Der unmutsvolle Berggeist verließ die Oberwelt mit dem Entschluß, nie
wieder das Tageslicht zu schauen; doch die wohltätige Zeit verwischte nach
und nach die Eindrücke seines Grams; gleichwohl war ein Zeitraum von
neunhundertneunundneunzig Jahren erforderlich, ehe die alte Wunde
ausheilte. Endlich, da ihn die Beschwerde der Langeweile drückte und er
einstmals sehr übel aufgeräumt war, brachte sein Liebling und
Hofschalksnarr in der Unterwelt, ein drolliger Kobold, eine Lustpartie aufs
Riesengebirge in Vorschlag, welchem Rübezahl gern zustimmte. Es war nur
eine Minute nötig, so war die weite Reise vollendet und er befand sich
mitten auf dem großen Rasenplatz seines ehemaligen Lustgartens, dem er
nebst dem übrigen Zubehör die vorige Gestalt gab; doch blieb alles für
menschliche Augen verborgen; die Wanderer, die übers Gebirge zogen, sahen
nichts als eine fürchterliche Wildnis.
Der Anblick dieser Gegenstände erneuerte alle Erinnerungen an die schöne
Emma, ihr Bild schwebte ihm noch so deutlich vor, als stünde sie neben ihm.
Aber die Vorstellung, wie sie ihn überlistet und hintergangen hatte, machte
seinen Groll gegen die ganze Menschheit wieder rege. »Unseliges
Erdengewürm,« rief er aus, indem er aufschaute und vom hohen Gebirge die
Türme der Kirchen und Klöster in Städten und Flecken erblickte, »du
treibst, sehe ich, dein Wesen noch immer unten im Tale. Hast mich geäfft
durch Tücke und Ränke, sollst mir nun büßen; will dich auch hetzen und
plagen, daß dir soll bange werden vor dem Treiben des Geistes im Gebirge.«
Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen.
Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge und der keckste unter ihnen
rief ohne Unterlaß: »Rübezahl, komm herab! Rübezahl, Mädchendieb!« Von
undenklichen Jahren her hatte der Volksmund die Entführungsgeschichte des
Berggeistes getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften
Zusätzen vermehrt und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat,
unterhielt sich mit seinen Gefährten von den Abenteuern desselben. Man trug
sich mit unzähligen Spukgeschichten, die sich niemals begeben hatten,
machte damit zaghafte Wanderer fürchten und die starken Geister und
Witzlinge, die an keine Gespenster glaubten, machten sich darüber lustig,
pflegten aus Übermut oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft
zu rufen, aus Schäkerei bei seinem Spottnamen zu nennen und auf ihn zu
schimpfen. Man hat nie gehört, daß dergleichen Beleidigungen von dem
friedsamen Berggeiste wären gerügt worden; denn in den Tiefen des Abgrundes
erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er
betroffen, da er sein ganzes Abenteuer mit der Prinzessin jetzt so kurz und
bündig ausrufen hörte. Wie der Sturmwind raste er durch den düsteren
Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich ohne
Absicht über ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem
Augenblick bedachte, daß eine so empfindliche Rache großes Geschrei im
Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die
Gelegenheit rauben würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum
ließ er ihn und seine Gefährten ruhig ihre Straße ziehen, mit dem
Vorbehalt, seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungestraft hingehen zu
lassen.
Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen
Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner
Heimat, an. Aber als unsichtbarer Geleitsmann war ihm Rübezahl bis zur
Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er
seinen Rückweg ins Gebirge an und sann auf ein Mittel, sich zu rächen. Da
begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher alter Handelsmann, der nach
Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache
zu gebrauchen. Er gesellte sich also zu ihm in Gestalt des losen Gesellen,
der ihn gefoppt hatte, und plauderte freundlich mit ihm, führte ihn
unbemerkt seitab von der Straße und da sie ins Gebüsch kamen, fiel er dem
Händler mörderisch in den Bart, zauste ihn weidlich, riß ihn zu Boden,
knebelte ihn und raubte ihm seinen Säckel, worin er viel Geld und
Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlägen und Fußtritten zum
Abschied noch gar übel zugerichtet hatte, ging er davon und ließ den armen
geplünderten Mann halbtot im Busche liegen.
Als sich der Händler von seinem Schrecken erholt hatte und wieder Leben in
ihm war, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen; denn er
fürchtete in der grausenvollen Einöde zu verschmachten. Da trat ein feiner,
ehrbarer Mann zu ihm, dem Ansehen nach ein Bürger aus einer der umliegenden
Städte, fragte, warum er so stöhne, und als er ihn geknebelt fand, löste er
ihm die Bande von Händen und Füßen und leistete ihm alles das, was der
barmherzige Samariter im Evangelium dem Manne tat, der unter die Mörder
gefallen war. Nachher labte er ihn mit einem kräftigen Schluck
Lebenswasser, das er bei sich trug, führte ihn wieder auf die Landstraße
und geleitete ihn freundlich bis nach Hirschberg an die Tür der Herberge;
dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der
Händler, als er beim Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch
erblickte, so frei und unbefangen als ein Mensch sein kann, der sich keiner
Übeltat bewußt ist! Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und
gute Schwänke mit anderen lustigen Zechbrüdern und neben ihm lag der
nämliche Rucksack, in welchen er den geraubten Säckel geborgen hatte. Der
bestürzte Händler wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich
sich in einen Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu
seinem Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm unmöglich, sich in der
Person geirrt zu haben; darum schlich er sich unbemerkt zur Tür hinaus,
ging zum Richter und machte ihm Mitteilung von dem räuberischen Überfall.
Das Hirschberger Gericht stand damals in dem Rufe, daß es schnell und tätig
sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben. Häscher bewaffneten sich mit
Spießen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen
Verbrecher und führten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die
weisen Väter indes versammelt hatten.
»Wer bist du?« fragte der ernsthafte Stadtrichter, als der Angeklagte
hereintrat, »und von wannen kommst du?« Er antwortete freimütig und
unerschrocken: »Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix
genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister.«
»Hast du nicht diesen Mann im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen,
gebunden und seines Säckels beraubt?«
»Ich habe diesen Mann nie mit Augen gesehen, hab' ihn auch weder
geschlagen, noch gebunden, noch seines Säckels beraubt. Ich bin ein
ehrlicher Zünftler und kein Straßenräuber.«
»Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?«
»Mit dem Ausweis über meine Kundschaft und dem Zeugnis meines guten
Gewissens.«
»Weis' auf deine Kundschaft.«
Benedix öffnete getrost den Rucksack; denn er wußte wohl, daß er nichts als
sein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch wie er ihn ausleerte,
sieh da! da klingelt's unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die
Häscher griffen hurtig zu, breiteten den Kram auseinander und zogen den
schweren Säckel hervor, welchen der erfreute Handelsmann alsbald als sein
Eigentum nach Feststellung des Tatbestandes zurückforderte. Der arme
Schneider stand da wie vom Donner gerührt, wollte vor Schrecken umsinken,
ward bleich, die Lippen bebten, die Knie wankten, er verstummte und sprach
kein Wort. Des Richters Stirn verfinsterte sich und eine drohende Gebärde
weissagte einen strengen Bescheid.
»Wie nun, Bösewicht!« donnerte der Stadtvogt. »Erfrechst du dich noch, den
Raub zu leugnen?«
»Erbarmung, gestrenger Herr Richter!« winselte der Angeklagte auf den
Knien, mit hochaufgehobenen Händen. »Alle Heiligen im Himmel ruf' ich zu
Zeugen an, daß ich unschuldig bin an dem Raube; ich weiß nicht, wie des
Händlers Säckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott weiß es.«
»Du bist überwiesen,« fuhr der Richter fort, »der Säckel beweist genugsam
das Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre, und bekenne
freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der Wahrheit
abzufoltern.«
Der geängstigte Benedix konnte nichts, als sich auf seine Unschuld berufen;
aber er predigte tauben Ohren: man hielt ihn für einen hartnäckigen
Gaudieb, der sich nur aus der Halsschlinge herausleugnen wollte. Meister
Hämmerling, der Foltermeister, wurde herbeigerufen, durch die stählernen
Gründe seiner Beredsamkeit ihn zu veranlassen, Gott und der Obrigkeit die
volle Wahrheit zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte
Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die
seiner warteten. Da der Folterer im Begriff war, ihm die Daumenschrauben
anzulegen, bedachte er, daß dies ihn untüchtig machen würde, jemals wieder
mit Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl
bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser, der Marter mit einem
Male ledig zu werden, und gestand das Bubenstück ein, von welchem sein Herz
nichts wußte. Die Verhandlung wurde nun kurzerhand abgetan und der
Angeklagte, ohne daß sich das Gericht teilte, von Richtern und Schöppen zum
Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch zur Ersparung der
Verpflegungskosten gleich tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden
sollte.
Alle Zuschauer, welche das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt
hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch
keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu, als der barmherzige
Samariter, der mit in die Gerichtsstube eingedrungen war und nicht satt
werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu
erheben; und in der Tat hatte auch niemand näheren Anteil an der Sache als
eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Händlers Säckel
in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als Rübezahl
selbst war.
Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den
Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, und es regte
sich bereits in ihm der Rabenhunger, dem neuen Ankömmling die Augen
auszuhacken; aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder,
der es sich angelegen sein ließ, die zum Tode Verurteilten zur
Sinnesänderung und Buße zu bekehren, fand den Schneidergesellen so
unwissend im Christenglauben, daß er den Magistrat um einen dreitägigen
Aufschub der Hinrichtung bat. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins
Gebirge, die Vollstreckung des Urteils daselbst zu erwarten.
In diesem Zeitraume durchstrich er nach seiner Gewohnheit die Wälder und
erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem
schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihr Haupt sank schwermütig auf die
Brust hinab, ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich und der
Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit verwischte sie mit der Hand
eine herabrollende Zähre von den Wangen und schwere Seufzer entrangen sich
ihrer Brust. Schon ehemals hatte der Berggeist die mächtigen Eindrücke
jungfräulicher Tränen empfunden; auch jetzt war er so gerührt davon, daß er
von dem Vorsatz, welchen er sich auferlegt hatte, alle Menschenkinder, die
durchs Gebirge ziehen würden, zu tücken und zu quälen, zum ersten Male
abging, die Empfindung des Mitleids sogar als ein wohltuendes Gefühl
erkannte und Verlangen trug, das Mädchen zu trösten. Er verwandelte sich
wieder in einen ehrbaren Bürger, trat freundlich zu der jungen Dirne und
sprach: »Mägdlein, was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle
mir nicht deinen Kummer, daß ich zusehe, wie dir zu helfen sei.«
Das Mädchen, das ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, da sie
diese Stimme hörte, und erhob ihr gesenktes Haupt. Zwei helle Tränen
glänzten in ihren Augen und das holde, jungfräuliche Antlitz war mit dem
Ausdruck banger Schmerzensgefühle übergossen. Da sie den ehrsamen Mann vor
sich stehen sah, sprach sie: »Was kümmert Euch mein Schmerz, guter Mann, da
Ihr nicht helfen könnt? Ich bin eine Unglückliche, eine Mörderin, habe den
Mann meines Herzens gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und
Tränen, bis mir der Tod das Herz bricht.«
Der ehrbare Mann staunte. »Du eine Mörderin?« rief er, »bei diesem
freundlichen, lieben Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! --
Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich;
gleichwohl ist mir's hier ein Rätsel.«
»So will ich's Euch lösen,« erwiderte die trübsinnige Jungfrau, »wenn Ihr
es zu wissen begehrt.«