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Eines Abends – die Mädels saßen noch im Dämmer zusammen – weil es sich
besser reden ließ als beim grellen Lampenlicht, und Mette ließ sich zum
drittenmal die Geschichte von Max und Travemünde erzählen, und wie es
„angefangen“ hatte – schrillte die Klingel, und ein paar Sekunden später
klang im Nebenzimmer mit Frau Konsuls dünnem, sanftem Organ die tiefe,
tönende Stimme, die Metten ein Erschrecken bis ins Herz jagte.
Sie kannte diese Stimme so genau und fürchtete doch, daß sie sich
täuschen könnte. Sie wollte fragen: „Ist das nicht Olga?“ und fürchtete,
ein „Nein“ als Antwort zu bekommen. Und mehr als alles fürchtete sie,
daß dies Gespräch nebenan verstummen könnte – daß die Türen gehen
könnten und es nachher heißen würde: „Eben war Olga auf einen Moment
hier“.
Die Stimmen verstummten nicht. Sie wurden lauter, kamen näher, die Tür
wurde rasch und weit aufgemacht, und im Rahmen stand Olgas hohe
Erscheinung, abgehoben von dem gelben Licht, das das Nebenzimmer füllte,
wie ein gedunkeltes Bild von goldenem Grund.
„Kinder, wollt ihr morgen bei mir Tee trinken?“ rief sie in das dunkle
Zimmer. „Ich habe ‚Kugler‘ geschickt bekommen.“
Die beiden Möbius-Mädchen juchten auf.
Emmi rückte einen Stuhl und wollte Olga hineinziehen, aber die wehrte ab
und ließ die Hand nicht von der Türklinke.
„Nein, nein, Kinder, ich habe keine Minute Zeit. Aber kommt morgen
zeitig, um vier, halb fünf spätestens, ich muß abends in die Oper.“
Mette rührte sich nicht. Als die Tür aufging, hatte sie ein halblautes
„Guten Abend“ gesagt. Nun schien es ihr aufdringlich, sich irgendwie
bemerkbar zu machen. Vielleicht hatte Olga sie in ihrer dämmerigen Ecke
gar nicht gesehen. Vielleicht hatte sie sie aber auch nicht sehen
wollen. Es wäre ja begreiflich gewesen. Aber irgend etwas tat weh dabei.
„Wollen Sie nicht mitkommen, Fräulein Rudloff? Wenn Sie nix Besseres
vorhaben – Sie sind herzlichst eingeladen ...“
„Gern!“ sagte Mette, und wurde blaß vor Freude. – – –
* * * * *
Am andern Tag brachte Mette so viel Zeit damit hin, sich anzuziehen und
herzurichten, als ob sie zum Ball gehen wollte.
Tante Emilie war für Ordnung und Sauberkeit in der Kleidung, soweit das
eben zur Musterhaftigkeit gehörte, aber beileibe nicht für mehr. Ein
Mensch, der mit aller Gewalt hübsch aussehen wollte, der war schon halb
in den Krallen des Satans.
(Ach, wie recht hatte doch Tante Emilie manchmal mit ihren Ansichten!)
Mette wollte heute mit aller Gewalt hübsch aussehen. Sie schnitt und
feilte und polierte eine Stunde an ihren Nägeln. Sie versuchte dreimal
eine neue Haartracht. Sie überlegte, unter welchem Vorwand sie das blaue
Taffetkleid anziehen sollte, es war das gute, das neue, das einzige, in
dem sie, ihrer Meinung nach, erträglich aussah. Aber Tante Emilie würde
es ihr ja für einen einfachen, kleinen Nachmittagstee nie gestatten.
Tante Emilie ging _schon_ herum, als wollte sie durch fortdauernde
Spionage die Bestätigung eines furchtbaren Verdachtes erbringen.
Alle paar Minuten wurde die Tür zu Mettes Zimmer aufgerissen.
„Herr Gott im Himmel! Du frisierst dich _noch_?“
Und nach fünf Minuten:
„In _welcher_ Straße ist das, wo ihr nachmittag hingeht?“
Nach zwei Minuten:
„... _noch_ dünnere Strümpfe konntest du wohl nicht anziehen?! Es ist
heut absolut nicht so übermäßig warm. Ich weiß nicht, in _meiner_ Jugend
war das überhaupt nicht Mode ...“
„Holen Möbiussens dich ab, oder holst du sie ab?“
„Ich würde mir doch an deiner Stelle eine Maniküre kommen lassen!“
„Wer ist denn da _noch_? _Bloß_ ihr drei?“
Angesichts dieser Inquisition beschloß Mette, lieber in Rock und Bluse
zu gehen und des blauen Taffetkleides lieber gar nicht erst Erwähnung zu
tun. – – –
* * * * *
Als Mette die Wohnung verlassen wollte, stand Tante Emilie mit
Kapotthütchen und Regenschirm bereits an der Flurtür. Sie kam mit bis zu
Möbiussens. Sie hatte schon längst die Absicht gehabt, Frau Konsul
einmal aufzusuchen.
Nun sei ja sehr gute Gelegenheit. Ihrer Nichte sei doch hoffentlich die
Begleitung nicht unangenehm?
Mette schwieg. Sie fühlte das lauernde Mißtrauen und glühte vor Zorn.
Sie konnte keine liebenswürdige Antwort geben. Sie gingen wortlos
nebeneinander her, und in beiden brannte der Haß mit schwelender Flamme.
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* * * * *
Mette hatte den Druck der Mißstimmung, der auf ihr lag, noch nicht
abschütteln können, als sie schon längst mit den beiden schwatzenden
Mädchen auf dem Weg war. Immer wieder verstärkte sich ihre Pein, wenn
sie dachte: ... und ich hatte mich _so_ gefreut.
Erst als sie das Haus wiedersah, als sie die Tür öffnete, die Treppen
hinaufstieg, mit dem stolzen Gefühl, vollauf dazu berechtigt zu sein, da
schlug die Freude wieder in ihr hoch, wie eine helle Flammenlohe durch
Qualm und Rauch.
Mette brannte vor Neugier, das Zimmer zu sehen. Als das zierliche
Hausmädchen sie durch den Türgang führte, empfand sie ein Gefühl, dem
ähnlich, mit dem sie als Kind im Theater vorm geschlossenen Vorhang
gesessen hatte, wenn die Musiker anfingen, ihre Instrumente zu stimmen.
Das Zimmer lag fast im Dunkel. Rolläden und Vorhänge waren so fest
geschlossen, daß kaum ein Schimmer des regnerischen Tages die
Fenstervierecke heller zeichnete. Direkt neben dem kleinen, niedrigen
Teetisch stand eine hohe, buntbeschirmte Lampe, die ein blendendes Licht
über das weiße Tuch, über das dünne, goldgeränderte Porzellan und über
ein dunkelblaues, mit gelben Primeln angefülltes Jean-Beck-Glas warf.
Von dem übrigen Zimmer konnte man auf den ersten Blick nicht viel
erkennen. Die Möbel schienen schwer und dunkel, an einer Wand glänzten
im ungewissen Licht lange Reihen von Bücherrücken, hie und da gleißte
die Ecke eines Bilderrahmens auf oder ein Stückchen spiegelnden Glases.
Olga empfing ihre Gäste mit einer Freude, die herzlich und aufrichtig
schien.
Metten erschien es unbegreiflich, daß diese Frau sich nicht in kalten
Hochmut wie in einen Panzer hüllte.
Die Mädchen konnten nicht aufhören, sich über die künstliche Dunkelheit
zu belustigen.
„Ja,“ sagte Olga, „ich wollte doch meine Bude im vorteilhaftesten Licht
präsentieren. Und am vorteilhaftesten ist so wenig Licht wie möglich.
Außerdem – wenn vor der entsetzlichen grauen Brandmauer da drüben noch
der Regen in Strippen herunterläuft, dann ist das auch weiter kein
erfreulicher Anblick. So kann man denken, da draußen liegt ein
Tannenwald im Schnee, oder Terrassen, die nach dem Meer hinunterführen
oder der Donau-Kai in einer Mainacht, wenn die Akazien blühen.“
Mette wurde in einen tiefen Sessel genötigt.
„Ja, das müssen Sie sich schon gefallen lassen, Sie sind hier unser
Ehrengast, Sie sind doch die Älteste! Jetzt sind Sie wahrscheinlich noch
stolz darauf, wenn Sie erst so alt sind wie ich, dann hört es schon auf,
eine Schmeichelei zu sein.“
Mette hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so zu Hause gefühlt, wie
in diesem Sessel.
Ihr gegenüber hockte Olga auf einem niedrigen Taburett, hatte schon
längst die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern und hielt sie
zwischen den Zähnen fest, wenn sie die Hände brauchte, um Tee
einzugießen oder Kuchen herumzureichen.
Sie war ersichtlich bemüht, ihre Gäste zu unterhalten, aber als Fanni
und Emmi erst ins Schwatzen kamen und sich gegenseitig nicht mehr zu
Wort kommen ließen, wurde sie still und hörte lächelnd zu – wie ein
Erwachsener spielenden Kindern lauscht.
Wenn eine Pause im Gespräch eintrat, holte sie einen Kasten mit
Photographien hervor, die sie auf Reisen aufgenommen hatte, oder ein
Buch mit Dulacillustrationen oder eine Zeitschrift mit den Porträts der
neuesten Filmstars.
In Metten wuchs schon wieder ein Gefühl der Pein auf. Sie bekam es kaum
fertig, sich mit einem „Ja“ oder „Nein“ am Gespräch zu beteiligen.
„Sie gibt sich so krampfhaft Mühe, uns zu unterhalten,“ dachte sie. „Und
im Grunde sind wir ihr langweilig und lästig. Wenn die Tür nachher
hinter uns zufällt, atmet sie auf und sagt: ‚Gott sei Dank‘! Ich kann es
ihr ja auch nicht verdenken. Warum sie uns nur erst eingeladen hat!“
Sie hatte die größte Lust, zu gehen, nur um Olga Radó von diesem Besuch
zu befreien. Dabei fühlte sie – wenn sie jetzt mit irgendeiner Ausrede
aufbrechen wollte, und man würde sie fragen, sie bitten, die allgemeine
Aufmerksamkeit würde sich auf sie lenken, dann würden ihr unhaltbar die
Tränen aus den Augen stürzen, die ihr drohend und stechend hinter der
Nasenwurzel saßen.
Sie war fast froh und tief unglücklich, als Olga plötzlich auf die Uhr
sah und sagte:
„Kinder, ich muß euch hinauswerfen, so leid es mir tut. Ich muß mich
umziehen, aber schleunigst – die Zeit ist so rasend schnell vergangen.“
Im tiefsten Innern litt Mette darunter, daß der ersehnte Nachmittag
schon vorüber war. Aber ihre Gedanken sagten laut und deutlich: „Gott
sei Dank!“ Und sie war erst recht erbittert, daß sie nun eigentlich froh
sein mußte, statt unglücklich zu sein. – – –
* * * * *
Mette war leicht geneigt, sich zur Verantwortung zu ziehen. Sie ging am
selben Abend noch scharf mit sich ins Gericht. Sie klagte sich an, dumm,
faul, unwissend und ungewandt zu sein.
Warum kannte sie die Bücher nicht, die Olga Radó in ihrem Besitz hatte
und las und liebte? Vater hatte sie sicher alle vorn in seinem
Studierzimmer, aber Mette war noch nie auf den Gedanken gekommen, sie zu
lesen.
Warum war es ihr nicht möglich, _einmal_ etwas Geistreiches zu sagen?
Irgend etwas, das sie mit einem Schlage über das flache Gewimmel dieser
Alltagsbackfische hinaushob.
Olga Radó merkte sicher an einem Wort, wes Geistes Kind einer war.
Vielleicht hatte sie etwas von ihr erwartet, weil sie ein bißchen anders
aussah als die anderen.
Mette stand prüfend vorm Spiegel. Sie war hochgewachsen, hatte eine
kluge Stirn und ernste Augen. Und was war dahinter? Nichts, nichts,
nichts!
Mette schnitt ihrem Spiegelbild zornige Fratzen.
Was hatte sie den ganzen Nachmittag geredet? „Ja,“ „nein“ und ein paar
alberne Phrasen.
Aber das kam davon, wenn man blind und taub durchs Leben ging.
Dann wußte man selbst solche Dinge nicht, von denen die Möbius-Mädeln
schwatzen konnten. Und an alledem war Tante Emilie schuld!
Das schlimmste aber war – Mette drehte das Licht aus und verkroch sich
unter die Bettdecke, weil das Blut ihr brennendheiß in die Stirn stieg –
das schlimmste war, daß sie, als die anderen vom „Kammersänger von
Wedekind“ gesprochen hatten, allen Ernstes gedacht hatte, es wäre ein
adliger Hofopernsänger und gefragt: „Wie heißt er denn mit Vornamen?“