5. Rübezahl und der Bauer Veit.

Einen Bauer in der Amtspflege Reichenberg hatte ein böser Nachbar durch

einen Prozeß um Hab und Gut gebracht, und nachdem sich das Gericht seiner

letzten Kuh bemächtigt hatte, blieb ihm nichts übrig als ein abgehärmtes

Weib und ein halbes Dutzend Kinder. Zwar hatte er noch ein paar rüstige,

gesunde Arme, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen damit

zu ernähren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach Brot

schrien und er nichts hatte, ihren quälenden Hunger zu stillen.

»Mit hundert Talern,« sprach er zu dem kummervollen Weibe, »wäre uns

geholfen, unsern zerfallenen Haushalt wieder einzurichten und fern von dem

streitsüchtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen. Du hast reiche

Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsere Not klagen;

vielleicht, daß sich einer erbarmet und aus gutem Herzen von seinem

Überfluß uns auf Zinsen leiht, so viel wir bedürfen.«

Das niedergedrückte Weib willigte mit schwacher Hoffnung eines glücklichen

Erfolges in diesen Vorschlag, weil sie keinen besseren wußte. Der Mann aber

gürtete frühe seine Lenden und, indem er Weib und Kind verließ, sprach er

ihnen Trost ein: »Weinet nicht! Mein Herz sagt es mir, ich werde einen

Wohltäter finden, der uns helfen wird.« Hierauf steckte er eine harte

Brotrinde zur Zehrung in die Tasche und ging davon.

Müde und matt von der Hitze des Tages und dem weiten Wege, gelangte er zur

Abendzeit in dem Dorfe an, wo die reichen Vettern wohnten; aber keiner

wollte ihn kennen, keiner wollte ihn beherbergen. Mit heißen Tränen klagte

er ihnen sein Elend; aber die hartherzigen Filze achteten nicht darauf,

kränkten den armen Mann mit Vorwürfen und beleidigenden Sprichwörtern.

Einer sprach: »Junges Blut, spar' dein Gut«; der andere: »Hoffart kommt vor

dem Fall«; der dritte: »Wie du's treibst, so geht's«; der vierte: »Jeder

ist seines Glückes Schmied.« So höhnten und spotteten sie seiner, nannten

ihn einen Prasser und Faulenzer und endlich stießen sie ihn sogar zur Tür

hinaus. Einer solchen Aufnahme hatte sich der arme Vetter von der reichen

Sippschaft seines Weibes nicht versehen, stumm und traurig schlich er von

dannen und weil er nichts hatte, um das Schlafgeld der Herberge zu

bezahlen, mußte er auf einem Heuschober im Felde übernachten. Hier wartete

er schlaflos des zögernden Tages, um sich auf den Heimweg zu begeben.

Da er nun wieder ins Gebirge kam, überkam ihn Harm und Bekümmernis so sehr,

daß er der Verzweiflung nahe war. »Zwei Tage Arbeitslohn verloren,« dachte

er bei sich selber, matt und entkräftet von Gram und Hunger, ohne Trost,

ohne Hoffnung! Wenn du nun heimkehrst und die sechs Würmer dir

entgegenschmachten, ihre Hände aufheben, von dir Labsal zu begehren und du

für einen Bissen Brot ihnen einen Stein bieten mußt, Vaterherz! Vaterherz!

Wie kannst du's tragen! Brich entzwei, armes Herz, ehe du diesen Jammer

fühlst! Hierauf warf er sich unter einen Schlehenbusch, seinen

schwermütigen Gedanken weiter nachzuhängen.

Wie aber am Rande des Verderbens die Seele noch die letzten Kräfte

anstrengt, ein Rettungsmittel auszukundschaften, Schutz oder Frist für den

hereinbrechenden Untergang zu suchen; gleich einem Bootsmann, der sein

Schiff sinken sieht, schnell die Strickleiter hinaufrennt, sich in den

Mastkorb zu bergen, oder wenn er unter Verdeck ist, aus der Luke springt,

in der Hoffnung, ein Brett oder eine ledige Tonne zu erhaschen, um sich

über Wasser zu halten: so verfiel unter tausend Anschlägen und Einfällen

der trostlose Veit auf den Gedanken, sich an den Geist des Gebirges in

seinem Anliegen zu wenden. Er hatte viel abenteuerliche Geschichten von ihm

gehört, wie er zuweilen die Reisenden geneckt und gefoppt, ihnen manchen

Streich und Schabernack gespielt, doch auch mitunter Gutes erwiesen habe.

Es war ihm nicht unbekannt, daß er sich bei seinem Spottnamen nicht

ungestraft rufen lasse; dennoch wußte er ihm auf keine andere Weise

beizukommen; also wagte er es auf eine Prügelei und rief so sehr er konnte:

»Rübezahl! Rübezahl!«

Auf diesen Ruf erschien alsbald eine Gestalt gleich einem rußigen Köhler

mit einem fuchsroten Bart, der bis an den Gürtel reichte, feurigen, stieren

Augen und mit einer Schürstange bewaffnet, gleich einem Weberbaum, die er

mit Grimm erhob, den frechen Spötter zu erschlagen.

»Mit Gunst, Herr Rübezahl,« sprach Veit ganz unerschrocken, »verzeiht, wenn

ich Euch nicht mit dem rechten Namen bezeichne, hört mich nur an, dann tut,

was Euch gefällt.«

Diese dreiste Rede und die kummervolle Miene des Mannes, die weder auf

Mutwillen noch Vorwitz deutete, besänftigten den Zorn des Geistes etwas:

»Erdenwurm,« sprach er, »was treibt dich, mich zu beunruhigen? Weißt du

auch, daß du mir mit Hals und Haut für deinen Frevel büßen mußt?«

»Herr,« antwortete Veit, »die Not treibt mich zu Euch, habe eine Bitte, die

Ihr mir leicht gewähren könnt. Ihr sollt mir hundert Taler leihen, ich

zahle sie Euch mit landesüblichen Zinsen in drei Jahren wieder, so wahr ich

ehrlich bin!«

»Tor,« sprach der Geist, »bin ich ein Wucherer, der auf Zinsen leiht? Gehe

hin zu deinen Menschenbrüdern und borge da so viel dir not tut, mich aber

laß in Ruhe.«

»Ach!« erwiderte Veit, »mit der Menschenbrüderschaft ist's aus! Auf Mein

und Dein gilt keine Brüderschaft.«

Hierauf erzählte er ihm seine Geschichte nach der Länge und schilderte ihm

sein drückendes Elend so rührend, daß ihm Rübezahl seine Bitte nicht

versagen konnte; und wenn der arme Tropf auch weniger Mitleid verdient

hätte, so schien doch dem Geist das Unterfangen, von ihm ein Kapital zu

leihen, so neu und sonderbar, daß er um des guten Zutrauens willen geneigt

war, des Mannes Bitte zu gewähren.

»Komm, folge mir,« sprach er und führte ihn darauf waldeinwärts, in ein

abgelegenes Tal zu einem schroffen Felsen, dessen Fuß ein dichter Busch

bedeckte.

Nachdem sich Veit neben seinem Begleiter mit Mühe durchs Gesträuch

gearbeitet hatte, gelangten sie zum Eingang einer finsteren Höhle. Dem

guten Veit war nicht wohl dabei zumute, da er so im Dunkeln tappen mußte;

es lief ihm ein kalter Schauer nach dem andern den Rücken herab und seine

Haare sträubten sich empor. Rübezahl hat schon manchen betrogen, dachte er,

wer weiß, was für ein Abgrund mir vor den Füßen liegt, in welchen ich beim

nächsten Schritt hinabstürze. Dabei hörte er ein fürchterliches Brausen als

eines Tagwassers, das sich in den tiefen Schacht ergoß. Je weiter er

fortschritt, je mehr engten ihm Furcht und Grausen das Herz ein. Doch bald

sah er zu seinem Trost in der Ferne ein blaues Flämmchen hüpfen, das

Berggewölbe erweiterte sich zu einem großen Saal, das Flämmchen brannte

hell und schwebte als ein Hängeleuchter in der Mitte der Felsenhalle. Auf

dem Pflaster fiel ihm eine kupferne Braupfanne in die Augen, mit lauter

harten Talern bis an den Rand gefüllt.

Als Veit den Geldschatz erblickte, schwand alle seine Furcht dahin und das

Herz hüpfte ihm vor Freuden.

»Nimm,« sprach der Geist, »was du bedarfst, es sei wenig oder viel, nur

stelle mir einen Schuldschein aus, wenn du überhaupt schreiben kannst.«

Der Schuldner bejahte das und zählte sich gewissenhaft die hundert Taler

zu, nicht einen mehr und keinen weniger. Der Geist schien auf das

Zählungsgeschäft gar nicht zu achten, drehte sich weg und suchte indes

Feder und Tinte hervor. Veit schrieb den Schuldschein so bündig als ihm

möglich war; der Berggeist schloß ihn in einen eisernen Schatzkasten und

sagte zum Abschied:

»Sieh hin, mein Freund, und nütze dein Geld mit arbeitsamer Hand. Vergiß

nicht, daß du mein Schuldner bist, und merke dir den Eingang ins Tal und

diese Felsenkluft genau! Sobald das dritte Jahr verflossen ist, zahlst du

mir Kapital und Zins zurück; ich bin ein strenger Gläubiger, hältst du

nicht ein, so fordere ich es mit Ungestüm.«

Der ehrliche Veit versprach, auf den Tag richtig Zahlung zu leisten,

versprach's mit seiner biederen Hand, doch ohne Schwur; verpfändete nicht

seine Seele und Seligkeit, wie lose Bezahler zu tun pflegen, und schied mit

dankbarem Herzen von seinem Schuldherrn in der Felsenhöhle, aus der er

leicht den Ausgang fand. --

Die hundert Taler wirkten bei ihm mächtig auf Seele und Leib, daß ihm nicht

anders zumut war, als er das Tageslicht wieder erblickte, als ob er Balsam

des Lebens in der Felsenkluft eingesogen habe. Freudig und gestärkt an

allen Gliedern, schritt er nun seiner Wohnung zu und trat in die elende

Hütte, indem sich der Tag zu neigen begann. Sobald ihn die abgezehrten

Kinder erblickten, schrien sie ihm wie aus einem Munde entgegen: »Brot,

Vater, einen Bissen Brot! Hast uns lange darben lassen.« Das abgehärmte

Weib saß in einem Winkel und weinte, fürchtete verzagt und kleinmütig das

Schlimmste und vermutete, daß der Angekommene wieder das alte traurige Lied

anstimmen werde. Er aber bot ihr freundlich die Hand, hieß sie Feuer

anschüren auf dem Herde; denn er trug Grütze und Hirse aus Reichenberg im

Zwerchsack, wovon die Hausmutter einen steifen Brei kochen mußte, daß der

Löffel darin stand. Nachher berichtete er von dem guten Erfolg seines

Geschäfts.

»Deine Vettern,« sprach er, »sind gar rechtliche Leute; sie haben mir nicht

meine Armut vorgerückt, haben mich nicht verkannt oder mich schimpflich vor

der Tür abgewiesen, sondern mich freundlich beherbergt, Herz und Hand mir

geöffnet und hundert bare Taler vorschußweise auf den Tisch gezählt.«

Da fiel dem guten Weibe ein schwerer Stein vom Herzen, der sie lange

gedrückt hatte.

»Wären wir,« sagte sie, »eher vor die rechte Schmiede gegangen, so hätten

wir uns manchen Kummer ersparen können.« Hierauf rühmte sie ihre

Freundschaft, von welcher sie vorher so wenig Gutes erwartet hatte, und tat

recht stolz auf die reichen Vettern.

Der Mann ließ ihr nach so vielen Drangsalen gern die Freude, die ihrer

Eitelkeit so schmeichelhaft war. Da sie aber nicht aufhörte, von den

reichen Vettern zu sprechen, und das viele Tage so forttrieb, wurde Veit

des Lobposaunens der Geizdrachen satt und müde und sprach zum Weibe: »Als

ich vor der rechten Schmiede war, weißt du, was mir der Meister Schmied für

eine weise Lehre gab?«

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 8 / 20 题