Mette streifte sie nur mit einem verächtlichen Blick. –

Die Bahnfahrt war doch länger, als sie gedacht hatte. Mette sah

angespannt aus dem Fenster und bemühte sich, die Namen der Stationen,

jedes Dorf und jedes Bahnwärterhäuschen ihrem Gedächtnis einzuprägen. Es

wäre doch möglich, daß sie zu Fuß zurück müßte.

Sie hatte kein Geld – ob sie Gelegenheit hatte, Wertsachen zu versetzen

oder zu verkaufen, war fraglich. Sie sah nach den Kilometerschildern, 87

Kilometer bis Berlin. Fünf Kilometer in der Stunde schaffte sie glatt.

Es war nur schade, daß nicht Sommer war. Bei zwei Grad unter Null ließ

sich’s nicht gut im Freien nächtigen. – – –

* * * * *

Mette saß in der hellen und freundlichen Mansardenstube auf dem

Fenstertritt, rauchte eine Zigarette und polierte ihre Nägel.

Auf der weißen Decke des Nähtisches, den Mette zum Toilettentisch

degradiert oder befördert hatte, lag aufgeschlagen ein kleines, dickes,

schwarzes Buch: das Neue Testament.

Die Tür wurde aufgemacht, und ihr Vetter Hermann schob sich durch den

Spalt. Er blieb in der offenen Tür stehen und spielte mit der Klinke.

„Ob du zum Abendbrot runterkommst, oder ob du noch Kopfschmerzen hast?“

fragte er lakonisch.

„Mach’ die Tür zu, Junge!“ herrschte Mette gedämpft. Sie wollte nicht,

daß der Zigarettenrauch auf den Treppenflur und in Tante Antoniens feine

Nase zöge.

Der Junge machte die Tür zu, aber ließ die Klinke nicht los.

„Warum klebst du eigentlich an der Türe?“ fragte Mette belustigt.

„Bitte, tritt näher. Nimm Platz!“

Der Junge zögerte.

„Wir sollen eigentlich nicht zu dir hinein,“ meinte er. „Aber wenn deine

Kopfschmerzen besser sind, dann wirst du ja auch nicht mehr so krank

sein ...“

„Krank?“ sagte Mette verwundert. „Sollt ihr nicht zu mir hereinkommen,

weil ich krank bin?“

„Ja!“ sagte der Zwölfjährige altklug. „Wegen der Ansteckungsgefahr!“

„Ach, Männe!“ Mette lachte kurz auf. „Die Krankheit, die ich habe,

steckt ganz gewiß nicht an.“

„Was hast du denn für eine Krankheit?“ Der Junge kam neugierig näher.

Mette zögerte mit der Antwort.

Der Junge warf einen begehrlichen Blick auf die Zigaretten.

„Schenk’ mir eine!“ bettelte er plötzlich.

„Ja,“ sagte Mette rasch. „So viel du willst. Aber du mußt mir einen

Brief auf die Post bringen, ganz heimlich, so, daß es keiner sieht. Kann

man sich auf dich verlassen?“

Mette sah ihn scharf und prüfend an. Der Ehrgeiz des Jungen war geweckt.

„Aber!“ sagte er überzeugt, „meinst du, daß ich mich erwischen lasse?

Ich bin doch nicht dämlich.“

Er bekam den Brief und die Zigaretten und verstaute beides so

kunstgerecht in der Bluse, daß Mette lächelnd dachte: „Es ist nicht das

erstemal, daß er da etwas vor Mutters scharfen Augen versteckt.“

Er zögerte noch zu gehen. Er druckste ein bißchen und platzte dann

heraus:

„Sag’ mir doch, was du für eine Krankheit hast?!“

Mette dachte nach, was sie ihm antworten sollte. Ihr Blick fiel auf das

Zigarettenetui.

„Weißt du, Männe,“ sagte sie nach einer Weile, „mich hat ein Skorpion

gestochen. Nun ist mein ganzes Blut vergiftet. Und du weißt doch: gegen

Skorpionengift hilft nur Skorpionengift. Und hier gibt es keinen

Skorpion. Aber daß es ansteckt, das ist ein Aberglaube. Das sind die

Phalangien, die so giftig sind, daß man sich ansteckt, wenn man sich im

Waschwasser eines Gestochenen wäscht. Das hat deine Mutter verwechselt.“

„Es ist nicht ansteckend?“ fragte der Junge und wagte sich noch ein

Schrittchen näher.

„Nein!“ Mette schüttelte den Kopf mit einem wehen Lächeln. „Ich glaube

wohl, daß es _tödlich_ sein kann – aber ansteckend ist es nicht.“ – – –

* * * * *

Der kleine Hermann, der den Brief mit viel Heimlichkeit und

Wichtigtuerei nach der Post besorgte, war fest überzeugt, daß es ein

Liebesbrief sein müsse, den man ihm anvertraut hatte. Er wäre sehr

erstaunt gewesen, wenn er erfahren hätte, daß in dem Brief mehr von ihm,

von dem kleinen Hermann selbst, die Rede war, als von Liebe.

„... Ich habe die Kinder meines Onkels früher gehaßt“ ... das schrieb

sie, nachdem sie von den Begebenheiten der letzten Tage eine sachliche

Schilderung gegeben hatte. „... Ich hatte keinen Grund, sie zu hassen,

als daß sie so abstehende Ohren hatten. Sag’ mir, Liebes, wodurch bin

ich ein so ganz anderer Mensch geworden? Ich sehe jetzt Charaktere in

jedem kindischen Benehmen, und ich sehe Schicksale, die an diese

Charaktere unlöslich festgekettet sind. Ich sehe, daß die kleine Annemie

einmal ein schweres Leben haben wird – nicht nur, weil sie abstehende

Ohren hat – und darum habe ich immer das Gefühl, ich möchte ihr helfen,

ich möchte ihr schenken, um die paar glücklichen Stunden in ihrem Leben

zu vermehren ...

Ich habe eine Entdeckung gemacht, Olla. Du wirst mich auslachen. Meine

Tante Antonie hat den Bücherschrank vor mir verschlossen und hat mir das

Neue Testament aufs Zimmer gelegt. Ich habe sie in Verdacht, sie wollte

mich damit strafen. Vor einem Jahr hätt’ ich es voll Empörung an die

Wand geworfen und wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß man es

lesen könnte. Und jetzt habe ich mich so damit befreundet! Was ist das

doch für ein herrliches Buch! Aber ich mache mich lächerlich vor Dir mit

meiner Entdeckung. Gibt es wohl etwas Schönes auf der Welt, was Du nicht

kennst und liebst?“ – – –

* * * * *

Onkel Jürgen und Tante Antonie waren aufs angenehmste überrascht von

Mettens Betragen. Sie hatten ein widerspenstiges Kind erwartet, das sie

nötigenfalls unter Anwendung von Gewalt zähmen mußten und fanden eine

junge Dame von formvollendeter Liebenswürdigkeit. So wirkte es peinlich,

sie überall zu beschränken und zu beaufsichtigen, und man gewährte ihr

eine Freiheit nach der anderen.

Mette nutzte diese Freiheiten aus und traf Vorbereitungen zur Flucht.

Sie hatte Tag und Nacht keinen anderen Gedanken, und die dauernde

Beschäftigung mit diesen Plänen stimmte sie zu fast ausgelassen-heiterer

Erregung.

Es handelte sich vor allem darum, sich Geld zu verschaffen. Mette

verkaufte von ihren Sachen, was ihr irgend entbehrlich schien. Aber das

brachte nicht genug. Sie fing an, Sachen aus dem Haushalt zu

verschleudern. Es war schwierig und unpraktisch. Erstens konnte es

herauskommen, ehe sie fort war, dann war alles verloren, und zweitens

lohnte es nicht die aufgewendete Mühe, und es tat ihr auch leid,

wertvolle Dinge um einen Spottpreis wegzugeben.

Eines Tages empfing Onkel Jürgen mit der Post eine größere Summe, die er

in Mettens Gegenwart in den Schreibtisch einschloß.

Mette starrte wie hypnotisiert auf den verschlossenen Kasten. Da war

alles, was sie brauchte, aber wie dazugelangen?

Sie lag eine ganze Nacht, ohne Schlaf zu finden, oder auch nur zu

suchen. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft.

Nachts den Schreibtisch gewaltsam erbrechen. Es ging kein Zug mehr, der

sie dann vor Tagesanbruch in Sicherheit brachte.

Einen Wachsabdruck des Schlosses nehmen. Der Schlosser würde Verdacht

schöpfen, wenn sie sich einen Schlüssel danach machen ließ.

Das Schlüsselbund stehlen? Man würde es sofort vermissen und das ganze

Haus durchsuchen.

Den Schreibtischschlüssel vom Bund lösen? Man würde auch das Fehlen

dieses einen wichtigsten Schlüssels sofort bemerken.

Am anderen Tag holte sich Mette vom Schlosser ein halb Dutzend

Schlüssel. Sie erzählte eine Geschichte von einem verlorenen

Schrankschlüssel und freute sich fast darüber, wie sicher und unbefangen

sie ihre Märchen vortrug.

In der Nacht schlich sie hinunter und probierte die gekauften Schlüssel.

Sie hatte die Form und Größe des Schlüssels sich gut gemerkt. Fast alle

ließen sich ins Schloß schieben. Aber keiner schloß.

Am anderen Tag erbat sie die Schlüssel, um ein Buch aus der Bibliothek

zu nehmen. Während sie vor dem Bücherschrank kniete, löste sie den

Schreibtischschlüssel vom Bund. Einen bereitgehaltenen, der ihm

äußerlich gleich sah, fügte sie an seine Stelle.

Sie nahm ein Buch aus dem Schrank, ohne zu wissen, welches.

In dem Augenblick, in dem sie Onkel Jürgen das Schlüsselbund zurückgab,

glaubte sie, er müsse das rasende Schlagen ihres Herzens spüren. Sie

fühlte, daß ihr Gesicht weiß aussehen mußte wie Kalk und bemühte sich,

mit steifgefrorenen Lippen zu lächeln.

Der Onkel nahm ihr die Schlüssel ab, ohne von seiner Zeitung aufzusehen

und ließ sie mit einem flüchtigen „Danke!“ in die Hosentasche gleiten.

Mette packte ihren Handkoffer und gab eine Depesche auf. In der

Dämmerung schaffte sie den Handkoffer nach der Bahn.

Um halb acht wurde zu Abend gegessen. Um halb neun ging der Zug.

Mette klagte während des Essens über Kopfschmerzen. Der Onkel gab ihr

auf ihre Bitte ein Pyramidon und empfahl ihr, sich gleich hinzulegen.

Mette sagte: „Gute Nacht!“ während die anderen noch bei Tisch saßen.

Um vom Eßzimmer nach dem Treppenflur zu kommen, mußte sie durch das

dunkle Wohnzimmer. Während sie aus dem Nebenzimmer die Stimmen hörte und

jeden Augenblick das Stuhlrücken der Aufstehenden zu hören glaubte,

schloß sie das Schreibtischfach auf und stopfte eine Handvoll Scheine in

ihre Bluse.

Im Treppenflur hing ihr Mantel schon vorsorglich bereit. Sie schlüpfte

hinein und öffnete die kleine Hintertür, die an der Küche vorbei in den

Garten führte. Vorne an den Fenstern des Speisezimmers vorbeizugehen,

wagte sie nicht.

Über das niedrige Gartenstaket sich zu schwingen, war keine

Schwierigkeit. Noch einmal sah sie sich um. Von dieser Seite war das

Haus ganz dunkel. Sie horchte. Keine Tür ging, kein Fenster klirrte.

Dann wandte sie sich und lief wie gejagt querfeldein – dem Bahnhof zu. –

– –

* * * * *

Während der Bahnfahrt kämpfte sie manchmal mit einer qualvollen

Bangigkeit. Sie sah sich verfolgt, gefesselt – der Zug schien

unerträglich langsam zu fahren, auf allen Stationen über Gebühr zu

halten.

Sie hatte mitunter das Gefühl, daß es besser wäre, auszusteigen und zu

laufen, vorwärtszujagen, bis Atem und Muskelkraft versagten, als so in

untätiger Unrast gefangen zu sein und zu warten, bis die träge Maschine

sie ans Ziel brachte.

Mit einem plötzlichen Erschrecken dachte sie an die Möglichkeit, daß ihr

Telegramm nicht zur Zeit angekommen sein könne oder Olga nicht zu Hause

getroffen habe.

Was sollte sie nur um Gottes willen anfangen, wenn Olga nicht an der

Bahn war!

Nach Hause zu fahren, war eine Unmöglichkeit. Sie glaubte schon

Zwangsjacke und Handschellen zu spüren.

In der Nacht zu Olga? An einem fremden Haus klingeln, die Leute in der

Pension wecken? Mit welchem Recht?

Ihr blieb nichts übrig, als sich für die Nacht in einem Hotel

einzumieten. Aber wo war sie sicher? Morgen früh würde man überall nach

ihr suchen. Ihr graute vor dem, was ihr dann bevorstand.

Und ihr graute vor der einsamen Nacht in einem fremden Zimmer.

Es kamen Augenblicke, wo sie verwundert ihrem eigenen Tun gegenübersaß

und erschrak vor ihrer eigenen Kühnheit. Wo sie bei einer Bewegung

plötzlich das Knittern der Scheine in ihrer Bluse fühlte und voll

Staunen und fast voll Bewunderung sich fragte: „Herrgott, wie hab’ ich

das eigentlich fertiggebracht?“ – – –

* * * * *

Um elf Uhr zwanzig lief der Zug in den Bahnhof ein. Licht und Lärm in

der dröhnenden Halle, deren weite Wölbung sich im Dunkeln verlor, waren

fast noch beängstigender als die schweigende Nacht auf den Feldern.

Aber da war Olga Radó.

Zwischen hastenden, suchenden, hin und her wimmelnden Menschen stand sie

ganz ruhig, noch ein wenig höher gereckt als sonst. Zwischen dummen,

stumpfen, mißgeformten, vor Aufregung verzerrten Gesichtern leuchtete

ihr weißes, klares Gesicht. Unter den dunklen, wie drohend

zusammengezogenen Brauen hervor schimmerten die scharfen Augen und

flogen prüfend an der Wagenreihe entlang.

Mette stieß die Tür auf, ehe noch der Zug hielt. Sie bahnte sich

rücksichtslos einen Weg, stieß ihren Handkoffer den Leuten in die

Kniekehlen, streckte ihr die Hand entgegen, nein, griff nach ihr, wie

ein Fallender nach einem Halt und rief zwischen Lachen und Weinen:

„Olga!“

Olgas Gesicht, das sich erst jetzt mit jäher Wendung ihr zudrehte, blieb

ernst. Nicht der Schimmer eines Lächelns flog über die gespannten Züge.

„Mette!“ sagte sie mit ihrer tiefen Stimme. „Kind! Was machst du für

Dummheiten!“

Mette erschrak ein wenig. Nicht sehr. Ein anderer Empfang wäre ihr

lieber gewesen – aber was taten ihr diese Worte oder der Ton der Worte.

Olga war da. Sie sah ihr Gesicht, sie hielt ihre Hand, sie hörte ihre

Stimme.

Nun war alles gut.

„Bist du böse?“ fragte Mette mit lachenden Augen, ohne Olgas Hand

loszulassen. „Wenn du jetzt schon böse bist, alter Philister, dann wag’

ich gar nicht zu erzählen, was ich alles ausgefressen habe!“

„Ich bin nicht böse,“ sagte Olga ernsthaft, „ich lehne nur jede

Verantwortung ab. Wenn du durchgehst, ist das deine Sache. Ich habe dich

nicht mit einem Wort, mit einem Blick dazu verleitet. Ich habe nichts

davon gewußt. Das möchte ich nur von vornherein konstatieren.“

„Ja,“ sagte Mette, „aber nachdem du das nun konstatiert hast, kannst du

mir vielleicht sagen, ob es dir persönlich angenehm oder unangenehm ist,

daß ich hier bin.“

„Wenn ich ehrlich sein soll,“ sagte Olga mit einem halben Lächeln und

ohne Metten anzusehen, „so ist es mir nicht unangenehm; aber ich bin

eigentlich ein bißchen verzweifelt. Hast du vielleicht darüber

nachgedacht, was nun mit dir werden soll?“

Mette hatte daran gedacht. Darüber nachgedacht? – Nein, das war wohl

nicht das richtige Wort. Sie hatte die Vorstellung gehabt, daß sie zu

Olga käme, um bei Olga zu sein, um bei Olga zu bleiben. Sie hatte sich

in Olgas behaglichem Zimmer gesehen – in dem einzigen Zimmer, in dem sie

je glückliche Stunden verlebt hatte – hatte sich da verbergen wollen,

nie auf die Straße gehen, nie nach Hause gehen – nun fühlte sie das

Unsinnige dieser Gedanken und wagte sie den klugen Augen gegenüber nicht

auszusprechen.

„Ich weiß nicht,“ sagte sie kleinlaut. „Ich weiß nur, daß ich nicht nach

Hause kann, nie, nie, nie, nie! Ich kann mir ja eine Stellung suchen als

Kindermädchen, als Kellnerin – was weiß ich!“

„Dazu hättest du eigentlich ebensogut bleiben können, wo du warst. Sie

werden dich ja nicht gerade geprügelt haben oder Hunger leiden lassen.

Oder glaubst du, daß du als Kindermädchen sehr viel mehr Freiheit haben

wirst?“

„Ja,“ sagte Mette trotzig, „dann hab’ ich wenigstens meinen freien

Sonntag, wo mir kein Mensch verbieten kann, mit dir zusammen zu sein!“

„Meinetwegen!“ Olga blieb stehen und schloß einen Moment wie in

tödlichem Erschrecken die Augen. „Du bist geradezu grausam, Mette.

Fühlst du denn nicht, wie ungeheuer du mich damit belastest? Ich kann

diese Verantwortung nicht tragen, ich kann nicht!“

Sie standen immer noch auf dem Bahnsteig, der jetzt von den wimmelnden

Menschenmassen fast geleert war. Nur ein paar Nachzügler strebten noch

nach dem Ausgang.

Mette fühlte sich müde und zerschlagen und empfand den leichten

Handkoffer wie eine Zentnerlast. Die kühle Zugluft in der weiten Halle

machte sie frösteln.

„Wollen wir nicht zehn Minuten in den Wartesaal gehen?“ fragte sie

bedrückt. „Vielleicht fällt mir bei ruhiger Überlegung irgend etwas ein,

was ich tun könnte. Aber wenn du zu müde bist, kannst du ja auch ruhig

nach Hause gehen!“

„Ja,“ sagte Olga kurz, „und dich hier die Nacht allein auf dem Bahnhof

sitzen lassen! Du bist wohl ganz verrückt, mein liebes Kind?“ – – –

* * * * *

Sie saßen in dem leeren Wartesaal und wärmten sich die kalten Finger an

den heißen Teegläsern. Mette erzählte die Geschichte ihrer Flucht. Sie

nahm die zerknitterten Geldscheine aus ihrer Bluse und stopfte sie in

die Tasche.

Mette hatte fast erwartet, daß Olga lachen würde. Während sie erzählte,

kam ihr selber die Sache ungeheuer komisch und abenteuerlich vor. Aber

Olgas Gesicht blieb tiefernst.

„Und nun?“ fragte sie.

„Ich gehe in ein Hotel!“ sagte Mette eigensinnig.

„Und ich?“

„Du gehst in deine Pension!“

„Ich lasse dich nicht allein.“

„Komm mit,“ sagte Mette mit dem Aufblitzen einer Hoffnung.

„Ja,“ sagte Olga bitter, „und morgen früh kommt die Polizei und bringt

uns in Gewahrsam. Ich danke. Dann hab’ ich dich womöglich zu schwerem

Einbruchsdiebstahl verführt.“

„Weißt du,“ sagte Mette, nach einer Pause des Nachdenkens, „dann müssen

wir’s schon machen wie richtige Defraudanten. Uns in den nächsten Zug

setzen und weiterfahren. Einfach auf irgendeiner Station aussteigen und

in ein Hotel gehen. Von da aus schreib ich dann an meinen Vater und

bitte ihn vor allen Dingen, die Geldangelegenheit in Ordnung zu bringen.

Vielleicht ist er auch sonst vernünftig, und ich kann mich irgendwie mit

ihm einigen. In einem halben Jahr bekomme ich ja mein Vermögen

ausgezahlt, von meiner Großmutter her. Wenn mir mein Vater bis dahin

nichts gibt, mache ich eben Schulden daraufhin, das muß doch irgendwie

gehen. Also“ – Mette sah nach der großen Abfahrtstafel – „um zwölf Uhr

vier geht der nächste Zug!“

Olgas Gesicht verlor den strengen Ausdruck. Eine große Freude lachte aus

ihren Augen. Aber sie zögerte noch.

„Du bist doch ganz verrückt!“ sagte sie. „Ohne Nachthemd und ohne

Zahnbürste!“

„Wäsche habe ich genug,“ sagte Mette eifrig. „Eine Zahnbürste können wir

in Buxtehude auch kaufen!“

„Was du für Ideen hast!“ sagte Olga langsam.

Mette sah, daß sie schon halb überwunden war.

„Großartige Ideen!“ sagte sie strahlend. „Äußerst reizvolle Ideen.

Findest du etwa nicht?“

„Ja, aber ich wäre nie darauf gekommen,“ sagte Olga betont. „Du hast

mich überredet. Es ist ausschließlich deine Idee!“

„Selbstverständlich! Ich bin viel zu stolz darauf, um mir die

Autorschaft von irgend jemand streitig machen zu lassen.“ – – –

* * * * *

Der Zug zwölf Uhr vier war ein Personenzug. Sie saßen allein in einem

Nichtraucherabteil, das dämmerig erhellt war durch die zur Hälfte blau

verdeckte Glaskugel an der Decke. Sie bemühten sich vergebens, diesen

Lichtschirm zurückzustoßen, um die Leuchtkraft des Gasflämmchens voll zu

entfachen.

„Laß nur gut sein,“ scherzte Mette. „Es ist gut, wenn wir im dunklen

Coupé sitzen, dann können uns unsere Verfolger nicht gleich von draußen

erkennen.“

Mette war so voll übermütiger Freude, daß sie diesen Gedanken zu einer

lustigen Komödie ausspann und auch Olga mit fortriß.

Sie spielten Flucht. Sie duckten sich, wenn draußen einer vorbeiging.

Sie atmeten erlöst auf, als der Zug abfuhr. Mette veränderte ihre

Haartracht, um nicht erkannt zu werden. Sie „bestach“ den Schaffner mit

der „Summe“ von drei Mark, damit er niemand hineinlassen sollte. Und

ängstigte sich nachher, daß die Höhe des Trinkgeldes sie unzweifelhaft

als Defraudanten verdächtig machen würde.

„Weißt du,“ sagte Mette geheimnisvoll, „wir dürfen natürlich nicht da

aussteigen, wohin wir Karten genommen haben. Dann sind sie uns ja sofort

auf der Spur. Wir steigen einfach bei irgendeiner Station aus.“

„Ja,“ sagte Olga, „bei der siebenten. Sieben ist eine heilige Zahl!“

Mette glühte vor Begeisterung. „Ist das schön! Ist das wundervoll! Wir

fahren – und wissen nicht wohin! Wir steigen aus – und wissen nicht wo!

Wir wachen morgen früh in einer fremden Stadt auf – und wissen nicht,

wie sie heißt.“

„Wie das klingt!“ sagte Olga und machte ihr nach. „Wie eine ganz

tiefsinnige Angelegenheit. Wir leben – und wissen nicht wie! Wir lieben

– und wissen nicht warum! Wir sterben und wissen nicht wann!“

„Nein,“ sagte Mette, „dein ‚wann‘ weiß ich nicht. Gott sei Dank! Aber

das ‚warum‘ weiß ich. Gott sei Dank!“

Es flog ein leichter Schatten über Olgas Gesicht, als ob sie nicht hören

wollte, was Mette sagte.

„Ich habe mir früher immer so glühend gewünscht zu wissen, wann ich

sterbe,“ sagte sie nachsinnend. „Ich finde es so ungerecht, daß man

absolut nicht weiß, wieviel Zeit einem zur Verfügung steht. Man müßte

doch die Möglichkeit haben, sich einzurichten. Ich habe meine Freundin

beneidet, die an der Schwindsucht gestorben ist. Sie wußte genau: So

viel ist jetzt noch von meiner Lunge vorhanden – so lange kann ich noch

leben, wenn ich geize, wenn ich mich schone – ich kann aber auch

verschwenden und den Rest auf einmal wegwerfen. Schön muß das sein. Du

weißt ja: Ich kann nie aus meinem Zimmer fortgehen, ehe es nicht

aufgeräumt ist, weil ich doch immer die fixe Idee habe, wer weiß, ob ich

wiederkomme. Mir ist der Gedanke schrecklich, daß ich einmal aus dem

Leben fort muß und alles in Unordnung hinterlasse.“

Metten waren die Tränen nahe. Sie wollte die Traurigkeit, die sie

quälte, verbergen und verscheuchen und sagte mit erzwungener Derbheit:

„Du bist wohl ganz verrückt, ja? Vielleicht suchst du dir zu dieser

melancholischen Nachtfahrt ein anderes Gesprächsthema aus?! Sonst setz’

ich mich so lange ins Nebencoupé, bis du mit deinen Meditationen fertig

bist!“

„Kind!“ sagte Olga lächelnd und griff nach ihrer Hand. „Du hast ganz

recht. Schimpf nur tüchtig. Das kommt von dem blöden Orakeln.“

„Orakeln?“ fragte Mette erstaunt.

„Kennst du das noch nicht an mir? Ich mach’s doch wie die alten

Bauernweiber, die in allen schwierigen Lebenslagen mit der Stricknadel

in die Bibel stechen und sich dann irgendeinen Rat herausdeuten.“

„Du hast ja gar keine Stricknadeln!“ sagte Mette lachend.

„Nein – eine Bibel nebenbei auch nicht. Eine Bibel muß etwas Ererbtes

sein. Eine zu kaufen, hat gar keinen Wert. Aber es muß ja zu diesem

Zweck keine Bibel sein – ich nehme einfach irgendein Buch und schlage es

auf. Es ist merkwürdig, was für klare Antworten man manchmal bekommt.

Ich habe heut’ auch gefragt ... als deine Depesche kam ... ob ich nach

der Bahn gehen sollte ...“

„Na, und?“ fragte Mette erwartungsvoll.

„Ach ... es ist ja alles Unsinn ...“ sagte Olga mit einem gequälten

Lächeln. Sie drehte den Kopf und sah angelegentlich aus dem Fenster in

die schwarze Nacht, die draußen vorbeiflog.

„Sicher ist es Unsinn,“ sagte Mette herzlich. „Aber es quält dich doch.

Wenn du es aussprichst, wirst du erst einsehen, _wie_ unsinnig es ist.

Sag’ es mir doch – dann lachen wir beide darüber.“

Olga wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie mühte sich, ein unsicheres

Lächeln festzuhalten.

„Als Radomonte Gozaga in Genua einzog – in irgendeinem Rachefeldzug –

ich weiß nicht, in welchem – da trug er ein Wams, auf dem ein Skorpion

gestickt war und darunter sein Spruch: _Qui vivens laedit, morte

medetur._ Ist das noch keine Antwort?“

Mette faßte nach Olgas Hand. Sie mußte erst einen Schleier zerreißen,

den die schwer gesprochenen Worte über sie gebreitet hatten.

„Du bist ja verrückt!“ sagte sie. Aber ihre Stimme klang nicht klar. Sie

mußte eine plötzliche Heiserkeit wegräuspern. – – –

* * * * *

Das Knirschen der Bremse lief unter den Wagen durch.

„Die sechste Station!“ sagte Mette geheimnisvoll mit großen Augen. „Die

nächste ist unser Schicksal. Gebe Gott, daß es keine große Stadt ist!“

Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, fingen sie an, sich zum

Aussteigen fertigzumachen. Die nächste Haltestelle konnte in zehn

Minuten oder in einer Stunde erreicht sein. Sie wußten es nicht.

Sie hatten den Handkoffer auf den Sitz heruntergehoben und standen

nebeneinander an der Tür, die Stirn an die Scheibe gelegt, bemüht, mit

den scharfen Augen das vorübersausende Dunkel zu durchdringen.

„Es ist viel Wald in der Gegend,“ sagte Olga. „Nadelwald.“

„Ja,“ frohlockte Mette, „darin gehen wir morgen spazieren.“

Der Wald hörte auf. Schiefergrauer, wolkiger Himmel schied sich von weit

hingebreiteten, sanft gehügelten dunklen Feldern. Wieder Bäume, erst

vereinzelt, dann dichter schwarzer Wald, der bis an den Bahndamm

herantrat und nicht ein Streifchen Himmel mehr über den Gipfeln sehen

ließ.

Wieder wurden die Bäume spärlicher, verschwanden. Wieder breiteten sich

Felder in breiten Flächen. Aber in einer Entfernung, die man nicht

schätzen konnte, wie eingebettet zwischen den sanft geschwungenen

Linien, blinkte ein winziges Licht. Noch eins ... und noch eins ...

„Da ... da! Da!“ rief Mette entzückt. „Ob wir das sind?“

„Seltsam,“ sagte Olga, „vielleicht ist eins von diesen Lichtern morgen

unser helles Fenster. Und vielleicht hat man nach zehn Jahren ein

Heimatsgefühl, wenn man an diesen Lichtlein vorüberfährt. Und jetzt hat

man keine Ahnung, wie der Ort da heißt!“

Ein Bahnwärterhäuschen glitt vorüber. Hier und da gleißte ein Stück der

blanken Schienen im Lichtschein einer Laterne auf. Wieder traten

Baumbestände bis dicht an den Zug, aber gelichteter, von vielen Wegen

durchzogen. Dann lief eine Hecke ein Stück mit. Dann vor der

beschnittenen Hecke ein hellgestrichenes Holzstaket. Dahinter, ganz nah,

dunkelten schon die Umrisse einzelner Häuser. Nun kamen trüb brennende

Laternen, eine Barriere, die eine dunkle, baumbestandene Chaussee

abschloß.

Wieder ein Stückchen Wald oder Garten, im Hintergrund aufblinkend ein

Lichtlein nach dem anderen – schon fuhr der Zug langsam, knirschte,

puffte – hölzerne Säulen schoben sich heran, die ein schmales Schutzdach

trugen ... er hielt.

Olga griff nach dem Handkoffer, drückte die Klinke auf und sprang die

hohen Stufen hinunter.

Mette folgte ihr in einem seltsamen Traumzustand befangen. Sie war durch

die beiden schlaflosen Nächte überwach, und ihre Sinne schienen,

tausendfach geschärft, jeden Eindruck aufzunehmen.

Der dünne Hauch von Reif, der den Boden, die Holzstangen überzog, die

groben Gesichter von zwei bäuerlich gekleideten Frauen, die an ihnen

vorüberhasteten, der langgezogene Ruf des Schaffners, das gemächliche

Zuschlagen der Türen, die roten Hände des Mannes an der Sperre, die aus

gestrickten Pulswärmern herauswuchsen, der kleine dämmerige Raum mit

papierbeklebten Wänden und abgescheuerten Holzbänken, durch den sie

hindurch mußten, das Pfeifen des abfahrenden Zuges in ihrem Rücken – das

alles prägte sich ihrem Gehirn mit unauslöschlicher Deutlichkeit ein.

Olga stieß eine Tür auf, trat ein paar steinerne Stufen hinunter, und

sie standen auf dem holperigen Steinpflaster eines großen Platzes, der

von dem Licht des Bahnhofs schwach erhellt war.

Rechts und links war tiefes Dunkel. Soviel man unterscheiden konnte,

kahle zerzauste Laubbäume, ungepflasterte, aufgeweichte, leicht

überfrorene Wege.

Geradeaus sah man in einiger Entfernung etwas, das aussah wie der Anfang

einer Straße.

Olga blieb stehen und sah Metten lächelnd an.

„Nun,“ sagte sie, „graust’s dich schon? Was gäbst du darum, wenn du

jetzt zu Hause unter der Daunendecke lägst und das elektrische Licht

anknipsen könntest?“

„Gar nichts!“ sagte Mette trotzig. „Im Gegenteil, ich finde es hier

äußerst gemütlich. Und wenn wir kein Unterkommen finden, so wäre es mir

doch nur deinetwegen schlimm. Ich hab’ dich ja zu dieser Exkursion

verleitet!“

„Ach, meinetwegen!“ sagte Olga wegwerfend. „Meinetwegen können wir die

Nacht im Bahnhof auf den Holzbänken zubringen. Aber wenn du ängstlich

bist, kehren wir um und fragen den Mann an der Sperre nach einem

Gasthaus.“

„Nein,“ drängte Mette. „Nicht fragen! Komm vorwärts.“

Nach ein paar hundert Schritten fingen die Häuser an. Dunkel,

verschlafen, ohne ein helles Fenster. Und ein wenig vereinzelt noch, von

Gärten und Ackerstreifen umgeben. Aber der Weg war mit Katzenköpfen

gepflastert, und nach einer Biegung rückten die Häuser näher zusammen,

schlossen sich zur Straße, die von flackernden Laternen beleuchtet

wurde.

Die Straße erweiterte sich zu einer Art Marktplatz. Es war ein

nüchternes Vieleck, ohne jedes malerische Gepräge, ohne Linden und ohne

rieselnden Brunnen. An einer Seite fand sich ein langgestreckter,

niedriger, grauer Kasten mit breit herunterreichendem Dach und vielen

Mansardenfenstern. Über der breitgewölbten dunkeln Toreinfahrt

schaukelte ein blecherner Stern, einem Barbierbecken nicht unähnlich,

und darüber ließ eine große blaue, am schön geschwungenen Arm schwebende

Laterne die aufgenagelten Buchstaben über dem Rundbogen erkennen.

„Hotel zum blauen Sternen. Gasthaus und Ausspann.“

„Sogar Hotel,“ sagte Olga, „sieh mal an!“

Sie suchten nach einer Nachtglocke. Aber sie fanden noch nicht einmal

eine Tür. Neben der Einfahrt war ein Handgriff, der an einer verrosteten

Eisenstange eine große Glocke in Bewegung setzte. Aber er war in kaum

erreichbarer Höhe. Mette bemühte sich.

„Laß nur,“ sagte Olga, „der ist nicht für armselige Fußgänger wie wir.

Außerdem wecken wir die ganze Stadt. Laß uns lieber einmal von der

Innenseite versuchen.“

Sie wagten sich in die dunkle Höhlung des Tors. Aber sie kamen nicht

weit. Noch ehe der Gang sich zum Hof öffnete, versperrte ein riesiger

Leiterwagen den Weg. Aber neben dem Wagen fanden sich ein paar Stufen

und eine kleine hölzerne Tür in der Wand. Sie ertasteten einen

Metallknopf, zogen an ihm und lösten damit ein kräftig schepperndes

Geklingel aus, das sie fast zusammenschrecken ließ, so jäh zerschnitt es

die tiefe Stille.

Schritte, Stimmen, ein Lichtschein.

Ein verschlafener Mensch erschien in der offenen Tür, Pantoffeln an den

nackten Füßen, in Unterhosen von graugelber Wolle, über die er höchst

merkwürdigerweise einen Frack gezogen hatte, den er mit der linken Hand

unterm Kinn zusammenhielt, während er in der erhobenen Rechten einen

brennenden Wachsstock trug.

Olga übernahm die Führung der Verhandlung.

Sie erzählte dem schlaftrunkenen Mann eine lange Geschichte von dem Zug,

mit dem sie eben eingetroffen, und daß ihr das Hotel zum blauen Sternen

schon in Berlin empfohlen, sie bedauerte, ihn in seinem Schlaf gestört

zu haben, aber der Zug käme zu so ungünstiger Zeit hier an, und sie

hätten doch nicht auf der Straße bleiben können, und am Bahnhof hätte

man sie natürlich auch hierher gewiesen.

Der Mann ermunterte sich so weit, daß er „Einen Augenblick, bitte!“

sagte, verschwand und sie stehen ließ.

Sie sahen sich lachend an und warteten geduldig. Nach einer Weile wurde

oben auf der Treppe eine in offener Schale brennende Gasflamme

entzündet, und der Mann erschien wieder, jetzt mit schwarzen Hosen

angetan.

Daß er ein kragenloses Wollhemd und weder Weste noch Strümpfe anhatte,

hinderte ihn nicht, eine gewisse Gewandtheit der Bewegungen zu zeigen,

die ihn sofort als den „Ober“ verriet.

Er führte sie in ein großes dunkles und kaltes Zimmer, schwang sich auf

einen Polstersessel und entzündete eine Gasflamme. Es war entschieden

das Fürstenzimmer des blauen Sternen.

Die hohen und breiten Betten, das wuchtige Plüschsofa verschwanden fast

in dem weiten Raum. Zwischen den Fenstern prangte ein großer

goldgerahmter Spiegel, auf dessen Konsole ein Makartstrauß unter einer

Glasglocke stand, und die Wände zierten zahlreiche Buntdrucke, die

meisten in dicken Goldrahmen.

Der „Ober“ bückte sich und steckte einen Gasofen an. Eine ganze Reihe

spitzer blauer Flämmchen puffte auf, spiegelte sich in einer Nische aus

gerieftem Kupfer und warf einen warmen rötlichen Schein auf den

abgeschabten Teppich.

„Herrlich!“ sagte Olga und warf ihre Handschuhe auf den großen, runden,

plüschüberdeckten Tisch. „Jetzt wird es auch noch warm hier, dann ist es

einfach ideal. Nein, Herr Ober, wir brauchen weiter nichts. Danke schön,

wenn wir morgen früh vielleicht auf dem Zimmer frühstücken können? –

Hier ist die Klingel – ja, herrlich. Danke schön! Gute Nacht!“

Die Tür schloß sich hinter ihm.

„Wundervoll!“ sagte Olga und reckte übermütig die Arme.

„Ist das dein Ernst?“ fragte Mette zaghaft. „Ich denke immer, dein

Schönheitssinn muß Qualen leiden! Diese Bilder ... und das Makartbukett

und die Plüschgarnitur ...“

„Prachtvoll!“ sagte Olga. „Das _muß_ doch überhaupt so sein. Ich wäre

geradezu enttäuscht, wenn diese kämpfenden Hirsche nicht hier wären,

oder die duftigen Empiremädchen unter dem blühenden Apfelbaum. Glaubst

du, ich möchte im Hotel zum blauen Sternen Chippendale-Möbel finden oder

einen Kokoschka? Gott soll mich bewahren! Ich finde es einfach

himmlisch!“

Mette packte den Handkoffer aus, breitete Nachthemden über die Betten,

stellte Flaschen und Dosen auf den Waschtisch. Olga ging mit unhörbaren

Schritten im Zimmer hin und her, pfiff mit leisen, süßen Flötentönen vor

sich hin, blieb vor jedem Bild stehen, betrachtete es mit kindischem

Entzücken und erzählte eine lange romantische Geschichte dazu.

„Hier!“ sagte Mette und legte ihren seidenen Kimono über einen Stuhl,

„den kannst du anziehen.“

„Und du?“

„Ich hab’ noch einen Frisiermantel, der genügt mir.“

Olga legte Rock und Bluse ab und wickelte sich in den Kimono.

„Wundervoll,“ sagte sie, „nun müßte ich nur noch warme Füße haben und

die Haarnadeln aus dem Kopf. Dann bin ich wunschlos glücklich.“

Sie rollte einen Sessel vor den Gasofen und fing an, sich die hohen

Stiefel aufzuschnüren.

„Soll ich dir helfen?“ fragte Mette dienstbereit.

„Das fehlte noch!“ sagte Olga empört. „Nicht einem Dienstmädchen würd’

ich das zumuten!“

„Das ist auch etwas anderes,“ sagte Mette lächelnd. „Es ist eine

Auszeichnung, die man einem Dienstmädchen nicht gönnen darf.“

„Du bist ja verrückt!“ Über Olgas Gesicht schoß wieder das dunkle

flüchtige Rot.

Sie hatte jetzt auch die dünnen seidenen Strümpfe abgestreift und hielt

die nackten Füße gegen die Flammen. Sie hob die Arme und zog langsam

Nadel auf Nadel aus dem Haar, bis die schweren schwarzen Strähnen ihr

über den Rücken stürzten.

Mette sprang auf einen Stuhl und drehte die Gasflamme aus.

„So!“ sagte sie lachend, „nun kannst du dich malen lassen oder gleich

öldrucken und dich goldgerahmt an die Wand hier hängen. Unterschrift:

_Au coin du feu_, oder die Hexe, oder Feuersgluten, oder sonst was

Gutes. Wie kann ein Mensch so unverschämt schön sein?!“

„So!“ sagte Olga trocken. „Das hast du hübsch gemacht. Jetzt haben wir

keine Streichhölzer.“

„Erstens genügt mir die Beleuchtung,“ sagte Mette und setzte sich auf

die Erde in den rötlichen Feuerschein, „und zweitens können wir uns hier

immer einen Fidibus anstecken. Wenn wir nichts anderes finden, nehmen

wir einen Hundertmarkschein. Davon haben wir ja genug ... Kind, was hast

du für märchenhafte Füße ... aber kalt sind sie immer noch wie Eis!“

Sie legte beide Hände um Olgas Fuß. Er war so edel geformt, so schön in

Linie und Farbe, als hätte eine Meisterhand ihn aus Marmor gebildet,

aber er war auch so kalt und schwer wie Stein.

Mette versuchte, ihn in ihren Händen zu wärmen, sie hauchte darauf, und

dann konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, sie legte die Lippen

auf die kühle, glatte, weiße Haut.

Olga machte sich los, sprang auf und lief durch das dunkle Zimmer bis

nach dem Fenster.

„Olla,“ sagte Mette erschrocken und stand zögernd auf. „Was ist dir

denn? Was hast du denn?“

Es kam keine Antwort. Mette ging ihr nach. Aber als sie ans Fenster kam

und die Hand nach ihr streckte, lief Olga wie gejagt nach der Wand.

Sie stand in die Ecke gedrückt und Mette vertrat ihr den Weg.

Das schöne blasse Gesicht schimmerte unheimlich durch das Dunkel. In den

angespannten Zügen lag Angst und Drohung zugleich, wie bei einem

angeschossenen Tier, das sich umstellt sieht und sich verzweiflungsvoll

zur Wehr setzt.

Mette erschrak vor dem Ausdruck des gepreßten Mundes, der dunkel

lohenden Augen. Sie legte zaghaft die Hand auf Olgas über der Brust

gekreuzte Arme.

Olga zuckte zusammen und drückte sich tiefer in die Ecke.

„Geh doch!“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Laß mich doch in

Ruh!“

„Du sollst nicht mit den nackten Füßen auf der bloßen Diele stehen,“ bat

Mette, den Tränen nahe. „Du erkältest dich zu Tode. Ich will ja nichts,

als daß du dich an den Ofen setzest. Dann kann ich mich ja auf den

Korridor vor die Tür schlafen legen, oder ich kann mir ein anderes

Zimmer geben lassen, oder ich kann aus dem Fenster springen. Aber komm

aus der Ecke heraus, ich kann es nicht mehr mit ansehen.“

Sie faßte sie an beiden Schultern, aber Olga schüttelte ihre Hände von

sich ab.

„Laß mich doch!“ sagte sie böse. „Siehst du denn nicht, daß du mich zu

Tode marterst? Wie kann ein Mensch so wahnsinnig grausam sein?“

Die Stimme brach ihr, und ganz jählings stürzten die Tränen über ihr

Gesicht.

Jetzt konnte sich Mette nicht mehr beherrschen. Auch ihre Augen liefen

über.

„Ich verstehe dich nicht!“ sagte sie mit zitternden Lippen. „Wenn ich

dir so zuwider bin, daß du mich nicht erträgst, warum bist du dann hier?

Warum gibst du dich dann überhaupt mit mir ab? Man kann nicht einen

Menschen gern haben, dessen Nähe einen derart quält! Ich weiß ja aber

auch, warum du mich nicht leiden kannst!“

„Warum?“ fragte Olga erstaunt.

Mette schüttelte stumm den Kopf und kämpfte die Tränen hinunter.

„Warum soll ich dich nicht leiden können?“ forschte Olga drängender.

„Antworte! Ich will das jetzt wissen.“

Mette vermied es immer noch, sie anzusehen.

„Weil ich dich zu sehr liebe!“ sagte sie bitter und traurig. „Es muß

furchtbar sein, von einem Menschen geliebt zu werden, den man nicht

liebt! Beinah ekelhaft!“

„Du Schaf,“ sagte Olga und strich ganz weich mit der Hand über Mettens

Haar.

„Ach, laß,“ sagte Mette und entzog sich der streichelnden Hand. „Man muß

sich nicht zwingen.“

Olga ließ den Arm schwer herabsinken.

„Man muß sich doch zwingen,“ sagte sie leise und mühsam atmend. „Wenn

ich mich jetzt nicht zwingen würde, würd’ ich dich so mit Zärtlichkeiten

ersticken, daß du zu Tod erschrecken tätst und davonlaufen.“

Mette fühlte die Adern in ihrem Hals schlagen, daß sie kaum atmen

konnte. Sie versuchte zu lächeln, während noch die Tränen von ihren

Lidern rollten.

„Tu es nicht,“ sagte sie, „ich würde ganz bestimmt nicht davonlaufen.

Aber vielleicht würde ich wahnsinnig vor Glück!“

Da hob Olga langsam die beiden weißen, schlanken Arme und legte sie um

Mettens Schultern. Mette fühlte den wohltuend kraftvollen Druck fester

und fester werden.

Jetzt, da Olga auf bloßen Füßen stand, waren ihre Gesichter fast in

gleicher Höhe.

Sie bohrten die Augen ineinander, ernsthaft und unverwandt und spürten

in allen Adern das rasende Hämmern ihrer Herzen.

Dann neigten sie sich gegeneinander wie zwei Verdurstende und legten

Mund auf Mund.

Sie ließen einander nicht mehr los. Sie küßten sich nur immer durstiger

eins am anderen. Sie gingen durch das Zimmer aneinandergeschmiegt, sie

saßen auf dem Bettrand ineinander verschlungen. Die Kleider glitten von

ihnen nieder, achtlos, blieben auf der Erde liegen.

Die groben und feuchten Laken atmeten Schauer der Kühle. Sie spürten es

kaum, so brannte das Blut in ihren jungen Leibern.

Sie drängten sich aneinander, als wollten sie ineinander übergehen,

verschmelzen, eins werden.

Ihre schlanken, geschmeidigen Glieder flochten sich ineinander, wie

Bäume des Urwalds unlöslich sich ineinander verschlingen.

Sie sprachen nichts. Aber wie rauschende Musik hörte eines des anderen

dröhnenden Herzschlag und das rasche und raschere Atmen.

Ihre Leiber bäumten sich gegeneinander wie wilde Tiere, wenn sie an

Käfiggittern rütteln. Sie gruben einander die Nägel in die Glätte der

Haut und schlugen einander die Zähne in die geschwellten Muskeln.

Und sie lagen aneinandergeschmiegt wie müde gespielte Kinder, und ihre

Lippen berührten des anderen Lider und Wangen so sanft, so leise, wie

Schmetterlingsflügel schwankende Blüten.

„Kleines,“ sagte Olga, und alle Glocken schwangen in ihrer Stimme. „Mein

Schönes, mein Gutes!“

„Oh, du!“ sagte Mette. „Du Wunder des Himmels. Was bist du nur? Bist du

ein wildes Tier ... oder ein Gott ... oder der Geist einer weißen

Orchidee?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Olga. „Ich glaube, daß ich ein Gott bin. Aber

vor einer Stunde war ich ein armes gepeinigtes Tier. Bist du nicht

stolz, kleines Mädchen, daß du solche Wunder tun kannst?“

„Ich wollte, ich könnte Wunder tun,“ sagte Mette sehnsüchtig.

Ein hartes Lächeln flog um Olgas Mund.

„Dann würdest du mich in einen Mann verwandeln!“ sagte sie.

„Um Gottes willen!“ rief Mette und schlang erschrocken beide Arme um

sie. „Nie, nie, nie! ... Aber wenn ich Wunder tun könnte, so würde ich

diese Nacht niemals aufhören lassen. Ich würde sie dauern lassen in alle

Ewigkeit!“

Der rote Schein des Kupfers hinter den Gasflämmchen erhellte das ganze

Zimmer mit warmem Dämmerlicht. Die spitzen Flämmchen zitterten leicht,

und der helle Fleck auf dem bunten abgetretenen Teppich zitterte mit.

Olga richtete sich auf den Ellbogen auf und stützte den Kopf in die

Hand. Zwischen den weißen Fingern hindurch rieselten die Strähnen des

schwarzen Haares. Aus dem blassen Gesicht leuchteten die helldunklen

Augen in unendlicher Hoheit und Klarheit wie zwei Sterne.

„Ewig!“ sagte sie leise. „Alles, was Gottes ist, ist ewig. Fühlst du

nicht, daß diese Nacht Gott gehört? Zeit ist eine Erfindung des Teufels.

Der Satan hat die Vergänglichkeit erfunden, um die Menschen von Gott

abtrünnig zu machen. Aber Gott blieb ewig, und Gottes Herrlichkeit

bleibt ewig. Da hat Satan alles mögliche andere erfunden: Krankheit,

Schmerz, Ungeziefer und Geld ... vor allem das Geld. Aber nun war Zeit

da und Vergänglichkeit da. Und ließ sich nicht wieder ungeschaffen

machen. Und haftet nun an allen Erfindungen des Teufels. Aber, was

Gottes ist, ist ewig. Immer verlöscht neues Glück die alte Qual, als

wäre sie nie gewesen. Aber das Glück bleibt. Und keine Qual kann es

ungeschehen machen. – Ich würde sterben vor Scham, wenn ich dächte, daß

nur die Nervenenden unserer Haut unter unseren Händen vibrieren. Spürst

du nicht, daß deiner Seele etwas geschehen ist, was ihr bleiben muß über

allen Tod hinaus? Spürst du nicht, daß diese Stunde dich weit mehr

verändert hat, als dich das bißchen Sterben verändern kann?“

„Ja,“ sagte Mette. „Und mehr als das bißchen Geborenwerden auch. Heut’

bin ich geboren worden und nicht vor zwanzig Jahren. Jetzt kann ich zum

erstenmal mit Bewußtsein sagen: Ich lebe!“

„Wir leben!“ sagte Olga, sie an sich reißend, mit einem Aufjauchzen in

der Stimme, das klang wie der frohlockende Ruf eines auffliegenden

Wildvogels.

„Wir leben, Süßes. Ewig, ewig, ewig leben wir!“ – – –

* * * * *

Als Mette am anderen Morgen aufwachte, schien eine helle, fröhliche

Wintersonne ins Zimmer.

Ihr erster Gedanke suchte Olga. Sie war nicht da. Auch ihr Mantel hing

nicht mehr am Haken. Ein jähes Erschrecken schlug sie. Sie war fort, für

immer, kam nicht wieder, war unwiederbringlich verloren.

Mette sprang aus dem Bett, mit einemmal hellwach.

Da sah sie Olgas Hut und Handschuhe. Sie nahm die Handschuhe vom Tisch,

streichelte sie und preßte sie an die Wange. Von dem weichen grauen

Leder schien ein Strom von Freude und Beruhigung auszugehen. Es war kein

Traum und kein Zauberspuk. Sie war dagewesen, sie würde wiederkommen –

noch zeigten die Handschuhe die Form ihrer schönen schlanken Hände,

waren noch wie erfüllt von ihrem Leben ...

Von unten herauf drang ein wohlbekanntes knirschendes und schrapendes

Geräusch.

Mette lief auf bloßen Füßen zum Fenster und zog den dicken weißen

Köpervorhang ein wenig zur Seite. Auf den Fensterbrettern lag ein dickes

Polster von weißem Schnee. Die niedrigen Häuser drüben hatten Dächer von

blendendem Weiß und darüber funkelte ein Himmel von reinstem Blau.

Vorm Hotel kratzte der Hausknecht mit dem Schneeschieber einen dunklen

Weg in den weißen Teppich, und neben ihm stand Olga, den Mantel offen,

beide Hände in den Taschen vergraben, den Kopf ein wenig vorgeneigt und

führte eine angelegentliche Unterredung mit dem alten Mann.

Mette sah eine Weile hinunter und freute sich an jeder Linie ihrer

Gestalt. Sie sah sie sprechen und glaubte den Ton ihrer Stimme zu hören.

Sie dachte darüber nach, was sie sich mit dem Hausknecht wohl zu

erzählen haben könne. Sie bewunderte die Gabe an ihr, mit allen Leuten

ein Gespräch anzuknüpfen und jedem gegenüber den richtigen Ton zu

treffen.

Mette kannte das an ihr. Wenn sie bei Laune war, wirkte sie so

unwiderstehlich, daß der brummigste Kellner oder Schaffner sie

anstrahlte.

Nach ein paar Sekunden sah Olga plötzlich hinauf, sie mußte Mettens

Blick gefühlt haben. Sie sah Metten am Fenster stehen oder sah

vielleicht auch nur die verschobene Gardine, winkte mit der Hand und

lief ins Haus.

Sie brachte einen Hauch von frischer Schneeluft ins Zimmer. Ihre Augen

waren hell und durchsichtig wie Eis und hoben sich scharf ab von der

schwarzen Pupille, und auf ihrem weißen Gesicht lag ein ganz leichter

Schimmer von rosiger Farbe.

„Wo kommst du her, du Rumtreiber?“ fragte Mette.

„Ausgeschlafen, mein Deern?“ fragte Olga zur Antwort. „Ich war schon

spazieren. Ich war in der Stadt. Ich wollte dir Blumen auf den

Frühstückstisch stellen. Aber Blumen im Winter – so sündhafte Dinge

kennt man hier nicht. Herr Thielemann hat nur Stechapfelkränze mit

Wachsrosen. Aber eine Konditorei ist da drüben, so mit einer

Geländertreppe vor der Tür, weißt du? Und einem goldenen Kringel in der

Luft! Und es roch nach frischem Brot. Mach dich schnell fertig,

Mettulein, ich habe einen wahnsinnigen Hunger.“

Sie frühstückten auf dem Zimmer.

Dann drängte Mette zum Spazierengehen. Schnee und Sonne lockten sie

hinaus.

„Du mußt erst an deinen Vater schreiben,“ sagte Olga ernsthaft.

„Ja,“ sagte Mette und schnitt eine Grimasse. „Du willst keine

Verantwortung übernehmen – ich weiß schon.“

Sie setzte sich hin und schrieb einen langen und wohlüberlegten Brief.

Sie bat um Verzeihung. Sie schilderte die Vorgänge bei Onkel Jürgen mit

viel Humor. Sie nannte ihren Aufenthalt, bat ihren Vater herzlich, sie

hier zu lassen, wo sie sich wohl fühle und niemandem im Wege sei. Bat

ihn, ihr zu glauben, daß sie ein reifer und klarer Mensch sei und genau

wisse, was zu ihrem Besten wäre. Bat ihn, das Geld, das Onkel Jürgen ihr

unfreiwillig geliehen, zurückzuzahlen – die kurze Zeit bis zu ihrer

Mündigkeit sie zu unterstützen oder ihr einen Vorschuß auf das

großmütterliche Erbe auszahlen zu lassen. – Aber davon, daß sie nicht

allein sei, schrieb sie kein Wort.

Sie trugen den Brief zusammen nach der Post. Olga wußte schon den Weg

dahin. Als der Umschlag in den blauen Kasten versenkt war, atmete sie

auf und nahm Mettens Arm.

„Komm,“ sagte sie, „was zu tun war, ist getan. In drei Tagen kann die

Antwort da sein. Aber die drei Tage wollen wir genießen.“

„Glaubst du,“ sagte Mette mit finsterer Stirn, „daß eine Macht der Welt

mich zwingen kann, nach Hause zurückzugehen? Wenn sie mir kein Geld

schicken, geh ich als Waschfrau oder als Nähmädchen, oder ich mache

Schulden.“

„Ich weiß nicht,“ sagte Olga. „Ich weiß nur, solange dieser Brief noch

unterwegs ist, sind wir sicher. Kein Mensch weiß, wo wir sind – das ist

ein herrliches Gefühl – als ob man hinter Mauern und Gräben säße. Wenn

der Brief erst angekommen ist, dann ist die Zugbrücke heruntergelassen –

was dann geschieht, das weiß ich nicht. Nichts weiß ich, nichts, nichts,

nichts! Aber es ist immerhin möglich, daß wir in Stücke gerissen

werden.“

„Warum haben wir die Zugbrücke heruntergelassen?“ fragte Mette

stehenbleibend. „Warum hast du mich gezwungen zu schreiben?“

Olga lächelte schwermütig.

„_Weil ich die Verantwortung nicht übernehmen will!_“ sagte sie, mit

einem Versuch zu scherzen. – – –

* * * * *

Sie gingen durch die breiten Straßen mit den kleinen, niedrigen Häusern.

Einen besonderen Reiz hatte es, die Schaufenster zu betrachten.

Wo ein kleiner Laden sichtbar wurde, mußten sie über den Damm laufen und

die Auslagen mustern. Da war ein Korbflechter und Bürstenmacher. Da war

ein Schuhmacher, der einen halbmeterlangen Filzschuh in seinem Fenster

hatte und daneben einen winzigen nadelspitzen Ballschuh aus verstaubtem

perlgestickten Rosaatlas.

„Ein Märchen!“ sagte Olga begeistert. „Sieh nur, ein Schuhmacher, der

Märchen dichtet. Und er weiß es. Ganz sicher, er weiß es!“

Da war ein Geschäftchen mit Kurz-, Weiß- und Wollwaren. Girlanden von

Handschuhen und Kinderjäckchen hingen im Fenster. Wasserfälle von

Maschinenspitzen stürzten hernieder. Nähgarne und Häkelwolle legten sich

zu symmetrischen Figuren. Und überall dazwischen hingen weiße

Pappschildchen: „Hier werden Puppen zu Weihnachten angezogen.“ „Hier

werden Gardinen kunstgestopft.“ „Unterricht in allen weiblichen

Handarbeiten.“ „Hier wird Klavierunterricht erteilt, gründlich und

gewissenhaft, für Anfänger und Fortgeschrittene.“ „Hier werden Strümpfe

mit der Maschine angestrickt.“

„Geschwister Basch,“ sagte Olga und sah zu dem Firmenschild auf. „Sicher

sind es zwei alte Schwestern. Die eine hat einen Mops und die andere

einen Kanarienvogel. Oh, in solchen Städten gibt es noch Möpse! Die

eine, die den Klavierunterricht erteilt, das ist eine schönheitsdurstige

Seele. Sie hat sicher einmal von Ruhm und Beifall geträumt, als sie mit

fünfzehn ‚_La prière d’une vierge_‘ spielte. Und die andere, die

praktische, vielleicht von einem Mann und sieben Kindern. Und nun sitzen

sie hier und trösten sich miteinander. Vielleicht hat die praktische ein

aufopferungsfreudiges Gemüt und hat den einzigen in Betracht kommenden

Mann ausgeschlagen, nur um ihre Schwester nicht zu verlassen. Die mit

dem Klavierunterricht, das ist sicher auch die, die die Puppen anzieht.

Aber die andere strickt die Strümpfe an. Weißt du, ich möchte in einer

Novelle den Tag beschreiben, da die Strickmaschine ins Haus kam.

Wahrscheinlich haben sie zehn Jahre daraufhin gespart – und dann haben

sie sie gefürchtet und geliebt – so ein bißchen wie Teufelsspuk und

Feenzauber – ach, vielleicht wäre es gut, ein solcher Mensch zu sein ...

oder ob sie ganz klein und neidisch und giftig sind?“

Da war ein Kaufmannsladen, ein „Kolonialwarenhändler“, es war

erstaunlich, was sein Fenster für eine prunkvolle Ausstattung aufwies.

Getrocknete Aprikosen bildeten Sterne auf weißem Reis. Grotten aus

Zuckerkand türmten sich auf, mystisch erhellt durch Fenster aus roter

Gelatine. Da war ein See aus Stanniol, auf dem ein kleiner hohler Schwan

mit aufgeplatztem Rücken schwamm. Da waren tausend bunte Dinge, und wie

um die Farbenpracht zu mildern, lag über allem eine gleichmäßige graue

Staubschicht – eingefressener, unverwüstlicher, wohlberechtigter Staub.

Und dann, ganz am Ende der Stadt, wo die Häuser vereinzelt standen und

das Pflaster aufhörte und die Hühner gackernd über den Weg liefen, da

war ein ganz kleiner Laden, der hatte in seinem schmalen Fensterchen

alles – alles, was das Herz nur begehren konnte. Hohe Gläser mit bunten

Bonbons und blaue Glanzpapiertafeln mit Zwirnknöpfen, Kränze von

getrockneten Feigen und Postkarten, auf denen liebende Paare in

flammenden oder blumenumkränzten Herzen sich küßten. Schnürsenkel und

saure Gurken, Schuhwichse und Backpulver und irdene Töpfchen und Kämme

und ...

„Abziehbilder!“ sagte Olga mit andächtigem Entzücken. „Sieh nur, Mette,

veritable Abziehbilder! Ganz richtig mit dem blauen Hauch darüber, mit

dem mystischen Schleier, daß man nur ahnen kann, was daraus wird, wenn

sie abgezogen sind. Oh, es war kein Kachelofen vor meinen Abziehbildern

sicher! Wer sie immer nur hübsch auf einem Tisch verarbeitet hat, ahnt

gar nicht, wie schwer es ist, sie auf einer senkrechten Fläche

anzubringen. Sie waren immer durcheinander gerutscht. Ich glaube, ich

hatte keine ruhige Hand. Ob ich es jetzt besser könnte? Ich bitte dich,

Mette, um aller Heiligen willen, geh hinein und kauf mir für einen

Groschen Abziehbilder – aber ein Bogen mit Schiffen muß dabei sein.“ – –

–

* * * * *

Hinter den letzten Häusern fing die Landstraße an: Breit, gerade, mit

kahlen Bäumen bestanden, schneebedeckte Felder rechts und links, am

Horizont ein Streifen dunkelblauen Waldes.

Sie schritten scharf aus. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Bei

jedem Schritt flogen krächzende Krähen vor ihnen auf, der Wind rauschte

in den Telegraphendrähten und blies manchmal eine Schneelast von einem

Zweiggewirr auf sie herab. Der unberührte, unbetretene Schnee war weich

wie Watte und blitzte in der Sonne wie zerstoßenes Glas.

Der Wald, der so fern erschienen war, schien ihnen entgegenzulaufen.

Hundert Schritte davor bog die Landstraße ab. Aber ein breiter Weg

führte hinein. Das Stückchen über das freie Feld war kaum als Weg zu

erkennen, so schneeverweht war es. Aber drüben tat sich in den hohen

schneebedeckten Tannen eine Öffnung auf, wie der Eingang zu einem

Tunnel. Da strebten sie hin.

Als der Wald sie umfing, wurde es mit einem Male still und warm – so

warm, daß ihre windgepeitschten Gesichter anfingen zu brennen.

Hoch über ihnen in den Wipfeln rauschte der Wind und schüttelte zuweilen

silberne Sterne auf den dunklen Boden. Aber sein kalter Atem traf sie

nicht.

Sie wanderten in versunkenem Schweigen. Nur wenn bunte Meisen vor ihnen

herflatterten oder ein Eichhörnchen an einem Stamm hinaufflitzte, machte

eines das andere durch ein Flüstern, durch eine Bewegung aufmerksam. Und

wenn dann ihre Blicke sich trafen, dann blieben sie ineinander hängen,

bis sie lächelten und die Augen schlossen – – –

* * * * *

„Aha! Da ist es!“ sagte Olga nach einer guten Weile.

„Was? Wo?“ fragte Mette erstaunt.

Olga wies mit der Hand vorwärts. Zwischen den Stämmen wurde plötzlich

eine rote Backsteinmauer sichtbar.

„Hast du denn gewußt, wo wir hingehen?“ wunderte sich Mette.

„Natürlich, Kind! Ich werde dich doch nicht aufs Geratewohl in der Irre

herumführen. Dieses muß nach menschlichem Ermessen der Waldkater sein.

Im Sommer gibt’s hier Kaffeekochen, Musik und Tanzvergnügen. Im Winter

kriegen wir vielleicht was zu essen – wenn wir Glück haben. Das hat mir

alles unser Hausknecht heute früh erzählt. Außer seiner Lebensgeschichte

– – es gibt so ein schönes Märchen – – Bechstein, glaub’ ich – – von der

verwunschenen Mühle, wo nur der Esel, die Katz und die Taube sind. Und

noch irgendein Tier. Siehst du, da fliegt die Taube auf, und da ist die

Katz. Aber kein Mensch zu erblicken. Graust dir’s schon, Mette? Ganz

sicher, die Katze will uns was sagen!“

Sie durchschritten eine Art Wirtschaftshof und rüttelten an ein paar

verschlossenen Türen.

„Es kann nicht ausgestorben sein,“ sagte Olga und deutete auf ein

Rauchwölkchen, das aus dem Schornstein aufstieg. „Oder die Katz hat

Feuer angemacht. Aber wenn sie das kann, kann sie uns auch was zu essen

kochen.“

Sie fanden eine Tür offen. Durch einen leeren und kalten Saal, von

dessen Decke zerfetzte und verstaubte Papiergirlanden herunterhingen,

kamen sie an eine andere Tür, die einem Druck auf die Klinke nachgab.

Dieser nächste Raum war erfüllt von behaglicher Wärme und

durchdringendem Kohlgeruch. Ein eiserner Ofen fauchte glühende Luft und

auf ihm brodelte ein blauer Emailletopf mit einem dampfenden Inhalt. An

einem der Tische, breit aufgestützt, saß eine grobknochige Magd und

messerte ihr Kohlgericht aus einem blechernen Napf.

„Guten Tag, Fräulein Anna,“ sagte Olga strahlend liebenswürdig. „Na, wie

geht’s Ihnen denn? Schmeckt’s?“

Das Mädchen stand langsam auf und grinste.

„Ich heiß’ nicht Anna,“ sagte sie, „die vorvorige war die Anna. Ich

heiß’ Berta.“

„Schön warm haben Sie’s hier, Fräulein Berta.“ Olga zog die Handschuhe

aus und hielt die Finger vor die Ofenglut. „Und herrlich riecht’s hier

nach Kraut. Wollen Sie uns nicht was abgeben von Ihrem Mittagbrot?“

Das grinsende Mädchen wischte mit der Schürze über einen Tisch.

„Wenn die Damen was zu essen haben möchten, kann ich ja mal die Frau

fragen.“

„Herrlich, Fräulein Berta! Und wenn wir was zu trinken kriegen könnten –

einen Grog oder Glühwein oder sonst so was Gutes.“ Olga blinzte dem

Mädchen zu, als hätte sie ihr ein Geheimnis anvertraut. „Wir sind

nämlich mächtig durchgefroren.“

Sie stemmte die Füße gegen den heißen Ofen, daß die nassen Sohlen

anfingen zu zischen.

„Sagen Sie, was ist eigentlich aus der Anna geworden? Daß ich Sie

verwechselt habe! Die war ja viel kleiner als Sie!“

„Ja,“ sagte Berta, „die war man schwächlich. Sie hat geheirat’t.“

„Geheiratet?“ sagte Olga überrascht. „Sieh mal an! Dabei war sie doch

gar nicht mal so hübsch.“

„Ne,“ sagte Berta, „hübsch war sie nich. Un schwächlich war sie auch

man. Aber sie hatte ’n Mundwerk, ’n Mundwerk hatte sie. Un das sticht

manch einen ins Auge.“

Olga blieb ganz ernst.

„Na, lassen Sie man, Berta,“ sagte sie begütigend, „Sie werden ja auch

bald heiraten. Es ist doch immer das beste. Man will ja gerne schuften.

Aber es ist doch immer was anderes, wenn man für die eigene Wirtschaft

schuftet.“

„Ja,“ sagte Berta überzeugt und blieb eine Weile gedankenvoll mit

offenem Munde stehen, „nun will ich aber mal nach was zu essen fragen.“

Damit machte sie kehrt und schoß hinaus.

„Herrlich,“ sagte Olga und witterte wie ein Jagdhund mit erhobener Nase.

„Es riecht so gut nach Kraut und Hammelfleisch.“

Mette schüttelte den Kopf.

„Ein komischer Kerl bist du,“ sagte sie lachend. „Hier findest du das

herrlich, und wenn’s in der Motzstraße nach Kohl riecht, kriegst du

Ohnmachten und Tobsuchtsanfälle.“

„Erlaube mal, das ist vielleicht ein Unterschied, wenn’s in einem

Berliner Zimmer mit Jugendstilmöbeln und einem Prismenkronleuchter halb

nach Kohl riecht und halb nach billigem Heliotropparfüm, so erzeugt das

einen Nervenzustand, der einen direkt zum Selbstmord treiben kann. Hier

muß es einfach ein bißchen nach Ofendunst riechen und ein bißchen nach

Schweinestall und kräftig nach Kümmelkohl – das ist gerade das Richtige.

Wenn meine Freundin Berta hier mit dem Messer ißt, stört mich das gar

nicht. Aber wenn ich’s im Schweizer Hof in Luzern sehe, könnt’ ich aus

der Haut fahren.“ – – –

* * * * *

Die schwarzweiß gefleckte Katze kam ins Zimmer geschlichen.

„Da hast du den Waldkater!“ sagte Olga. „Komm her, Mies! Komm zu mir!“

Die Katze ließ sich greifen und halten. Olga streichelte sie, drückte

sie an sich, erzählte ihr im Flüsterton lange Geschichten und richtete

teilnehmende Fragen an sie.

„Daß du Katzen so liebst und Hunde nicht leiden kannst,“ sagte Mette ein

wenig mißbilligend, „das ist eigentlich bezeichnend für dich!“

Olga hob rasch den Kopf und zog die Brauen hoch.

„Bezeichnend? Wieso?“

„Weil du die Grazie mehr schätzt als die Treue,“ sagte Mette mit einem

wehmütigen Lächeln. „Weil dir das lieber ist, was heimlich kratzt, als

das, was sich schlagen läßt und die Hand leckt. Ich glaube, ich muß mich

in acht nehmen, daß ich dir nicht verächtlich werde.“

Olga schüttelte die Katze von ihrem Schoß herunter.

„Nein, Mette,“ sagte sie mit großen ernsten Augen, „da verkennst du mich

vollständig. Ich habe eine Antipathie gegen Hunde, aber nicht, weil sie

treu sind, sondern weil sie schamlos sind. Weil sie ihr Liebesleben auf

die Straße tragen.“ Der rote Schatten flog wieder über ihr Gesicht.

„Katzen haben darin mehr Kultur – um dies oft mißbrauchte Wort zu

mißbrauchen. Es gibt Kerfe, die sich nur in tiefster Nacht, nur in den

verstecktesten Winkeln paaren – so daß es noch keinem Forscher gelungen

ist, diesen Prozeß zu beobachten. Ich denke immer, es wird einmal eine

Zeit kommen, da wird man von den barbarischen Gebräuchen dieser

Jahrhunderte oder Jahrtausende wie von Märchen erzählen. Denke dir nur,

wie unendlich komisch das einen feinfühligen Menschen berühren muß: Wenn

zwei Menschen Sehnsucht haben, miteinander in einem Bett zu liegen, so

setzen sie einen bestimmten Tag dafür fest. Sie setzen öffentliche

Institutionen, den Staat und die Kirche, davon in Kenntnis. Sie

benachrichtigen Freunde und Verwandte, ihre eigenen Eltern, ihre eigenen

Geschwister! An dem Tag, der dieser Nacht vorangeht, versammeln sie alle

Leute um sich, die sie nur irgend kennen, sitzen Hand in Hand und lassen

sich betrachten, umgeben sich mit Leuten, die gefüttert und getränkt

werden, bis ihnen übel wird, lassen sich anzügliche Lieder vorsingen und

anzügliche Reden halten – und fühlen sich vielleicht sogar wohl dabei. –

Ich habe immer das Gefühl gehabt, Hochzeit zu halten auf die Art, wie

man das jetzt handhabt, müßte eine Strafe für Schwerverbrecher sein. Es

ist eine so grausame Quälerei, eine so ausgesuchte Folter ... Mette,

Kind, tu mir den Gefallen, wenn du dich einmal einem Manne hingeben

willst, den du liebst, tu’s, wenn dir danach zumute ist und nicht an

einem vorher festgesetzten Tag – tu’s ganz heimlich, daß keine lebende

Seele die Möglichkeit eines solchen Geschehens ahnt ...“

„Ich?“ sagte Mette mit Augen voll traumverlorenen Entsetzens. „Ich?“

„Ja, du!“ sagte Olga lächelnd. „Ach, Kind – meinst du, du hast eine

Ahnung, was in deinem Leben noch alles geschehen kann?!“ – – –

* * * * *

Am anderen Tag saßen sie in der Konditorei von Ferdinand Brausewetter am

Roßmarkt.

Sie hatten einen weiten Spaziergang gemacht und waren hungrig und

durchfroren.

Nun saßen sie auf dem roten Samtsofa, das mit Häkeldeckchen belegt war,

als ob es in der guten Stube stünde.

Olga hatte eine – wie sie sagte – „prähistorische“ Nummer der

„Meggendorfer“ entdeckt und belustigte sich königlich an den harmlosen

Witzen.

Eine dicke behagliche Frau mit glatten grauen Scheiteln und einer

gutgestärkten weißen Schürze, die noch vom Wäscheschrank her die

scharfen Kniffe zeigte, brachte ihnen dampfenden Kaffee in einer braunen

Bunzlauer Kanne und duftenden frisch gebackenen Kuchen.

Dann, als die frühe Dämmerung fiel, steckte sie eine Gasflamme an.

Da die Lampe zu hoch war und sie sich einen Stuhl herbeiholte, sprang

Olga auf, um ihr zu helfen.

Sie kamen in ein Gespräch, und die freundliche Frau blieb an ihrem Tisch

stehen, um ein wenig zu schwatzen.

Olga lobte den Kuchen, sprach vom Wetter, von der Stadt – dann rückte

sie einen Stuhl.

„Aber Frau Brausewetter, setzen Sie sich doch ein bissel zu uns, wenn’s

Ihre Zeit erlaubt. – Sie wissen so gut Bescheid hier, ich hätt’ mich

gern noch nach Verschiedenem erkundigt.“

Mette folgte mit stummer Verwunderung der Unterhaltung, die sich

entspann.

Olga erkundigte sich angelegentlich nach dem Papiergeschäft an der

anderen Seite des Marktes. Eine Tafel zeigte an, daß das Grundstück samt

gutgehendem Geschäft zu verkaufen sei. Sie hatten es schon in der

Zeitung inseriert gelesen ...

„Im Kreisanzeiger wohl?“

„Ja, natürlich im Kreisanzeiger,“ ... und sie wären hergekommen, um es

sich anzusehen und sich erst mal unter der Hand zu erkundigen ... ob

denn das Geschäft ginge? Und warum es eigentlich zu verkaufen sei? Ein

Garten wäre wohl nicht bei dem Haus?

Doch, ein kleiner Garten mit alten Birnbäumen und einer Fliederlaube –

durch den Treppenflur könne man ihn sehen.

Und sie möchten eine Leihbibliothek mit dem Geschäft verbinden – ob das

wohl lohne?

Frau Brausewetter war Feuer und Flamme für diesen Plan. Das hätte sie

den Kilians schon immer gesagt. Aber sie hätten nie was reinstecken

wollen ins Geschäft. Und hätten gemeint, die Anschaffung der Bücher

rentiere sich nicht. Aber es würde sich ganz gewiß rentieren; denn den

ewigen Journallesezirkel hätten sie alle schon über. Und die Frau

Bürgermeisterin hätte neulich schon gesagt ...

„Denke dir!“ sagte Olga, als sie über den dämmerigen Marktplatz nach dem

Hotel hinüber schritten. „Alte Birnbäume und eine Fliederlaube. Und

nichts zu sehen von der Straße aus! Ein altes häßliches graues Häuschen.

Ich habe in solchen Städten im Sommer in alle Haustüren geguckt. Dann

sieht man so oft jenseits der Treppe eine zweite Tür und wenn die offen

steht, so ein Stückchen Hof oder Garten mit blühendem Flieder. Dann hab’

ich immer so ein ganz starkes Gefühl von Neid oder Sehnsucht gehabt.

Vielleicht hab’ ich gewußt, daß ich noch mal in so einem Haus ende. Oder

daß ich ihm ganz nahe komme und daran vorüber muß.“

„Aber Olga!“ sagte Mette und blieb vor Erstaunen mitten auf dem Platz

stehen. „Möchtest du denn da enden? Ich habe immer das Gefühl, du machst

dich lustig über mich und meine Ideale. Wie du der guten Frau

Brausewetter da die Komödie vorgespielt hast – mir hat sich das Herz

zusammengezogen vor Sehnsucht, daß das Wahrheit wäre. Ach, wenn ich hier

bleiben könnte, ein Häuschen mit einem Garten haben und so ein puppiges

kleines Geschäft mit Schulheften und Ansichtskarten und Bibelsprüchen

und eine Leihbibliothek – und dich, dich, dich! Von morgens bis abends

und von abends bis morgens ... aber nach drei Wochen wärst du mir

durchgegangen und ich säße allein hier ...“

„Glaubst du?“ sagte Olga ohne Spott. „Wie du mich kennst!“

„Ich kenne dich!“ beharrte Mette lächelnd. „Vielleicht kenn’ ich dich

besser als du dich kennst.“

„Kein Mensch kennt einen anderen,“ sagte Olga in einem müden und

gleichgültigen Ton und heftete die Augen unter den zusammengezogenen

Brauen unverwandt auf die blaue Laterne über dem Torweg.

„Aber es läßt sich so wenig dagegen tun ...“ – – –

* * * * *

Sie hatten nach dem Abendessen noch in dem überheizten Gastzimmer eine

Partie Schach gespielt und dabei mit viel heimlichem Entzücken den

Unterhaltungen gelauscht, die die Honoratioren nebenan an ihrem

Stammtisch führten.

Als sie, die Mäntel überm Arm, an der Treppe anlangten, bat Olga:

„Komm, laß uns noch eine halbe Stunde an die Luft gehen, daß wir nicht

den ganzen Rauch in Haaren und Kleidern mit hinauf schleppen – das

heißt, wenn du nicht etwa müd’ bist, natürlich.“

Der häßliche Platz, die nüchternen Straßen lagen in Schnee und Mondlicht

wie verzaubert da.

Der Himmel war hoch, blauschwarz und so klar, daß er wie erfüllt

erschien von dem unabsehbaren Gewimmel funkelnder Sterne.

Olga hatte den Kopf tief in den Nacken gelegt. Der Nachthimmel und die

Gestirne schienen sich in ihren Augen zu spiegeln.

„Unendlichkeit!“ sagte sie leise. „Du glaubst nicht, wie ich dieses Wort

liebe. Es ist mein Vaterunser und mein Evangelium. Kein Anfang, kein

Ende. Unendlichkeit der Zeit, Ewigkeit des Raumes. Ich glaube, wenn ich

ganz klein und verzweifelt wäre, braucht ich nur zu denken:

Unendlichkeit! Und es wäre wie ein Orgelton, der alles von mir abspült.

Wird man nicht ganz fromm, wenn man dies Unbegreifliche fühlt? Darum

lieb’ ich den Sternenhimmel so. Darum lieb’ ich die Nacht so.“

„Mich hat nichts so gequält,“ sagte Mette, „als deine Unendlichkeit. Als

kleines Kind schon. Ich wollte sie immer begreifen. Ich wollte. Ich lag

im Bett und stellte mir den Raum vor. Und dann schloß ich einen Kreis

wie eine Mauer um ihn. Und was war dahinter? Wieder Raum. Ich zog einen

größeren Kreis. Ringsum war wieder Raum. Ich dachte manchmal, ich müßte

verrückt werden, wenn all der Raum in mein armes kleines Gehirn

hineinstürzen wollte.“

„Das ist ja das Schöne, daß es etwas gibt, was wir nicht begreifen

können. Nicht der Gelehrteste und nicht der Gefühlvollste. Das eine

Unbegreifliche ist Bürgschaft für tausend Möglichkeiten. Wenn es

Ewigkeit gibt, warum nicht Unsterblichkeit, Seligkeit, Göttlichkeit?

Warum nicht eine Liebe über aller irdischen? Alles wissen sie, alles

erklären sie. Wie die Spermatozoen ins Ei dringen, beobachten sie, und

Sterne machen sie ausfindig, von denen das Licht achtzig Millionen Jahre

braucht, um zu uns zu gelangen, und Theorien stellen sie auf, worin sie

Liebe durch Fortpflanzungswillen und Sympathie durch Geruchsnerven

begründen. Von allem reißen sie den Schleier des Mysteriums. Sie wissen,

wie wir entstehen und wie wir vergehen und warum wir lieben. Aber wenn

sie dich quälen und du ihnen nicht glauben willst, dann sag’ dir ganz

leise: Unendlichkeit! Und fühle, daß es Dinge gibt, die über aller

Vernunft sind. Kein Lebender kann sie erfassen ... Aber die Toten

vielleicht. Oder die Sterbenden schon. Darum lächeln die Toten alle. Sie

lächeln alle so erlöst und überlegen, als wollten sie sagen: ‚Herrgott,

ist das lächerlich einfach‘ ... Ich freue mich manchmal auf den Moment,

wo man die Stufe hinaufsteigt, daß man endlich über die Mauer sehen

kann.“

„Freu’ dich nicht zu sehr,“ sagte Mette und griff wie in Angst nach

ihrer Hand, „ertrag nur die Mauer noch eine Weile.“

„Kind,“ sagte Olga weich, „ich sehe ja die Mauer nicht. Sie ist ganz und

gar von Rosen überhangen.“ – – –

* * * * *

Auch am anderen Morgen war noch kein Brief aus Berlin da.

„Gesegnete Post!“ sagte Olga. „Sie kommt hier nur einmal am Tage.“

Mette schüttelte den Kopf. „Ich versteh’ dich nicht. Ich hab’ erst die

richtige Ruhe, wenn Antwort da ist. So sitzt man ja doch immer auf dem

_qui vive_ oder dem Pulverfaß oder ähnlichem! Wenn wir wissen, woran wir

sind, können wir uns danach richten. Ich muß dann eventuell an den

Rechtsanwalt schreiben, der der Testamentsvollstrecker meiner Großmutter

war. Der wird mir sicher eine Summe vorschießen, von der wir das halbe

Jahr leben können, bis ich mündig bin. Aber ich wollte, ich hätte alle

diese Dinge schon hinter mir.“

Olga spielte mit den Fransen der Tischdecke und lächelte.

„Warum lächelst du so?“ fragte Mette.

„Weil du so weitgehende Pläne machst. Dein Vater wird schreiben: ‚Komm!‘

Und dann wirst du kommen.“

„Du weißt ganz genau, daß das ausgeschlossen ist!“ sagte Mette fast

zornig.

Olga stand mit einem Ruck auf und ging ans Fenster.

„Vielleicht schick’ ich dich auch!“ sagte sie hart. – – –

* * * * *

Am Nachmittag machten sie wieder einen weiten Spaziergang über die

Felder. Der frühe Abend überraschte sie, und sie kamen erst in der

Dunkelheit heim.

Sie gingen auf der Landstraße, hart ankämpfend gegen den Wind und sahen

vor sich im blauen Dämmern die aufblitzenden Lichter der Stadt.

„Seltsam,“ sagte Olga, „wir gehen nach Hause. Da liegt eine Stadt vor

uns, deren Namen ich vor drei Tagen noch nicht gekannt habe, und da bin

ich zu Hause. Da liegt ein Hotelzimmer, in dem vor drei Tagen vielleicht

noch irgendein Kommis nächtigte, ein Zimmer, in dem nicht ein Möbelstück

nach meinem Geschmack ist, in dem nicht ein Bild und nicht ein Buch mich

lockt – und da bin ich zu Hause. Wenn ich an unseren Gasofen denke und

an den Feuerschein auf dem schäbigen Teppich, dann wird mir so warm, daß

ich den Wind nicht spüre. Wie muß einem Menschen zumute sein, der

wirklich ein eigenes Heim hat. Wo er jeden Sessel liebt und die Farbe

des Teppichs und das Licht der Lampe und jedes Kissen und jedes Bild und

jede Tasse.“

„Das könntest du doch haben,“ sagte Mette.

„Ich?! – Nie, nie, nie!“

„Doch!“ sagte Mette etwas zaghaft. „Wenn du Geduld hättest ... in einem

halben Jahr.“

Olga lachte kurz auf. „Kind!“ rief sie und drückte Mettens Arm fester an

sich. „Liebes, süßes, wundervolles, kleines Geschöpf! In einem halben

Jahr! Wo bist du da und wo bin ich da? Vielleicht bist du verheiratet –

und ich bin tot.“ – – –

* * * * *

Als sie in das Zimmer traten, leuchtete von der dunklen Tischdecke etwas

Weißes ihnen entgegen. Mette nahm es auf und lief damit ans Fenster. Der

Schein einer Laterne draußen gab ein schwaches Licht.

Es war ein dringendes Telegramm.

„Mach hell, bitte!“ bat sie mit ein wenig unsicherer Stimme.

Sie riß das Papier auseinander.

Sie las es in dem Dämmerlicht am Fenster. Sie las es noch einmal bei der

aufflammenden Gaslampe. Es änderte sich nicht.

„Dein Vater vom Schlage getroffen. Sein Ableben stündlich zu erwarten.“

Sie reichte das offene Telegramm, ohne ein Wort zu sagen, Olga hinüber

und ging an ihr vorbei nach dem Ofen.

Sie hielt die Hände vor die Glut und war erfüllt von der seltsam

peinlichen Empfindung, nicht zu wissen, wie sie sich benehmen sollte.

Kein Gefühl quoll unwiderstehlich, jeden Gedanken verdunkelnd, aus ihrer

Tiefe: weder Schmerz, noch Angst, noch Liebe.

Nur häßliche, quälende Gedanken: „Ich werde hinfahren und zu spät

kommen,“ dachte sie. „Es wird also ganz unnütz sein, daß ich fahre. Wenn

er wirklich sterben muß – warum hab’ ich dann nicht lieber die Nachricht

bekommen, daß er tot ist. Dann würde keine Macht der Welt mich hier

wegbekommen.“

Sie warf einen verstohlenen Blick auf Olga, die ihr noch immer den

Rücken zudrehte.

„Sie wird erwarten, daß ich irgend etwas tue,“ dachte sie. „Ich muß mich

doch irgendwie äußern. Ich glaube, das Natürlichste wäre, wenn ich jetzt

weinte. Aber ich kann doch nicht. Ich finde es schrecklich, gewiß. Aber

es ist nichts, was mir die Tränen in die Augen treibt. Was würde Olga in

meiner Lage tun? Seltsam, wie wenig wir uns eigentlich kennen. Ich weiß

nicht, was sie tun würde. Und ich weiß auch nicht, was sie von mir

erwartet.“

Endlich drehte Olga sich um und legte mit einer schönen und merkwürdig

behutsamen Bewegung das Papier auf den Tisch. Ihr Gesicht war ruhig,

aber ganz weiß.

„Ich will nach den Zügen fragen!“ sagte sie und schritt still hinaus.

Mette war fast froh, noch einen Augenblick allein zu sein. Sie konnte

nun in Ruhe überlegen, was zu tun sei. Wenn Olga ging, um nach den Zügen

zu fragen, so nahm sie als selbstverständlich an, daß Mette mit dem

nächsten Zug nach Hause fuhr. Es war ja auch wohl selbstverständlich,

freilich, das war es.

Sie stand seufzend von ihrem Sessel am Kamin auf, stellte den offenen

Handkoffer zurecht und fing an einzupacken. Dabei flogen ihre Gedanken

hin und her.

Vielleicht war es gar nicht wahr!

Vielleicht hatte Tante Emilie sich das ausgedacht, um sie nach Hause zu

locken! Sie ins Gefängnis zurückzulocken!

Wenn doch jetzt eine Depesche von Vater käme, die die erste Nachricht

widerriefe!

Oder, wenn es doch wahr war – wenn jetzt eine Depesche von Tante Emilie

käme, daß alles vorbei wäre. Dann brauchte sie nicht zu fahren. Oder ob

Olga es von ihr verlangen würde?

Wenn doch Olga jetzt heraufkäme und sagte: Es geht kein Zug, heute

nicht, morgen nicht, nie mehr. Die Züge bleiben im Schnee stecken – oder

der Bahndamm ist eingestürzt ...

Oder wenn Olga jetzt käme und sagte: Fahr’ nicht! Verlaß mich nicht! Laß

uns weiterfahren, irgendwohin, wo sie uns nicht finden. Beweise mir, wie

du mich liebst, gib alles auf. Was ist dir der fremde Mann, der da im

Sterben liegt? Nichts! Zu mir gehörst du, mein bist du! Ich verlange von

dir, daß du bei mir bleibst, ich will mich nicht von dir trennen, nicht

auf eine Stunde mehr.

Ja, das wäre das Schönste. Aber von allem Unmöglichen war es das

Unmöglichste.

Olga machte die Tür auf. Ihre Bewegungen, obgleich rasch, waren so

leise, als beträte sie ein Krankenzimmer.

„Um drei Viertel zehn,“ sagte sie und warf einen Blick auf die

Armbanduhr. „Wir haben also noch reichlich Zeit, einzupacken und etwas

zu essen.“

In Mette zuckte etwas wie Empörung auf. Sie mußte fahren. Sie wurde

einfach geschickt. Vielleicht wäre Olga selber an ihrer Stelle nicht

gefahren. Olga durfte frei handeln und entgegen allem, was Sitte und

Gebrauch war – aber für Mette galt das Normale, das Alltägliche, das

Schickliche. Um drei Viertel zehn ging der Zug – sie wurde gar nicht

gefragt, ob sie ihn benutzen wollte. Es war der nächste Zug, und also

hatte sie damit zu fahren.

Sie packte mit verbissenem Gesicht ihren Koffer weiter.

„Darf ich dir helfen?“ fragte Olga ernst und sanft.

„Danke!“ sagte Mette kurz.

Der rücksichtsvolle Ton quälte sie. Sie hätte so gern ganz brutal die

Wahrheit gesagt:

„Du brauchst mich nicht zu behandeln, als wäre ich schwer krank. Das

Schlimmste an dieser Sache ist für mich, daß wir uns trennen sollen, daß

ich hier fort soll, daß unser Märchen hier ein Ende hat“ – aber sie

hatte den Mut nicht, es auszusprechen. Und sie fühlte doch, daß Olga

sich beinah scheu zurückhielt, so, als hätte sie kein Recht, Metten in

ihrem heiligen, kindlichen Schmerz zu stören.

Mettens Hände stießen beim Packen zufällig auf einen sorgfältig in

Seidenpapier gehüllten Gegenstand unten am Boden des Handkoffers. Sie

riß das Seidenpapier ab, daß die Fetzen zur Erde flatterten und hielt

das goldene Etui in der Hand.

„O Mette!“ rief Olga mit einem leisen, überraschten Aufschrei. „Da ist

es ja wieder! Seit wann?“

„Es ist nie woanders gewesen,“ sagte Mette mit einem etwas bedrückten

Lächeln. „Ich konnte mich nicht entschließen, es in fremde schmutzige

Hände zu geben. Ich wollte dir eigentlich nichts davon sagen – ich

wollte es dir zu Weihnachten schenken – aber es ist ja Unsinn – ich will

es dir lieber gleich geben.“

Mette ging hinüber und legte es in Olgas Hände, die ihr nicht

entgegenkamen.

Olga hielt es ganz still auf den Flächen der Finger, ohne es zu

umschließen und sah es mit gedankenschwerem Lächeln an.

„Seltsam,“ sagte sie, ohne die Augen aufzuheben. „Warum jetzt? Warum

heute? Man sollte nicht abergläubisch sein, aber manchmal ist es schwer

...“

Mette verstand den Sinn dieser Worte nicht, aber sie fragte auch nicht

danach. Sie spürte mit zorniger Eifersucht, daß Olgas Gedanken in einer

Vergangenheit waren, die ihr fern, fremd und verschlossen blieb. Aber

sie spürte keinerlei Beziehung auf sich selbst.

Es war eine schweigsame Fahrt durch die kalte, dunkle und unfreundliche

Nacht.

Mette lehnte mit halbgeschlossenen Augen in einer Ecke und sehnte sich

danach, mit viel Zärtlichkeit getröstet zu werden – aber sie hätte nicht

gewagt, diese Sehnsucht auszusprechen, auch wenn nicht fremde Menschen

mit dumm verschlafenen, glotzenden Gesichtern im Wagen gesessen hätten.

Als Mette fröstelte, zog Olga wortlos ihren Mantel aus und legte ihn ihr

über die Knie. Aber Mette wies ihn fast schroff zurück.

„Laß das, bitte! Ich möchte nicht, daß du dich erkältest!“

Olga nahm den Mantel fort. Aber sie zog ihn nicht an. Sie legte ihn

neben sich auf das Polster, mit einer so achtlosen Bewegung, als sei er

zu nichts mehr nütze. – – –

* * * * *

In der Wohnung roch es nach Krankheit und Tod. Die Mädchen saßen

schlaftrunken mit verschwollenen Augen und stumpfen Gesichtern herum.

Überall brannte Licht. Aber nicht helles, heiteres, strahlendes Licht,

nur immer eine einzelne Lampe, die ein oder zwei Räume dämmerig

erhellte. Die Türen standen offen oder waren angelehnt – man sah, daß

nicht Nacht war in dieser Wohnung. Daß niemand schlief, daß unablässig

hin und her gelaufen wurde. Und durch die offenen Türen drang das

gleichmäßige röchelnde Atmen des Sterbenden in alle Räume, erfüllte alle

Räume.

Tante Emilie, mit wachen Eulenaugen in dem zerkniffenen Gesicht,

geisterte gespenstig hin und her.

„Du kommst zu spät!“ sagte sie mit eisigem Triumph, als sie Mettens

ansichtig wurde. „Wir haben keine Hoffnung mehr.“

Mette fühlte, daß ihr etwas Böses zugefügt werden sollte. Und das

plötzliche Bewußtsein, so verworfen, so gefühlsroh zu sein, daß dies

Böse sie nicht traf, daß selbst diese Frau in ihrem maßlosen Haß sie

noch überschätzte, trieb ihr, müde und überreizt wie sie war, die Tränen

in die Augen.

Tante Emilie ahnte nichts von diesen Vorgängen.

„Auch diese Tränen kommen zu spät!“ sagte sie geringschätzig.

Von den zwanzig Stunden, die nun kamen, hatte jede Stunde tausend

Minuten.

Mette ging hin und her, saß hier und dort und fühlte sich überall am

falschen Platz, im Wege, von bösen Augen beobachtet.

Sie war zerschlagen an allen Gliedern und hatte das Bedürfnis, nur für

eine Stunde sich in ihrem Zimmer einzuschließen und sich aufs Bett zu

werfen. Aber sie fand den Mut nicht dazu.

Sie wußte, man erwartete von ihr, daß sie, in Reuetränen zerfließend, am

Sterbebette ihres Vaters saß oder womöglich auf den Knien lag.

Sie versuchte das Grauen, das sie schüttelte, zu überwinden und ging

hinein, immer wieder. Die dumpfe Luft roch nach Verwesung und

Medikamenten. In den vielen weißen Kissen lag ein kleiner, sonderbar

knöcherner Schädel, ein fremdes, schief gezerrtes Gesicht mit

geschlossenen Augen, dem der röchelnde Atem leise die gelblichen Lippen

bewegte.

Mette saß eine Weile still neben dem Bett und ängstigte sich davor, daß

dieses schreckliche Röcheln mit einem Male aufhören könne. – Und

ängstigte sich fast noch mehr davor, daß dies fremde Etwas plötzlich die

Augen auftun und reden könne.

Ärzte kamen, sprachen miteinander in gedämpftem Ton, maßen sie mit

mitleidigen Blicken und gingen wieder.

Das Mädchen deckte den Tisch zur gewohnten Zeit und bat im Flüsterton

zum Essen.

Tante Emilie ließ alle Verbindungstüren offen und horchte mit gespannter

Aufmerksamkeit, während sie ihre Suppe löffelte, ob in dem gleichmäßigen

Röcheln eine Veränderung einträte.

Mette vermochte kaum einen Bissen hinunterzuwürgen.

Die frühe Dämmerung kam, und die Lampen wurden wieder angemacht.

Mette wollte ein Buch in die Hand nehmen, aber ein so empörter Blick von

Tante Emilie traf sie, daß sie es wieder wegstellte und mutlos die Hände

in den Schoß legte.

Gegen Abend wurde das Röcheln schwächer. Der Nasenrücken trat

messerscharf aus dem winzigen versunkenen Gesicht.

Der Arzt, der am Abend kam, ging nicht wieder fort. Nun saß noch einer

herum und schritt lautlos über die dicken Teppiche auf und ab und

wartete.

Das Röcheln wurde schwächer und schwächer. Dann kam noch ein paarmal in

kurzen Pausen ein stärkeres knarrendes Ausatmen, und mit einem Male

wurde es still.

Man hörte plötzlich, als setzten sie eben ein, alle Uhren im Hause

ticken.

Der Arzt beugte sich über das Bett, richtete sich dann wieder auf und

ging auf Metten zu, um ihr die Hand zu geben.

Tante Emilie wischte sich über die trockenen Augen, die Mädchen draußen

schluchzten auf.

Mette sah und hörte alles wie durch dichte Schleier. Sie hatte Angst,

ohnmächtig zu werden.

Der Arzt bemerkte wohl ihr grünlich fahles Aussehen und legte ihr die

Hand aufs Haar. „Legen Sie sich hin, Kind!“ sagte er sanft.

„Sie können nichts mehr nützen hier. Sie haben schwere Tage hinter sich

und vor sich. Jugend braucht Schlaf.“ – – –

* * * * *

Mette war froh, in ihrem Zimmer zu sein. Aber sie dachte nicht daran,

sich hinzulegen. Als sie nach einer Weile den Arzt gehen hörte, faßte

sie eine namenlose Angst. Sie war so sterbensmüde und fürchtete sich

davor, einzuschlafen, so, als müßten gräßliche Träume sie peinigen, wenn

sie die Herrschaft über die Gedanken verlöre.

Wenn sie nur für einen Moment die schweren Augenlider schloß, sah sie

die verzerrten Züge des Sterbenden, oder Tante Emilie reckte die Krallen

nach ihr aus, um sie zu erwürgen, oder Onkel Jürgen holte mit einem

riesigen Schlüsselbund zu einem Hieb aus, der ihr den schmerzenden

Schädel zerschmettern sollte.

Mette streckte die Hand sehnsüchtig in die Luft nach einer anderen Hand,

die die ihre fest und warm umschließen sollte. Aber ihre kalten Finger

blieben leer.

Sie ertrug die angstvolle Unruhe nicht mehr. Sie schlüpfte in ihren

Mantel und schlich über die Hintertreppe hinunter aus dem Haus.

Die kalte Nachtluft weckte sie wie aus schwerem Traum. Sie lief mehr als

sie ging durch die Straßen bis zu Olgas Haus.

Das Haus war verschlossen. Mette stand eine Weile unschlüssig.

Vielleicht kam irgendein Hausbewohner heim, oder der Mann von der Wach-

und Schließgesellschaft machte ihr gegen ein Trinkgeld die Tür auf.

Sie wartete eine ganze Weile. Die Kälte schüttelte sie.

Schließlich klingelte sie den Portier heraus. Aber oben vor der Tür

zögerte sie wieder, eh’ sie wagte zu klingeln.

Sie setzte sich auf die Treppe und lehnte die Stirn an die hölzernen

Pfosten der Tür.

Sie versuchte, durch angestrengte Gedanken, durch inbrünstiges Flehen,

durch gesteigertes Wollen Olga zu wecken, sie herbeizurufen.

Sie glaubte immer, ihren leisen Schritt sich der Tür nähern zu hören und

lauschte atemlos und merkte, daß sie sich getäuscht hatte.

Sie mußte sich endlich doch entschließen zu klingeln. Es dauerte eine

ganze Weile, bis ein schlaftrunkenes, halb angezogenes Mädchen ihr

öffnete. Sie erzählte eine Geschichte, daß sie eben von der Bahn komme

und zu Hause nicht hinein könne, weil sie ihre Schlüssel bei Fräulein

Radó gelassen habe. Sie lachte dazwischen und hatte das Gefühl,

vollkommen idiotisch zu wirken.

Als sie sich durch den wohlbekannten Türgang entlang tastete – sie

fürchtete sich, aus irgendeinem unbegreiflichen Grunde davor, Licht zu

machen – vielleicht hatte sie die Vorstellung, das Geräusch oder der

Schein könne jemanden wecken, oder vielleicht hatte sie unbewußte Angst,

gesehen zu werden und fühlte sich sicherer im Dunkel.

Als sie schon vor Olgas Tür stand, hatte sie mit jähem Erschrecken das

qualvolle Empfinden – so stark, daß sie es für Ahnung nahm – als wäre

Olga nicht allein. Als stände diesem furchtbaren Tag noch ein

furchtbarster Abschluß bevor.

Sie stand an die Wand gelehnt und wagte nicht zu klopfen, nicht die

Klinke zu berühren. Eine Stimme, die sie deutlich außer sich zu hören

glaubte, sagte:

„Was suchst du hier? Mit welchem Recht dringst du hier ein? Wie kommst

du zu der maßlosen Kühnheit, dich hier zu Hause zu fühlen?“

Die Tür ging geräuschlos auf, und ein matter Lichtschein fiel heraus.

In dem Lichtschein stand Olga Radó, groß und schlank, in einem

dunkelbunten Kimono, eine Hand auf der Klinke und spähte unter

zusammengezogenen Brauen scharf hinaus. Sie sah und erkannte Metten

sofort.

„Mette!“ rief sie leise und schloß einen Moment, wie erschrocken, die

Augen. „Ich hab’ es doch gewußt! Was ist geschehen, Kind? Wie bist du

heraufgekommen?“

Mette taumelte mehr als sie ging. Sie kam ins Zimmer, sah das sanfte

Licht der verschleierten Lampe auf den Papieren des Schreibtisches, auf

den Bücherrücken, auf den Bildern, auf den seidenen Kissen – Farben und

Formen stürzten wie ein Gefühl unendlichen trunkenen Glücks in sie

hinein – sie ließ sich auf die Erde niedergleiten, legte die Stirn gegen

den Sessel und sagte zwischen Lachen und Weinen, zwischen Wachen und

Schlaf:

„Laß mich hier, es ist so gut.“

Olga hob sie auf, zog sie aus wie ein kleines Kind und legte sie ins

Bett. Als die Kühle der Laken ihre Glieder berührte, fingen Kälte und

Grauen wieder an, sie zu schütteln. Sie war mit einem Schlage wieder

hellwach, saß steif aufgerichtet im Bett und bemühte sich vergebens, das

gewaltsame Aufeinanderschlagen der Zähne zu unterdrücken.

„Leg’ dich zu mir,“ bat sie flehentlich, „ich muß spüren, daß ich nicht

allein bin. Ich hab’ so gräßliche Angst.“

Olga antwortete nicht. Sie verriegelte die Tür, sie stellte die Lampe

hinter das Bett, breitete noch einen Seidenschleier über das Licht, ließ

den Kimono von den Schultern gleiten – alles mit einem wehen Lächeln und

schweren langsamen Bewegungen, als rüste sie sich zu einem Opfergang.

Sie schob den Arm unter Mettens Nacken, breitete die Decke fester über

sie, strich ihr das verwirrte Haar aus der Stirn.

Und da Mette die Wärme dieses geliebten Lebens, den starken Schlag

dieses Herzens spürte, brach sie in ein leises qualerlöstes Weinen aus.

Über diesem Weinen schlief sie ein.

Nach einer Zeit, von der sie nicht wußte, ob es Stunden oder Minuten

waren, wachte sie wieder auf. Das Licht brannte immer noch. Olga lag

reglos neben ihr, mit weit offenen Augen. Mette richtete sich auf und

gab ihren Arm frei.

„Warum weckst du mich nicht?“ sagte sie vorwurfsvoll. „Armes, ich habe

dir sicher den ganzen Arm zerbrochen, und darum konntest du nicht

schlafen.“

Olga drehte ein wenig den Kopf. „Ich hätte auch sonst nicht schlafen

können. Ich bin so wach.“

„Woran hast du gedacht?“ fragte Mette und versuchte, in ihren Augen zu

forschen.

Olga lächelte ein wenig mühsam.

„Daran, daß deine Leute dich jetzt vielleicht im ganzen Haus suchen. Ich

möchte wissen – oder ich möchte lieber nicht wissen, was jetzt in Tante

Emiliens Gehirn vorgeht. Sie muß doch rein denken, du bist von der

Tarantel gestochen!“

Mette lachte leise auf und schlang ihren Arm um Olga.

„Vom Skorpion!“ sagte sie zärtlich. „Und es gibt kein Gegengift als sein

eigenes Gift. Das weißt du doch!“

Olga richtete sich auf und faltete die Hände über den hochgezogenen

Knien. Die beiden schwarzen Flechten lagen wie zwei breite schwere

Bänder auf dem weißen Hemd. Ihre Augen starrten geradeaus, und die

weitgeöffnete Pupille überdunkelte die ganze Iris.

„O wunderliches Schicksal über mir!“ sagte sie mit einer leisen, tiefen,

wie ein Cello klingenden Stimme.

„Als wär’ ich von dem Skorpion gestochen

Und hoffte Heilung durch dasselbe Tier. – _Qui vivens laedit – morte

medetur._“

Ein Ausdruck gewaltsamer, schmerzlicher und fast unheimlicher Energie

trat in das weiße schöne Gesicht.

Mette erschrak, daß ihr der Herzschlag stockte. Sie hatte den Mut nicht,

sie anzurühren, sie an sich zu reißen.

„Olla!“ rief sie mit einem leisen Klagelaut und streckte die Hände nach

ihr.

Da trat wieder das mühevolle Lächeln um den blassen Mund.

Sie schlang mit einer jähen Bewegung beide Arme um Metten und preßte sie

an sich, als wollte sie sie in dieser Umarmung ersticken, vernichten,

zerstören.

„Ach, Mettulein,“ sagte sie mit einem zersprungenen Lachen, „es hilft ja

alles nichts ... du mußt mich erst in sanftem Öl verenden lassen – dann

wird vielleicht noch alles gut!“ – – –

* * * * *

Mette hörte im Traum heftiges Klingeln. Dann wachte sie auf von

Türengehen, näher kommenden Schritten, vielen und erregten Stimmen.

Sie machte die Augen auf und sah Olga vor dem Bett stehen, schon fertig

angekleidet. Sie war sehr blaß, hatte dunkelflammende Augen und

herrschte sie an in einem Ton, der wie atemlos klang vor Erregung.

„Steh auf, Mette, ich bitte dich um Gottes und aller Heiligen willen,

zieh dich schnell an.“

Mette schlüpfte in wahnsinniger Hast in ihre Sachen. Unterdessen wurde

schon heftig an die Tür geklopft.

Olga ging sofort hin, riegelte auf und öffnete die Tür zur Hälfte.

„Wer ist denn da?“

Draußen wurden erregte Stimmen laut, erregte Gesichter drängten sich in

den Spalt.

„Ich bedauere, Sie können momentan nicht in mein Zimmer,“ sagte Olga mit

eiskalter Höflichkeit.

Die Stimmen draußen überschrien sich. Das war Tante Emilie. Das war

Onkel Jürgen. Das war Frau Flesch. Das war das Mädchen, das ihr die

Nacht geöffnet hatte.

Mettens Hände zitterten wie in einem Angsttraum. Sie konnte mit keinem

Knopf zustande kommen. Sie hatte den brennenden Wunsch, unsichtbar zu

sein oder aus dem Fenster zu springen oder in tiefe Bewußtlosigkeit zu

fallen.

Olgas Stimme überklang den Tumult, tief und ruhig, aber kalt und scharf

wie geschliffenes Eisen.

„_Muß_ diese Unterhaltung auf dem Flur stattfinden?“

Dann klang plötzlich eine sanfte, zarte Stimme:

„Darf ich den Herrschaften mein Zimmer anbieten? Ich mache gern Platz.“

Die Stimmen verzogen sich nach nebenan, und ein paar Augenblicke später

– Mette hatte schon das Kleid übergeworfen – schlüpfte Peterchen ins

Zimmer.

„Kann ich dir helfen, Mette?“ flüsterte er mit verstörten Augen.

Im selben Augenblick klang es von nebenan, als ob ein Stock auf den

Tisch geschmettert würde.

„Ich werde Sie ins Gefängnis bringen!“ donnerte Onkel Jürgens Stimme.

Mette wollte hinüberstürzen. Peterchen hielt sie mit flehender Gewalt

zurück.

„Nicht so!“ bat er. „Mach dir schnell das Haar! Zieh dir Schuh an!“

Während sie die Haare glatt strich und aufsteckte, kniete er vor ihr und

schnürte ihr die Stiefel zu.

Sie gab ihm recht. Sie konnte nicht auf Strümpfen, mit gelöstem Haar

hinüberlaufen, zum Gaudium aller Leute, die hinter den Türritzen

lauschten.

Als Mette über den Flur nach dem anderen Zimmer ging, ganz ruhig und

aufrecht ging, war sie voll einer starken, kühnen, heißen und beinah

frohen Entschlossenheit.

Im Hintergrund des Flurs stand ein fremder Herr in Hut und Überzieher,

der sie mit einem durchdringenden Blick musterte.

„Von der Leiche des Vaters weg!“ wimmerte Tante Emilie mit hohem Pathos.

„Die Kriminalpolizei in meinem ehrlichen Hause!“ kreischte Frau Flesch.

„Noch nie in meinem Leben hab’ ich was mit der Polizei zu tun gehabt!“

Mette klinkte die Tür mit hartem Griff auf. Das Herz schlug ihr bis an

den Hals. Einen Augenblick durchzuckte sie der Gedanke: Vielleicht war

alles gut so. Vielleicht war es gut, daß sie jetzt den Mut haben mußte,

neben Olga hinzutreten und zu sagen: „Ich gehöre zu diesem Menschen und

verlasse ihn nicht und wenn ihr mich und euch in Stücke reißt. Wenn ihr

den Mut und das Recht habt, so wendet Gewalt an, freiwillig gehe ich

nicht einen Schritt mit euch.“

Olga stand gegen den Tisch gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt,

die Ellbogen mit den Fingern umklammert.

Als die Tür aufging, stürzte Tante Emilie mit dem fast geschluchzten

Ausruf: „Da ist das unglückliche Kind!“ auf Metten zu.

Mette stand einen Augenblick wie erstarrt. Sie hatte einen Moment das

Gefühl, unter Irrsinnige zu kommen oder selber irrsinnig zu sein. Mit

einem flüchtigen Blick erfaßte sie, daß Jürgen von Seyblitz mit seiner

straffen Haltung, mit den blitzblauen Augen und dem eisgrauen

Schnurrbart in dem zornroten Gesicht sehr gut aussah.

Er kam auf sie zu und sagte mit einer tiefen, rauhen Stimme, in der

etwas wie Rührung zitterte:

„Mette, Kind, was tust du hier? Morgen begraben sie deinen armen Vater,

und du bist hier?!“

Er legte ihr schwer die Hand auf die Schulter.

Mette sah ihn nicht an. Sie sah Olga an.

„Ich bin hier zu Hause –“ sagte sie. Ihre Stimme sollte eine strahlende

Festigkeit haben, aber sie konnte sie nicht zwingen, sie klang leise und

bebend.

„Wenn ihr glaubt, das Recht zu haben, so wendet Gewalt an, freiwillig

gehe ich nicht einen Schritt mit euch.“

Es war schwer, sehr schwer, das auszusprechen. Sehr schwer, das

auszusprechen vor Onkel Jürgens ehrlichem, wut- und schmerzverzerrtem

Gesicht, vor Tante Emiliens blinzelnden Vogelaugen, vor dem schwammigen

Gesicht der Frau Flesch, das in einem widerlich-gierigen Grinsen wie

erstarrt schien, vor dem fremden Mann, vor den Mädchen, die hinter den

Türen lauschten.

Aber nun war es ausgesprochen. Und damit mußte alles gut sein. Nun mußte

Olga kommen und sie in die Arme nehmen, mußte Mettens Kopf so an ihre

Brust drücken, daß sie nichts mehr zu sehen und zu hören brauchte, mußte

mit einer ihrer unglaublich stolzen und herrischen Bewegungen all diesen

fremden und peinigenden Gesichtern die Tür weisen, mußte einen Revolver

diesen Eindringlingen entgegenrecken und sie hinausjagen mit einem

einzigen Wort ...

Olga wandte den Kopf, ohne ihre Haltung zu verändern und sah Metten an.

Alle glaubten, daß sie Metten ansah und machten eine unwillkürliche

Geste der Spannung, der Erwartung.

In Wahrheit lagen ihre Augen auf Mettens Stirn oder auf ihren Brauen

oder auf ihren Haaren.

Mette wollte ihren Blick treffen, sie bohrte ihre Augen in Olgas

Gesicht, aber sie konnte ihren Blick nicht zwingen. Er lag unverändert

auf ihrer Stirn oder ihren Brauen oder ihren Haaren – eine Linie über

ihren Augen.

„Mein liebes Kind,“ sagte Olga mit einer eisig kühlen Sanftmut, „Ihre

Anhänglichkeit an mich ist rührend, aber ich habe sie durch nichts

verdient. Wenn Sie mir wirklich soviel Sympathien entgegenbringen, so

gehen Sie jetzt mit Ihren Angehörigen und betragen sich wie ein

vernünftiger Mensch und verschonen mich künftig mit Ihren Besuchen. Sie

sehen doch, daß Sie mir nichts als Ungelegenheiten bereiten!“

Mette zögerte noch einen Augenblick. „Es muß doch irgend etwas

geschehen,“ dachte sie, „sie muß mich doch ansehen, sie muß mir durch

einen Blick, durch eine Geste ein Zeichen geben, daß dies Verstellung

ist, Komödie, daß ich ihr vertrauen soll, an sie glauben, auf Nachricht

warten ...“

Es geschah nichts.

Mette suchte in ihren Gedanken irgend etwas Unerhörtes, womit sie diese

steinerne Maske zerschmettern könnte. Konnte sie nicht sagen: „Du hast

mich gerufen, gelockt, gezwungen und jetzt verleugnest du mich?“ Nein –

sie hatte kein Recht dazu.

Fiel ihr denn nichts ein, irgendein Schmähwort, ein treffendes,

verletzendes, grausames?

Sie wälzte dumme, kindische Schimpfwörter, schwer wie Steinblöcke, in

ihrem Gehirn hin und her.

„Du Kanaille!“ dachte sie. „Du Dirne!“ Das war nicht das, was sie

suchte. Ihr war, als müsse sie in fieberhaftem Suchen die polternden

Steinblöcke hin und her schieben, um irgend etwas zu finden, ein

scharfes Wort, das sich schleudern ließe.

Plötzlich schien es ihr, als ob sie schon eine unendliche Zeit so

dagestanden hätte, mit hängenden Armen, mit blöden Augen und offenem

Mund.

Sie richtete sich auf und machte den Versuch zu einem Lächeln, das

hochmütig und liebenswürdig sein sollte. Aber sie hatte das Gefühl

dabei, als ob der Irrsinn in ihren verzerrten Muskeln tanze.

„Willst du um einen Wagen telephonieren, Onkel Jürgen?“ sagte sie.

„Seltsam,“ dachte sie dabei, „das ‚um‘ habe ich mir auch von Olga

angewöhnt – hier sagt man ‚nach‘, glaube ich.“

„Ich bin zu müde zum Laufen.“

Dann ging sie nach der Tür. „Ich will mir nur meine Sachen holen – einen

Augenblick!“

Sie ging in das Nebenzimmer, setzte sich vorm Spiegel den Hut auf, sehr

sorgfältig, zog den Mantel an, suchte ihre Handtasche. Sie beeilte sich

nicht. Sie hatte immer noch das törichte Gefühl, als müßte Olga jetzt

hereinschlüpfen und ihr irgend etwas zuflüstern ... wo sie sich treffen

wollten, wo sie hinschreiben sollte, wann sie ihr alles erklären wollte.

Es kam niemand.

Als Mette ihre Handtasche aufmachte, fand sie ein Päckchen

zusammengedrückter Geldscheine darin. Die waren noch von der Reise.

Sie nahm sie heraus und lachte bitter auf. Nun würde sie wohl nie mehr

in die Versuchung kommen zu stehlen.

Nun würde sie wohl nie in ihrem Leben mehr Geld brauchen.

Sie hob die Hand und öffnete sie und ließ die Scheine über das zerwühlte

Bett flattern.

Dann ging sie hinaus, an dem fremden Mann vorbei, an den Mädchen vorbei,

die Treppe hinunter und aus dem Haus, ohne sich umzusehen.

Der Skorpion. Band 1 · 第 12 / 19 题