Sie schickte den Brief ab und wartete auf Antwort. Es kam keine. – – –

* * * * *

Unterdessen bemühte sich Tante Emilie, an Mettens Aufklärung zu

arbeiten. Und zwar auf eine merkwürdige Art.

Sie war viel zu vorbildlich, um mit einem jungen Mädchen über sittlich

anstößige Dinge zu reden. Außerdem hatte sie wohl auch Angst vor Mettens

Wutausbrüchen. (Obgleich Feigheit eigentlich sonst ihre Sache nicht

war.)

Mette hatte die Gewohnheit angenommen, in ihres Vaters Studierzimmer zu

sitzen. Sie las und las den ganzen Tag die schwierigsten, die

unverständlichsten Dinge, nur um ihre Gedanken zu knebeln. Hier hatte

sie alle Bücher zur Hand. Es war bequemer, sich gleich damit am

Schreibtisch niederzulassen, als die manchmal schweren Folianten erst in

einen anderen Raum zu schleppen.

Außerdem war ihr hübsches, helles Mädchenzimmer ihr verhaßt.

Wenn sie an dem schweren schwarzen Diplomatenschreibtisch saß, mit müde

hängenden Schultern über die Bücher gebeugt, war es ihr manchmal, als

hätte man Metten da draußen begraben, ein junges, lebensgieriges,

heißblütiges Mädel – und hier säße nun ein alter, stiller, einsamer

Mann. Sie fühlte fast mit Grauen, daß etwas von dem Toten – seine

halben, scheuen und schwerfälligen Bewegungen, seine gebückte Haltung,

sein abwesendes, um Verzeihung bittendes Lächeln auf sie übergegangen

war.

Auf diesem Schreibtischplatz nun fand sie von Zeit zu Zeit Bücher,

Hefte, Broschüren, scheinbar ganz verschiedenen Inhalts – Romane,

medizinische Werke, angestrichene Tageszeitungen – aber alle behandelten

dasselbe Thema.

Da waren seltsame und unheimliche Geschichten von Gräfinnen, die sich in

Männerkleidung in Kaschemmen herumtrieben, bis sie in irgendeinen

Hinterhalt gelockt und gräßlich ermordet wurden.

Oder Berichte von widerlichen Orgien in großen Klubs, wo Hunderte von

Weibern sich als Männer anzogen und gebärdeten, oder Männer, geschminkt,

mit Lockenperücken und in durchbrochenen Seidenstrümpfen und nackten

gepuderten Armen und Schultern herumliefen.

Da waren statistische Feststellungen aller der unglücklichen Opfer,

die infolge widernatürlicher Unzucht an Gehirnerweichung,

Rückenmarksschwindsucht und ähnlichem zugrunde gegangen oder in Wahnsinn

verfallen waren.

Oder Schilderungen aus dem Seelenleben Konträr-Sexualer, die vermuten

ließen, daß diese Tausende von Menschen alle miteinander eine große

Gemeinde bildeten, eine Gemeinde, die durch nichts verbrüdert wurde,

durch keine gemeinsamen Interessen, keine Gleichheit der Bildung, der

Familie, des Geschmacks, der Weltanschauung, durch keine Liebe, durch

nichts als den Trieb zur gleichen Ausschweifung.

Da war die Biographie eines großen Mannes, der elend ermordet war durch

einen erpresserischen Kellner, einen Kellner, mit dem er in intimen

Beziehungen gestanden – den er _geliebt_ hatte!

Mette schauderte, wenn sie das Wort Liebe in diesem Zusammenhange nur

dachte. Manchmal war ihr, als müsse sie ersticken in Kot und Unflat. Ihr

wurde körperlich übel, wenn sie die Bücher nur anrührte. Sie las sie

nicht mehr – eine Weile lang. Sie las geschichtliche, philosophische,

naturwissenschaftliche Werke. Aber sie wußte oft seitenlang nicht, was

sie las. Ihre Augen gingen über die Zeilen und spiegelten die Worte. Und

ihre Gedanken wälzten die furchtbaren Dinge, die wie Steinblöcke auf sie

geschleudert wurden, um sie zu erschlagen. Dann nahm sie wieder die

anderen Bücher vor, die schlimmen, und suchte nach Erklärungen und zog

Schlüsse und stellte Vergleiche an.

Wenn von männlich veranlagten Frauen gesprochen wurde, war viel von

ihrem überlegenen Geist, von ihrem Wissensdurst und Bildungsdrang die

Rede. Auch von einer krankhaften Verschwendungssucht mitunter, von einem

leidenschaftlichen Hang zum Luxus, von einer unnatürlichen Vorliebe für

schöne Stiefel.

Oder auch von unheimlichen Don-Juan-Naturen, die mit unersättlicher

Genußgier von Abenteuer zu Abenteuer rasten.

Mette geriet vor solchen Dingen in die qualvollste Verwirrung. Diese

Bücher sollten sie den Menschen verstehen lehren, der ihr auf der Welt

am nächsten gewesen war. Hundertmal in den letzten Monaten hatte sie

sich gesagt: diese Frau ist ein unlösliches Rätsel, ein unergründliches

Geheimnis, mir ewig fremd und fern, nie zu erfassen und nie zu

begreifen. Und ebensooft hatte sie in jedem Nerv gespürt: Dies ist die

Lösung, nun ist alles klar, alles gut, nie wieder kann ein Mißverstehen

uns trennen.

Und jetzt? Und nun?

Mitunter spürte Mette das quälende Bedürfnis, diese Schriften

zusammenzupacken und damit zu Olga Radó zu gehen: erklär mir das. Gibt

es solche Menschen? Bist du so? Bin ich so? Was weißt du darüber und wie

denkst du darüber?

Über alles, was sie im letzten Jahr gehört oder gelesen hatte, hatte

Olga Radó ihre Meinung äußern müssen. Und fast immer war Olgas Meinung

auch die ihre gewesen, oder aber eine andere Meinung in ihr wurde

geweckt, gekräftigt, klargestellt.

Nun zum erstenmal sollte sie mit so Ungeheuerlichem allein fertig werden

und tappte völlig hilflos im Dunkel. Wo sie Licht, wo sie einen Ausweg

zu finden glaubte, kam sie nur auf neue Irrwege. Sie gelangte nicht um

einen Schritt vorwärts, nicht zurück.

In dieser Wirrnis konnte nur Olga Radó helfen. Olga Radó mußte klar und

deutlich ihre Meinung über Olga Radó äußern. Und diese Meinung galt.

Da schrieb Mette zum zweitenmal. Auch in diesem Brief stand kein Wort

von Liebe oder Sehnsucht – nur eine dringende Bitte um Hilfe, viel Klage

über das, was jetzt in ihr geschah und auch ein wenig Anklage: Du hast

mich so weit gebracht, du mußt mir jetzt die Hand geben und mich aus

diesem Sumpfland hinausführen.

Der Skorpion. Band 1 · 第 14 / 19 题