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Unterdessen bemühte sich Tante Emilie, an Mettens Aufklärung zu
arbeiten. Und zwar auf eine merkwürdige Art.
Sie war viel zu vorbildlich, um mit einem jungen Mädchen über sittlich
anstößige Dinge zu reden. Außerdem hatte sie wohl auch Angst vor Mettens
Wutausbrüchen. (Obgleich Feigheit eigentlich sonst ihre Sache nicht
war.)
Mette hatte die Gewohnheit angenommen, in ihres Vaters Studierzimmer zu
sitzen. Sie las und las den ganzen Tag die schwierigsten, die
unverständlichsten Dinge, nur um ihre Gedanken zu knebeln. Hier hatte
sie alle Bücher zur Hand. Es war bequemer, sich gleich damit am
Schreibtisch niederzulassen, als die manchmal schweren Folianten erst in
einen anderen Raum zu schleppen.
Außerdem war ihr hübsches, helles Mädchenzimmer ihr verhaßt.
Wenn sie an dem schweren schwarzen Diplomatenschreibtisch saß, mit müde
hängenden Schultern über die Bücher gebeugt, war es ihr manchmal, als
hätte man Metten da draußen begraben, ein junges, lebensgieriges,
heißblütiges Mädel – und hier säße nun ein alter, stiller, einsamer
Mann. Sie fühlte fast mit Grauen, daß etwas von dem Toten – seine
halben, scheuen und schwerfälligen Bewegungen, seine gebückte Haltung,
sein abwesendes, um Verzeihung bittendes Lächeln auf sie übergegangen
war.
Auf diesem Schreibtischplatz nun fand sie von Zeit zu Zeit Bücher,
Hefte, Broschüren, scheinbar ganz verschiedenen Inhalts – Romane,
medizinische Werke, angestrichene Tageszeitungen – aber alle behandelten
dasselbe Thema.
Da waren seltsame und unheimliche Geschichten von Gräfinnen, die sich in
Männerkleidung in Kaschemmen herumtrieben, bis sie in irgendeinen
Hinterhalt gelockt und gräßlich ermordet wurden.
Oder Berichte von widerlichen Orgien in großen Klubs, wo Hunderte von
Weibern sich als Männer anzogen und gebärdeten, oder Männer, geschminkt,
mit Lockenperücken und in durchbrochenen Seidenstrümpfen und nackten
gepuderten Armen und Schultern herumliefen.
Da waren statistische Feststellungen aller der unglücklichen Opfer,
die infolge widernatürlicher Unzucht an Gehirnerweichung,
Rückenmarksschwindsucht und ähnlichem zugrunde gegangen oder in Wahnsinn
verfallen waren.
Oder Schilderungen aus dem Seelenleben Konträr-Sexualer, die vermuten
ließen, daß diese Tausende von Menschen alle miteinander eine große
Gemeinde bildeten, eine Gemeinde, die durch nichts verbrüdert wurde,
durch keine gemeinsamen Interessen, keine Gleichheit der Bildung, der
Familie, des Geschmacks, der Weltanschauung, durch keine Liebe, durch
nichts als den Trieb zur gleichen Ausschweifung.
Da war die Biographie eines großen Mannes, der elend ermordet war durch
einen erpresserischen Kellner, einen Kellner, mit dem er in intimen
Beziehungen gestanden – den er _geliebt_ hatte!
Mette schauderte, wenn sie das Wort Liebe in diesem Zusammenhange nur
dachte. Manchmal war ihr, als müsse sie ersticken in Kot und Unflat. Ihr
wurde körperlich übel, wenn sie die Bücher nur anrührte. Sie las sie
nicht mehr – eine Weile lang. Sie las geschichtliche, philosophische,
naturwissenschaftliche Werke. Aber sie wußte oft seitenlang nicht, was
sie las. Ihre Augen gingen über die Zeilen und spiegelten die Worte. Und
ihre Gedanken wälzten die furchtbaren Dinge, die wie Steinblöcke auf sie
geschleudert wurden, um sie zu erschlagen. Dann nahm sie wieder die
anderen Bücher vor, die schlimmen, und suchte nach Erklärungen und zog
Schlüsse und stellte Vergleiche an.
Wenn von männlich veranlagten Frauen gesprochen wurde, war viel von
ihrem überlegenen Geist, von ihrem Wissensdurst und Bildungsdrang die
Rede. Auch von einer krankhaften Verschwendungssucht mitunter, von einem
leidenschaftlichen Hang zum Luxus, von einer unnatürlichen Vorliebe für
schöne Stiefel.
Oder auch von unheimlichen Don-Juan-Naturen, die mit unersättlicher
Genußgier von Abenteuer zu Abenteuer rasten.
Mette geriet vor solchen Dingen in die qualvollste Verwirrung. Diese
Bücher sollten sie den Menschen verstehen lehren, der ihr auf der Welt
am nächsten gewesen war. Hundertmal in den letzten Monaten hatte sie
sich gesagt: diese Frau ist ein unlösliches Rätsel, ein unergründliches
Geheimnis, mir ewig fremd und fern, nie zu erfassen und nie zu
begreifen. Und ebensooft hatte sie in jedem Nerv gespürt: Dies ist die
Lösung, nun ist alles klar, alles gut, nie wieder kann ein Mißverstehen
uns trennen.
Und jetzt? Und nun?
Mitunter spürte Mette das quälende Bedürfnis, diese Schriften
zusammenzupacken und damit zu Olga Radó zu gehen: erklär mir das. Gibt
es solche Menschen? Bist du so? Bin ich so? Was weißt du darüber und wie
denkst du darüber?
Über alles, was sie im letzten Jahr gehört oder gelesen hatte, hatte
Olga Radó ihre Meinung äußern müssen. Und fast immer war Olgas Meinung
auch die ihre gewesen, oder aber eine andere Meinung in ihr wurde
geweckt, gekräftigt, klargestellt.
Nun zum erstenmal sollte sie mit so Ungeheuerlichem allein fertig werden
und tappte völlig hilflos im Dunkel. Wo sie Licht, wo sie einen Ausweg
zu finden glaubte, kam sie nur auf neue Irrwege. Sie gelangte nicht um
einen Schritt vorwärts, nicht zurück.
In dieser Wirrnis konnte nur Olga Radó helfen. Olga Radó mußte klar und
deutlich ihre Meinung über Olga Radó äußern. Und diese Meinung galt.
Da schrieb Mette zum zweitenmal. Auch in diesem Brief stand kein Wort
von Liebe oder Sehnsucht – nur eine dringende Bitte um Hilfe, viel Klage
über das, was jetzt in ihr geschah und auch ein wenig Anklage: Du hast
mich so weit gebracht, du mußt mir jetzt die Hand geben und mich aus
diesem Sumpfland hinausführen.