Wäre das statthaft in Bezug auf die somnambule Traumpersonifikation

des normalen wachen Zustandes durch das somnambule Bewusstsein, so

wäre es nicht minder geboten in Bezug auf die Personifikation der

abnormen wachen Bewusstseinszustände durch das somnambule Bewusstsein

und in Bezug auf die Personifikation des somnambulen Zustandes

durch das Bewusstsein des Hochschlafs; wir würden also durch diese

Art, zu schliessen, doch niemals auf zwei, sondern sofort auf fünf

bis sechs getrennte Bewusstseine und Personen innerhalb desselben

organisch-psychischen Individuums geführt werden. Die verschiedenen

abnormen Bewusstseinszustände sind von einander in nicht geringerem

Grade relativ abgesondert als der normale Bewusstseinszustand von

den abnormen; es ist also ganz unzulässig, wie du Prel thut, die

Absonderung des normalen Zustandes von den abnormen zur Scheidegrenze

zwischen zwei Bewusstseinen oder Personen im Individuum zu stempeln,

die Absonderung der abnormen Zustände unter einander aber zu

ignoriren und alle diese Bewusstseinszustände kurzweg als „die zweite

Person“ im Individuum zusammenzufassen. Der optische Pluralismus der

Personen ist überall, auch als Dualismus der Personen im somnambulen

oder Traumbewusstsein, eine phantastische psychologische Illusion

oder Fiktion, und wenn auch die Thatsache dieser Illusion keine

illusorische, sondern eine reelle Thatsache ist (114), so darf man

aus diesem Satze doch unter keinen Umständen zu Schlüssen, welche

die Realität des Inhalts dieser Illusion unvermerkt voraussetzen,

fortschreiten (112).

Das wache Bewusstsein und das somnambule Bewusstsein sind also nicht

zwei Bewusstseine, sondern zwei Zustände eines Bewusstseins, die durch

Schwellenverschiebung in einander überfliessen können, und von denen

der erste vom zweiten zwar durch regelmässige Erinnerungslosigkeit,

der zweite vom ersten aber nur durch die phantastische illusorische

Personifikation desselben abgesondert ist. Wenn die Blendlaterne des

Bewusstseins sich vom wachen zum Traumzustand oder zum hypnotischen

Zustand hin dreht, so erweitert sich der Lichtkegel nach der Seite

der sensitiven Gefühlseindrücke, verengt sich aber nach der Seite

der Sinneswahrnehmungen und der bewussten Zwecke und Interessen des

Tageslebens; wenn dann der hypnotische Zustand in den somnambulen

übergeht, so wird die vorherige Verengerung in Bezug auf die

Sinneswahrnehmungen wieder rückgängig gemacht.

Das Organ der Willkür, der Spontaneität, der Aufmerksamkeit, der

Besonnenheit, der zielbewussten Leitung des Vorstellungsablaufs, der

absichtlichen Hervorrufung von Vorstellungen und Motiven und damit der

Selbstbestimmung des Willens wird beim Uebergang aus dem wachen in den

träumenden oder somnambulen Zustand gelähmt oder ausser Thätigkeit

gesetzt; damit hört auch die zügelnde und hemmende Thätigkeit auf,

welche dieses Organ auf die äussere und innere Reflexthätigkeit der

übrigen Centraltheile des Nervensystems ausübt und durch welche es

deren decentralisirende Impulse centralistisch beherrscht. Weil diese

reflexhemmende, regulirende und leitende Thätigkeit des höchsten

Geistesorgans am meisten anstrengt und am schnellsten ermüdet, so ist

auch dieses Organ, das wir der Kürze halber hinfort mit „Willkürorgan“

bezeichnen wollen, am meisten der Erholung bedürftig, und es ist

deshalb offenbar als eine teleologische Einrichtung aufzufassen, dass

es beim Einschlafen zuerst depotenzirt wird.

Nun ist es aber ein allgemeines physiologisches Gesetz, dass

die gehemmte Innervationsenergie des Nervensystems eine gewisse

Beständigkeit besitzt, und wenigstens keinen plötzlichen Schwankungen

ausgesetzt ist. So z. B. ist die hysterische Anästhesie der einen

Körperhälfte allemal mit einer entsprechenden Hyperästhesie der andern

Körperhälfte verbunden, welche beiden Zustände durch einen die gesammte

Innervationsenergie wieder gleichmässig vertheilenden galvanischen

Strom in gleichem Masse (wenn auch nur vorübergehend) beseitigt

werden können. Dem entsprechend muss die plötzliche Anästhesirung des

Willkürorgans beim Einschlafen eine Hyperästhesirung anderer Theile des

Nervensystems als unvermeidliche Ausgleichungserscheinung im Gefolge

haben, und diese theilweise Kompensations-Hyperästhesie wird um so

intensiver auftreten, auf je beschränktere Theile sie koncentrirt

ist. Daraus entspringen die lebhaften Träume unmittelbar nach dem

Einschlafen, wenn die gesammte Innervationsenergie des Organismus

noch nicht Zeit gehabt hat zu sinken, und vor dem Erwachen, wenn sie

durch die Kräftigung des genossenen Schlafes sich wieder bis zur

Höhe des Tageslebens erhoben hat. Dagegen ist anzunehmen, dass die

erholende Wirkung des tiefes Schlafes um so grösser ist, je tiefer

die gesammte Innervationsenergie des Organismus allmählich nach dem

Einschlafen unter das Niveau des Tageslebens gesunken ist, so dass im

gesunden tiefen Schlaf eine Hyperästhesie irgend welcher Theile des

Nervensystems nicht stattzuhaben braucht.

Dem Somnambulismus als einem krankhaften Zustand ist es im

Unterschiede vom gesunden tiefen und ruhigen Schlaf eigenthümlich, die

Innervationsenergie des wachen Lebens und mit ihr die Hyperästhesie

gewisser Theile des Nervensystems festzuhalten, und dies ist der Grund

dafür, dass einerseits das Traumbewusstsein in ihm niemals erlischt,

und dass andererseits er nicht wie der Schlaf das Schlafbedürfnis

befriedigt, sondern bei längerer Dauer geradezu hervorruft. Je höher

die Hyperästhesie der im Somnambulismus funktionirenden Theile steigt,

auf einen desto engeren Bezirk muss die gesammte Innervationsenergie

koncentrirt sein, desto mehr Theile müssen also der Anästhesie

verfallen sein; es muss also z. B. das Bewusstsein des Hochschlafs auf

einem beschränkteren funktionirenden Gebiet des Centralnervensystems

beruhen, als das gewöhnliche somnambule Bewusstsein. Da die

Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie im Somnambulismus

diejenigen des gewöhnlichen Traumes nach dem Einschlafen übersteigen,

trotzdem dass im ersteren die Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen

in Funktion, in letzterem anästhetisch sind, so lässt sich daraus

entnehmen, dass (wenn man von der unwahrscheinlichen Annahme einer

Steigerung der gesammten Innervationsenergie im Somnambulismus gegen

den wachen Zustand absieht) entweder im Traum schon eine gesunkene

Gesammtenergie sich bethätigt, oder aber im Somnambulismus ein

beschränkteres Gebiet des Centralnervensystems funktionirt als im

Traum. Vielleicht findet beides zugleich statt.

Jetzt erst erhält der obige Vergleich des Bewusstseins mit einer

Blendlaterne eine bestimmte physiologische Bedeutung. Die Umgebung,

auf welche der verschiebbare Beleuchtungskegel fällt, ist nicht als

die äussere Umgebung des Organismus zu verstehen, sondern als die

Gesammtheit des den Bewusstseinsfunktionen zur organischen Unterlage

dienenden Centralnervensystems; es zieht immer derjenige Theil den

Beleuchtungskegel des Bewusstseins auf sich, auf welchen jeweilig

das Maximum von Innervationsenergie koncentrirt ist, während die

zeitweilig anästhetischen Theile im Dunkel bleiben. Je nachdem die

funktionirenden Theile der einen oder der anderen Art von sensiblen

und sensorischen Nerven näher oder ferner liegen, sinkt oder steigt

die Empfindungsschwelle für die betreffende Art von Empfindungen

und Wahrnehmungen; allen abnormen Bewusstseinszuständen gemeinsam

aber ist die Hyperästhesie des Gedächtniss- und Phantasieorgans,

welche deshalb (neben jenen variablen Compensationserscheinungen)

als die +konstante+ Compensationserscheinung zur Anästhesie des

Willkürorgans anzusehen ist. Wenn im wachen Bewusstseinszustände

Vorstellungen aus dem Vorstellungskreise der somnambulen Krisen berührt

werden, und dabei ausnahmsweise eine Wiedererkennung stattfindet, so

heisst das mit anderen Worten: der Beleuchtungskegel des Bewusstseins

hat diejenigen Theile des Centralnervensystems gestreift, in welchen

die somnambule Vorstellung sich vollzogen hatte, und in welchen

demgemäss auch ihr Gedächtnisseindruck niedergelegt ist; der Beweis

dafür liegt in der Thatsache, dass jede solche Wiedererkennung den

Wiedereintritt des damals bestehenden Vertheilungszustandes der

gesammten Innervationsenergie, d. h. den Rückfall in den somnambulen

Zustand begünstigt und nicht selten wirklich hervorruft (363-364).

Es ist für die Psychologie ohne Bedeutung, wenn auch von hohem

psychologischen Interesse, welche Theile des Centralnervensystems im

Traum und Somnambulismus ausgeschaltet, und welche in gesteigerter

Thätigkeit sind. Im Allgemeinen ist anzunehmen, dass die Anästhesirung

im Schlaf und Somnambulismus ebenso wie in der Chloroformnarkose

von der Peripherie des Centralnervensystems nach dessen Centrum

fortschreitet (55); doch hilft uns dieser Satz nicht viel, da wir

nicht überall genau wissen, welchen von zwei Hirntheilen wir als

den centraleren ansehen sollen, und da er ausserdem ohne Zweifel

beträchtliche Ausnahmen erleidet. Nur soviel ist gewiss, dass das

Willkürorgan in der Rindenschicht der Grosshirnhemisphären zu suchen

ist, und deshalb im physiologischen Sinne eine peripherische Stellung

zum Mittelhirn einnimmt, trotz seiner Hegemonie im Gebrauch der

Leistungsfähigkeit des gesammten Organismus. Als die am meisten

centralen sind jene Theile zu betrachten, die auch im völlig traumlosen

tiefen Schlaf noch funktioniren müssen, um den Fortbestand des

Lebens zu sichern; während diese Theile im gesunden tiefen Schlaf

besonders günstig funktioniren (wie der stärkende und regenerirende

Einfluss dieses Zustandes auf den Organismus beweist), scheinen sie

im somnambulen Hochschlaf (wahrscheinlich wegen fortbestehender

Hyperästhesie der Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen trotz

gesunkener Gesammtenergie) bereits in ihrer Funktion bedroht, als ob

sie im Begriff wären, von Lähmung und Anästhesie befallen zu werden;

so dass der eigentliche Hochschlaf schon als ein nicht ungefährlicher

Zustand zu betrachten ist, dessen künstliche Herbeiführung als ein

durch nichts zu rechtfertigendes Wagniss verurtheilt werden muss.

Der Schwerpunkt des physiologischen Problems liegt in der Frage:

wo sind im somnambulen Zustande die Perceptionscentra für

Sinneswahrnehmungen, das Ausführungscentrum für Handlungs- und

Sprachbewegungen und die Centra für Sach- und Wortgedächtniss, sowie

für gestaltende Phantasiethätigkeit zu suchen?

Dass sie im Sonnengeflecht nicht zu finden sind, unterliegt keinem

Zweifel. Das Sonnengeflecht kann höchstens als reflektorisches und

instinktives motorisches Centrum für einen Theil der vegetativen

organischen Processe, als Perceptionscentrum für Gefühlseindrücke

der eigenen Eingeweide und allenfalls noch für Gefühlseindrücke, die

aus den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Natur stammen,

angesehen werden, aber nur soweit die letzteren von gefühlsmässiger

Unbestimmtheit, d. h. nicht zu Sinneswahrnehmungen differenzirt sind;

denn eben weil das Sonnengeflecht nicht mit Sinnesnerven in directer

Verbindung steht, und nicht darauf eingerichtet ist, +deren+

specifisch differenzirte Reize in sich aufzunehmen und zu verarbeiten,

kann es sich die allgemeine Perceptionsfähigkeit der Ganglien für

undifferenzirte Gefühlsreize in um so höherem Grade bewahrt haben,

also wohl geeignet sein, die innere Selbstschau der Somnambulen, ihre

Diagnosen fremder Krankheiten und ihre Sensitivität für chemische,

meteorologische und andere Einflüsse zu vermitteln. Um aber die

so percipirten Reize in Bilder umzusetzen oder zu symbolisiren,

und um die Bilder wieder in Worte zu übertragen und gar die Worte

auszusprechen, dazu müssen nothwendig die etwaigen Gefühlsperceptionen

des Sonnengeflechts zu Hirntheilen hingeleitet werden, welche mit den

Sinnes- und Sprachbewegungsnerven in unmittelbarer Verbindung stehen.

Die Aussagen der Somnambulen über ihre Perception durch den Magen

oder die Herzgrube deuten allerdings auf eine gesteigerte sensitive

Thätigkeit des Sonnengeflechts und auf einen krankhaft gesteigerten

Rapport zwischen ihm und dem Gehirn (190, 142); aber mehr lässt sich

aus denselben sicherlich nicht entnehmen (188, 397-398), und du Prel’s

Ueberschätzung des Gangliensystems im Allgemeinen (141, 187, 211)

entbehrt der thatsächlichen Begründung.

Es bleibt sonach bloss die Wahl zwischen den verschiedenen

Bestandtheilen des Gehirns. Dass das Willkürorgan nur einen Theil der

Grosshirnhemisphärenrinde beansprucht, ist als sicher anzunehmen;

es ist demnach wohl möglich, dass der ganze übrige Theil der

Grosshirnhemisphären im Traum und Somnambulismus weiter funktionirt,

insbesondere das Sprachcentrum, das Gedächtniss und die Phantasie.

Wenigstens liegt kein zwingender Grund zu der Annahme vor, dass

die Phantasie des Traumes eine schlechthin und specifisch andere

als die des wachen Bewusstseins sei, wie du Prel meint (55, 180);

denn wenn z. B. Walter Scott seinen Ivanhoe im Fieber komponirte,

ohne nachher von dieser Ausführung seiner allgemeinen Idee etwas

zu wissen (328), so spricht das dafür, dass die Traumphantasie des

Fieberdeliriums mit der künstlerischen Phantasie identisch ist. Dass es

streckenweise Funktionslähmungen des Grosshirngedächtnisses giebt ohne

Funktionslähmung desselben im Allgemeinen, zeigen eine Menge Beispiele

(335); es wäre daher auch dann, wenn wir das somnambule Gedächtniss

als identisch mit dem wachen Gedächtniss des Gehirns betrachten, die

Erklärung von Erscheinungen nicht ausgeschlossen wie derjenigen, dass

das wache Gedächtniss die willkürlich eingeprägten und die zu den

wachen Lebensinteressen in Beziehung stehenden Vorstellungen leichter

reproducirt, das somnambule Gedächtniss dagegen die unwillkürlich

percipirten Vorstellungen und Vorstellungsreihen (308). Auch die

verschiedene Färbung, welche das somnambule und Traumbewusstsein im

Vergleich zum wachen Bewusstsein seinem Inhalt verleiht, und welche

besonders beim Wechsel beider Zustände durch den Kontrast spürbar wird,

würde nach dieser Hypothese erklärbar bleiben; denn wenn in einem

Orchester auf der einen Seite eine Anzahl Instrumente wegfallen, auf

der anderen Seite eine Anzahl neuer Instrumente hinzutreten, so muss

die Klangfarbe des Gesammteindrucks nothwendig eine andere werden.

Endlich würde die Annahme, dass das somnambule und Traumbewusstsein auf

einem Zusammenwirken von Theilen des Grosshirns mit dem Mittelhirn und

Kleinhirn beruht, den Vortheil haben, noch ein weiteres Gebiet übrig zu

lassen, innerhalb dessen eine neue Verschiebung des Beleuchtungskegels,

wie sie im somnambulen Hochschlaf eintritt, geringeren Schwierigkeiten

der Erklärung begegnet.

Andererseits liegt aber auch keine Nöthigung vor, dass Theile des

Grosshirns beim Zustandekommen des somnambulen Bewusstseins betheiligt

sein müssen. Wir wissen, dass die einzelnen Hirntheile relativ

selbstständige Centralorgane mit selbstständigen Perceptions- und

Motionscentra, selbstständigem Gedächtniss und selbstständigen Reflexen

zwischen Empfindung und Bewegung, zwischen Bewusstsein und Handlung

sind, und wir wissen nicht, ob nicht schon die Phantasie des wachen

Bewusstseins ihr materielles Substrat ausserhalb des Grosshirns

liegen hat, da sie weniger als andere Geistesfähigkeiten von der

Willkür beherrscht wird. Sicher ist, dass das Kleinhirn im Traum und

Somnambulismus eine erhöhte Thätigkeit entfaltet, womit die Behauptung

Reichenbachs übereinstimmt, dass die odische Insensität (d. h. die

Innervationsenergie) im Wachen im Grosshirn, im Schlaf im Kleinhirn

überwiegt (57).

Das Kleinhirn ist in erster Instanz Gehörs- und Gleichgewichts-Centrum,

und demgemäss ist die Fähigkeit der Gleichgewichtsbehauptung im

somnambulen Zustand entschieden gesteigert, so wie das Gehör der erste

der oberen Sinne ist, durch welchen die Somnambule mit der Aussenwelt

in Beziehung tritt, und immer derjenige Sinn bleibt, durch welchen der

Magnetiseur die Somnambule am leichtesten und sichersten beherrscht

und leitet. Das Kleinhirn besitzt zweifellos ein Gedächtniss für

Gehörseindrücke, also auch ein Wortgedächtniss, und wahrscheinlich auch

ein Centrum der musikalischen Phantasie und ein motorisches Centrum

für reflektorische Sprachbewegungen. Vermuthlich ist es das Kleinhirn,

welches die mit dem Ohr, aber nicht mit dem wachen Grosshirnbewusstsein

aufgefassten Worte eines Dritten percipirt und aufbewahrt und uns

ermöglicht, sie nachträglich, nachdem sie im Ohr längst verklungen

sind, mit dem Grosshirnbewusstsein percipiren zu können, wenn wir

veranlasst sind, unsere Aufmerksamkeit auf dieselben zu richten (363).

Aber was dem Kleinhirn fehlt, ist die nähere Verbindung mit dem

Sehnerv, und demgemäss die Aufnahmefähigkeit für Gesichtseindrücke

und Phantasiebilder; diese besitzen dagegen die Vierhügel, und mit

ihr das Bildergedächtniss und die Fähigkeit, auf Gesichtseindrücke

reflektorisch zu reagiren. Kleinhirn und Vierhügel zusammen dürften

demnach für sich allein schon genügen, um die Art des somnambulen

Verkehrs mit der Aussenwelt und das mechanische Fortspinnen

somnambuler Träume zu erklären, womit indess keineswegs behauptet

werden soll, dass keine anderen Hirntheile bei den betreffenden

Funktionen betheiligt seien. Eine exakte Lösung würde die Frage nach

der physiologischen Grundlage des somnambulen Bewusstseins und nach

dem Mass der funktionellen Betheiligung des Sonnengeflechtes und der

einzelnen Hirntheile nur durch Vivisektionsversuche an somnambulen

Menschen finden können; indess lässt sich nicht in Abrede stellen,

dass die Schmerzlokalisationen bei den mehrfach erwähnten Versuchen

von Binet und Féré auf Theile des Grosshirns als materielle Grundlage

der somnambulen psychischen Funktionen mit grosser Wahrscheinlichkeit

hinweisen.

Wie dem auch sei, so viel ist gewiss, dass wir keinen Grund haben,

die abnormen Bewusstseinszustände von der physiologischen Grundlage

des Centralnervensystems abzulösen (187), so lange wir an der

Unentbehrlichkeit einer solchen für das wache Tagesbewusstsein

festhalten; denn die psychischen Funktionen dieser abnormen Zustände

sind, wie wir gesehen haben, weit geistloser, sinnlicher, mechanischer

und inniger mit dem organischen Naturleben verwachsen als diejenigen

des normalen Bewusstseinszustandes, und sind es um so mehr, je weiter

sie sich von dem letzteren entfernen, d. h. je tiefer der Schlaf, je

gesteigerter der Somnambulismus wird. Will man mit du Prel das normale

wache Bewusstsein „das sinnliche“ in der engeren Bedeutung des Wortes

nennen, so sind die abnormen Bewusstseinszustände als „untersinnliche“

zu bezeichnen, und sie sind um so „untersinnlicher“, je weiter sie

sich vom normalen sinnlichen Bewusstsein entfernen. Wenn es ein vom

leiblichen Organismus und seinem Zerfall unabhängiges „leibfreies“

Bewusstsein hinter dem „sinnlichen“ gäbe, so wäre solches jedenfalls

in der entgegengesetzten Richtung zu suchen, als in derjenigen,

welche wir mit der Untersuchung der abnormen „untersinnlichen“

Bewusstseinszustände beschritten haben, denn es wäre nur als ein dem

organischen Treiben der Natur entrücktes, „übersinnliches“, dem wachen

Bewusstsein an teleologisch-vernünftiger Geistigkeit überlegenes zu

denken. Will man mit du Prel dieses hypothesische leibfreie Bewusstsein

mit dem metaphysischen „Unbewussten“ des betreffenden Individuums

gleichsetzen (395, S. VI), so ist jedenfalls der Somnambulismus eine

schlechtere Eingangspforte zu dieser Region als das ihr näher stehende

wache Bewusstsein, und am allerwenigsten die einzige Eingangspforte zu

derselben, wie du Prel meint (158); denn es ist eine Eingangspforte nur

zu einem Theil des physiologischen oder untersinnlichen Unbewussten,

welches von dem metaphysischen oder übersinnlichen Unbewussten streng

unterschieden werden muss.

Sowohl die normalen wie die abnormen Bewusstseinszustände sind

Zustände des Hirnbewusstseins, wenn auch der Brennpunkt seiner

Lage wechselt; sie alle zusammen bilden also das eine sinnliche

Bewusstsein im weiteren Sinne des Wortes und konstituiren mit dem

leiblichen Organismus zusammen die Persönlichkeit des Menschen.

Will man hinter diesem sinnlichen Bewusstsein ein übersinnliches

annehmen, das in ähnlicher Weise, wie das sinnliche sich auf den

leiblichen Organismus stützt, sich auf eine materielle Basis von

unvergleichlich feinerer, ätherischer Beschaffenheit (403, 393), auf

einen vom Tode des Leibes nicht alternirten Metaorganismus stützen soll

(522, 523), so würde man damit allerdings eine zweite übersinnliche

Persönlichkeit hinter der sinnlichen Persönlichkeit des Menschen

annehmen. Aber dieser hypothesische Dualismus von übersinnlicher und

sinnlicher Persönlichkeit im Menschen wäre geradezu entgegengesetzter

Art wie der oben als unhaltbar nachgewiesene hypothetische

Dualismus zwischen normalem sinnlichen Bewusstsein einerseits und

der vermeintlichen Mehrheit abnormer untersinnlicher Bewusstseine

andererseits, und dürfte keinenfalls mit demselben verwechselt oder

durcheinander gemengt werden, wie du Prel beständig thut[24]. Wäre

der Dualismus von normal-sinnlichem und abnormem Bewusstsein, wie

du Prel meint, erwiesen, und die Hypothese einer übersinnlichen

Persönlichkeit anderweitig genügend begründet, so hätten wir doch

immer keinen Dualismus, sondern einen Trialismus von übersinnlicher,

normal-sinnlicher und abnorm untersinnlicher Persönlichkeit, oder

genauer einen Septualismus zwischen einer übersinnlichen, einer

normal-sinnlichen, einer träumenden, zwei somnambulen und zwei bis drei

irrsinnigen Personen in demselben Menschen. Der verfehlte Dualismus

zwischen der normal-sinnlichen und der abnorm-untersinnlichen

Persönlichkeit, die beide gleichmässig mit dem organischen Leibe zu

Grunde gehen, könnte keinesfalls etwas dazu beitragen, den ebenso

verfehlten Dualismus zwischen der sterblichen sinnlichen und der

unsterblichen übersinnlichen Person im Menschen zu begründen oder

auch nur annehmbarer zu machen. Der Versuch du Prels, die uralte,

aber in keiner Weise zu begründende metaphysische Weltanschauung des

„transcendentalen Individualismus“ auf die Erscheinungen des abnormen

Seelenlebens und insbesondere des Somnambulismus zu stützen, erscheint

hiernach ebenso misslungen, wie der ihm voraufgegangene Versuch

Hellenbachs, dieselbe auf die Erscheinungen des Spiritismus zu stützen.

Man würde mich missverstehen, wenn man glaubte, ich wolle du Prel

einen Vorwurf aus seiner Behauptung machen, dass die psychischen

Funktionen des Individual-Subjekts nicht mit der sinnlichen

Bewusstseinsthätigkeit erschöpft sind, sondern dass dasselbe ausserdem

noch vor und jenseits alles organisch vermittelten Bewusstseins

liegende Funktionen hervorbringt und trägt, durch welche es einerseits

den Organismus producirt und erhält (145, 412) und andererseits die

Bewusstseinsfunktionen sowohl des normalen wie der abnormen Zustände

durch Inspirationen unterstützt (194, 278). Ich tadle ihn nur deshalb,

weil er erstens in der offen stehenden Frage nach der Bewusstheit

oder Unbewusstheit der fraglichen Functionen den Beweis zu Gunsten

der Bewusstheit einfach durch die Konfusion zwischen untersinnlichem

und übersinnlichem, somnambulem und leibfreiem Bewusstsein geliefert

zu haben glaubt, und zweitens, dass er das so eingeschmuggelte

übersinnliche Bewusstsein wiederum mit dem dasselbe tragenden

Individualsubjekt verwechselt; denn dieses letztere muss doch als das

zwei Bewusstseine oder Personen gemeinsam tragende Subjekt (376) beiden

gleich fern und gleich nahe stehen, d. h. der unbewusste Producent und

Träger beider sein, und es ist unmöglich, demselben dadurch näher zu

kommen, dass man von der Erscheinungswelt des einen dieser Bewusstseine

in diejenige des anderen hinüberschreitet. Gäbe es also auch hinter der

sinnlichen Person im Menschen noch eine zweite übersinnliche, so müsste

man doch, um von der Flächenausdehnung dieses zweiten Bewusstseins

zum unbewussten gemeinsamen Subjekt beider Personen zu gelangen, ganz

ebenso in die metaphysische Tiefendimension hinabsteigen, als wenn man

von dem Bewusstsein der ersten Person ausgeht; denn das Subjekt selbst

ist niemals empirisch im Inhalt seiner Funktion zu finden, sondern

nur aus der Funktion durch einen nach rückwärts gehenden Schluss

intellectuell zu erreichen, weshalb eben Kant es das intelligible

Subjekt nennt (415).

Moderne Probleme · 第 20 / 21 段