Erster Band

Askanischer Verlag Berlin

1919

«Vous que dans votre enfer mon âme a poursuivies,

Pauvres sœurs, je vous aime autant que je vous plains,

Pour vos mornes douleurs, vos soifs inassouvies,

Et les urnes d’amour dont vos grands cœurs sont pleins!»

Baudelaire.

Wenn ich ehrlich sein soll – daß ich durchaus Melitta Rudloffs

Bekanntschaft machen wollte, geschah ihres schlechten Rufes wegen. Die

geraden, gesunden und reinlichen Durchschnittsmenschen hatten für mich

keine Bedeutung. Ich suchte die Kranken, die Verlorenen, die

Ausgestoßenen. – Ich suchte sie mit geteiltem Gefühl, und – seltsam, wie

wir Menschen nun einmal sind – ich bin stolz darauf, daß ich sie suchte

mit der klaren und kalten Freude des Forschers, daß ich sie suchte, um

sie zu vivisezieren, zu analysieren, sie in Systeme einzuschachteln –

und ich schäme mich ein bißchen, zu gestehen, daß ich sie suchte in dem

überheblichen Wahn, helfen zu können, bessern zu können – sie mit reinen

und gütigen Händen hellere Wege zu führen.

Es geschah durch Tante Antonie, daß ich zuerst von Melitta Rudloff

erzählen hörte. Tante Antonie war eine sehr fromme und ehrenwerte Frau,

und Lüge und Verleumdung lagen ihr fern. Sie sah die Dinge mit scharfen

Augen, aber sie sah sie von ihrem unverrückbaren Standpunkt aus.

Nach diesen Erzählungen hatte Melitta – oder Mette, wie sie genannt

wurde – als Kind schon einen sonderbaren Hang zum Lügen und Stehlen

gezeigt. Auf der Schule galt sie als dumm und faul. Als junges Mädchen

lief sie einer merkwürdigen Frau nach, einer Hochstaplerin mit

ausgesprochen männlichem Gebaren. Vielleicht verführt von dieser

Freundin, von der sie nebenbei späterhin hinausgeworfen wurde – stahl

sie im väterlichen Hause das Silberzeug und trug es aufs Leihamt. Nach

einem Tobsuchtsanfall, bei dem sie ihre Tante, die treue Pflegerin ihrer

mutterlosen Kindheit, erwürgen wollte, wurde sie zu ihrem Onkel nach

einer kleinen Stadt gebracht. Dort stahl sie, was im Hause nicht niet-

und nagelfest war, erbrach schließlich auf raffinierteste Weise den

Schreibtisch, entwendete eine größere Summe Geldes und entfloh.

Ihr Vater, eine feinsinnige Gelehrtennatur, überlebte die Nachricht von

diesen Geschehnissen nicht lange – er wurde vom Schlage getroffen.

Mettens Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Wie Jürgen von Seyblitz

stets bitter zu sagen pflegte: „Zum Glück“.

Mette war nicht dieser Meinung. Sie hatte eine phantastische Vorstellung

von der Wesenheit einer Mutter und glaubte immer, daß der frühe Tod der

ihren alles Unheil ihres Lebens verursacht hätte.

Ich meinesteils weiß nicht, welcher Ansicht ich mich anschließen soll.

Ganz sicher hätte Mette nicht eine so trübe und freudlose Kindheit

gehabt, wie unter Tante Emiliens knochigen Fingern – aber selbst die

weichste Mutterhand hätte die schwersten Kämpfe ihres Lebens nicht von

ihr fernhalten können. Und wenn ich an diese Zeiten denke, begreife ich

Onkel Jürgens „Zum Glück“ recht wohl. Vielleicht hatte er ein besseres

Bild von seiner Schwester, als Mette es von ihrer Mutter haben konnte.

Wenn ich nun versuchen will, zu erzählen, was ich von Mette Rudloff und

von ihren Beziehungen zu Olga Radó weiß, so muß ich fürchten, falsch

gedeutet zu werden. Ich habe keinerlei Ähnlichkeit mit Peterchen,

unserem gemeinsamen kleinen Freund, den Olga Metten gegenüber in

herzlichem Spott „Unser Baudelairechen“ zu nennen pflegte. Peterchen war

bei allem, was seine Freunde betraf, mit überschwenglichem Gefühl

beteiligt. Ich sehe ihn noch immer mit seinen aufgeregten Schrittchen

durch sein Zimmer hin und her laufen und flammende Reden führen. Er

machte Welt und Vorwelt verantwortlich für Olgas Tod und Mettens Leben.

Wenn es nach ihm gegangen wäre – er hätte ein Gemälde entworfen, auf dem

er Olga und Mette mit schimmernder Gloriole umgeben und Jürgen von

Seyblitz und Tante Emilie und Frau Flesch und noch einige andere, die er

nicht leiden konnte, an den Pranger gestellt hätte. Er hätte sich mit

dem Stock des Ausrufers auf den Markt begeben und auf seine Heiligen

gedeutet und geschrien: Seht her, so sind sie, die Verfemten, die

Verworfenen, die ihr haßt und verachtet und fürchtet – und nicht kennt!

Nach allem, was ich von Olga Radó weiß, hätte er ihr damit einen

schlechten Dienst erwiesen. Was ihr die meiste und glühendste

Feindschaft eingetragen hat, war nicht ihr lasterhaftes Leben, ihre

Verschwendungssucht, ihre unnatürlichen Leidenschaften – nicht einmal

ihr Geist oder ihre Schönheit – nein, es war ihr grenzenloser Hochmut.

Sie haßte es, verallgemeinert zu werden. Und wir alle, die wir sie

kannten, haben hundertmal aus ihrem Munde das Wort gehört – so oft, daß

es zur scherzhaften Redensart bei uns wurde:

„Bitte! Nix ihr, nix euch!“

Ich habe keine Ähnlichkeit mit Peterchen. Ich bin nicht dazu geschaffen,

zu verteidigen oder anzuklagen. Ich verfolge keinen Zweck, wenn ich

etwas erzähle. Ich habe keine Ziele und keine Absichten, nicht einmal

eine Meinung oder ein Urteil, und kaum ein Gefühl. Keine andere Absicht,

als Bilder und Worte, die unendlich flüchtig vorüberrauschen, mit allen

Sinnen festzuhalten, und sie in Form zu bannen, und kein ander Gefühl,

als die weltabgewandte, weltaufsaugende Hingabe, mit der der Zeichner

den Silberstift über das Papier führt.

Einmal war Mette einen Sommer lang bei ihren Großeltern auf dem Gut.

Vielleicht war es dieser Sommer, der ihr den irrsinnigen Hang zum Leben

ins Blut goß. Woher hätte sie sonst auch wissen sollen, daß das Leben

mitunter schön sein konnte? Immer, wenn sie in späteren Jahren sich nach

Glück sehnte, hatte sie die qualvoll-süße Vorstellung von einem

Glücksgefühl, das sie ganz erfüllt hatte, als sie auf einer blühenden

Wiese lag und das Blau des Himmels zwischen säulenhohen Grashalmen sah,

als der heuduftende Wind über ihr sonneglühendes Gesicht blies, und

Tausende von Bienen und Hummeln und Wespen in der Luft läuteten, wie

tiefe und hohe, ferne und nahe Glockenstimmen. Wann hätte das sein

können, wenn es nicht in jenem Sommer war?

Oh, es war so viel Herrliches in jenem Sommer gewesen.

Da war ein Gartenhäuschen gewesen, aus Birkenstämmen und borkebenagelten

Brettern. Und von der Birkenrinde konnte man eine dünne, durchsichtige

Haut abziehen. Sie zerriß leicht, und es war sehr schwer, aber auch sehr

ehrenvoll, ein großes Stück unversehrt loszulösen.

Dies Gartenhäuschen hatte Glasfenster nach allen Seiten. Und jedes

Fenster hatte einen Rand, einen Rahmen gleichsam, von kleinen Vierecken

aus Buntglas. Da konnte man die Welt in allen Farben sehen.

Immer sah Mette zuerst durch das blaue Glas. Da lag alles in einem

geheimnisvollen Dunkel, alles wurde still und weit, die Sonne stand

strahlenlos am Himmel wie der Mond – es war wie eine Nacht aus dem

Märchen, und über die blauen Wiesen, unter den blauen Bäumen, hätten

Elfen mit wehenden Schleiern tanzen müssen.

Dann kam das grüne.

Da leuchteten die Bäume und Wiesen wie von innerem Licht. Aber die

apfelgrüne Luft war voll Unheil geladen, und die schweren dunkelgrünen

Wolken waren zum Bersten belastet mit furchtbaren Dingen.

Dann war ein goldgelbes.

Man muß nicht etwa denken, daß der Garten hell und heiter aussah im

goldfarbenen Licht. Das Grün war fahl und wie verbrannt, die Luft schien

gewitterig. Es war so, wie es ganz gewiß am jüngsten Tag aussehen mußte,

wenn die Erzengel in die Posaune stießen, wenn Teufel mit

Fledermausflügeln durch die Luft schwirrten, und die Gräber sich

auftaten.

Zuletzt kam das rote, weil es das schönste war. Es war so schön und so

schrecklich, daß Mette jedesmal Herzklopfen bekam. Wenn es nach ihr

gegangen wäre, hätte die Welt ganz gewiß immer so ausgesehen. Die Bäume

so dunkel wie Blutbuchen, und die Wiesen so glührot, der Himmel so

brennend mit tiefpurpurnen Wolken.

Wenn man dann wieder durch das klare Glas sah, war alles unsagbar fad

und nüchtern und blaßfarbig. Trotzdem – man konnte erleichtert aufatmen.

Alles Unheimliche war geschwunden – in einer Welt, die so hell und

harmlos und ein bißchen langweilig aussah, wo es keine blauen Wiesen und

keine purpurnen Bäume gab – da gab es auch keine Feen und Teufel, da gab

es nichts, wovor man sich zu fürchten hatte.

Manchmal, in späteren Jahren, dachte Mette darüber nach, ob sie dies

alles damals schon in klar ausgesprochenen Gedanken gedacht hatte. Und

dann rechnete sie nach, und es schien ihr, als wäre sie damals noch viel

zu klein gewesen. Aber später hat sie ja nie mehr durch die bunten

Glasscheiben in dem Birkenhäuschen sehen können; denn in dem Winter, der

auf jenen Sommer folgte, starb der Großvater, das Majorat ging auf den

Erben über, und die Großmutter zog zu ihrem Bruder nach Güstrow.

Die Großmutter schwankte damals lange Zeit. Trotz ihrer Abneigung gegen

die große Stadt wäre sie damals gern zu ihrem Schwiegersohn gezogen, um

der kleinen Mette nahe zu sein. Aber sie wagte es nicht, den Kampf mit

Tante Emilie aufzunehmen.

Tante Emilie war viel zu musterhaft, als daß nicht jeder andere sich

überflüssig gefühlt hätte. Und Tante Emilie von ihrem Posten vertreiben

– um Gottes willen! Dazu gehörte eine kampflustigere Persönlichkeit als

es Conrad von Seyblitz’ arme, kleine Witwe jemals war.

Die Großmutter zog nach Güstrow, wo sie die paar Jahre bis zu ihrem Tode

lebte – und Tante Emilie blieb – blieb unumschränkte Herrscherin des

Hauses.

Das heißt, daß Mette nicht in die Schule gehen sollte, das ordnete Franz

Rudloff selber an. Er hatte eine fast krankhafte Scheu vor allem, was

„Masse“ und „Gemeinschaft“ hieß. Es schien ihm, als müßten die kühlen,

hohen Räume seiner Wohnung sich mit dem Dunst schlecht gelüfteter

Klassenzimmer füllen, als müßten die stillen Wände hallen von hundert

hohen Stimmen, von hundert trappelnden Füßen, wenn er sein Kind in eine

Schule schickte.

Und also kam das „Fräulein“ ins Haus.

Tante Emilie war innerlich von vornherein dagegen. Sie selbst war in die

Schule gegangen, und die Schule hatte ihr nicht geschadet. Im Gegenteil.

Sie war absolut nicht dafür, daß irgend jemand auf der Welt es in irgend

etwas besser haben sollte, als sie es selbst hatte oder gehabt hatte. Zu

den wenigen Freuden, die sie im Leben hatte, gehörte die Freude an der

„ausgleichenden Gerechtigkeit“, wie sie es nannte: Wenn nämlich jemand,

dem es ganz ohne Würdigkeit sehr gut ging, sein unverdientes Glück durch

einen schweren Schicksalsschlag abbüßen mußte.

Andere Leute haben für diese Art Freude eine andere Bezeichnung.

Tante Emilie war gegen das Fräulein. Aber Tante Emilie war viel zu

musterhaft, um zu widersprechen, wenn der Herr des Hauses einen Wunsch

äußerte. Sie wußte, daß sie sich in solchen Fällen schweigend zu fügen

hatte. Nicht etwa, daß der arme Franz das von ihr verlangt hätte, o

nein! Aber so war es vorbildlich und musterhaft. Und also kniff sie die

Mundwinkel noch etwas fester zusammen und fügte sich schweigend.

Das Fräulein hatte so krauses, widerspenstiges Haar, daß die braunen

Löckchen sich in keinen Scheitel fügen wollten und ihr immer ums Gesicht

tanzten. Sie hatte auch den Sinn, den das Sprichwort mit solchem Haar

verbindet. Alle die Männer, die in ihrem Leben eine längere oder kürzere

Rolle gespielt hatten, sagten, sie wäre eine entzückende Geliebte

gewesen. Zur Erziehung eines kleinen Mädchens eignete sie sich weniger

gut.

Tante Emilie hatte sie nicht ausgesucht. Das hatten Franz Rudloff und

Mette ganz allein besorgt. Eins hatten Vater und Tochter gemeinsam: all

ihre Sinne dursteten nach Schönheit und Harmonie. Sie gaben was aufs

Äußerliche, wie Tante Emilie das nannte.

Das Fräulein hatte ein so liebliches Jung-Mädchengesicht, so weiche

Bewegungen, eine so schöne klingende Stimme.

Es war nicht die geringste persönliche Sympathie, die Franz Rudloff zu

diesem Fräulein hinzog. Nur, wenn er schon einen fremden Menschen ins

Haus nehmen mußte, so war ihm lieber, wenn es ein angenehmes Wesen war.

Vielleicht hatte er – uneingestandenermaßen – an _einem_ unangenehmen

genug.

Bei Mette war es etwas anders. Sie hatte noch nie einen Menschen

gesehen, der ihr so gefiel. Ihr ganzes sehnsüchtiges Kinderherz, das

noch niemals Liebe oder Zärtlichkeit gefühlt hatte, flog dieser Fremden

entgegen, dieser Fremden, die sie in den Arm nahm, ihr mit weichen

Händen das Haar aus der Stirn strich, sie mit kosender Stimme „Mädi“ und

„Herzblatt“ nannte. Die Aussicht, diesen Menschen immer um sich zu

haben, erschien ihr wie ein unfaßbares, berauschendes Glück.

Sie bat ihren Vater nicht. Sie konnte nicht bitten, Mette Rudloff, nie,

und wenn es um ihr Leben ging, nicht.

Aber als ihr Vater sie fragte, ob das Fräulein kommen sollte, sagte sie:

„Ja.“

Und das Fräulein kam.

Tante Emilie aber kniff die Mundwinkel zusammen und fügte sich

schweigend.

In den nun folgenden drei oder vier Jahren, die das Fräulein im Hause

blieb, durchlebte Mette Rudloff das ganze Martyrium einer unglücklichen

Liebe.

Die ersten Monate ging alles herrlich. Das ist ja eben das Unglück einer

unglücklichen Liebe, daß sie immer mit einem überschwenglichen Glück

anfängt.

Das Fräulein hatte Mette sehr lieb, und Mette hatte das Fräulein sehr

lieb, und sie lernten miteinander und spielten miteinander und gingen

miteinander spazieren. Es war eine wundervolle Zeit. Aber wie alle

wundervollen Zeiten nur von kurzer Dauer.

Es war sicher der Teufel, der den früheren Husarenleutnant von Hanstein

plötzlich in den Weg warf; den Husarenleutnant, den das Fräulein glühend

geliebt hatte, als sie noch kein Fräulein war, sondern Friedel

Eggebrecht hieß und aufs Seminar ging und in ihrer Vaterstadt auf ihren

ersten Jung-Mädchen-Bällen tanzte.

Dieser frühere Husarenleutnant hatte keine ganz saubere Karriere hinter

sich. Er hatte schuldenhalber den Dienst quittieren müssen, hatte sich

in allen möglichen Berufen herumgetrieben und sprach sich über seine

jeweilige Beschäftigung immer nur in sehr unklaren, aber hochtönenden

Worten aus.

Das hinderte nicht, daß in dem Fräulein sehr bald die alte, nicht

rostende Liebe erwachte, und daß Mette, die kleine, süße, goldige Mette,

jetzt überall lästig und im Wege war.

Zuerst war Mette nur ärgerlich, wenn das Fräulein Besuch von ihrem

„Bruder“ bekam und Mette ins Schlafzimmer geschickt wurde, weil das

Fräulein Herrenbesuch nicht in einem Raum empfangen konnte, in dem ein

Bett stand. (Späterhin wurde das anders.)

Im Schlafzimmer war es kalt und langweilig. Mette stand am Fenster und

sah den Spatzen zu, die auf dem kahlen Baum im Hofe lärmten. Nebenan

waren ihre Bücher, ihre Puppen, ihre Spielsachen. Aber sie durfte nicht

hinein, solange der Besuch da war, und der Besuch dachte nicht daran,

wegzugehen.

Es war recht ärgerlich. Und wenn es so weitergegangen wäre mit Besuchen

und Eingesperrtwerden und dem kalten und unfreundlichen Ton, den das

Fräulein jetzt meistens hatte, so wäre Mettes glühende Liebe vielleicht

bald in Haß umgeschlagen – und es wäre alles gut gewesen.

Aber mochte der Teufel wissen – derselbe Teufel, der den Herrn von

Hanstein eines Vormittags auf den Viktoria-Luise-Platz warf – was diesem

Herrn von Hanstein gerade über die Leber lief. Hatte er Sorgen oder

Schulden oder irgendeine andere Liebelei – kurz – das Fräulein fing an,

sich gekränkt zu fühlen, sich zu grämen, des Nachts zu weinen.

Das war zuviel für Mette.

Mette Rudloff weinte schwer. Sie begriff nicht, daß ein Mensch weinen

konnte, ohne bis an die Grenzen des Wahnsinns zu leiden. Darum hätte sie

sich das Herz aus der Brust herausreißen mögen, um einen Weinenden zu

trösten.

Wenn Friedel Eggebrecht um ihren Husarenleutnant weinte, so litt Mette

alle Qualen der Hölle.

Im Anfang, als das Fräulein das Kind nicht wecken wollte, weinte sie

leise und weinte sich nach einer Viertelstunde in den Schlaf. Aber als

sie merkte, daß Mette doch aufwachte oder vielleicht auch nicht

einzuschlafen wagte, sich mühsam wach hielt, um auf jeden Atemzug zu

lauschen, da war es ihr ganz bequem, sich einem lauten Schmerz

hinzugeben und sich trösten zu lassen.

Beim ersten Aufschluchzen sprang Mette aus dem Bettchen und kam auf

bloßen Füßen über die Dielen gelaufen. Dann kauerte sie auf dem Bettrand

und weinte und zitterte und tröstete mit ihrem süßen, zärtlichen

Stimmchen, mit ihren weichen, guten Kinderhänden.

Und das Fräulein ließ sich streicheln und trösten und stieß mit den

Füßen gegen die Bettkante, warf den Kopf nach hinten, krallte die Nägel

in die Kissen und schrie:

„Der Hund! Der Schuft! Ich ertrage es nicht mehr. Ich sterbe! Er mordet

mich!“

Zu der Zeit, als diese Szenen sich abspielten, wußte Mette schon längst,

daß diese Ausbrüche dem Bruder galten, und daß dieser Bruder kein Bruder

war.

Sie empfand einen so wütenden, qualvollen Haß gegen diesen Mann, daß sie

oft angestrengt darüber nachdachte, wie sie es bewerkstelligen könnte,

ihn zu ermorden.

Diese durchweinten, durchwachten Nächte waren schlimm. Aber sie waren

nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, wenn am nächsten Tage der Herr

Bruder wieder ankam und empfangen wurde zwischen Lachen und Weinen, mit

offenen Vorwürfen und kaum verhehlter Zärtlichkeit, und Mette ins

Schlafzimmer geschickt wurde.

Dann rieb Mette die Zähne aufeinander und bohrte die Nägel in die

Handflächen, und zerpeinte sich in schmerzlicher Wut.

Bei solchen Anlässen konnte Mette auch sehr ungezogen werden. Es lag ihr

nicht, Traurigkeit zu zeigen, wenn sie litt. Sie zog es vor, ungezogen

zu werden. Es war mitunter ganz begreiflich, daß das Fräulein eine

maßlose Wut auf sie hatte.

Wenn Mette hätte zeigen können, wie es in ihr aussah, so hätte sie

geweint und gesagt: „Ich liebe dich, und ich bin eifersüchtig, doppelt

eifersüchtig, weil deine Liebe einem Mann gehört, der dich quält, und

den zu verachten du vorgibst. Ich leide, daß ich einen Menschen lieben

muß, der so wenig Stolz und Charakter besitzt.“

Wenn die kleine Mette ihre unklaren Gefühle in Worten hätte ausdrücken

können, so würden diese Worte ungefähr so gelautet haben.

Wer von uns, die wir reife und kluge Menschen sein wollen, die wir

gelernt haben, die Worte zu wählen, zu wägen, zu setzen, vermag das

auszusprechen, was er empfindet? Selten wollen wir es tun. Und die

wenigen Male, die wir uns bemühen, können wir es nicht und werden

mißverstanden.

Mette wollte es nicht und konnte es nicht. Sie verlangte Liebe. Aber die

konnte sie nicht erbetteln, da beanspruchte sie ihr Recht.

Haben nicht ältere und vernünftigere Leute manchmal so gehandelt?

Mette ging hinein in das Zimmer, in _ihr_ Zimmer, das sie nicht betreten

durfte, solange der verhaßte „Kerl“ dasaß. (Mette nannte ihn so in

Gedanken, und das war kein Wunder, sie hatte ihn zu oft so nennen hören,

wenn das Fräulein in Wut war.) Sie ging hinein, ohne anzuklopfen, sie

reckte den Kopf sehr hoch und setzte die schmalen Füße sehr fest auf.

Sie legte die Bücher und Hefte auf den Tisch, klappte den Deckel vom

Tintenfaß auf, tat, als ob sie nach der Uhr sähe (sie tat so; denn in

Wirklichkeit wurde es ihr schwer, die richtige Zeit festzustellen, so

klein war sie noch) und sagte:

„Ich habe jetzt Stunde!“

Der „Kerl“ grinste höhnisch und empfahl sich. Das Fräulein fauchte sie

an, wie sie sich unterstehen könne ...?

Mette bemühte sich, etwas sehr Häßliches zu sagen. Und es gelang ihr.

„Bloß, daß der ‚Kerl‘ hier immerfort sitzt, dafür bezahlt Sie mein Vater

nicht!“ sagte sie.

Das Fräulein wollte sie schlagen. Aber sie schrak zurück vor dem

drohenden Ernst in dem blassen Kindergesicht.

Niemals hat jemand gewagt, Mette Rudloff zu schlagen, obgleich

vielleicht manch einer die Lust dazu verspürte.

Das Fräulein packte sie am Arm und rüttelte sie. So fest packte sie, daß

noch nach Tagen der Abdruck ihrer Finger in bläulichen Flecken auf der

zarten Haut zu sehen war.

Es geschah nicht einmal, es geschah hundertmal, daß Mette blaue Flecken

am Arm hatte, oder Striemen über der Schulter, oder Kratzwunden an den

Händen.

Wenn sie sich hätte beklagen wollen, so wäre ihr Hilfe sicher gewesen.

Wenn sie einmal Tante Emilien die Spuren einer solchen Szene gezeigt

hätte, statt sie angstvoll zu verbergen, so wäre die „Person“ geflogen.

Das wußte Mette, aber das wollte sie nicht. Darum mußte sie diesen Kampf

ganz allein auskämpfen.

Als die Eggebrecht einsah, daß das Kind ihr überlegen war, änderte sie

ihre Taktik. Es ging nicht mehr an, Mette als Feindin zu behandeln,

darum wurde sie zur Vertrauten gemacht. In Mettes kleines verschwiegenes

Herz wurde alles ausgeschüttet, alle Freuden und Kümmernisse dieses

Verhältnisses und eine ganze Masse Unrat dazu.

Mette mußte Horchposten stehen, Mette mußte Briefe befördern und

Telephongespräche führen, und Mette wurde mit Liebkosungen und

Süßigkeiten überschüttet.

Vielleicht hätte ein anderes Kind sich in diesem Zustand sehr wohl

befunden. Mette fuhr fort zu leiden.

Es lag wohl auch daran, daß ihr der Mann so widerwärtig war. Wenn es

jemand gewesen wäre, der ihr gefallen hätte, hätte sie sich vielleicht

eher in die Sachlage gefunden.

Manchmal, wenn das Fräulein in der Laune war, ihren Liebsten zu

beschimpfen, dann warf das Kind sich vor ihr auf die Knie und beschwor

sie, von diesem schrecklichen Manne zu lassen. Dann wurde unter Tränen

und Eiden alles versprochen.

„... ja, mein Süßes, ja, mein Engel, er betritt mir die Schwelle nicht

mehr, der verfluchte Hund, ich habe ja dich, mein Süßes, mein Trost, ich

will nur noch für dich leben!“

Das waren für Mette Momente qualvoller Seligkeit.

Aber es waren immer nur Momente; denn wenn das Telephon klingelte, oder

wenn ein Brief kam, oder wenn man dem Herrn „zufällig“ im Tiergarten

begegnete, dann war alles wieder vergessen.

Mette begriff, daß da etwas war, wogegen sie nicht ankonnte.

Sie begriff dunkel, daß sie nicht das Recht hatte, einen Menschen ganz

für sich zu verlangen, weil sie noch ein Kind war. Und sie wünschte sich

glühend, schnell, schnell erwachsen zu sein, um das, was sie liebte,

ganz und ungeteilt zu besitzen.

Es kam noch eins dazu, das Leben zu erschweren. Das Fräulein hatte nicht

viel Zeit und Lust, mit Mette zu arbeiten. Es war so unendlich viel

anderes zu tun. Das Fräulein mußte Briefe schreiben, oder spannende

Bücher lesen – oder Handarbeiten machen. Das Fräulein machte gern

Handarbeiten und hatte flinke und geschickte Hände. Sie nähte sich

allerliebste Blusen und stickte sich zierliche Hemdpassen – oder sie

häkelte Schlipse und stopfte seidene Herrensocken. Von alledem hatte

Mette weiter keinen Nutzen.

Sie war nicht böse, daß sie mit dem langweiligen Lernen ziemlich

verschont blieb. Aber Tante Emilie kam bald dahinter. Es war ein so

ernster Fall, daß der Vater zugezogen wurde. In solchen Dingen, und nur

in solchen Dingen konnte man mit Franz Rudloffs Anteilnahme rechnen. Er

stellte eine eingehende Prüfung mit seiner Tochter an. Das Ergebnis war

derart, daß er allen Ernstes erschrak.

Er rechnete nach, daß er im selben Alter ein fehlerfreies _Dicté_

geschrieben, _verba irregularia_ auswendig gelernt und Schillers Don

Carlos mit Begeisterung verschlungen hatte.

Mette las lateinische Druckschrift mühsam und stockend.

Von dem Tage an ließ sich Franz Rudloff die schmerzliche Überzeugung

nicht nehmen, daß sein armes Kind geistig zurückgeblieben sei. Damit

zerbrach das letzte Brett, das zu einer Brücke zwischen ihnen hätte

werden können. Er hörte nicht auf, seine Tochter mit Zartheit und

Höflichkeit zu behandeln. Im Gegenteil. Aber sie war ihm so fremd, daß

sie ihm mitunter beinah unheimlich erschien.

Obgleich Tante Emilie Metten gern alle nur mögliche Trägheit und

Unbegabung zugetraut hätte, wußte sie doch, daß sie nicht die

Alleinschuldige sein konnte. Das Fräulein mußte verschiedentlich recht

scharfe Bemerkungen hören, die sie veranlaßten, einige Tränen zu

vergießen und Metten bitterliche Vorwürfe zu machen.

„Ich gehe,“ das war der ständige Schluß ihrer Rede. Und das war das, was

Metten jedesmal mit tödlichem Schrecken erfüllte. Sie fühlte zu gut, daß

die Drohung Wahrheit werden konnte, Wahrheit werden mußte, wenn Tante

Emilie bei einer nächsten Prüfung wieder auf so „krasse Unwissenheit“

stieß.

Also fing Mette mit zähem und verbissenem Eifer an zu lernen. Das

Fräulein half ihr nicht oft dabei, sie störte sie höchstens.

Aber sie streichelte ihr manchmal das Haar, oder preßte sie an sich,

oder küßte sie fast leidenschaftlich auf den Mund.

Und um sich diese flüchtigen Liebkosungen zu erhalten, mußte Mette

lernen.

Sie war zu begabt, als daß sie nicht bald am Lernen und Lesen selbst

Freude gehabt hätte. Aber das wußte sie nicht. Sie bildete sich ein, daß

sie nur um des geliebten Fräuleins willen mit so fanatischer Inbrunst

über den Büchern saß.

Sie fing an zu lügen. Etwas, was sie in dieser Weise auch in späteren

Jahren mit wahrer Leidenschaft tat. Wenn die Rede – dem Vater, der Tante

oder Gästen gegenüber – einmal auf irgend etwas kam, was Mette in ihren

Büchern gefunden hatte – in Büchern, in die das Fräulein niemals ihr

hübsches Näschen steckte – und Mette ein wenig erstaunt gefragt wurde:

„Wo hast du denn die Weisheit her?“ dann war sie sehr stolz darauf, zu

antworten: „Von Fräulein!“

Und Fräulein widersprach nie. Mette glaubte, jedesmal zu sehen, daß sie

rot wurde. Und sie liebte sie doppelt, weil sie ihr leid tat. Aber es

war ein Irrtum. Sie wurde nicht rot. Sie hörte meistens gar nicht danach

hin. Sie hatte so viel andere Gedanken im Kopf ...

Und dann kam die merkwürdige Angelegenheit mit dem Silberzeug.

Eines Nachts gab das Fräulein Metten die Schlüssel zum Silberschrank und

einem flachen, lederbezogenen Kasten. Mette sollte den Kasten in den

Schrank zurücktragen. Das Fräulein hatte ihn sich heimlich ausgeliehen,

weil ihr Bräutigam das Silber gern einmal sehen wollte.

Mette wollte auch gern einmal sehen. Sie drängelte so lange, bis das

Fräulein den Kasten öffnete. Da lagen die dicken, blanken Löffel in Reih

und Glied, jeder auf seinem Einschnitt im dunkelblauen Samt. Keiner

fehlte.

Es machte Metten ein unbändiges Vergnügen, unhörbar wie auf

Katzenpfötchen durch den langen Korridor zu schleichen, sich im

Speisezimmer zurechtzutasten, ohne Licht anzumachen, behutsam den

Schrank aufzuschließen, ohne daß die Schlüssel klirrten oder die Tür

knarrte, den Kasten an seinen Platz zu stellen, abzusperren – und dann

mit mühsam unterdrücktem Jubel in Fräuleins Arm zu fliegen und sich

beloben zu lassen.

Dieses erste Mal war nur eine Einleitung.

Mette lernte mit staunender Bewunderung die schätzenswerte Einrichtung

eines Leihamtes kennen. Es war eine ganz fabelhafte Angelegenheit, daß

man Silber oder Schmuckstücke nur zu verleihen brauchte, um eine Menge

Geld dafür zu bekommen. Nach einiger Zeit bekam man seine Sachen

unversehrt zurück. Ja, sie wurden nicht einmal benutzt in der Zeit, wie

Fräulein auf Mettens Fragen lachend versicherte. Es war eine schöne,

aber merkwürdige Einrichtung.

Immerhin! Es gab so viele merkwürdige Einrichtungen. Zum Beispiel: daß

man Geld auf eine Bank legte – daß es nicht irgendeine beliebige

Gartenbank sein durfte, das hatte Mette unterdessen schon gelernt – daß

man dann immerfort Geld geschickt bekam, von dem man leben konnte, und

das Geld auf dieser seltsamen Bank doch niemals weniger wurde – das war

auch so eine merkwürdige Tatsache. So ähnlich würde es sich wohl mit dem

Leihamt auch verhalten. Es lohnte nicht, sich darüber den Kopf zu

zerbrechen. Man begriff es doch nicht.

Also wanderte das Silberzeug aufs Leihamt. Und bei Gelegenheit wanderte

es wieder zurück in den Schrank.

Es war so lustig, abends im Bett zu liegen und zu schwatzen und Konfekt

zu knabbern. Aber das Konfekt kostete so rasend viel Geld. Darum wurde

von Zeit zu Zeit das Silber „verliehen“. Es schadete ihm ja nichts. Und

die Heimlichkeit, mit der es geholt und wieder zurückgebracht werden

mußte, machte einen Heidenspaß.

Aber einmal war der große Kasten fort und kam und kam nicht wieder. So

ewig lange war er schon fort, es dachte kaum mehr ein Mensch an ihn.

Da verfiel Tante Emilie eines Tages beim Reinmachen auf die Idee, das

ganze Silber nachsehen und putzen zu lassen. Tante Emilie wußte ganz

genau, wieviel Silber im Haushalt vorhanden war. Sie wußte sogar, von

welcher Großmutter oder Schwiegermutter oder Tante jedes einzelne Stück

stammte. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um sich in so

wichtigen Dingen auf ihr Gedächtnis zu verlassen.

Auf der Innenseite jeder Büfettür war mit vier Reißnägeln ein Papier

befestigt, auf dem in Tante Emiliens sehr deutlicher und leserlicher

Schrift stand:

Inhalt:

Ein Lederetui mit 12 Suppenlöffeln, gezeichnet L. R.

Ein Holzkasten mit 12 Dessertlöffeln, gezeichnet G. v. S.

Ein Kasten mit 12 Mokkalöffeln, vergoldet.

Ein brauner Pappkarton mit 9 großen Gabeln, Alfenid.

Usw. usw.

Ja, und an der Hand dieses Zettels ließ es sich mit unfehlbarer

Sicherheit feststellen, daß da ein Kasten fehlte.

Mette erschrak gar nicht, als sie Tante Emiliens scharfe, empörte Stimme

hörte und das Aufweinen des gekränkten Hausmädchens.

Sie war nur froh, die Sache richtigstellen zu können. Gott sei Dank.

Sonst wäre die arme Berta womöglich in den Verdacht des Diebstahls

gekommen! Mette trat ins Zimmer und sagte sehr kühl und ein wenig

hochmütig:

„Du brauchst dich nicht aufregen, Tante. Das Silber ist da. Ich hab’ es

nur verliehen!“ –

Aus dem, was sich in den nächsten Tagen ereignete, wurde Metten

allmählich klar, daß sie etwas getan hatte, wozu sie nach Ansicht der

anderen nicht berechtigt war.

Das Hausmädchen erzählte jedem, der es hören wollte, daß in diesem Hause

ehrliche Leute verdächtigt würden, weil das „Quack“ das Silber „klaue“

und zum Juden trage.

Die alte dicke Köchin weinte und schlug jammernd die Hände zusammen.

Die Tante ging umher, als hätte das Entsetzen sie versteinert. Dem Vater

traten die Tränen in die Augen, wenn er sein unseliges Kind ansah. Sogar

ein Kinderarzt erschien auf der Bildfläche, der den grauenerregenden und

unheimlichen Titel „Psychiater“ führte und ein langes Examen mit ihr

anstellte.

Und das Fräulein tobte und weinte und schrie und schimpfte sie

„idiotisch“ und „blödsinnig“ und stieß und kratzte sie und fiel dann

wieder vor ihr auf die Knie und nannte sie „kleine Heilige“ und flehte

sie an, zu schweigen.

Und Mette schwieg. Da sie aber nicht wußte, was sie verschweigen sollte,

so schwieg sie auf alles. Sie ließ sich fragen, in Ruhe, im Zorn, in

stundenlangem Verhör, sie ließ sich rütteln, sie ließ sich anflehen, sie

ließ sich einsperren – und schwieg. Das Schweigen wuchs wie eine Mauer

um sie herum. Sie hätte nun nicht mehr hindurch gekonnt, auch wenn sie

gewollt hätte.

Dennoch mußte das Fräulein aus dem Hause. Ob sie nun beteiligt war oder

gänzlich ahnungslos – es war klar, daß ein Kind nicht so verwahrlosen

konnte, wenn die Erziehung in den richtigen Händen lag.

Das Fräulein ging. Und Mette litt alle Todesqualen der Trennung und

Einsamkeit.

Ich möchte über Friedel Eggebrecht kein Urteil sprechen. Wenn ich die

Geschichte ihres Lebens schreiben sollte, würde ich versuchen, alles zu

verstehen, was sie getan hat. Sie liebte – und immer ist Liebe gut und

schön und edel. So liebte sie, daß sie fähig war, um ihrer Liebe willen

ihre Pflichten zu vergessen und zu lügen, zu stehlen, zu betrügen. Wer

von uns kann sich rühmen, dessen fähig zu sein?

Immer, wo Liebe ist, ist Leid. Und fast immer, wo zwei sich lieben,

leidet ein Dritter.

Es wäre unsinnig, deswegen zu klagen oder anzuklagen.

Nur Kinder sollten nicht darunter leiden müssen.

Es ist genug, wenn man sie mit Frühaufstehen peinigt und mit

Schularbeiten und mit langweiligen Sonntags-Spaziergängen.

Aber von Haß und Liebe und Eifersucht, von solchen Dingen sollten Kinder

nicht zu leiden haben. – – –

* * * * *

Mette wurde in die Schule geschickt.

Dafür, daß man ihr das Fräulein genommen hatte, rächte sie sich nun,

indem sie sich dagegen wehrte, irgend etwas zu lernen.

Während der Schulstunden schickte sie ihre Gedanken auf Wanderschaft.

Manchmal schlug irgend etwas an ihr Ohr, das ihr Interesse weckte. Dann

war die Versuchung da, hinzuhören, und man mußte eine gewisse

Kraftanstrengung anwenden, um an etwas anderes zu denken.

Aber diese Versuchung kam nicht oft.

Es dauerte über ein Jahr, bis dieser trotzige Widerstand nach und nach

zerbröckelte.

Da war es zu spät, nachzuholen. Sie wollte auch nicht. Gott bewahre! Sie

wendete nicht die geringste Mühe an, um vorwärts zu kommen. Aber es

lohnte auch nicht mehr, sich zur Wehr zu setzen. Sie tat, was man von

ihr verlangte. Sie tat es darum, weil es weniger störend war, das

unsagbar Geringfügige zu lernen, als immer lange Straf- und

Ermahnpredigten stehend anzuhören.

Der Skorpion. Band 1 · 第 4 / 19 题