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Eine Woche lang gab Mette ihre zwecklosen Spaziergänge auf und übte zu
Hause Klavier und lernte französische Vokabeln, und wenn sie eine halbe
Stunde geübt und gelernt hatte, warf sie sich auf den Diwan und starrte
in das Stückchen Himmelblau, von silbrigen Telephondrähten durchschrägt,
das sie von ihrem Platz aus sehen konnte. Und dann flogen ihre Gedanken
– wie das herrlich wäre, alle Sprachen der Welt zu verstehen, oder ein
Instrument vollkommen zu beherrschen, oder eine wundervolle Stimme zu
haben, oder bezaubernd schön zu sein. Aber da man all so etwas doch nie
erreichen konnte, so wäre es vielleicht am angenehmsten, tot zu sein. –
– –
* * * * *
Dann kamen dringende Besorgungen, die einen gezwungenermaßen in die
Motzstraße führten. Und wenn man an dem Haus vorüber mußte, war es
natürlich, daß man ein wenig langsamer ging, zu den Fenstern hinaufsah,
die Straße entlang spähte.
Und wenn man in der Stadt war und nach Hause gehen wollte, konnte man
genau so gut durch die Motzstraße gehen wie durch die Kleiststraße. Und
wenn man ging, um ein wenig an der frischen Luft zu sein, war es das
natürlichste von der Welt, daß man sich auf den Viktoria-Luise-Platz auf
eine Bank setzte und den spielenden Kindern zusah.
Jeden Tag stand Mette vor einem Geschäft mit Handschuhen, Bändern und
Spitzen und starrte tiefsinnig auf die Auslagen – weil im Hintergrund
des Glaskastens ein Spiegel war, und weil man in diesem Spiegel die
Haustür gegenüber beobachten konnte.
Jedesmal zuckte Mette zusammen, wenn die Haustür sich auftat.
Und als einmal Olga Radó durch die Haustür trat, hätte Mette sie beinah
nicht erkannt. Sie hatte einen losen Mantel an, beide Hände in den
weiten Taschen vergraben und keinen Hut auf. Sie lief mehr als sie ging,
zwei Häuser weiter nach dem Briefkasten und steckte einen Brief unter
die Klappe.
Mette ging rasch über den Damm, um ihr den Rückweg abzuschneiden. Dabei
klopfte ihr Herz so, daß sie nach Atem ringen mußte. Sie faßte in
flüchtigster Geschwindigkeit der Gedanken hundert Entschlüsse, die sie
wieder verwarf.
Sie wollte sie anreden – sie wollte mit stummem Gruß an ihr vorübergehen
– aber vielleicht wurde sie gar nicht erkannt – sie wollte sie doch
lieber anreden – aber wie?
Als sie noch auf dem Damm war, hatte Olga sie gesehen und schwenkte ihr
die Hand entgegen.
„Hallo, Fräulein Mette! Wollten Sie mich besuchen?“
„Eigentlich nicht!“ sagte Mette und wurde blaß vor Aufregung. Vielleicht
war es wieder eine Dummheit. Vielleicht hätte sie „ja“ sagen sollen ...
„Aber uneigentlich ja“ – sagte Olga und schob ihre Hand in Mettens Arm.
„Kommen Sie eine Stunde mit hinauf. Oder haben Sie etwas zu versäumen?
Nein? Na also! Warten Sie – ich muß nur noch zu meinem Freund an der
Ecke, mir Zigaretten holen – gehen Sie mit?“
Nie in ihrem Leben hatte Mette einen so reizenden kleinen Tabaksladen
gesehen, wie dies Geschäft an der Ecke. Nie war ein Mensch so auf den
ersten Blick gewinnend gewesen, wie dieses weißhaarige, schmunzelnde
Männchen mit den dürren, zittrigen Händen, bei dem Olga Radó ihre
Zigaretten kaufte – – –
* * * * *
Olga saß vor dem breiten Diplomatenschreibtisch aus schwarzgebeiztem
Eichenholz im Lutherstuhl, die Beine übereinander geschlagen, ein wenig
vorgebeugt, beide Ellenbogen auf den hohen Seitenlehnen.
Mette saß ihr gegenüber im Sessel. Ihr war ein wenig zumute wie beim
Examen. Irgend etwas in ihrem Innern straffte sich auf, biß gleichsam
die Zähne zusammen und sagte: Ich will bestehen. Ich will bestehen.
Eine Weile ging es ganz gut. Sie sprachen von den Möbius-Mädeln und von
Erika Hannemann und Tante Konsul. Und Mette erzählte von zu Hause, von
Tante Emilie und von den schönsten Tagen ihrer Kindheit – von dem Gut
und dem Gartenhäuschen aus Birkenrinde und dem Brückchen aus
Birkenstämmen, das über ein ganz kleines Wässerlein führte – und von den
Perlhühnern, die immer auf die Veranda kamen, wenn gefrühstückt wurde
...
Und dann sagte Olga plötzlich:
„Sagen Sie mir bloß, wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit
meinen sogenannten Cousinen?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette – „Tante Emilie ...“
„Ich will nichts gegen sie sagen,“ sagte Olga rasch, „es sind
herzensgute Kinder. Aber langweilen Sie sich nicht zu Tode in diesem
beständigen Verkehr?“
„Ja,“ gab Mette zu, „aber ich langweile mich eigentlich immer.“
„Hören Sie, das ist ja furchtbar!“ sagte Olga ernsthaft erschrocken.
„Ich möchte lieber tot sein, als mich langweilen. Haben Sie denn keinen
anderen Menschen als Fanni und Emmi und Tante Emilie?“
„Nein“ – sagte Mette zögernd. „Es liegt wohl an mir. Ich habe nie eine
Freundin gefunden. Aber ich habe auch nie eine gemocht.“
„Es ist nicht leicht“ – sagte Olga nachdenklich. „An unseren besten
Freunden gehen wir meist um ein paar Jahrhunderte vorüber. Von manchen
wissen wir. Wenn wir von ihnen lesen oder ihre Bilder sehen. Aber das
sind doch nur die wenigsten. Und von denen, die nach uns geboren werden,
wissen wir gar nichts. Darum beneide ich die Schaffenden so. Sie können
denen, die nach ihnen kommen, einen Gruß zuwinken. Sie können sich
selbst festhalten in Worten, in Bildern, in Taten. Ja, in Taten auch.
Das ist dann wie ein Schrei: So bin ich! So war ich! Habt mich lieb! Und
wenn sie bei ihren Lebzeiten niemand gefunden haben, so wird vielleicht
in hundert Jahren einer geboren, oder in zweihundert, der sie liebt, so
wie sie geliebt sein wollten. Der sie versteht, so wie sie verstanden
sein wollten. – Wir armen Hunde – wenn wir tot sind, werden wir ganz
gewiß nicht mehr geliebt. Nicht in zehn Jahren mehr, ach, nicht in zehn
Monaten. Ich möchte manchmal ...“
Ihre Augen standen tief dunkel und drohend unter den zusammengezogenen
Brauen.
Sie brach ab und setzte mit einer anderen Stimme wieder ein:
„Wissen Sie, unter den Menschen der Renaissance sind sehr viel
sympathische Leute. Man hätte doch wohl vier, fünf Jahrhunderte früher
leben müssen. Ich wäre ganz sicher mit Margherita Sforza befreundet
gewesen. Ich hab’ vorhin gerade so eine famose Geschichte von ihr
gelesen, wie sie ihrem Bruder seine Besitzungen erhielt, als Julius
Cäsar gegen sie abgeschickt wurde.“
In Mettens Kopf erhob sich ein Wirbel, der einem Schwindelgefühl nicht
unähnlich war.
Renaissance – das war ihr ein vertrauter Begriff.
Mit dem Namen Sforza verband sie eine dämmernde Vorstellung.
Aber – „Julius Cäsar?“ murmelte sie fassungslos.
Olga lachte: „Nein, nein, nicht _der_! Julius Cäsar von Capua.“ Und dann
setzte sie gleich wie begütigend hinzu: „Ein kleines, dummes Fürstchen!
Sie brauchen ihn nicht zu kennen.“
„Ach,“ seufzte Mette aufrichtig, „ich kenne so viele nicht, die ich
kennen müßte.“
„Na,“ sagte Olga, „es wird so schlimm nicht sein. Die Königin Johanna
kennen Sie doch?“
„Welche?“ fragte Mette ratlos. „Ich kenne nur die Erzählungen der
Königin von Navarra ...“
„Die kennen Sie hoffentlich nicht!“ sagte Olga belustigt. „Im übrigen
war das eine Margarete. Aber die Sforza kennen Sie doch?“ Sie fragte so
zart, so zuredend, als spräche sie zu einem Kinde, dem man nicht wehtun
will.
„Ich weiß nicht ... nein ... ja ...“
„Na, was wissen Sie von ihnen?“
„Nichts“ – sagte Mette verstört –, „nur das Bild von Rubens – das kleine
Mädchen mit der Leberwurst ...“
Olga horchte einen Augenblick mit hochgezogenen Brauen, als dächte sie
nach. Dann lachte sie laut und lustig, so lustig, wie Mette sie noch nie
hatte lachen hören. Aber merkwürdigerweise tat diese Lustigkeit Metten
nicht weh, obgleich sie sich über ihre eigene Unempfindlichkeit
wunderte. Es war so hübsch, Olga Radó so herzlich lachen zu sehen. Auch
dann, wenn man selber ausgelacht wurde.
„Mädchen!“ rief Olga immer noch lachend. „Wie sieht das in deinem Gehirn
aus! Ach! Da möcht ich einmal Ordnung schaffen!“
„Tun Sie das!“ sagte Mette glühend. „Bitte, bitte, tun Sie das!“
Olgas Gesicht wurde einen Augenblick ernst und nachdenklich.
„Nein, nein,“ sagte Mette sofort erschrocken, „das war eine
Unverschämtheit. Sie sind ja schließlich nicht unsere Gouvernante!“
„Kind!“ sagte Olga, und legte mit einem raschen Sichvorbeugen ihre Hand
auf Mettens. „Sind Sie so empfindlich? Das galt doch gar nicht Ihnen!
Wollen Sie lesen lernen bei mir? Weiter kann ich Ihnen ja auch nix
beibringen! Kommen Sie, ja? Kommen Sie zu mir herauf, sooft Sie wollen,
bis es Ihnen langweilig wird.“
„Nie!“ sagte Mette, als spräche sie einen heiligen Eid.
„Aber wissen Sie, ehe wir uns irgendwo festhaken, müssen Sie erst mal
einen Überblick haben. Sie müssen sich durch eine Weltgeschichte
durcharbeiten. Soll ich Ihnen den Schlosser mitgeben? Es sind achtzehn
Bände. Immer einen Band nach dem andern. Ja – Mädel, da hilft dir kein
Gott! Wenn du weiter nix tust, kannst du gut hundert Seiten im Tag lesen
– ach mehr – und wenn du fertig bist – alle drei, vier Tage – je nachdem
– kommen Sie her und tauschen sich den Band ein und trinken hier Tee,
und wir plaudern ein bissel. Gell, ja? Wollen wir’s so halten?“