Aber sie ging. – – –

* * * * *

Eine Handvoll Tage verlebte Mette in stumpfer Qual.

Im dämmernden Erwachen fiel ihr ein, daß sie heute nicht den Weg nach

der Motzstraße nehmen dürfe. Heute nicht, morgen nicht, vielleicht nie

mehr. Sie war verbannt, verstoßen, ausgeschlossen von allen Freuden des

Lebens.

Lang, grau und öde dehnte sich der Tag vor ihr. Bleischwere Müdigkeit

lag ihr in allen Gliedern. Wenn die Telephonklingel schrillte, fuhr sie

mit rasendem Herzschlagen auf, wie aus tiefer Lethargie. Aber niemals

galt es ihr.

Es war schlechtes Wetter in diesen Tagen, kühl und regnerisch.

In einer Sonntagnacht fegte der Wind den Himmel blank von Wolken und die

Straßen trocken.

Am Morgen funkelte ein blauer Sommerhimmel über der Stadt.

Die Sonnenstrahlen, die auf einer Kante des Schrankspiegels tanzten,

weckten Mette.

Sie fühlte sich beim Erwachen so befreit, so voll unbändiger

Lebenskraft, als sei mit einem Schlage alles Trübe hell, alles Schwere

leicht geworden.

Sie fühlte sich fähig, den Kampf mit allen Hemmungen und Hindernissen

aufzunehmen. Ja, es schienen ihr gar keine Hemmungen und Hindernisse

mehr vorhanden.

Sie würde heut’ die Bücher hintragen, die sie von Olga Radó geliehen

hatte.

Und dann würde sie sie zur Rede stellen. Sie ganz frank und heiter

fragen, was ihr eigentlich eingefallen wäre. Und ob sie die Absicht

hätte, sie wieder hinauszuwerfen – dann solle sie diese Absicht nur

ruhig aussprechen ...

Aber sie würde es nicht tun. Es war eine Laune gewesen, eine Gereiztheit

– aber im Grunde doch gar keine ernstliche Verstimmung, kein Streit

zwischen ihnen.

Und wenn sie irgend etwas begangen hatte in Olgas Augen, so wollte sie

Aufklärung haben, und dann wollte sie – ach was, ihretwegen ja! – dann

wollte sie sogar um Verzeihung bitten.

Mette pfiff und summte vor sich hin, während sie sich anzog und ihr Haar

aufsteckte. – – –

* * * * *

Als sie klingelte, schlug das dumme Herz wieder so atemraubend. Dass kam

vom raschen Treppensteigen.

Erna machte ihr auf. Mette war nicht mehr gewohnt, sich melden zu

lassen. Sehr oft wußten die Mädchen gar nicht, ob die Gäste der Pension

zu Hause waren. Sie wollte mit einem: „Guten Morgen, Erna!“ vorüber.

Das Mädchen machte ein erstauntes Gesicht.

„Fräulein Radó ist doch verreist,“ sagte sie zögernd. „Weiß das gnädiges

Fräulein gar nicht?“

Im ersten Augenblick war die Scham dieses Nichtwissens in Metten größer

als das Erschrecken. Sie fühlte sich vor dem Mädchen in lächerlichster

Weise bloßgestellt.

„Doch, doch,“ sagte sie hastig. „Ich wollte nur die Bücher ins Zimmer

legen. Aber ich kann sie ja auch Ihnen geben. Sie sind so gut, Fräulein

Erna, und tragen sie hinein. Dann brauch’ ich mich gar nicht damit

aufzuhalten. Ich hab’s sehr eilig. Auf Wiederschauen!“

Die erste Treppe sprang sie hinunter, damit das Mädchen ihre Hast hören

sollte. Erst als die Tür oben längst ins Schloß gefallen war, ging sie

langsamer.

Olga war fort. Ohne ihr ein Wort zu sagen, ohne sie noch einmal

anzurufen, ohne ihr eine Zeile zu schreiben, ohne dem Mädchen eine

Nachricht für sie zu hinterlassen.

Sie war fort. Ohne zu sagen, wohin. Ohne zu sagen, auf wie lange.

Mette senkte den Kopf sehr tief auf die Brust und ging ganz langsam,

Stufe für Stufe. – – –

* * * * *

Einige Tage später hörte Mette das Telephon schrillen und das Mädchen im

eiligen Trab den langen Türgang entlanglaufen.

Mette macht ihre Zimmertür auf.

„Für mich, Hedwig?“

„Ja, für Fräulein – ein Herr wünscht Fräulein zu sprechen – ein Herr

Petersen oder Petermann, ich hab’ nicht ganz verstanden.“

Auf dem runden Gesicht des Mädchens stand unverhohlene Verwunderung. Es

war das erstemal, daß eine Männerstimme das gnädige Fräulein verlangte.

„Peterchen!“ rief Mette erregt in den Trichter, ohne die geringste

Rücksicht darauf, daß Tante Emilie im Nebenzimmer saß. „Ja, hier ist

Mette. Was ist los? Es ist doch nichts passiert?“

„Nein, nein, bewahre. Ich soll Ihnen nur einen schönen Gruß bestellen,

ich habe heut’ eine Karte bekommen.“

„Woher denn?“ – „Von wem?“ brauchte sie nicht zu fragen.

„Aus Kissingen. Ich mußte mir erst Ihre Adresse im Buch suchen. Ich

wußte keine Telephonnummer, keine Straße, eigentlich ja nicht einmal

Ihren Namen genau ...“

„Ach Gott, Sie Ärmster, kann ich Sie nicht einmal sehen, oder haben Sie

keine Zeit für mich?“

„Aber natürlich, aber gerne ...“

„Wollen wir eine Stunde zusammen spazieren gehen? Ja? Bitte, bitte!

Heute noch, wenn’s geht! Gleich? Ja? Herrlich! Und Sie bringen mir die

Karte mit!“ – – –

* * * * *

Sie trafen sich. Nach zwei Worten der Begrüßung fragte Mette:

„Haben Sie die Karte? Bitte, bitte, zeigen Sie!“

Neben der Adresse stand in einer festen, mühsam zusammengezwängten

Schrift:

„Bitte, Peterchen, sei so gut und gib die Bücher aus der Kgl. Bibl.

zurück. Eins liegt auf meinem Schreibtisch, zwei stehen auf dem Regal

links vom Fenster, 3. Fach v. o. ganz rechts. Und nimm meine Araukarie

zu Dir hinüber, bei mir vergessen die Frauenzimmer sie doch, und ich

möchte nicht, daß sie verkommt.“

Auf der anderen Seite war in den Himmel der Landschaft

hineingeschrieben:

„Klingele, bitte, das Mädelchen an und grüße sie von mir. Die Nummer

mußt Du Dir im Buch suchen. Sie soll mir nicht böse sein. Euch allen

alles Gute. O. R.“

Hunderte und Tausende von Ansichtskarten waren in Mettens Leben schon

durch ihre Hände gegangen, und es war das erstemal, daß ihr der Gedanke

kam: „Was ist das eigentlich für eine wunderhübsche Erfindung, daß man

gleich ein Bild des Ortes schicken kann, wo man sich aufhält. So sieht

es also da aus, wo Olga Radó jetzt ist. Diese Häuser sieht sie Tag für

Tag, unter diesen Bäumen geht sie spazieren, diese Berge grüßen sie –

jeden Morgen, jeden Abend – wirklich eine wunderhübsche Erfindung.“

Sie hätte die Karte gern behalten. Aber sie hatte den Mut nicht,

Petermann darum zu bitten. – – –

* * * * *

„Es ging so schnell“ – sagte sie – „mit dieser Abreise.“ Es widerstrebte

ihr, davon zu sprechen, daß sie nichts gewußt, nichts geahnt hatte. Es

widerstrebte ihr auch, direkte Fragen an ihn zu richten. Halb unbewußt

sprach sie in Worten, die alles unentschieden ließen, so gleichsam erst

sondierend.

„Ja,“ sagte Peterchen, „ganz merkwürdig schnell. Am Dienstag waren wir

doch noch da – richtig, da saßen wir ja noch zusammen. Am Dienstagabend

kommt Olga zu mir herüber:

‚Gib mir dein Kursbuch!‘ Und immer in dem Kursbuch hin und her

geblättert und mich gefragt: ‚Kennst du den Schwarzwald – ist es schön

da? – Was meinst du – soll ich an die Nordsee fahren?‘ Und so, wie es

gar nicht ihre Art war – so unentschlossen – ich möchte beinah sagen: so

ratlos ... und am Mittwoch wurden die Koffer gepackt und Mittwoch abend

fuhr sie ab – sagte keinem Menschen wohin – mir nicht und Frau Flesch

nicht. Ihnen ja auch nicht, nicht wahr? – Ich hatte ja eigentlich erst

den Verdacht – den Gedanken, wollt’ ich sagen, die Idee,“ – Peterchen

zögerte, und sein blasses Gesicht überflog eine leichte Röte – „Sie

beide wären zusammen weggefahren.“

Mette antwortete nicht. Sie dachte nicht einen Augenblick daran, ob ihr

tiefes Stillschweigen vielleicht einen verwunderlichen Eindruck machen

könnte.

Das Wort hatte wie ein erhellender Blitz in sie eingeschlagen, und nun

stand sie in Flammen.

Reisen! Mit Olga reisen! Der Gedanke an diese Möglichkeit hatte etwas

unwahrscheinlich Beglückendes. Einige Sekunden durchlebte sie in ihrer

Vorstellung das, was hätte sein können. Wenn sie am Dienstag zusammen

diesen Entschluß gefaßt hätten! Wenn sie auch am Mittwoch ihren Koffer

gepackt hätte! Sie fühlte sich neben Olga im Zug sitzen und hinausfahren

in den warmen, blauen Sommerabend, in dem hier und da die ersten Lichter

aufflammten. Sie sah sich in einem dieser weißen Häuser, auf der

Terrasse, an einem gedeckten, blumengeschmückten Tisch, Olga gegenüber.

Sie wanderte mit Olga diesen Bergen entgegen, deren schön geschwungene

Linien verlockend auf dem blauen Himmel sich zeichneten.

Jäh und schmerzlich kam es ihr zum Bewußtsein: Das war ein törichter,

unerfüllter, vielleicht ewig unerfüllbarer Traum. Die Wirklichkeit war,

daß sie hier war – allein – und daß Olga fort war – auch allein? Mit

wem? Nichts in der Welt hatte ihr ein Recht gegeben, auch nur danach zu

fragen. – – –

* * * * *

In diesen Wochen war es Mettens einzige Freude, mit Peterchen spazieren

gehen. Sie machten Ausflüge miteinander, fuhren nach Wannsee, nach dem

Grunewald, lagen halbe Tage am Wasser oder nahmen sich ein Ruderboot,

tranken Kaffee in irgendeiner versteckten Gartenwirtschaft und sprachen

von Büchern, von fremden Städten und fernen Bergen, von Tieren und

Pflanzen, von längst verstorbenen Menschen – und von Olga.

Manchmal, wenn sie zusammen waren, schrieben sie an Olga, schickten ihr

eine Ansichtskarte oder machten ihr lange Gedichte in Knittelversen, und

hin und wieder kam eine flüchtige Antwort von ihr und einmal die

Nachricht, daß sie in drei Wochen wiederzukommen gedächte.

Mette war ruhig und glücklich in dieser Zeit. Das Zusammensein mit

Peterchen tat ihr wohl. – Wenn sie zu Hause war, so las und lernte sie

nach seiner Anleitung und zählte die Tage bis zu Olgas Rückkehr. Sie

hatte sich ein ganzes Verzeichnis gemacht von Büchern, die sie bis dahin

gelesen, von Arbeiten, die sie bis dahin erledigt haben wollte. Sie

wollte überraschen durch all die Kenntnisse, die sie in der Zwischenzeit

erworben hatte, und mühte sich mit brennendem Eifer.

Es wäre alles schön und gut gegangen, wenn Tante Emilie nicht gewesen

wäre. Tante Emilie beobachtete und schwieg und speicherte Gift und Galle

in sich auf. Und eines Tages brach es aus.

Es war nach Tisch. Mette wollte mit einem kurzen „Mahlzeit“ aufstehen

und sich aus ihrem Zimmer den Hut holen.

Tante Emilie, die während des Essens schon in Positur gesessen hatte,

fegte mit zierlichen Fingern ein paar Krümchen auf dem Tischtuch

zusammen, und auf Mettens „Mahlzeit“ hin räusperte sie sich kurz und

scharf und sagte betont:

„Vielleicht hast du die Güte, sitzen zu bleiben, bis _ich_ vom Tisch

aufstehe.“

Geduldig und gelangweilt setzte Mette sich wieder hin. Sie wußte nicht,

daß es die Vorrede zu größeren Dingen sein sollte. Sie nahm es für eine

der täglichen kleinen Schikanen, die einen am wenigsten Zeit und Kraft

kosteten, wenn man sie mit größter Gelassenheit hinnahm.

Mette warf einen heimlichen Blick nach der Uhr. „Sie wird jetzt

natürlich noch fünf Minuten sitzen, ehe sie das Zeichen zum Aufstehen

gibt,“ dachte sie. „Gut, komm’ ich also fünf Minuten zu spät. Peterchen

wartet.“

Tante Emilie fegte Krümchen und räusperte sich.

„Willst _du_ so gut sein, Franz,“ begann sie (man könnte vielleicht

besser sagen: sie hub an) „und deine Tochter fragen, wohin sie heute

nachmittag zu gehen beabsichtigt, und mit wem sie geht? Wenn _ich_ sie

frage, so gibt sie mir zur Antwort ‚spazieren – mit Bekannten‘ oder

ähnliche Geistreichigkeiten. Also bitte, frag’ du sie selbst. Vielleicht

hat sie wenigstens vor dir noch so viel Achtung, daß sie dir die

Wahrheit sagt.“

Franz Rudloff rollte seine Serviette zusammen und wieder auseinander,

schob sie in den Ring und zog sie wieder heraus und saß in tödlichster

Verlegenheit.

„Du weißt doch, liebe Emilie,“ sagte er, ohne aufzusehen, „daß ich dir

die Erziehung meiner Tochter übergeben habe, weil ich weiß, daß sie

nirgend so gut aufgehoben wäre, als in deinen bewährten Händen. Mette

ist dir so gut Gehorsam schuldig wie mir. Du bist im Vollbesitz aller

erzieherischen Gewalt ...“

„Gewalt!“ sagte Tante Emilie hohnlachend. „Was soll ich denn machen? Man

kann doch einen zwanzigjährigen Menschen nicht schlagen oder

einsperren.“

„Nicht gut,“ sagte Mette ruhig, „Gott sei Dank! Aber vielleicht darf ich

auch mal eine Frage stellen: Möchtest du vielleicht sagen, warum und

wozu du solche Maßregeln anwenden möchtest?!“

„Wozu? Zu deinem besten!“ sagte Tante Emilie in einem Ton, der flammende

Empörung ausdrücken sollte. Aber der Ton blieb spitz – es war nur eine

Stichflamme. „Warum? Um zu verhindern, daß du vollständig verkommst.“

„Nanu?“ Mette war immer noch mehr belustigt als erregt. „Warum soll ich

denn eigentlich total verkommen? Weil ich mit einem jungen Mann

spazieren gehe? Ach Gott, der arme kleine Petermann. Hast du ihn

vielleicht gesehen? Ich kann ihn dir ja mal vorführen, vielleicht bist

du dann beruhigt!“

„Was ist denn das für ein Mann?“ fragte jetzt Franz Rudloff mit

gerunzelten Brauen. Es sollte vielleicht energisch und streng klingen.

Es klang eher schüchtern.

Mette empfand für ihren Vater ein zärtliches Mitleid, das nicht frei von

Verachtung war.

„Ach Gott, Papa,“ sagte sie, „ein netter, intelligenter Mensch. Aber ein

armes, krankes, verwachsenes Kerlchen. Wahrhaftig, kein Mann, der der

Tugend oder dem Rufe eines jungen Mädchens gefährlich werden könnte.“

„Einem normalen jungen Mädchen vielleicht nicht,“ sagte Tante Emilie,

zitternd vor Bosheit. „Leider weiß ich ja nicht, wie weit bei dir die

Voraussetzung der Normalität zutrifft. Es gibt ja leider Frauen genug,

die sich in krankhafter Geschmacksverirrung zu allem Abstoßenden und

Ungesunden hingezogen fühlen. Gerade wie es leider Gottes Frauen gibt,

die jedem Neger nachlaufen.“

Mette schob ihren Stuhl zurück, daß er hart den Boden schrammte.

„Du bist ja total irrsinnig!“ sagte sie. Weiter nichts. Dann ging sie

mit ihren großen, festen Schritten ins Nebenzimmer ans Telephon und

stellte die Verbindung her.

„Kann ich Herrn Petermann sprechen? ... Verzeihen Sie, Peterchen, ich

muß Sie heut’ versetzen ... Meine Tante erlaubt nicht, daß ich mit Ihnen

spazieren gehe ... ja, es tut mir auch leid – aber da kann man nix

machen – meine Tante findet es unschicklich ... nein, nein, klingeln Sie

lieber nicht an, das ist vielleicht auch unpassend. Grüß Sie Gott.

Lassens sich’s gut gehen!“

Ohne sich umzuwenden, ohne nur einen Blick ins Nebenzimmer

zurückzuwerfen, ging sie in ihre Stube und schloß und riegelte sich ein.

Damit hatte der freundschaftliche Verkehr mit Petermann fürs erste ein

Ende. – – –

* * * * *

Franz Rudloffs stille und empfindsame Natur litt schwer unter der

gespannten Stimmung im Hause. Die Mahlzeiten verliefen in peinlichem

Schweigen, jedes gemeinsame Unternehmen, ein Spaziergang, ein

Theaterbesuch schien ausgeschlossen.

Er beschloß, einen Frieden zu vermitteln und versuchte, seine Tochter zu

einer Bitte um Verzeihung zu bewegen. Er suchte sie zu diesem Zweck, was

er selten tat, sogar in ihrem Zimmer auf.

Mette saß mit aufgestütztem Kopf über ihren Büchern. Als ihr Vater

eintrat, sprang sie auf und empfing ihn wie einen verehrten Besuch. Sie

rückte ihm den bequemsten Sessel zurecht und bot ihm eine Zigarette an.

Er wußte nicht recht, wie er anfangen und einleiten sollte und war

voller Verlegenheit.

Mette versuchte, ihm die Lage zu erleichtern, weil es ihr peinlich war

zu sehen, wie er sich quälte.

Sie versprach die Bitte um Entschuldigung, sie versprach, bei Tisch

Konversation zu machen, sie versprach ein freundliches Gesicht und einen

sanften Ton von morgens bis abends.

„Ich verspreche dir, mich zu beherrschen, Vater,“ sagte sie.

Beherrschung! Das war es nicht, was Franz Rudloff verlangte.

„Könntest du nicht versuchen,“ sagte er zaghaft, „innerlich in ein

anderes Verhältnis zu Tante Emilie zu kommen? Sie hat wirklich so sehr

schätzenswerte Eigenschaften. Es würde ein viel erquicklicheres

Familienleben werden, wenn du – ich weiß, Gefühle lassen sich nicht

zwingen – aber wenn du wenigstens den _Versuch_ machtest, sie lieb zu

haben.“

„Liebhaben!“ wiederholte Mette. Sie sah mit steinern ruhigem Gesicht an

ihm vorüber, aus dem Fenster, aber ihr Atem ging rascher. „Ich kann dir

eins versprechen: ich habe mich Zeit meines Lebens nur auf das eine

gefreut, habe nur auf das eine gewartet, daß sie sterben soll. Ich habe

jeden Abend den lieben Gott gebeten, er soll sie bald, bald sterben

lassen.“

Franz Rudloff wurde ganz blaß.

„Mette!“ sagte er mit großen Augen.

„Ich verspreche dir, das nicht mehr zu tun!“ sagte Mette mit einem

leisen, trüben Lächeln. „Es wäre jetzt auch zu spät. Jetzt bitte ich

Gott nur, daß er mich bald einundzwanzig werden läßt. Daß er dies

unglückselige Jahr schnell, schnell vorübergehen läßt. Wenn ich mündig

bin, wird sich ja irgendein Weg finden lassen. Wenn sie mir’s dann zu

bunt treibt, geh’ ich eben aus dem Hause. Wenn’s sein muß, als

Kindermädchen. Wenn ich nicht mehr mit ihr zusammen zu sein brauche,

soll sie meinetwegen hundert Jahr alt werden. Früher, ich kann dir

sagen, früher hätte ich sie manchmal mit Genuß mit eigenen Händen

umgebracht.“

Vor Franz Rudloff taten sich klaffende Abgründe auf. Er klammerte sich

an den Seitenlehnen des Stuhles fest, so gewaltsam und stoßweise ging

sein armes schwächliches Herz.

„Dann allerdings,“ sagte er mühsam, der Atem versagte ihm, „dann

allerdings wird wohl meine Bitte auf unfruchtbaren Boden fallen. Dann,

dann habe ich dir wohl auch nichts mehr zu sagen.“

Er erhob sich und ging hinaus, schwerfällig wie ein alter Mann.

Mette fühlte einen Moment den Trieb, aufzuspringen, ihn zu halten, ihn

wieder zu dem Sessel zurückzuführen. Ob es nicht doch irgendeinen Weg

gab, sich zu erklären, eine Möglichkeit, sich verständlich zu machen!?

„Er geht, weil er sich fürchtet,“ dachte sie, „er geht, weil er die Luft

in meiner Nähe nicht mehr atmen kann, die Luft, die vergiftet ist mit

dem Gift meiner bösen Gedanken. Er fragt sich jetzt verzweifelt, warum

er so hart gestraft wird, daß er einer Mörderin das Leben gegeben hat.

Wer weiß, womöglich geht er jetzt zu Tante Emilie und fragt sie um Rat,

was er mit seiner verlorenen Tochter anfangen soll. Vielleicht

konsultieren sie mal wieder einen Irrenarzt. Ich hätte die Absicht

geäußert, meine Familie eigenhändig umzubringen. Nein, nein, es hat

keinen Zweck, mit Erklärungen anzufangen. Vater versteht mich ja doch

nicht.“

Der Skorpion. Band 1 · 第 10 / 19 题