Einen Bauer in der Amtspflege Reichenberg hatte ein böser Nachbar durch
einen Prozeß um Hab und Gut gebracht, und nachdem sich das Gericht seiner
letzten Kuh bemächtigt hatte, blieb ihm nichts übrig als ein abgehärmtes
Weib und ein halbes Dutzend Kinder. Zwar hatte er noch ein paar rüstige,
gesunde Arme, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen damit
zu ernähren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach Brot
schrien und er nichts hatte, ihren quälenden Hunger zu stillen.
»Mit hundert Talern,« sprach er zu dem kummervollen Weibe, »wäre uns
geholfen, unsern zerfallenen Haushalt wieder einzurichten und fern von dem
streitsüchtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen. Du hast reiche
Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsere Not klagen;
vielleicht, daß sich einer erbarmet und aus gutem Herzen von seinem
Überfluß uns auf Zinsen leiht, so viel wir bedürfen.«
Das niedergedrückte Weib willigte mit schwacher Hoffnung eines glücklichen
Erfolges in diesen Vorschlag, weil sie keinen besseren wußte. Der Mann aber
gürtete frühe seine Lenden und, indem er Weib und Kind verließ, sprach er
ihnen Trost ein: »Weinet nicht! Mein Herz sagt es mir, ich werde einen
Wohltäter finden, der uns helfen wird.« Hierauf steckte er eine harte
Brotrinde zur Zehrung in die Tasche und ging davon.
Müde und matt von der Hitze des Tages und dem weiten Wege, gelangte er zur
Abendzeit in dem Dorfe an, wo die reichen Vettern wohnten; aber keiner
wollte ihn kennen, keiner wollte ihn beherbergen. Mit heißen Tränen klagte
er ihnen sein Elend; aber die hartherzigen Filze achteten nicht darauf,
kränkten den armen Mann mit Vorwürfen und beleidigenden Sprichwörtern.
Einer sprach: »Junges Blut, spar' dein Gut«; der andere: »Hoffart kommt vor
dem Fall«; der dritte: »Wie du's treibst, so geht's«; der vierte: »Jeder
ist seines Glückes Schmied.« So höhnten und spotteten sie seiner, nannten
ihn einen Prasser und Faulenzer und endlich stießen sie ihn sogar zur Tür
hinaus. Einer solchen Aufnahme hatte sich der arme Vetter von der reichen
Sippschaft seines Weibes nicht versehen, stumm und traurig schlich er von
dannen und weil er nichts hatte, um das Schlafgeld der Herberge zu
bezahlen, mußte er auf einem Heuschober im Felde übernachten. Hier wartete
er schlaflos des zögernden Tages, um sich auf den Heimweg zu begeben.
Da er nun wieder ins Gebirge kam, überkam ihn Harm und Bekümmernis so sehr,
daß er der Verzweiflung nahe war. »Zwei Tage Arbeitslohn verloren,« dachte
er bei sich selber, matt und entkräftet von Gram und Hunger, ohne Trost,
ohne Hoffnung! Wenn du nun heimkehrst und die sechs Würmer dir
entgegenschmachten, ihre Hände aufheben, von dir Labsal zu begehren und du
für einen Bissen Brot ihnen einen Stein bieten mußt, Vaterherz! Vaterherz!
Wie kannst du's tragen! Brich entzwei, armes Herz, ehe du diesen Jammer
fühlst! Hierauf warf er sich unter einen Schlehenbusch, seinen
schwermütigen Gedanken weiter nachzuhängen.
Wie aber am Rande des Verderbens die Seele noch die letzten Kräfte
anstrengt, ein Rettungsmittel auszukundschaften, Schutz oder Frist für den
hereinbrechenden Untergang zu suchen; gleich einem Bootsmann, der sein
Schiff sinken sieht, schnell die Strickleiter hinaufrennt, sich in den
Mastkorb zu bergen, oder wenn er unter Verdeck ist, aus der Luke springt,
in der Hoffnung, ein Brett oder eine ledige Tonne zu erhaschen, um sich
über Wasser zu halten: so verfiel unter tausend Anschlägen und Einfällen
der trostlose Veit auf den Gedanken, sich an den Geist des Gebirges in
seinem Anliegen zu wenden. Er hatte viel abenteuerliche Geschichten von ihm
gehört, wie er zuweilen die Reisenden geneckt und gefoppt, ihnen manchen
Streich und Schabernack gespielt, doch auch mitunter Gutes erwiesen habe.
Es war ihm nicht unbekannt, daß er sich bei seinem Spottnamen nicht
ungestraft rufen lasse; dennoch wußte er ihm auf keine andere Weise
beizukommen; also wagte er es auf eine Prügelei und rief so sehr er konnte:
»Rübezahl! Rübezahl!«
Auf diesen Ruf erschien alsbald eine Gestalt gleich einem rußigen Köhler
mit einem fuchsroten Bart, der bis an den Gürtel reichte, feurigen, stieren
Augen und mit einer Schürstange bewaffnet, gleich einem Weberbaum, die er
mit Grimm erhob, den frechen Spötter zu erschlagen.
»Mit Gunst, Herr Rübezahl,« sprach Veit ganz unerschrocken, »verzeiht, wenn
ich Euch nicht mit dem rechten Namen bezeichne, hört mich nur an, dann tut,
was Euch gefällt.«
Diese dreiste Rede und die kummervolle Miene des Mannes, die weder auf
Mutwillen noch Vorwitz deutete, besänftigten den Zorn des Geistes etwas:
»Erdenwurm,« sprach er, »was treibt dich, mich zu beunruhigen? Weißt du
auch, daß du mir mit Hals und Haut für deinen Frevel büßen mußt?«
»Herr,« antwortete Veit, »die Not treibt mich zu Euch, habe eine Bitte, die
Ihr mir leicht gewähren könnt. Ihr sollt mir hundert Taler leihen, ich
zahle sie Euch mit landesüblichen Zinsen in drei Jahren wieder, so wahr ich
ehrlich bin!«
»Tor,« sprach der Geist, »bin ich ein Wucherer, der auf Zinsen leiht? Gehe
hin zu deinen Menschenbrüdern und borge da so viel dir not tut, mich aber
laß in Ruhe.«
»Ach!« erwiderte Veit, »mit der Menschenbrüderschaft ist's aus! Auf Mein
und Dein gilt keine Brüderschaft.«
Hierauf erzählte er ihm seine Geschichte nach der Länge und schilderte ihm
sein drückendes Elend so rührend, daß ihm Rübezahl seine Bitte nicht
versagen konnte; und wenn der arme Tropf auch weniger Mitleid verdient
hätte, so schien doch dem Geist das Unterfangen, von ihm ein Kapital zu
leihen, so neu und sonderbar, daß er um des guten Zutrauens willen geneigt
war, des Mannes Bitte zu gewähren.
»Komm, folge mir,« sprach er und führte ihn darauf waldeinwärts, in ein
abgelegenes Tal zu einem schroffen Felsen, dessen Fuß ein dichter Busch
bedeckte.
Nachdem sich Veit neben seinem Begleiter mit Mühe durchs Gesträuch
gearbeitet hatte, gelangten sie zum Eingang einer finsteren Höhle. Dem
guten Veit war nicht wohl dabei zumute, da er so im Dunkeln tappen mußte;
es lief ihm ein kalter Schauer nach dem andern den Rücken herab und seine
Haare sträubten sich empor. Rübezahl hat schon manchen betrogen, dachte er,
wer weiß, was für ein Abgrund mir vor den Füßen liegt, in welchen ich beim
nächsten Schritt hinabstürze. Dabei hörte er ein fürchterliches Brausen als
eines Tagwassers, das sich in den tiefen Schacht ergoß. Je weiter er
fortschritt, je mehr engten ihm Furcht und Grausen das Herz ein. Doch bald
sah er zu seinem Trost in der Ferne ein blaues Flämmchen hüpfen, das
Berggewölbe erweiterte sich zu einem großen Saal, das Flämmchen brannte
hell und schwebte als ein Hängeleuchter in der Mitte der Felsenhalle. Auf
dem Pflaster fiel ihm eine kupferne Braupfanne in die Augen, mit lauter
harten Talern bis an den Rand gefüllt.
Als Veit den Geldschatz erblickte, schwand alle seine Furcht dahin und das
Herz hüpfte ihm vor Freuden.
»Nimm,« sprach der Geist, »was du bedarfst, es sei wenig oder viel, nur
stelle mir einen Schuldschein aus, wenn du überhaupt schreiben kannst.«
Der Schuldner bejahte das und zählte sich gewissenhaft die hundert Taler
zu, nicht einen mehr und keinen weniger. Der Geist schien auf das
Zählungsgeschäft gar nicht zu achten, drehte sich weg und suchte indes
Feder und Tinte hervor. Veit schrieb den Schuldschein so bündig als ihm
möglich war; der Berggeist schloß ihn in einen eisernen Schatzkasten und
sagte zum Abschied:
»Sieh hin, mein Freund, und nütze dein Geld mit arbeitsamer Hand. Vergiß
nicht, daß du mein Schuldner bist, und merke dir den Eingang ins Tal und
diese Felsenkluft genau! Sobald das dritte Jahr verflossen ist, zahlst du
mir Kapital und Zins zurück; ich bin ein strenger Gläubiger, hältst du
nicht ein, so fordere ich es mit Ungestüm.«
Der ehrliche Veit versprach, auf den Tag richtig Zahlung zu leisten,
versprach's mit seiner biederen Hand, doch ohne Schwur; verpfändete nicht
seine Seele und Seligkeit, wie lose Bezahler zu tun pflegen, und schied mit
dankbarem Herzen von seinem Schuldherrn in der Felsenhöhle, aus der er
leicht den Ausgang fand. --
Die hundert Taler wirkten bei ihm mächtig auf Seele und Leib, daß ihm nicht
anders zumut war, als er das Tageslicht wieder erblickte, als ob er Balsam
des Lebens in der Felsenkluft eingesogen habe. Freudig und gestärkt an
allen Gliedern, schritt er nun seiner Wohnung zu und trat in die elende
Hütte, indem sich der Tag zu neigen begann. Sobald ihn die abgezehrten
Kinder erblickten, schrien sie ihm wie aus einem Munde entgegen: »Brot,
Vater, einen Bissen Brot! Hast uns lange darben lassen.« Das abgehärmte
Weib saß in einem Winkel und weinte, fürchtete verzagt und kleinmütig das
Schlimmste und vermutete, daß der Angekommene wieder das alte traurige Lied
anstimmen werde. Er aber bot ihr freundlich die Hand, hieß sie Feuer
anschüren auf dem Herde; denn er trug Grütze und Hirse aus Reichenberg im
Zwerchsack, wovon die Hausmutter einen steifen Brei kochen mußte, daß der
Löffel darin stand. Nachher berichtete er von dem guten Erfolg seines
Geschäfts.
»Deine Vettern,« sprach er, »sind gar rechtliche Leute; sie haben mir nicht
meine Armut vorgerückt, haben mich nicht verkannt oder mich schimpflich vor
der Tür abgewiesen, sondern mich freundlich beherbergt, Herz und Hand mir
geöffnet und hundert bare Taler vorschußweise auf den Tisch gezählt.«
Da fiel dem guten Weibe ein schwerer Stein vom Herzen, der sie lange
gedrückt hatte.
»Wären wir,« sagte sie, »eher vor die rechte Schmiede gegangen, so hätten
wir uns manchen Kummer ersparen können.« Hierauf rühmte sie ihre
Freundschaft, von welcher sie vorher so wenig Gutes erwartet hatte, und tat
recht stolz auf die reichen Vettern.
Der Mann ließ ihr nach so vielen Drangsalen gern die Freude, die ihrer
Eitelkeit so schmeichelhaft war. Da sie aber nicht aufhörte, von den
reichen Vettern zu sprechen, und das viele Tage so forttrieb, wurde Veit
des Lobposaunens der Geizdrachen satt und müde und sprach zum Weibe: »Als
ich vor der rechten Schmiede war, weißt du, was mir der Meister Schmied für
eine weise Lehre gab?«