„Ja,“ sagte Olga. „Das ist mein Morseapparat. Nach langjähriger
Erfahrung der beste. Was soll ich nehmen? Das Tintenfaß geht doch nicht
gut. Ein Buch gibt keinen Schall, wär’ mir auch zu schade ...“
Währenddessen klopfte es an die Tür.
„Ja, ja, ja!“ rief Olga.
Die Tür wurde nur halb geöffnet, und ein blonder Männerkopf schob sich
durch den Spalt.
„Ah, Besuch?!“ sagte eine hohe, dünne, heisere und trotzdem nicht
unangenehme Stimme.
„Komm rein, Peterchen,“ sagte Olga, „es ist nur die Mette.“
Das Wort gab Metten ein großes Glücksgefühl. Es gab ihr eine gewisse
Heimatsberechtigung in diesem Zimmer, wo nur _geduldet_ zu sein, schon
Stolz und Freude war.
Der kleine Mann, der seinen zarten und verwachsenen Körper durch die Tür
schob, kannte sie, wußte ihren Vornamen, wußte, daß sie „nur“ die Mette
war – das war keine Beleidigung in diesem Falle, sondern eine Erhöhung.
„Nur die Mette“ – das hieß: kein Besuch, niemand Fremdes, jemand, der
dazugehört, der nicht störend wirkt – es ist so gut, als ob ich allein
bin.
Mettens ganze Sympathien flogen dem kleinen Mann entgegen. Vielleicht,
wenn es ein stattlicher, schöner Mensch gewesen wäre, hätte sie sich in
einem Gefühl der Eifersucht gegen ihn gewehrt. Aber er war nichts
weniger als schön, trotz seiner sanften blauen Augen und seiner feinen
gepflegten Hände.
Mette liebte ihn vom ersten Augenblick an, wie sie den Zigarrenhändler
an der Ecke liebte, mit einer fast zärtlichen Liebe.
Diese erste Begegnung war der Anfang einer treuen und langjährigen
Freundschaft.
Otto Petermann war im allgemeinen gewiß nicht geneigt, sich selbst oder
Neigungen, die seiner Persönlichkeit galten, zu überschätzen – aber ob
es nicht doch manchmal Momente gab, in denen er glaubte, Mettens Gefühle
ihm gegenüber für etwas anderes als ihre Liebe für den kleinen
Zigarrenhändler halten zu dürfen?
„– Peterchen,“ sagte Olga, „hol’ die Geige und spiel’ uns was!“
„Ja, was?“ fragte Petermann.
„Etwas Anständiges. Für das kleine Mädchen ist nichts zu schade.“
Und Petermann spielte. Spielte das, was sie beide am meisten liebten,
Olga und er, und was er nicht spielen wollte und nicht spielen durfte,
wenn ihn Leute hörten, für die es „zu schade“ war.
Mette saß ganz still. Ihr war, als ob die Töne sie wie ein sanft
flutender Strom dahintrügen, immer weiter, immer weiter, alles blieb
zurück, die graue, schmutzige Stadt, ein Gemenge von keifenden und
johlenden Leuten – blieb zurück, wurde kleiner, verschwand im Nebel,
immer klarer wurde die Luft, immer reiner, immer tiefer das Wasser,
immer lieblicher, immer freier die Ufer. Eine Insel tauchte auf,
blühende Bäume ließen ihre tief herniederhängenden Zweige von den
ziehenden Wellen tränken.
„Das ist die selige Insel,“ dachte Mette. „Nur Könige wandeln auf dieser
Insel. Nur Könige trägt unser Schiff. Aber ich werde mitgenommen. Ohne
all mein Verdienst und Würdigkeit. Ich will dankbar sein. Mein ganzes
Leben lang. Vielleicht werde ich über Bord geworfen, eh wir an Land
gehen. Aber nun weiß ich den Weg. Dann will ich versuchen zu schwimmen
oder will untergehen. Aber ich will nicht mehr zurück. Nie, nie, nie
mehr zurück!“ – – –
* * * * *
Peterchens Geige sang noch durch die Dämmerung.
An diesem Tage kam Mette das erstemal zu spät zum Abendessen nach Hause.
Die lange, erregte und boshafte Rede, mit der Tante Emilie sie empfing,
machte ihr den Eindruck, als ob schmutziges Wasser über sie ausgegossen
würde. Sie schüttelte sich vor Ekel, aber sie empfand keinen Schmerz. –
– –
* * * * *
Auf Olga Radós Schreibtisch stand ein schöner Kasten aus schwerem,
kantigem Kristall mit einem glatten Silberdeckel. Er war fast immer
leer; denn die Zigaretten wurden so schnell aufgeraucht, daß es nicht
lohnte, sie aus der Originalpackung herauszunehmen.
Eines Abends nahm Olga wieder einmal die letzte von fünfundzwanzig aus
der Schachtel.
„O weh – das ist bös – Mette, sieh mal auf dem Schreibtisch nach – da
sind natürlich auch keine ... ich bin doch ein Schaf!“
„Ich spring’ schnell hinunter und hole welche!“
„Nein, laß, du sollst nicht darum die Treppen laufen – wart’, gib mir
einmal die Handtasche ’rüber. In meinem Etui müssen noch welche sein!“
Olga lag wieder auf dem Diwan, richtete sich halb auf, kramte Schlüssel,
Taschentücher, Briefe aus der Tasche heraus und öffnete schließlich das
Etui.
„Hurra! _Dieu soit loué!_ Bei weiser Einteilung können wir durchhalten
bis morgen früh! Magst du?!“
Sie reichte das offene Etui hinüber.
„Nein,“ sagte Mette, „ich verzichte liebend gern, sonst reichen sie am
Ende doch nicht bis morgen.“
„Engel!“ sagte Olga und drückte das Schloß zu. „Mein einziger Trost ist,
daß du dir nicht allzuviel daraus machst.“
„Darf ich einmal das Etui sehen?“ fragte Mette.
„Da, mein Engel!“ Olga gab es ihr. „Ist es nicht schön?“
Mette drehte das glatte, spiegelnde Gold in behutsamen Händen. „Es ist
unglaublich schön. Ich mag auch die breite, niedrige Fasson so
schrecklich gern. Aber was soll der Krebs? Ist das ein Wappentier?“
„Mein Wappen!“ lachte Olga. „Das Wappen meiner Familie. Es bedeutet, daß
es mit uns den Krebsgang geht.“
„Nein ...“ sagte Mette zögernd und wurde rot.
„Nein? Woher weißt du? Aber nebenbei ist es leider kein so nützliches
und angenehmes Tier. Es soll ein Skorpion sein.“
„Pfui!“ sagte Mette. „Und warum so ein Ungeheuer? Aus einer besonderen
Vorliebe heraus?“
Sie vermied es, wo sie nur konnte, eine direkte Anrede zu gebrauchen.
„Ja,“ sagte Olga. „Man hat dies Etui einmal für mich machen lassen, weil
ich gesagt habe, der Skorpion ist das anständigste Tier von der Welt. Er
ist mein Lieblingstier.“
„Das ist nicht Ihr Ernst!“ rief Mette erschrocken.
„Doch, Fräulein Rudloff. Im übrigen möchte ich nur bemerken, daß das
Dienstbotenniveau ist, sich von einem Menschen Du nennen zu lassen, ohne
ihm ebenso zu erwidern.“
„Aber Sie sagen zu allen Menschen du,“ sagte Mette verlegen.
„Ja, und ich unterscheide die Leute danach, ob sie sich das gefallen
lassen und mich weiter begnädigen, oder ob sie selbstverständlich darauf
eingehen. Wenn du denkst, ich mache deinetwegen eine offizielle
Angelegenheit daraus mit Anstoßen und Bruderkuß, dann irrst du dich.
Wenn du noch ein einziges Mal Sie sagst, muß ich annehmen, daß dir diese
Familiarität lästig ist, und dann bleibt mir nichts übrig, als dich
gnädiges Fräulein zu nennen oder dir einen harten Gegenstand an den Kopf
zu werfen. Es ist nebenbei doch mein Ernst – mit dem Skorpion. Weißt du
nicht, daß er der einzige Selbstmörder unter den Tieren ist? Er _läßt_
sich nicht von menschlicher Neugier und Grausamkeit langsam zu Tode
quälen. Er kämpft wie ein Wahnsinniger – und wenn er weiß, daß keine
Rettung mehr ist, bringt er sich um. Ist das nicht fabelhaft?“
Olga hatte sich aufgerichtet. Ihre Augen sahen groß und dunkel an Metten
vorüber. Auf ihrem schönen, blassen Gesicht lag ein seltsamer,
schmerzlich-heroischer Ausdruck.
Mette erschrak. „Und du?!“ sagte sie und faßte mit einer unwillkürlichen
Bewegung nach Olgas Hand. „Hast du es darum zu deinem Wappentier
gemacht?“
Olga lächelte ein weiches, gutes Lächeln.
„Schäfchen,“ sagte sie, „das hat einen ganz anderen Zusammenhang. Ich
sollte ein Skorpion sein, weil ich einen giftigen Stachel hätte. Weil
‚mein Witz Skorpionstich‘ wäre. Ein Mensch, der mich liebte, hat das
einmal behauptet. Und hat behauptet, wenn ich in die Enge getrieben
würde, richtete ich den Giftstachel gegen mich selber und zerfleischte
mich. Ich weiß nicht, ob das wahr ist. Es macht mir im Grunde keinen
Spaß, über mich nachzudenken. Aber dieser Mensch sah mich so. Und darum
ließ er mir das Etui machen. Schau“ – sie machte es auf. Die kleinen
Rubinen, aus denen der Skorpion geformt war, waren _à jour_ gefaßt. Die
Zeichnung war auch auf der Innenseite deutlich. Und direkt darunter war
der Namenszug eingraviert: Olga Radó.
Mette schalt sich selber töricht, aber sie konnte es nicht hindern: Ihr
Herz war zum Springen voll von einer brennenden Eifersucht gegen diesen
fremden Menschen, der Olga Radó liebte und ihr goldene Zigarettenetuis
schenkte.
„Eine schöne Handschrift!“ sagte sie gedankenlos.
„Es ist nicht meine,“ sagte Olga. Sie schloß langsam das Etui und legte
die glatte Fläche mit einer weichen Geste an die Wange.
„Es ist so schön. Ich liebe es so. Und ich bin so froh, daß ich es
lieben kann ... Es war ein Abschiedsgeschenk ... und es war ein so
schöner Abschied.“
In Metten regte sich qualvoller Widerspruch.
„Ein schöner Abschied!“ sagtet sie bitter. „Gibt es so etwas auch?“
Olga richtete sich hastig auf.
„Ja, Mette,“ sagte sie voll Eifer. „Und es sollte es noch viel, viel
öfter geben. Es ist ein Unglück, daß die Leute nicht verstehen,
auseinanderzugehen. Lern’ es, Mette, lern’ es beizeiten.“
„Nein,“ sagte Mette verstockt, „ich werd’ es wohl niemals lernen. Leute,
denen die Liebe nur ein Spiel ist, die können sich auch aus dem Abschied
ein Spiel machen.“
„Mette,“ sagte Olga ernst, „du bist ein Kindskopf. Glaubst du, daß das
ein Beweis großer Liebe ist, wenn ich mich an einen Menschen klammere,
bis er meiner überdrüssig ist? Ich will lieber zehntausend Tode sterben,
als einem Menschen lästig sein, den ich liebe. Es ist keine Kunst, einen
Anfang zu finden. Ich glaube, daß jeder Mensch jeden Menschen erobern
kann. Und immer wird der Anfang schön sein. Und immer das Ende
scheußlich, bitter, qualvoll, ekelhaft. Es ist eine schwere Kunst, ein
Ende zu machen. Zur rechten Zeit. Und auf die rechte Art. Lern’ es,
Mette, lern’ es beizeiten!“ – – –
* * * * *
Die drei saßen zusammen: Peterchen, Mette und Olga.
„Ich begreife dich nicht,“ sagte Peterchen mit seiner leisen,
gebrochenen Stimme, „ich begreife dich nicht, Olga, daß du die Bettine
nicht lieben kannst. Ich dachte _gerade_, das müßte ein Mensch für dich
sein. Ein Mensch von so reicher Begabung, von fast unheimlicher
Phantasie, von beinah wildem Temperament, dabei solche Anmut, solche
Zartheit der Empfindung. Wenn man von der Frau weiter nichts wüßte, als
die Geschichte ihrer Verheiratung, müßte sie einem doch schon
sympathisch sein.“
„Ja,“ sagte Olga, „dann ja! Aber man weiß eben zu viel von ihr. Oh, sie
ist so aufdringlich und so verlogen, so gemacht genialisch, so mit
Koketterie unbändig, mit Vorsatz leidenschaftlich. Nichts auf der Welt
ist mir so verhaßt. Denk dir – so sehr ich Klemens liebe – wenn ich
manchmal glaube, die Verwandtschaft zu spüren, mag ich ihn nicht. Und
dann – du weißt ja – verzeih ich ihm auch seine unglückliche Liebe zu
Mariannen nicht.“
„Richtig, die kannst du ja auch nicht leiden!“
„Kann ich auch nicht, Peterchen, und wenn du mir den Kopf abreißt. Ich
weiß nicht, woran es liegt. Irgend etwas an ihr macht auf mich immer den
Eindruck von ‚Biederkeit‘. Und du weißt, das ist eine Eigenschaft,
die ich in den Tod nicht ausstehen kann. Schon diese ewige
Alte-Herren-Liebe. Nein, nein, geh mir mit ihr, ich mag sie nicht.“
„Olga, wie kannst du über diese Frau so leichtfertig urteilen?“
„_Diese_ Frau! Sag’ nur noch, diese vortreffliche Frau. Mit _dem_ Wort
kannst du sie mir ganz gewiß verekeln. Und es paßt eben leider ein
bißchen auf sie. Herrgott! Man kann doch seine Gefühle nicht zwingen.
Sie hätte mich wahrscheinlich auch nicht leiden können. Und das fühl’
ich so.“
„Aber Bettine hätte dich wahrscheinlich glühend geliebt.“
„Vielleicht! Aber daß ich Bettinen so hasse, das hat ja auch noch eine
besondere Bewandtnis.“
„Du bist eifersüchtig auf sie!“ sagte Petermann sehr leise.
Olga fuhr mit einer fast heftigen Bewegung herum. Ihre Augen flackerten
in dem weißen Gesicht.
„Ja, ich bin auch eifersüchtig auf sie!“
„Wegen der Günderode!“
„Wegen der Günderode.“ –
Petermann wurde ans Telephon gerufen. Es war so still im Zimmer, daß
Mette eine ganze Weile nicht zu sprechen wagte.
„Merkwürdig seid ihr,“ sagte sie endlich gepreßt, „wie ihr von diesen
Leuten redet – als wären sie euer täglicher Umgang.“
„Das sind sie doch auch,“ sagte Olga fast verwundert. „Das ist doch die
einzige Lebensmöglichkeit. Meinst du, ich möchte leben, wenn ich nur
Verkehr mit den Menschen hätte, mit denen du mich so zurzeit verkehren
siehst? Weißt du – es ist auch die einzige Art zu lesen, ich meine, wenn
du zum erstenmal einen Briefwechsel oder einen Memoirenband vornimmst –
einen, wo nicht hohe geistige Probleme behandelt werden, dann ist einem
doch zumut, als wenn man in einer fremden Gesellschaft sitzt. Die Leute
klatschen miteinander und erzählen sich was von Herrn Müller und Frau
Schultze, und man sitzt dabei und langweilt sich zu Tode. Wenn man aber
Herrn Müller und Frau Schultze _kennt_, ist’s schon wesentlich
amüsanter. Und wenn man in einen _verliebt_ ist und wartet dann mit
klopfendem Herzen, ob vielleicht sein Name genannt wird, und was nun der
oder der über ihn sagen wird, dann wird’s spannend und aufregend.
Peterchen versteht mich so darin. Er ist überhaupt ein feiner kleiner
Kerl. Findest du nicht?“
„Ja,“ sagte Mette gleichgültig. „Er ist sehr nett.“
Olga lächelte. „Er ist direkt verliebt in Bettinen und begreift mich
nicht.“
„Aber du,“ sagte Mette leise, fast widerwillig, „du liebst die
Günderode.“
„Ja,“ sagte Olga mit großen, seltsam glänzenden Augen, „oh, ich liebe
sie so! Du glaubst nicht, was ich für Qualen ihretwegen ausgestanden
habe. Und ich konnte nichts tun für sie! Vielleicht hat sie Sehnsucht
nach Ruhm gehabt – nach äußerlicher Unsterblichkeit – und sie ist so
vergessen. Wer weiß denn von ihr? Ich habe mir so gewünscht, etwas
Unerhörtes leisten zu können, um sie zu verewigen. Ich wollte
Michelangelo sein oder Dante oder Homer – um ihr ein Denkmal zu setzen,
und um unsere Namen für tausend Jahre unauflöslich miteinander zu
verknüpfen. Oh, es war eine Zeitlang wie eine Krankheit in mir. Es
marterte mich einfach, daß ich diese lumpigen hundert Jahre, die uns
trennten, nicht überspringen konnte. Weißt du – so muß einem Gelähmten
sein, oder einem Gefesselten, der im Nebenzimmer eine Stimme hört, die
ihn in allen Nerven erzittern macht, und er kann sich nicht rühren.
Manchmal hab’ ich gedacht, man muß es können. Man muß nur wollen. – Ich
weiß noch, daß ich eine Nacht auf dem Balkon lag im Liegestuhl und zum
Antares hinaufstarrte. Da war es mir wieder, als riefe sie mich. Ich
wollte aus meinem Körper hinaussteigen, ich wollte. Und denke dir, ich
hatte das Gefühl, als ob es mir gelänge. Ich schwebte über mir. Mein
Körper war eiskalt, ich hätte kein Glied rühren können, und da faßte
mich plötzlich eine rasende Angst. Ich wußte, ich würde mich verfliegen
und nie mehr, nie mehr zurück können. Da kroch ich wieder in mich hinein
und trieb mein Herz an und erwärmte mich durch meinen Willen, und
nachher schalt ich mich feige und erbärmlich. – Es muß seltsam sein,
wenn uns einmal diese Fesseln abgenommen werden. Manchmal freue ich mich
direkt darauf.“
„Alles deswegen,“ sagte Mette ein wenig bitter. „So hast du sie
geliebt?“
„Ja,“ sagte Olga, „jetzt ist es nicht mehr so schlimm. Ich hätte doch
früher zu keinem anderen Menschen davon reden können. Ich habe Bettinens
Bücher versteckt, damit kein Mensch sie bei mir findet. Ich wurde rot
und blaß, wenn jemand ihren Namen nannte, oder mir etwas sagte, was mich
an sie erinnerte. Du mußt nicht denken, daß ich jetzt darüber lache.
Mein Gefühl ist genau dasselbe, ich fühle mich ihr so absolut verbunden
– aber ich gehöre ihr nicht so ausschließlich, wie in der ersten Zeit,
als ich sie fand.“
Sie schwiegen beide. Stille Dämmerung senkte sich langsam.
„Ich habe nie ein Bild von ihr gesehen,“ sagte Olga. „Ich weiß auch gar
nicht, ob es Bilder von ihr gibt. Ich möchte auch keins sehen. Ich habe
eine so deutliche Vorstellung von ihr. Ich glaube, wenn ich ein Bild
sähe, würde ich erschrecken. Ich würde sicher namenlos enttäuscht sein.
Ich habe direkt Angst davor, einmal ganz unerwartet ein Bild von ihr zu
finden.“
„Ich wollte, ich fände eins,“ sagte Mette, ohne Olga anzusehen, „ein
recht häßliches!“
„Pfui!“ sagte Olga mit ihrer tiefen Stimmen. Kein Wort weiter.
In Mette kämpften Scham und Schmerz. Sie haßte sich selbst. Sie kam sich
vor wie ein ungezogenes Kind, dem man ein wunderfeines Gebilde aus
venezianischem Glas zeigt, und das aus Bosheit und Rohheit mit dem Stock
nach der Herrlichkeit schlägt. Aber zugleich regte sich ein dumpfer
Trotz in ihr: warum quält sie mich? Ich will mich nicht quälen lassen!
Sie hatte das Gefühl, daß sie um Verzeihung bitten müsse. Aber das
konnte sie nicht.
Wenn sie jetzt ging, dann würde Olga sie nie wieder rufen. Und ungerufen
durfte sie nie mehr kommen. Sie würde nie mehr in diesem Sessel sitzen.
Sie würde nie mehr den Duft von Lavendel und Zigaretten in diesem Zimmer
atmen. Sie würde nie mehr diese Stimme hören.
Das Schweigen dauerte so unheimlich lange. Ja, sie mußte nun wohl
eigentlich aufstehen und gehen. Aber es war, als ob der Stuhl sie
festhielte, oder die graue Wand drüben, an der ihre Augen hingen. Sie
fühlte, im Moment, da sie aufstehen wollte, würden ihr die Tränen aus
den Augen stürzen. Das durfte nicht sein. Sie bemühte sich, an irgend
etwas anderes zu denken – an etwas ganz Fernliegendes. Nächste Woche
wollte sie ins Theater gehen. Darauf hatte sie sich gefreut. Eigentlich
war bei jedem Theater- oder Konzertbesuch doch das hübscheste, nachher
hier zu sitzen und über das Gehörte und Gesehene zu sprechen. Das würde
nun nicht sein. Nächste Woche nicht. Vielleicht nie wieder.
Die Stille im Zimmer war atemraubend. Wenn Olga nur reden wollte. Irgend
etwas, sie ausschelten, sie demütigen. Es war so grausam von ihr, zu
schweigen.
Mette machte den Versuch, aufzustehen. Sie machte eine Bewegung, die
unsichtbar blieb, aber die sie inwendig in allen Muskeln spürte.
Zugleich aber konnten die mühsam aufgehaltenen Lider das unaufhörlich
quellende Wasser nicht mehr zurückdrängen, sie zitterten, schlossen
sich, und die schweren Tropfen stürzten nieder.
Mette schämte sich maßlos. Irgend etwas in ihr kroch ganz in sich
zusammen. Sie hätte sich so gern äußerlich auch zusammengezogen, sich
geduckt, das Gesicht versteckt. Aber sie wagte nicht, sich zu rühren.
Sie wollte nicht durch eine Bewegung Aufmerksamkeit erregen. Vielleicht
war Olga mit ihren Gedanken weit fort und achtete nicht auf sie.
Die Tränen fielen ihr auf die Hände. Sie wagte nicht, sie abzutrocknen.
Plötzlich schreckte sie zusammen. Sie hörte den Diwan knarren, ein
leises Rauschen der Röcke. Olga war aufgestanden.
Jetzt sagte eine unendlich weiche, leise Stimme neben ihr:
„Mette, Kind! Warum weinst du eigentlich?“
Mette sah nicht auf, sondern senkte den Kopf noch tiefer.
Da kniete Olga mit einer raschen Bewegung nieder, wie man vor einem
weinenden Kinde kniet und versuchte von unten herauf ihr ins Gesicht zu
sehen.
„Warum weinst du eigentlich?“
Mette sah das schöne Gesicht vor sich durch einen Schleier von
stürzendem Wasser. Sie lächelte.
„Ich weiß nicht!“ sagte sie.
Sie sah auf die weiße schlanke Hand, die auf ihren Knien lag, ihre
beiden gefalteten Hände fest überspannend. Sie neigte sich langsam auf
diese Hand und preßte den Mund, die heißen, tränenfeuchten Wangen
dagegen.
„Kind!“ sagte Olga beinah ungeduldig und versuchte mit der anderen Hand
ihr die Stirn zu heben. „Wenn ich nur wüßte, warum du weinst!“
Mette schreckte vor diesem Ton zurück. Sie hob den Kopf und starrte
wieder auf die graue Mauer jenseits des Hofes.
Olga war aufgestanden. Ihre Hand lag immer noch auf Mettens Kopf. Die
kühle, glatte Handfläche preßte sich fest und beinah schwer auf ihre
Stirn und ihr Haar. Mette empfand diesen Druck als etwas unendlich
Wohltuendes. So, als müßte sie zerspringen, wenn diese kräftige Hand
aufhören würde, sie zu halten.
„Ich weiß doch nicht,“ sagte sie leise, „ich möchte auch seit hundert
Jahren tot sein. Vielleicht würdest du mich dann auch lieben.“
Da riß Olga Radó mit einer jähen Bewegung Mettens Kopf an ihre Schulter
und preßte die Lippen hart und fast gewaltsam auf ihre Stirn.
„Und so? Und jetzt?“ fragte sie kurz. In ihrer tiefen Stimme war ein
seltsam vibrierender Klang, wie von mühsam gebändigtem Groll.
Mette fühlte bis in die Schläfen, bis in die Fingerspitzen das rasende
Hämmern eines Herzschlags. Aber sie wußte nicht, wessen Herz so schlug.
Sie hatte das Gefühl, daß es nun ihre Pflicht sei, etwas unendlich
Großes zu tun. Ihr war, als müsse Olga Radó jetzt in überirdischer Größe
vor ihr aufstehen und eine ungeheure Tat von ihr verlangen.
Mette fühlte sich heilig entschlossen, auf ein einziges Wort hin aus dem
Fenster zu springen oder sich die Brust mit einem Dolch aufzureißen und
ihr zuckendes Herz in beide Hände zu nehmen.
Olga Radó verlangte nichts von alledem. Sie ließ sie plötzlich los und
trat aus Fenster. Sie legte die Finger um den Fensterriegel und die
Stirn gegen die Scheibe. Und so, ohne sich umzuwenden, ohne den Kopf zu
drehen, sagte sie nach einer Weile in einem seltsam ruhigen, ja
sachlichen Ton:
„Geh nach Hause, Kind!“
„Warum?“ fragte Mette erschrocken. Sie stand auf, die Füße zitterten
unter ihr. Das beklemmende Gefühl von etwas Rätselhaftem, Unheimlichem
legte sich ihr schwer auf die Brust. Warum wurde sie fortgeschickt? Was
hatte sie begangen?
Sie wollte irgendeine Erklärung haben. Sie wollte die Hände auf Olgas
Schultern legen und wollte sie mit Gewalt herumreißen und auf ihrem
Gesicht nach einer Antwort suchen. „Ich habe ein Recht dazu“ – dachte
sie mit aufsteigendem Zorn – „wahrhaftig, ich habe ein Recht dazu“.
Wie sie den ersten Schritt nach dem Fenster zu machte, fuhr Olga mit
einer heftigen Bewegung herum. Sie kreuzte die Arme über der Brust und
umklammerte mit gespreizten Fingern die Ellbogen. In dem weißen Gesicht
flackerten die Augen tiefdunkel und drohend.
„Du sollst nach Hause gehen,“ sagte sie mit so gezwungener Ruhe, als
bändige sie mühsam eine maßlose Wut. „Kannst du nicht hören? Bin ich
nicht Herr mehr in meiner eigenen Wohnung? Nimm deinen Hut und geh. Geh,
geh, geh, geh!“
Der aufflammende Zorn in Mette war erloschen. Nur noch Angst war in ihr
und eine tiefe, tiefe Traurigkeit.
Irgend etwas wollte sie wie mit Peitschenhieben zu Olga hintreiben. Sie
wollte vor ihr auf die Erde fallen, sie wollte ihre Knie umklammern, sie
wollte sie anflehen:
„Weine doch, schreie, schlag’ mich, aber tu dir nicht so Gewalt an – sag
mir, was du hast – ich will sterben für dich, aber schick mich nicht
fort, wenn du leidest!“
Sie stand und rührte sich nicht.
„Geh, geh, geh!“ sagte Olga.
Da griff Mette Rudloff nach ihrem Hut und ging. Sie mühte sich, gerade
und aufrecht zu gehen. Sie taumelte ein wenig, als sie die Tür hinter
sich ins Schloß zog und mußte sich gegen die Wand lehnen. Sie stützte
sich mit ihrer ganzen Schwere gegen das Geländer, weil die Treppe unter
ihr wie ein rasender Strudel kreiste.