4. Rübezahl und der Schneider Benedix.

Der unmutsvolle Berggeist verließ die Oberwelt mit dem Entschluß, nie

wieder das Tageslicht zu schauen; doch die wohltätige Zeit verwischte nach

und nach die Eindrücke seines Grams; gleichwohl war ein Zeitraum von

neunhundertneunundneunzig Jahren erforderlich, ehe die alte Wunde

ausheilte. Endlich, da ihn die Beschwerde der Langeweile drückte und er

einstmals sehr übel aufgeräumt war, brachte sein Liebling und

Hofschalksnarr in der Unterwelt, ein drolliger Kobold, eine Lustpartie aufs

Riesengebirge in Vorschlag, welchem Rübezahl gern zustimmte. Es war nur

eine Minute nötig, so war die weite Reise vollendet und er befand sich

mitten auf dem großen Rasenplatz seines ehemaligen Lustgartens, dem er

nebst dem übrigen Zubehör die vorige Gestalt gab; doch blieb alles für

menschliche Augen verborgen; die Wanderer, die übers Gebirge zogen, sahen

nichts als eine fürchterliche Wildnis.

Der Anblick dieser Gegenstände erneuerte alle Erinnerungen an die schöne

Emma, ihr Bild schwebte ihm noch so deutlich vor, als stünde sie neben ihm.

Aber die Vorstellung, wie sie ihn überlistet und hintergangen hatte, machte

seinen Groll gegen die ganze Menschheit wieder rege. »Unseliges

Erdengewürm,« rief er aus, indem er aufschaute und vom hohen Gebirge die

Türme der Kirchen und Klöster in Städten und Flecken erblickte, »du

treibst, sehe ich, dein Wesen noch immer unten im Tale. Hast mich geäfft

durch Tücke und Ränke, sollst mir nun büßen; will dich auch hetzen und

plagen, daß dir soll bange werden vor dem Treiben des Geistes im Gebirge.«

Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen.

Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge und der keckste unter ihnen

rief ohne Unterlaß: »Rübezahl, komm herab! Rübezahl, Mädchendieb!« Von

undenklichen Jahren her hatte der Volksmund die Entführungsgeschichte des

Berggeistes getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften

Zusätzen vermehrt und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat,

unterhielt sich mit seinen Gefährten von den Abenteuern desselben. Man trug

sich mit unzähligen Spukgeschichten, die sich niemals begeben hatten,

machte damit zaghafte Wanderer fürchten und die starken Geister und

Witzlinge, die an keine Gespenster glaubten, machten sich darüber lustig,

pflegten aus Übermut oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft

zu rufen, aus Schäkerei bei seinem Spottnamen zu nennen und auf ihn zu

schimpfen. Man hat nie gehört, daß dergleichen Beleidigungen von dem

friedsamen Berggeiste wären gerügt worden; denn in den Tiefen des Abgrundes

erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er

betroffen, da er sein ganzes Abenteuer mit der Prinzessin jetzt so kurz und

bündig ausrufen hörte. Wie der Sturmwind raste er durch den düsteren

Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich ohne

Absicht über ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem

Augenblick bedachte, daß eine so empfindliche Rache großes Geschrei im

Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die

Gelegenheit rauben würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum

ließ er ihn und seine Gefährten ruhig ihre Straße ziehen, mit dem

Vorbehalt, seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungestraft hingehen zu

lassen.

Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen

Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner

Heimat, an. Aber als unsichtbarer Geleitsmann war ihm Rübezahl bis zur

Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er

seinen Rückweg ins Gebirge an und sann auf ein Mittel, sich zu rächen. Da

begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher alter Handelsmann, der nach

Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache

zu gebrauchen. Er gesellte sich also zu ihm in Gestalt des losen Gesellen,

der ihn gefoppt hatte, und plauderte freundlich mit ihm, führte ihn

unbemerkt seitab von der Straße und da sie ins Gebüsch kamen, fiel er dem

Händler mörderisch in den Bart, zauste ihn weidlich, riß ihn zu Boden,

knebelte ihn und raubte ihm seinen Säckel, worin er viel Geld und

Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlägen und Fußtritten zum

Abschied noch gar übel zugerichtet hatte, ging er davon und ließ den armen

geplünderten Mann halbtot im Busche liegen.

Als sich der Händler von seinem Schrecken erholt hatte und wieder Leben in

ihm war, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen; denn er

fürchtete in der grausenvollen Einöde zu verschmachten. Da trat ein feiner,

ehrbarer Mann zu ihm, dem Ansehen nach ein Bürger aus einer der umliegenden

Städte, fragte, warum er so stöhne, und als er ihn geknebelt fand, löste er

ihm die Bande von Händen und Füßen und leistete ihm alles das, was der

barmherzige Samariter im Evangelium dem Manne tat, der unter die Mörder

gefallen war. Nachher labte er ihn mit einem kräftigen Schluck

Lebenswasser, das er bei sich trug, führte ihn wieder auf die Landstraße

und geleitete ihn freundlich bis nach Hirschberg an die Tür der Herberge;

dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der

Händler, als er beim Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch

erblickte, so frei und unbefangen als ein Mensch sein kann, der sich keiner

Übeltat bewußt ist! Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und

gute Schwänke mit anderen lustigen Zechbrüdern und neben ihm lag der

nämliche Rucksack, in welchen er den geraubten Säckel geborgen hatte. Der

bestürzte Händler wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich

sich in einen Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu

seinem Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm unmöglich, sich in der

Person geirrt zu haben; darum schlich er sich unbemerkt zur Tür hinaus,

ging zum Richter und machte ihm Mitteilung von dem räuberischen Überfall.

Das Hirschberger Gericht stand damals in dem Rufe, daß es schnell und tätig

sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben. Häscher bewaffneten sich mit

Spießen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen

Verbrecher und führten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die

weisen Väter indes versammelt hatten.

»Wer bist du?« fragte der ernsthafte Stadtrichter, als der Angeklagte

hereintrat, »und von wannen kommst du?« Er antwortete freimütig und

unerschrocken: »Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix

genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister.«

»Hast du nicht diesen Mann im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen,

gebunden und seines Säckels beraubt?«

»Ich habe diesen Mann nie mit Augen gesehen, hab' ihn auch weder

geschlagen, noch gebunden, noch seines Säckels beraubt. Ich bin ein

ehrlicher Zünftler und kein Straßenräuber.«

»Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?«

»Mit dem Ausweis über meine Kundschaft und dem Zeugnis meines guten

Gewissens.«

»Weis' auf deine Kundschaft.«

Benedix öffnete getrost den Rucksack; denn er wußte wohl, daß er nichts als

sein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch wie er ihn ausleerte,

sieh da! da klingelt's unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die

Häscher griffen hurtig zu, breiteten den Kram auseinander und zogen den

schweren Säckel hervor, welchen der erfreute Handelsmann alsbald als sein

Eigentum nach Feststellung des Tatbestandes zurückforderte. Der arme

Schneider stand da wie vom Donner gerührt, wollte vor Schrecken umsinken,

ward bleich, die Lippen bebten, die Knie wankten, er verstummte und sprach

kein Wort. Des Richters Stirn verfinsterte sich und eine drohende Gebärde

weissagte einen strengen Bescheid.

»Wie nun, Bösewicht!« donnerte der Stadtvogt. »Erfrechst du dich noch, den

Raub zu leugnen?«

»Erbarmung, gestrenger Herr Richter!« winselte der Angeklagte auf den

Knien, mit hochaufgehobenen Händen. »Alle Heiligen im Himmel ruf' ich zu

Zeugen an, daß ich unschuldig bin an dem Raube; ich weiß nicht, wie des

Händlers Säckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott weiß es.«

»Du bist überwiesen,« fuhr der Richter fort, »der Säckel beweist genugsam

das Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre, und bekenne

freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der Wahrheit

abzufoltern.«

Der geängstigte Benedix konnte nichts, als sich auf seine Unschuld berufen;

aber er predigte tauben Ohren: man hielt ihn für einen hartnäckigen

Gaudieb, der sich nur aus der Halsschlinge herausleugnen wollte. Meister

Hämmerling, der Foltermeister, wurde herbeigerufen, durch die stählernen

Gründe seiner Beredsamkeit ihn zu veranlassen, Gott und der Obrigkeit die

volle Wahrheit zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte

Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die

seiner warteten. Da der Folterer im Begriff war, ihm die Daumenschrauben

anzulegen, bedachte er, daß dies ihn untüchtig machen würde, jemals wieder

mit Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl

bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser, der Marter mit einem

Male ledig zu werden, und gestand das Bubenstück ein, von welchem sein Herz

nichts wußte. Die Verhandlung wurde nun kurzerhand abgetan und der

Angeklagte, ohne daß sich das Gericht teilte, von Richtern und Schöppen zum

Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch zur Ersparung der

Verpflegungskosten gleich tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden

sollte.

Alle Zuschauer, welche das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt

hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch

keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu, als der barmherzige

Samariter, der mit in die Gerichtsstube eingedrungen war und nicht satt

werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu

erheben; und in der Tat hatte auch niemand näheren Anteil an der Sache als

eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Händlers Säckel

in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als Rübezahl

selbst war.

Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den

Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, und es regte

sich bereits in ihm der Rabenhunger, dem neuen Ankömmling die Augen

auszuhacken; aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder,

der es sich angelegen sein ließ, die zum Tode Verurteilten zur

Sinnesänderung und Buße zu bekehren, fand den Schneidergesellen so

unwissend im Christenglauben, daß er den Magistrat um einen dreitägigen

Aufschub der Hinrichtung bat. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins

Gebirge, die Vollstreckung des Urteils daselbst zu erwarten.

In diesem Zeitraume durchstrich er nach seiner Gewohnheit die Wälder und

erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem

schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihr Haupt sank schwermütig auf die

Brust hinab, ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich und der

Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit verwischte sie mit der Hand

eine herabrollende Zähre von den Wangen und schwere Seufzer entrangen sich

ihrer Brust. Schon ehemals hatte der Berggeist die mächtigen Eindrücke

jungfräulicher Tränen empfunden; auch jetzt war er so gerührt davon, daß er

von dem Vorsatz, welchen er sich auferlegt hatte, alle Menschenkinder, die

durchs Gebirge ziehen würden, zu tücken und zu quälen, zum ersten Male

abging, die Empfindung des Mitleids sogar als ein wohltuendes Gefühl

erkannte und Verlangen trug, das Mädchen zu trösten. Er verwandelte sich

wieder in einen ehrbaren Bürger, trat freundlich zu der jungen Dirne und

sprach: »Mägdlein, was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle

mir nicht deinen Kummer, daß ich zusehe, wie dir zu helfen sei.«

Das Mädchen, das ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, da sie

diese Stimme hörte, und erhob ihr gesenktes Haupt. Zwei helle Tränen

glänzten in ihren Augen und das holde, jungfräuliche Antlitz war mit dem

Ausdruck banger Schmerzensgefühle übergossen. Da sie den ehrsamen Mann vor

sich stehen sah, sprach sie: »Was kümmert Euch mein Schmerz, guter Mann, da

Ihr nicht helfen könnt? Ich bin eine Unglückliche, eine Mörderin, habe den

Mann meines Herzens gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und

Tränen, bis mir der Tod das Herz bricht.«

Der ehrbare Mann staunte. »Du eine Mörderin?« rief er, »bei diesem

freundlichen, lieben Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! --

Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich;

gleichwohl ist mir's hier ein Rätsel.«

»So will ich's Euch lösen,« erwiderte die trübsinnige Jungfrau, »wenn Ihr

es zu wissen begehrt.«

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 5 / 20 题