getauft werden sollte, blieb der Taufpate Rübezahl
aus. Hans öffnete das Fenster, um nach ihm zu sehen, denn nur wenige
Minuten fehlten noch an der festgesetzten Zeit. Da erhob sich ein
Wirbelwind und wehte ein Päckchen in die Stube, darauf stand: »Der Herr vom
Berge sendet seinem lieben Patchen dies Taufgeschenk zum freundlichen
Gedenken.« Den Inhalt bildeten lauter neue Dukaten.
Hans und Liese haben Rübezahl nicht wiedergesehen, wohl aber der kleine
Johannes. Ihm hat der Berggeist viel Gutes erwiesen sein Leben lang.