Der Berggeist rief erstaunt: »Du?«

»Ja, Herr,« sprach sie, »ich bin seine Mörderin, hab' ihn gereizt, einen

Straßenraub zu begehen und einen Handelsmann zu plündern; da haben ihn die

Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht über ihn gehalten und, o

Herzeleid! morgen wird er abgetan!«

»Und was hast du verschuldet?« fragte verwundert Rübezahl.

»Ja, Herr! Ich habe sein junges Leben auf meinem Gewissen.«

»Wie das?«

»Er zog auf die Wanderschaft übers Gebirge und als es zum Abschied ging,

sprach er: >Feins Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum dritten

Male blüht und die Schwalbe zum Nest trägt, kehr' ich von der Wanderschaft

zurück, dich heimzuholen als mein junges Weib;< und das gelobte ich ihm zu

werden durch einen teuren Eid. Nun blühte der Apfelbaum zum dritten Male

und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner

Zusage und wollte mich zur Trauung führen. Ich aber neckte und höhnte ihn

und sprach: >Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch

Obdach. Schaff' dir erst blanke Taler an, dann frage wieder.< Der arme

Junge wurde durch diese Rede sehr betrübt. >Ach, Klärchen,< seufzte er

tief, mit einer Träne im Auge, >steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so

bist du nicht das biedere Mädchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du

nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwurest? Und was hatte ich

mehr als diese Hand, dich einst damit zu ernähren? Woher dein Stolz und

spröder Sinn? Ach, Klärchen, ich verstehe dich; ein reicher Freier hat mir

dein Herz entwendet; lohnst du mir also, Ungetreue? Drei Jahre habe ich mit

Sehnsucht und Harren traurig verlebt, habe jede Stunde gezählt bis auf

diesen Tag, da ich kam, dich heimzuführen. Wie leicht und rasch machte

meinem Fuß Hoffnung und Freude, da ich übers Gebirge wandelte, und nun

verschmähst du mich!< Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem

Sinn: >Mein Herz verschmäht dich nicht, o Benedix!< antwortete ich, >nur

meine Hand versag' ich dir für jetzt; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld,

und hast du das, so komm, dann will ich dich gern zum Mann nehmen.<

>Wohlan,< sprach er mit Unmut, >du willst es so, ich gehe in die Welt, will

laufen, will rennen, will betteln, stehlen, sparen, sorgen und eher sollst

du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnöden Preis, um den ich

dich erwerben muß. Leb' wohl, ich fahre hin, Ade!< -- So hab' ich ihn

betört, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon; da verließ ihn sein

guter Engel, daß er tat, was nicht recht war und was sein Herz gewiß

verabscheute.«

Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede und rief nach einer

Pause mit nachdenklicher Miene: »Wunderbar!« Hierauf wendete er sich zu der

Dirne: »Warum,« fragte er, »erfüllst du aber hier den leeren Wald mit

deinen Wehklagen, die dir und deinem Bräutigam nichts nützen und frommen

können?«

»Lieber Herr,« fiel sie ihm ein, »ich war auf dem Wege nach Hirschberg, da

wollte mir der Jammer das Herz abdrücken, darum weilte ich unter diesem

Baume.«

»Und was willst du in Hirschberg tun?«

»Ich will dem Blutrichter zu Fuße fallen, will mit meinem Klagegeschrei die

Stadt erfüllen und die Töchter der Stadt sollen mir wehklagen helfen, ob

das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu

schenken; und so mir's nicht gelingt, meinen Benedix dem schmählichen Tode

zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben.«

Rübezahl wurde durch diese Rede so bewegt, daß er von Stund' an seiner

Rache ganz vergaß und der Trostlosen ihren Bräutigam wiederzugeben

beschloß. »Trockne ab deine Tränen,« sprach er mit teilnehmender Gebärde,

»und laß deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur Rüste geht, soll dein

Benedix frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und

aufmerksam und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu auf die Tür deines

Hauses; denn es ist dein Benedix, der davor stehet. Hüte dich, ihn wieder

wild zu machen durch deinen spröden Sinn. -- Du sollst auch wissen, daß er

das Bubenstück nicht begangen hat, dessen du ihn zeihest, und du hast

gleichfalls keine Schuld; denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner

bösen Tat reizen lassen.«

Das Mädchen, verwundert über diese Rede, sah ihm starr und steif ins

Gesicht und weil darin keine Schalkheit oder Trug sich zeigte, gewann sie

Zutrauen, ihre trübe Stirn klärte sich auf und sie sprach voll froher

Zuversicht: »Lieber Herr, wenn Ihr mein nicht spottet und es also ist, wie

Ihr sagt, so müßt Ihr ein Seher oder der gute Engel meines Benedix sein,

daß Ihr das alles so wißt.«

»Sein guter Engel?« versetzte Rübezahl betroffen, »nein, der bin ich

wahrlich nicht; aber ich kann's werden und du sollst's erfahren! Ich bin

ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme Sünder

verurteilt wurde; aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, fürchte

nichts für sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Bande zu entledigen, denn

ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden.«

Das Mädchen machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und

Hoffnung in ihrer Seele kämpften.

Der ehrwürdige Pater Graurock hatte sich's die drei Tage des Aufschubs

inzwischen blutsauer werden lassen, den Verurteilten gehörig zum Tode

vorzubereiten. Als er dem trostlosen Benedix zum letztem Male gute Nacht

gewünscht hatte, begegnete ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim Eingange,

noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit

zu setzen, auszuführen vermöchte. In dem Augenblick geriet er auf den

Einfall, der recht nach seinem Sinn war. Er schlich dem Mönche ins Kloster

nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab

sich in Gestalt des Bruders Graurock ins Gefängnis, welches ihm der

Kerkermeister ehrerbietig öffnete.

»Das Heil deiner Seele,« redete er den Gefangenen an, »treibt mich nochmals

hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Doch hatte ich vorher vergessen,

dich nach etwas zu fragen. Sag' an, denkst du auch noch an Klärchen? Liebst

du sie noch als deine Braut? Hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu

sagen, so vertraue es mir.« Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr; der

Gedanke an sie, den er mit großer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu

ersticken bemüht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht,

besonders da vom Abschiedsgruße die Rede war, daß er überlaut anfing zu

weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermochte. Diese

herzbrechende Gebärdung jammerte den mitleidigen Mönch also, daß er

beschloß, dem Spiel ein Ende zu machen.

»Armer Benedix,« sprach er, »gib dich zufrieden und sei getrost und

unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß du

unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt

hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu entführen und der

Bande zu entledigen.« Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. »Laß sehen,«

fuhr er fort, »ob er schließe.« Der Versuch gelang, der Entfesselte stand

da, frank und frei, die Ketten fielen ab von Händen und Füßen. Hierauf

wechselte der gutmütige Ordensbruder mit ihm die Kleider und sprach: »Gehe

gemachsam wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor der Tür des

Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir

hast; dann schürze dich hurtig und schreite rüstig zu, daß du gelangst ins

Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klärchens Tür stehst,

klopfe leise an, dein Liebchen harret deiner mit ängstlichem Verlangen.«

Der gute Benedix wähnte, das alles sei nur ein Traum, rieb sich die Augen,

zwickte sich in die Arme, um zu versuchen, ob er wache oder schlafe, und da

er inne ward, daß sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Füßen

und umfing seine Knie, wollte eine Danksagung stammeln und lag da in

stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der liebreiche Mönch trieb

ihn endlich fort und reichte ihm noch ein Laib Brot und eine Knackwurst zur

Zehrung auf den Weg. Mit wankendem Knie schritt Benedix über die Schwelle

des traurigen Kerkers und fürchtete immer, erkannt zu werden. Aber sein

ehrwürdiges Gewand gab ihm die Gewähr, daß keiner der Wächter in ihm einen

Verbrecher vermutete.

Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein, horchte auf

jedes Rauschen des Windes und spähete nach jedem Fußtritt der

Vorübergehenden. Oft dünkte ihr, es rege sich was am Fensterladen, oder es

klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die

Luke und es war Täuschung. Schon schüttelten die Hähne in der Nachbarschaft

die Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden Tag; das

Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmette, das ihr wie Totenruf und

Grabesklang tönte; der Wächter stieß zum letzten Male ins Horn und weckte

die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem frühen Tagewerk. Klärchens Lampe

fing an, dunkel zu brennen, weil's ihm an Öl gebrach, ihre Unruhe mehrte

sich mit jedem Augenblick. Sie saß auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich

und seufzte: »Benedix, Benedix! Was für ein banger Tag für dich und mich

dämmert jetzt heran!« Sie lief ans Fenster, ach! blutrot war der Himmel

nach Hirschberg hin und schwarze Nebelwolken webten wie Trauerflor und

Leichentücher hin und wieder am Horizonte. Ihre Seele bebte vor diesem

ahnungsvollen Anblick zurück, sie sank in dumpfes Hinbrüten und Totenstille

war um sie her.

Da pocht's dreimal leise an das Fenster, als ob sich etwas rührte. Ein

froher Schauder durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten

Schrei; denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: »Feins Liebchen, bist du

wach?« -- Husch war sie an der Tür. -- »Ach, Benedix, bist du's oder ist's

dein Geist?« Wie sie aber den Bruder Graurock erblickte, fiel sie zurück

und sank vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm und der

Kuß der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben.

Nachdem Erstaunen und die Ergießungen der ersten freudigen Herzensgefühle

vorüber waren, erzählte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem

peinlichen Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor großem Durst und

Ermattung. Klärchen ging, ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und

nachdem er sich damit gelabt hatte, fühlte er Hunger; aber sie hatte nichts

zum Imbiß als Salz und Brot. Da gedachte Benedix an seine Knackwurst, zog

sie aus der Tasche und wunderte sich, daß sie schwerer als ein Hufeisen,

brach sie voneinander, sieh! da fielen eitel Goldstücke heraus, worüber

Klärchen nicht wenig erschrak; sie meinte, das Gold sei ein Rest von dem

Raube des Händlers und Benedix sei nicht so unschuldig, als ihn der ehrsame

Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose

Geselle beteuerte höchlich, daß der fromme Ordensmann ihm diesen

verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und

sie glaubte seinen Worten. Darauf segneten beide mit dankbarem Herzen den

edelmütigen Wohltäter, verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo

Meister Benedix mit Klärchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein ehrsamer

Bürger und wohlhabender Mann in friedlicher Ehe lebte.

In der frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den Finger

ihres Benedix am Fenster vermerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger

an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock, der, von frommem

Eifer aufgeweckt, den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung

des armen Sünders zu vollenden. Rübezahl hatte die Rolle des Verurteilten

übernommen und war entschlossen, sie auszuspielen. Er schien wohlgefaßt zum

Sterben zu sein und der fromme Mönch freute sich darüber und erkannte diese

Standhaftigkeit alsbald für die gesegnete Frucht seiner Zusprache an; darum

ermangelte er nicht, ihn in dieser Gemütsverfassung zu erhalten, und

beschloß seine Rede mit den Trostesworten: »So viel Menschen du bei deiner

Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, sieh,

so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele einzuführen ins schöne

Paradies.« Darauf ließ er ihn der Fesseln entledigen, hörte seine Beichte

und sprach ihn los von seinen Sünden.

Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht hielt dafür, daß es

nun an der Stunde sei, den Leib zu töten. Auf dem Platze der Hinrichtung

verlas der Richter noch einmal das Urteil und brach zum Zeichen dessen, daß

er dem Tode verfallen sei, einen Stab über dem Kopfe des Verurteilten

entzwei. Danach führten ihn die Henker auf die Leiter am Galgen und legten

ihm die Schlinge des Strickes um den Hals. Als er nun von der Leiter

gestoßen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel

so arg, daß dem Henker dabei übel zumute ward; denn es erhob sich ein

plötzliches Getöse im Volk und einige schrien, man solle den Henker

steinigen, weil er den armen Sünder über die Gebühr martere. Um also

Unglück zu verhüten, streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an,

als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte und nachher einige

Leute in der Gegend des Hochgerichts hin- und herwandelten, aus Vorwitz

hinzutraten und den Leichnam beschauen wollten, fing Rübezahl am Galgen

sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche

Grimassen. Daher lief gegen Abendzeit in der Stadt das Gerücht um, der

Gehangene könne nicht ersterben und tanze noch immer am Hochgericht. Das

bewog die Stadtbehörde, des Morgens in aller Frühe durch einige Abgeordnete

die Sache untersuchen zu lassen. Wie sie nun dahin kamen, fanden sie nichts

als einen Strohmann am Galgen, mit alten Lumpen bedeckt, wie man pflegt in

Erbsen zu stellen, die genäschigen Spatzen damit zu verscheuchen. Darüber

wunderten sich die Herren von Hirschberg gar sehr, ließen in aller Stille

den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der große Wind habe zur Nachtzeit

den leichten Schneider vom Galgen über die Grenze geweht.

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 7 / 20 题