2. Rübezahls erste Bekanntschaft mit den Menschen.

Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeiten des ersten Anblicks

ergötzten den verwunderten Landesherrn so sehr, daß er über die

eigenmächtigen Ackerbauer, die ohne seine Erlaubnis und Einwilligung hier

wirtschafteten, nicht unwillig ward, auch nicht in ihrem Tun und Treiben

sie zu stören begehrte, sondern sie so ruhig im Besitz ihres angemaßten

Eigentums ließ, wie ein gutmütiger Hausvater der geselligen Schwalbe oder

selbst dem überlästigen Spatz unter seinem Obdach Aufenthalt gestattet. Er

ward sogar willens, mit den Menschen Bekanntschaft zu machen, ihre Art und

Natur zu erforschen und mit ihnen Umgang zu pflegen. Daher nahm er die

Gestalt eines rüstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten

besten Landwirt in Arbeit. Alles, was er unternahm, gedieh wohl unter

seiner Hand und Rips, der Ackerknecht, war für den besten Arbeiter im Dorfe

bekannt. Aber sein Brotherr war ein Prasser und Schlemmer, der den Erwerb

des treuen Knechtes verschwendete und für seine Mühe und Arbeit wenig Dank

wußte; darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine

Schafherde anvertraute; er wartete dieser fleißig, trieb sie in Einöden und

auf steile Berge, wo gesunde Kräuter wuchsen. Die Herde gedieh gleichfalls

unter seiner Hand, kein Schaf stürzte vom Felsen herab und keins zerriß der

Wolf. Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht

nicht lohnte, wie er sollte; denn er stahl den besten Widder aus der Heide

und kürzte dafür den Hirtenlohn. Darum entlief er dem Geizhals und diente

dem Dorfrichter. Hier bewährte er sich bei Ergreifung der Diebe und

Überwachung der Gesetze. Aber der Richter war ein ungerechter Mann,

richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rips nun nicht das

Werkzeug der Ungerechtigkeit sein wollte, kündigte er dem Richter den

Dienst auf und ward in den Kerker geworfen, aus welchem er jedoch auf dem

gewöhnlichen Wege der Geister, durchs Schlüsselloch, leicht einen Ausgang

fand.

Dieser erste Versuch, die Menschen kennen zu lernen, konnte ihn unmöglich

zur Menschenliebe erwärmen; er kehrte mit Verdruß auf seine Felsenzinne im

Gebirge zurück, überschaute da die lachenden Gefilde, welche menschlicher

Fleiß verschönert hatte, und wunderte sich, daß die Mutter Natur ihre

Spenden an solche undankbaren Geschöpfe verlieh. Demungeachtet wagte er

noch einen Versuch, die Menschen zu beobachten, schlich unsichtbar herab

ins Tal und näherte sich den menschlichen Wohnstätten.

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 3 / 20 题