Sie sprach: »Welche?«

»Jeder, sagte er, sei seines Glückes Schmied, und man müsse das Eisen

schmieden, so lange es heiß sei; drum laß' uns nun die Hände rühren und

unserm Beruf fleißig obliegen, daß wir was vor uns bringen, in drei Jahren

den Vorschuß nebst Zinsen abzahlen können und aller Schuld quitt und ledig

seien.«

Darauf kaufte er einen Acker und eine Wiese, dann wieder einen und noch

einen, dann eine ganze Hufe; es war Segen in Rübezahls Gelde, als wenn ein

Hecktaler darunter wäre. Veit säete und erntete, wurde schon für einen

wohlhabenden Mann im Dorfe gehalten, und sein Säckel besaß noch immer ein

kleines Kapital zur Erweiterung seines Eigentums. Im dritten Sommer hatte

er schon zu seiner Hufe ein Herrengut gepachtet, das ihm reichen Ertrag

brachte; kurz, er war ein Mann, dem alles, was er tat, zu gutem Glück

gedieh.

Der Zahlungstag kam nun heran und Veit hatte so viel erübrigt, daß er ohne

Beschwerde seine Schuld abtragen konnte; er legte das Geld zurecht und an

dem bestimmten Tage war er früh auf, weckte das Weib und alle seine Kinder,

hieß sie waschen und kämmen und ihre Sonntagskleider anziehen, auch die

neuen Schuhe und die scharlachenen Mieder und Brusttücher, die sie noch

nicht auf den Leib gebracht hatten. Er selbst holte seinen Feiertagsrock

herbei und rief zum Fenster hinaus: »Hans, spann' an!«

»Mann, was hast du vor?« fragte die Frau, »es ist heute weder Feiertag noch

Kirchweihfest, was macht dich so guten Mutes, daß du uns ein Wohlleben

bereitet hast, und wo gedenkst du uns hinzuführen?«

Er antwortete: »Ich will mit euch die reichen Vettern jenseits des Gebirges

heimsuchen und dem Gläubiger, der mir durch seinen Vorschub wieder

aufgeholfen hat, Schuld und Zins bezahlen, denn heute ist der Zahltag.«

Das gefiel der Frau wohl; sie putzte sich und die Kinder stattlich heraus,

und damit die reichen Vettern eine gute Meinung von ihrem Wohlstande

bekämen und sich ihrer nicht schämen dürften, band sie eine Schnur

gekrümmter Dukaten um den Hals. Veit rüttelte den schweren Geldsack

zusammen, nahm ihn zu sich, und da alles in Bereitschaft war, saß er auf

mit Frau und Kind. Hans peitschte die vier Hengste an und sie trabten mutig

über das Blachfeld nach dem Riesengebirge zu.

Vor einem steilen Hohlwege ließ Veit den Rollwagen halten, stieg ab und

ließ die anderen ein Gleiches tun, dann gebot er dem Knechte: »Hans, fahr'

gemachsam den Berg hinan, oben bei den drei Linden sollst du unser warten,

und ob's auch ein wenig lange dauert, so laß dich's nicht anfechten, laß

die Pferde verschnaufen und einstweilen grasen; ich weiß hier einen

Fußpfad, er ist etwas um, doch lustig zu wandeln!«

Darauf schlug er sich in Geleitschaft des Weibes und der Kinder waldein

durch dicht verwachsenes Gebüsch und spähte hin und her, die Frau meinte,

ihr Mann habe sich verirrt; sie ermahnte ihn darum, zurückzukehren und der

Landstraße zu folgen.

Veit aber hielt plötzlich still, versammelte seine sechs Kinder um sich her

und redete also: »Du wähnst, liebes Weib, daß wir zu deiner Freundschaft

ziehen; dahin steht jetzt nicht mein Sinn. Deine reichen Vettern sind

Knauser und Schurken, die, als ich damals in meiner Armut Trost und

Zuflucht bei ihnen suchte, mich gefoppt, gehöhnet und mit Übermut von sich

gestoßen haben. -- Hier wohnt der reiche Vetter, dem wir unsern Wohlstand

verdanken, der mir aufs Wort das Geld geliehen, das in den drei Jahren in

meiner Hand so wohl gewuchert hat. Auf heute hat er mich herbeschieden,

Zins und Kapital ihm wieder zu erstatten. Wißt ihr nun, wer unser

Schuldherr ist? Der Herr vom Berge, Rübezahl genannt!«

Das Weib entsetzte sich heftig über diese Rede, schlug ein Kreuz vor sich,

und die Kinder bebten und gebärdeten sich ängstlich vor Furcht und

Schrecken, daß sie der Vater vor Rübezahl führen wollte. Sie hatten viel in

den Spinnstuben von ihm gehört, daß er ein scheußlicher Riese und

Menschenfresser sei. Veit erzählte ihnen sein ganzes Abenteuer, wie ihm der

Berggeist in Gestalt eines Köhlers auf sein Rufen erschienen sei, und was

er mit ihm verhandelt in der Höhle habe, pries seine Mildtätigkeit mit

dankbarem Herzen und so inniger Rührung, daß ihm die warmen Tränen über die

Backen herabträufelten.

»Wartet hier,« fuhr er fort, »jetzt geh' ich hin in die Höhle, mein

Geschäft auszurichten. Fürchtet nichts, ich werde nicht lange ausbleiben

und wenn ich's vom Gebirgsherrn erlangen kann, so bring' ich ihn zu euch.

Scheuet euch nicht, eurem Wohltäter treuherzig die Hand zu schütteln, ob

sie gleich schwarz und rußig ist; er tut euch nichts zuleide und freut sich

seiner guten Tat und unsers Danks gewiß! Seid nur beherzt, er wird euch

goldene Äpfel und Pfeffernüsse austeilen.«

Ob nun gleich das bängliche Weib viel gegen die Wallfahrt in die

Felsenhöhle einzuwenden hatte und auch die Kinder jammerten und weinten,

sich um den Vater herlagerten und, da er sie auf die Seite schob, ihn an

den Rockfalten zurückzuziehen sich abmühten, so riß er sich doch mit Gewalt

von ihnen, drang in den dicht verwachsenen Busch und gelangte zu dem

wohlbekannten Felsen. Er fand alle Merkzeichen der Gegend wieder, die er

sich wohl ins Gedächtnis geprägt hatte; die alte halberstorbene Eiche, an

deren Wurzel die Kluft sich öffnete, stand noch, wie sie vor drei Jahren

gestanden hatte, doch von einer Höhle war keine Spur mehr vorhanden. Veit

versuchte auf alle Weise, sich den Eingang in den Berg zu eröffnen, er nahm

einen Stein, klopfte an den Felsen; er sollte, meinte er, sich auftun; er

zog den schweren Geldsack hervor, klingelte mit den harten Talern und rief,

so laut er nur konnte: »Geist des Gebirges, nimm hin, was dein ist!« Doch

der Geist ließ sich weder hören noch sehen. Also mußte sich der ehrliche

Schuldner entschließen, mit seinem Säckel wieder umzukehren.

Sobald ihn das Weib und die Kinder von ferne erblickten, eilten sie ihm

freudevoll entgegen; er war mißmutig und sehr bekümmert, daß er seine

Zahlung nicht an seinen Gläubiger abliefern konnte, setzte sich zu den

Seinen auf einen Rasenrain und überlegte, was nun zu tun sei.

Da fiel ihm sein altes Wagestück wieder ein. »Ich will,« sprach er, »den

Geist bei seinem Spottnamen rufen; wenn's ihn auch verdrießt, mag er mich

bläuen und zupfen, wie er Lust hat, wenigstens hört er auf diesen Ruf

gewiß.« Darauf schrie er aus Leibeskräften: »Rübezahl! Rübezahl!« Das

angstvolle Weib bat ihn, zu schweigen, und wollte ihm den Mund zuhalten; er

ließ sich aber nicht wehren und trieb's immer ärger. Plötzlich drängte sich

jetzt der jüngste Bube an die Mutter an und schrie bänglich: »Ach, der

schwarze Mann!« Getrost fragte Veit: »Wo?« »Dort lauscht er hinter jenem

Baume hervor.« Und alle Kinder krochen in einen Haufen zusammen, bebten vor

Furcht und schrien jämmerlich. Der Vater blickte hin und sah nichts; es war

Täuschung, nur ein leerer Schatten; kurz Rübezahl kam nicht zum Vorschein

und alles Rufen war umsonst.

Die Familie trat nun den Rückweg an und Vater Veit ging ganz betrübt und

schwermütig auf der breiten Landstraße vor sich hin. Da erhob sich vom

Walde her ein sanftes Rauschen in den Bäumen, die schlanken Birken neigten

ihre Wipfel, das bewegliche Laub der Espen zitterte, das Brausen kam näher

und der Wind schüttelte die weitausgestreckten Äste der Steineichen, trieb

dürres Laub und Grashalme vor sich her, kräuselte im Weg kleine Staubwolken

empor. An diesem lustigen Spiel vergnügten sich die Kinder, die nicht mehr

an Rübezahl dachten, und haschten nach den Blättern, mit welchen der

Wirbelwind spielte. Unter dem dürren Laube wurde auch ein Blatt Papier über

den Weg geweht, auf welches einer der Knaben Jagd machte; doch wenn er

danach griff, hob es der Wind auf und führte es weiter, daß er's nicht

erlangen konnte. Darum warf er seinen Hut danach, der's endlich bedeckte;

weil's nun ein schöner, weißer Bogen war und der sparsame Vater jede

Kleinigkeit in seinem Haushalte zu nutzen pflegte, so brachte ihm der Knabe

den Fund, um sich ein kleines Lob zu verdienen. Als dieser das

zusammengerollte Papier aufschlug, um zu sehen, was es wäre, fand er, daß

es der Schuldbrief war, den er an den Berggeist ausgestellt hatte; er war

von oben herein zerrissen und unten stand geschrieben: »Zu Dank bezahlt.«

Wie das Veit las, rührte es ihn tief in der Seele und er rief mit freudigem

Entzücken: »Freue dich, liebes Weib und ihr Kinder allesamt, freuet euch;

er hat uns gesehen, hat unsern Dank gehört, unser guter Wohltäter, der uns

unsichtbar umschwebte, weiß, daß Veit ein ehrlicher Mann ist. Ich bin

meiner Zusage quitt und ledig, nun laßt uns mit frohem Herzen heimkehren!«

Eltern und Kinder weinten noch viele Tränen der Freude und des Dankes, bis

sie wieder zu ihrem Fuhrwerk gelangten, und weil die Frau groß Verlangen

trug, ihre Freundschaft heimzusuchen, um durch ihren Wohlstand die filzigen

Vettern zu beschämen, so rollten sie frisch den Berg hinab, gelangten in

der Abendstunde in das Dorf und hielten bei dem nämlichen Bauernhofe an,

aus welchem Veit vor drei Jahren hinausgestoßen worden war. Er pochte

diesmal ganz herzhaft und fragte nach dem Wirte. Es kam ein unbekannter

Mann zum Vorschein, der gar nicht zur Freundschaft gehörte; von diesem

erfuhr Veit, daß die reichen Vettern ausgewirtschaftet hatten. Der eine war

gestorben, der andere verdorben, der dritte davongegangen und ihre Stätte

ward nicht mehr gefunden in der Gemeinde. Veit übernachtete mit seiner

Familie bei dem gastfreien Hauswirt, der ihm und seinem Weibe das alles

weitläufiger erzählte. Tags darauf kehrte er in seine Heimat und an seine

Berufsgeschäfte zurück, nahm zu an Reichtum und Gütern und blieb ein

rechtlicher, wohlhabender Mann sein lebelang.

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 9 / 20 题