Es kam keine Antwort. – – –

* * * * *

Aber der Frühling kam über alle diesem.

Warme, schmeichelnde Lüfte kamen und breite, glitzernde Sonnenstreifen

und Knospenschleier auf allem Gesträuch und Schneeglöckchen und Krokus,

die sich mühsam ihren Weg bahnten durch schwarzviolettes fauliges Laub.

Mette konnte die weiche schwere Luft nicht vertragen. Sie schlief nicht

mehr und hatte Kopfschmerzen Tag und Nacht.

Das Lesen hielt ihre Gedanken nicht mehr fest. Sie saß über die Bücher

gebeugt und starrte aus dem Fenster. Stundenlang lag dieselbe Seite vor

ihr und wurde nicht umgeschlagen.

Sie fing an, Romane zu lesen. Man konnte darüber nicht so hinauslesen

wie über eine trockene wissenschaftliche Darstellung, weil sie die

Phantasie anregten und Bilder wachriefen.

Aber diese Bilder wurden zur Qual.

Immer waren da Menschen, die sich liebten, sich sehnten, um einander,

miteinander kämpften, sich fanden, vereinten oder sich trennten,

aneinander zugrunde gingen, starben, sich verließen. Von Liebe zu lesen

tat weh.

Oder es war vom Meer die Rede, von Bergen und Wäldern, vom Frühling oder

Sommer. Und Mette dachte: „Nie waren wir am Meer zusammen, nie in den

Bergen, nie in einem Juniwald, nie zwischen reifenden Kornfeldern. Wenn

wir in dem engen Zimmer da oben saßen und auf die graue, regennasse Wand

sahen, war ich so glücklich, weil ich fühlte, daß alle Schönheit der

Welt uns bevorstand.

Olga Radó wird am Meer liegen oder durch reifende Felder gehen oder

durch die Domgewölbe smaragdener Buchenwälder – aber nie mehr mit mir.

Mit wem nur? Mit wem?“

„Ich bin verdammt dazu, blind und taub durch die Welt zu gehen oder mit

ewig schmerzenden Sinnen. Alle Schönheit wird mir zur Marter werden und

jeder Genuß zur Qual.“

Sie las von Reichtum und Luxus – von Autos, die über die Landstraße

jagten, von weißen Hotels an blauen Wassern, von Bällen und Festen und

Segeljachten und Schlittenfahrten – dann fing sie an, ihr Vermögen zu

berechnen und dachte: „So ein Leben hätte Olga Radó führen können, wenn

sie bei mir geblieben wäre.“

Oder sie las von Armut und Schmutz und Not, von Verbrechen, die der

ewige Druck der Sorge erpreßte, von Elend und Krankheit und schauriger

Einsamkeit.

Dann schnitt ihr die Angst wie mit Messern ins Herz: „Dahin wird Olga

Radó kommen, wenn ich sie nicht halte. So wird sie enden, wenn ich sie

verlasse.“

Die Kirschbäume blühten. Nun fuhr Olga Radó sicher mit einer schönen

Frau auf einem weißen Dampfer über die blauen Wasser der Havel. Und die

Welt um sie war voll Schönheit und Sonne und Glanz.

Und Metten faßte eine irrsinnige Sehnsucht, dabei zu sein, Olgas Leben

zu führen. Aller Stolz fiel von ihr ab wie verbrannte Fetzen. Sie stand

nackt vor sich und schrie vor Weh.

Da schrieb sie zum drittenmal an Olga Radó.

Sie schrieb, daß sie nicht mehr leben und nicht mehr atmen könne ohne

sie. Daß sie nichts von ihr wolle, keine Liebe, keine Zärtlichkeit,

keine Freundschaft. Daß sie nur um sie sein wolle, wie eine Magd, wie

ein Hund, daß sie nichts wolle, als ihr aus allen Kräften dienen und zum

Lohn dafür sich schlagen und treten lassen. Daß sie keine Eifersucht

kenne oder gar Herrschsucht oder Besitzerwahn. Daß sie jedem dienen

wolle, Mann oder Weib, den Olga liebte, und daß sie ihre Liebe so tief

in sich anketten und einmauern wolle, daß nie, nie, nie ein Mensch davon

ahnen solle, auch Olga nicht.

Und sie wartete auf Antwort. Aber es kam keine.

Plötzlich kam sie auf den Gedanken, daß Olga vielleicht ihre Briefe

nicht erhalten hätte ... ganz gewiß nicht erhalten hätte.

Sie ging nach der Motzstraße und jeder Schritt war ihr, als wenn sie auf

Nadeln träte.

Das Mädchen machte ihr auf, das ihr damals in der Nacht aufgemacht

hatte. Da bekam sie den Namen nicht über die Lippen und fragte nach

Petermann.

Der war verzogen, unbekannt wohin. Sie quälte sich wieder durch zehn

Tage hindurch. Dann ging sie zum zweiten Male hin.

Ein fremdes Mädchen öffnete ihr die Tür. „Ich habe Glück,“ dachte Mette,

und einen Augenblick lang wurde ihr schwindlig bei dem flüchtigen

Gedanken an die Möglichkeit, daß Olga hier sein könne, daß Mette

vielleicht in der nächsten Minute in ihrem Zimmer ihr gegenüberstünde.

Was nachher geschah, das war ja im Grunde einerlei.

Fräulein Radó war verzogen – unbekannt wohin.

Mette ging aufs Einwohnermeldeamt. Sie füllte den vorschriftsmäßigen

Zettel aus und gab ihn mit rasendem Herzklopfen dem grauköpfigen

Beamten.

Der freundliche alte Herr ging und suchte und kam wieder und fragte, ob

die Dame eigene Wohnung hätte.

Nein – Leute, die in Pensionen wohnten, führten sie nicht.

Da ging Mette den letzten und schwersten Gang. Sie ging zu Möbiussens.

Die Mädchen grinsten ihr frech ins Gesicht, als sie nach Olga Radó

fragte.

Nein, sie wüßten nichts von ihr. Sie hatte sich natürlich nicht mehr

sehen lassen, Vater hätte sie ja auch wohl höflichst an die Luft

gesetzt. Sie hatten auch plötzlich keine Erinnerung mehr an eine

Verwandtschaft. Sie wußten den Namen des Preßburger Onkels nicht mehr

oder des Budapester Schwagers. Aber sie _wollten_ gern wissen. Glühend

vor Neugier und Lüsternheit fingen sie an, Fragen zu stellen, ob es denn

wahr wäre, daß ...

Mette wurde rot und blaß und heiß und kalt. Sie hätte einen Mord begehen

können, wenn sie nicht viel zu müde dazu gewesen wäre. Sie sagte: „Ich

weiß nicht!“ Auf alle Fragen immer nur: „Ich weiß nicht.“

Vielleicht hätte sie sich entrüsten sollen und Olga Radó verteidigen.

Vielleicht hätte sie sie verlästern sollen und geheimnisvolle

Andeutungen machen. Vielleicht hätte sie lachen sollen und die Mädchen

an der Nase herumführen. Sie hielt sich mit beiden Händen am Stuhl fest

und sagte: „Ich weiß nicht!“

Als sie das Haus verließ, wußte sie, daß sie es nie wieder betreten

würde. Ein sinnloses Wort ging ihr wie im Fieber immer wieder durch den

Kopf: In der Leute Mäuler sein ...

Sie hatte sich noch nie etwas dabei gedacht. Nun war ihr ganz körperlich

so zumute, als hätte man sie durchgekaut und aufs Pflaster gespien. Der

Ekel schüttelte sie. – – –

* * * * *

Von Zeit zu Zeit – in immer kürzeren Zwischenräumen – trat an die

Oberfläche ihrer Empfindungen ein dumpfer, peinigender Haß gegen Olga

Radó. Alles, was sie jetzt litt, hatte diese Frau verschuldet.

Leichtsinnig und kaltherzig und ganz gewissenlos verschuldet.

In dieser Zeit war Mette sehr ungerecht gegen Olga Radó. Denn es schien

ihr, als wäre sie aus einer glücklichen, wohlbehüteten Jugend

herausgerissen, als wäre ein tiefer, heiterer Frieden in ihr zerstört,

ein wundervolles Gleichgewicht in ihr erschüttert worden.

Und es erschien ihr als das Endziel aller Wünsche, daß es wieder so

werden solle, wie es vorher gewesen war. Sie hatte nur die eine

Sehnsucht, das letzte Jahr aus ihrem Leben zu streichen, zu löschen, zu

vergessen.

Dann nahm sie wieder die schlimmen Bücher vor und las absichtlich das,

was sie am meisten angewidert hatte. Sie steigerte sich künstlich in Haß

und Zorn und Angst hinein.

Es kamen Tage, wo sie sich sagte: Nun bin ich frei! Ich bin wie aus

schwerer Krankheit genesen, ich fühle, daß mein Blut wieder rein ist –

ich werde leben können wie alle die anderen Menschen auch, ein Leben

ohne Qual und Freude, ohne Sehnsucht und ohne Erfüllung.

Und es kamen Nächte, wo sie glaubte, daß ein brennendes Gift in all

ihren Adern fräße. Wo die Angst vor einer unnennbar grauenhaften Zukunft

sie schüttelte. Wo sie glaubte, den eigenen zügellosen Begierden

erliegen zu müssen, wehrlos jeder Dirne ausgeliefert zu sein, die aus

verbrecherischen Gründen ihre Leidenschaft weckte, wo sie sich von

Erpressern gehetzt, von Kriminalbeamten verfolgt, siech, irrsinnig,

eingekerkert oder ermordet sah.

In einer solchen Periode grenzenlosester Verzweiflung verlobte sie sich.

Irgendein anständiger und solider Mann bewarb sich um sie.

Sie wußte nichts von ihm. Sie wußte nicht, wann und wo sie ihn zum

erstenmal gesehen hatte, sie wußte nicht, wie er aussah, wußte kaum

etwas von seinem Charakter oder seinen Neigungen – sie fühlte nur eines

Tages, seit einiger Zeit war immer ein Mensch neben ihr, der sich

bemühte, gut zu ihr zu sein. Jemand, der ihr sehr sorgfältig den Mantel

um die Schultern legte, sich bückte, wenn ihr etwas hinfiel, ihr Blumen

brachte, sich bemühte, ihr irgend etwas Heiteres zu erzählen, um ihr

Gesicht ein wenig zu erhellen.

Dieser Mann wußte so angenehm wenig von ihr. Und Tante Emilie überfloß

in seiner Gegenwart von sanfter mütterlicher Freundlichkeit. Es wäre ihr

geradeso gut zuzutrauen gewesen, daß sie vor ihm bissige Bemerkungen

oder vielsagende Andeutungen gemacht hätte.

Aber er paßte ihr wohl in ihr Programm.

Er bedauerte Metten so unendlich, weil sie Waise war. Er schrieb all das

Weh auf ihrem blassen Gesicht der Trauer um den geliebten Vater zu.

Manchmal wagte er es, ihre kalten Finger in seinen beiden Händen zu

halten oder sie sanft zu streicheln. Dann schloß Mette die Augen und

prüfte in Angst ihr Gefühl.

Es ging Wärme und wohltuende Ruhe von seinen großen starken Händen aus.

Seine weiche Zärtlichkeit war eher angenehm als widerwärtig. Dann sagte

sie sich mit einer aufschimmernden Hoffnung: „Vielleicht wird noch alles

gut. Vielleicht gewinne ich es über mich, ihn zu heiraten. Ich werde

immer einen Menschen um mich haben, der gut zu mir ist, ich werde Kinder

haben, ich werde ein Heim haben, ich werde immerfort zu tun haben –

vielleicht kann man das Leben auf solche Weise noch am ehesten

ertragen.“

Und dann stachelte sie der unbändige Wunsch nach Rache. Es würde Olga

Radós Eitelkeit vielleicht doch verletzen, wenn sie erfuhr, daß sie so

schnell vergessen worden war.

Der Mann war reich. Das paßte Tante Emilien, und es paßte mitunter sogar

Metten.

Sie sah sich zuweilen in der Loge der Oper brillantenblitzend neben

diesem Mann – einem sehr hübschen, stattlichen Mann – sie sah ihn

manchmal aus solchen Gedanken heraus daraufhin an – niemand würde auf

den Gedanken kommen, daß sie ihn nicht aus Liebe geheiratet hätte – und

sah dann plötzlich Olga Radó irgendwo auftauchen. Oder sie sah sich in

einer Equipage an Olga Radó vorüberjagen – oder – am liebsten dachte

sie, sie zu treffen, wenn sie mit ihren süßen kleinen, blondlockigen,

weiß angezogenen Kindern spazieren ginge. Dann würde sie die Kinder vor

ihr zurückreißen wie vor einem giftigen Tier. Damit, ja, damit würde sie

sie am schmerzlichsten verletzen.

Als der Mann anhielt, sagte Mette ja. Sie hatte Zeit genug gehabt, sich

an diesen Gedanken zu gewöhnen. Sie setzte selbst die Verlobungsanzeigen

auf und sorgte dafür, daß sie in verschiedene Zeitungen kamen.

An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag war ein kleines Gartenfest in der

Villa ihrer Schwiegereltern. Es war ein sehr heißer Sommertag, der

neunzehnte Juni, und auf Tante Emiliens Zureden zog Mette zum erstenmal

wieder ein weißes, schwarzgesticktes Kleid an.

Alls sie draußen in der fremden Wohnung unter vielen fremden Menschen an

einem Spiegel vorüberstreifte, erkannte sie sich nicht.

Sie erschrak und wurde den Gedanken nicht wieder los, daß sie nicht das

hübsche, weiß gekleidete Mädchen sei, was am Arm eines fremden Mannes

ihr aus dem Spiegel entgegenlächelte.

Sie suchte sich selbst und konnte sich nicht darauf besinnen, wo sie

wohl sein könne. Aber ihr war, als sähe sie sich selbst, schmal und

schwarz wie ein Gespenst, durch große, dunkle, leere Räume wandern. Dann

war es ihr wieder, als sei sie doch dieses hier, und die andere Mette,

die so deutlich ihre Züge trug, sei eine Fremde. Traum und Wirklichkeit

begannen, sich heillos ineinander zu verschlingen, alle ihre Nerven

schienen ihr zu klirren wie losgerissene Saiten, sie sehnte sich in

Todesangst nach völliger Bewußtlosigkeit oder plötzlich hereinbrechender

Klarheit – es war wie Nebel, die vorbeizogen oder ein vorübergehender

Schwindel – eine Minute später konnte sie sich nicht besinnen, was es

eigentlich gewesen war, und konnte ihrem Verlobten, der besorgt nach der

Ursache ihrer Blässe fragte, keine Antwort geben.

Nur das seltsame Gefühl blieb ihr den ganzen Abend, als sei dies alles

nur ein Traum oder ein Spiel. Die ganze Verlobung eine scherzhafte

Komödie, und jeden Moment könne, wie ein gestrenger Regisseur, ein

Schicksal hervortreten und sagen: „Genug! Die Wirklichkeit fängt wieder

an!“ – – –

* * * * *

Am zwanzigsten Juni morgens wurde Mette ans Telephon gerufen.

Eine dünne Männerstimme sprach aus dem Hörer, seltsam verhalten und

zögernd.

„Ist das gnädige Fräulein selbst am Apparat? – Mette, sind Sie es?

Verzeihung, wenn ich störe – ich hätte dich gern gesprochen!“

Mette fühlte, wie ihr Herz sich losriß und in einen unermeßlichen

dunklen Abgrund stürzte.

„Peterchen?“ sagte sie und erquälte ein Lächeln, ohne daran zu denken,

daß niemand ihr Gesicht sehen konnte. Und keiner hätte dem bebenden Ton

ihrer Stimme dies Lächeln anhören können.

„Ja ... könnte ich dich sprechen, Mette? Das heißt ...“ Wieder war dies

scheue Zögern in der Stimme. „Wenn du willst, natürlich ... ich weiß ja

nicht, wie weit du noch Interesse hast für deine alten Freunde.“

„Selbstverständlich,“ sagte Mette fest, „jederzeit kannst du mich

sprechen ... wann und wo du willst.“

Sie fragte nicht, was geschehen sei. Sie wollte nicht fragen.

„Ich kann doch nicht gut kommen ...“ Wieder dieser zaghafte Ton. „Und

ich möchte auch nicht gern auf der Straße ... oder im Kaffeehaus ... es

geht wirklich nicht ...“

„Ich komme zu dir,“ sagte Mette rasch. „Sag’ mir nur, wo du wohnst!“

„... ja ... aber ... geht denn das? ... Schließlich ... wenn du nachher

Unannehmlichkeiten hast ... du bist verlobt ...“

„Blödsinn!“ sagte Mette schroff. – – –

* * * * *

Während sie über die Straße lief, dachte sie mit keinem Wort an das, was

geschehen war. Sie wollte es vor sich selber nicht aussprechen.

„Vielleicht ist Olga krank und hat Sehnsucht nach mir,“ dachte sie.

„Vielleicht weiß sie auch nichts davon, und Peterchen ruft mich aus

eigenem Antrieb.“

Sie malte sich aus, daß sie Olga sehen würde, daß sie ihre Hand halten

würde – und sie sagte sich dabei: „Das erzähle ich mir vor, wie man

einem fiebernden Kinde Märchen erzählt. Ich male es mir mit den

schönsten Farben aus und glaube so wenig daran, wie man an Feen und

Zauberer glaubt.“

Aber es war besser, Märchen zu erzählen, Wiegenlieder zu singen, als

nach der Stimme zu hören, die ganz tief in ihr die Wahrheit schrie.

Es war seltsam, daß sie – ohne sich umzusehen – die Straße und das Haus

fand, so, als wäre sie hundertmal dagewesen.

Als sie klingelte, stand Petermann schon auf der Diele. Das ersparte ihr

jede Fragerei. Sie spürte auch jetzt, dem Dienstmädchen gegenüber, dem

ersten Menschengesicht, das sie bemerkte, daß sie dazu kaum imstande

gewesen wäre.

Er nahm sie bei der Hand und zog sie wortlos, an dem erstaunten Mädchen

vorüber, in eine offene Zimmertür.

Er schloß die Tür und sagte währenddessen, ohne sie anzusehen:

„Setz dich doch, Mette!“

Das erste, was Mette in dem Zimmer sah, war auf der dunklen Platte des

Schreibtisches die goldene Zigarettendose.

Ein Sonnenstrahl blitzte darauf.

Sie wollte sich beherrschen. Es war, als ob sie beide Hände um die Zügel

krampfte, um sich zu halten.

Aber als Petermann sich ihr zuwandte und sie sah, wie seine Hände

hilflos waren, wie sein kleines, weißes Gesicht zitterte, wie mühsam er

um Fassung kämpfte – da zerbrach die ihre. Sie fing an zu weinen.

Peterchen setzte sich neben sie und streichelte eine Weile schweigend

ihre Hände.

„Weine nur,“ sagte er schließlich mit zitterndem Kinn, während die

Tränen aus seinen Augen stürzten. „Weine nur, sie war es wert, daß um

sie geweint wird, das kannst du mir glauben ...“

„Dir glauben?“ sagte Mette mit herzzerreißender Bitterkeit. Sie legte

das Tuch über die Augen und stützte den Kopf in die Hand.

Ihre andere Hand streichelte zuckend über die seine.

„Und nun sag’ mir alles, Peterchen – du siehst, ja, daß ich ganz ruhig

bin – ganz, ganz ruhig. Wann geschah es? ... und wie ... und warum? ...

Sag’ mir alles, alles, was du weißt ...“

„Du solltest es nicht wissen, Mette. Nicht vor deinem einundzwanzigsten

Geburtstag. Der war gestern, nicht wahr? Ich habe ihn hier auf dem

Kalender vermerkt – aus einem anderen Grunde ... das muß ich dir alles

noch erzählen ... ich hatte einen Auftrag an dich ... aber ich hatte

natürlich keine Ahnung ... man ist ja manchmal wie mit Blindheit

geschlagen.“

Mette hob einen Augenblick den Kopf:

„Sie hat es selbst getan.“

Es lag keine Frage in dem Ton.

„Ja.“

„Erschossen.“

„Ja.“

Sie deckte das Tuch wieder über die Augen.

„Weiter.“

„Sie war einmal krank im Frühjahr, es war eine leichte Influenza. Sie

fieberte ein bißchen, da saß ich drüben bei ihr, und sie sprach in

einemfort von Tod und Begräbnis, ganz heiter und ausgelassen, wie es

ihre Art war. Du weißt ja, man wußte nie, ob es Scherz oder Ernst bei

ihr war. Da sagte sie noch: Peterchen, wenn ich jetzt sterbe, dann sorge

dafür, daß es geheim bleibt. Es soll in keine Zeitung, kein Mensch soll

es wissen. Auch die Mette nicht. Am liebsten wär’ es mir, du streutest

meine Asche ins Meer oder wenigstens in den Wannsee. Aber das erlaubt

der Staat, glaub’ ich, nicht. Nur mach schnell, daß der Rest verbrannt

wird. Ich will kein Gfrett haben mit meinem Leichnam, ich will’s nicht.

Ich bin nicht drin, merkt’s euch. Nicht eine Minute länger, als

unbedingt nötig, halt ich mich in dem Kadaver auf.“

Metten war, als höre sie Olga reden. So deutlich hörte sie ihre Stimme,

daß ihr Herz sich mit einer innigen Freude füllte und sie lächelte.

„Ich hab’ damals auch gelacht,“ sagte Peterchen wehmütig, „da wurde sie

ganz ernst und richtete sich auf und sah mich an. Du weißt ja, wie sie

einen ansehen konnte mit so gewaltsamen Augen und sagte:

‚Es ist mein heiliger Ernst. Versprich es mir, gib mir dein Ehrenwort!‘

Ich versprach es ihr auch, aber ich sagte noch:

‚Du bist ja verrückt, in drei Tagen bist du doch wieder gesund.‘

Der Skorpion. Band 1 · 第 15 / 19 题