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Und so ging es eine ganze Weile.
Mette las mit einem Feuereifer die Bücher, die Olga Radó ihr gab. Und
wenn sie das Buch sinken ließ, mit brennendem Gesicht, dann war ihr, als
ob Olga ihr gegenüber säße, und sie fing an, lange Gespräche mit ihr zu
führen. Auf jeder Seite stand etwas, etwas Grauenhaftes oder Schönes,
etwas Merkwürdiges oder Unverständliches, irgend etwas, was sie Olga
erzählen, wonach sie Olga fragen mußte.
Manchmal führte sie diese Gespräche auch in Wirklichkeit, manchmal
sprach sie das aus, was sie sich in Gedanken zurechtgelegt hatte, sagte,
was zu sagen sie sich vorgenommen hatte – aber nur selten.
Es war das sonderbar Beglückende und Überraschende, was Mette wohl
empfand, aber sich viel, viel später erst klarmachte: daß man Olga Radó
nicht führen konnte. So stark waren ihre Gedanken, ihre Stimmungen, daß
sie im ganzen Zimmer eine Atmosphäre schufen, in der es unmöglich
schien, anderer Laune zu sein als sie. Und wer kein Gefühl dafür hatte
und einen anderen Ton anschlug als den, in dem Holz und Glas und Luft
und Seide leise zu schwingen schienen, der erweckte eine schreiende
Dissonanz.
Mette spürte das später manchesmal, wenn Fremde ins Zimmer kamen. Sie
selbst rief nie, nicht in den ersten Tagen, einen Mißklang hervor, weil
sie still war, weil sie sich selbst ausschaltete, um halb unbewußt und
doch beinah ängstlich jede Schwingung aufzufangen, die in der Luft
zitterte.
Im Anfang war es halb unbewußt. Sie kam sich so bodenlos klein und dumm
vor, daß sie kaum wagte, in Olgas Gegenwart einen Gedanken für sich zu
haben. Später, als ihre gesunden Nerven längst fein und dünn bis zum
Zerreißen ausgespannt waren, hatte sie es zu einer bewußten
Meisterschaft gebracht. Sie pflegte manchmal scherzend zu sagen:
„Heut mußt du in sehr schlechter Laune die Straße entlang gegangen sein.
Die Häuser schneiden jetzt noch Fratzen hinter dir her!“ – –
Es war das dritte- oder viertemal, daß Mette oben war. Olga lag auf dem
Diwan und rauchte so ununterbrochen, daß die blauen Wolken Mühe hatten,
sich zum Fenster hinauszuschieben.
Mette saß im Sessel und las ihr Jean Paul vor:
„Einen anderen freilich, wenigstens den Leser und mich, würde die
durchsichtige Nacht, womit sich der April beschloß, die weite Stille,
auf welche die Trommelstöcke schlugen, die Sehnsucht nach dem Geliebten,
mit welchem der Morgen wieder das öde Herz und das zerstückte Leben
ergänzte, alles dieses würde uns beide mit sanften Bebungen und Träumen
erfüllt haben ...“
„Bitte, laß!“ sagte Olga gequält und preßte die Hand gegen die Schläfen.
„Sei nicht böse, ich kann es heut’ nicht vertragen, sei lieb, Kind, da
oben steht der Walt Whitman – im obersten Fach – weiter nach rechts –
oder nein, laß – geh mal nebenan an meinen Toilettentisch, da liegt eine
silberne Bürste – nein, die mit dem Stiel – die bring mal her.“
Mette brachte gehorsam die Bürste.
Olga nahm sie ihr aus der Hand, ohne sich aufzurichten und schlug mit
dem Rücken einen kräftigen Daktylus gegen die Wand, nach kurzer Pause
noch einen und einen dritten.