* * * * *
Als sie mit der Schule fertig war, saß sie ein paar Jahr im Hause herum
und langweilte sich. Sie nahm den üblichen Klavierunterricht und übte
die vorgeschriebene Zeit. Aber sie hatte keine anererbte musikalische
Begabung, dagegen eine übertriebene Empfindsamkeit, so, daß sie litt
unter der Unzulänglichkeit ihres eigenen Spiels, ohne die Fähigkeit oder
auch nur das Streben zu haben, sich selbst Genüge zu tun.
In diesen Jahren wechselten ihre Stimmungen wie Sonne und Regen im
April.
Sie sehnte sich danach, tot zu sein, oder mündig, in einem andern
Jahrhundert zu leben, oder in einem andern Erdteil, Nonne zu werden,
oder schön genug zu sein, um alle Menschen der Welt zu berücken.
Es kamen Märztage, wo sie meinte, zerspringen zu müssen in ungeduldiger
Erwartung des unendlichen Glücks, dem sie an der nächsten Straßenecke in
die Arme laufen konnte – und es kamen Juninächte, wo sie aus dem Fenster
springen wollte, um sich zu lösen von den schnürenden Fesseln einer
quälenden Leiblichkeit, um aufzustrahlen gegen das sternhelle Firmament,
um sich auszubreiten, zu zerfließen im unendlichen Äther, groß zu
werden, gewaltig, grenzenlos, allumfassend.
Es kamen Tage, an denen sie sich vornahm, wie ein Heiland durch die Welt
zu gehen und alle Menschen zu lieben – an denen sie mit Tante Emilie in
einem Ton so leidenschaftlicher Demut sprach, wie Griseldis zu ihrem
Herrn – und es kamen Tage, da alle Menschen ihr so verhaßt waren, daß
sie körperlich Qualen ausstand, wenn sie bei Tisch ihrem Vater gegenüber
saß und ihn essen sah.
An Ereignissen waren diese Jahre arm. So arm, daß Mette selten in ihrem
Leben daran zurückdachte, und wenn die Rede auf etwas kam, was in diesen
Jahren geschehen war – eine Reise, eine Geburt oder Trauerfall im
Bekanntenkreis, ein öffentliches Begebnis – sie immer erst lange
nachrechnen mußte, wann sich das zugetragen haben könne und wie alt sie
gewesen sei, während sie sonst ein auffallendes Gedächtnis hatte für den
Zeitpunkt, an dem Menschen oder Dinge flüchtig an ihr vorübergestreift
waren, weil sie alles in Verbindung brachte mit den Tagen, die wie
Denksteine in ihr aufgemauert waren – vor oder nach Olgas Tod – als sie
mit Olga zusammen oder von ihr getrennt war.
Es ist unwichtig, von diesen Jahren zu sprechen – es wäre auch nicht
nötig gewesen, von Friedel Eggebrecht des Längeren und Breiteren zu
reden, aber Mette sagte selbst so oft in späteren Jahren, wenn sie auf
das „Fräulein“ zu sprechen kam, sagte es mit einem etwas bitteren
Lächeln: „Es war der Auftakt zu meinem Leben!“
Als ihr Leben wirklich einsetzte, mit hundert brausenden Stimmen, mit
einem vollen, klingenden und singenden Motiv, das nie wieder stumm
wurde, das in Dur, in Moll, bald von allen Geigen und Celli, bald von
einer einzigen klagenden Hoboe, in tausend Verschlingungen, aus tausend
Verschleierungen immer wieder durchklang und durchklingen wird bis zum
Schlußakkord – das war in derselben Minute, da bei Konsul Möbius die Tür
aufging und Olga Radó ins Zimmer trat.
Gegen Konsul Möbius war im allgemeinen nichts einzuwenden. Es war der
Verkehr, den Tante Emilie selbst ausgesucht hatte. Die Familie stammte
irgendwoher aus Lübeck oder Bremen, und sie sprachen ein spitzes „st“,
was ihren ohnehin manierlichen Umgangsformen noch einen leisen
besonderen Duft von kühler Vornehmheit verlieh.
Es waren zwei Töchter da, Fanni und Emmi, beide jünger als Mette, beide
rotblond und sehr ordentlich in Anzug und Haartracht, dabei beide so
merkwürdig belanglos, daß man nach wochenlangem Umgang noch nicht wußte,
ob sie eigentlich hübsch oder häßlich waren.
Wie es sich mit der Verwandtschaft zu Olga Radó verhielt, wird sich wohl
jetzt mit Sicherheit nicht mehr feststellen lassen. Als Olga damals in
Berlin auftauchte und alle Welt von ihr begeistert war, hieß es immer:
„Unsere Cousine.“ Später – zu der Zeit, als Jürgen von Seyblitz schon
das Wort von der „kriminellen Hochstaplerin“ auf sie geprägt hatte – da
war in Frau Konsul Möbius’ Gedächtnis jede Erinnerung an eine
Verwandtschaft völlig erloschen. Ihr Schwager, der Mann ihrer
verstorbenen Schwester, hatte eine Preßburgerin geheiratet, diese hatte
einen Vetter in Budapest, der eine Schwester der Olga Radó zur Frau
hatte ... oder so ähnlich.
Olga selbst hat nebenbei von dieser „Verwandtschaft“ mit Konsul Möbius
nie viel Gebrauch gemacht, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Es
ist nicht vorgekommen, daß sie das Haus betreten hat, wenn sie nicht
dreimal darum gebeten wurde.
Mette hatte mit den Möbiusschen Mädchen und Erika Hannemann ein
Kränzchen. Einmal in der Woche kamen sie zusammen und machten
Handarbeiten und lasen französische Theaterstücke mit verteilten Rollen.
Mette langweilte sich wahnsinnig dabei, sie hörte nie danach hin, wenn
die anderen lasen und versäumte immer, zur rechten Zeit einzufallen. Am
schlimmsten aber war es, wenn sie selber einen langen Absatz zu lesen
hatte. Dann mußte sie bei jeder Zeile ein Gähnen unterdrücken, so, daß
sie nachher immer förmlich einen Kinnbackenkrampf hatte.
Und an einem solchen Mittwochnachmittag im April, als die vier wieder in
den weißlackierten Stühlen des zierlichen Mädchenzimmers saßen, an einem
Nachmittag, an dem Fliegen nicht mehr herumschwirrten, sondern träge
über die Kuchenschüsseln krochen, weil ihnen die Langeweile in der Luft
wie ein Bleigewicht auf den Flügeln lastete, in dem Augenblick, da Fanni
Möbius – sie war die einzige, die eine gewisse Leidenschaft für die
Sache hatte und den Ehrgeiz besaß, immer die dankbarsten Rollen zu lesen
– mit überschwenglichem Pathos und miserabler Aussprache die Worte las:
„_Impitoyable honneur, mortel à mes plaisirs,_
_que tu me vas coûter de pleurs et de soupirs!_“
in dem Augenblick ging die Tür auf, und Olga Radó kam herein.
Es mußte durch einen Zufall irgendwo eine Tür offenstehen – mit Olga
zugleich kam ein Luftzug, frisch wie ein Windstoß, ins Zimmer. Das
angelehnte Fenster sprang auf, die weiße Mullgardine blähte sich und
flog in die Höhe, die Seiten der Bücher blätterten sich knisternd um,
die Fliegen schwirrten aufgestört um die Lampe, eine Hand am Himmel riß
einen Wolkenfetzen von der Sonne – blendende Helligkeit und wehende Luft
füllte das Zimmer bis in seinen letzten Winkel.
Dann schloß sich die Tür mit einem harten Krachen, die Fensterflügel
bewegten sich knarrend, die Gardine fiel schwer wie ein Sack herunter,
eine neue dunklere Wolke schob sich vor die Sonne – aber dies alles
bemerkte Mette Rudloff nicht – denn sie hatte vollauf zu tun, Olga Radó
zu betrachten und konnte ihre Sinne und ihre Gedanken nicht wieder von
ihr abwenden – für lange Zeit nicht.
Olga war sehr groß und sehr schlank. Ihr Gesicht war schön und kühn
geschnitten. Das schlichte, dunkle, reiche Haar ließ viel von der hohen
und wundervoll durchgebildeten Stirne frei, die schmalen, schwarzen
Brauen flossen über der Nasenwurzel zusammen, was den scharfen,
metallisch-grauschimmernden Augen einen fast drohenden Ausdruck gab.
Ihre Sprache war scharf und hart. Aber ihre Stimme hatte einen tiefen,
weichen Celloklang. Das gab einen sonderbaren Kontrast.
Es war etwas in ihrer Art, sich zu kleiden, was Mette gefiel, ohne daß
sie sagen konnte, warum. Man konnte es mit einem Wort wie
„geschmackvoll“ oder gar „elegant“ oder „adrett“ nicht abtun. Mette
empfand dunkel: so möchte ich angezogen gehen.
Woran das lag, das wurde ihr erst viel später klar. Olga Radó hatte eine
fast krankhafte Abneigung gegen alles, was billig war. Ein billiger
Stoff, ein billiger Schneider waren ihr ein Greuel.
Außerdem hatte sie – wie sie Mette viel später einmal mit ihrem
bezauberndsten Lächeln sagte – „das sehr ehrenwerte Prinzip, lieber
einem Millionär etwas schuldig zu bleiben, als einer armen kleinen,
hungernden Schneiderin“ – also ließ sie nur in den teuersten Geschäften
arbeiten.
Als sie hineinkam, machte Emmi Möbius den mißglückten Versuch einer
feierlichen Vorstellung, den Olga mit einem kurzen „Ja, ja, schon gut –
und so weiter und so weiter –“ abschnitt, worauf sie jedem flüchtig ihre
große, schmale, kühle Hand reichte, sich mit einem:
„Bitte, laßt euch nicht stören“ – ein wenig abseits in den Schaukelstuhl
setzte, Fannis kleinen, schwarzen dicken Hund, der sie wie unsinnig
anblaffte und anwedelte, am Genick packte und auf ihre Knie setzte.
Fanni fuhr fort zu lesen. Vielleicht dachte sie ihrer Cousine durch
diese ernsten wissenschaftlichen Bestrebungen zu imponieren.
Mette war gezwungen, ins Buch zu sehen und Olga den Rücken zuzuwenden.
Sie hörte nur den Schaukelstuhl leise auf und ab gehen, ein leichtes
Rauschen der Röcke und manchmal eine halblaute Bemerkung, die dem Hunde
galt.
Mette verspürte Trockenheit im Hals und rasendes Herzklopfen, als sie
lesen sollte. Nie hatte sie sich in der Schule so geängstigt, und wenn
sie noch so unpräpariert „drangekommen“ war. In jedem Wort schien ihr
eine Fußangel versteckt. Sie würde alles falsch aussprechen und sich
unrettbar blamieren. Es war wirklich ein Skandal, so wenig Französisch
zu können. Morgen wollte sie zu Vater gehen und ihn um französische
Konversationsstunden bitten. Er würde sich freuen, wenn sie ihm einmal
mit solchem Anliegen kam.
Sie war glücklich, als sie ihre paar Sätzchen hervorgewürgt hatte. Dann
kam Erika, und dann las Fanni wieder mit allem ihr zu Gebote stehenden
Pathos.
Plötzlich flog der Schaukelstuhl mit einem hörbaren Ruck nach vorn, und
eine tiefe, verwunderte Stimme fragte mitten in den Satz hinein:
„Sagt mal, was lest ihr denn da eigentlich?“
„Den Cid!“ sagte Fanni in einem unendlich ausdrucksvollen Ton.
Es sollte ganz leicht hingesagt werden, und doch zitterte die Ehrfurcht
vor der eigenen Gelehrsamkeit darin. Es sollte ausdrücken: Das hört doch
ein gebildeter Mensch beim ersten Wort, und zugleich: Freilich,
dergleichen liest du ja nicht, das ist dir zu klassisch, zu langweilig.
Olga schenkte diesem Ton gar keine Beachtung. Sie schien mit einer
leichten ungeduldigen Handbewegung die Antwort als unzulänglich beiseite
zu werfen.
„Was für eine Sprache, meine ich?!“
Die Mädchen sahen sich an und lachten, halb erstaunt und halb verlegen.
Nur Mette lachte nicht, sondern schämte sich qualvoll.
Die Möbiussens kannten ihre Cousine zu gut, um zu antworten. Aber Erika
Hannemann war wirklich der Meinung, Olga Radó wäre in fremden Sprachen
nicht so bewandert wie sie und sagte mit der ganzen Herablassung der
höheren Tochter:
„Französisch!“
Der Schaukelstuhl glitt wieder zurück. Über Olgas Gesicht zuckte nicht
der Schein eines Lächelns. Sie sagte mit so langgezogener Verwunderung,
als hätte ihr jemand im Ernst eine überraschende Mitteilung gemacht:
„Französisch soll das sein?!“
Nun wollte Emmi ihr das Buch aufdrängen. Ob es wirklich Bildungstrieb
bei ihr war oder die Absicht, sich vor den anderen mit Olgas
wunderschönem Französisch großzutun, sie quälte und quängelte:
„Lies _du_ doch, ach bitte, bitte, nur eine halbe Seite, nur einen
Satz!“
„Hältst du mich für verrückt?“
„Ach bitte, bitte!“
„Den Deibel auch! Ich bin doch nicht eure Gouvernante!“
Und da das Buch sich nicht von ihr entfernen wollte, knipste sie mit den
Fingern dagegen, daß es mit einem schönen großen Bogen auf den Teppich
hüpfte und mit zugeschlagenen Deckeln liegen blieb.
Mette war sehr froh. Nun war die Leserei für heute beendet. Sie brauchte
nicht die langen Sätze des Königs zu lesen, vor denen sie sich schon
gefürchtet hatte. Sie brauchte sich nicht zu blamieren und nicht zu
langweilen. Und vor allem – sie konnte ihren Stuhl herumdrehen und Olga
Radó anstarren.
Es war so interessant, ihren Bewegungen oder dem fortwährend wechselnden
Ausdruck ihres Gesichtes zuzusehen.
Mette war sich klar darüber, daß diese Frau ihr gefiel. Und doch spürte
sie in ihrem Empfinden mehr Feindseligkeit als Zuneigung. Niemand von
den andern schien beleidigt. Mette war es, als ob der scharfe Spott nur
sie getroffen hätte, nur sie hätte treffen sollen.
Sie hätte viel darum gegeben, wenn sie die Spitze hätte zurückwerfen
können, oder sich wenigstens mit Trotz und Verachtung panzern. Aber sie
fühlte sich wehrlos, hilflos preisgegeben und wünschte sich, unsichtbar
zu sein, sich in ein Mauseloch zu verkriechen, um zu sehen, zu hören, zu
beobachten, ohne bemerkt zu werden – um jeden Blick dieser Augen, jedes
Wort dieser Stimme gierig in sich aufzunehmen, ohne davor zu zittern,
daß ein scharfer Blick, ein scharfes Wort sie treffen, sie verletzen,
sie demütigen konnte.
Olga Radó schenkte ihr indessen keine Beachtung. Sie hatte auf dem
Fußbrett eines Tischchens eine Zigarettenschachtel entdeckt und zog sie
hervor. Daneben, in zierlichem Kästchen, lag ein Spiel Karten.
„Da, schau her! Zigaretten haben die Mäderln auch hier! Ihr seid mir ja
ein schöner Klub der Harmlosen! Offiziell wird der Cid gelesen, und wenn
kein Erwachsener es merkt, dann wird hier geraucht und gepokert!“
Fanni Möbius wollte sich halbtot lachen, sowohl über die Zumutung, daß
sie pokern sollte, als darüber, daß sie mit ihren achtzehn Jahren noch
nicht zu den Erwachsenen gerechnet wurde.
„Es sind Emmis Karten!“
„Nein!“ schrie Emmi.
„Doch! Ich sag’s, Emmi, ich sag’s! Sie legt sich jeden Abend Patiencen –
und fragt ...“
„Tu doch nicht so – du legst dir ja auch welche ...“
„... und fragt ...“
„... Sie lügt, sie lügt, sie lügt!“
„... und fragt ... soll ich’s sagen, Emmi? ...“
„... sei still! ...“
Zwischen den beiden Schwestern entspann sich ein Handgemenge, das
Tischchen kam ins Schwanken. Olga rettete es mit einem raschen und
kraftvollen Zugreifen.
„Kinder, tobt nicht so!“ sagte sie ruhig. „Bist du so neugierig, deine
Zukunft zu erfahren, Emmilein?“
Das „Emmilein“ gab Metten einen leisen Stich. Wie kam der alberne
Backfisch dazu, von dieser Frau mit solcher Vertraulichkeit angeredet zu
werden?!
„Soll ich dir mal die Karten legen?“
„Kannst du das, Olga? Oh, fein!“
„Ja, mach, bitte, bitte, mir auch!“
„Wirklich, ja? Kannst du das?“
„Natürlich!“ sagte Olga ernsthaft. „Das ist doch das einzige, was ich
kann. Das hab’ ich wenigstens gelernt von den Zigeunern. Wenn’s einmal
schief mit mir geht, etablier ich mich als Kartenlegerin. Weißt du, mit
Eule und Totenkopf und Kaffeegrund und allem Zubehör. Im Dutzend
billiger. Nimmst du Abonnement bei mir?“
„Ehrensache!“ versprach Emmi. „Aber heut’ machst du’s noch umsonst!“
„Nein,“ sagte Olga, „für eine Zigarette.“
Sie nahm den Kasten auf und schob eine zwischen die Zähne. „Ich hab’
nämlich keine bei mir!“
Erika Hannemann beeilte sich, ihr ein brennendes Streichholz zu reichen.
Sie sog ein paarmal an der Zigarette, bis sie aufflammte und schlug das
Streichholz durch die Luft, daß es erlosch.
„Danke!“ sagte sie dann erst.
Mit einem flüchtigen Blick sah sie, daß Mette sich eine Zigarette
genommen hatte.
„O Verzeihung!“ sagte sie so bedauernd, als hätte sie ein wirkliches
Unrecht abzubitten, während ein halber Blick die Aschenschale mit dem
verglimmenden Streichholz streifte. Rasch, fast eilig nahm sie aus ihrer
Tasche ein kleines goldenes Feuerzeug, strich es an und reichte Metten
das Flämmchen hinüber. In ihren Bewegungen, die die einfachsten, die
ungezwungensten von der Welt waren, lag ein eigener Ausdruck.
Es war weit mehr als Höflichkeit, und doch lag keine Spur von
Unterwürfigkeit darin. Es war eine Mischung von Zuvorkommenheit und
Zurückhaltung, von Adel und Dienstbeflissenheit, die man nicht gut
anders als mit dem Wort „chevaleresk“ bezeichnen konnte.
Sie bot auch den andern Zigaretten und Feuer.
„Raucht, Kinder, raucht! Wenn die Mutter nachher schimpft, bin ich’s
gewesen.“
Sie hielt immer noch den kleinen schwarzen Hund auf den Knien und blies
ihm den Zigarettenrauch um die Nase. Der Hund schnitt possierliche
Grimassen, und sie bemühte sich, ihm nachzumachen. –
Sie hatte überhaupt die Angewohnheit, ihr Gesicht zu verzerren, ohne im
geringsten Rücksicht darauf zu nehmen, ob es sie kleidete oder
entstellte, so daß man sich manchmal qualvoll danach sehnte, das allzu
lebhafte Mienenspiel zu unterbrechen, um die regelmäßige Schönheit der
Züge genießen zu können.
Nur sagen durfte man ihr das nicht, sonst bekam sie es fertig, ohne
Aufhören die greulichsten Fratzen zu schneiden.
Der Hund rümpfte die Nase, drehte den Kopf und hustete und prustete in
beleidigter Würde.
„Ihr dürft eure Sophonisbe nicht so verfüttern, Kinder!“ sagte Olga.
„Sie hat ja schon Asthma vor Fettsucht, das arme Viech!“
Die Mädchen lachten kreischend auf.
„Sophonisbe! Wie kommst du nur auf Sophonisbe?“
„Er heißt doch Mäuschen.“
„Er?“ sagte Olga spöttisch und legte das zappelnde Tier mit einem festen
Griff auf den Rücken. „Er ist ganz bestimmt eine Sie. Und sie sieht aus
wie Sophonisbe!“
Die Mädchen erröteten bis über die Ohren und kicherten nur noch in
gedämpften Tönen.
„Nein, Olga, wie du aber auch bist!“
„_Warum_ sieht sie aus wie Sophonisbe?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Olga plötzlich müde. Ihr Gesicht war einen
Augenblick ganz ruhig, ihre Augen sahen irgendwohin, an den Mädchen
vorüber, durch die Wände hindurch.
„Danach dürft ihr mich doch nicht fragen. Auf die Frage: Wie? kann ich
manchmal antworten, aber niemals auf die Frage: Warum?“
Sie zog den Hund wieder in die Höhe und versuchte, ihm die Zigarette in
die Schnauze zu stecken.
„Magst du rauchen, Sophonisbe? Da! Schmeckt’s, Alterchen?“
Der Hund drehte den Kopf und leckte mit der Zunge nach ihrer Hand, die
ihn im Genick festhielt. Mit einer Gebärde des Widerwillens warf sie die
Zigarette in die Aschenschale und ließ den Hund auf die Erde gleiten.
„Du mußt dem Köter das Lecken abgewöhnen, Fanni,“ sagte sie. „Ich sehe
dich ja doch noch am Hundewurm zugrunde gehen.“
„Ach, Unsinn!“ sagte Fanni und nahm den beleidigten Hund zärtlich in die
Arme. „Mein Hund hat keine Würmer! Nicht wahr, Mäuschen, wo du doch so
schön rein gehalten wirst?“
Der Hund schnupperte zärtlich nach ihrem Gesicht.
Olga zog die Brauen zusammen und machte eine hastige Bewegung, als
wollte sie ihr den Hund wegnehmen. Aber sie unterbrach sich und lehnte
sich in den Schaukelstuhl zurück.
„Meinetwegen,“ sagte sie, „der Mensch muß an dem zugrunde gehen, was er
liebt. Mir wär ja so ein Köter das nicht wert. Aber wenn es dir
Vergnügen macht. Schließlich, ob du nun am Echinokokkus krepierst, oder
ob dich nachher ein Liebster oder kirchlich angetrauter Gatte mit
Syphilis behaftet ...“
Die drei Mädchen kriegten glühendrote Köpfe und fingen an zu kichern.
Auch Olga Radó wurde rot. Aber es war eine andere Art zu erröten. Die
hellen Gesichter der blonden Mädchen waren wie gedunsen vom Blut und vom
unterdrückten Lachen. Über Olgas Gesicht lief das tiefe Rot wie ein
flüchtiger Schatten, wie eine Wolke, die für einen Herzschlag selbst die
Augen verdunkelte.
„Gänse!“ sagte sie zornig, „da ist doch, weiß Gott, nichts zu lachen.“
Die Mädchen wollten sich entschuldigen und konnten vor Prusten und
Kichern nicht reden.
Olga hob die Hand und ließ sie fallen – durch die abendliche Dämmerung
leuchtete die lange, schmale Hand mit einem seltsamen Glanz wie Silber
oder Perlmutter – mit einer Geste, die ganz deutlich „Ach, laßt doch!“
sagte, so deutlich, als stände es in der Luft geschrieben.
Sie saß jetzt ganz vornübergebeugt. Ihre Hände lagen wie müde zwischen
ihren Knien. Sie starrte hinaus in das blaue Dämmerlicht und das
knospenbedeckte Gewirr der braunen Zweige.
Sie schwiegen alle eine Weile. Dann fingen Emmi und Erika ein Gespräch
an, im Flüsterton, als wagten sie kaum, sich bemerkbar zu machen.
So plötzlich stand Olga auf, daß der Schaukelstuhl nach rückwärts flog.
„Macht Licht an!“ sagte sie beinah herrisch. „Ich werd’ euch die Karten
legen!“ –
Sie saß am Tisch unter der Lampe. Das gelbe Licht fiel schimmernd auf
ihr Haar und auf ihre hellen Hände, die mit raschen Bewegungen die
Karten mischten und ausbreiteten.
„Wem zuerst? Dir, Fanni? Dann mußt du abheben – dreimal – so! Muß ich
nun auch erst Hokuspokus sagen, oder glaubt ihr mir so? – Die Karodame
bist du – da liegt ein schwarzer Jüngling – da liegt eine Reise, in der
Vergangenheit – ein heimlicher Brief – in der nächsten Woche – oh, Ärger
im Haus – das hängt mit dem Brief zusammen – Trennung – viele Tränen –
siehst du die Treffzehn? – Da liegt eine große Veränderung – eine neue
Bekanntschaft – ein blonder Herr – Verlobung und Heirat – viel Glück ins
Haus – aber der Schwarze liegt doch dazwischen – neben dem Blonden liegt
Reichtum und große Ehre ...“
Die Mädchen horchten in fieberhafter Spannung, Fanni preßte die Hand mit
dem Taschentuch vor die Zähne und kniff Emmi bei jedem Wort in den Arm,
während Emmi und Erika mit mühsam unterdrücktem Gekreische in halb
artikulierte Rufe ausbrachen, die man ganz gut als „Max“ und
„Travemünde“ deuten konnte.
„Ich glaube nicht an Kartenlegen,“ sagte Erika Hannemann überlegen,
„aber aus der Hand wahrsagen, da ist schon eher was dran. Meinem Vetter
hat mal eine Zigeunerin gewahrsagt ...“
„Kannst du aus der Hand wahrsagen?“ schrie Emmi. „Ach, bitte, bitte,
Olga, kannst du nicht aus der Hand wahrsagen? Oder besser aus den
Karten?“
„Ich kann auch aus der Hand wahrsagen,“ sagte Olga, „genau so gut wie
aus den Karten.“
Sie nahm Emmis kleine, rundliche Hand und zog gedankenvoll die Linien
nach.
„Die Lebenslinie ist ganz, siehst du? Du wirst ein langes Leben haben –
aber die Linie des Hirns ist zerschnitten – die Linie des Tisches hast
du überhaupt nicht – – –“
„Was bedeutet die?“ forschte Emmi dringend.
„Je nachdem – Güte oder Bosheit – du bist jenseits von gut und böse.“
Dabei zuckte es um ihre Mundwinkel. „Aber hier, Ordnung und Sparsamkeit,
die sind sehr ausgeprägt bei dir – das scheinen deine Haupteigenschaften
–“
Jetzt war die Reihe zu lachen an Fanni.
„Aber nimm dich nur in acht, dir steht eine unglückliche Liebe bevor –
in Verbindung mit einer Kunst – mit Musik, glaub’ ich ...“
Emmi wurde blutrot und Fanni tanzte auf einem Bein herum und schrie:
„Wassermüller, Wassermüller!“
Das war der Klavierlehrer.
Mette war befangen in einem sonderbaren Zwiespalt. Sie hätte so gern
sich wahrsagen lassen – schon, um die schöne Frau anreden zu dürfen.
Dabei schien es ihr aufdringlich, sie zu belästigen. Sie wollte auch
nicht gern für abergläubisch gehalten werden.
Olga Radó belustigte sich sicherlich über den Feuereifer, mit dem die
Mädels bei der Sache waren. Und dann wieder hatte Mette eine Angst, die
sie selbst kindisch schalt: so, als wäre doch vielleicht ein
geheimnisvoller Zauber in dieser Spielerei, und es könnte klar und
deutlich eine furchtbare Eigenschaft in ihrer Handfläche stehen, eine,
die sie selbst nicht kannte, oder ein entsetzliches Schicksal.
Vielleicht würde die schöne Zigeunerin vor Schreck erblassen und sagen:
„Quälen Sie mich nicht, ich kann Ihnen die Wahrheit nicht sagen, die da
zu lesen ist.“
Und plötzlich stand sie doch neben Emmi und streckte die Hand aus und
sagte:
„Ach, bitte, bitte, mir auch!“
Olga sah zu ihr auf, und zum erstenmal trafen sich ihre Augen und
blieben für ein paar Sekunden ineinander haften.
Olga lächelte. Und Metten wurde bewußt, daß sie dies Lächeln zum
erstenmal sah. In dem fortwährend wechselnden Mienenspiel blieb das
Gesicht fast immer ernst. Sie runzelte die Brauen, kniff die Augen
zusammen, schob den Unterkiefer vor, legte die Zähne auf die Lippe,
zuckte mit den Nasenflügeln, verzog die Mundwinkel in leichtem Spott,
aber sie lächelte sehr selten. Jetzt zum erstenmal lächelte sie,
lächelte Metten an, und es schien wirklich, als ob das ganze Gesicht
seltsam erhellt wurde von einem plötzlich durchbrechenden Licht.
„Aber, Mädelchen!“ sagte sie halblaut mit ihrer tiefen Stimme. „Von
Ihnen weiß ich doch nix! ...“
Als sie nachher auf der Diele nebeneinander standen und vorm Spiegel die
Hüte aufsetzten, sah Mette mit einer unerklärlichen Freude, daß sie fast
ebenso groß war wie Olga Radó, viel größer als die drei blonden,
rundlichen Mädels.
Sie gingen zu dritt die Treppen hinunter und ein Stück die Straßen
entlang. Erika Hannemann führte das Gespräch.
„Nein, wie Sie das wissen konnten, Fräulein Radó, von Travemünde die
Sache und von Wassermüller ... von Fannis Max weiß ich ja alles, weil
ich es direkt miterlebt habe – ich war ja auch in Travemünde ... kennen
Sie es? – Ach, Travemünde ist entzückend ... Ich möchte dies Jahr zu
gern wieder hin, es hat so feines Publikum, soviel gute Hamburger und
Lübecker Familien ... aber meine Eltern wollen ins Gebirge ... ins
Salzkammergut, glaub’ ich ... wissen Sie da nicht irgendeinen hübschen
Ort? Aber einen, wo ein bißchen was los ist?!“
Olga Radó sagte von Zeit zu Zeit: „Ja, nicht?“ – „nein!“ – „so!“ –
„ach!“ – „nein!“ –
Mette schwieg.
An irgendeiner Ecke nahm Erika Hannemann Abschied und bog links um.
Olga und Mette gingen eine Weile schweigend mit raschen Schritten
nebeneinander her.
Mette hätte längst abbiegen müssen, wenn sie auf dem nächsten Weg nach
Hause wollte. Sie kam sich aufdringlich vor, daß sie immer noch nebenher
lief, aber sie war viel zu froh, daß Erika endlich fort war – so, als
sei nun die Luft reiner geworden und man könne freier ausschreiten – es
war eine Freude, sich dem Takt dieser schönen und gleichmäßigen Schritte
anzupassen, und sie tröstete sich damit, daß ja niemand wußte, wo sie
wohnte, und daß sie ein Recht auf die Straße hatte, gerade so gut wie
jeder andere auch.
Mette sah jedem Haus mit einer gewissen Beklommenheit entgegen: War es
nun dies oder das nächste, an dem Olga Radó stehenblieb, nach einem
flüchtigen Gruß hineinging, eine schwere Tür hinter sich verschloß und
die Straße sehr einsam und öde hinter sich zurückließ?
Nach einem minutenlangen Schweigen sagte Olga plötzlich:
„Es war nicht richtig, in Gegenwart dieser Kälber von Syphilis zu reden,
gelt? – Sie werden sehr chokiert gewesen sein.“
„Ich?“ sagte Mette und bekam einen roten Kopf.
„Nein, nein! Sie nicht! Sie – klein geschrieben – die Kälber.“
„Aber, gnädiges Fräulein! Machen Sie sich darüber Gedanken?“ Es schien
Metten wirklich höchst lächerlich, sich über das Urteil der Kälber
Gedanken zu machen.
„Ja doch!“ Olga Radó wandte den Kopf und heftete die Augen einen Moment
lang scharf und ernst auf ihr Gesicht. „Denken Sie, ich mache mir
darüber Gedanken. So etwas kann mich direkt quälen. Ich verkehre nur mit
so erwachsenen Menschen, daß ich ganz die Schätzung verloren habe, was
man in einer solchen Gesellschaft sagen darf. Ich glaube, die jungen
Mädchen aus guter Familie dürfen von Syphilis nicht eher etwas hören,
als bis sie sie selber haben.“
Mette lachte mit geschlossenen Zähnen leise auf.
„Es wäre schon zum Lachen,“ sagte Olga Radó, „wenn es nur nicht so
furchtbar traurig wäre. Ich habe jetzt wieder so einen Fall erlebt.
Darum komme ich mit den Gedanken nicht los davon ... Sagen Sie, war ich
sehr unliebenswürdig zu dem kleinen Ekel?“
Jetzt lachte Mette hell auf.
„Zu wem?“
„Ich weiß nicht, wie das heißt. Was hier neben uns herlief. Sie sind
doch nicht befreundet, gell, nein? Verzeihen Sie, das war eine dumme
Frage!“
Metten war, als hätte noch nie im Leben jemand ihr ein solches Lob
gespendet. Sie war stolz und dankbar zu gleicher Zeit.
„Ich bin mit keinem Menschen befreundet,“ sagte sie, ernster und
schwerer, als es eigentlich ihre Absicht gewesen war.
Nun war doch das Haus da, vor dem Olga Radó plötzlich stehenblieb.
„Hier bin ich daheim,“ sagte sie, „wenn man ein Pensionszimmer ‚daheim‘
nennen darf. Aber – schließlich – was darf man so nennen? Kennen Sie die
Pension Flesch?“
„Ich kenne überhaupt keine Pensionen.“
„Sie Glückliche! Sie wohnen bei Ihren Eltern!?“
„Bei meinem Vater.“
„Ach, die Pension ist ganz nett. Ich habe in schlimmeren gehaust. Kommen
Sie doch gelegentlich mal hinauf zu mir und schaun’s sich meine Bude
an!“
„Aber gern!“ – – –
* * * * *
Dies „gern“ war keine leicht hingesprochene Redensart.
Mette dachte in der nächsten Zeit Tag und Nacht darüber nach, wie sie es
anstellen sollte, dieser Aufforderung zu folgen und Olga Radó
aufzusuchen.
Sie war manchmal schon auf dem Wege, hinzugehen. Dann kehrte sie um,
weil sie sich lieber vorher telephonisch anmelden wollte. Wieder schien
es ihr unpassend, einen Menschen durch telephonischen Anruf zu stören.
Sie wollte ihr schreiben. Aber das gab der Sache einen solchen Anstrich
von Wichtigkeit und Förmlichkeit, nahm ihr alles Zufällige,
Gelegentliche. Und dann – wenn sie eine höfliche Absage bekam, war ihr
jede Möglichkeit genommen, einen weiteren Versuch zu machen. Wenn sie
dagegen einfach hinging und sie nicht antraf, konnte sie ihre Karte mit
ein paar Worten dalassen – und auf eine Nachricht warten.
Sie ging – ging bis vors Haus und ging doch wieder nicht hinauf. Aber
sie ging ein paarmal die Straße auf und ab und stand sehr lange und
versunken vor einigen äußerst reizlosen Auslagen. Es hätte doch sein
können, daß Olga Radó zufällig gerade um diese Zeit das Haus verließ,
oder besser noch, heimkam, und sie aufforderte, mit hinaufzugehen.
Außerdem pflegte Mette den Verkehr mit Möbiussens mit rührendem Eifer.
Sie lud sie ein, sooft es Tante Emilie erlaubte, sie ging hin, sooft sie
aufgefordert wurde; sie hatte zwischendurch hundertmal zu telephonieren,
um irgendeine Verabredung festzustellen. Sie lieh sich Bücher aus, die
sie holen und wiederbringen mußte und bemühte sich bei alledem, so
liebenswürdig zu sein, daß Frau Konsul ganz entzückt von ihr war und
Tante Emilien gegenüber nicht oft genug betonen konnte, wie Mette sich
zu ihrem Vorteil verändere – was Tante Emilie meist mit einem stummen
und fast beleidigten Achselzucken erwiderte.
Das ging durch Wochen so. Aber Mette verlor die Geduld nicht. Es war
genug, wenn von Zeit zu Zeit ein Wort fiel, „... wie Olga immer sagt“
oder „das hat Olga so gern“. Es war genug und fast zu viel, wenn Fanni
sagte:
„Gestern abend war Olga auf einen Sprung oben, ich finde, sie sieht
schlecht aus!“
Oder, wenn Emmi, die sich in dieser Zeit so etwas wie eine Schwärmerei
für Mette zurechtlegte, sagte:
„Mette hat so wunderschöne Hände, beinah so schöne wie Olga ...“
Ach, es war genug, den kleinen schwarzen Hund auf den Knien zu halten
und ihn lachend „Sophonisbe“ zu nennen.
All das gab Hoffnung und Spannung für Tage. Mette fing in dieser Zeit
an, das Leben schön zu finden.