3. Wie Rübezahl zu seinem Namen kam.

So lauschte eines Tages Rübezahl, hinter Busch und Hecken verborgen, als

plötzlich die Gestalt eines anmutigen Mädchens vor ihm stand. Rings um sie

hatten sich ihre Gespielinnen ins Gras gelagert an einen Wasserfall, der

seine Silberflut in ein kunstloses Becken goß, und scherzten mit ihrer

Gebieterin in unschuldvoller Fröhlichkeit. Dieser Anblick wirkte so

wundersam auf den lauschenden Berggeist, daß er seiner geistigen Natur und

Eigenschaft vergaß und das Los der Sterblichen wünschte, um nach Art der

Menschen zu empfinden. Deshalb verwandelte er sich in einen schwarzen

Kolkraben und schwang sich auf einen hohen Eschenbaum, der das Wasserbecken

überschattete, um das anmutsvolle Schauspiel zu genießen. Doch dieser Plan

war nicht zum besten ausgedacht; er sah alles mit Rabenaugen und empfand

als Rabe; ein Nest Waldmäuse hatte jetzt für ihn mehr Anziehendes als das

Mädchen, denn die Seele wirkt in ihrem Denken und Wollen nie anders als in

Gemäßheit des Körpers, der sie umgibt.

Diese Bemerkung war ebenso schnell gemacht, als der Fehler auch verbessert

war; der Rabe flog ins Gebüsch und verwandelte sich in einen blühenden

Jüngling. Das war der rechte Weg.

Die schöne Maid war die Tochter des schlesischen Fürsten, der in der Gegend

des Riesengebirges damals herrschte. Sie pflegte oft mit den Jungfrauen

ihres Hofes in den Hainen und Gebüschen des Gebirges zu lustwandeln, Blumen

und duftende Kräuter zu sammeln oder für die Tafel ihres Vaters ein

Körbchen Waldkirschen oder Erdbeeren zu pflücken und, wenn der Tag heiß

war, sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu

baden. Von diesem Augenblick an war der Berggeist an diesen Ort wie gebannt

und täglich harrte er der Wiederkehr der fröhlichen Gesellschaft.

In der Mittagsstunde eines schwülen Sommertages besuchte sie wieder mit

ihrem Gefolge die kühlen Schatten am Wasserfalle. Ihre Verwunderung war

groß, als sie den Ort ganz verändert fand; die rohen Felsen waren mit

Marmor und Alabaster bekleidet, das Wasser stürzte nicht mehr in einem

wilden Strom von der steilen Bergwand, sondern rauschte, durch viele

Abstufungen gebrochen, mit sanftem Gemurmel in ein weites Marmorbecken

herunter, aus dessen Mitte ein rascher Wasserstrahl emporschoß und, in

einen dichten Platzregen verwandelt, den ein laues Lüftchen bald auf diese,

bald auf jene Seite warf, in den Wasserbehälter zurückplätscherte.

Sternblumen, Lilien und Vergißmeinnicht blühten an dessen Rande,

Rosenhecken, mit Jasmin und Silberblüten durchwunden, zogen sich in einiger

Entfernung durch den Raum dahin. Rechts und links des Springbrunnens

öffnete sich der doppelte Eingang einer prächtigen Grotte, deren Wände und

Bogengewölbe in buntfarbiger Bekleidung prangten, von Bergkristall und

Frauenglas, alles funkelnd und flimmernd, daß der Abglanz davon das Auge

blendete. In verschiedenen Nischen waren die mannigfaltigsten Erfrischungen

aufgetischt, deren Anblick zum Genuß einlud.

Die Prinzessin stand lange in stummer Verwunderung da und wußte nicht, ob

sie ihren Augen trauen, diesen bezauberten Ort betreten oder fliehen

sollte. Aber sie konnte der Begierde nicht widerstehen, alles zu beschauen

und von den herrlichen Früchten zu kosten, die für sie aufgetragen zu sein

schienen. Nachdem sie sich mit ihrem Gefolge genug belustigt und alles

fleißig durchmustert hatte, kam sie Lust an, in dem Wasserbecken zu baden.

Kaum aber war die liebliche Prinzessin über den glatten Rand des Beckens

hinabgeschlüpft, so sank sie in eine endlose Tiefe, obgleich der

betrügliche Silberkies, der aus dem seichten Grund hervorschien, keine

Gefahr vermuten ließ. Schneller als die herzueilenden Jungfrauen das

goldgelbe Haar der blonden Gebieterin erfassen konnten, hatte die gierige

Flut sie schon in die Tiefe gezogen. Laut klagte die bange Schar der

erschrockenen Mädchen, als die Herrin vor ihren sichtlichen Augen

dahinschwand; sie rangen und wanden die schneeweißen Hände und liefen

ängstlich am marmornen Gestade hin und her, indes der Springbrunnen sie

recht geflissentlich mit einem Platzregen nach dem andern übergoß. Doch

wagte es keine, der Entschwundenen nachzuspringen, außer Brünhild, ihrer

liebsten Gespielin, die nicht säumte, sich in den grundlosen Wirbelstrom zu

stürzen, gleiches Schicksal mit ihrer geliebten Gebieterin erwartend. Aber

sie schwamm wie ein leichter Kork auf dem Wasser und trotz aller Versuche

war sie nicht imstande, unterzutauchen.

Hier war kein anderer Rat, als dem König das Unglück seiner Tochter

mitzuteilen. Wehklagend begegneten ihm die zagenden Mädchen, als er eben

mit seinem Jagdgefolge in den Wald zog. Der König zerriß sein Kleid vor

Betrübnis und Entsetzen, nahm die goldene Krone vom Haupte, verhüllte sein

Angesicht mit dem Purpurmantel und beklagte laut den Verlust seiner schönen

Tochter Emma.

Nachdem er der Vaterliebe den ersten Tränenzoll entrichtet hatte, stärkte

er seinen Mut und machte sich auf, um den wunderbaren Wasserfall selbst zu

beschauen. Aber der Zauber war verschwunden, die rohe Natur stand wieder da

in ihrer vorherigen Wildheit; da war keine Grotte, kein Marmorbad, kein

Rosengehege, keine Jasminlaube. Der gute König ahnte zum Glück nicht eine

Verführung seiner Tochter, sondern er nahm den Bericht der Mädchen auf Treu

und Glauben an und meinte, einer der Götter sei bei dieser wunderbaren

Begebenheit mit im Spiel gewesen, setzte darauf die Jagd fort und tröstete

sich bald über seinen Verlust. Unterdessen befand sich die liebreizende

Emma in des Berggeistes Schlosse nicht übel. Er hatte sie durch eine

geschickte Versenkung nur den Augen ihres Gefolges entzogen und führte sie

durch einen unterirdischen Weg in einen prächtigen Palast, zu welchem die

väterliche Residenz in keinem Vergleich stand. Als sich die Lebensgeister

der Prinzessin wieder erholt hatten, befand sie sich auf einem gewöhnlichen

Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbener Seide und einem glänzenden

lichtblauen Gürtel. Ein Jüngling mit hübschem Antlitz lag zu ihren Füßen

und gestand ihr seine Liebe. Der Berggeist -- denn er war es --

unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und seiner Herkunft, von den

unterirdischen Staaten, die er beherrschte, führte sie durch die Zimmer und

Säle des Schlosses und zeigte ihr dessen Pracht und Reichtum. Ein

herrlicher Lustgarten, der mit seinen Blumenanlagen und Rasenplätzen dem

Fräulein ganz besonders zu behagen schien, umgab das Schloß von drei

Seiten. Alle Obstbäume trugen purpurrote, mit Gold gesprenkelte oder zur

Hälfte übergoldete Apfel, wie sie kein Gärtner zu ziehen vermag. Das

Gebüsch war mit Singvögeln angefüllt, die ihre hundertstimmigen Lieder

munter erschallen ließen. In den traulichen Bogengängen lustwandelte das

Paar; sein Blick hing an ihren Lippen und mit Freuden hörte er ihre

lieblichen Worte.

Nicht gleiche Wonne empfand die reizende Emma; ein gewisser Trübsinn lag

auf ihrer Stirn und offenbarte genugsam, daß geheime Wünsche in ihrem

Herzen verborgen lagen, die mit den seinigen nicht übereinstimmten. Er

machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich, durch tausend

Liebesbeweise diese Wolken zu zerstreuen und die Prinzessin aufzuheitern;

doch vergebens. Der Mensch -- so dachte er bei sich selbst -- ist gesellig

wie die Biene und die Ameise, der schönen Sterblichen gebricht's an

Unterhaltung. Wem soll sich das Mädchen mitteilen? Für wen ihren Putz

ordnen, mit wem darüber zu Rate gehen? Da kam ihm ein glücklicher Einfall.

Flugs ging er hinaus auf das Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben

aus, legte sie in einen zierlich geflochtenen Korb und brachte diesen der

schönen Emma, welche einsam in der schattigen Laube eine Rose entblätterte.

»Schönste der Erdentöchter,« redete sie der Berggeist an, »verbanne allen

Trübsinn aus deiner Seele und öffne dein Herz der geselligen Freude, du

sollst nicht mehr in meinem Heim einsam trauern. In diesem Korbe ist alles,

was du bedarfst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen

buntgeschälten Stab und gib durch die Berührung mit ihm den Gewächsen im

Korbe die Gestalten, welche dir gefallen.«

Hierauf verließ er die Prinzessin und sie zögerte nicht einen Augenblick,

mit dem Zauberstabe nach Vorschrift zu verfahren, nachdem sie den Korb

geöffnet hatte. »Brünhilde,« rief sie, »liebe Brünhilde, erscheine!« Und

Brünhilde lag zu ihren Füßen, umfaßte die Knie ihrer Gebieterin, benetzte

ihren Schoß mit Freudentränen und liebkoste sie freundlich, wie sie sonst

zu tun pflegte. Die Täuschung war so vollkommen, daß Emma selbst nicht

wußte, was sie von ihrer Schöpfung halten sollte; ob sie die wahre

Brünhilde hingezaubert hatte, oder ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie

überließ sich indessen ganz den Empfindungen der Freude, ihre liebste

Gespielin um sich zu haben, lustwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten,

ließ sie dessen herrliche Anlagen bewundern und pflückte ihr

goldgesprenkelte Äpfel von den Bäumen. Hierauf führte sie ihre Gespielin

durch alle Zimmer im Palast, bis in die Kleiderkammer, wo sie soviel

Unterhaltung fanden, daß sie bis zum Abend darin verweilten. Alle Schleier,

Gürtel, Spangen wurden gemustert und anprobiert. Brünhilde wußte sich dabei

so gut zu benehmen und zeigte so viel Geschmack in der Wahl und Anordnung

des weiblichen Putzes, daß, wenn sie ihrer Natur und Wesen nach nichts als

eine Rübe war, ihr niemand den Ruhm absprechen konnte, die Krone ihres

Geschlechts zu sein.

Der spähende Berggeist war entzückt über den tiefen Blick, den er in das

weibliche Herz getan hatte, und freute sich über den glücklichen Fortgang

in der Menschenkenntnis. Die Prinzessin dünkte ihm jetzt schöner,

freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterließ nicht, ihren

ganzen Rübenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben, gab ihnen die Gestalt

der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten, und weil noch zwei

Rüben übrig waren, so verwandelte sie die eine in eine Cyperkatze und aus

der anderen schuf sie ein niedliches Hündchen.

Sie richtete nun ihren Hofstaat wieder ein, teilte einer jeden der

aufwartenden Dienerinnen ein gewisses Geschäft zu und nie wurde eine

Herrschaft besser bedient. Die Mädchen kamen ihren Wünschen zuvor,

gehorchten auf den Wink und vollstreckten ihre Befehle ohne den mindesten

Widerspruch. Einige Wochen genoß sie die Wonne des gesellschaftlichen

Vergnügens ungestört; Reihentänze, Sang und Saitenspiel wechselten in dem

Schlosse des Berggeistes vom Morgen bis zum Abend; nur merkte die

Prinzessin nach Verlauf einiger Zeit, daß die frische Gesichtsfarbe ihrer

Gesellschafterinnen etwas abbleichte. Der Spiegel im Marmorsaal ließ sie

zuerst bemerken, daß sie allein wie eine Rose aus der Knospe hervorblühte,

während die geliebte Brünhild und die übrigen Jungfrauen welkenden Blumen

glichen; gleichwohl versicherten alle, daß sie sich wohl befänden, und der

freigebige Berggeist ließ sie an seiner Tafel auch keinen Mangel leiden.

Dennoch zehrten sie sichtbar ab, Leben und Tätigkeit schwand von Tag zu Tag

mehr dahin und alles Jugendfeuer erlosch.

Als die Prinzessin an einem heiteren Morgen, durch gesunden Schlaf

gestärkt, fröhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurück,

als ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stäben und Krücken

entgegenzitterte, mit Keuchhusten beladen, unvermögend, sich aufrecht zu

erhalten. Das schäkernde Hündchen hatte alle viere von sich gestreckt und

der schmeichelnde Cyper konnte sich vor Kraftlosigkeit kaum noch bewegen.

Bestürzt eilte die Prinzessin aus dem Zimmer, der schaudervollen

Gesellschaft zu entfliehen, trat hinaus auf den Söller und rief laut den

Berggeist, welcher alsbald in demütiger Stellung auf ihr Geheiß erschien.

»Boshafter Geist,« redete sie ihn zornig an, »warum mißgönnst du mir die

einzige Freude meines harmlosen Lebens, die Gesellschaft meiner ehemaligen

Gespielinnen? Ist die Einöde nicht genug, mich zu quälen, willst du sie

noch in ein Krankenhaus verwandeln? Augenblicklich gib meinen Mädchen

Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Haß und Verachtung soll deinen Frevel

rächen.« »Schönste der Erdentöchter,« erwiderte der Berggeist, »zürne nicht

über die Gebühr. Alles, was in meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand,

aber das Unmögliche fordere nicht von mir. Die Kräfte der Natur gehorchen

mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. Solange Saft

und Kraft in den Rüben war, konnte der Zauberstab ihr Pflanzenleben nach

deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Säfte sind nun vertrocknet und ihr

Wesen neigt sich nach der Zerstörung hin, denn der belebende Geist ist

verraucht. Jedoch das soll dich nicht kümmern: ein frisch gefüllter Korb

kann den Schaden leicht ersetzen; du wirst daraus alle die Gestalten wieder

hervorrufen, die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke

zurück, die dich so angenehm unterhalten haben, auf dem großen Rasenplatz

im Garten wirst du bessere Gesellschaft finden.« Der Berggeist entfernte

sich darauf und Prinzessin Emma nahm ihren buntgeschälten Stab zur Hand,

berührte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrumpften Rüben

zusammen und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeuges müde sind, zu tun

pflegen: sie warf den Plunder in den Kehricht und dachte nicht mehr daran.

Leichtfüßig hüpfte sie über die grünen Matten dahin, den frisch gefüllten

Korb in Empfang zu nehmen, den sie aber nirgends fand. Sie ging in dem

Garten auf und nieder und spähte umher, aber es wollte kein Korb zum

Vorschein kommen. Am Traubengeländer kam ihr der Berggeist entgegen mit so

sichtbarer Verlegenheit, daß sie seine Bestürzung schon von ferne wahrnahm.

»Du hast mich getäuscht,« sprach sie, »wo ist der Korb geblieben? Ich suche

ihn schon seit einer Stunde vergebens.«

»Holde Gebieterin meines Herzens,« antwortete der Geist, »wirst du mir

meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr, als ich geben konnte, ich

habe das Land durchzogen, Rüben aufzusuchen, aber sie sind längst geerntet

und welken in dumpfigen Kellern. Die Fluren trauern, unten im Tal ist's

Winter, nur deine Gegenwart hat den Frühling an diesen Felsen gefesselt und

unter deinem Fußtritte sprossen Blumen hervor. Harre nur drei Monate in

Geduld aus, dann soll dir's nie an Gelegenheit gebrechen, mit deinen Puppen

zu spielen.«

Ehe noch der Berggeist mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm Prinzessin

Emma den Rücken zu und begab sich in ihr Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu

würdigen. Er aber hob sich von dannen in die nächste Marktstadt innerhalb

seines Gebietes, kaufte, als ein Pachter gestaltet, einen Esel, den er mit

schweren Säcken Sämereien belud, und besäte damit einen ganzen Morgen

Landes. Dabei bestellte er einen seiner dienstbaren Geister als Hüter, dem

er aufgab, ein unterirdisches Feuer anzuschüren, um die Saat von unten

herauf mit linder Wärme zu treiben, wie Ananaspflanzen in einem Treibhause.

Die Rübensaat schoß lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche

Ernte; Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, welches zu

besehen sie mehr lüstete als die goldenen Äpfel in ihrem Garten. Aber

Mißmut trübte ihre Augen. Sie weilte am liebsten in einem düsteren

Tannenwäldchen am Rande eines Quellbaches, der sein silberhelles Gewässer

ins Tal rauschen ließ, und warf Blumen hinein, die in den Odergrund

hinabflossen.

Der Berggeist sah wohl, daß bei allem Bestreben, durch tausend kleine

Gefälligkeiten der schönen Emma Herz zu gewinnen, kein Erfolg zu erwarten

war. Trotzdem ermüdete seine hartnäckige Geduld nicht, ihren spröden Sinn

zu überwinden. Er war zu unerfahren in der Menschenkenntnis, daß er sich

keine Vorstellung von der wahren Ursache der Widerspenstigkeit der

Prinzessin machen konnte. Er war der Meinung, sie gehöre nach allen Rechten

ihm als dem ersten Besitznehmer.

Doch das war ein großer Irrtum. Ein junger Grenznachbar an den Gestaden der

Oder, Fürst Ratibor, hatte bereits das Herz der holden Emma gewonnen. Schon

sah das glückliche Paar dem Tage seiner Hochzeit entgegen, als die Braut

mit einmal verschwand. Diese Nachricht versetzte den jungen Fürsten in

große Aufregung. Er verließ seine Residenz, zog menschenscheu in einsamen

Wäldern umher und klagte den Felsen sein Unglück. Die treue Emma seufzte

unterdessen ihren geheimen Gram in dem anmutigen Gefängnis aus; sie bezwang

aber ihre Gefühle im Herzen so, daß der spähende Geist nicht enträtseln

konnte, was für Empfindungen sich darin regten. Lange schon hatte sie

darauf gesonnen, wie sie ihn überlisten und aus der lästigen Gefangenschaft

entfliehen möchte. Nach mancher durchwachten Nacht sann sie endlich einen

Plan aus, der des Versuchs würdig schien, ihn auszuführen.

Der Lenz kehrte in die Gebirgstäler zurück, der Berggeist ließ das

unterirdische Feuer in seinem Treibhaus ausgehen und die Rüben, welche

durch die Einflüsse des Winters in ihrem Wachstum nicht gehindert worden

waren, gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus

und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem

Anschein nach, um sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter.

Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden, um sie

abzuschicken, Kundschaft von ihrem Verlobten einzuziehen. »Flieg', liebes

Bienchen,« sprach sie, »gegen Sonnenaufgang zu Ratibor, dem Fürsten des

Landes, und summe ihm sanft ins Ohr, daß Emma noch für ihn lebt, aber eine

Sklavin ist des Geistes vom Gebirge, verlier' kein Wort von diesem Gruße

und bring' mir Botschaft von seiner Liebe.« Die Biene flog alsbald vom

Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren

Flug begonnen, so schoß eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang

zum großen Leidwesen der Prinzessin die Botschafterin der Liebe. Darauf

formte sie vermöge des wunderbaren Stabes eine Grille und gab ihr denselben

Auftrag. »Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge zu Ratibor, dem Fürsten

des Landes, und zirpe ihm ins Ohr, die getreue Emma begehre Lösung ihrer

Bande durch seinen starken Arm.« Die Grille flog und hüpfte so schnell als

sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war, aber ein langbeiniger

Storch promenierte eben an dem Wege, welchen die Grille zog, erfaßte sie

mit seinem langen Schnabel und versenkte sie in das Verlies seines weiten

Kropfes.

Diese mißlungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht ab,

einen neuen zu wagen; sie gab der dritten Rübe die Gestalt einer Elster.

»Flieg' hin, beredsamer Vogel,« sprach sie, »von Baum zu Baum, bis du

gelangst zu Ratibor, meinem Verlobten, erzähle ihm von meiner

Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, daß er meiner harre mit Rossen und

Mannen, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges, im Maiental,

bereit, den Flüchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu zerbrechen wagt und

Schutz von ihm begehrt.« Die Elster gehorchte, flatterte von einem

Ruheplatz zum andern und die sorgsame Emma begleitete ihren Flug, soweit

das Auge trug. Der harmvolle Ratibor irrte noch immer trüben Sinnes in den

Wäldern herum; die Rückkehr des Lenzes und die wiederauflebende Natur

hatten seinen Kummer nur gemehrt. Er saß unter einer schattigen Eiche,

dachte an seine Prinzessin und seufzte laut: Emma! Alsbald gab das

vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelnd zurück; aber

zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte hoch

auf, sah niemand, wähnte eine Täuschung und hörte den nämlichen Ruf

wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin-

und herflog, und vernahm, daß der geschwätzige Vogel ihn beim Namen rief.

»Armer Schwätzer,« sprach er, »wer hat dich gelehrt, diesen Namen

auszusprechen, der einem Unglücklichen zugehört, welcher wünscht, von der

Erde vertilgt zu sein wie sein Gedächtnis?« Hierauf faßte er erregt einen

Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als dieser den Namen Emma

hören ließ. Dies Zauberwort entkräftete den Arm des Prinzen; frohes

Entzücken durchschauerte alle seine Glieder und in seiner Seele bebte es

leise nach: Emma! Aber der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem

Elsterngeschlecht eigenen Beredsamkeit den Spruch, den man ihm anvertraut.

Fürst Ratibor vernahm kaum die fröhliche Botschaft, da ward's hell in

seiner Seele; der tödliche Gram, der die Sinne gefangen hatte, verschwand;

er kam wieder zu Gefühl und Besinnung und forschte mit Fleiß von der

Glücksverkünderin nach dem Schicksal seiner Braut; aber die gesprächige

Elster konnte nur ihr Sprüchlein ohne Aufhören wiederholen und flatterte

davon. Schnellen Fußes eilte Ratibor zu seinem Hoflager zurück, rüstete

eilig das Geschwader der Reisigen, bestieg sein Roß und zog mit ihnen

hoffnungsfreudig zum Maientale, um das Abenteuer zu bestehen.

Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet, ihr

Vorhaben auszuführen. Sie ließ ab, den geduldigen Berggeist mit kränkender

Kälte zu behandeln, ihr Auge sprach Hoffnung und ihr spröder Sinn schien

beugsamer zu werden. Solche glücklichen Anzeichen ließ der Berggeist nicht

ungenützt. Er erneuerte seine Werbung und wurde nicht zurückgewiesen. Den

folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die schöne Emma, geschmückt

wie eine Braut, hervor, mit allem Geschmeide beladen, das sich in ihrem

Schmuckkästlein gefunden hatte. Ihr blondes Haar war in einen Knoten

geschlungen, welchen eine Myrtenkrone überschattete, von welcher ein

Schleier lang herabwallte; der Besatz ihres Kleides funkelte von Juwelen

und als der harrende Berggeist auf der großen Terrasse im Lustgarten ihr

entgegenwandelte, freute er sich dieses Anblickes.

»Himmlisches Mädchen,« stammelte er ihr entgegen, »verweigere mir nicht

länger den bejahenden Blick, der mich zum glücklichsten Wesen macht, das

jemals die Sonne bestrahlt hat.«

Die Prinzessin hüllte sich dichter in ihren Schleier und antwortete:

»Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, mein Gebieter? Deine

Standhaftigkeit hat den Sieg davongetragen. Nimm dieses Geständnis von

meinen Lippen, aber laß meine Tränen diesen Schleier verhüllen.«

»Warum Tränen, o Geliebte?« entgegnete ihr der beunruhigte Geist, »jede

deiner Tränen fällt wie ein brennender Tropfen auf mein Herz, ich will nur

deine Liebe, nicht aber Aufopferung.«

»Ach,« erwiderte Emma, »warum mißdeutest du meine Tränen? Mein Herz lohnt

deine Freundschaft, aber bange Ahnung zerreißt meine Seele. Du alterst

nimmer, aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran

soll ich erkennen, daß du ein liebevoller, gefälliger, duldsamer Gemahl

sein werdest?«

Er antwortete: »Fordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams in

Ausrichtung deiner Befehle, oder stelle meine Geduld auf die Probe und

beurteile alsdann die Stärke meiner unwandelbaren Liebe.«

»Es sei also!« antwortete die schlaue Emma, »ich fordere nur einen Beweis

deiner Gefälligkeit. Gehe hin und zähle die Rüben alle auf dem Acker; mein

Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, damit sie

mir zu Brautjungfrauen dienen; aber hüte dich, mich zu täuschen und

verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue

prüfen will.«

So ungern sich der Berggeist in diesem Augenblicke von seiner lieblichen

Braut trennte, so gehorchte er doch ohne Säumen, machte sich rasch an die

Arbeit und hüpfte hurtig wie ein Star unter den Rüben herum. Er kam durch

diese Geschäftigkeit mit seiner Zählung bald zustande; doch um der Sache

recht gewiß zu sein, wiederholte er seine Rechnung nochmals und fand zu

seinem Verdruß eine Abweichung bei Feststellung der Summen, welche ihn

nötigte, zum dritten Male die Rübenhäupter durchzumustern. Aber diesmal

ergab sich eine andere Summe.

Die schlaue Emma hatte nicht sobald den Berggeist aus den Augen verloren,

als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftige, wohlgenährte

Rübe in Bereitschaft, welche sie flugs in ein mutiges Roß mit Sattel und

Zeug verwandelte. Rasch schwang sie sich in den Sattel, flog über die

Heiden und Steppen des Gebirges dahin und das flüchtige Roß brachte sie,

ohne zu straucheln, auf seinem sanften Rücken hinab ins Maiental, wo sie

dem geliebten Ratibor, welcher der Kommenden ängstlich entgegenharrte, sich

fröhlich in die Arme warf.

Der geschäftige Berggeist hatte sich indessen so in seine Zahlen vertieft,

daß er nichts von dem, was um ihn und neben ihm geschah, wußte. Nach langer

Mühe und Anstrengung war's ihm endlich gelungen, die wahre Zahl der Rüben

auf dem Ackerfelde, klein und groß mit eingerechnet, zu finden. Er eilte

nun froh zurück, sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berichten und

durch die pünktliche Erfüllung ihrer Pläne sie zu überzeugen, daß er ihr

ein gefälliger Gemahl sein werde.

Mit Selbstzufriedenheit trat er auf den Rasenplatz, aber da fand er nicht,

was er suchte; er lief durch die bedeckten Lauben und Gänge, aber auch da

war nicht, was er begehrte; er kam in den Palast, durchspähte alle seine

Winkel, rief den teuren Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen

zurücktönten, begehrte einen Laut von dem geliebten Munde zu hören; doch da

war weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat, flugs warf

er die schwerfällige Verkörperung ab, schwang sich hoch in die Luft und sah

die fliehende Emma in der Ferne, als eben das schnellfüßige Roß über die

Grenze setzte. Wütend ballte der ergrimmte Geist ein paar friedlich

vorüberziehende Wolken zusammen und schleuderte einen kräftigen Blitz der

Fliehenden nach, der eine tausendjährige Grenzeiche zersplitterte; aber

darüber hinaus war seine Rache kraftlos und die Donnerwolke zerfloß in

einen sanften Heiderauch. Nachdem er die oberen Luftregionen

verzweiflungsvoll durchkreuzt und seine stürmende Leidenschaft ausgetobt

hatte, kehrte er trübsinnig in den Palast zurück, schlich durch alle

Gemächer und erfüllte sie mit Seufzen und Stöhnen. Nachher besuchte er noch

einmal den Lustgarten, doch diese ganze Zauberschöpfung hatte keinen Reiz

mehr für ihn. Der Gedanke an die Tage, welche hier die Ungetreue verlebt

hatte, beschäftigte ihn mehr als die goldenen Äpfel und prächtigen Blumen.

Die Erinnerung an sie erwachte wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging

und stand, wo sie Blumen gepflückt, wo er sie oft unsichtbar belauscht, oft

trauliche Unterredungen mit ihr gepflogen hatte. Alles das bedrückte ihn so

sehr, daß er unter der Last seiner Gefühle in dumpfes Hinbrüten versank.

Bald darauf brach sein Unmut in gräßliche Verwünschungen aus und er vermaß

sich hoch und teuer, der Menschenkenntnis ganz zu entsagen und von diesem

argen, betrüglichen Geschlechte fernerhin keine weitere Kenntnis zu nehmen.

In dieser Entschließung stampfte er dreimal auf die Erde und der ganze

Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein ursprüngliches

Nichts zurück. Der Abgrund aber sperrte seinen weiten Rachen auf und der

Berggeist fuhr hinab in die Tiefe bis in die entgegengesetzte Grenze seines

Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde, und nahm Bitterkeit und Menschenhaß

mit dahin.

Während dieses Vorganges im Gebirge war Fürst Ratibor geschäftig, seine

Braut in Sicherheit zu bringen, und führte sie mit fürstlichem Gepränge an

den Hof ihres Vaters zurück. Daselbst wurde ihre Vermählung gefeiert. Er

teilte mit seiner Gattin den Thron seines Erbes und erbaute die Stadt

Ratibor, die noch seinen Namen trägt bis auf diesen Tag. Das sonderbare

Abenteuer der Prinzessin, welches ihr auf dem Riesengebirge begegnet war,

insbesondere ihre kühne Flucht, wurde das Märchen des Landes, pflanzte sich

von Geschlecht zu Geschlecht fort bis in die entferntesten Zeiten. Die

Bewohner der umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem

Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten ihm einen Spottnamen bei und

riefen ihn fortan »Rübezähler« oder kurzweg »Rübezahl«.

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 4 / 20 题