Er ging. Und sie ließ ihn gehen, ohne sich zu rühren. – – –

* * * * *

Es vergingen drei Wochen – vier Wochen, fünf Wochen – Olga Radó ließ

nichts von sich sehen noch hören.

In ihrer Verzweiflung nahm Mette den lange vernachlässigten Verkehr mit

den Möbius-Mädeln wieder auf. Sie quälte sich durch ein paar langweilige

Nachmittage hindurch und fand den Mut nicht, nach Olga zu fragen. Und

als sie endlich fragte, wußte niemand von ihr.

Aber eines Nachmittags stürmte Emmi ins Zimmer, gerade als Fanni Metten

die höchst aufregende Geschichte erzählte, von einem Brief an sie, den

ihre Mutter aufgemacht hätte. Mette wurde nicht klug aus der Sache, aber

sie hatte es zu einer Art Meisterschaft darin gebracht, an passenden

Stellen „Ja?“ „Ach!“ „Wirklich?“ zu sagen, ohne eine Ahnung zu haben,

wovon die Rede war; also Emmi stürmte herein, warf ein paar Paketchen,

die sie in der Hand trug, auf den Tisch, und rief:

„Also, wißt ihr, Kinder, wen ich eben getroffen habe? Die Olga!“

In Metten kämpften Schmerz und Freude. Also sie war hier! Man hatte die

Möglichkeit, sie zu treffen, ganz unvermutet ihr plötzlich gegenüber zu

stehen – das war ihr erster Gedanke. Aber ihr zweiter war: „Sie ist hier

und sagt es mir nicht. Sie will mich nicht sehen. Sie ist abgereist,

ohne es mir zu sagen, sie ist wiedergekommen, ohne es mir zu sagen, sie

ist meiner so überdrüssig, daß sie sich Mühe gibt, mich loszuwerden. Was

soll ich nur tun? Was soll ich nur tun?“

Zwischen den Schwestern entspann sich ein langes Gespräch über Olga.

„Sie hat Launen,“ sagte Fanni, „eine Zeitlang kommt sie jeden dritten

Tag, und dann läßt sie sich ein Vierteljahr nicht sehen.“

„Sie will mich hier nicht treffen!“ dachte Mette bitter, „darum kommt

sie nicht hierher.“

„Sie war doch so lange verreist,“ sagte Emmi entschuldigend.

„Ach, und vorher?“ fragte Fanni. „Das Vierteljahr vor der Reise? Hat sie

sich da vielleicht um uns gekümmert? Da hatte sie ja auch keine Zeit!“

„Aber für mich,“ dachte Mette mit schmerzlichem Stolz, „oh, für mich

hatte sie Zeit – jeden Tag, jeden Tag –.“

„Du kommst mir vor wie Tante Sophie,“ sagte Emmi und bemühte sich, ihr

Puppengesichtchen zu verrenken, um der Tante nachzumachen. „Diese Olga

ist eine ganz gefährliche Person. Sie spielt mit Menschen wie mit

Puppen. Wenn sie sie satt hat, wirft sie sie beiseite. Und dabei ist sie

faszinierend, ich gebe es zu, sie ist faszinierend!“

„Ja,“ dachte Mette, „diese Tante Sophie mag sonst so idiotisch wie

möglich sein. Aber sie hat recht. _Darin_ hat sie recht. Sie _ist_

faszinierend. Oh, so faszinierend! Und sie hat mich beiseite geworfen.

Für immer! Für ewig! Was _soll_ ich nur tun? Was _kann_ ich nur tun?“ –

– –

* * * * *

Mette grübelte Tage und Nächte nach einem Ausweg. Sie fühlte, daß sie es

nicht aushalten würde, sich an ihren Stolz zu klammern und zu sagen: Sie

mag mich nicht, also existiert sie nicht mehr für mich. Sie sagte es

sich, gewiß, nicht einmal, hundertmal. Aber ein viel stärkeres Gefühl

sagte ihr: es sind Mißverständnisse, die uns trennen, es sind

Hindernisse, die sich mit einem offenen Wort beseitigen lassen. Ich

_muß_ sie sprechen, ich _muß_ sie fragen. Sie hat Mut genug und Härte

genug, um mir die Wahrheit zu sagen. Ich will es ihr leicht machen. Ich

will sie so fragen, daß sie es mir sagen kann, daß sie es mir sagen muß.

Und wenn sie sagt: geh und komm nie wieder, dann will ich gehen und nie

wiederkommen, dann will ich versuchen, mein Leben irgendwie ohne sie

einzurichten, dann will ich stolz sein, aber dann erst! Erst dann!

Mette kaufte eine Handvoll weißer Rosen von eigentümlich steifer und

schwermütiger Schönheit und ging hinauf zu Olga.

Das Mädchen, das ihr aufmachte, empfing sie mit strahlender Freude.

„Gnädiges Fräulein sind ja so lange nicht hier gewesen! Fräulein Radó

ist hinten in ihrem Zimmer. Fräulein weiß ja Bescheid!“

Es erschien Metten unmöglich, sich durch das Mädchen melden zu lassen.

Wenn Olga sich etwa verleugnen ließe, so konnte das eine unendlich

peinvolle Situation herbeiführen. Wenn Olga nicht in der Laune war, sie

zu sehen, so war es schon am besten, sich das ins Gesicht sagen zu

lassen und nicht durch Vermittlung des Mädchens zu erfahren.

Sie schritt sehr rasch und fest den endlosen Türgang hinunter. Aber das

Herz klopfte ihr doch ein wenig schneller dabei.

Sie pochte kurz an die Tür und drückte die Klinke nieder.

Olga saß am Schreibtisch, wie sie immer zu sitzen pflegte: die eine Hand

auf dem aufgeschlagenen Buch, die Schläfe gegen den Ballen der anderen

gestützt, zwischen deren Fingern sie die Zigarette hielt.

Als die Tür ging, wandte sie den Kopf ein wenig unwillig, mit

zusammengezogenen Brauen. Das Erkennen lief wie ein heller Schein über

ihr Gesicht.

„Mette!“ sagte sie. „Bist du wieder da? Wo kommst du her? Was willst du

hier?“

Mette riß das Papier von den Blumen, warf es in den Papierkorb und legte

die Rosen auf den Schreibtisch.

„Was ich will?“ sagte sie währenddessen, ohne die Augen von ihrer

Beschäftigung aufzuheben. „Dich besuchen. Sehen, wie es dir geht. Aber

wenn es dir nicht paßt, kann ich ja wieder gehen.“

„Nein!“ Olga streckte mit einer raschen und fast heftigen Bewegung die

Hand nach ihr aus. Mette legte ihre Finger hinein, die Olga fest

umschloß. „Aber – gerufen habe ich dich nicht!“

Sie sah zu Metten auf, mit dem seltsam zwingenden und fast drohenden

Ausdruck in Stirn und Augen.

„Ich weiß es,“ sagte Mette mit einem bitteren Lächeln. „Es wäre dir auch

nicht eingefallen, mich zu rufen. Ich habe selber das Gefühl, daß ich

aufdringlich bin. Du brauchst es mir gar nicht so deutlich zu sagen.“

Sie wollte ihre Hand zurückziehen, aber Olga hielt sie fest und

lächelte.

„Kind,“ sagte sie, „Mädelchen! Ich freue mich doch! Mehr als du

annimmst. Ich glaube, wenn du wüßtest, wie ich mich freue – dann würdest

du ganz eingebildet werden. Aber gerufen habe ich dich doch nicht.“

„Ja,“ sagte Mette beinah ungeduldig, „ich weiß nicht, warum du solches

Gewicht auf diese Feststellung legst.“

„Aber ich weiß es,“ sagte Olga ruhig. „Du sollst mir niemals vorwerfen

können, ich wäre egoistisch gewesen.“

„So,“ sagte Mette, „das ist ja heiter. Damit dich nicht irgendwann ein

Vorwurf treffen kann – ich wüßte nebenbei nicht wann – darum läßt du

mich sterben und verderben und kümmerst dich nicht um mich! Oh, bist du

egoistisch!“

Olga lachte. „Ich geb’ es auf. Es kommt ja doch alles auf mich. So oder

so. Also tragen wir, was wir tragen können, solange wir aufrecht gehen.

Es ist herbstlich heut’ draußen.“

Sie schloß die Augen und zog fröstelnd die Schultern zusammen.

„Es ist gut, daß du da bist. Steck den Samowar an und mach uns Tee,

Mettulein. Und wir wollen Peterchen rufen, daß er kommt und uns was

vorspielt.“ – – –

* * * * *

Als Mette ins Zimmer trat, saß Olga auf dem Diwan, die Ellbogen auf den

Knien, das Gesicht in die Hände gelegt.

„Gott, siehst du tiefsinnig aus!“ rief Mette. „Denkst du über die

Unsterblichkeit der Maikäfer nach?“

„Ja!“ Olga hob mit einem Ruck den Kopf. „Und ich meine, daß das das

einzige ist, was noch das Nachdenken lohnt! Sag’, hast du noch nie

darüber nachgedacht?“

„Nein!“ lachte Mette. „Ganz gewiß nicht.“

„Dann ist es Zeit, daß du anfängst, darüber nachzudenken!“ sagte Olga

sehr ernst.

„Ausgerechnet über die Unsterblichkeit der Maikäfer?“

„Ja, ausgerechnet über die Unsterblichkeit der Maikäfer. Ich möchte

wissen, von wem das Wort stammt. Man kann nämlich über nichts so

tiefsinnig werden.“

„Als gerade über die Maikäfer?“

„Meinetwegen auch über die Stubenfliegen. Oder über die Skorpione. Oder

über die Kellerasseln. Glaubst du, daß eine Stubenfliegenseele in einen

Maikäfer fahren kann? Oder umgekehrt? Oder glaubst du, daß sie gleich in

den Himmel kommt? Oder glaubst du, daß Elefanten auf einer höheren Stufe

stehen als Menschen? Oder daß es mehr als sechzehnhundert Millionen

Elefanten gibt?“

„Olga!“ rief Mette zwischen Lachen und Verzweiflung und hielt sich die

Ohren zu. „Hör’ auf! Bist du denn verrückt geworden?“

„Nein, nein, nein!“ sagte Olga eigensinnig. „Ich denke fortgesetzt

darüber nach.“

„Worüber eigentlich?“

„Über die Unsterblichkeit der Maikäfer. Glaubst du, daß sie eine

unsterbliche Seele haben? Ich will dir sagen, wie ich darauf kam. Ich

las da eben vom Regenerationsvermögen gewisser niederer Tiere. Weißt du,

wenn man sie halbiert, wächst einfach jedem die fehlende Hälfte nach,

und es sind nun zwei da. Der Mann macht da auch die tiefsinnige

Bemerkung, in welcher Hälfte sitzt nun die unsterbliche Seele? Oder

teilt sich die Seele? Oder hat der Mensch die Macht, durch das

Seziermesser eine neue Seele zu schaffen? Oder herbeizulocken? Wenn man

anfängt, kommt man in ein solches Labyrinth.“

„Glaubst du denn an die unsterbliche Seele?“ fragte Mette zweifelnd.

„Bei niederen und niedersten Tieren? Gewiß! Aber wenn dich das Wort

Seele stört, lassen wir’s fort. Ich möchte dir’s so gern klarmachen.“

Sie sah ein paar Sekunden zu Boden, hob dann die unbeschreiblich klaren

und leuchtenden Augen auf und sagte betont:

„Alles, was Leben hat, hat auch Unsterblichkeit. Leben an sich kann

nicht sterblich sein. – Das klingt wie ein Sophismus, ist aber keiner.

Es wechselt nur die Form. Nun möchte ich wissen, ob es nur die uns

wahrnehmbare, die Erscheinungsform wechselt, das heißt, ob jede

Maikäferseele ein in sich abgeschlossenes ist, das wieder nur dazu

dient, einem neu entstehenden Maikäfer Leben zu geben, oder ob Sterben

und Geborenwerden ist, wie Tropfen, die ins Meer zurückfließen und

wieder aus dem Meer geschöpft werden. Die Tropfen bleiben nicht in sich

zusammenhängend, verstehst du? Und viele Tropfen geben einen Eimer.

Vielleicht ist nur die Quantität ausschlaggebend und nicht die Qualität

... Vielleicht hat ein Mensch Millionen Maikäferseelen in sich. Man

müßte einmal die Maikäfer auf der ganzen Erde zählen. Wenn eine

Maikäferseele sich in Ewigkeit gleich bliebe, so müßte immer die gleiche

Anzahl von Maikäfern existieren. Wo sind aber dann die Seelen der Tiere,

die positiv ausgestorben sind? Oder flutet das Leben von einem Stern zum

andern ungehindert hinüber? –

Aber ich glaube das alles nicht. Ich glaube eigentlich an eine

Entwicklung, an einen Fortschritt. Man kommt von da ganz unten her –

weißt du? – aus Abgründen viehischen Lebens – oh, ich weiß ganz genau,

daß ich von da her komme – aber jedes Leben heißt ‚Aufwärtsentwicklung‘,

jedes neue Leben fangen wir eine Stufe höher an.“

„Ach, Unsinn!“ sagte Mette ungläubig. „Woher willst du das wissen! Ich

glaube nicht an unsterbliche Maikäferseelen. Ich glaube nicht einmal an

meine eigene Unsterblichkeit. Alles Leben ist chemische Veränderung. Und

das, was du Seele nennst, alle Eigenschaften des Geistes und des

Charakters, das ist Blutzusammensetzung.“

„Mette!“ sagte Olga ganz erschrocken. „Und mit dem Gedanken kannst du

leben? Und mit dem Gedanken willst du sterben? Ich würde mich fürchten

vorm Tode, wenn ich nicht wüßte, daß ich unzerstörbar bin. Ich empfinde

mich selbst so stark, viel stärker als den Tod. – Ich bin genau das, was

ich als kleines Kind war. Nicht unverändert. Ich bin mehr geworden. Aber

nicht ein Körnchen ist abgebröckelt. Und das, was ich jetzt bin, erhalt

ich mir. Ich gebe nichts her davon. Das weiß ich. Aber ich nehme zu, ich

wachse. Manchmal ist es wie ein Stillstand – dann geht es wieder

ruckweise – manchmal eine ganze Strecke in rasendem Tempo, immer

aufwärts –“ Sie schwieg, und sah mit weiten Augen geradeaus.

„Und dann?“ fragte Mette, immer noch mit leisem Widerspruch im Ton. „Was

wird dann? Kommst du in den Himmel und wirst ein Engel mit weißen

Flügeln?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Olga nachdenklich. „So wenig weiß ich, daß ich

selbst das nicht abstreiten kann. Eigentlich bin ich überzeugt, daß ich

zunächst ein Mann werde. Und danach ein Heiliger oder ein Genie. Das ist

das Höchste, was wir kennen. Die andere höhere Form, die dann kommt –

davon weiß ich nichts. Aber wir müssen die fragen, die ihr am nächsten

stehen – die vielleicht schon ein Vorgefühl davon haben können – die

Genies – oder die Heiligen.“ – – –

* * * * *

Einmal, als Mette ins Zimmer kam, sah sie, daß Olga etwas versteckte.

Sie schob einen offenen Brief, den sie in der Hand hielt, rasch unter

die Bücher auf dem Schreibtisch. Mette glaubte zu bemerken, daß sie

während der Begrüßung irgendwie zerstreut, ärgerlich, verlegen war.

„Was hast du?“ fragte sie, ohne ihre Hand loszulassen. „Hast du Ärger

gehabt? Du kommst mir heut’ so komisch vor.“

„Ich?“ Olga errötete. Es lief wieder die rasche, dunkelnde Blutwelle

über ihr Gesicht, die es im nächsten Augenblick um so weißer erscheinen

ließ. „Was fällt dir ein? Warum soll ich Ärger gehabt haben? Im

Gegenteil.“

„Im Gegenteil?“ sagte Mette mit etwas erzwungener Heiterkeit. „Du hast

Freude gehabt, die dich so okkupiert? Dann wäre es allerdings indiskret,

weiter zu fragen. Sprechen wir von etwas anderem. – Ich habe dir deinen

Chamberlain wieder mitgebracht. Und habe dir auch gleich den Herz

mitgebracht. Vater hatte ihn in der Bibliothek.“

Sie sprachen von dem und jenem. Aber Mette konnte den Brief nicht

vergessen. Während sie redete, gingen ihre Gedanken immer andere Wege.

„Was ist das nur?“ dachte sie. „Eifersucht? Hab’ ich denn ein Recht

dazu? Wie komme ich eigentlich dazu, verletzt, mißtrauisch, ja _zornig_

zu sein, weil diese Frau einen Brief erhält, den sie mich nicht sehen

lassen will? Herrgott im Himmel, sie ist doch durch nichts an mich

gebunden, mir in Nichts verpflichtet. Sie kann heimlich verlobt sein,

sie kann ein Dutzend Liebschaften haben – wie käme sie dazu, mir alles

zu erzählen, mich zu ihrer Vertrauten zu machen? Was geht es mich

überhaupt an, was sie für Briefe bekommt?“

Mette war böse auf sich selbst und schalt sich aus. Und dabei war sie

gequält und traurig, kämpfte dagegen an und konnte es nicht überwinden.

„Es _ist_ nicht Eifersucht,“ dachte sie, „es _ist_ nicht

Besitzer-Wahnsinn. Es ist einfach die Erkenntnis, daß man das Leben nur

ertragen kann, wenn man Hand in Hand geht. Es ist das Bewußtsein, daß

ich nur weiterkomme, wenn Olga meine Hand hält und mich führt. Ich habe

das Gefühl, daß sie meine Hand losgelassen hat, daß zwischen uns eine

Tür ins Schloß gefallen ist, daß ich allein stehe, hilflos, im Dunkeln,

und daß sie lachend weitergeht – ich weiß nicht, mit wem ...“

Olga wurde ans Telephon gerufen. Es dauerte lange, ehe sie wiederkam.

Mette saß einen halben Meter vom Schreibtisch entfernt. Unter einem

Bücherstoß ragte eine Ecke des weißen Briefblatts hervor. Wenn sie den

Arm ausstreckte, konnte sie es berühren, konnte es hervorziehen, ohne

von ihrem Platz aufzustehen.

Es war ein qualvoller Kampf. Sie hätte sich ohrfeigen mögen, weil sie

nur auf den Gedanken einer Möglichkeit kam.

Es war ein Verbrechen, was sie begehen wollte – oh, es war schlimmer, es

war unfein, taktlos, verächtlich. Aber sie fand tausend Gründe, sich zu

entschuldigen:

„Es ist ja nicht Neugier –“ schrie es innerlich in ihr, „wem tu ich

damit weh? Wem tu ich ein Leid? Niemandem. Nicht ihr, nicht dem, der den

Brief geschrieben hat. Und für mich ist es von so unendlicher Bedeutung.

Ich klammere mich mit allen Fasern an diesen Menschen und weiß gar

nicht, was es für ein Mensch ist. Warum _ist_ sie so verschlossen? Wenn

ich mir eine Gewißheit verschaffen kann, die vielleicht mit einem

Schlage mein ganzes Leben ändert, so tue ich das um jeden Preis – und

wenn es um den Preis eines Verbrechens ist.“

Mit einem Ruck zog sie das Blatt hervor. Ihr Herz hämmerte wie rasend,

vor ihren Augen war ein dichter Schleier, die Buchstaben flackerten auf

dem Papier. Es war ein Bogen mit Firmenaufdruck, wenige Worte – Zahlen

...

Mette hörte Olgas Stimme vor der Tür und schob das Blatt hastig in die

Tasche. Olga würde es kaum vermissen. Und in Metten, obgleich sie kaum

gelesen, kaum begriffen hatte, was da stand, war schon ein Plan fertig.

Mette hatte es heut’ sonderbar eilig, nach Hause zu kommen. Sie war

zerstreut und einsilbig, so, daß Olga einmal fragte:

„Was hast du heut’? Ist dir was passiert? Bist du schlechter Laune?“

Mette erinnerte sich belustigt des Gespräches beim Kommen.

„Im Gegenteil!“ sagte sie mit übertriebener Betonung, deren Ursache aber

Olga nicht ins Gedächtnis kam – „Ich bin sogar sehr guter Laune!“ –

Mette schloß sich daheim in ihrer Stube ein und studierte den Brief wie

ein wichtiges Dokument – das also war das Liebesglück, das vor ihr

geheim gehalten wurde.

Die Firma ersuchte „nochmals“ um Zahlung von einigen Hundert Mark,

„widrigenfalls wir die Sache zu unserem Bedauern unserem Rechtsanwalt

überweisen müßten“.

Mettens Herz war zum Überfließen voll von zärtlichem Mitleid.

„Armes, Liebes!“ dachte sie, „so quälen sie dich!“

Sie hob das Blatt auf und war einen Augenblick in Versuchung, es an die

Lippen zu führen.

Dann fing sie an zu rechnen. Die paar Mark Ersparnisse, die sie von

ihrem Taschengeld machen konnte – nein, das langte nicht. Sie hatte zu

sehr verschwendet, namentlich mit den Blumen. – Aber hatte sie sonst

nichts? Sie ließ wie suchend die Blicke durch den Raum gleiten. Bücher?

Nein, die gab sie nur im letzten Notfall her. Aber Schmuck. Den ganzen

Kram, aus dem sie sich so absolut nichts machte. Es würde niemand danach

fragen, wo Armbänder und Ringe, Halskettchen und Vorstecknadeln

geblieben waren. Sie trug ja doch dergleichen Dinge nie.

Schlimmstenfalls konnte man vorgeben, etwas verloren zu haben. Oder man

konnte am ersten, wenn es Taschengeld gab, diese oder jene Kleinigkeit

wieder einlösen.

Der ganze Inhalt der Schmucktruhe wurde in Seidenpapier gewickelt und in

die Tiefe der Manteltaschen versenkt.

Der Gang zum Leihamt war leicht. Mette entsann sich fast mit Vergnügen,

daß sie bei einem solchen Unternehmen nicht ohne Übung war.

Schlimmer war es, Geld und Rechnung in das Modeatelier zu bringen. Mette

hatte dabei ein Gefühl, als ob sie einen schweren Betrug verüben sollte.

Die Schmucksachen zu versetzen, die ihr geschenkt waren, dazu hatte sie

ein gutes Recht. Aber für Olga Radó zu handeln, in Olga Radós Namen

etwas zu tun, das schien ihr ein unerhörtes Wagnis. Und es war so

schwer, den richtigen Ton zu treffen. Schulden zu haben, war nach allem,

was Mette je gelernt und erfahren hatte, etwas sehr Entwürdigendes und

beinah Schmutziges.

Wenn man also kam, um Schulden zu bezahlen, endlich, nach langem Mahnen,

so mußte man ganz demütig kommen und um Verzeihung bitten. Anders, wenn

man von Olga Radó kam. Dann konnte man nur mit der Miene eines

fürstlichen Abgesandten auftreten und mit hoheitsvoller Überlegenheit

den vergessenen Bettel erledigen.

Mette zog ihr bestes Kleid an und machte ihr hochmütigstes Gesicht. Es

ging viel besser als sie erwartet hatte. Die Leute behandelten sie

wirklich wie einen fürstlichen Abgesandten – sie war sehr stolz darauf,

doppelt stolz, weil sie annahm, daß diese fast unterwürfige

Liebenswürdigkeit Olga Radó galt.

Ja, das war alles ganz leicht. Aber nun trug sie die quittierte Rechnung

in der Tasche und hätte nicht um alles in der Welt den Mut gefunden, sie

Olga zurückzugeben. Sie beruhigte sich damit, daß es ja auch wohl kaum

nötig wäre. Die Leute würden nun nicht mehr mahnen, und Olga würde die

ganze Angelegenheit vergessen.

Nach acht Tagen triumphierte Mette schon heimlich und hielt jede Gefahr

für glücklich vorübergegangen. Da wurde sie eines Tages von Olga mit

eiskaltem Gesicht empfangen.

„Was fällt dir eigentlich ein?!“ sagte Olga statt jeder Begrüßung, „wie

_kommst_ du eigentlich dazu, mir so etwas zu machen.“

„Ich?“ sagte Mette und bemühte sich, ein harmloses Gesicht zu machen,

„was hab’ ich denn gemacht?“

„Du weißt ganz genau, was du gemacht hast!“ sagte Olga streng. „Du hast

dich unverantwortlich benommen. Unverantwortlich! Ich dulde es nicht,

daß sich jemand in meine Angelegenheiten mengt. Und von dir dulde ich es

am allerwenigsten. Siehst du nicht ein, was für eine unerhörte Anmaßung

in deinem Benehmen liegt? Willst du mich unter Kuratel stellen? Oder

willst du mich aushalten? Was denkst du dir denn eigentlich?“ Sie ging

mit großen Schritten hin und her. Ihr Ton war immer hitziger und

heftiger geworden. Jetzt blieb sie plötzlich, an den Schreibtisch

gelehnt, stehen, kreuzte die Arme und sagte ganz ruhig, nur mit einer

leisen Bewegung des Kopfes:

„Wie bist du denn überhaupt zu der Rechnung gekommen?“

Mette schrak zusammen. Das war der Augenblick, den sie gefürchtet hatte.

Alles andere war vielleicht Torheit, aber es war gutmütig, selbstlos

gehandelt, sie konnte es mit einem Schein des Rechtes verteidigen,

wenigstens vor sich selber. Aber auf diese Frage konnte sie keine

Entschuldigung hervorbringen.

Jetzt war doch alles aus. Mit keiner Lüge konnte sie sich mehr retten.

Da beschloß sie in verzweifeltem Trotz die Wahrheit zu sagen. Sie warf

den Kopf zurück und sah zu Olga auf, mit einem Gesicht, als wollte sie

sagen: ich habe den Tod verdient, aber ich fürchte ihn nicht.

„Ich habe sie gestohlen!“ sagte sie. „Von deinem Schreibtisch.“

Olga blieb ganz ruhig. Sie zog nur ein wenig die Brauen zusammen als

müsse sie sich besinnen. „Sie war gekommen, während du da warst, nicht

wahr?“

„Ja!“

„Aber ich habe sie doch nicht offen liegen lassen. Ich weiß jetzt ganz

genau – ich hatte sie irgendwo unter die Bücher geschoben.“

„Ja,“ sagte Mette mit zusammengebissenen Zähnen, „aber ich habe sie da

vorgezogen.“

„Wann?“ fragte Olga in höchstem Erstaunen.

„Während du am Telephon warst.“

Olga antwortete nichts. Sie senkte den Kopf und sah schweigend auf den

Boden. Mette sah, daß sie mit festgeschlossenem Mund mit den Zähnen an

der Unterlippe nagte ...

Das Schweigen war fürchterlicher als jedes harte Wort. Mette kam sich

unglaublich verworfen vor. Und die Inquisition hatte noch kein Ende. Es

kamen noch schlimmere Fragen, ganz gewiß, noch viel schrecklichere.

Nach einer Weile hob Olga den Kopf. „Du konntest doch aber gar nicht

wissen, was das war. Es konnte doch gerade so gut ein ganz persönlicher

Brief an mich sein?!“

Mettes Stirn fing an zu brennen. „Jetzt müßte ich lügen“ – dachte sie

einen Moment – „sagen, ich habe die Zahlen gesehen, oder den

Firmenaufdruck.“ Aber sie konnte nicht lügen. Sie hatte etwas so

Verächtliches getan, sie hatte kein Recht, sich Olgas Verzeihung durch

eine Lüge zu erkaufen. Sie mußte eingestehen, abbitten – büßen.

„Das _dachte_ ich ja!“ sagte sie mit fast heftiger Entschlossenheit.

Aber dabei konnte sie nicht in Olgas Gesicht sehen. Sie sah an ihr

vorüber aus dem Fenster. Aber ohne hinzusehen, sah sie, daß Olga eine

hastig auffahrende und gleich wieder unterdrückte Bewegung machte.

„Das hast du dir gedacht?“ sagte sie.

Metten schien es, als ob sie mühsam, mit gewaltsamer Beherrschung so

leise spräche, um nicht zu schreien.

„Aber ich bitte dich, du mußt doch irgendeinen Grund gehabt haben. Ich

kann doch nicht annehmen, daß du aus einer ganz dienstmädchenhaften

Neugier in jedes fremden Menschen Briefen stöberst.“

„Nein,“ sagte Mette verstockt. „Ich hatte auch einen Grund, natürlich

hatte ich einen Grund. Aber ich kann ihn nicht sagen.“

„Wenn du ihn nicht sagen kannst,“ sagte Olga mit einem sanften Lächeln,

„dann will ich dich auch nicht danach fragen. Aber ob mit, ob ohne Grund

– sag’ mal – findest du es eigentlich schön?“

„Nein!“ gestand Mette ehrlich.

„Nicht wahr?“ sagte Olga rasch. „Ich finde es auch nicht schön.“ Und

nach einer Pause fügte sie nachdenklich und fast schmerzlich hinzu:

„Aber begreiflich. Trotzdem – laß’ es. Mißtrauen ist etwas so Häßliches.

Wenn ich etwas geheim halten will, liebes Kind, dann mach’ ich das so

raffiniert, daß man mir mit so törichten kleinen Streichen nicht

dahinter kommt!“

Es war in ihrem Ton eine so hohnvolle Überlegenheit, daß Mette erschrak.

Sie fühlte die Wahrheit dieser Worte, sie fühlte, daß Olga wie mit

Mauern umgeben war, durch die sie – die dumme, kleine Mette – niemals

zum Kern ihres Wesens gelangen konnte, auch wenn sie ihr nachspürte wie

ein Verbrecher und heimlich ihre Briefe las.

Es schien, als ob Olga Mettens wortloses Erschrecken gefühlt hätte.

Sie sagte plötzlich mit ihrer tiefen, warmen Stimme:

„Im übrigen verberge ich dir ja nichts. Nichts, was dich interessiert.

Ich schreibe keine Liebesbriefe und kriege keine. Wenn’s dich aber

einmal reizt, irgend etwas in Erfahrung zu bringen – frag’ mich – es ist

der glätteste Weg.“

Der gute und herzliche Ton tat Metten unendlich wohl, zehnfach wohl nach

der Angst, die sie ausgestanden hatte. Sie machte eine unwillkürliche

Bewegung. Ein heiß aufwallendes Gefühl trieb sie zu Olga hin, um ihr in

Dankbarkeit die Hände zu küssen. Olga sah oder fühlte diese Regung – sie

wehrte sie ab. Es war nur ein kaum merkliches Zucken, das um ihre Brauen

lief und das Metten zurückscheuchte und an ihren Platz bannte.

„Ich möchte Arabisch lernen,“ sagte Olga rasch, beinah hastig, mit einem

gewaltsamen Sprung der Gedanken. „Ich habe mir neulich die

Schriftzeichen erklären lassen. Die Schrift ist wie die Erfindung eines

klugen und unendlich sympathischen Mannes. Alles logisch, einfach und

dabei von ästhetischem Reiz.“

„Olga!“ sagte Mette. „Wie kommst du _darauf_?! Wozu soll man Arabisch

lernen, was man nie im Leben braucht?!“

„Brauchen?“ fragte Olga. „Lernt man Sprachen, um sie zu brauchen?

Glaubst du, daß mir jemand imponiert, der in zweiundzwanzig Sprachen ein

Zimmer mit zwei Betten bestellen kann? Das kann man doch auch

praktischer mit _alba duo_ abmachen. Wenn ich Sprachen lerne, so ist das

ein rein psychologisches Interesse. Wie ein Satz sich aus Zeichen

aufbaut – darin spiegelt sich die Seele eines ganzen Volkes. Ähnlichkeit

der Sprache, das macht Verwandtschaft, das _ist_ Verwandtschaft – aber

nicht, ob der Haardurchschnitt dreikantig oder elliptisch ist“ – – –

* * * * *

Erst als Mette sich den Hut aufsetzte, um zu gehen, sagte Olga

plötzlich:

„Willst du mir einen Gefallen tun, Mette?“

„Jeden!“ sagte Mette mit Überzeugung.

„Aber es ist keine leichte Aufgabe – ich“ ...

„Desto besser!“

„Nein, nein, keine romantische Heldentat. Etwas ganz kleinlich

Unangenehmes!“ Sie nagte die Lippen und zögerte. „Ich würde es gern

anders machen, aber ich weiß wirklich nicht wie. Du sollst etwas tun,

was du sicher in deinem ganzen Leben noch nicht getan hast. Du sollst

für mich etwas aufs Leihamt tragen.“

Mette lachte hellauf. „Da unterschätzt du mich bedeutend. Das Leihhaus

ist eine meiner vertrautesten Kindheitserinnerungen!“

„Aber Mette!“

„Das ist eine lange Geschichte. Das muß ich dir mal erzählen. Aber sag,

was du jetzt wolltest!“

„Du sollst das da für mich zum Pfandleiher tragen!“

Olga nahm mit einer raschen Bewegung das Zigarettenetui vom Schreibtisch

und reichte es hinüber.

Mette hielt es erschrocken in beiden Händen.

„Olga, das kannst du nicht tun!“

Olga sah aus dem Fenster. „Laß das, bitte!“ sagte sie hart, ohne den

Kopf zu wenden. „Ich weiß allein, was ich tun kann, und was ich tun

muß!“

Mette schwieg. Auf diesen Ton gab es keine Widerrede. Aber sie war nicht

überzeugt. – – –

* * * * *

Mette sah immer noch die zärtliche Geste, mit der Olga das Etui an die

Wange gepreßt hatte. Und dann sah sie die behaarte Hand des Pfandleihers

mit den platten, schwarzgeränderten Nägeln. Nein, in diese Hände durfte

sie den Skorpion nicht legen.

Sie trug das Etui zum Goldarbeiter und ließ es schätzen.

Sie hatte nicht so viel Geld in ihrem Besitz, um den frommen Betrug, den

sie vorhatte, ausführen zu können.

Aber sie wußte sich zu helfen. Sie war nicht umsonst Friedel Eggebrechts

Schülerin gewesen. Sie wußte so gut, wie man an das Silberzeug

herankonnte, und in welchem Kasten das wertvollste war.

Während Mette heimlich an das Büfett ging, dachte sie ein Dutzend Jahre

zurück und lächelte. Es war nicht mehr so aufregend wie damals.

Obgleich, wenn Tante Emilie es entdeckte, würde es genau dieselben

Unannehmlichkeiten geben. Sie war fähig, wieder einen Psychiater zu

rufen. Was war es doch im Grunde für eine lächerliche Komödie! In einem

Jahr war sie mündig und durfte über ihr großmütterliches Erbe frei

verfügen, und heute mußte sie, um sich ein paar hundert Mark zu

verschaffen, in ihres Vaters Hause stehlen gehen! – – –

* * * * *

„Willst du so gut sein und mir den Schein geben?“ fragte Olga das

nächste Mal.

„Den Schein?!“ Mette wurde ein wenig verlegen und kramte in ihrer

Tasche. „Ja, sofort! Wo habe ich ihn denn? Du brauchst keine Angst zu

haben, er ist da! Ich will dir nur erst das Geld aufzählen!“

„Das laß, bitte!“ sagte Olga bestimmt. „Das Geld ist da, wo es

hingehört. Keine Szenen, bitte. Ich habe dir kein Recht gegeben, mich zu

beleidigen.“

„Ich verstehe dich nicht,“ sagte Mette ratlos. „Was soll denn das

heißen?“

„Das soll heißen, daß ich mich bedeutend lieber an eine Straßenecke

setzen will und betteln, als daß ich dir Geld schuldig sein will. Ich

hab’ auch nur deswegen dich zum Leihamt geschickt, damit du das Geld

gleich in Händen hast. Sonst hätt’ ich dir’s aufdrängen müssen, und ich

hasse solche Szenen. Und jetzt genug davon geredet, ich will kein Wort

mehr hören!“

„Aber ...“

„Kein Wort – hab’ ich gesagt. Im übrigen kannst du den Schein behalten.

Du kannst es mir wieder einlösen. Ich will lieber nicht sehen, in wessen

Händen es war. Ich werde dir gelegentlich das Geld geben –“ sie lachte

kurz auf. „Wann, mögen die Götter wissen! Komm, wir wollen eine Partie

Schach spielen. Ich gebe dir einen Turm vor.“ – – –

* * * * *

Mette litt unter ihrer Unselbständigkeit. Sie spürte eine Art Neid gegen

alle Frauen, die sie arbeiten sah. Nicht nur gegen die, die in der

Öffentlichkeit standen, Reichtümer erwarben, laute Anerkennung fanden –

sie hätte gern mit einer kleinen, blassen Lehrerin getauscht, die jeden

Morgen an ihrem Fenster vorüber nach der Schule hastete. Oder mit ihrer

Zahnärztin, die nach ihrer eigenen Aussage jeden Abend müde zum Umfallen

war und die dabei doch immer brannte vor Arbeitseifer und Arbeitsfreude.

Mette suchte ihren Vater in seinem Zimmer auf, in der Absicht, eine

recht ernsthafte Unterredung mit ihm zu führen. Sie konnte nicht in

Tante Emiliens Gegenwart die Rede auf das bringen, was sie beschäftigte.

Mette holte weit aus, um sich ihrem Vater verständlich zu machen.

„... siehst du, Papa, es ist doch heutzutage nicht mehr wie in deiner

Jugend, daß die Mädchen aus gutem Hause hübsch still zu sitzen hatten

und weiter nichts lernen durften, als Kochen, Plätten und Nähen.

Heutzutage ist es eigentlich für ein Mädchen ebenso selbstverständlich

wie für einen Jungen, daß er irgendeinen Beruf, irgendein Studium

ergreift. Und außerdem, selbst, wenn ich Hausarbeit tun wollte. – Du

weißt ja selber, daß ich hier überflüssig bin. Tante Emilie macht alles

so musterhaft, nein, Papa, du brauchst nicht aufzufahren, das soll keine

Ironie sein, sondern aufrichtige Anerkennung, auch kein Vorwurf; denn

ich dränge mich gar nicht danach, die Wirtschaft selber zu besorgen. Nur

– ich kann doch nicht mein Leben lang zu Hause sitzen und die Hände in

den Schoß legen und warten, ob der Freiersmann kommt. Es würde mir so

Freude machen, irgendeine wirkliche Arbeit zu verrichten.“

„Arbeit,“ sagte Franz Rudloff zögernd, „über den Begriff ‚Arbeit‘ gehen

die Ansichten sehr weit auseinander. Die meisten Menschen pflegen nur

das für Arbeit zu erklären, was ihnen unangenehm ist. Ein schwächlicher

Mensch wird Steine tragen für eine Arbeit erklären und ein

hartschädeliger: Vokabeln lernen. Es gibt Leute, die das, was ich

treibe, für Arbeit erklären. Ich nenne es einen fortgesetzten,

intensiven Genuß. Was verstehst du nun unter Arbeit?“

„Etwas, das bezahlt wird, Papa!“ sagte Mette ernsthaft. „Ich möchte gern

Geld verdienen.“

„Geld!“ Franz Rudloff verzog leise das Gesicht wie in Schmerz und Ekel.

„Merkwürdig! Wie kommt meine Tochter zu der Sehnsucht nach Geld?! Es

schafft ungesunde Zustände, wenn durch Generationen Kapital auf Kapital

aufgehäuft wird. Wer kein Geld hat, soll welches zu erwerben trachten,

und wer es hat, soll es ausgeben. – Du hast doch nicht nötig, Geld zu

verdienen. Versteh’ mich nicht falsch. Ich fände es nicht im mindesten

unehrenhaft oder nicht standesgemäß, wenn meine Tochter gegen Bezahlung

arbeitete, ich würde dir das gern zugestehen – wenn du es müßtest. Aber

das Reizvollste, was das Leben bietet, sind doch nun einmal die

brotlosen Künste. Wer soll sich ihnen widmen, wenn nicht der, der

auskömmlich zu leben hat? Sollen sie alle vernachlässigt werden, weil

auch der Wohlhabende kein anderes Streben hat, als Geld zu verdienen?“

„Du hast vollkommen recht, Papa,“ sagte Mette gequält. „Aber es ist für

einen erwachsenen Menschen schrecklich, wenn er um jeden Pfennig bitten

muß. Wenn ich ein Paar Handschuhe brauche, dann geht Tante Emilie mit

mir und kauft sie. Und wenn ich graue haben möchte, nimmt sie braune.

Und wenn ich welche für sechs Mark fünfzig haben möchte, nimmt sie

welche für sechs Mark fünfundzwanzig. Und ich darf nichts sagen, weil

ich ja tatsächlich nicht imstande bin, mir fünfundzwanzig Pfennige zu

verdienen. Das ist doch ein schrecklich beschämendes Gefühl.“

„Aber du hast doch Geld,“ sagte Rudloff eigensinnig. „Wozu willst du

etwas verdienen?“

„Ich habe es _nicht_,“ sagte Mette ungeduldig. „Ich höre immer, daß ich

reich bin und habe _de facto_ nicht einen Pfennig zur Verfügung.“

„Sei doch froh,“ beharrte Rudloff. „Danke doch Gott, wenn alle deine

Bedürfnisse befriedigt werden, ohne daß das Geld durch deine Finger

geht. Deine Mutter hat sich immer geweigert, Geld anzufassen. Aber wenn

du gern –“ er räusperte sich verlegen – „wenn du gern etwas nach deinem

Geschmack auswählen möchtest, so verstehe ich das ja vollkommen.“ (Das

verstand er wirklich.) „Du kannst ja dann in Geschäfte gehen, wo man

mich kennt und kannst die Rechnungen ins Haus schicken lassen. Solange

sich das in vernünftigen Grenzen hält, wird ja kein Mensch etwas dagegen

haben.“

„Und was soll ich mit meiner freien Zeit anfangen?“ fragte Mette

unüberzeugt.

„Lernen, studieren! Nimm Unterricht in fremden Sprachen! Höre Vorträge

über Literatur und Kunstgeschichte! Da bist du meiner Unterstützung

immer sicher. Zu diesem Zweck kannst du auch meine Börse in Anspruch

nehmen, soviel es dir beliebt. Das weißt du!“ – – –

* * * * *

Herbstlicher Regen prasselte auf das Blech der Fenstersimse.

Olga hatte die Vorhänge zugezogen und zusammengesteckt. In dem sanften

Lichtkreis der buntverschleierten Lampe schwebte und wallte der

bläuliche Nebel der Zigaretten.

Olga lag auf dem Diwan, bäuchlings, die Ellbogen in einen Berg

zerdrückter Seidenkissen gestützt. Im Sessel kauerte Mette mit

hochgezogenen Füßen, und auf dem Schreibtischstuhl hockte Peterchen.

„Ja,“ sagte Mette trübselig. „Ich hatte so schöne Pläne und nun wird

wieder nichts daraus. Ich wollte so gerne irgendeinen Beruf ergreifen

und Geld verdienen. Aber mein Vater sagt, ich hätte genug.“

„Sei doch froh,“ sagte Olga. „Es gibt nichts Angenehmeres, als Geld zu

haben und es auszugeben. Und nichts Widerlicheres, als es zu brauchen

und nicht zu haben.“

„Ich hab’ es doch aber nicht!“ widersprach Mette. „Das ist’s ja eben! In

der Theorie hab’ ich es! In der Praxis brauch’ ich es und hab’ es

nicht!“

„Du brauchst es!“ sagte Olga entrüstet. „Lächerlich! Wozu denn? Um mir

Orchideen mitzubringen. Wenn ich Tante Emilie wäre, ich würde dir ja

dein Taschengeld entziehen. Wenn _ich_ noch auf solche phantastische

Ideen käme. Geld zu verdienen, mein’ ich. Geld verdienen zu wollen, wenn

wir uns korrekt ausdrücken wollen.“

„Du hättest es sicher leicht!“ sagte Peterchen. „Du mit deinen eminenten

Begabungen!“

„Ja,“ sagte Olga ironisch. „Es fehlen mir bloß die Leute, die meine

Begabung anerkennen. Ich könnte mich bei einem großen Modeatelier

engagieren lassen und sagen: ‚Bitte, macht das so und macht das so!‘

Aber man darf mich nicht zwingen, jemals eine Nadel anzurühren. Ich

könnte auch zu einem Bildhauer oder Maler gehen und ihm sagen, wie er’s

machen müßte. Oder ich könnte Theaterkritiker werden.“

„Du könntest schreiben,“ sagte Peterchen. „Du hast sicher Talent dafür.“

„Weißt du, was ich schreiben möchte?“ Olga fuhr mit einem Ruck in die

Höhe, „die Geschichte der Fürstin von Massa, die das Volk liebte; denn

ich glaube nicht, daß sie aus feiger Angst den Fürsten bewog ... Kennst

du sie? Es ist eine grauenhafte und wundervolle Geschichte:

Masaniello war tot. Aber der Aufstand in Neapel tobte weiter. Von Madrid

aus schickte man den Don Juan d’Austria mit einer Flotte ab. Das Volk

war führerlos, ein Ungeheuer ohne Kopf. Die Massen brauchten einen

Führer, sie schrien nach ihm – sie zogen vor den Palast des Fürsten von

Massa und riefen nach ihm.

Francesco Toraldo, der Fürst von Massa, war ein kühner und gerader und

gerechter Mann. Er war sicher dem König und der Regierung ergeben; denn

als die Unruhen anfingen, hatte er die Truppen des Vizekönigs angeführt,

hatte Castelnuovo und Castel Sant Elmo verteidigt. Er liebte das Volk

nicht. Aber er liebte seine schöne Frau. Und die Fürstin liebte das

Volk. Sie bat ihren Gatten – ihren Gatten, den sie anbetete – die

Führerschaft der Massen zu übernehmen.

Sie liebte das Volk. Und sie fühlte sich von dem Volke geliebt. Wenn sie

durch die Straßen fuhr, drängten sich die jauchzenden Kinder um ihren

Wagen, und die Frauen hoben ihr die Säuglinge entgegen, und die Männer

neigten sich tief und sahen ihr lächelnd nach.

Aber sie liebte auch die Fürsten und Edlen – sie liebte Giuseppe Carafa,

den sie ermordet hatten, und Diomede Carafa, der geflohen war, und

dessen herrlicher Palast eine wüste Trümmerstätte war. Sie liebte alles

und alle, glaube ich – weil sie Francesco Toraldo liebte, und weil sie

glücklich war.

Sie glaubte so unerschütterlich an Gott und an das Gute im Menschen. Sie

hatte so unendliches Mitleid mit dem armen Volk, das von Gaunern und

Wahnsinnigen in die Irre geführt wurde – sie hatte so felsenfestes

Vertrauen auf die starken Hände Francescos, die die Zügel aufnehmen

sollten, die am Boden schleiften, so felsenfestes Vertrauen, daß keinem,

keinem mehr ein Unrecht geschehen könne, wenn nur Toraldo hinausträte

unter die aufjauchzenden Massen und sagte:

‚Folget mir nach!‘

Francesco Toraldo übernimmt den Oberbefehl über die Aufständischen.

Gezwungen, gegen sein innerstes Gefühl. Aber da er ihre Sache nun einmal

zu seiner eigenen gemacht hat, setzt er sich auch mit ganzer Kraft

für sie ein – wie es für seine gerade und ehrenhafte Natur

selbstverständlich ist.

Irgendeinem Schlächterburschen, der lieber morden will als Krieg führen,

lieber plündern, als für geringen Sold arbeiten, ist Toraldo im Wege. Er

beschuldigt ihn des geheimen Einverständnisses mit Don Juan und den

königlichen Truppen.

Der Pöbel, ohne ihm auch nur eine Stunde Zeit zu lassen, daß er sich

rechtfertigen könnte, schleppt den vergötterten Führer auf den

Fischmarkt, schlägt ihm auf einer Steinbank den Kopf ab, reißt ihm das

Herz aus dem Leibe und trägt es auf silberner Schüssel nach dem Kloster,

wo die Fürstin von Massa Zuflucht genommen hat. Die zitternden Nonnen

verrammeln die Türen. Die rasenden Horden häufen Stroh und Holz um das

Kloster und beginnen es anzuzünden.

Da geht die schöne Fürstin von Massa durch die jammernden Nonnen

hindurch und läßt sich die Tore aufriegeln und tritt hinaus und steht

auf den Stufen und nimmt aus den Händen der Mörder auf silberner

Schüssel das Herz des Francesco, noch dampfend von der Wärme seines

Lebens.

Und keiner wagt, sie anzurühren.

Aber den Körper des Francesco Toraldo hängen sie an einen Galgen, und

sein blutiges Haupt tragen sie auf einer Pike durch die Straßen der

Stadt.

Nach zwei Tagen wissen sie es alle, daß er niemals daran gedacht hat,

sie zu verraten.

Sie schneiden den Leichnam vom Galgen und waschen ihn und salben ihn und

hüllen ihn in kostbare Seide. Mit schwarzen Floren bedecken sie die

Trommeln, mit schwarzen Floren umwinden sie die Kerzen, sie schleifen

die Fahnen und Standarten am Boden hin. Weinend und Gebete murmelnd,

folgt das ganze Volk von Neapel dem Sarge, und über der ganzen Stadt

hallen unablässig die klagenden Glocken.“ –

Sie schwiegen alle drei.

Nach einer ganzen Weile sagte Peterchen nachdenklich:

„Weißt du, Olga, es wäre ein wundervoller Vorwurf für eine Tragödie. Die

Szene im Palast zwischen dem Fürsten und der Fürstin, wenn die Menge

draußen nach ihm schreit, und sie ihn überredet ... und die Szene mit

den Nonnen ...“

„Schreib’ sie!“ sagte Olga kurz.

„Nein, du sollst sie schreiben!“ wehrte sich Peterchen. „Ich kann doch

nicht!“

„Ich kann auch nicht,“ sagte Olga schwermütig, „ich empfinde es als so

stark, daß man kein Wort hinzuzusetzen braucht. Solche Dinge sind immer

am schönsten, wie sie in jeder Chronik stehen. Ich bin nicht für die

Kunst geboren. Ich könnte mich auch nicht hinsetzen und einen Wald

abmalen, der nicht rauscht, oder eine Wiese, die nicht duftet. Ich

glaube, Künstler sein, heißt: respektlos sein. Sich einbilden, daß man

es besser machen könnte als das Schicksal oder die Natur oder die

Geschichte. Wenn mir irgend etwas begegnet, was nach der Meinung anderer

Leute wert wäre, beschrieben oder abgemalt oder sonst wie bearbeitet zu

werden – ich weiß nicht – ich habe weder den Mut noch das Verlangen, da

hineinzupfuschen. Es ist mir einfach zu schade dazu.“ – – –

* * * * *

„Weißt du?“ sagte Olga das nächstemal, „ich hab’ eine Idee! Meinst du

nicht, Mette, ich könnte Sprachunterricht geben? Jeden Tag fünf Stunden

à 2 Mark sind 10 Mark, davon müßte man doch eigentlich leben können,

wenn man sich sehr einrichtet.“

„Eine reizende Idee!“ sagte Mette entrüstet. „Erstens sehe ich dich von

zehn Mark täglich leben, und zweitens hab’ ich dann überhaupt gar nichts

mehr von dir!“

„Darüber kannst du dich allerdings beklagen!“ sagte Olga lachend, „du

bist ja auch nur jeden Tag, den Gott werden läßt, von morgens bis

mittags und von nachmittags bis abends mit mir zusammen.“

„Wenn es dir zuviel ist,“ – Mette war ernstlich etwas gekränkt – „dann

brauchst du es ja nur zu sagen.“

„Hab’ keine Angst,“ sagte Olga beruhigend, „ich kann mich wehren. Wenn

ich einen Menschen los sein will, werd’ ich deutlich!“

„Gott sei Dank! Wenn ich mich darauf verlassen kann. Aber jetzt habe ich

wirklich eine Idee: wir werden das Angenehme mit dem Nützlichen

verbinden. Du kannst _mir_ die fünf Stunden täglich Unterricht in

fremden Sprachen erteilen, und ich werde mir von meinem Vater das Geld

dafür geben lassen – auf seinen eigensten Wunsch.“ – – –

* * * * *

Es ging nicht ganz so glatt, wie Mette es sich gedacht hatte. Tante

Emilie suchte die Sprachlehrer selber aus – ein paar sehr würdevolle

ältere Damen – ein vierundsechzigjähriger Professor schien ihr schon

bedenklich, weil er unverheiratet war, und sie ging selber mit Metten

hin und meldete ihre Nichte an.

Dadurch hatte Mette nachher die peinliche Aufgabe, den Unterricht wieder

abzusagen.

Wenigstens hatte sie es erreicht, daß der Vater ihr das Stundengeld

übergab und nicht – wie er wollte – es per Postscheck zahlte oder durch

die Bank überweisen ließ.

Olga nahm es sehr genau mit den Stunden. Sie hielt sie mit

gewissenhaftester Pünktlichkeit ein und gab sich streng und pedantisch

als Lehrerin. Mette lernte mit Feuereifer, um ihre Ansprüche zu

erfüllen.

Soweit ging alles wie geplant, nur daß Olga nicht daran dachte, sich

einzurichten und von dem Stundengeld zu leben.

Es kamen so wundervolle, durchsonnte Oktobertage. Und es machte so

unbändiges Vergnügen, im offenen Auto durch den flammenden Wald zu

jagen, nach Wannsee oder die Heerstraße hinunter, irgendwo an die breite

blaue Havel.

Natürlich sahen sie ein, daß sie sich das eigentlich nicht leisten

durften, das heißt, Olga sah es ein, und wenn sie wieder Waldsehnsucht

hatten, fuhren sie mit dem Vorortzug dritter Klasse, um zu sparen, und

ließen sich in der denkbar schlechtesten Luft geduldig schieben und

drücken.

Aber am anderen Tag hatten sie einen unbezwinglichen Hunger nach Musik,

und in der Oper gab es „Tristan“ und natürlich nur noch die teuersten

Plätze. Auf solche Weise ließen sich nicht gut Ersparnisse machen. – – –

* * * * *

Sie fuhren am frühen Nachmittag nach Wannsee. Weil es ja eigentlich

„Stunde“ sein sollte, sprachen sie in der Bahn Italienisch miteinander,

im gedämpften Ton. – Es war vielleicht deswegen, daß der Herr in dem

braunen Überzieher ihnen gegenüber immer über den Rand seiner Zeitung

schielte und sich augenscheinlich bemühte, ein Wort von ihrer

Unterhaltung aufzufangen.

Metten machte das Spaß. Sie empfand einen geradezu kindischen Stolz,

wenn sie bemerkte – was oft geschah – daß Olga beobachtet wurde. Sie

nahm es keinem Menschen übel, wenn er ihre schöne Freundin in der

ungezogensten Weise anstarrte. Sie hätte manchmal direkt sagen mögen:

„Ja, seht sie euch nur an! Ist sie nicht schön? Und das darf ich alle

Tage sehen, alle Tage!“

Und dann betrachtete sie sie wieder, als sähe sie sie zum erstenmal, und

die reinen edlen Linien ihres Profils, die lässig-anmutigen Bewegungen

ihrer königlichen und doch geschmeidigen Gestalt, der bezaubernde Klang

ihrer tiefen Stimme – alles erfüllte sie immer wieder mit einem

Entzücken, das an Andacht und Rührung grenzte. – – –

* * * * *

Sie bummelten durch die Straßen, bewunderten die Gärten in ihren

wunderbar leuchtenden Herbstfarben und suchten sich eine Villa aus. Das

taten sie oft auf ihren Spaziergängen.

Und wenn sie ein Haus gefunden hatten, das ihnen gefiel – aber auch der

Garten mußte danach sein, und die Garage und die Spitzengardinen an den

Fenstern – dann konnte es Olga plötzlich einfallen zu sagen, daß sie

eigentlich noch eine Abendgesellschaft größeren Stils geben müßten – vor

ihrer Abreise nach Kairo – und Mette sollte doch mit Schmidt

telephonieren, der Blumen wegen, und dann kam eine lange Beratung, in

welcher Farbe sie diesmal den Tafelschmuck nehmen sollten. – Und sie

einigten sich auf blaßlila Treibhausflieder und Orchideen und was es

sonst noch in der Farbe gab. Aber dann konnten sie nicht das

Sèvres-Porzellan nehmen; denn das Kobaltblau vertrug sich nicht mit

hellila – und ob sie das Essen bestellen oder alles im Hause machen

ließen? Ob sie sich vom Grafen Oriola seinen französischen Koch

ausleihen sollen? Dann wurde die Speisenfolge beraten und die Weine

dazu. Aber das hübscheste war immer die Liste der Gäste aufzusetzen und

Tischordnung zu machen.

Gerhart Hauptmann sollte Julia Culp zu Tisch führen.

„Nein, er muß _dich_ doch führen,“ bestimmte Mette. „Du bist doch die

Hausfrau!“

„Ich?“ sagte Olga. „Nein, das bist du doch!“

Sie standen vor einem breiten schmiedeeisernen Portal und sahen in einen

wunderschönen Garten.

„Schade,“ sagte Olga mit einem bewundernden Blick auf die breite

Terrasse, „es ist schon zu spät, um im Freien decken zu lassen. Aber

nächstes Jahr müssen wir in einer Juninacht ein Gartenfest geben – hier

auf der Terrasse essen – und plötzlich erscheinen auf dem Wasser lauter

kleine Barken, ganz, ganz voll Rosen, jede mit einer bunten Lampe, und

alle Gäste steigen in die Boote, immer zwei, und fahren hinaus, wohin

sie wollen, auf das weite, dunkle Wasser ...“

„Und mit wem möchtest du mir davonfahren?“ fragte Mette mißtrauisch.

Olga stampfte mit dem Fuß auf. „So seid ihr nun!“ sagte sie mit Empörung

flammenden Augen. „Willst du dir jetzt vielleicht den Tag verderben,

weil ich dir davonfahren könnte, wenn wir in dieser Villa ein Gartenfest

geben. Wenn man sich schon etwas Unsinniges ausdenkt, dann muß es doch

wenigstens etwas Schönes sein.“

Ein Herr in braunem Überzieher streifte sehr dicht an ihnen vorüber und

sah sich in einiger Entfernung mit einer merkwürdig vorsichtigen Geste

nach ihnen um.

„Das war der Mann aus der Bahn,“ sagte Mette. „Der hält dich für eine

schöne Römerin und möchte für sein Leben gern mit dir anbandeln. Ich

glaube, ich werde diskret sein und mich zurückziehen.“

Olga fuhr bei Mettes ersten Worten zusammen.

„Wir wollen umkehren!“ sagte sie hastig. „Trinken wir oben bei

Schultheiß Kaffee. Der geht jetzt sicher nach dem schwedischen Pavillon,

und ich habe keine Lust, ihm nachzulaufen.“

Mette lachte hell auf. „Meinetwegen kannst du! So hab’ ich mir den nicht

vorgestellt, mit dem du mir davongehst! Einen so perversen Geschmack

hätt’ ich dir nicht zugetraut! Aber da du so vor ihm fliehst, scheint es

gefährlich.“

Olga antwortete mit keinem Wort, mit keinem Lächeln auf Mettens

Neckereien. Sie preßte die Lippen aufeinander, zog die Brauen zusammen

und ging so rasch, ein wenig vornüber geneigt, den Kopf gesenkt, die

Schultern hochgezogen, als liefe sie vor einer unsichtbaren Peitsche.

Sie saßen oben beim Schultheiß und tranken ihren Kaffee. Aber Olgas gute

Laune schien verflogen. Sie saß da, beide Hände in den Jackentaschen

vergraben, als ob sie fröre und war zerstreut und einsilbig.

Sie hatte sich eben mit einem: „Du entschuldigst, ich _muß_ rauchen“,

eine Zigarette angezündet, als Mette den Herrn im braunen Überzieher in

den Garten treten sah. Er stand einen Augenblick still, ließ einen

prüfenden Blick über alle Tische gleiten, ging dann in entgegengesetzter

Richtung, um nach einem weiten Bogen plötzlich wieder in ihrer Nähe

aufzutauchen und, zwei, drei Tische von ihnen entfernt, Platz zu nehmen.

Metten erschien das sehr komisch.

„Der Mann aus der Bahn!“ frohlockte sie laut. „Jetzt ist es klar, Olga,

du hast es ihm angetan.“

„Schweig’!“ sagte Olga hart. Und dann, als sie Mettens bestürztes

Gesicht sah – wie mühsam gebändigt, mit schwergehendem Atem: „Er kann

dich ja hören, Kind!“

Sie nahm die eben angerauchte Zigarette mit einer zornigen Bewegung aus

dem Mundwinkel, preßte die Brandfläche gegen den Teller und drehte und

drückte so lange mit nervösen Fingern daran herum, bis der Tabak aus dem

zerrissenen Papier rieselte.

Mette fühlte, daß irgend etwas vorging, was sie nicht verstand. Eine

dumpfe Beklommenheit schien plötzlich in der Luft zu liegen, teilte sich

ihr mit und machte sie angstvoll und unsicher.

Nach einer kleinen Weile stand Olga auf. Mette griff nach ihrem Hut, der

neben ihr auf dem Stuhl lag.

„Nein, laß!“ sagte Olga sehr bestimmt und lauter, als es sonst ihre Art

war. Sie haßte es, in öffentlichen Lokalen, auf der Straße, in der Bahn

so laut zu sprechen, daß auch nur der nächste Nachbar sie verstehen

konnte. „Wir bleiben doch noch. Ich will nur eben telephonieren. Ich bin

gleich wieder da.“

Mette wartete geduldig. Olga kam nicht wieder.

Schließlich fing sie an, sich zu ängstigen. Wenn ihr schlecht geworden

wäre? Sie sah sie schon irgendwo hilflos, ohnmächtig liegen.

Sie lief ins Haus. Am Telephon war sie nicht. Wie sie sich suchend

umsah, kam der Kellner, der sie bedient hatte, hinter ihr her. Sie suche

wohl die andere Dame? Die hätte gezahlt und wäre gegangen – aber sie

hätte einen Zettel am Büfett hinterlassen.

Mette holte sich den Zettel. Ja, die Dame hätte telephoniert und hätte

nach dem nächsten Zug gefragt und wäre sehr eilig fortgegangen. Sie

hätte nur noch dies hier aufgeschrieben. Der Kellner hätte es

hinausbringen wollen, aber sie hätte gesagt, es wäre nicht nötig, die

Dame würde es sich schon holen.

Mette dankte und lächelte und tat, als ob das alles die natürlichste

Sache von der Welt wäre und wunderte sich, wie gut sie ihre Angst und

Aufregung beherrschen konnte.

Sie ging erst ein paar Schritte weiter, ehe sie die verschlossene Hülle

aufriß. Auf dem Bogen standen nur wenige Worte.

„Sei nicht bös, ich mußte fort. Wenn du kannst, komm abends zu mir. Aber

nicht direkt, fahr erst nach Hause.“

Mette faltete das Blatt zusammen und schob es mechanisch in die Tasche.

Sie ging langsam und mit schweren Füßen wieder durch den Garten und an

ihren Platz.

Sie versuchte, sich von ihren Gedanken und Empfindungen Rechenschaft zu

geben.

Sie wäre froh gewesen, wenn sie Olgas rätselvolles Betragen als Laune,

als Rücksichtslosigkeit hätte nehmen können und sich einfach darüber

ärgern und entrüsten.

Aber sie fühlte, daß ein Mehr dahinter war. Irgend etwas Dunkles,

Drohendes, wovon sie nichts wußte. Mit wem hatte Olga gesprochen? Wer

hatte sie so dringend fortgerufen?

Für sie war Olga Radó das Leben, das wußte Mette. Alles andere war eine

dumpfe Qual oder Vorfreude auf die Stunden, die sie mit ihr zusammen

sein durfte, oder Erinnerung an die Stunden, die sie mit ihr verbracht

hatte.

Aber was war sie für Olga?

Irgendein Nebenher, ein beiläufiger Zeitvertreib, eine Episode eines

reichen, bunten, starken Lebens, eine gehorsame kleine Sklavin, ein

Haustierchen, das man verhätschelt, ein bequemes Etwas, das man rufen

und fortschicken kann, und das noch nicht einmal fragen durfte, _warum_

es gerufen oder fortgeschickt wurde. Nichts wußte sie davon, nichts, was

eigentlich dieses Leben erfüllte, was ihm Inhalt gab, nichts wußte sie

von den Menschen, die für Olga Schicksal waren, die _ihr_ den Mut zum

Leben gaben, den sie von ihr empfing – nichts wußte sie von dem, der sie

jetzt fortgerufen hatte, dem sie folgte, ohne daran zu denken, daß sie

der armen kleinen Mette den Tag zerstörte, auf den sie sich so gefreut.

Mette konnte sich nicht zum Heimweg entschließen. Sie trug ihren Hut in

der Hand und ging in tiefen und traurigen Gedanken an den Ufern des Sees

entlang.

Erst die plötzlich einfallende Dämmerung weckte sie auf und trieb sie

nun in Hast dem Bahnhof zu.

Im Moment, als sie im Begriff war, auf dem Bahnsteig eine Wagentür des

einfahrenden Zuges zu öffnen, fühlte sie einen Blick, der sie zwang,

sich umzuwenden.

Sie sah in das völlig ausdruckslose Gesicht des Mannes in dem braunen

Überzieher. Er öffnete die Tür zum Nebenabteil und stieg in den Zug.

Mette erschrak tödlich und wußte nicht warum. Dieser Mann lief nicht

hinter ihr her, weil er Gefallen an ihr fand. Das wußte sie deutlich.

War es Zufall? Was in aller Welt konnte es sonst für einen Zweck haben?

Plötzlich faßte sie ein unerklärliches Grauen. Er hatte so ein

merkwürdig leeres Gesicht und einen starren und dabei doch scheuen

Blick. Vielleicht war es ein Irrsinniger. Einer, der irgendwo

entsprungen war.

Am Bahnhof Zoo bemühte sie sich, unter der drängenden Menschenmenge sich

zu verstecken. Aber sie fühlte den Fremden unentwegt hinter sich. Ihr

schien es, als klammerte sich seine Hand in der Manteltasche um einen

Revolver oder um ein Stilett. In jedem Augenblick konnte das blitzende

Eisen oder die Kugel sie in den Rücken treffen. Sie fühlte schon den

scharfen Schmerz zwischen den Schulterblättern und preßte unwillkürlich

die Rückenmuskeln zusammen.

Während sie die dämmerigen Straßen hinunterjagte, wagte sie nicht, sich

umzusehen. Erst, als sie das Haus aufschloß, spähte sie die Straße

hinunter. Er war natürlich nicht gefolgt. Es war alles eine lächerliche

Einbildung.

Als sie innen im Treppenflur stand, warf sie noch einen Blick durch die

Glasscheibe der Tür.

Auf der anderen Seite der Straße, das Haus von oben bis unten aufmerksam

betrachtend, ging der Mann in dem braunen Überzieher. – – –

* * * * *

Die Tischunterhaltung quälte sich mühsam hin.

Als Mette mit Essen fertig war, sagte sie (sie hatte es sich zur

Gewohnheit gemacht, sich mit allen Sachen ausdrücklich an ihren Vater zu

wenden):

„Du erlaubst doch, Papa, daß ich noch eine Stunde zu meiner Freundin

gehe? Ich bin um zehn wieder hier.“

Da geschah etwas Seltsames. Franz Rudloff legte eine zur Faust geballte

Hand auf den Tisch, richtete den Oberkörper ein wenig aus seiner

zusammengesunkenen Haltung auf und sagte:

„Mette!“ ... so, als wenn er zu einer längeren Rede ansetzen wollte.

Da traf ihn ein Blick von Tante Emilie. Mette fühlte diesen Blick die

Luft durchschneiden und fing ihn noch auf. Es war ein kurzer und

scharfer Blick, befehlend und fast erschrocken, ein Blick, der

unzweideutig hieß: „Schweig!“

Franz Rudloff fiel wieder in sich zusammen, schlug die Augen nieder,

rollte seinen silbernen Serviettenring hin und her und sagte:

„Gewiß, ... also ja ... wenn du meinst ... schön!“

Mette fühlte, daß auch hier irgendwas vorging, wovon sie nichts wußte.

Das verursachte ihr weder Angst noch Schmerz – aber ein peinvolles

Unbehagen.

Die Welt war heute fremd und rätselhaft. Sie spürte plötzlich Moorboden

unter den Füßen und wußte nicht, wie sie die Schritte setzen sollte.

Olga hätte sie heute nicht verlassen dürfen, nicht heute, nicht an

diesem Tage.

Eine heiße, schmerzhafte Sehnsucht quoll in ihr auf, wie schon sooft,

stark wie ein mühsam unterdrückter Schrei:

„Mutter!“ – – –

* * * * *

Unterwegs waren ihre Gedanken nur noch bei Olga. Was da geschehen sein

mochte? Ob sie das wenigstens erfahren würde? Vielleicht war jemand

krank? Verunglückt? Jemand, der Olga nahestand. Vielleicht konnte sie

sich irgendwie betätigen, helfen. Sie fühlte die Kraft, jede Anwandlung

von Eifersucht zu unterdrücken, sich selbst zu vergessen und

hintanzusetzen, wenn man sie nur teilnehmen ließ an dem, was geschah und

nicht alle Türen vor ihr zuschlug. Das hatte sie nicht verdient, es gab

so qualvolle Unrast – jeder schneidende Schmerz war zehnmal besser als

dieses hilflose Im-Dunkeln-Tappen.

Während Mette die Stufen hinaufstieg, fühlte sie sich irgendwie

kampfgerüstet. Sie wollte es Olga sagen, daß sie das nicht mehr ertrug.

Ertrug? Nein, daß sie es sich nicht mehr gefallen lassen wollte, daß sie

kein dummes Kind sei, das man ohne ein Wort der Erklärung einfach sitzen

lassen könne – daß alle diese Dinge sie nervös machten – oh, so nervös!

Und daß ihr – bei Gott! – nächstens auch einmal die Galle überlaufen

werde!

Olga hatte noch einen Schleier über die Lampe gehängt, so daß eine

matte, violette Dämmerung im Zimmer war. Sie lag auf dem Diwan, bis an

die Schultern in ihre große Felldecke gewickelt.

Als Mette sich zu ihr setzte, spürte sie, daß sie zitterte wie vor

Frost. Da war all der Zorn und Trotz, der noch in dem kalten „Guten

Abend“ gelegen hatte, verflogen. Sie legte die Hand auf ihre Stirn:

„Hast du Fieber?“ fragte sie besorgt.

Olga schüttelte nur den Kopf. Es schien, als ob ihr irgend etwas in der

Kehle saß, was sie am Sprechen hinderte.

Dann machte sie plötzlich mit einer ungeduldigen Bewegung beide Arme von

der Decke frei und griff nach Mettens Händen.

„Du bist mir böse, Kind!“ sagte sie hastig, wie gejagt. „Du hast ja auch

allen Grund. Verachtest du mich? Du kannst mich ruhig verachten. Ich bin

ja so feige, Mette, so erbärmlich feige! Ach, Kind, du kannst alles von

mir verlangen, ich will dich aus einem brennenden Haus holen – dich?!

Ach! Einen Hund, ein Spielzeug, an dem dir liegt – ich will durchgehende

Pferde aufhalten, ich will – ach, ich weiß nicht, was ich will – aber

darin bin ich feige. Ich kann es nicht noch einmal durchmachen in meinem

Leben, ich kann es nicht. Du weißt nicht, was ich ausgestanden habe. Ich

habe nächtelang dagesessen mit dem geladenen Revolver und habe gesagt:

Tu’s, tu’s, damit nicht wieder so ein Tag kommt ... und dann war das

Leben wieder so wahnsinnig schön, und ich hab’s nicht getan. Dann bin

ich stundenlang in der Galerie herumgelaufen und habe vor allen Bildern

gestanden und gestarrt und nichts gesehen. Und immer den Blick in meinem

Rücken gefühlt. Dann bin ich nach Mödling hinausgefahren, wie ich

eingestiegen bin, der Mann hinter mir, wie ich ausgestiegen bin, der

Mann hinter mir – ach, ich weiß, einmal bin ich in meiner Verzweiflung

in ein fremdes Haus hineingelaufen, alle Treppen hinauf, und hab’ immer

gedacht, ich will klingeln und die Menschen bitten, sie sollen mich um

Gottes und aller Heiligen willen eine Stunde in ihrer Wohnung behalten.

Oder ich wollte ihnen etwas erzählen von irgendwelchen Leuten, die sie

grüßen lassen – die mich hinschicken – und dann dacht ich, sie halten

mich sicher für geisteskrank oder für eine Schwerverbrecherin und lassen

mich erst recht festnehmen. Und dann bin ich bis auf den Boden gelaufen

und bin da oben herumgeirrt und habe geheult wie ein kleines Kind. Und

wie ich mich endlich hinuntergetraut habe, stand der Kerl immer noch da

und starrte auf die Haustür. O Mette, in der Zeit hab’ ich immer die

ganzen Nächte das Licht brennen lassen, weil ich im Dunkeln überall das

Gesicht gesehen habe.“

Mette hielt Olgas eiskalte, unruhige Hände in den ihren fest.

„Wessen Gesicht?“ fragte sie leise und verwirrt, als Olga schwieg. „Ich

verstehe dich nicht, Liebes.“

„Das ist gut, Kind!“ sagte Olga. „Das ist ja so gut! Sonst hätt’ ich

dich ja auch nicht allein gelassen. Aber dir konnte ja nichts geschehen.

Dir konnte ja gar nichts geschehen! Bist du nach Hause gegangen? Ja?

Wann? Gleich? War er noch da? Hat er dich nach Hause gehen sehen?“

Nun fiel Metten die Erinnerung an den Heimweg wieder wie eine Last aufs

Herz. Die Erinnerung an den Heimweg, die Erinnerung an den verdorbenen

Tag.

Sie ließ Olgas Hände los.

„Vielleicht darf ich auch mal fragen,“ sagte sie, „ich bin doch

schließlich kein kleines Kind, das einfach alles hinnehmen muß und dem

man sagen kann: das verstehst du nicht. Ich hab’ es bis _dahin_ satt,

mich ewig von Geheimnissen umgeben zu fühlen. _Was_ hätte mir geschehen

sollen? Was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Mann? Kennst du ihn

persönlich? Aus Wien? Und woher? Ich meine, was hast du für Beziehungen

zu ihm?“

Mette wunderte sich selbst, woher sie die Kühnheit hatte, in einem so

strengen und schulmeisterlichen Ton zu reden.

„Unsinn!“ sagte Olga mit einem nervösen Lachen. „Doch nicht _den_! Das

ist doch nicht derselbe!“

„Nicht derselbe?!“ sagte Mette beinah ärgerlich, mit hochgezogenen

Brauen. „Was heißt das wieder? Wer nicht derselbe? Nicht derselbe was?“

„Laß mich doch in Ruh,“ sagte Olga böse, „ich laß mich nicht

inquirieren! Du kannst mir ja gleich Daumenschrauben anlegen. Wenn du

mich nicht mehr leiden magst, dann geh! Ich halt’ dich nicht! Ich halt’

keinen Menschen! Aber laß mich in Ruh!“

Sie sprach zornig, aber mit einer seltsam vibrierenden Stimme und suchte

unter dem Berg von Kissen nach ihrem Taschentuch.

Als sie es gefunden hatte, riß es ihr Mette mit einer halb

unwillkürlichen Bewegung aus den Fingern. Der kleine weiße Ballen war

fest zusammengedrückt und ganz feucht.

„Hast du geweint?“ fragte Mette in grenzenlosem Erstaunen.

„Darf ich das nicht?“ fragte Olga trotzig zurück, und über ihr Gesicht,

das von Blässe fahl schien, flog wieder das dunkle Rot.

„Nein, ich weiß, ich darf mir das nicht leisten. Ich bin hysterisch. Ich

bin überspannt. Es ist mir ja _so_ egal, wofür du mich hältst. Wenn mir

danach zumute ist, dann wein’ ich eben!“

Sie versuchte umsonst, die zitternden Lippen aufeinander zu pressen. Aus

den Augen, deren übergroße Pupille schwarz die ganze Iris überdeckte,

stürzten die Tränen und fluteten über die weißen Wangen. Sie versuchte,

den Kopf nach der Wand zu drehen. Aber Mette hielt sie fest. Sie wußte

selbst nicht, woher ihr der Mut kam.

Nie war Olga ihr gegenüber zärtlich gewesen. Nie hatte Mette es gewagt,

zärtlich zu sein.

Aber als sie das schöne blasse Gesicht jetzt vor sich sah,

tränenüberströmt, zerwühlt von einem fremden Schmerz, mit den großen,

tiefen Augen, die schrien von einer mühsam verborgenen Qual, da quoll

das heiße Mitleid in Mettens Herzen über, sie preßte die Lippen auf

diese nassen Wangen, die nassen Augen, den armen zitternden Mund.

„Nicht weinen, Süßes,“ bat sie leise, selbst mit den Tränen kämpfend.

„Nicht weinen, Liebes, ich frag’ ja nicht mehr, ich will ja nichts

wissen. Nur nicht mehr traurig sein. Tu mir an, was du willst, aber

weine nicht so! Ich kann dich nicht weinen sehen. Hör’ auf, Liebes, ich

bitt’ dich, weine nicht mehr!“

Olga ließ sich zur Ruhe schmeicheln wie ein unglückliches Kind. Sie

schloß die zitternden Augenlider und lächelte, während noch die Tropfen

über ihr Gesicht rollten. Sie legte den Kopf müde in die Kissen zurück.

Durch den ganzen schlanken Körper ging eine Bewegung wie ein erlöstes

Sichstrecken.

Sie nahm Mettens Hand und legte sie auf ihre heiße Stirn.

„Gutes!“ sagte sie leise und dankbar. „Mein Gutes!“

Und dann immer noch mit geschlossenen Augen hob sie Mettens willenlose

Hand von der Stirn und legte die Innenfläche der kühlen Finger auf ihren

Mund. Und hielt sie da mit beiden Händen fest, lange, lange.

Und Mette saß ganz still und fühlte seltsam wehe Lust und süße

Traurigkeit und horchte, wie in einem Traum befangen, auf das harte

Pochen ihres Blutes. – – –

* * * * *

Die fremden und seltsamen Begebenheiten mehrten sich.

Eines Tages tauchte plötzlich Onkel Jürgen in Berlin auf. Mette hatte

für Onkel Jürgen immer eine besondere Vorliebe gehabt. Es war eigentlich

der einzige unter ihren Verwandten, der durch seine stattliche und

vornehme Erscheinung, seine betont männliche Haltung und einen gewissen

sachlichen Ernst ihr gefiel, und ihr sogar Achtung abnötigte.

Er begrüßte Mette auf eine merkwürdige Art, mit einer gewollten

Liebenswürdigkeit, die zu sagen schien: ich tue ganz harmlos, du

brauchst ja nicht gleich zu merken, weshalb ich hier bin, und was ich

gegen dich habe.

In Mettens feinem Gefühl wurde sofort ein Mißtrauen rege.

Es steigerte sich, als sie das Knacken des Schlüssels vernahm, nachdem

die drei – Vater, Tante Emilie und Onkel Jürgen – sich in das

Studierzimmer zurückgezogen hatten.

Sie schlossen sich ein? Was hatte das zu bedeuten? Galt das den

Dienstboten oder galt das ihr?

Sie hatte noch nie Interesse für die Verhandlungen ihrer Familie gehabt.

Aber das leise Geräusch des Schließens hatte eine unbehagliche Neugier

in ihr erweckt. Sie streifte ein paarmal dicht an der Tür vorüber. Aber

sie hörte nur ein undeutliches Gemurmel. Es war kein Zweifel, sie

flüsterten darin.

Mette sehnte sich danach, aus der bedrückenden und unfreundlichen Luft

des Hauses fortzukommen.

Nach dem Essen – bei welchem nur Onkel Jürgen sprach, und in lauten und

wohlgesetzten Worten die Schönheiten der kleinen Stadt und die Tugenden

seiner Kinder pries – wagte Mette endlich die Frage:

„Ihr legt euch doch nach Tisch alle schlafen, nicht wahr? Dann möchte

ich vorm Kaffee noch eine Stunde zu meiner Freundin gehen.“

Es entstand eine allgemeine Stille. Die drei sahen einander an, niemand

sah Metten an, niemand antwortete.

Vater sah mit einem unruhigen und fast hilfeflehenden Blick von einem

zum andern, Onkel Jürgen trommelte auf den Tisch und sah erwartungsvoll

aus, Tante Emilie räusperte sich und verzog die Winkel des

zusammengekniffenen Mundes zu einer süßlichen Grimasse, die ein

freundliches Lächeln vorstellen sollte.

Niemand sprach. Tante Emilie wollte sich nicht vordrängen. Sie hielt mit

der Antwort zurück und wartete, ob nicht einer der beiden Herren das

Wort ergreifen wollte. Aber sie schwiegen und sahen nicht aus, als ob

sie gedächten, in der nächsten Minute die peinliche Stille zu

unterbrechen.

Also war es an ihr, also durfte sie reden. Sie reckte sich auf und legte

das Gesicht in Falten, die inniges Mitleid und eine ernste Besorgnis

ausdrücken sollten. Aber Metten schien es, als ob die kleinen scharfen

Äuglein funkelten, als ob der steif gestreckte magere Oberkörper

zitterte in einer bösen Freude.

„Das wirst du wohl ausnahmsweise heute unterlassen müssen, mein liebes

Kind!“ sagte sie mit sanftem Tonfall und messerscharfer Stimme. „Wir

erwarten Nachmittag einen Besuch, der dich aufs dringendste angeht.“

„Mich?“ fragte Mette, und sah dabei ihren Vater an.

Aber Rudloff deckte die Augen mit den Lidern und bemühte sich, ein

nervöses Zucken seines Mundes zu unterdrücken. Er antwortete nicht.

„Ja, dich!“ sagte Tante Emilie so liebenswürdig, als wollte sie ihr eine

große Freude verkünden.

Mette fühlte in diesem Moment, daß irgend etwas Furchtbares sie

bedrohte. Ihr war, als sähe sie sich von einem engmaschigen Netz

umgeben, das in der nächsten Minute durch einen leisen Ruck von Tante

Emiliens knochigen Fingern über ihrem Kopf zusammengezogen werden

konnte.

Sie hatte die Empfindung, als ob alle Türen verschlossen, durch Wachen

verstellt seien, und als ob nichts sie mehr retten könne, als im selben

Augenblick, ohne Zögern, ohne Überlegung aus dem Fenster zu springen –

und, was die Lunge hergab – durch die Straßen zu laufen, zu rasen, in

wildester Flucht, zu Olga.

Sie wurde blaß und machte eine halbe Bewegung. Es war nicht einmal eine

halbe, es war nur der Ansatz, es war nur der Wille zu einer Bewegung,

der durch ihre Muskeln lief. Onkel Jürgen mußte es trotzdem bemerkt

haben.

„Na, Mette!“ sagte er in einem etwas gezwungen gütigen und

zuversichtlichen Ton, „nur ruhig Blut, mein Deern. Es will dir kein

Mensch an den Kragen. Du mußt nur Vertrauen zu uns haben und mußt dir

sagen, daß alles, was geschieht, ausschließlich zu deinem Besten

geschieht. Und mußt dich bemühen, uns ein bißchen zu unterstützen in

unseren Bestrebungen, die nur auf dein Wohl gerichtet sind und nicht

etwa durch kindischen Trotz uns unsere Aufgabe erschweren. Dann werden

wir auch in gemeinsamer Arbeit über diese Zeit wegkommen, und du wirst

uns später sehr dankbar sein, daß wir dich mit liebevoller Gewalt auf

den richtigen Weg geführt haben. Und wirst an diese Zeit jetzt

zurückdenken, wie an einen schweren Traum, der gar keine Bedeutung hat

für dein späteres Leben.“

Diese feierliche Ansprache steigerte Mettens dumpfes Unbehagen zu einem

beinah irrsinnigen Angstgefühl. Das alles war fremd und unverständlich.

Sie wußte, daß Tante Emilie jetzt nur auf eine Frage wartete, um mit

einem Wortschwall loszubrechen. Darum fragte sie nicht: Was ist denn

geschehen? Was wird denn geschehen?

„Aus dem Fenster! Aus dem Fenster!“ war das einzige, was sie dachte. Und

im Moment, als sie draußen die Flurklingel schrillen hörte, zuckte sie

zusammen und wußte: „Jetzt ist es zu spät!“

Das Hausmädchen kam hereingeschlichen, als käme sie in ein Krankenzimmer

und brachte Franz Rudloff eine Karte.

Seine Hand zitterte, als er sie von dem kleinen silbernen Tablett nahm.

Er mußte sich auf den Tisch stützen, um aufzustehen. Sein Gesicht sah

verzerrt und verfallen aus.

„Haben Sie den Herrn Professor in mein Zimmer geführt? Ich komme!“

Er goß sich schnell noch einen Schluck Wasser in sein Glas. Die

hartgestärkte Manschette rasselte gegen die Flasche.

Er ging hinaus mit einem sichtlichen Bemühen, gerade und aufrecht zu

schreiten.

Die drei blieben schweigend zurück. Mette hielt es nicht aus, am Tisch

sitzen zu bleiben.

Als sie aufstand, machte Onkel Jürgen eine hastige Bewegung, als wollte

er sie zurückhalten. Aber sie ging nicht nach der Tür, sie machte gar

nicht mehr den Versuch, zu entkommen. Sie ging an das Fenster und sah

durch den geschlossenen Spitzenvorhang hindurch auf die Straße.

Die eintönigen Rufe spielender Kinder drangen herauf. Ein Geschäftswagen

rollte heran, hielt vor dem Haus drüben. Der Mitfahrer sprang herunter,

schloß auf, belud sich mit Paketen und schlug die Tür mit scharfem Knall

wieder zu.

Jede Bewegung, jedes Geräusch prägte sich mit ungewohnter Deutlichkeit

in Mettens Gehirn. Es ging nichts in ihr vor, als die scharfe

Beobachtung dieser alltäglichen Dinge.

Hinter ihrem Rücken tat die Tür sich auf. Sie hörte des Vaters gedrückte

und etwas heisere Stimme:

„Emilie, willst du bitte so gut sein?“

Mette hörte das Stuhlrücken und das Rauschen der Röcke, ohne sich

umzudrehen.

Die Tür schloß sich wieder.

Jetzt war sie mit Onkel Jürgen allein. Jetzt hätte sie ihn um irgendeine

Erklärung fragen sollen. Er war ja doch von diesen drei Menschen immer

noch der vernünftigste. Ach, aber trotzdem, es war zwecklos. Er war ihr

ja doch fremd, unendlich fremd.

„Mutter!“ dachte sie, und etwas wie ein krampfhaftes Schluchzen quoll in

ihrem Halse auf.

„Liebe, gute Mutter, warum hast du mich allein gelassen, ganz allein auf

der Welt?“

„Allein!?“ Ihr war, als hörte sie stark und deutlich dies Wort von Olgas

Stimme. Und sie sah die ernsten Augen forschend und beinah drohend auf

sich gerichtet.

Eine heiße Welle flutete über ihr Herz. Sie krampfte die verschlungenen

Hände ineinander und lächelte, während ihr die Tränen in die Augen

traten.

„Nein, ich bin nicht allein,“ dachte sie mit einem so andächtigen

Gefühl, als spräche sie ein Gebet, „ich habe dich, Liebes, Schönes,

Großes. _Dich_ kann mir das alte böse Weib nicht nehmen, dich nicht! Und

wenn sie mich foltern und mich in Stücke reißen – mir kann nichts

geschehen – ich hab’ ja dich!“

Eine große Ruhe und Zuversicht kam über sie. Ihr war, als hätte sie

einen schlimmen und gefährlichen Weg vor sich. Sie mußte über Moorboden

gehen und durch Schmutz und Schlamm waten und reißende Wasser

durchschwimmen – aber drüben stand Olga Radó und streckte beide Hände

nach ihr und sagte: „Komm!“

Und da wurde der Weg leicht und beinah lockend.

Als jetzt die Tür ging und Vater erschien und zaghaft sagte:

„Mette, komm bitte einmal her!“ hatte sie fast ein Gefühl von Freude. So

wie einer, der gut gelernt hat, sich aufs Examen freut oder ein Mutiger

sich auf den Kampf.

Sie ging sehr gerade und fest durch das Zimmer und lächelte ein

überlegenes und fast höhnisches Lächeln.

Bei ihrem Eintritt erhob sich aus Vaters Studierstuhl ein schmächtiger

Mann mit scharfen Zügen und durchdringenden Augen, in dessen

wohlgepflegtem schwarzen Spitzbart sich einige frühe weiße Fäden

zeigten.

Da niemand Miene machte, ihn vorzustellen, murmelte er selbst mit

leichter Verbeugung seinen Namen und warf dann den anderen einen Blick

zu, der einem Befehl zu schleunigem Rückzug gleichkam.

Rudloff atmete sichtlich auf, während Tante Emilie zögerte und sich

ungern trennte. Sie warf noch in der Tür einen langen, neugierigen Blick

zurück; aber der Professor sprach kein Wort, machte keine Geste, ehe

sich nicht die Tür geschlossen hatte.

Dann rückte er einen Sessel:

„Wollen Sie bitte Platz nehmen.“

Mette setzte sich gehorsam.

Der Mann ihr gegenüber beugte sich ein wenig vor und sagte mit einer

sanften und fast einschmeichelnden Stimme:

„Und nun sagen Sie mir erst mal, mein liebes Kind, daß Sie Vertrauen zu

mir haben wollen.“

Mette richtete sich steif auf.

„Oh – durchaus nicht, Herr Professor!“ sagte sie ruhig.

Der Mann fuhr etwas zurück.

„Was heißt das?“ fragte er befremdet.

„Das heißt,“ sagte Mette kühl, während ihr das Herz zum Zerspringen

klopfte, „daß meine Tante Sie hergerufen hat, und daß ich allem

mißtraue, was mir von dieser Seite kommt. Wahrscheinlich hat sie die

Absicht, mich in ein Irrenhaus zu sperren, und Sie sollen konstatieren,

daß ich geistig defekt bin. Sie hat mir so was Ähnliches schon einmal

angestellt, als ich noch ein kleines Kind war. Aber wenn Sie Psychiater

sind, so werden Sie wissen, daß das Gefühl, auf den Geisteszustand

beobachtet zu werden, in den normalsten Menschen etwas Irrsinnähnliches

auslösen kann. Und Sie werden mir das in Anrechnung bringen.“

Der Arzt lächelte – ein feines Lächeln.

„Ich habe nicht die geringste Veranlassung, an Ihren außerordentlichen

geistigen Fähigkeiten zu zweifeln – im Gegenteil – kein Mensch zweifelt

daran. Und kein Mensch denkt daran, Sie in ein Irrenhaus sperren zu

wollen. Ich bin hergekommen, um mich ein wenig mit Ihnen zu unterhalten

– aus wissenschaftlichem und menschlichem Interesse. Darf ich ein paar

Fragen an Sie richten?“

„Gewiß!“ sagte Mette. „Aber ich würde wahrscheinlich imstande sein,

präziser auf diese Fragen zu antworten, wenn Sie mir gestatteten, dabei

eine Zigarette zu rauchen.“

„Gern!“ sagte der Professor zuvorkommend.

Mette nahm den Zigarettenkasten vom Schreibtisch und bot ihm an.

Er nahm, und während er sein Feuerzeug aufknipste und ihr das Flämmchen

hinüber reichte, fragte er in beiläufigem Ton:

„Sie sind passionierte Raucherin?“

„Ich habe es mir beim Lernen angewöhnt,“ sagte sie. „Es hilft mir, die

Gedanken zusammen zu halten. Und da ich doch den Verdacht noch nicht

ganz los bin, daß Sie mir aus irgendeiner dummen Antwort einen

Schwachsinn konstruieren ...“

Der Professor lachte:

„Das sollte mir schwer fallen – aber Sie haben recht, es plaudert sich

viel gemütlicher bei der Zigarette. Nun erzählen Sie mir doch erst mal,

was war das eigentlich für eine Angelegenheit, die Sie mir vorher

andeuteten? Was hat Ihre Frau Tante für böse Absichten gehabt, als Sie

noch ein kleines Kind waren?“

„Ach,“ sagte Mette, „sie hat mir einen Kinderpsychiater kommen lassen,

weil ich Silberzeug aus dem Büfett genommen hatte.“

„Ach,“ sagte der Professor interessiert mit einem belustigten Lächeln.

„Und warum taten Sie das? Hatten Sie Freude am Silber?“

„Nein, ich hab’ es versetzt!“

„Versetzt!“ Der Professor lachte hell auf. „Wie sind Sie als kleines

Kind auf diese Idee gekommen?“

„Nicht aus mir selbst!“ sagte Mette ernsthaft. Aus Nebeln der

Vergangenheit stieg plötzlich klar und deutlich Friedel Eggebrechts Bild

auf. „Mein Kinderfräulein hat mich dazu verleitet. Ich stand vollständig

unter ihrem Einfluß – der nicht gerade sehr günstig war.“

„Ach!“ sagte der Professor mit leichtem Erstaunen. „Sind Sie

beeinflußbar? Das sieht man Ihnen nicht an! Jetzt würde Sie

wahrscheinlich keine Macht der Welt mehr zu solchen Dingen bringen!“

„Ach, verflucht!“ sagte Mette mit einem plötzlichen Erschrecken, „jetzt

hab’ ich ja das blöde Silber verfallen lassen!“

Der Professor amüsierte sich köstlich, oder er tat wenigstens so.

„Welches?“ fragte er. „Das, was Sie vor zehn Jahren versetzt haben? Das

wird nun wohl allerdings verfallen sein!“

„Nein,“ sagte Mette unbefangen, „das, was ich jetzt versetzt habe. Das

hatt’ ich ja in den Tod vergessen!“

„Sie brauchen sich darum nicht zu ängstigen,“ sagte der Professor

liebenswürdig, „es ist eingelöst worden.“

Mette faßte im Moment nicht ganz.

„Wieso? Es hat doch niemand davon gewußt.“

„Man hat den Schein bei Ihnen gefunden.“

„Gefunden!“ Mette sprang auf. „Gefunden?! Das heißt, daß diese schamlose

Person heimlich über meine Sachen geht und darin herumwühlt. Oh, schade,

daß ich sie nicht dabei ertappt habe – ich hätte sie mit meinen eigenen

Händen erwürgt, glaube ich!“

„Bitte, setzen Sie sich!“ sagte der Professor, noch ohne Schärfe, aber

so zwingend, daß Mette gehorchte.

„Wenn Sie mit dieser Person Ihre Frau Tante meinen, so muß ich ihr als

Mensch und als Arzt das Recht zugestehen, Sie als ihre Pflegebefohlene

ein wenig intensiver zu beaufsichtigen, als es sonst zwischen

erwachsenen Menschen üblich ist.“

„Ich _bin_ ein erwachsener Mensch!“ sagte Mette zornig.

„Sie sind ein Kind,“ sagte der Arzt sehr milde, „ein Kind, das gar nicht

weiß, in welcher Gefahr es schwebt – und das uns allen sehr dankbar sein

wird, wenn es einmal erwachsen sein wird und einsehen lernt, wovor wir

es behütet haben.“

„Ich glaube, Sie sind im Irrtum!“ sagte Mette eiskalt. „Ich bin in

keiner Gefahr. Und wenn, dann behüte ich mich selber.“

„Solange Sie nicht mündig sind, werden Sie schon unsere helfende Hand

nicht zurückweisen dürfen.“

Das klang gütig, aber sehr bestimmt.

„Ich zweifle, daß Sie aus eigener Kraft den Entschluß aufbringen werden,

sich von Ihrer Freundin zu trennen, unter deren Einfluß Sie stehen.“

Metten strömte das Blut jäh zum Herzen. Sie fühlte, daß sie weiß wurde

wie Leinen.

„Was wissen Sie von meiner Freundin?“ fragte sie schroff. Der Atem

drohte ihr zu versagen.

Der Arzt lächelte überlegen.

„Jedenfalls mehr als Sie.“

„Das bezweifle ich,“ unterbrach ihn Mette in einem harten und

spöttischen Ton.

Er war nicht aus seiner Ruhe zu bringen.

„Ich weiß,“ sagte er in gelassenem, aber festem Ton, „daß Sie unter dem

Einfluß einer Frau stehen, der für Sie höchst verderblich ist. Ich

begreife Sie ja. Sie _sind_ ein Kind. Ich will dieser Frau Geist und

Liebenswürdigkeit gewiß nicht absprechen. Sie sind stolz auf diese

Freundschaft und würden ihr alles zum Opfer bringen. Sie lassen sich

durch diese Freundschaft auf die Bahn des Verbrechens treiben ...“

„Ach, Unsinn!“ sagte Mette.

„Ich verstehe, daß Sie mir widersprechen. Aber nehmen Sie einmal Ihren

klaren Verstand zu Hilfe, und denken Sie logisch nach. Sie entwenden das

Silberzeug aus dem Büfett Ihrer Eltern. Sie lassen sich von Ihrem Vater

Stundengeld geben und legen das Geld dafür an, mit Ihrer Freundin Auto

zu fahren, Sekt zu trinken, die Oper zu besuchen. Sie bezahlen die

Schneiderrechnungen dieser Freundin mit Geld, welches Sie sich auf

unrechtmäßige Weise verschafft haben. Ja, Kind, sehen Sie denn nicht

selbst, auf welchen Abgrund Sie zusteuern?“

Woher wußten sie das alles? Wie durch einen aufflammenden Blitz

erleuchtet, lagen die Zusammenhänge klar vor Metten.

Man hatte sie durch einen Detektiv beobachten lassen, auf Schritt und

Tritt. Wo sie ging und stand, hatten fremde Augen an ihr geklebt, fremde

Augen und Tante Emiliens Gedanken.

Der Mann in Wannsee ... und da vielleicht ... und dort auch. Das war es,

was Olga so geängstigt hatte. Sie hatte es gewußt, gekannt, schon einmal

durchgemacht. Arme Olla ...

Mette saß ganz still und rührte sich nicht. Ihr war, als ob

erbarmungslose Hände ihr Stück für Stück der Kleidung vom Leibe rissen.

Es waren nicht die Hände dieses fremden Mannes, es waren Tante Emiliens

Hände, die das taten, es war Tante Emiliens Gesicht, das sie vor sich

sah, hohngrinsend, geifernd vor böser Lust – langsam, langsam krampften

sich Mettens Finger zu Fäusten zusammen – sie reckte den Hals vor,

senkte die Stirn, verzerrte die Mundwinkel und schluckte gewaltsam.

Die Stimme des Professors wurde wieder ganz sanft und begütigend:

„Denken Sie doch einmal zurück an Ihre Kinderzeit! Haben Sie dieses

Kinderfräulein, unter deren Einfluß Sie damals standen, nicht auch

geliebt? Und sind Sie jetzt nicht froh und dankbar, daß man Sie von ihr

getrennt hat? Genau so dankbar werden Sie uns später sein, wenn Sie erst

zur Einsicht gekommen sind. Wenn Sie nachdenken, so wissen Sie ja jetzt

schon in Ihrem tiefsten Innern Bescheid. _Sie_ sind die treue Freundin.

_Sie_ lieben, _Sie_ opfern sich auf. Und Sie werden ausgenutzt, als

Spielzeug behandelt, bei Gelegenheit verleugnet und über kurz oder lang

beiseite geworfen. Denken Sie denn, das wäre der erste Fall, der uns vor

Augen kommt? Dann sind Sie fürs Leben verdorben, körperlich und seelisch

krank, jeder Glücksmöglichkeit beraubt – was bleibt Ihnen dann? – Je

nach Ihrer Veranlagung: Mord oder Selbstmord! Ich habe furchtbare

Tragödien auf diese Art entstehen sehen ...“

Mette kämpfte vergeblich gegen den Eindruck an, den diese Worte auf sie

machten. Ihre gereizten Nerven spürten einen eiskalten Hauch, der sie

bis in das innerste Herz erschauern machte. Es schien ihr wie ein

mahnender Gruß aus einer dunkel verhüllten Zukunft. Tod – Ende! Ein

grauenhaftes Etwas schritt unbeirrbar auf sie zu und warf seinen kühlen

Schatten voraus.

Sie fröstelte.

Sie mußte sich anstrengen, um eine äußerliche Ruhe zu erzwingen. Sie

krallte die Finger um die Sessellehnen und schluckte ein paarmal.

„Das alles tut ja nichts zur Sache,“ sagte sie endlich mühsam.

„Vielleicht sind Sie so gut und teilen mir mit, weshalb man Sie

eigentlich gerufen hat, und was man über mich beschlossen hat. Denn es

_ist_ doch irgend etwas über mich beschlossen. Wenn nicht in ein

Irrenhaus – will man mich dann in ein Kloster sperren, oder in eine

Besserungsanstalt, oder nach Amerika verschicken?“

Der Arzt lächelte. „Aber nichts von alledem. Sie werden auf einige Zeit

mit Ihrem Onkel, mit Herrn von Seyblitz, zu seiner Familie fahren. – Sie

werden in guter Luft und einem ruhigen Leben Ihre Nerven kräftigen und

werden dann selbständig zu gesunden und willensstarken Entschlüssen

kommen.“

„Wann soll ich fahren?“ stieß Mette kurz hervor.

„Heute noch!“

„Ich muß doch erst einen Koffer packen!“

„Der wird jetzt während unserer Unterredung schon gepackt!“

Das war das, was sie gefürchtet hatte. Mette fühlte die Mauern, die

Handfesseln. Sie warf einen Blick um sich wie ein gehetztes, in die Enge

getriebenes Tier. Nirgends ein Ausweg, nirgends eine Möglichkeit zur

Flucht.

Man trennte sie von Olga. Das war schlimm, aber nicht das Schlimmste.

Man tat ihr Gewalt an. Man hätte diese Reise von ihr erbitten sollen,

man hätte ihr Zeit lassen sollen, Zeit zu einem Abschied, zu einer

Erklärung, Zeit, ihre Sachen selber einzupacken, ihre Bücher ... jetzt

war Tante Emilie an ihrer Kommode und packte ihre Sachen ein, wühlte

darin herum ... in einer Stunde saß sie vielleicht schon im Zug, ohne

Olga Nachricht geben zu können ... und Onkel Jürgen saß ihr gegenüber

als Gefangenenwärter ... und was würde unterdessen hier geschehen? mit

ihrem Schreibtisch ... mit ihren Büchern ... mit Olga ...?

Sie spürte Lust, irgend etwas zu zerreißen, zu zerschlagen, mit dem Kopf

gegen die Wände anzurennen. Sie tat nichts. Sie stand von ihrem Stuhl

auf, sehr blaß, sehr ruhig und sagte:

„Also ... ist das nun alles?“

„Es freut mich,“ sagte der Professor, ebenfalls sich aus seinem Sessel

erhebend, „daß Sie sich mit dieser Reise einverstanden erklären.“

„Einverstanden?“ sagte Mette mit einem verächtlichen Zucken der Lippen.

„Ich füge mich dem Zwang, weil ich weiß, daß jeder Widerstand nutzlos

ist. Wenn meine Tante mich hier forthaben will, läßt sie mich in Ketten

wegschleifen, und mein Vater sieht zu, und alle Gerichte der Welt geben

ihr recht.“

Der Professor ging an ihr vorüber und machte die Tür auf.

„Fräulein Melitta und ich sind uns ganz einig!“ rief er heiter. „Ich

habe ihr eine kleine Luftveränderung verschrieben, und sie freut sich

sehr, ein paar Wochen in Ihrem gastlichen Hause zu verbringen, Herr von

Seyblitz!“

Onkel Jürgen rieb sich die kräftigen Hände, Franz Rudloff versuchte ein

farbloses Lächeln, und Tante Emilie machte ein überraschtes und – wie es

Metten schien – sichtlich enttäuschtes Gesicht.

Sie schoß auf den Professor los und zischte halblaut, aber doch laut

genug, daß alle es hören konnten:

„Sie sagten mir doch, Herr Professor, daß Sie eine Untersuchung

vornehmen wollten, um möglicherweise irgendwelche körperlichen Anomalien

festzustellen ... ich glaube bestimmt ...“

Der Professor versuchte umsonst, sie durch eine leichte Geste der Hand

und der Augenlider zum Schweigen zu bringen. Es war zu spät.

Mette hatte schon begriffen. Ganz jäh und mit einem Schlage alles

begriffen.

Sie spürte nur die eine brennende Sehnsucht, dies widerliche Geschöpf da

unter ihren Händen verenden zu sehen.

Sie wußte nicht, daß sie eine Bewegung machte. Der Boden wich unter

ihren Füßen zurück. Sie hörte ein Röcheln, das fremd und grauenhaft war,

und das doch aus ihrer eigenen Kehle kam. Sie spürte, daß ihre Finger

sich um einen dürren, faltigen Hals krallten und spürte im selben

Moment, daß eisenfeste Hände ihre Gelenke umklammerten, so fest

umklammerten, daß das Blut ihr in den Adern zu stocken schien, und ihr

war, als müßte sie ersticken.

Sie fühlte, daß sie diese Folter nicht einen Herzschlag länger ertragen

konnte.

„Loslassen!“ knirschte sie. „Loslassen!“

Der Arzt gab sofort ihren rechten Arm frei. Eine Sekunde später Onkel

Jürgen den linken.

Jetzt fing die Haut über den Gelenken an zu schmerzen. Sie rieb sie ganz

mechanisch. Sie fühlte sich müde, ruhig, zerschlagen.

Der Gedanke tat ihr fast wohl, daß sie fort sollte, aus diesem Haus, von

diesen Leuten fort, jetzt gleich, in dieser Stunde noch.

Sie wandte sich mit ihren Fragen nur noch an den Arzt:

„Wann geht der Zug? Wird es nicht Zeit, daß ich mich fertig mache?“ –

Als das Auto vor der Tür stand, fragte der Professor beiläufig:

„Wir haben, glaube ich, denselben Weg. Haben Sie nicht einen Platz im

Wagen frei?“

Mette sah ihn groß an und lächelte ein wenig spöttisch:

„Sie brauchen gar keine Ausrede, Herr Professor, wenn Sie mich an die

Bahn bringen wollen. Meine Familie wird auf das Vergnügen verzichten. Es

ist besser für alle Beteiligten.“

Sie reichte ihrem Vater die Fingerspitzen, die dieser mit beiden Händen

umschloß.

„Adieu, Papa, laß dir’s gut gehen.“

Tante Emilie zog sich mit gespielter Ängstlichkeit an die Wand zurück,

als befürchtete sie einen neuen Anschlag auf ihr Leben.

Der Skorpion. Band 1 · 第 11 / 19 题