Schon im Jahre 1515 hatte Andrea, wie es scheint ohne sonderlichen

Enthusiasmus, die Wölbung des Refectoriums im Kloster von San

Salvi durch Portraitmedaillons von vier Heiligen geschmückt; die

Fortsetzung der Arbeit unterblieb jedoch, und mehr als zehn Jahre

mußten verstreichen, bevor Andrea die Rückwand dieses Raumes mit

dem farbenfreudigsten seiner Fresken, dem „Abendmahl“, zierte. Die

Florentiner Maler des Quattrocento und selbst noch Lionardo hatten bei

ihren Darstellungen des „Cenacolo“ allzuviel Gewicht auf die ersten

zwei Silben des Wortes, auf die „cena“ gelegt. Messer und Gabeln,

Teller, Brote und Gläser, dieses ganze mit umständlichster Liebe

gemalte Tischgerät nahm dem ergreifendsten aller Mysterien viel von

seiner Weihe. Andrea begnügte sich mit ein paar ganz niedrigen Tellern,

die sich kaum vom hellen Weiß des Tischtuches abheben, und malte längst

nicht so viele Brote wie Apostel vorhanden sind. Seine Zeitgenossen

vermochten diesen feinsten künstlerischen Takt nicht zu würdigen;

zum mindesten blieb sein Vorgehen ohne Nachahmung. Andrea hielt sich

besonders an zwei seiner Vorgänger. Für die äußere Umrahmung der Scene

benützte er Motive aus dem Abendmahl Castagnos im alten Kloster von

St. Apollonia, die Anordnung der Figuren entlehnte er Lionardo. Die

allerdings augenfälligen Schwächen des castagnesken Abendmahls hat

er klug vermieden. Bei Castagno erscheint der Abstand zwischen den

Köpfen der Apostel und der flachen Decke viel zu bedeutend, und die

buntgeäderten Marmorplatten, die ihn ausfüllen, erdrücken förmlich die

Gestalten. Andrea wich der Unruhe des geflammten Marmors aus, indem er

seine Fläche in unaufdringlichem Grün und Schwarz hielt. Auch belastete

er die Halle nicht mit einer Sparrendecke, gibt ihr überhaupt nach

oben keinen Abschluß, sondern durch drei mächtige Öffnungen leuchtet

der blaue Himmel herein. Castagno hatte die Apostel noch teilnahmslos

einen neben dem anderen sitzen lassen; Andrea schloß nach dem Vorgang

Lionardos je drei zu einer Gruppe zusammen, die, sich merkbar von

der nächstfolgenden scheidet. Jesus nimmt, wie stets und überall,

auch bei Andrea die Mitte der Scene ein. Aber jenes in die Vertikale

eingestellte Christushaupt Lionardos, jene ausgebreiteten Arme, die bei

Lionardo so grandios wirken, dies alles ließ Andrea sich entgehen. Für

dramatische Accente fehlte ihm eben der Sinn. Eine leichte Wendung,

die Andrea dem Haupte seines Jesus gibt, raubt dem Heiland viel von

seiner Erhabenheit, und so wunderbar das Spiel der Apostelhände

ist, die Gebärde Christi deucht ärmlich und weit entfernt von

lionardesker Majestät. Die vergeistigte Hoheit der Apostel Lionardos,

jener Cortigiano des Himmels, darf man von denen Andreas natürlich

nicht fordern, aber sie ermangeln selbst jenes Wuchtig-Primitiven, des

Animalisch-Dumpfen, das an Castagnos Aposteln fesselt. Kein einziger

ist eine Persönlichkeit, dessen Züge wir im Gedächtnis bewahren, alle

scheinen sie liebenswürdige Durchschnittsmenschen und den Herrn hat

keines dieser Augenpaare je gesucht noch erschaut.

[Illustration: DIE ENTHAUPTUNG JOHANNES DES TÄUFERS

_Aufnahme Alinari_

_Florenz: Chiostro dello Scalzo_]

Wenn diese Apostel dem Künstler mißrieten, so wird man die letzte

Ursache hiervon im Wesen des Menschen Andrea zu suchen haben. Ihm

fehlte, was „ernste Männer“ Charakter und Energie der Lebensführung

heißen. Darum vermochte er, wie die Apostel seiner Pietà und der

beiden Assuntabilder beweisen, jene höchste Vereinigung zielsicherer

seelischer Kraft und physischer Energie, die eben den Apostel

ausmacht, niemals zu schildern, darum lag die Darstellung von

„Männlichkeit“ überhaupt nicht im Bereich seines Könnens. Die beste

männliche Gestalt, die ihm je gelungen, der Johannes Evangelista

der „Madonna delle Arpie“, geht auf ein nicht ausgeführtes Modell

Jacopo Sansovinos zurück. Blieb er sich selber überlassen wie in

jenem späten, aus Vallombrosa stammenden Altarbild der Accademia, das

vier nebeneinanderstehende Heilige zeigt, so gibt er nur elegante

Gesten und tadellos fallende Draperien. Den Kämpfern der streitbaren

Kirche wurde Andrea nicht gerecht; er konnte nur Heilige malen, die,

gleich seinem späten, allzu wenig gewürdigten „Jacobus“ der Uffizien,

trösten und aufrichten. Kein anderer Florentiner hätte diesen Apostel

ersonnen, der, umspielt vom silbergrauen Abenddämmern, sich frauenhaft

zärtlich, mit einem Blick unendlicher Güte zu zwei weißgekleideten

Knaben niederbeugt und dem einen streichelnd über die Kinderwangen

fährt. Vielleicht offenbart sich Andreas feminine Art am meisten in

seinem „Opfer Abrahams“ zu Dresden, wo er Kraft unmittelbar neben

Schwäche, Hilflosigkeit neben Gewalt darstellen mußte. Furchtbar

rollen die Augen des Patriarchen, die pathetisch ausgestreckte

Rechte umklammert in eiserner Entschlossenheit das Messer, und doch,

wir wissen genau, -- kein Blut wird es färben. Aber dem zitternden

Ephebenkörper, den halbgeöffneten Lippen, die nicht einmal den

Schrei der Angst mehr hervorstoßen können, dem gesträubten Haar, den

erstarrten Blicken glauben wir gern die Ehrlichkeit ihres Schreckens

... Solchen Gestalten wie diesem Abraham gegenüber versagte Andreas

lyrische Kunst. Dafür schenkte sie uns die sonnigsten bambini, die

je ein Florentiner gemalt. Freilich, goldene Strahlenhöhen hat jener

lustige Engelsknabe, der dem Erzvater in den mordbereiten Arm fallen

soll, nie erschaut. Andrea pickte einem Florentiner Buben einfach

zwei Flügel an den Rücken. So hat er’s immer gehalten. Seine Putti,

die auf den Assuntabildern Maria zum ewigen Vater geleiten, sind

nicht trotzig derb wie jene Donatellos, haben nichts von der robusten

Grazie, die Luca della Robbia, nichts von der altklugen Kindlichkeit,

die Desiderio da Settignano ihnen gab, haben auch nichts von der

schwindsüchtig-traurigen Schönheit botticellesker Engel; aber aus ihren

Augen leuchtet die ganze sonnenfrohe Heiterkeit toskanischer Himmel,

voll liebenswürdiger Eleganz scheinen sie, keck und doch so bestrickend

süß, wie das verzogene Kinder zuweilen sind.

In dem berühmten jugendlichen Johannes des Palazzo Pitti gab Andrea

jenen Putti den Schutzpatron. Es ist ein weiter Weg von Donatellos

abgemagertem Eremiten und seinem strengen Asketentum zu diesem

Heiligen mit dem lachenden Jungenblick und dem prinzenhaften Körper.

Man braucht dies Gemälde, das jeder kennt, nicht zu beschreiben,

wohl aber sei die Frage gestattet, ob es seine Beliebtheit lediglich

malerischen Qualitäten dankt, oder ist es populär, obschon es ein

Kunstwerk ist? Denn die nämlichen Leute, die diesen Johannes umdrängen,

geraten im selben Palazzo Pitti vor den Madonnen Carlo Dolcis und der

Judith Alessandro Alloris genau ins gleiche Entzücken. Hier wie dort

begeistert sie lediglich das „süße“ Modell. Nur keine Illusionen! Ein

vornehmes Kunstempfinden ist heute eben seltener anzutreffen als in den

Tagen der Renaissance, wo Andrea del Sarto ein Madonnenbild „seinem

lieben Freunde Becuccio, einem Glaser aus Gambassi“, malte. „Seinem

lieben Freunde!“ das heißt einen großen Künstler und den kleinen

Handwerker verknüpften die Bande gemeinsamer Anschauungen, gemeinsamer

Neigungen, sie hatten die gleiche Kultur ...

Die Meister der Florentiner Malerei von Giotto bis zu Ghirlandajo

hatten kein Empfinden für das Spezifisch-Weibliche. Botticelli war ein

herrlicher Madonnenmaler; aber seine Maria ist nicht von dieser Welt,

gleicht einer himmlischen Vision, einem Traum von Schmerz und Güte.

[Illustration: MADONNA IN GLORIA MIT HEILIGEN

_Florenz: Palazzo Pitti_]

_In te misericordia, in te pietate,

In te magnificenza, in te s’aduna

Quantunque in creatura è di bontate ..._

Andreas Augen hatten nicht mehr Kraft genug, den Glanz jener Himmel zu

ertragen, in denen die Madonnen Fra Angelicos und Botticellis thronten,

aber das Bildnis der Mona Lisa, das Wunderwerk des Magiers Lionardo,

hatte ihn gelehrt, den Adel staubgeborener Frauen zu preisen, und die

Liebe schenkte ihm zaubersüße Töne zum Hymnus auf Grazie und erdenhafte

Schönheit. Seine Maria und seine Heiligen haben nichts mehr vom „umile“

der Primitiven, ihre Augen leuchten nicht im ahnungsschweren Glanz

botticellesker Blicke, kennen auch die Mysterien lionardesker Pupillen

nicht; die seltsam verschleierten Augen seiner Frauen bergen kein Weh,

keine Sehnsucht, keine Rätsel; ihr Ausdruck ist weder „tief“ noch

„erhaben“, nur von bestrickender Liebenswürdigkeit, und oft voll Freude

an der schönen Wirklichkeit dieser Erde. ...

In der „Verkündigung Marias“ des Palazzo Pitti sind die Engelsgruppe

und die Haltung der Madonna einem Bilde Mariotto Albertinellis in

der Accademia entlehnt. Und doch enthält dies Jugendwerk im Keime

eigentlich schon alles, was Andrea zu geben vermochte. Orgeln und

Harfen klingen, weiße Lilien duften ihm nicht mehr. Wohl hat sich der

Engel auf einer Wolke niedergelassen, aber trotzdem scheint die Scene

nicht auf Weihrauch und Mystik, sondern auf einen weltlicheren Ton

gestimmt. Maria ist nicht mehr die „ancilla domini“, die Gottes Befehl

demütig-zitternd empfängt. Der Engel, der bittenden Auges zur Madonna

emporschaut, ist diesmal der im Range Niedere, und Maria, deren weiße

Stirn so prachtvoll gegen das kastaniendunkle Haar steht, gleicht

einer Königin, die vor ihrem Palaste dem Gesandten des Himmels Audienz

erteilt. Wie bei den frühen Fresken wollen die Figuren in den Maßen

nicht recht zu der mächtigen Architektur und der großlinigen Landschaft

passen; auch fließt noch zuviel Luft zwischen Maria und dem knienden

Engel.

Im nächsten großen Bilde Andreas, der „Madonna delle Arpie“, ist diese

Schwäche der Komposition bereits überwunden. Die beiden im Profil

gegebenen Heiligen und Maria, die, auf ihrem Postamente stehend,

genau die Mitte des Gemäldes einnimmt, schließen als Gruppe wunderbar

zusammen. Die unsäglich vornehme Haltung der ganz in Vorderansicht

gemalten Maria und jene tiefliegenden dunklen Augensterne, die so

berückend aus der perlmutterartigen Iris hervorleuchten, -- dem Zauber

dieser Vereinigung von Majestät und holdester Frauenhaftigkeit hat

sich niemand bisher entzogen. Menschen, die von einem Gemälde nicht

bloß Farben und Formen, sondern „tieferen Sinn“ verlangen, werden,

im allgemeinen bei Andrea leer ausgehend, vor den seltsam geformten

Harpyen des Sockels nachdenklich verweilen. Verglich nicht schon die

heidnische Antike jene Töchter des Phorkyas mit Hetären, die den Mann

verderben, galten sie nicht dem christlichen Mittelalter als Symbole

sündhafter Lust? So hätte Andrea hier den Sieg der Tugend über das

Laster feiern wollen ...? Mag sein. Aber vielleicht wußte er gar nicht

Bescheid in antiker und mittelalterlicher Symbolik und wollte dem

Sockel nur einen möglichst dekorativen Schmuck geben.

Kaum war -- anno 1517 -- dies Meisterwerk vollendet, so schuf Andrea

jene „Disputa“ des Palazzo Pitti, worin er zum ersten Male stehende und

kniende Figuren miteinander zur Gruppe verband. In drei jugendlichen

und einem greisen Heiligen schilderte er zurückhaltende Schüchternheit,

gefühlstrunkene Inbrunst, die Heftigkeit des Glaubenseifers und die

resignierte Milde des Alters. Über das Wesen der Trinität streiten

die vier und durch die aristokratischen Gebärden des Südländers

unterstützen sie ihre Worte so diskret und eindringlich zugleich, daß

diese Gesten hier, wie selten nur bei Andrea, als Ausdrucksformen einer

inneren Überzeugung wirken. Die beiden Knienden lauschen, das Antlitz

emporgerichtet, den Reden der anderen: Johannes, voll weicher, aber

durchaus nicht weichlicher Jünglings-Schönheit, und Magdalena, die

natürlich ein Bildnis Lucrezias ist. Ein dunkles Sammetband hält ihre

rotbraunen Haare zusammen, und will man den Frauenmaler Andrea selbst

im kleinen bewundern, so betrachte man jene eine Locke: die schmiegt

zuerst dem Weiß des Nackens sich an und bietet so eine Folie für die

helle Pracht des Fleisches; dann bildet sie eine Scheidelinie zwischen

Hals und Schultern und macht dadurch auf die schlanke Schönheit des

Halses und den Ansatz der leise herabfallenden Schultern aufmerksam.

[Illustration: BILDNIS EINES JÜNGLINGS

_Florenz, Uffizien_]

In einer „Madonna mit Heiligen“ vom Jahre 1524 hat Andrea die beiden

Figuren des Johannes und der Magdalena noch einmal verwandt; auch dies

Gemälde besitzt der Palazzo Pitti, und für die Kenntnis von Andreas

Entwicklung lohnt es sich, die Gestalten miteinander zu vergleichen.

Arm und Rücken des Johannes sind hier mit souveräner Meisterschaft,

weit besser als im Bilder der „Disputa“ durchmodelliert. Aber während

Johannes dort, dem Sinn des Vorganges entsprechend, sein Antlitz

nach oben wendet, lugt er hier, mit einer energischen Drehung des

Hauptes, neugierig aus dem Gemälde heraus; Magdalena blickt zur Madonna

empor, und so gewinnt Andrea einen jener Kontraste, mit denen er

damals, wie im Fresko so auch im Tafelbilde, zu operieren begann. In

jenen kleineren Gemälden namentlich, wo sich die hellen Gestalten der

heiligen Familie vom dunklen Hintergrunde lösen, ballt er die Figuren

zum Michelangelesken Knäuel zusammen, verknüpft sie durch allerhand

Drehungen der Körper und Köpfe zur kubischen Einheit, und obschon keine

Figur eine Bewegung vollführt, scheint das Ganze doch voll unruhigen

Lebens. Hell kontrastiert zu dunkel, eine kniende Gestalt zu einer

stehenden, und einem aufwärts blickenden Haupte entspricht unfehlbar

eines, das nach unten schaut. Gewisse Wendungen, auch ganze Gestalten

übernimmt Andrea aus einem Gemälde ins andere und kümmert sich auch

nicht mehr um Abwechslung in den Typen; den nämlichen Modellen

begegnet man immer aufs neue, so daß Andreas letzte Werke durch ihre

Gleichförmigkeit ermüden. Die hohe Kunst in den einzelnen Bildern wird

man stets verehren müssen; aber denkt man jener ersten Verkündigung im

Palazzo Pitti und vergleicht damit jene späte, aus Sarzana stammende

Lünette des nämlichen Saales, so empfindet man: es ist nicht immer

Phrase, wenn von der „Seele“ eines Bildes gesprochen wird.

Ähnliches gilt von seinen Darstellungen der „Pietà“. Das Wiener

Hofmuseum besitzt die frühere, wahrscheinlich noch in Frankreich

entstandene. Wie angemessen scheinen der stillen Tragik des Vorganges

die morosen, für Andrea auffallend blassen Töne im Leichnam Christi, im

Antlitz Marias und der Engel, und vollends jene ergreifende Mischung

von physischem Weh und seelischem Adel, wie sie den Zügen des Heilands

aufgeprägt ist, hat Andrea in der Pietà des Palazzo Pitti nicht

erreicht, vielleicht auch gar nicht mehr angestrebt. Beim Komponieren

der Hauptgruppe schon machte er sich’s leicht. Den toten Christus und

Johannes, der ihn hält, entnahm er ebenso wie Maria einer „Pietà“ Fra

Bartolommeos im Palazzo Pitti und auch für den Apostel Paulus, der

die Rechte so schauspielerhaft ausstreckt, benützte er eine Gestalt

des Frate. Einzig Magdalena bringt von Andreas Eigenstem. Starren

Kummers schwer hängen die Blicke der großen Sünderin an den Füßen,

die sie einst gesalbt und die schlaff in ihrem Schoß nun ruhen. Die

Augen weinen nicht, aber die Finger krampfen sich in ohnmächtiger

Verzweiflung hart ineinander. Neben Magdalena kniet die heilige

Caterina. Ihre Anwesenheit ist durch die Tradition nicht bedingt und

wahrscheinlich danken wir diese schöne Figur einem Wunsche der Äbtissin

von San Piero in Luco, die Caterina della Casa hieß.

So können wir selbst in Andreas schwächeren Werken noch immer

Offenbarungen eines reichen Talentes bewundern. Da sind zum Beispiel

die beiden Darstellungen der Assunta. Die eine, in der Andrea sich

selber gemalt, hatte Bartolommeo Panciatichi bestellt, „desideroso

di lasciare memoria di se“, wie’s bezeichnend für die Mäcene der

Renaissance im Vasari heißt. Aber die Tafel bekam Sprünge, darum

vollendete Andrea das Gemälde nicht; es blieb in seinem Atelier und

gelangte endlich mit jener anderen „Assunta“ des Domes von Cortona

in den Palazzo Pitti. In beiden Bildern kann man die Theatertrauer

der Apostel preisgeben; an den braungelockten Putti und der Madonna

selbst bleiben unsere Blicke jedoch willig haften. Freilich, die

himmelanstürmende Seligkeit der Madonna auf Tizians großer Assunta

darf man bei Andrea nicht suchen. Geschaffen für leichtes und frohes

Genießen, vermochte er den Mienen derer keinen Ausdruck glücklicher

Wonne zu geben, die von der „freundlichen Gewohnheit des Daseins

und Wirkens“ scheiden. Seine Madonna fliegt und schwebt nicht,

sondern sitzt gelassen auf einer Art von Wolkenbank, schaut ruhig, in

sonntagstiller Heiterkeit vor sich hin, faltet die Hände wie ein Kind,

das beten will, oder richtet, das Haupt zurückgeneigt, ihren hellen

Mädchenblick harmlos nach oben. Mehr an ekstatischem Weltentrücktsein

konnte dieser große Künstler nicht aufbringen. Oder doch! Freilich,

ein einziges Mal nur, in jener heiligen Agnes des Domes von Pisa. Das

emporgewandte Auge dieses blassen Geschöpfes scheint nichts Erdenhaftes

mehr, sondern nur noch den himmlischen Bräutigam zu gewahren, die

halbgeöffneten Lippen beben seinen Küssen entgegen, den ganzen jungen

Mädchenleib durchzittern erotisch-fromme Schauer vom Haupte, das

sich leise nach rückwärts beugt, bis zu den Zehen herab, die sich

unwillkürlich einwärts krampfen.

Nur der Nimbus macht in diesem Gemälde das Mädchen zur Heiligen.

Es ist ein Halbportrait, wie deren so viele im Cinquecento gemalt

wurden, und man findet leicht von ihnen einen Weg zu den eigentlichen

Frauenbildnissen Andreas del Sarto.

[Illustration: DIE HEILIGE AGNES

_Aufnahme Alinari_

_Pisa, Dom_]

Kein anderer Florentiner kam dem unerreichbaren Lionardo und seiner

Mona Lisa des Louvre so nahe als Andrea in jenem Bildnis Lucrezias

del Fede, das heute der Prado zu Madrid bewahrt. Lionardos grandioses

Objektivieren lag ihm freilich fern. Erhob dieser Francesco del

Giocondos Gattin zum Typus „Weib“, löste er ihn von allen zeitlichen

und lokalen Einschränkungen los, so hielt Andrea, in schroffestem

Gegensatz zu Lionardo, seinen Blick beinahe angstvoll auf +ein+

bestimmtes Wesen gerichtet. Die königliche Würde in Lucrezias

Haltung ist durch die Mona Lisa bedingt, auch jenes „sfumato“, das

geheimnisvoll Verschwimmende lionardesker Farben, machte Andrea sich

zu eigen. Damit sind die Analogien zwischen den beiden Gemälden aber

erschöpft. Für Lionardo handelte es sich um Probleme; Mona Lisa war ihm

Modell, bedeutete ihm nicht mehr und nicht weniger wie ein Grashalm

oder ein Pferdekopf; Andrea wollte mit dem Einsatz seines ganzen

Könnens ein Portrait der Geliebten schaffen: Unnennbar keusch mutet

die Linie des Nackens an, einer Imperatrix könnte diese weiße Stirne

gehören, aber Andreas Lucrezia gebietet dem Leben nicht; unbefriedigte

Sehnsucht, unerfülltes Begehren zittern in den weitgeöffneten Pupillen.

So birgt dies Portrait einen seltsamen, diesmal von Andrea kaum

gewollten Kontrast: voll männlichsten Künstlertums in der Ausführung

charakterisieren Demut und Unterwürfigkeit gegenüber dem Modell seine

geistige Art.

Sinnlich, leicht erregbar, und stets neben einer schönen Frau

schaffend, lernte Andrea, was am Weibe auf Männer wirkt, beugte sich

gern dem Zauber dieses Rätselhaften, suchte in seiner Kunst den

feinsten und letzten Nuancen weiblichen Empfindens und frauenhaften

Raffinements beizukommen. Das turbanartig gefältelte Kopftuch steigert

in dem Madrider Bilde wesentlich den malerischen Eindruck von Lucrezias

Haar, seiner schönen ruhigen Masse dient das unruhige Muster des

Stoffes zum wirksamen Gegensatz, und wie im Gemälde der „Disputa“

jene Locke Magdalenas, so bringt hier das dunkle Seidenband mit der

Troddel den hohen Hals und das Leuchten des Nackens zur Geltung. In

einem Mädchenbildnis der Uffizien wiederum, das wie die Inspiration

eines frohen Augenblickes anmutet, weiß das Modell -- man begegnet ihm

öfters im Werke Andreas -- ganz genau um den Reiz eines hellen Bandes

im braunen Haar und junger Blüten an jungen Busen. Übermütig lachend

deutet dies Schelmenkind mit dem Zeigefinger der Rechten auf eine

schmachtende Canzone im Petrarca, -- eine geistige Koketterie, wie sie

nur der geborene „peintre des femmes“ ersinnen konnte.

Andrea war kein berufsmäßiger Porträtist; er malte anscheinend nur

Menschen, die seinem Herzen nahe standen, und weil man den hingebenden

Ernst seiner Männerbildnisse wohl erkannte, dem „oberflächlichen“

Andrea Seelenstudien an fremden Modellen jedoch nicht zutraute, so

galten und gelten seine Porträts als Selbstbildnisse. Aber nicht das

Modell, sondern nur die fürstliche Auffassung des Menschen ist allen

gemeinsam: der Körper macht eine bisweilen leise Wendung, das Antlitz,

in dem nur die Hauptpartien volles Licht erhalten, bleibt groß und

ruhig dem Beschauer zugekehrt, und dies ernste Vorsichhinblicken leiht

den Porträts eine Hoheit, wie sie keinem Quattrocentobildnis eigen war.

Da ist im Palazzo Pitti ein Jüngling mit mädchenhaften Händen und den

Zügen eines Lyrikers. Germanisch-versonnen blicken seine Augen nach

innen, leise Schwermut umlagert die Lippen, -- so möchte man sich

gern den jungen Andrea denken, aber in den Tagen, da er ein schwarzes

Gewand so wirksam von einem grünen Hintergrunde sich abheben ließ, so

geschickt mit Licht und Schatten umging, muß er schon älter als dies

Modell gewesen sein. Das Londoner „Selbstbildnis“ stellt wiederum nicht

Andrea, wohl aber einen Künstler dar, den sein Temperament rastlos

vorwärts peitschte, den die Wehen und Seligkeiten des Schaffens bald

niederwarfen, bald zu weltenfernen Gipfeln emporhoben. Ein ruhsam

Arbeitender ist er nie gewesen. Mit jähem Ruck hat er in prachtvoller

Lebendigkeit sein Haupt zurück-, dem Betrachter gerade entgegengeworfen

und die Augen glühen in der Wonne der schöpferischen Stunde. Ein

Künstler gänzlich anderen Wesens tritt uns in jenem „Selbstporträt“

des Palazzo Pitti entgegen, von dem auch die Uffizien ein minder gutes

Exemplar verwahren. Vor einem Aristokraten des Empfindens steht man,

vor einem müden Menschen mit wunder Seele, der, wie die irre Glut

seiner Augen verrät, noch immer den Frieden nicht gefunden.

[Illustration: MARIÄ HIMMELFAHRT

_Aufnahme Alinari_

_Florenz: Palazzo Pitti_]

Im einzigen authentischen Selbstbildnis Andreas, im Freskoportrait

der Uffizien sprüht dagegen alles von Lust, Laune und Heiterkeit. Mit

kecker Bravour ist das braune Gewand hingestrichen, verwegen sitzt

die schwarze Kappe auf dem dunklen Haar, und die großen Kinderaugen

leuchten voll Zufriedenheit. Einen sonnigen Augenblick im düsteren

Leben Andreas hält dies Porträt fest, und weil die Geschichte seines

Entstehens den Maler und den Menschen zugleich charakterisiert, möge

Vasaris Bericht hier Platz finden: „Von einer früheren Arbeit war ihm

noch Material geblieben; darum nahm er einen Stein, rief seine Gattin

Lucrezia und sagte ihr: Komm’ her; da jene Farben noch übrig sind,

möchte ich dich malen, damit man erkenne, wie gut du bei deinen Jahren

dich gehalten, und wie dein Aussehen seit den ersten Bildnissen sich

doch veränderte. Aber seine Frau wollte nicht ruhig sitzen, und Andrea,

der vielleicht sein nahes Ende ahnen mochte, malte darum mit Hilfe

eines Spiegels sein Bildnis auf diesen Stein so vortrefflich, ‚che par

vivo e naturalissimo‘“. ...

Andrea del Sarto · 第 2 / 3 段