Sie _war_ ja auch in drei Tagen wieder gesund.“

Er schwieg. Irgendwo tickte eine Uhr und Fliegen stießen surrend gegen

das Fensterglas.

Irgend etwas erfüllte Metten ein paar Sekunden lang mit Beruhigung und

Freude. Eine unklare Empfindung: wie gut, daß Olga in ein paar Tagen

gesund geworden war. Es steckte so viel kraftvolles Leben in diesem

schönen Körper.

Dann schlug ihr das Jetzt wie eine geballte Faust aufs Herz.

Und jetzt? Und jetzt?

Sie mußte ein paarmal ansetzen, um das furchtbare Wort auszusprechen.

„Habt ihr sie schon begraben?“ fragte sie ganz leise.

„Sie ist verbrannt worden. Die Urne ist nach Wien gekommen. Ihre

Schwester lebt jetzt da.“ –

„Hat sie hier gewohnt zuletzt?“

„Um die Ecke, zwei Häuser von hier.“

„Und da ist es auch geschehen?“

„Ja.“

„Kann man ...“ Mette schluckte ein paarmal, „kann man nicht das Zimmer

sehen?“

Petermann hob zögernd die Achseln:

„Wozu? Es ist alles umgestellt. Nichts von ihren Sachen mehr da. Es ist

auch schon wieder vermietet.“

Mette sank in sich zusammen. „Es ist gut so,“ sagte sie leise, „es ist

auch ganz gut so.“

Sie hatte ein eigenartiges Empfinden. Es war wie eine Wohltat, daß jede

Form zerstört war, die dieser Geist geschaffen hatte. Nicht einmal ein

Zimmer war mehr auf der Welt, das diese Hände, dieser Sinn geordnet

hatten und in das ein Teil ihres Wesens gebannt geblieben wäre. Metten

war halb unbewußt so zumute, als hätte man durch das Umrücken von

Möbelstücken Steine aus einer Kerkerwand gebrochen.

Nun war Olga Radó ganz frei.

Ein leiser Windhauch bewegte den offenen Fensterflügel und hob die

Gardine. Eine süße weiche Kühle strich über Mettens brennende Augen. Sie

lächelte.

„Es ist gut so!“ sagte sie noch einmal.

Sie wußte plötzlich, daß Olga ihre Briefe nicht erhalten hatte. Sie

hätte nicht danach zu fragen brauchen.

Aber Peterchen wär schließlich der einzige Mensch, an dessen Meinung ihr

noch ein wenig gelegen war. Sie hatte das Gefühl, sich vor ihm

rechtfertigen zu müssen.

„Ich habe dreimal an Olga geschrieben!“ sagte sie.

„Ich habe es mir beinah gedacht,“ sagte Peterchen mit trübem Lächeln.

„Sie hat nie eine Zeile erhalten.“

„Du wüßtest es sonst?“

„Selbstverständlich. Wir haben doch oft genug über dich gesprochen.“

„Habt ihr? Was?“

Während Petermann sprach, hatte Mette die seltsame Empfindung, als

durchlebe sie in diesen wenigen Minuten mit stärkster Intensität das

letzte halbe Jahr ihres Lebens. So, als wäre damals, an jenem

unglückseligen Morgen der Faden des Gewebes abgerissen und mühsam, Tag

um Tag, ein Muster, das nicht passen wollte, angestückelt. Nun trennte

das falsche Gewebe sich, rückwärts laufend, blitzschnell von selber auf

– ein Knoten wurde geknüpft, wo der Faden abgerissen war, und die

wirkliche Zeichnung lief weiter, ein wenig verkürzt, ein wenig matt in

den Farben – aber sie lief weiter und gab eine Brücke zum heutigen Tag

und den Tagen, die kommen sollten.

„Was habt ihr von mir gesprochen?“

„O viel ... Ich habe ihr sooft zugeredet, an dich zu schreiben,

irgendwie eine Verbindung mit dir zu suchen. Sie hatte die Überzeugung,

es nicht tun zu dürfen. Du weißt ja, wie halsstarrig sie war. Manchmal

hatte ich die Absicht: ich telephoniere dir oder ich lauere dir irgendwo

auf – gegen ihren Willen. Einmal hab’ ich ihr das auch gesagt. Da hat

sie mich angefunkelt mit ihren großen Augen: ‚Wenn du dich das

unterstehst, ist es aus mit unserer Freundschaft, für ewige Zeiten aus.

Willst du das arme Kind auch noch zugrunde richten?‘

Sie glaubte immer, du wärest glücklich, und es ginge dir gut. Ich war

der Meinung, du müßtest erfahren, was vorgeht. Ich hab’ so gekämpft, du

glaubst es nicht. Einmal hab’ ich dir eine Stunde lang Fensterpromenade

gemacht. Ich dachte immer, wenn ich dich sprechen würde, wir würden

irgendeinen Ausweg finden. Ich dachte immer, es würde noch alles gut.

Dann hast du dich ja verlobt. Ja, da mußte ich ihr ja schließlich recht

geben.“

„Oh, du Idiot!“ sagte Mette und lachte unter hervorstürzenden Tränen.

„Ich weiß den Tag noch so genau. Olga kam zu mir herüber, am frühen

Morgen schon. Sie hockte hier neben mir auf dem Sessel und rauchte eine

Zigarette nach der anderen. Eine halbe Stunde lang sprach sie kein Wort.

Ich saß hier am Schreibtisch und tat so, als ob ich arbeitete. Ich hatte

die Zeitung weggeschoben, als ich sie kommen hörte. Aber wie sie so

dasaß, da wußte ich: sie weiß es schon. Und sie wußte, daß ich es wußte,

aber keiner wollte anfangen, davon zu sprechen. Wie sie dann schließlich

anfing, sagte sie immerfort: ‚Ich bin so glücklich. Ich bin ja so froh.‘

Und sie verlangte von mir, daß ich mich freuen sollte. Wir gingen am

Abend eine Flasche Wein zusammen trinken. Sie zwang mich direkt dazu.

Wir müßten doch auf deine Zukunft trinken. Ich seh’ sie noch immer am

Tisch sitzen und das Weinglas drehen. Sie hatte so ein merkwürdiges

Lächeln den ganzen Tag. Und dann sagte sie immer wieder: ‚Die kleine

Mette wird heiraten. So gut ist das. So gut. Unsere kleine Mette wird

Kinder haben, lauter Jungens, denen geht’s immer gut.‘ – Dann wollte sie

immer wieder von mir hören, daß ich es gut fände, daß ich mich freute.

Und ich muß sagen – wie die Dinge lagen – es war ja auch wohl das Beste

... aber von dem Tage an hatte sie eine nervöse Angst, dir irgendwo zu

begegnen. Manchmal, wenn sie etwas zu besorgen hatte, bat sie mich

darum. Manchmal saß sie vor mir, blaß und mit gefalteten Händen: ‚Bitte,

bitte, Peterchen, ich kann nicht nach dem Kaufhaus gehen.‘ Die letzten

acht bis zehn Tage hat sie überhaupt ihr Zimmer kaum mehr verlassen. Sie

telephonierte mich an, ich sollte rüberkommen, sie wollte nicht auf die

Straße. Aber das hatte wohl auch noch einen anderen Grund ...“

„Was für einen?“ fragte Mette, nachdem er eine ganze Weile schweigend

aus dem Fenster gesehen hatte.

Er warf einen raschen und gleichsam prüfenden Blick auf sie.

„Du weißt es nicht?“ sagte er wie erleichtert. „Nicht wahr, du weißt

nichts davon ... ich hab’ es auch eigentlich nie anders angenommen ...

Sie haben sie beobachten lassen ... deine Leute. Wo sie ging und stand

war ein Detektiv hinter ihr her. Oh, und sie litt so wahnsinnig

darunter.“

„Warum nur?“ fragte Mette mit verlorenen Augen, „warum haben sie denn

das getan? Sie hatten mich doch in der Hand. Sie wußten doch, wo ich

jede Stunde des Tages zubrachte.“

„Sie fürchteten wohl ... vielleicht dachten sie, wenigstens damals ...

im Anfang, vor deiner Verlobung, du könntest in deinen Entschlüssen

wankend werden ... oder sie könnte versuchen, dich wieder zu

beeinflussen, sie wollten ihr irgend etwas nachsagen können, um sie als

lästige Ausländerin ausweisen zu lassen. Herr von Seyblitz hat ihre

ganzen Schulden aufgekauft. Das wußtest du auch nicht, nicht wahr? Sie

haben sie so in die Enge getrieben ... täglich kamen Briefe von

Rechtsanwälten, vom Gericht ... Sie hat sie nachher nicht mehr

aufgemacht ... Sie ließ sie auf dem Schreibtisch sich anhäufen. Ich

sagte manchmal: Kind, das geht nicht, du mußt antworten, du mußt

hingehen, du mußt Entschlüsse fassen ... Dann lächelte sie so unendlich

melancholisch: ‚Ich habe meinen Humor nicht mehr, Peterchen, ich bin alt

und müde. Mir ist das gar ka’ Hetz mehr.‘ Und sie zeigt so mit einer

Handbewegung auf die Papiere.

Es kamen auch Drohbriefe – so gemein – sag’ ich dir. Mit Ausdrücken, die

man nicht wiederholen kann. Von deiner Tante Emilie, glaub’ ich. Aber

so, als wären sie in deinem Sinne geschrieben. Du wüßtest nun, wes

Geistes Kind sie wäre, und sie sollte jeden Annäherungsversuch

unterlassen und nicht versuchen, ihre Erpressungen an dir fortzusetzen.

Es wäre ja genug, daß sie dich zu Diebstahl und Einbruch verführt hätte,

daß sie deine Gesundheit untergraben hätte, daß sie den Tod deines

Vaters verschuldet hätte – ach, und was weiß ich. Und dann Dinge, die du

über sie gesagt haben solltest ... es muß Furchtbares gewesen sein; denn

sie wollte es selbst mir nicht sagen oder zeigen.

Sie saß mir gegenüber, ganz weiß im Gesicht und mit glühenden Augen und

hielt mich am Handgelenk gepackt, daß ich dachte, sie zerbricht mir die

Knochen und sagte immer wieder: ‚Davon weiß die Mette nichts, nicht

wahr, Peterchen? Davon weiß die Mette nichts?‘

Und dann ein andermal wieder sagte sie:

‚Wie können Menschen nur so wahnsinnig grausam sein. Sie haben doch

direkt ihren Spaß daran, mich langsam zu Tode zu quälen. Sie machen

einen Kranz von glühender Kohle um mich her – wo ich mich nach einem

Ausweg wende, sperren sie zu, bloß um zu beobachten, wie ich mich

gebärde, wenn sie mich glücklich bis zur Raserei gebracht haben.‘ Ich

weiß noch, dabei rannte sie hier im Zimmer auf und ab und ich dachte

wirklich, die Wände werden ihr zu enge, sie ist wie ein gefangenes

wildes Tier. Ich sagte noch: Du kannst doch dem allen entgehen. Du

kannst doch nach Hause reisen. Da wurde sie ganz ruhig und sagte: ‚Ja,

ich kann dem allen entgehen. Ich kann abreisen. Ich kann nach Hause

reisen!‘

Damals fiel mir ihr Ton nicht auf. Jetzt, wenn er mir wieder im Ohr

klingt, begreife ich nicht, daß ich sie nicht verstanden habe. Von der

Zeit an sprach sie oft von der Reise. ‚Am zweiundzwanzigsten Juni fahre

ich nach Hause.‘ Das war ihre ständige Rede. Ich fragte sie einmal,

warum sie gerade diesen Tag festgesetzt hätte. Da lachte sie und sagte:

‚Weil es drei Tage nach dem neunzehnten ist.‘ Ich dachte wohl darüber

nach. Aber der Zusammenhang wurde mir damals nicht klar ...

Aber dann nach deiner Verlobung wurde das anders. Sie sagte plötzlich:

wenn ich reise – nächste Woche ... oder übermorgen. Ich neckte sie noch

und sagte: Nanu? Bist du deinen Vorsätzen untreu geworden? Ich denke, du

fährst erst drei Tage nach dem neunzehnten Juni?! Da sieht sie mich so

rätselvoll an und schüttelt den Kopf und sagt: ‚Ach nein, Peterchen,

_darauf_ brauche ich nun nicht mehr zu warten!‘

Am Abend des ... an einem Montagabend, kam sie plötzlich her, wie es mir

vorkam, in einer gewissen heiteren Erregung. Sie legte das

Zigarettenetui hier auf den Schreibtisch, hier, wo es noch liegt – und

sagte zu mir, ich solle ihr den Gefallen tun und es in deine Hände

gelangen lassen. Sie wollte reisen und wäre schon am Packen. Wenn sie es

dir schickte, würde man es wahrscheinlich als Erpressungsversuch deuten.

Ich sollt’ es dir geben, wenn sie fort wäre. Erst an deinem Geburtstag.

Und sie verlangte, ich sollte mir den Tag im Kalender ankreuzen. Ich

sagte, ich behalt es so. Aber sie schlug das Datum in meinem Kalender

auf und zeichnete es selbst ein.“

Er schlug mit einer fast andächtigen Bewegung das letzte Blatt zurück

und schob Metten den Kalender hin.

Auf dem weißen Blatt stand unter den neunzehnten Juni in Olgas großer

schöner Handschrift langsam, sorgfältig hingezirkelt:

Mettes Geburtstag. Nicht vergessen, Peterchen! – Und darunter waren drei

Kreuze hingemalt, kleine, schwarze, spielerische Tintenkreuze.

Mette sagte nichts. Sie legte die flache Hand auf das Blatt und nahm sie

nicht wieder herunter.

Peterchen räusperte sich ein paarmal, dann sprach er weiter:

„Eh’ sie hinüberging, verabredeten wir alles für den andern Tag. Wir

wollten uns vormittags nach den Zügen erkundigen, abends wollte ich sie

an die Bahn bringen. Wie sie fort war, wurde ich so unruhig. Irgend

etwas schien mir nicht zu stimmen, ich wußte nicht was. Ich versuchte,

hinüber zu telephonieren, bekam keine Verbindung. Ich saß hier am

Schreibtisch in einer ganz unbeschreiblichen Nervosität. Das Ding lag

vor mir,“ er nahm das Etui in die Hand, „ich nehm’ es auf, ganz in

Gedanken. Plötzlich fiel mir ein – verzeih’ mir, Mette, wenn es

indiskret war, aber ich war in einer so peinigenden Unruhe, plötzlich

fiel mir ein, es aufzumachen. Es war halb Spielerei und halb die Ahnung,

daß ich irgend etwas finden könnte, irgend etwas Aufklärendes. Wie ich

das Ding aufknipse,“ er tat es, „find’ ich diesen Zettel darin.“

Er gab es Metten in die Hand. Unter die Bänder, die die Zigaretten auf

der goldenen Fläche festhalten sollten, war ein Blatt Papier geschoben,

darauf stand in Olgas unverkennbarer Handschrift:

„_Qui vivens laedit, morte medetur!_“

„_Qui vivens laedit, morte medetur!_“ wiederholte Petermann. „Ein

paarmal las ich das wie ein Blödsinniger, ohne etwas zu begreifen, dann

stürzte ich hinunter. Ohne Hut, ohne Schlüssel. Unten war das Haus

verschlossen. Ich klingelte dem Portier. Er kam nicht sofort. Ich raste

die Treppen wieder hinauf, um mir die Schlüssel zu holen. Ehe ich das

Haus aufschloß, eh’ ich über die Straße kam, eh’ ich drüben den Portier

rausklingelte – das dauerte alles Ewigkeiten. Auf der Treppe begegnete

mir das Mädchen, das mich holen sollte. Schreiend und schluchzend. Da

war es schon geschehen.“

Mette legte die Stirn auf die Kante des Schreibtisches. Es wurde kein

Laut hörbar. Petermann strich ein paarmal mit zitternden Fingern über

Mettens Haar.

„Ich muß dir noch etwas erzählen,“ sagte er leise, „Sie hat ganz in

deinen Blumen gelegen – vielleicht tut dir der Gedanke wohl. Du weißt

doch, damals – als ihr euch trenntet – du liefst weg und deine Leute dir

nach, ich hatte den Wortwechsel ja von draußen so halb und halb mit

angehört – ich ging nach einer ganzen Weile in mein Zimmer – da stand

Olga noch immer mitten im Zimmer, an den Tisch gelehnt. Und wie ich

hereinkomme, sieht sie mich an, als wecke ich sie aus dem Schlaf. Ich

nehme sie an beiden Armen und rüttle sie. Was ist denn geschehen, Olga?

Was hast du denn der Mette getan? Sie sieht mich ganz verstört an und

sagt immer wieder: Ich habe etwas Furchtbares getan, oh, Gott,

Peterchen, ich habe etwas Furchtbares getan. Sie hatte dich ganz formell

fortgeschickt, nicht wahr? Hatte gesagt, du solltest sie nicht mehr

belästigen oder so etwas, nicht wahr?

Dann sagte sie wieder: es wäre zu deinem Besten, sie hätte dich

fortschicken müssen, es wäre verbrecherischer Egoismus, dich zu halten.

Ich sah, wie aufgeregt sie war und stimmte ihr zu, wenigstens halb und

halb. Ich war ja doch im Grunde etwas erbittert auf sie. Ich sagte,

glaub’ ich, Tante Emilie hätte alle Ursache, ihr dankbar zu sein.

Da nahm sie mich plötzlich bei der Hand und sagte ganz ruhig: ‚Ich lüge

ja, Peterchen, ich lüge ja. Es war ja nichts wie hundserbärmliche

Feigheit. Aber Mette mußte das wissen, sie kannte mich doch. Ich hätt’

mich auf die Schienen gelegt, oder ich wär’ aus dem Fenster gesprungen,

aber ich kann mir nicht von solchen Leuten die Kleider vom Leibe reißen

lassen, ich kann es nicht, ich kann es nicht. Ich weiß, ich bin

erbärmlich und verächtlich, aber ich kann es nicht, ich kann es nicht.‘

Und immer wieder: ‚Ich kann es nicht!‘ Ich fragte sie, was du

geantwortet hättest. Da wurde sie ganz blaß und sagte: ‚Nichts hat sie

geantwortet. Nicht ein Wort. Das ist ja das Furchtbare. Sie stand meiner

Gemeinheit so wehrlos gegenüber.‘

Sie hatte dann noch eine Auseinandersetzung mit der Flesch. Die Flesch

hat sich nebenbei noch unglaublich benommen. Olga wollte keine Stunde

länger in dem Hause bleiben. Was ich ihr auch gar nicht verdenken

konnte. Sie ging dann hinüber, um ihre Sachen zu packen. Nach einer

Weile kommt sie und packt mich am Handgelenk und zieht mich in ihr

Zimmer.

‚Da hast du ihre Antwort,‘ sagt sie und zeigt mir das ausgestreute Geld.

‚Sie kann antworten. Wir haben sie unterschätzt.‘ Oh, Mette, warum hast

du das nur getan? Wenn ich ehrlich sein soll – ich war damals furchtbar

böse auf dich! Sie sagte immer: ‚Was tue ich nur? was tue ich nur?‘ Ich

sagte: du packst das Geld in ein Kuvert und schickst es hin, ohne ein

Wort dazu. Aber sie schüttelte nur den Kopf. ‚_Die_ Ohrfeige hab’ ich

verdient, Peterchen,‘ sagte sie schließlich, ‚die muß ich ganz ruhig

hinnehmen.‘ Sie suchte die Scheine zusammen, beinahe liebevoll, möcht’

ich sagen, und sagte ein paarmal ganz leise: ‚Der Kindskopf! sie hat ja

nicht gewußt, was sie tut! sie hat ja nicht gewußt, was sie tut!‘ Dann

gab sie mir das Bündel Scheine. ‚Heb’ mir das auf, Peterchen. Vielleicht

kommt einmal eine Zeit, wo ich es nötig brauche, und vielleicht ist es

mir dann eine Freude zu wissen, daß es von Metten kommt.‘

Ich habe sie in der letzten Zeit so oft daran erinnert, wenn sie vor

Sorgen buchstäblich nicht mehr aus noch ein wußte. Aber sie schüttelte

nur immer den Kopf und sagte: ‚Noch nicht, noch nicht!‘

Als sie ... tot war,“ die Stimme brach ihm, „da hab’ ich weiße Orchideen

gekauft, für das ganze Geld und hab’ sie überschüttet damit. Das sah aus

wie ein Märchen.“

Er kam nicht weiter. Die Lippen zitterten ihm, die Tränen stürzten über

sein Gesicht.

Nach einer langen, langen Stille richtete Mette sich ruhig auf, mit

trockenen Augen.

Neben dem Etui auf dem Schreibtisch lag eine Waffe.

„Das ist der Revolver?“ fragte Mette und griff danach.

„Ja.“

„Gib ihn mir,“ sagte sie und legte die Hand fest um den Griff.

Petermann machte eine erschrockene Bewegung.

Mette schüttelte langsam den Kopf.

Petermann sah ihr in die Augen, dann zog er zögernd die ausgestreckte

Hand zurück.

„Ich will ihn nicht behalten,“ sagte er, „er liegt da wie eine ständige

Versuchung. Und nicht jeder hat eine so sichere Hand wie Olga Radó. Du

hast ein Recht darauf. Natürlich. Aber ich möchte nicht, daß du ihn

behältst. Versprich mir etwas, Mette – gib ihn dem Mann, den du liebst.

Dann ist er in den besten Händen.“

Sie war aufgestanden. „Ich verspreche es dir,“ sagte sie fast feierlich,

„ich will ihn dem Manne geben, den ich liebe.“

„Schwöre mir, daß du keine Dummheiten machen wirst ... auch nicht

leichtsinnig oder fahrlässig damit umgehen.“

„Ich schwöre es dir,“ sagte Mette. „Wobei nur? Ich kann dir doch nicht

bei meinem Leben schwören, daß ich mich nicht erschieße. Ich schwöre es

dir bei meiner ewigen Seligkeit. Und bei Olga Radós zehntausendfach

geheiligtem Gedächtnis.“

Irgend etwas in ihrem Ton machte ihn betroffen. Er stand langsam von

seinem Stuhl auf, wie um seine forschenden Augen den ihren zu nähern.

„Sag mir, Mette,“ sagte er zögernd, „ich möchte nicht, daß ich mir

Vorwürfe machen müßte. Ich möchte nicht, daß das, was ich dir erzählt

habe, dich in deinen Entschließungen beeinflußt.“

Mette umschloß seine ausgestreckten Finger mit einem kurzen festen

Druck. In der leichten Bewegung, mit der sie die Brust hochreckte und

mit der Hand über die Hüfte strich, lag eine aufs äußerste gespannte

Kraft.

„Ich schwöre dir,“ sagte sie, „daß von dieser Stunde an nichts und

niemand mehr mich in meinen Entschließungen beeinflussen kann.“ – – –

* * * * *

Mette ging nicht direkt nach Hause. In wenigen Sekunden tauchten Pläne

in ihr auf, formten sich zu Entschließungen. Nichts schwankte hin und

her, eh’ es Gestalt annahm, alles trat mit einem Schritt aus der

Verborgenheit ans Licht und stand unumstößlich fest.

Sie ging zu einer Speditionsfirma und zu dem Wirt des Hauses, in dem sie

lange Jahre gewohnt hatten. Es gab eine Zeit, wo sie sich vor solchen

Gängen gefürchtet hätte. Jetzt fühlte sie, daß nie im Leben jemand ihr

derlei Unannehmlichkeiten abnehmen würde.

Es tat fast wohl, sich solche winzigen Lasten aufzuladen und die eigene

Kraft zu spüren, wenn man sie spielend trug.

Es tat wohl, entschlossen zu sein, mit Umsicht Anordnungen zu treffen,

mit Überlegung Unterhandlungen zu führen.

Als sie in ihrem Zimmer den Hut in den Schrank legte, streifte ihre Hand

das schwarze Kleid, das sie zu ihres Vaters Begräbnis getragen hatte.

Einen Augenblick fühlte sie den Wunsch, es anzuziehen, das stumpfe

Düster des Krepps an sich zu sehen, an sich zu fühlen.

Aber sie straffte sich auf. „Unsinn!“ sagte sie halblaut, biß die Zähne

aufeinander und schloß den Schrank.

Sie ging in ihres Vaters Studierzimmer, setzte sich an den Schreibtisch

und schrieb verschiedene Briefe, an den Rechtsanwalt, an die Bank.

Nach einer Weile kam das Mädchen herein:

„Das gnädige Fräulein läßt Fräulein Mette zu Tisch bitten.“

Mette hob den Kopf nicht.

„Sagen Sie dem gnädigen Fräulein, ich käme nicht zu Tisch, ich hätte

schon gegessen. Aber ich lasse das gnädige Fräulein bitten, nach dem

Essen herzukommen.“

Das Mädchen stand eine Weile mit offenem Mund in der Tür. Aber als Mette

sich nicht rührte, nichts hinzufügte, nichts widerrief, nur weiter die

Feder eilig über das Papier rascheln ließ, trollte sie davon.

Nach einer Weile erschien Tante Emilie, sichtlich unentschlossen, ob sie

empört oder liebenswürdig sein sollte.

Mette legte die Feder aus der Hand und gab ihrem Stuhl eine leichte

Wendung.

„Bitte nimm Platz,“ sagte sie in einem Ton, so geschäftlich, eilig, fest

und undurchdringlich höflich, daß dieser Ton allein schon Tante Emilien

in einen Abgrund von Verwirrung stürzte und ihr jede Redemöglichkeit

nahm.

„Verzeih, wenn ich dir deinen Nachmittagsschlaf kürze, aber ich habe mit

dir zu reden, und zwar Dringliches.“

Mette nahm das Falzbein, drehte es, bog es, schlug damit auf die

ausgestreckten Finger und sah diesem Spiel angelegentlich zu, während

sie sprach.

„Du wirst dich rasch entscheiden müssen, wo du hinzugehen gedenkst, ich

reise ...“

„Du?“

„Ich reise. Der Haushalt wird aufgelöst. Die Wohnung wird vermietet.

Newes entbindet mich vom Vertrag. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Die

Sachen kommen auf den Speicher. In den nächsten Tagen schon. Ich fange

heut’ schon an. Morgen kommen die Packer. Du wirst der Kramerei sicher

gern aus dem Wege gehen wollen. Ich empfehle dir, in ein Hotel oder in

eine Pension zu gehen, bis du dich endgültig entschieden hast. Wenn du

heut’ nachmittag die Mädchen brauchst zum Packen deiner Sachen, sie

stehen zu deiner Verfügung. Ja, und – ich möchte nicht, daß dir durch

meine Entschließungen ein pekuniärer Nachteil entsteht. Am liebsten wäre

es mir, wenn du deine Wünsche schriftlich formulierst und an Rosenbaum

gibst. Ich habe ihm schon diesbezüglich geschrieben.“

Mette legte das Falzbein hin.

„Ja, das wäre wohl alles!“ Sie stand auf und stützte beide Hände hinter

sich auf den Schreibtischrand.

„Also, wenn wir uns nicht mehr sehen sollten, Gott befohlen, und laß es

dir recht gut gehen.“

Tante Emilie stand auf mit zitternden Knien, und ihr Gesicht spielte in

allen Farbentönen vom Zitronengelben ins Aschgraue.

„Und ... und Alfred?“ fragte sie, mit vergeblichem Bemühen, eine süße

rührende Weichheit in ihren scharfen Ton zu legen.

„Wie? Wer?“ Mette kniff die Augen zusammen, als müsse sie sich besinnen.

„Ja so, nein, danke. Da brauchst du keinerlei Mitteilung zu machen. Ich

werde alles Erforderliche selbst besorgen.“

„Mette!“ sagte Tante Emilie feierlich. „Wenn das dein seliger Vater

wüßte! Ich habe dich von deinem ersten Tag an behütet und gepflegt, und

zum Dank wird man so vor die Tür gesetzt ...“

Mette griff wieder nach dem Falzbein.

„Ich habe schon an Rosenbaum geschrieben, daß von meinem Vermögen

fünfzigtausend Mark an dich übergehen. Mit dem, was du hast und mit dem,

was dir von Vater kommt, kannst du dann ganz deiner Bequemlichkeit

leben. Ich will morgen vormittag hingehen und ihm die nötigen

Vollmachten geben.“

„Mette,“ sagte Tante Emilie mit gesteigertem Pathos. „Ich habe dich vor

einem entsetzlichen Schicksal behütet. Das solltest du mir auf Knien

danken!“

„Gewiß, gewiß,“ sagte Mette und verzerrte ein wenig den Mund. „Ich werde

Rosenbaum schreiben: Hunderttausend.“

Da wandte sich Tante Emilie und rauschte hinaus.

Mette packte die Sachen in fieberhafter Eile, wie auf der Flucht. Sie

arbeitete Tag und Nacht und ließ sich von niemandem helfen, auch von

Peterchen nicht und von mir nicht.

Aber am Abend, als sie reiste, holten wir beide sie aus der Wohnung ab

und brachten sie an die Bahn.

Die Wohnung war leer und dunkel. Alle Möbel fort. Die Kronen abgenommen,

die Fenster ohne Gardinen. Hie und da starrte ein Spiegelhaken trostlos

aus der nackten Wand oder ein Fleck der Tapete zeigte die Form eines

Bildes, das lange Jahre da gehangen hatte. Ein großer Koffer, ein wenig

Handgepäck standen mitten in dem leeren Raum. Mette hatte eine brennende

Kerze auf dem Fensterbrett festgeklebt. Das gab ein seltsames

flackerndes Halblicht. Unsere Schatten glitten groß und verbogen an Wand

und Decke entlang.

Peterchen sah immerfort nach der Uhr.

„Ist es nicht Zeit, daß ich nach einem Wagen gehe?“ fragte er unruhig.

Mette hob die Hand. „Laß doch! Wir haben noch endlos Zeit. Was sollen

wir auf dem Bahnsteig? Und was schadet es, wenn ich den Zug versäume?

Ich lauf’ ja niemandem nach. Und mir läuft niemand nach. Dann fahr’ ich

eben morgen früh.“

„Ach ja,“ sagte Peterchen erleichtert, „das wäre mir überhaupt viel

lieber. Ich verstehe gar nicht, wie man so in die Nacht hineinfahren

kann.“

„Ich fahre ja in den Morgen hinein,“ sagte Mette mit leisem Lächeln. „In

ein paar Stunden kommt die Dämmerung. Außerdem lieb’ ich die Nacht. Wer

die Sterne liebt, muß auch die Nacht lieben. Sag, Peterchen, hast du

eigentlich schon einmal daran gedacht, daß sie am Tage auch da sind?

Genau so fern und so nah wie des Nachts. Manchmal such’ ich sie am

sonnenhellen Himmel – ich fühle ganz genau – da steht der, und da steht

der, und dann kann ich in der Dämmerung ganz ungeduldig werden, bis sie

endlich sichtbar sind.“

„Das hast du auch von ihr,“ sagte Peterchen wehmütig, „diese verrückte

Sternenliebe.“

„Ja,“ sagte Mette, und ihre tiefe Stimme klang wie eine Glocke, „was

hab’ ich _nicht_ von ihr? Alles. Und alle Liebe ganz gewiß. Himmel und

Erde sind voll von Dingen, an denen ihre Liebe hängt. Und von all diesen

Dingen strömt ihre Liebe wieder auf mich zurück. Herrgott, was liebte

sie alles! Berge und Meer und Blumen und Spinnen und kleine Kinder und

Leder und Seide und Kristall und die Günderode und den heiligen

Franziskus von Assisi – und – mich. Wahrhaftig, sie hat mich die Liebe

gelehrt. O Gott! Wenn Tante Emilie das hörte, würde sie es sicherlich

falsch auffassen.

Einmal hat sie zu mir gesagt, Olga, ich glaube, es war auf der Reise,

und wir sprachen wohl von unserer Zukunft, und ich sagte, daß ich mich

nicht von ihr trennen lassen wollte, bis zu meiner Mündigkeit. Da wurde

sie ganz ungeduldig und sagte:

‚Herrgott, was ist das für ein jämmerlicher Standpunkt, immer nur das

lieben zu können, was man an der Hand hält!‘

Hat sie nicht recht? Warum soll man nicht die Toten lieben und die

Kommenden und die ganz Fernen, deren Sein wir nur ahnen oder deren

Schaffen uns einen Hauch von ihrer Seele gibt? Und warum nur einen,

warum nicht Tausende – die, nach denen wir uns sehnen und die, die sich

nach uns sehnen – die, die in unerfüllter Sehnsucht nach uns gestorben

sind, und die, die mit unerfüllter Sehnsucht nach uns leben werden, wenn

wir lange tot sind. Mir ist manchmal, als sollt ich meine beiden Hände

in die Weite strecken und rufen: ich liebe euch, ich liebe euch, ich

liebe euch!“

„Es ist merkwürdig,“ sagte Peterchen scheu und sah kopfschüttelnd zu

Metten empor, die unheimlich groß und schlank aufgereckt in dem

gespenstischen Licht stand, „es ist merkwürdig, wie ähnlich du ihr

manchmal bist.“

„Es ist viel merkwürdiger,“ sagte Mette lächelnd, „wie unähnlich ich ihr

_war_. Fern, fremd, unverwandt. So entsetzlich unähnlich, daß ich sie

eigentlich nie verstanden habe. Ich glaube, ich hätte sie mit Eifersucht

und Mißtrauen zu Tode gequält.“

„Und jetzt?“ fragte Peterchen. „Würdest du nicht eifersüchtig und

mißtrauisch sein? Wer weiß, wenn ihr zusammen geblieben wäret,

vielleicht hättest du in ein paar Monaten Ursache dazu gehabt.“

Mette schüttelte langsam den Kopf. „Das soll ein Trost für mich sein,

Peterchen. Aber es ist keiner. Ich hatte so unbändige Freude an ihr. Und

wenn tausendmal nur die Form zerstört ist. Auch um die Form ist es ein

Jammer. _Die_ Freude hätt’ ich immer an ihr haben können. Und so wie ich

sie jetzt sehe – ich hätte eben einsehen müssen, daß ich nicht aus Geiz

Himmel und Erde ihrer Liebe hätte berauben dürfen. Aber belogen hätte

Olga Radó mich nie. Nie, nie, nie!“

„Der Zug, Mette!“ mahnte Peterchen.

Mette warf einen Blick auf ihr Handgelenk.

„Ja, wir müssen gehen.“

Peterchen ging, einen Wagen zu holen. Der Kutscher trug das Gepäck

hinunter.

Ich wollte die Kerze löschen, als wir gingen.

„Nein, laß!“ sagte Mette. Sie lief ein paarmal hin und her und brachte

Wasser in den hohlen Händen, das sie um die Kerze träufelte, bis sich

ein kleiner See bildete.

„Nun kann es kein Feuer geben,“ sagte sie. „Seltsam, wenn ich schon im

Zug sitze, brennt vielleicht hier in der leeren Wohnung noch das Licht.

Ich muß immer an die arme Johanna denken, schon den ganzen Abend, als

das Licht so im Fenster brannte.“

„Wer ist das?“ fragte ich.

„Die arme Johanna? Das war eine Frau, die Olga liebte. Sie ist an der

Schwindsucht gestorben. Und Olga konnte nicht um sie sein, als sie im

Sterben lag. Aber die Schwester, die sie pflegte, stellte nachts immer

eine brennende Kerze ans Fenster. Das hatte die arme Johanna alles

selber so verabredet und bestimmt. Solange sie lebte, solange sollte die

Kerze brennen. Und da ist Olga manchmal drei-, viermal in der Nacht,

wenn sie es vor Unruhe nicht mehr aushalten konnte, nach dem Haus

gelaufen und hat auf der Straße gestanden, um nur die Kerze brennen zu

sehen.“ – „Schau,“ Mette wandte sich um, während wir in den Wagen

stiegen, „da oben brennt meine Kerze und leuchtet mir nach!“

Sie winkte mit den Handschuhen einen Gruß zurück.

„Und da, schau,“ sie richtete sich auf, mit einem seltsamen Entzücken im

Gesicht und wies nach dem Sternenhimmel, „da ist der Antares! Das Herz

des Skorpions. Dem zieh’ ich jetzt nach, immer weiter nach Süden. Wir

können zusammen bleiben, oder ich kann auf ihn warten, bis er wieder

kommt, mit der unbedingtesten Zuverlässigkeit, wie der treueste Freund.“

„Trotzdem,“ sagte Peterchen, „ich habe das Gefühl, daß es doch ein

bißchen wenig Schutz und Freundschaft für dich ist. Wenn ich denke, daß

du in der nächsten Nacht in einer fremden Stadt, in einem fremden

Hotelbett schlafen sollst ...“

„Schön!“ sagte Mette. „Das ist ja das, was mir Ruhe geben kann. Ein

Raum, den ich noch nie gesehen habe. Trotzdem ist dieser Raum jetzt

schon da. Ein anderer Mensch bewohnt ihn und erfüllt ihn ganz mit seinen

Leiden und Freuden und Sorgen und Gedanken. Muß man sich denn immer nur

mit einem peinlichen Gefühl des Ekels in ein fremdes Bett legen? In

einem frisch bezogenen Hotelbett sind keine fremden Mikroben und

Bakterien – aber auf den Tapeten liegen noch Schatten und Lichter

fremder Schicksale. Und die tönen das eigene zum Schweigen.

Man soll nicht in den Wänden bleiben, wo einen der eigene Schmerz immer

von den Tapeten anschreit.

Das fremde Bett wird mir morgen erzählen, was es alles erlebt hat. Weißt

du, auch das ist Feengabe. Ich bin nicht mehr bange, weil die Dinge

anfangen, mit mir zu reden. Das sind immer die Glückskinder in den

Märchen oder die Weisen in den Sagen – König Salomo, vogelsprachekund –

denen die Dinge und die Tiere und die Bäume ihre Geheimnisse erzählen.

Du glaubst nicht, was das bedeutet. Die ganze Welt war so entsetzlich

stumm. Und nun höre ich überall so liebe, vertraute, unhörbare Stimmen.

Ihr ahnt gar nicht, mit was für einem Entzücken und einem Stolz das

einen erfüllt. Siehst du, Peterchen – das ist _auch_ etwas, was ich von

Olga habe.“

„Ja,“ sagte Peterchen nachdenklich, „ich fühle deine Kraft – fast mit

Neid. Sie hat dir unendlich viel gegeben. Ich kann nicht los von dem

Gedanken ... vielleicht hatte sie doch recht: ‚_Qui vivens laedit, morte

medetur_‘ – was lebend verwundet, heilet im Tod.“

„Nein, nein, sag das nicht!“ sagte Mette mit einer fast flehenden

Bewegung. „Ich will es nicht hören, weil es nicht wahr ist. Aber ich

habe die heilige Überzeugung – und _das_ dank ich ihr tausendfach mehr

als alles andere – daß der Satz _umgekehrt_ wahr ist – hilf mir,

Peterchen, mit meinem Latein ist es schwach bestellt: _Qui vivens

laeditur, morte_ ... nein, es geht nicht ... _medetur_ ... das sind die

verflixten Deponentia, davon kann ich keine Passivform bilden. Aber du

weißt ja, was ich meine: Was lebend verwundet wird, wird im Tode geheilt

... das heilt der Tod ... _mors medetur_, nicht wahr, das kann man

sagen?

Und siehst du, das ist das größte: die Stunde Lust, die ich auf diesem

Maskenball des Lebens vielleicht noch finden kann, die dank ich ihr –

aber wenn mir das Treiben zuwider wird, dann dank ich ihr den Schlüssel

zur Ausgangstür.“

„Ja,“ sagte Peterchen ein wenig bitter, „einen sechsläufigen Revolver!“

„Oh,“ sagte Mette, „mehr als das: damit allein ist es nicht getan. Weißt

du nicht, was die kleine Seejungfer sich wünschte, um was sie sich die

Zunge herausschneiden ließ, um was sie bei jedem Schritt tausendfältige

Schmerzen litt, was nur eine große, große Liebe ihr geben konnte? Mir

hat es Olga gegeben. Mir hat Olga alles gegeben, was man braucht, um

allen Möglichkeiten der verhüllten Zukunft mit unzerstörbarer Ruhe

entgegenzugehen: einen sechsläufigen Revolver ... _und_ eine

unsterbliche Seele!“

Der Skorpion. Band 1 · 第 16 / 19 题