1. Rübezahl, der Berggeist und Herr des Riesengebirges.

Im Südosten unseres lieben deutschen Vaterlandes breitet sich ein Gebirge

aus, das man seiner großartigen Naturbeschaffenheit und seiner Ausdehnung

halber das Riesengebirge nennt. Es bildet einen Teil der Sudeten und

scheidet Schlesien von Böhmen und Mähren. Mächtige Berge, wie die Riesen-

oder Schneekoppe, das Hohe Rad und die Sturmhaube, ragen weit in die Wolken

hinein, und zwischen den felsigen Höhen haben starke Flüsse, z. B. die Elbe

und der Bober, ihren Ursprung. In diesem Gebirge haust, wie sich das Volk

erzählt, ein Gnom oder Geist, der sich selbst als den »Herrn oder Berggeist

des Gebirges« bezeichnet, vom neckenden Volksmunde aber »Rübezahl« genannt

wird.

Der Fürst der Berggeister besitzt zwar auf der Oberfläche der Erde nur ein

kleines Gebiet von wenig Meilen im Umfang, mit einer Kette von Bergen

umschlossen; aber wenige Klafter unter der urbaren Erdrinde hebt seine

Alleinherrschaft an, die ihm niemand schmälern kann, und erstreckt sich auf

achthundertsechzig Meilen in die Tiefe bis zum Mittelpunkt der Erde.

Zuweilen gefällt es dem unterirdischen Herrscher, seine weitgedehnten

Gebiete der Unterwelt zu durchkreuzen, die unerschöpflichen Schatzkammern

edler Metalle und Flötze zu beschauen, die Knappschaft der gnomenhaften

Bergleute zu mustern und in Arbeit zu setzen, teils um die Gewalt der

Feuerströme durch feste Dämme aufzuhalten, teils um taubes Gestein in edles

umzuwandeln. Zuweilen entschlägt er sich aller unterirdischen

Regierungssorgen, erhebt sich zur Erholung auf die Grenzfeste seines

Gebietes und hat sein Wesen auf dem Riesengebirge. Dann treibt er in frohem

Übermute sein Spiel und Spott mit den Menschenkindern; denn Freund

Rübezahl, müßt ihr wissen, hat eine sonderbare Natur. Er ist bald launisch,

ungestüm, unbescheiden; bald stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste

Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten gutmütig, edel und empfindsam, aber

mit sich selbst in stetem Widerspruch, töricht und weise, oft weich und

hart in zwei Augenblicken, wie ein Ei, das in siedendes Wasser fällt;

schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam, je nach der Stimmung, welche

ihn gerade beherrscht.

Vor uralten Zeiten schon toste Rübezahl im wilden Gebirge, hetzte Bären und

Auerochsen aufeinander, daß sie zusammen kämpften, oder scheuchte mit

unheimlichem Getöse das scheue Wild vor sich her und stürzte es von den

steilen Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden müde, zog er

wieder seine Straße durch die weiten Gebiete der Unterwelt und weilte da

Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich an die Sonne zu

legen und sich des Anblicks der äußeren Schöpfung zu erfreuen. Wie nahm's

ihn wunder, als er einst bei seiner Rückkehr auf die Oberwelt, von dem

beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die Gegend ganz

verändert fand! Die düsteren, undurchdringlichen Wälder waren ausgerodet

und in fruchtbare Ackerfelder verwandelt, wo reiche Ernten reiften.

Zwischen den Pflanzungen blühender Obstbäume ragten die Strohdächer

geselliger Dörfer hervor, aus deren Schornsteinen friedlicher Hausrauch in

die Luft wirbelte; hier und da stand eine einsame Warte auf dem Abhange

eines Berges zu Schutz und Schirm des Landes; in den blumenreichen Auen

weideten Schaf- und Kuhherden und aus den lichtgrünen Wäldern tönten

melodische Schalmeien.

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 2 / 20 题