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Onkel Jürgen blieb noch eine Zeit lang in Berlin. Er benahm sich recht
merkwürdig. Er war still und gütig und richtete auf Metten immer ein
paar ehrliche, angstvolle, blaue Augen und sprach zu ihr immer in einem
leicht gerührten Ton. Von dem Geld und der Flucht war nie mehr die Rede.
Wenn Mette zuweilen – oft geschah es ja nicht – über dieses Benehmen
nachdachte, meinte sie, es nur auf _eine_ Weise erklären zu können. Sie
glaubte nicht, daß es Reue war, weil sein heftiger Brief ihres armen
Vaters Tod verschuldet hatte. Sie kam auch nicht auf den Gedanken, daß
er versuchte, sie durch Liebe und Güte zu gewinnen. Nein, wahrscheinlich
tat sie ihm leid. Er hatte Olga Radó gesehen. Er hatte ihre Stimme
gehört. Er hatte einen Hauch ihrer Macht gespürt. Wenn Mette das dachte,
liebte sie ihn fast.
Und er hatte es gehört, wie Olga sie verleugnet und verraten und
gedemütigt hatte. Nun hatte er Mitleid mit ihr. – Wenn Mette das dachte,
so haßte sie ihn.
Auch Tante Emilie war von einer sonderbaren Sanftmut. Mette dachte
später manchmal, daß es besser gewesen wäre, wenn die Leute in dieser
Zeit sie gequält und gepeinigt hätten und sie stark gemacht hätten in
stählendem Haß. – – –
* * * * *
Tante Emilie und die ganze Familie war sehr dafür, die Tiefe der Trauer
durch die Länge der Schleier auszusprechen.
Es sollte niemand sagen können, daß Mette, die verlorene Tochter, das
ungeratene Kind nicht über den Tod ihres Vaters trauere.
Als Mette sich zum erstenmal im Spiegel sah, von Kopf zu Füßen in
schwarzem Krepp, schmal und blaß, mit erloschenen Augen und
schmerzgezeichnetem Mund, dachte sie: „Wie eine Witwe“, und ihr Herz zog
sich qualvoll zusammen.
Als sie zur Beerdigung fuhren und nebeneinander saßen, hielt Tante
Emilie mit der schwarz behandschuhten Rechten das weiße Taschentuch an
die zitternden Lippen und mit der Linken hielt sie Mettens Hand. Und
Onkel Jürgen sah aus dem Fenster, und von Zeit zu Zeit rollte eine Träne
aus seinen blauen Augen bis in den Schnurrbart.
Metten war zumut, als sei sie ein Berg gewesen, an dessen steinerner
Unverletzlichkeit jedes Geschoß abgeprallt war – nun war durch eine
Explosion ein Trichter in sie hineingesprengt, in ihr war Leere, in ihr
war ein tiefer, dunkler, zerklüfteter Abgrund. Die wild zerrissene Wunde
lag offen am Tage und alles fiel ungehindert in sie hinein, blieb schwer
wie Steine in ihr liegen, erfüllte sie mit Qual – alles, Blicke, Worte,
Tränen, Bewegungen.
„Weh über den, der mich zersprengt hat!“ dachte sie bitter.
Dann schloß sie ihre Finger einen Augenblick fester um Tante Emiliens
Hand.
„Wir gehören zusammen,“ dachte sie, „Verlassene und Ungeliebte, bitter-
und hartgewordene Unglückliche – wir gehören zusammen. Zwei große
Familien gibt es auf der Welt, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke,
Lachende und Weinende ... Olga Radó gehört zu den Frohen, sie hat
triumphiert, sie hat sich gerechtfertigt, sie hat sich von mir befreit –
nun geht sie lachend einem neuen Abenteuer entgegen.“
Nicht immer dachte Mette so. Die widerstreitendsten Empfindungen
schüttelten sie durcheinander.
Es kamen wache Nächte, in denen sie glaubte, daß alles gut werden mußte,
wenn sie Olgas Hand hielt und fragte:
„Kind, wie ist das nur gekommen? Wie konnte das nur geschehen? Was hast
du dir nur dabei gedacht?“
Dann lief sie am Tage die Motzstraße auf und ab und starrte zu der
Haustür hinüber – aber immer vergebens.
Dann kamen Tage, an denen Tante Emilie ein widerlich-freundliches
Bedauern zur Schau trug und sich in Anspielungen erging, über die
Undankbarkeit der Welt im allgemeinen und im besonderen, und wie Mette
nun vereinsamt sei, weil sie ihre ganze Zeit und ihr ganzes Gefühl an
eine solche Person verschleudert habe.
Dann haßte Mette mit glühendem Haß alle beide, Tante Emilien und Olga.
Aber mehr noch Olga – Olga, die sie zu Boden geworfen hatte, damit Tante
Emilie auf ihr herumtreten konnte, Olga, die ihr die Wunde gerissen
hatte, in der Tante Emilie mit schmutzigen Fingern wühlte.
Manchmal beschloß sie zu sterben. Viel öfter aber noch zu fliehen. Ein
Bündel zu packen und die Landstraßen entlang zu laufen, auf Wiesen, in
Gräben zu nächtigen, den ewigen Sternenhimmel als Decke über sich.
Der Gedanke an fremde Erdteile war das einzige, was ihr in dieser Zeit
zuweilen wohl tat. Mit diesem Gefühl der Gleichgültigkeit gegen Tod und
Leben mußte es schön sein, irgendwo im Dschungel mit gespannter Büchse
zu liegen und im kaum schwankenden Rohr die Augen eines Tigers auf sich
gerichtet zu sehen. Oder an einem Wachtfeuer zu liegen, um das nackte,
schwarze Gestalten zu eintöniger Musik sich verrenkten. Oder von den
leise schaukelnden, kissenweichen Tritten eines Kamels durch
unermeßliche, flirrende, weiße Glut getragen zu werden.
Dann wieder schien es ihr, als ob ein solches Leben – auch ein _solches_
Leben nur unablässige Qual wäre ohne Olga – unendlicher Reichtum,
unausdenkbares Glück mit Olga.
Sie versuchte, sich in den Gedanken zu fügen, daß Olga sie nicht liebte.
Aber es konnte nicht sein, daß sie sie haßte. Sie hatte sie geopfert,
leichten Herzens aufgegeben, um ihren Ruf zu wahren, um sich
Unannehmlichkeiten abzuwehren. Sie liebte sie nicht. Aber darum waren
ihre Worte doch Lüge gewesen. Sie hatte sich gefreut, wenn sie kam.
Immer. Sie würde sich wieder freuen, wenn sie wieder kommen würde.
Sie wollten ein Leben zusammen führen, ein herrliches, freies Leben, in
allen Städten der Welt, auf Dörfern, im Walde, in Indien, auf
Madagaskar.
Dazu kam, daß Metten jetzt tagtäglich klargemacht wurde, wie reich sie
war. Franz Rudloff war kein Geizhals gewesen, aber er wußte nicht, wie
und wofür man Geld ausgeben sollte. Und Tante Emilie war viel zu
musterhaft, um auch nur in der kleinsten Kleinigkeit verschwenderisch zu
sein.
Mette hatte keine allzu genaue Kenntnis von Geld und Geldeswert. Aber
das wußte sie doch: Die Summen, die man ihr jetzt nannte, die verbürgten
Freiheit, volle Freiheit, die versprachen ihr: in wenig Monaten kannst
du ein Leben führen, wo du willst und wie du willst ...
Ein Leben ohne Olga ...?
Mette faßte den Entschluß, an Olga zu schreiben. Nicht, wie es in ihr
aussah, nichts von Sehnsucht und Liebe, oh, um Gottes willen nicht.
Aber ein paar ganz kühle, sozusagen geschäftsmäßige Zeilen, die nur den
Versuch machen sollten, eine Aussprache herbeizuführen.
Sie verfaßte mit vieler Mühe einen Brief, den sie aufsetzte,
verbesserte, abschrieb und war mit ihrem Machwerk sehr zufrieden.
Kein Mensch konnte darin einen Hauch von Herzlichkeit oder gar Demut
wahrnehmen. Eher einen scharfen, spöttischen, ein wenig herausfordernden
Ton.