Des Heimgekehrten harrte eine sonderbare Aufgabe: Federigo G

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Anmerkungen zur Transkription

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[Illustration]

DIE KUNST · SAMMLUNG ILLUSTRIERTER

MONOGRAPHIEN · HERAUSGEGEBEN VON

· RICHARD MUTHER ·

· FÜNFUNDDREISSIGSTER BAND ·

DIE KUNST

SAMMLUNG ILLUSTRIERTER MONOGRAPHIEN

_Herausgegeben von_

RICHARD MUTHER

_Bisher erschienen:_

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Band II. DIE LUTHERSTADT WITTENBERG von CORNELIUS GURLITT

Band III. BURNE-JONES von MALCOLM BELL

Band IV. MAX KLINGER von FRANZ SERVAES

Band V. AUBREY BEARDSLEY von RUDOLF KLEIN

Band VI. VENEDIG ALS KUNSTSTÄTTE von ALBERT

ZACHER

Band VII. EDOUARD MANET UND SEIN KREIS von JUL.

MEIER-GRAEFE

Band VIII. DIE RENAISSANCE DER ANTIKE von RICHARD

MUTHER

Band IX. LEONARDO DA VINCI von RICHARD MUTHER

Band X. AUGUSTE RODIN von RAINER MARIA RILKE

Band XI. DER MODERNE IMPRESSIONISMUS von JUL.

MEIER-GRAEFE

Band XII. WILLIAM HOGARTH von JARNO JESSEN

Band XIII. DER JAPANISCHE FARBENHOLZSCHNITT,

Seine Geschichte -- Sein Einfluß von FRIEDR.

PERZYŃSKI

Band XIV. PRAXITELES von HERMANN UBELL

Band XV. DIE MALER VON MONTMARTRE [Willette, Steinlen,

T. Lautrec, Léandre] von ERICH KLOSSOWSKI

Band XVI. BOTTICELLI von EMIL SCHAEFFER

Band XVII. JEAN FRANÇOIS MILLET von RICHARD MUTHER

Band XVIII. ROM ALS KUNSTSTÄTTE von ALBERT ZACHER

Band XIX. JAMES Mc. N. WHISTLER von HANS W. SINGER

Band XX. GIORGIONE von PAUL LANDAU

Band XXI. GIOVANNI SEGANTINI von MAX MARTERSTEIG

_Fortsetzung auf nächster Seite_

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DIE KUNST

SAMMLUNG ILLUSTRIERTER MONOGRAPHIEN

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_Bisher erschienen ferner:_

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von OSCAR BIE

Band XXIII. VELASQUEZ von RICHARD MUTHER

Band XXIV. NÜRNBERG von HERMANN UHDE-BERNAYS

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Band XXVI. ÜBER BAUKUNST von CORNELIUS GURLITT

Band XXVII. HANS THOMA von OTTO JULIUS BIERBAUM

Band XXVIII. PSYCHOLOGIE DER MODE von W. FRED

Band XXIX. FLORENZ UND SEINE KUNST von GEORG

BIERMANN

Band XXX. FRANCISCO GOYA von RICHARD MUTHER

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Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Karl Vinnen,

Heinrich Vogeler) von HANS BETHGE

Band XXXIII. JEAN HONORÉ FRAGONARD von W. FRED

Band XXXIV. HANDZEICHNUNGEN ALTER MEISTER von

OSCAR BIE

Band XXXV. ANDREA DEL SARTO von EMIL SCHAEFFER

Band XXXVI. MODERNE ZEICHENKUNST von OSCAR BIE

Band XXXVII. PARIS von WILHELM UHDE

Band XXXVIII. POMPEJI von EDUARD VON MAYER

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DIE KUNST

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SCHAEFFER · KARL SCHEFFLER · FRANZ

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STAHL · HERM. UBELL · HERM. UHDE-BERNAYS

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[Illustration]

SELBSTBILDNIS

_al fresco_

[Illustration: DIE KUNST]

_Florenz: Uffizien_

DIE

KUNST

HERAUSGEGEBEN · VON

RICHARD MUTHER

ANDREA DEL SARTO

VON

EMIL SCHAEFFER

MIT EINER HELIOGRAVÜRE UND VIERZEHN

VOLLBILDERN IN TONÄTZUNG

⠶ BARD, MARQUARDT & Cᵒ ⠶

_OLGA MAUKSCH

GEWIDMET_

Die Sehnsucht vieler Historiker des Kunstschaffens ist, ein paar

ärmliche Berichte aufzustöbern, um jenes Dunkel zu erhellen, das

zuweilen die äußeren Formen einer Künstlerexistenz umlagert. Aber kommt

dem Biographischen wirklich jene große Bedeutung zu? Sind Jahreszahlen

und Notizen in Wahrheit Schlüssel, die uns Einlaß verschaffen ins

Allerheiligste des Kunsttempels, ziehen Anekdoten die Schleier von den

Geheimnissen einer Künstlerpsyche? Giotto hat einmal eine ketzerische

Äußerung über die unbefleckte Empfängnis Marias getan: beeinträchtigt

das unser Verhältnis zu den frommen Fresken im Assisi? Von Tizians

Geldgier wird uns mancherlei erzählt: vermag unser Verständnis

eine Brücke zu schlagen von der Knauserei eines alten Mannes zur

schimmernden Pracht seiner Bilder? Nein; und was für uns Spätgeborene

an einem Künstler, der vor Hunderten von Jahren starb, noch lebendig

ist, können uns einzig und allein seine Werke sagen und nur jenes

innere Leben, das in ihnen beschlossen liegt, sollte uns angehen.

Zuweilen freilich, aber selten genug, bedeuten Bilder den farbigen

Abglanz eines Künstlerdaseins; das mönchisch-kindliche Dahinleben Fra

Angelicos spiegelt sich im goldenen Himmelsfrieden seiner Fresken, das

wüste Draufgängertum des Franz Hals in der Furia seines Pinsels, und es

gab einen großen Maler, bei dem Kunst und Leben so innig miteinander

verquickt scheinen, daß man die Tragödie des Menschen kennen muß, um

seinen Werken nicht unrecht zu tun. Dieser Maler war der Florentiner

+Andrea del Sarto+ ...

Seine Jugend unterschied sich wenig von der anderer Florentiner

Künstler. Den Siebenjährigen, der kaum schreiben und lesen konnte,

brachte sein Vater, ein armer Schneider, zu einem Goldschmied; bald

jedoch vertauschte Andrea, seinem inneren Drange gehorchend, den

Punzierstift mit der Palette. Die Anfangsgründe des Handwerks lehrte

ihn Gian Barile, ein schlechter Maler, der aber viel Respekt vor der

Kunst besessen haben muß. Denn als er das frühreife Talent des Schülers

erkannte, verzichtete Gian aus freien Stücken auf den gewandten

„garzone“ und führte selbst den Knaben zum flandrischsten aller

Florentiner Maler, zu Piero di Cosimo. Von den vlaamischen Meistern,

besonders von Hugo van der Goes, hatte Piero jene tiefen, von innen

heraus leuchtenden Farben übernommen, mit nordischen Augen die Natur

betrachten gelernt. Wenn Andrea später die Dinge als Farbenflächen

empfand und in der Natur mehr sah als eine Hintergrund-Staffage, so hat

er das gewiß seinen Lernjahren bei Piero di Cosimo zu danken. Außerdem

kopierte er damals Michelangelos Karton für jenes Fresko der „badenden

Soldaten“, das, nie ausgeführt, einen Saal im Palast der Signorie

schmücken sollte. Auch das geriet seinem Schaffen zum Heil. Dieser

Formensprache von bisher unerhörter Kraft und Freiheit entnahm er jenen

machtvollen Schwung, der den besten seiner Schöpfungen eigen, hier

lernte er, den Menschen mit „großen Augen“ anzublicken.

Auf die Dauer machten ihm Pieros tausend Sonderbarkeiten das

Zusammenleben mit dem Meister unmöglich: In die verstaubte Unordnung

seines Ateliers durfte keine fremde Hand säubernd eingreifen, aber

auch die Pieros tat es nicht; eine Fliege an der Wand konnte ihm

Wutanfälle bereiten; hypochondrischen Wesens, dichtete er sich alle

möglichen Leiden an, um den Schüler dann mit Angstvorstellungen zu

schrecken, -- kurz, es ging nicht länger. Darum tat sich Andrea

mit seinem etwas älteren Freunde Franciabigio zusammen, die beiden

Jünglinge mieteten ein gemeinsames Atelier und gedachten mit dem

schönen Enthusiasmus der Jugend, einander nicht mehr zu verlassen. Im

alten Gebäude der Sapienza hausten sie, Wand an Wand mit Francesco

Rustici, dem Bildhauer, und jenem Jacopo Tatti da Sansovino, der

in Venedig dereinstens so herrliche Paläste aufführen sollte. Ihm

besonders schloß Andrea sich an, und oft sprachen die beiden glühenden

Auges „bis spät in die Nacht hinein von der Kunst und ihren schweren

Problemen“. Aber ihr toskanisch heiteres Temperament bewahrte sie

davor, in jungen Jahren schwerblütigen Grübeleien nachzuhängen. Mit

ihren Freunden, den Malern Spillo und Roberto Lippi, dem kleinen Sohn

des großen Filippino, mit dem allzeit lustigen Domenico Puligo, der

so gern die schönen Hetären konterfeite, gründeten sie eine fröhliche

Kneipgesellschaft, die „Accademia del Pajolo“, und ernannten Rustici

zum Präsidenten der sonderbaren „Akademie des Kessels“. Diesem Kreise

las Andrea seinen „Froschmäusekrieg“ vor, ein scherzhaftes, der Antike

geschickt nachgeahmtes Epos in „ottave rime“; hier verspottete er die

Anhänger des Vitruv durch eine geistreiche Küchen-Architektur, zwängte

alle möglichen Dinge, Marzipan, Gallert und Würste, Parmesan und

Krammetsvögel, in die edlen Formen eines hellenischen Tempels ...

[Illustration: STUDIENKOPF

_Aufnahme Brogi_

_Florenz: Uffizien_]

Der Tag blieb jedoch dem Ernst der Arbeit gewidmet, und bald war Andrea

keiner der Geringsten mehr in Florenz. Als die „Disciplinati di San

Giovanni Battista“, eine Laien-Bruderschaft, ihren Versammlungsort,

das „Chiostro dello Scalzo“, mit Fresken zu schmücken gedachten, um

das Leben und Sterben ihres Schutzpatrons stets vor Augen zu haben,

wandten sich ihre Vorsteher an den jungen Andrea und hatten dies Wagnis

kaum zu bereuen. Den Servitenmönchen wiederum mußte er die Wundertaten

ihres Ordens-Stifters, des heiligen Filippo Benizzi in der Vorhalle der

Annunziatakirche schildern und empfing für jedes Fresko den Bettelsold

von zehn Scudi. Die Mönche durften sich des ungleichen Handels freuen;

denn alle Kirchgänger bewunderten das Werk Andreas, und auch dieser

war zufrieden; die Florentiner lernten seinen Namen aussprechen, und

der karge Lohn genügte seinen geringen Bedürfnissen; konnte er doch

sogar den Vater, der ihm noch immer Wohnung gab, mit seinen Einnahmen

unterstützen.

Da trat auf seinem Lebenspfade ihm das Weib entgegen, und nun wurde

alles mit einem Male anders. +Lucrezia del Fede+ hieß sie und war

die Gattin des Carlo di Domenico, der in der Via San Gallo Mützen und

Barette feilbot. Von berückend harmonischer Körperpracht und jenen

königlichen Gebärden, die den Italienerinnen zuweilen eigen, mochte sie

leicht ein formenfreudiges Malerauge blenden. Das Schicksal zeigte sich

der Liebe Andreas kupplerisch geneigt. Von dem Mützenmacher, der ihm

den Weg zu seinem Paradies erschwert hatte, befreite ihn dessen Tod,

und nach kurzer Anstandsfrist schaltete Lucrezia als Gattin im Hause

Andreas. Sein Schüler Giorgio Vasari hat uns in ergreifenden Sätzen die

Geschichte dieser Ehe überliefert. Als einen Vampyr hat er Lucrezia

hingestellt, die den unglücklichen Andrea bis aufs Blut peinigte,

aussaugte, um seinen ehrlichen Namen brachte und den Sterbenden endlich

einsam verröcheln ließ. Vasari berichtet aber auch, daß Lucrezias

Launen ihm selber böse Stunden bereitet hätten, und vielleicht gaben

jene alten Erinnerungen seinen Worten ihre seltsam wilde Bitterkeit.

Diese Heirat -- erzählt er -- zog Andrea wegen der niedrigen Herkunft

seiner Gattin den „allgemeinen Haß“ und im besonderen „die Verachtung

seiner Freunde“ zu. Das ist zweifellos übertrieben. Ein älterer

Zeitgenosse Andreas, Bernardo Rucellai, hat einmal gesagt, man solle

nur eine schöne und vermögende Frau von guter Herkunft heiraten.

Die schöne Lucrezia brachte Andrea nachweisbar die für jene Tage

nicht unbeträchtliche Summe von hundertundfünfzig Goldgulden in die

Ehe mit, und was „die gute Herkunft“ anlangt, -- man hat in Florenz

noch ganz andere Dinge lächelnd verziehen ... Nur paßten die beiden

schlecht zusammen. Das ist gewiß. Andrea war das große Künstlerkind;

im Augenblicke lebend, hilflos kluger Schlauheit gegenüber, und,

vor allen Dingen, fremd den Dingen dieser Welt und ihrer trivialen

Alltäglichkeit. Eine feminine Natur, bedurfte er der Stütze; eine

gütige Frauenhand hätte ihm die Pfade ebnen, sein Leben mit zärtlicher

Sorgfalt umkleiden müssen ... Das gerade hat Lucrezia nie getan,

vielleicht gar nicht tun können. Sie war eben eine Bourgeoise,

genauer, eine italienische Bourgeoise: bigott, eitel und stets auf

ihren Vorteil bedacht. Ihrem Gatten, meinte sie, sei es von Gott als

selbstverständliche Pflicht auferlegt, stets soviel Geld zu erarbeiten,

wie ihre schönen Kleider kosteten. Gewiß beneideten sie alle Frauen

der Nachbarschaft um solchen Prunk. Daß um ihrer bunten Gewänder und

goldenen Spangen willen ein großer Maler seinen heiligen Künstlerernst

opfern mußte, -- für diese Tragik besaß Lucrezia kein Verständnis,

und Andrea, der schwache Sinnenmensch, stand sein Leben lang im Bann

ihres herrlichen Körpers, der zu seinem Unglück keine Seele barg. Der

Florentiner Palazzo Pitti bewahrt, von einem Schüler Andreas gemalt,

ein ergreifendes Doppelbildnis dieses Ehepaares: Schüchtern und

behutsam, gleich dem Arzte, der einem Kranken nicht weh tun möchte,

legt Andrea seine Rechte um Lucrezias Nacken; ein Blick voll zärtlicher

Angst fleht zur Gattin empor, die, an ihm vorbei, ins Weite starrt

... Erinnert man sich vor diesem Gemälde an jenes Bild in Dresden, an

Saskia, die, von Rembrandts festem Arm gestützt, sich wohlig auf seinem

Schoße wiegt; an Rubens, wie er im Gemälde des Genueser Palazzo Bianco

als Gott der Schlachten die stahlumschiente Rechte auf den Busen seiner

Venus, Helena Fourments, legt, so offenbart sich unseren mitleidigen

Blicken jene ganze Tragödie, die Andrea del Sarto durchleben mußte.

[Illustration: DIE VERKÜNDIGUNG AN MARIA

_Florenz, Palazzo Pitti_]

Auch seine weltfremde Schüchternheit trug viel zu seinem Unglück bei.

Nicht, daß ihm Künstlerstolz gemangelt hätte. Demütig vor dem Genius,

der ihn begnadet, wußte er doch genau, wie hoch er sich einzuschätzen

habe. Als Niccoli Soggi, eine Provinzgröße, sich unterfing, ihn

dummdreist zum Wettmalen herauszufordern, erklärte ihm Andrea sehr

von oben herab: „Ich habe hier einen Knaben, der wenig von der

Kunst versteht; willst du mit diesem da wetten, so mag ich gern die

Summe für ihn einsetzen ...“ Nur fehlte ihm jegliches Talent zum

Geschäftsmann, seine Ziele waren niemals Zahlen, das „Verdienen“ lag

seinem aristokratischen Wesen nicht; er konnte auch niemals Geld lange

bei sich halten. Das wußte man in Florenz. Einheimische „Mäcene“ und

fremde Kunsthändler warteten daher die Tage der leeren Kasse ab, „wo

Andrea sich mit jedem Preise begnügte“. Zaghaft und selbstbewußt

zugleich, konnte er niemals Forderungen stellen. Darum durfte ihn die

Scalzi-Brüderschaft mit dem Schandlohn von sechsundfünfzig Lire für

jedes große, und einundzwanzig Lire für jedes kleine Fresko abfertigen,

darum unterfingen sich die Servitenmönche, dem Meister auf der Höhe

seines Ruhmes für das Lünetten-Fresko der „Madonna del Sacco“ nur

zehn Scudi zu bieten, -- und Andrea nahm sie an. Wohlmeinende zahlten

ihm kopfschüttelnd, oft sogar verlegen die geringen Summen, die er

begehrte; manche hatten dabei das Gefühl, ihn zu betrügen; die meisten

aber lachten über seine Ungeschicklichkeit, „und wenn sie Andreas

Gemälde verkauften, erzielten sie das dreifache jenes Betrages, den sie

dem Künstler gezahlt ...“

Indessen hatte der Name Andreas del Sarto weit über die Gemarkungen der

Vaterstadt hinaus sich einen guten Klang erobert. Schon zeigte man in

den Florentiner Kirchen allen Fremden voll Stolz Andreas Bilder, und

als er beim Einzug Leos X. den façadelosen Dom mit einer Scheinfront

in Chiaroscuro schmückte, bedauerte nicht bloß der Papst, daß all’

diese große Kunst nur der müßigen Freude weniger Tage dienen sollte.

Bis über die Alpen war sein Ruhm gedrungen, und kein Geringerer als

der stolzeste König des Erdkreises, Franz I. von Frankreich, berief

Andrea nach Paris. Er folgte willig. Im Mai des Jahres 1518 trat er

die Reise an, nicht ohne vorher dem anscheinend etwas mißtrauischen

Schwiegervater den Empfang von Lucrezias Mitgift mit seiner

Unterschrift bestätigt zu haben. Hundertfünfzig Goldgulden! Das mochte

den Leuten in der Via San Gallo viel bedeuten, aber wenig für einen

Hofmaler der allerchristlichsten Majestät. Empfing Andrea doch gleich

nach seiner Ankunft für ein Bildnis des vier Monate alten Dauphin

dreihundert blanke Scudi, und als der schenkensfrohe Monarch Andreas

Gemälde der „Charitas“ gesehen, ließ er dem Künstler ein ständiges

Jahresgehalt aussetzen. Der Florentiner Kleinbürger muß, mit seidenen

Gewändern angetan, sich an diesem Hofe wie in einem Märchenlande

gefühlt haben. Hier waren nicht nur -- ein Gesandter des Herzogs von

Ferrara hat es festgestellt -- „die meisten Flöhe und Wanzen der Welt“,

sondern auch ihre glänzendsten Kavaliere, ihre herrlichsten Frauen, und

sie alle überschütteten den Schneidersohn mit Gunst und Ehren. Louise

von Angoulême, die Königin-Mutter, der Connétable Anne de Montmorency

beehrten sein Atelier mit häufigen Besuchen. Der König selbst war ihm

huldvollst gewogen, und alle Herren seines Gefolges stritten sich um

Gemälde von Andreas Hand. Und doch war Andrea, durch die Alpen von

Lucrezia getrennt, nicht glücklich. Er wahrte seiner Gattin die Treue,

vielleicht der einzige an jenem Hofe, von dessen Damen sogar ein

Zeitgenosse berichtet: „Vrayment, de toutes celles que je lui ay jamais

veu et cogneu, je n’en ay jamais veu aucune, qui n’allast au change

plus que les chiens de la meute à la chasse au cerf ...“ Der Louvre

besitzt eine „Heilige Familie“, die Andrea damals schuf: das Antlitz

Marias trägt die Züge der fernen Lucrezia; denn „wollte er auch einmal

andere Frauen als Modell nehmen“ -- erzählt Vasari -- „so ähnelten

sie doch fast immer Lucrezia, weil er stets sie allein erblickte, sie

so oft gezeichnet und, vor allem, weil er ihre Mienen seinem Herzen

eingegraben hatte“. Sie sandte ihm Briefe voll Sehnsucht, schilderte

in traurigen Worten die freudlosen Tage ihres Einsamseins, -- da hielt

es Andrea nicht länger; er bat den König um halbjährigen Urlaub,

schwor einen heiligen Eid, nicht einen Tag über Gebühr fortzubleiben,

empfing große Summen, dem König Antiken und Gemälde dafür in Florenz zu

erstehen, und kehrte, halbfertige Bilder unvollendet lassend, fröhlich

nach Hause zurück.

In Florenz „erfreute er sich“ -- wie es plastisch bei Vasari heißt --

„einige Monate hindurch der Schönheit Lucrezias“, vergaß bei ihren

Küssen seines Schwures, der Rückkehr und -- das Schlimmste -- des

anvertrauten Geldes, machte auf des Königs von Frankreich Kosten seiner

Gattin reiche Geschenke und baute sich endlich ein kleines Haus in der

Via del Mandorlo. Aus dem wonnigen Sinnenrausch erwachte Andrea als

meineidiger Dieb. Nicht alle mehr erwiderten auf der Straße seinen

Gruß. Nun wollte er zurück zu seinem schwergekränkten Herrn, kniefällig

seine Verzeihung anflehen. Lucrezia hintertrieb die Reise. Andrea,

der sich zudem wieder mit wenigem bescheiden mußte, litt jedoch an

seinem Betrug. Mit dem ganzen Aufwand seines reichen Könnens malte er

für seine französischen Gönner herrliche Bilder, um ihre Vermittelung

beim König zu gewinnen. Aber die Gemälde mußte er, Geldes bedürftig,

immer wieder in Florenz verkaufen; zudem war der König dermaßen

erzürnt, „daß er lange Zeit keinen Florentiner Maler wohlwollenden

Blickes anschauen konnte, und er schwur, käme Andrea jemals in seine

Gewalt, so würde er ihn mehr leiden machen, als er ihm Gutes habe

erweisen wollen ...“

[Illustration: DIE GEBURT MARIAS

_Aufnahme Alinari_

_Florenz: Chiesa della SS. Annunciata_]

Nicht lange weinte Andrea untätig seinem verlorenen Paradiese nach. Die

Bruderschaft der Scalzi hatte, seine Rückkehr nicht mehr erhoffend,

zwei Fresken bereits seinem Freunde von ehemals, dem Franciabigio

übertragen, jetzt erinnerte man sich gern des alten Vertrages, und

Andrea war froh, den Florentinern einen Beweis seiner ungeschwächten

Kunst geben zu dürfen. Noch einmal mußte er dies Werk im Stiche lassen.

Im Jahre 1523 nämlich brach eine Pest aus, die, bald schwächer, bald

grausamer wütend, die Arnostadt bis zum Unglücksjahr 1527 verheerte.

Florenz muß damals einen entsetzlichen Anblick geboten haben: „der ist

tot“, -- heißt es in einem Bericht jener Tage -- „der andere krank,

der eine entflohen, der zweite eingeschlossen, der dritte im Spital,

der vierte auf Wache, von dem fünften weiß man nichts ...“ Andrea

machte Testament und flüchtete mit den Seinen ins ebenso schöne wie

verborgene Mugellotal; dort malte er den Nonnen von San Piero in

Luco, die ihn, Lucrezia und deren Schwestern mit Aufmerksamkeiten

überhäuften, jene Darstellung der „Pietà“, die heute der Palazzo Pitti

bewahrt.

Des Heimgekehrten harrte eine sonderbare Aufgabe: Federigo Gonzaga,

der Markgraf von Mantua, hatte in Florenz Raffaels Portrait Leos X.

erblickt und von Clemens VII. als Geschenk sich erbeten. Der Papst

konnte nicht gut „Nein“ sagen, und befahl seinem Verwandten Ottaviano

de’ Medici, einem besonderen Gönner Andreas, das Bild nach Mantua

senden zu lassen. Ottaviano, ein echter Medici, wollte jedoch Florenz

dieses Juwels nicht berauben. Er hielt den Markgrafen hin, bis Andrea

in tiefster Heimlichkeit eine Kopie des Gemäldes vollendet hatte.

Heute kann man diese im Museum von Neapel betrachten; und angesichts

ihrer echt sartesken blonden Farben läßt sich’s schwer begreifen,

daß, laut Vasari, zu Mantua niemand, nicht einmal Giulio Romano, der

doch an Raffaels Portrait mitgemalt, den Betrug gemerkt haben sollte.

Das nächste Jahr, 1526 brachte endlich die Vollendung der Fresken im

Scalzo und vielleicht schon den Beginn seines letzten großen Werkes,

des „Abendmahles“ im Kloster von San Salvi. Nur infolge eines Wunders

dürfen wir uns heute seiner Schönheit noch erfreuen. Um bei der

Belagerung von Florenz den Feinden keinen Stützpunkt zu bieten, sollten

nämlich anno 1529 Kirche und Kloster niedergerissen werden. Schon hatte

man damit begonnen, erzählt der Historiker Benedetto Varchi, schon

drangen Bürger und Kriegsknechte zerstörungswütig ins Refektorium

ein, da erschauten sie plötzlich dies Cenacolo, „und alle blieben

stehen und schwiegen still, als wäre ihnen die Zunge erlahmt, und sie

wollten nicht weiter fortschreiten im Werke der Vernichtung ...“ Noch

während die spanischen und deutschen Söldner Florenz umzingelt hielten,

wurde Andrea ein Auftrag von Staats wegen zuteil, den er freilich am

liebsten rundweg abgelehnt hätte: Einige Florentiner Kapitäne waren

zum Feinde desertiert und nach alttoskanischem Brauche sollten ihre

Bildnisse -- mit dem Kopf nach unten -- auf die Mauer des Palazzo del

Podestà gemalt werden. Castagno und Botticelli hatten im Quattrocento

sich für solche Scharfrichterkunst hergeben müssen; Andrea, dem sie

reichlich verhaßt war, bestieg nur in dunkler Nacht sein Gerüste und

erklärte öffentlich, nicht er, sondern sein Gehilfe Bernardo del Buda

habe dies Fresko geschaffen. Aber noch bewahren die Uffizien jene

prachtvolle Studie Andreas zu einem der Verräter, -- die einzige

Erinnerung an dies Fresko, das nach dem Ende der Republik natürlich

von der Mauer heruntergeschlagen wurde. Denn vergebens hatten die

Florentiner ihre Villen und Klöster geopfert, vergebens ein Jahr im

täglichen Kampfe ausgeharrt. Die Schwerter der kaiserlichen Soldateska

bereiteten ihrer Freiheit ein blutiges Ende. Ob Andrea dies sehr

schmerzlich empfinden mochte? Er war kein starrer Republikaner wie der

von ihm vergötterte Michelangelo; dem „giuoco del mondo“, den Händeln

Italiens stand er gleichgültig gegenüber. Die Kunst, die Freunde und

sein Weib, seine Lucrezia, -- damit war Andreas Horizont begrenzt; was

darüber hinauslag, kümmerte ihn nicht. Er hätte sich auch im neuen, im

großherzoglichen Florenz zurecht gefunden. Es ist nur ein tragischer

Zufall, daß Andrea, der letzte große Künstler, in dem die alten

Florentiner Traditionen mächtig waren, fast zugleich mit dem alten

Florenz gestorben ist. Dem Leidenden stand dabei kein Freund tröstend

zur Seite, und auch Lucrezia, die sein brechendes Auge vergebens

suchte, war vom Bett des Gatten, den sie pestkrank wähnte, geflohen. So

schied am 22. Januar des Jahres 1531 Andrea, „fast ohne daß es jemand

gewahrte“, aus einem glück- und leidvollen Dasein, das neun Lustren nur

gewährt und doch der Nachwelt Unvergängliches geschenkt hatte. Jene

Servitenmönche, die dem Lebenden stets so kargen Lohn gegönnt, haben

den Toten „mit wenig Ceremonien“ in der Annunziata, der Stätte seines

Wirkens, beigesetzt.

[Illustration: DETAIL AUS DER GEBURT MARIAS

_Fresko_

_Florenz: Kirche der Santissima Annunziata_]

Lucrezia, die Andreas künstlerischen Nachlaß sich teurer bezahlen ließ,

als es die Art des Gatten gewesen, hat ihn um volle neununddreißig

Jahre überlebt. Sie begrub noch ihre einzige Tochter aus erster

Ehe -- von Andrea hatte sie keine Kinder -- und rief gegen ihren

Schwiegersohn, der ihr einige Stücke Wäsche aus dem Nachlaß

vorenthielt, den Beistand des Herzogs an. Als Greisin ging sie, um

ihres Seelenheiles willen, jeden Morgen in die Annunziatakirche. Dort

copierte der junge Jacopo da Empoli, der die Staffelei Andreas erworben

hatte und wie eine heilige Reliquie bewahrte, die Fresken ihres Gatten.

Und oft setzte Lucrezia sich zu dem Jüngling. Dann zeigte ihm die

verrunzelte alte Frau mit welkem Finger ihr Portrait in dem Fresko der

„Geburt Marias“, wo Andrea sie gemalt, als noch das Leuchten der Jugend

sie umflossen; und mancherlei erzählte sie dem Horchenden aus längst

versunkenen Tagen, in denen sie Andrea Modell gestanden, was er gesagt

und getan, und wie sie einander stets geliebt hatten. ...

* *

*

Andrea del Sarto gehörte zu jenen begnadeten Künstlern, die, einer

ererbten Formensprache sich erfreuend, gleich fließend sprechen,

ohne je vorher gestammelt zu haben. Seine Fresken bringen eine fast

spielerisch gegebene Lösung all’ jener Probleme, um die, mehr als

hundert Jahre lang, drei Künstlergenerationen sich gemüht haben. Die

Stilgesetze des Freskos, wie sie Giotto und Masaccio in ewig gültiger

Weise formuliert hatten, beherrschte Andrea besser als etwa Ghirlandajo

oder Filippino Lippi. Er wußte, eine raumschmückende Kunst könne auf

die strenge große Linie unmöglich Verzicht leisten, und in Kirchen

dürfe man nicht lärmen, sondern nur mit feierlich gedämpfter Stimme

reden. Darum begnügte er sich mit dem zur Handlung unumgänglich

Notwendigen, und vermied sorgsam Episoden, deren billige Anmut das

Interesse vom Hauptvorgang hätte ablenken können. Darum suchte er seine

Menschen und die Hintergründe, vor denen sie sich bewegen, stets zur

Einheit formaler und geistiger Art zu gestalten, darum haßte er die

grelle Buntheit der Farben ebenso wie die Anhäufung von Menschenmassen,

kurz, jene aufdringliche Orchestrierung, die während des Quattrocento

alles Interesse von der Melodie auf die Begleitung übertragen wollte.

Schon früh muß Andrea über seine Ziele ebenso wie über die Grenzen

seiner Begabung mit sich im Reinen gewesen sein. Das künden vornehmlich

genug seine ersten Fresken im Vorhof der Annunziatakirche. Ihr Vorwurf,

die Taten des heiligen Filippo Benizzi, mochte ihn wenig fesseln.

Es sind die normalen Wunder, die jeder italienische Normalheilige

vollbrachte: San Filippo teilte, wie uns das erste Fresko lehrt,

sein Gewand mit einem Aussätzigen; das zweite zeigt, wie er Spielern

ins Gewissen redet, und als sie den Gottgesandten verhöhnen, schlägt

sofort der Blitz in eine Ulme, um deren Stamm die Frevler sich gelagert

hatten; zwei der Schuldbeladenen büßen ihre Verruchtheit mit dem Tod,

die andern stieben entsetzt auseinander. Im dritten Fresko heilt er ein

armes, vom höllischen Dämonen gepeinigtes Weib; ein totes Kind, das man

im vierten zur Bahre des sterbenden Heiligen bringt, erwacht zu neuem

Leben, indes die Mönche weinend von ihrem Prior Abschied nehmen; im

fünften endlich gesunden Bresthafte durch das Anrühren der Reliquien

des Heiligen ...

Im ersten Fresko löste Andrea nach hergebrachter Sitte die Handlung

in mehrere Einzelvorgänge auf; trotzdem reichte das dürftige Thema

nicht aus für die große Wandfläche, und überdies vermochte der

Anfänger das Verhältnis der Figuren zur braunen Felsenlandschaft

-- sie entstammt noch dem Inventar Pieros di Cosimo -- nicht recht

abzuschätzen. Und doch, -- woran seit Masaccios Tagen kein Freskomaler

in Florenz mehr gedacht, der junge Andrea strebte es hier an, wollte

aus Menschen und Landschaft nicht nur ein Raumganzes, sondern über

alle Quattrocentokunst herausgehend, auch eine Stimmungseinheit

schaffen. Angesichts dieser rötlichen Wolken am mattblauen Himmel,

des seltsam Abendlich-Stillen jener Gestalten, die ruhig den Feldweg

dahinschreiten, lernen wir unwillkürlich jenes schwer zu definierende

Wort „Stimmung“ aussprechen, das uns nie vor einem Fresko Ghirlandajos,

Cosimo Rossellis oder Filippinos einfiele. Um einen literarischen

Vergleich anzuwenden, das Quattrocento erzählt, Andrea dichtet.

[Illustration: DIE DISPUTA

_Aufnahme Alinari_

_Florenz, Palazzo Pitti_]

Im zweiten Fresko geben die Linien der Figuren und der Landschaft,

die wiederum an Pieros di Cosimo Hügel erinnert, schon einen besseren

Zusammenklang. Andrea schob das braune Gestein links und rechts

ziemlich nach vorn; dadurch bekam er den Mittelgrund frei, und

ungehindert vermag das Auge, über Brücken und hellbelaubtes Buschwerk

hinweg, in blaue Fernen zu gleiten. Dafür offenbart dies Fresko eine

Schwäche des Künstlers, die zu tief im Wesen des Menschen begründet

lag, als daß sie Andrea jemals völlig hätte überwinden können: seine

geringe Befähigung, dramatische Begebenheiten packend zu schildern.

Seine Stärke lag in jenem fehlerlosen Zeichnen, das ihm den Beinamen

„senza errori“ verschafft hatte, in einem nie versagenden Instinkt

für das Malerisch-Wirksame und in der großzügigen Komposition; er

vermochte, wie selten einer, Menschen zu malen, die sich in glückvoller

Heiterkeit dem Dasein geben, er war ein Künstler leisen Schluchzens

und verhaltener Thränen, aber für den Schrei der Leidenschaft fand

er keine Töne, den Momenten eines aufs höchste gesteigerten, eines

konzentrierten Lebensgefühles stand er ratlos gegenüber. Die Gesten

der fliehenden Frevler hier scheinen so leer und konventionell,

daß man sie heute als „akademisch“ belächeln würde; die erhobene

Rechte des Heiligen mit ihrem ausgestreckten Zeigefinger entbehrt

alles Zwingenden, aller wuchtigen Größe; wollte er den Weg weisen,

so könnte die Gebärde kaum dürftiger ausfallen, und das erschreckte

Roß endlich, das, vor dem Blitze scheuend, jäh sich aufbäumt,

mußte er einer Studie Lionardos da Vinci für das Trivulzio-Denkmal

entlehnen. Solche Reminiscenzen sind keine Seltenheit im Werke

Andreas. Reichtum der Erfindung war seine Sache nicht, und handelte

es sich um die Darstellung komplizierter Bewegungsmotive, so nahm er

beinahe regelmäßig seine Zuflucht zum unerschöpflichen Formenschatz

Michelangelos. Den Karton der badenden Soldaten, die Kranzträger

der sixtinischen Decke, ihre Propheten und Sybillen, die seltsamen

Körperdrehungen der Michelangelesken Christuskinder, -- an alledem

hat Andrea sich gern inspiriert, aber stets das Titanenhafte, den

finsteren Ernst des Riesen ins Liebenswürdig-Heitere gemildert, aus dem

Männlichen gleichsam ins Weibliche übersetzt.

Raschen Schrittes verfolgte Andrea nunmehr den Pfad zur Meisterschaft.

Im dritten Fresko bildet, was die Komposition anlangt, die Architektur

des Hintergrundes durch ihren ruhigen Ernst den angenehmsten Kontrast

zu den leicht bewegten Gruppen, die den Heiligen und die Beute der

Dämonen im Halbkreis umringen. Ein Maler des Quattrocento hätte

dieser Scene jedenfalls mehr Zuschauer gegeben, aber sie wären als

teilnahmslose Statisten, in gelassener Gleichgültigkeit herumgestanden.

So schaut z. B. auf Ghirlandajos Fresko der Verkündigung an

Zacharias in der Kirche von St. Maria Novella kein einziger von

den einundzwanzig Männern, die den Vordergrund füllen, nach dem

überirdischen Boten hin, kein einziger lauscht den Worten des Engels.

Andrea macht die Heilung der Kranken nicht bloß zum räumlichen,

sondern auch zum geistigen Mittelpunkt des Ganzen. Beinahe alle wenden

ihr Antlitz dem aufregenden Vorgang zu, ein mitleidiges Flüstern

durchläuft die Reihen dieser Männer, deren lässig-weiche Haltung und

verträumte Art des Blickens sie den Epheben eines Praxiteles verwandter

erscheinen läßt als ihren Vätern, den robusten Bürgern Ghirlandajos.

Das vierte Fresko, in dem die Figur des wiedererweckten Kindes Fra

Filippo Lippis Grablegung des heiligen Bernhardin in der Kathedrale

von Prato entnommen scheint, offenbart am mächtigsten den neuen, oder,

wenn man will, den alten Geist, der Andreas Kunst beseelte. In der

Cappella Sassetti von St. Trinità hatte auch Ghirlandajo solch eine

Erweckungs-Scene gemalt: Die Bahre mit dem Knaben aus dem Hause Spini

und der heilige Franziskus in seiner Wolkenglorie nehmen freilich

die Mitte des Freskos ein, aber man gewahrt das Wunder kaum; denn

unwillkürlich verweilt das Auge bei der Familie des Stifters, den

Sassetti, die sich, begleitet von ihren Frauen und Kindern, sämtlich

eingefunden haben. Andrea läßt nur wenige Mönche voll tiefer, aber

gefaßter Trauer dem Heiligen zur Seite stehen, und in schweigender

Ergriffenheit beugen sie demütig ihr Haupt vor jener Macht, die Toten

das Leben wieder zu schenken vermag. Eine Schwäche dieses Freskos,

die es übrigens mit dem letzten in der Reihe teilt, muß noch erwähnt

sein. Hier wie dort scheinen die Baulichkeiten allzu weiträumig und die

schlanken Menschen zu zart, zu feingegliedert im Vergleich zur schweren

Massigkeit dieser Architrave und Pilaster.

[Illustration: LA MADONNA DELL’ ARPIE

_Aufnahme Alinari_

_Florenz, Uffizien_]

Die energische Betonung des Hauptvorganges schloß natürlich jene

Aufdringlichkeit des Portraits aus, die während der zweiten Hälfte

des Quattrocento heilige Legenden zu Bildern aus dem Florentiner

Straßenleben herabgewürdigt hatte. Ganz mochte Andrea freilich nicht

auf das Portrait verzichten. Eine lyrische, für Freundschaft dankbare

Natur, wollte er Menschen, die seinem Leben frohe Stunden geschenkt,

auch in seinem Werke nicht missen. Aber nur wenige Bildnisse zählen

wir, und keines führt eine derartig eigene Existenz wie etwa ein

Portrait bei Ghirlandajo. Das macht sich besonders auffällig im ersten

Fresko der rechten Vorhalle, in der „Anbetung der Könige“, bemerkbar.

Die Quattrocentokunst durfte, bei diesem Thema ihrer Freude am

Bildnis nachgebend, hervorragende Bürger und „die Consorteria“, d. h.

die Familie des Bestellers, ins Gefolge der Könige reihen. Bei Andrea

zählen wir nur zwei Portraits. In unmittelbarer Nähe des jüngsten

Königs, der leise an die Menschen Lionardos gemahnt, erblicken wir

Jacopo Sansovino und, an seiner Schulter lehnend, Andrea selber, der

-- eine liebenswürdige Koketterie -- seine Rechte, die aus dem Fresko

herausdeutet, in einer ungemein schwierigen Verkürzung gezeichnet

hatte. Einzig im Fresko der Geburt Marias tritt die Handlung vor

dem Bildnis zurück: Beinahe achtlos gleitet unser Blick an der

heiligen Anna vorüber, die, gleich den Prälaten auf Andrea Sansovinos

Gräbern in St. Maria del Popolo zu Rom, halb aufgerichtet, sich an

die Rückwand des pompösen Renaissancebettes lehnt; wir sehen auch

Jonathan nicht, der, ein Abkömmling von Michelangelos Propheten,

nachdenklich im Hintergrunde des Gemaches sitzt; jene Frauen selbst,

die bei dem prachtvollen Kamin den Neugeborenen baden, gewahren wir

nicht, oder besser, nur allmählich, nach und nach erst, bewundern

wir die vollendete Kunst in der Faltengebung ihrer Gewänder; denn

unwillig nur reißt sich unser Blick von der Gestalt Lucrezias los,

die, neben einer anderen Frau, vielleicht ihrer Schwester stehend,

hochaufgerichtet, leuchtend in kraftvoller Schöne die Mitte des Freskos

einnimmt. Groß und ruhig schaut sie, einer Königin vergleichbar, aus

dem Bilde heraus. Goldig glänzt auf der weißen Pracht des Busens eine

schwere Bernsteinkette. Wie steif und ungelenk dünken die Gentildonne

der Quattrocentokunst neben dem freien Adel, der dieser Gestalt

eigen; unweiblich scheinen sie, während diese Frau trotz ihrer Hoheit

unseren Puls rascher fliegen macht. Andrea hat vielleicht in den

Tagen der reifsten Künstlerschaft Großartiges geschaffen, aber aus

keinem einzigen seiner späteren Fresken atmet jener Duft von Glück

und Frühling, der uns noch heute, nach vierhundert Jahren, in jene

wehmütige und doch freudige Stimmung versetzt, die einen an weichen

Lenztagen bisweilen überkommt. ...

Im Jahre 1511 malte Andrea in jenem Hofe des Scalzo-Klosters, den stets

eine freundliche Helle durchflutet, sein erstes, anno 1526 sein letztes

Fresko. Dieser ganze Cyklus vom Leben und Sterben des heiligen Johannes

ist grau in grau gehalten; und hier, wo die souverän beherrschte

Technik stets die gleiche blieb, läßt sich am besten verfolgen, wie

Andrea, ein suchender Anfänger, zum Meister erwuchs und wiederum von

königlicher Höhe zum Routinier herabsank.

Das erste Fresko, mit dem Andrea sein Werk begann, die „Taufe Christi“,

wird natürlicherweise noch von Quattrocento-Erinnerungen umspielt.

Wiederum füllen die Gestalten den Raum nicht vollständig aus, und

den knochigen Asketenleib des Täufers deckt ein Mantel, dessen

Falten in ihrer dürftigen Eckigkeit kaum von jenem Andrea zu stammen

scheinen, der uns wenige Jahre später als größter aller Florentiner

Gewandkünstler entgegentritt. Einzig jene geschwungene Linie, die

das Haupt Christi mit der Spitze seines rechten Fußes verbindet,

deutet auf den künftigen Meister linearer Melodik hin. In die Predigt

Johannis übernahm Andrea -- schon Vasari hat es bemerkt -- zwei Figuren

Albrecht Dürers; was er, seltsam genug, aber nicht erwähnt, ist die

enge Verwandtschaft des sartesken Täufers mit jenem Ghirlandajos in

der Cappella Tornabuoni. Beide predigen sie, fast in der nämlichen

Stellung, von einem Baumstumpf herab, dem lauschenden Volke die Lehre

des Heils. Dem „lauschenden“ Volke? Hier offenbart sich der Unterschied

zwischen der gedankenloseren Kunst des Quattrocento und dem tieferen

Ernst von Andreas Generation. Die Menschen Ghirlandajos hören mit

jener Aufmerksamkeit zu, die man einem leidlich interessanten Vortrage

widmet, die Heilbedürftigen Andreas hängen, den Mund halb geöffnet, an

den Lippen des Täufers, scheinen Verschmachtende, die gierig die Lehre

der Wahrheit in ihre Seele trinken. Wie Andrea die Figuren hier der

Landschaft einordnete, wirkte vorbildlich zuerst auf die Meininger bei

ihrer Inscenierung der „Hermannschlacht“, und heute verfahren bereits

alle Regisseure so, die eine „Volksmenge“ zu gruppieren haben: Er ließ

die Felsen der Wildnis Hohlwege bilden und zwängte die Menschen derart

hinein, daß man hinter jedem Haupt ein anderes und neben dem Körper des

einen den des Nachbarn erblickt. So wird durch nicht mehr als fünfzehn

Köpfe im Beschauer die Illusion einer dichtgedrängten Menschenmasse,

die alle Zugänge füllt, hervorgerufen.

[Illustration: DIE „CARITAS“

_Paris: Louvre_]

Nicht vergebens hat Andrea manche Stunde mit dem Copieren nach

Michelangelos Werken verbracht. Die Freude an nackten, athletenhaft

starken Gliedmaßen, wie sie aus der „Taufe des Volkes“ spricht, seine

Lust an schwierigen und ungestümen Bewegungen, bei denen man die

straff gespannten Muskeln wahrnimmt, all dies weist hier deutlich

genug auf Michelangelo hin, der seinerseits Andreas Bewunderung durch

freundliches Anerkennen von dessen Talent vergalt. Eine alte, freilich

unverbürgte Anekdote weiß zu berichten, er habe Andreas Begabung über

die Raffaels gestellt; sicher aber ist, daß Michelangelo höchstselbst

den jungen Vasari ins Atelier zu Andrea gebracht. Das nächste Fresko,

„die Gefangennahme Johannis“, bekundete aufs neue, wie wenig Andrea

dramatischen Konflikten gerecht wurde. Über die bloße Gebärde, das

Theatralische im bösen Sinn kam er nie hinaus. Der Tetrarch auf seinem

Thron ist nur ein kostümierter Schauspieler, und der Täufer selbst

hat nichts von jener unirdischen Hoheit, von jener allem Menschlichen

überlegenen Würde eines Gottgesandten, die man gerade von dieser Scene

fordern müßte. Auch mit den Schergen konnte Andrea, der bei seiner

weißhändigen Art wohl niemals Vergnügen an Raufereien empfand, wenig

anfangen. Die Komposition des Ganzen zeigt hingegen, daß der Strebende

zum Meister herangereift ist. Zum ersten Male begegnen wir hier jenen

Kontrastwirkungen, auf deren Effekt Andrea in seinen mittleren und

späteren Jahren sich allzu sehr verließ; hier suchte er, um eine

Wendung Goethes über Myrons Kuh zu gebrauchen, zum ersten Male nach

jenem „Gleichgewicht im Ungleichen, dem Gegensatz des Ähnlichen, der

Harmonie des Unähnlichen und allem, was mit Worten kaum ausgesprochen

werden kann“. Nichts, keine Gestalt, keine Linie, ist um ihrer selbst

willen da, alles gewinnt erst durch Beziehung auf irgend ein anderes

seine Berechtigung zum Dasein. Freude am Naturausschnitt darf man von

Andreas Kunst nicht mehr verlangen; alles ist bildmäßig abgeschlossen,

komponiert im höchsten Sinne. Der bewegteren Gruppe um den Täufer

schafft ein ruhig dastehender breitschultriger Mann den notwendigen

Gegensatz; nimmt die Handlung den rechten Vordergrund ein, so öffnet

sich der Raum dafür auf der linken Seite nach der Tiefe, und in dem

wuchtigen Henker, der hier die Stufen herabschreitet, gelang Andrea die

vielleicht einzige Gestalt, der man ihre Furchtbarkeit glaubt.

Viel Neigung mochte Andrea dem „Tanz der Salome“ entgegenbringen, dem

ersten Fresko, das er nach seiner Rückkehr aus Frankreich schuf. Bis

ins kleinste ist hier alles auf Kontraste, aber nicht nur formaler,

sondern -- eine Seltenheit im ganzen Werke Andreas -- auch psychischer

Natur gestimmt. Nichts wirkt dabei schematisch, sondern alles scheint

so ungezwungen, daß man allmählich nur die vollendete Kunst empfindet.

Die Salome Andreas hat natürlich nichts mehr von der hieratischen

Reglosigkeit der Königstochter Giottos, auch nichts von jener

fahrigen Ausgelassenheit, die Filippo Lippi seiner Prinzessin, einem

halbwüchsigen Mädchen, gab. Seine Salome, deren Typus ein bißchen an

die Frauen Andrea Sansovinos erinnert, ist ein südlich-reifes Weib,

dessen schmiegsam-weiche Fülle die statuarisch fallenden Gewänder mehr

entschleiern als verhüllen. Andrea schilderte jenen spannenden Moment

vor dem Beginn des Tanzes: Noch scheint der Körper reglos und doch

zittern alle Glieder schon im Banne des musikalischen Rhythmus, dehnen

sich wohlig und spannen sich straffer.

Die „Hinrichtung Johannis“ gab ihm Anlaß, in der Figur des Henkers

den besten Rückenakt zu schaffen, der ihm je gelungen. Er wählte,

alles Rohe und Bluttriefende meidend, den Augenblick nach der

Vollstreckung des Urteils. Salome reicht die Schale hin, und der

Henker legt, abgewandten Hauptes, den Kopf des Täufers hinein. Auch

in der „Darbringung des Hauptes“ entzieht Andrea durch eine ebenso

einfache wie noble Wendung Salomes das Grausige unseren Blicken. Sie

trägt nicht, gleich der Salome Botticellis, die Schüssel mit dem

furchtbaren Inhalt triumphierend in ihren ausgestreckten Händen vor

sich her, sondern drückt sie, langsam dahinschreitend, gegen ihren

Körper. So gewahren wir kein blutbesudeltes Haupt, sondern nur einen

herrlich geformten Frauenarm ... Die nächsten Bilder des Cyklus, die

„Verkündigung an Zacharias“ und die „Heimsuchung“ bringen die Entartung

Andreas zum Manieristen: er sucht keine neuen Ziele, stellt sich keine

neuen Aufgaben. Das wirksame Kontrast-Schema, das er sich zurecht

gelegt, muß für alles herhalten. Die Bewegungen seiner Figuren bilden

symmetrische Gegensätze und ihre Blicke schneiden einander in der

Diagonale. Die Scene läßt er gern von massigen Gestalten einrahmen,

die das Auge in den Hintergrund leiten; aber je kunstvoller er die

Falten ihrer Gewänder legt, desto sicherer werden sie aus Menschen

zu Gliederpuppen. Sein letztes Fresko, die „Geburt des Täufers“ ist

vollends nur mehr eine Zusammenstellung reich drapierter Mannequins.

Die Florentiner waren davon begeistert, aber wenn Andrea vor diesem

Fresko an jenes andere in der Annunziata dachte, wo er vor zwölf Jahren

auch eine Geburt dargestellt, so mochte ihm vielleicht weh ums Herz

geworden sein. ...

[Illustration: DIE HEILIGE FAMILIE

_Paris: Louvre_]

Durch vier allegorische Frauengestalten, die zu beiden Seiten der

Eingangstüren statuengleich in gemalten Nischen stehen, wollte Andrea

die christlichen Tugenden „verkörpern“, und hier darf man dieses Wort,

das bei Allegorien oft so übel angebracht ist, ruhig aussprechen;

denn Andrea malte nicht blutleere Abstraktionen, wesenlose Schemen,

sondern herrliche Frauen voll sinnlicher Formenpracht. Die „Charitas“,

die einen Knaben mit der Rechten an ihren Körper drückt und kosend

die Linke auf die Schultern eines anderen bambino legt, indes ein

drittes Kind unter ihrem bauschigen Gewande Zuflucht findet, mag wohl

die schönste der vier Schwestern sein. Dies nämliche Motiv, das ihm

gewiß sympathisch war, hat Andrea schon früher in jenem berühmten

Gemälde des Louvre behandelt, das man in scheinbarer Paradoxie

michelangelesk-graziös heißen könnte. Das Anmutig-Frauenhafte verbindet

sich hier aufs glücklichste mit maestà der Formen. Ein Kindlein

saugt an der mächtigen linken Brust, ein anderes drängt sich, Blumen

bringend, lächelnd an die Gütige, der ein drittes schlummernd zu Füßen

liegt. Durch die gesuchtesten Drehungen von Körpern und Köpfen werden

diese vier Personen in ganz michelangelesker Weise zu einer Gruppe,

man darf wohl sagen zusammengeballt, und doch sitzt jene Frau so

anmutig, so lässig leicht auf einem Felsen, wie das kein Florentiner

bisher darstellen konnte. Das zierliche Schreiten der Toskanerin hat

schon Botticelli in seiner „Judith“ verherrlicht, ihre graziöse,

aller Schwerfälligkeit ledige Art zu sitzen hat erst Andrea in dieser

„Charitas“ geschildert und noch vollendeter vielleicht in jenem

Lünettenfresko der Annunziata, in der „Madonna del Sacco“.

Heute können wir an diesem Wunderwerk perspektivischer Raumkunst,

das ein Tizian über alles stellte, was er zu Florenz gesehen, nur

Andreas nie versagende Sicherheit im Zeichnen bewundern. Seine

Farben, von deren leuchtender Schönheit noch die Schriftsteller des

Seicento schwärmten, sind unwiederbringlich dahin. Ein anonymes, aus

dem achtzehnten Jahrhundert stammendes Manuskript der Florentiner

Riccardiana erzählt von einer barbarischen „Reinigung“ des Freskos. Als

man dem schuldtragenden Frate sein rohes Ungeschick vorwarf, meinte er

gelassen: „Wenn ich ein Pfund Staub herunterwasche, so kann man sich

dreinfinden, gehen auch ein paar Unzen Farbe mit ...“

Andrea del Sarto · 第 1 / 3 段