von Anatomie, insbesondere Nervenleidende, an denen schon viel herum
kurirt worden ist, und die oft eine Masse unverdauter medicinischer
Kenntnisse aufgelesen haben (309); es ist daher kein Wunder, dass
auch die Somnambulen die therapeutischen Systeme ihrer Zeit wenigstens
den Grundzügen nach widerspiegeln (264), wenn ihre Aeusserungen
auch mit dem Glauben und Aberglauben der Volksmedicin mehr oder
weniger gemischt sind. Ebenso wie die vermeintlichen Intuitionen der
Somnambulen über metaphysische und religiöse Dinge nur phantastisch
gemodelte unbewusste Reminiscenzen aus dem ihnen geläufigen religiösen
Vorstellungskreise sind (185), ebenso sind auch die vermeintlichen
Intuitionen des somnambulen (oder träumenden) Heilinstinkts in
der allergrössten Mehrzahl der Fälle nichts als erinnerungslose
Reproduktionen von früher einmal Gehörtem, Gelesenem oder Probirtem,
welche durch die Hyperästhesie des Gedächtnisses dem Bewusstsein
zur Verfügung gestellt werden ohne jedes Merkmal, dass sie aus dem
reflexiven discursiven Wissen stammen (229). Zweitens kreuzen sich bei
der Somnambulen, als einer Kranken, die perversen krankhaften Instinkte
mit dem Heilinstinkt, und man kann nie wissen, welcher im gegebenen
Falle die Oberhand hat; das Verlangen nach den unverdaulichsten
Dingen (217), nach kolossalen Dosen stark wirkender Medikamente (270
bis 272), nach Fortdauer und Wiederholung des somnambulen Zustandes
gehören ohne Zweifel den ersteren an. Drittens schützt der Verzicht
des Magnetiseurs auf Fragestellung bei engem magnetischem Rapport
keineswegs davor, dass nicht schon dessen unausgesprochene bewusste
und unbewusste Vorstellungen und Wünsche in die Somnambule übergehen
und aus ihr zurücktönen. Viertens kann die somnambule Traumphantasie
sich in einem Spiel mit ebenso sinnlosen wie unschädlichen Verordnungen
ergehen (171), denen vom Magnetiseur und demgemäss auch von der Kranken
irrthümlich eine hohe Wichtigkeit beigemessen wird. Berücksichtigt man
endlich, dass Zurückhaltung in der Fragestellung bei den registrirten
Krankheitsgeschichten von Somnambulen zu den Ausnahmen gehört, so wird
man ermessen können, einen wie geringen Antheil an den berichteten
Selbstverordnungen man dem Heilinstinkt zuschreiben darf.
Betrachtet man die berichteten Fälle von günstiger Wirkung der
somnambulen Verordnungen, so bleibt nach Ausscheidung der schlechthin
unzuverlässigen Angaben und nach Abzug der Fälle, in denen bekannte
Heilmittel von anerkannter Wirksamkeit verordnet sind, in der That noch
genug Material übrig, um das Erstaunen des Laien zu erwecken. Aber
ganz dasselbe ist der Fall bei den zahllosen irrationellen Systemen
der Heilkunst, welche auf der Erde im Schwange gehen, ja sogar bei
Schäfern und wunderthätigen Heiligenbildern; sie alle haben eine Menge
zweifellos glücklicher Kuren aufzuweisen, insbesondere in Fällen von
Nervenkrankheiten, die jeder rationellen Behandlung spotten, und bei
denen noch immer das Wort gilt: Dein Glaube hat Dir geholfen. Wenn
nun eine Somnambule den festen Glauben gewinnt, dass sie in Folge der
getroffenen Verordnungen sich bessern oder genesen werde, so kann
dieser Glaube sehr wohl eine vorübergehende oder dauernde Veränderung
der Krankheit herbeiführen, ganz abgesehen davon, ob den verordneten
Mitteln objektiv genommen irgend welche Wirksamkeit zukommt. Aus der
objektiven Gleichgültigkeit des Inhalts der Verordnung erklärt sich
die Vorliebe der Somnambulen für anscheinend indifferente Mittel
oder für homöopathisch kleine Gaben (272), zugleich aber auch die
Thatsache, dass die Mittel immer nur ihnen selbst helfen, aber in
anscheinend gleichen Fällen jede Wirkung versagen und zur Abstraktion
von allgemein giltigen Regeln nicht brauchbar sind (269-270); ebenso
erklärt sich aus der grösseren Kraft des Glaubens an eigene als an
fremde Verordnungen die Thatsache, dass die Wirkung der somnambulen
Verordnungen für dritte mit ihnen in Rapport gesetzte Personen soviel
unsicherer ist, als die Wirkung der Selbstverordnungen.
Hätten die Verordnungen der Somnambulen irgend welche objektive
Wirksamkeit, so müsste doch unbeschadet der grössten Individualisirung
der einzelnen Fälle irgend welcher greifbare Gewinn für die Therapie,
wenn auch nur der allerbescheidensten Art, nachweisbar sein; da dies
trotz aller Bemühungen der Magnetiseure nicht der Fall ist, muss man
schliessen, dass die Wirkung der Verordnungen, soweit letztere nicht
von bereits bekannter objektiver Wirkung sind, nur subjektiver Art
ist, und zwar nicht nur bei den Somnambulen selbst, sondern auch bei
denen, welche ihre Hülfe in Anspruch nehmen und an deren Wirksamkeit
glauben. Darum ist aber auch die Hoffnung abgeschnitten, auf diesem
Wege jemals einen Fortschritt der medicinischen Wissenschaft zu
erzielen; die Befolgung der somnambulen Verordnungen, soweit keine
objektive Wirksamkeit derselben bekannt ist, wird ein verständiger
Arzt nur zu dem Zwecke zugeben, um von dem aufrichtenden Einfluss des
Glaubens und Vertrauens Nutzen zu ziehen, welcher durch das Vergessen
der somnambulen Verordnung im wachen Zustande nicht beeinträchtigt
wird. Aber kein verständiger Arzt wird den künstlichen Somnambulismus
herbeiführen in der ungewissen Aussicht, eine Selbstverordnung der
Kranken zu erzielen, die vielleicht einen günstigen subjektiven
Einfluss auf das Nervenleiden haben könnte. Ganz unstatthaft aber ist
das Provociren von Verordnungen für dritte Personen; will man einmal
Hokus-Pokus treiben, so giebt es andere Mittel genug, um medicinisch
nützliche Einbildungen in den letzteren hervorzurufen, als dass
man zu dem Zwecke durchaus mit der Gesundheit eines ohnehin schon
Nervenkranken ein frevelhaftes Spiel treiben müsste.
Bei alledem bin ich weit entfernt, die Existenz eines Heilinstinkts
und seine erleichterte Aeusserung im somnambulen Zustande zu leugnen;
ich behaupte nur, dass diese Aeusserungen unter einem solchen Wust von
werthlosen und schädlichen Einfällen und Einbildungen vergraben liegen,
dass es ein praktisch aussichtsloses und bei seinen unvermeidlichen
Irrwegen gefährliches Unternehmen wäre, auf dieselben eine indirekte
hypnotische Behandlung der Kranken gründen zu wollen. Es ist auch die
Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die Hyperästhesie der Gefühls-
und Vorstellungsfunktion im somnambulen Zustande das Auftauchen
hellsehender Intuitionen über allerlei andere als medicinische Dinge,
ja sogar über transcendent metaphysische Thatsachen erleichtert, und
trotzdem müssen, wie du Prel zugiebt (184-185), alle Versuche, „aus
den Somnambulen Wahrsager zu machen oder gar über metaphysische Fragen
von ihnen Aufklärungen zu erhalten, als +ganz werthlos+ angesehen
werden“. Dieselben Gründe, welche diese Versuche auf dem einen Gebiet
praktisch werthlos machen, thun es im gleichen Masse auch auf dem
andern.
Noch unzulässiger als die medicinische Verwerthung ist die pädagogische
Ausnutzung des Somnambulismus im moralischen Interesse, welche du
Prel der wohlbegründeten Besorgniss vor unmoralischen Missbrauch der
Macht des Magnetiseurs über die somnambule Person entgegengestellt
(357-358). Das somnambule Bewusstsein ist ein widerstandsloser und
willenloser Geisteszustand, in welchem blindlings jeder Befehl des
Magnetiseurs befolgt wird und die Consequenzen des einmal erhaltenen
Thätigkeitsimpulses wie bei einem mechanischen Automaten abschnurren;
die somnambule Widerstandslosigkeit gegen den Willen des Magnetiseurs
greift aber -- und darin liegt eine furchtbare Gefahr -- auch in
das wache Leben über, so dass die wache Person die unglaublichsten
Vorwände aufsucht, um einen im somnambulen Zustande erhaltenen
Befehl des Magnetiseurs zu rechter Zeit zu erfüllen, obwohl sie
keine Erinnerung an diesen Befehl hat, sondern nur den dunklen,
unmotivirten Trieb zum Vollziehen der fraglichen Handlung empfindet.
Der pathologische Charakter des Somnambulismus und seine Verwandtschaft
mit der Geistesstörung offenbart sich hier mit voller Deutlichkeit,
indem die unbewusst fortwirkenden Rückstände des somnambulen Lebens
bei ihrem Hineinragen in’s normale Leben sich genau so verhalten,
wie die unmotivirten und doch unwiderstehlich wirkenden Triebe bei
Wahnsinnigen. Beide Arten von decentralisirten Impulsen kommen aus
derselben Region des Centralnervensystems, nur dass sie im ersteren
Fall durch den Magnetiseur, im letzteren Fall durch innere krankhafte
Reize des Organismus bestimmt sind.
Es ist klar, dass dieses Verhältniss der Somnambule zum Magnetiseur
den Begriff der Besessenheit objektiv verwirklicht, von dessen
Verwirklichung in wachen Irrsinnsfällen die blosse Illusion besteht; es
ist ebenso klar, dass die mit solcher Besessenheit gegebene Aufhebung
der Selbstbestimmung des Willens das psychologische Fundament der
Sittlichkeit ganz ebenso wie der spontane Irrsinn zerstört. Ob der
Inhalt des infiltrirten Willens gut oder böse ist, erscheint relativ
gleichgiltig, da seine Ausführung dem Handelnden doch nicht mehr
moralisch zugerechnet werden kann; aber das rein Formelle an diesem
Verhältniss ist einem Meuchelmord der sittlichen Persönlichkeit
gleich zu achten, und muss als solcher immer sittlichen Abscheu
erwecken. Das Hinüberspielen des blinden Automatengehorsams aus
dem somnambulen in den wachen Zustand kann niemals Früchte von
sittlichem Werth, sondern höchstens eine maschinenmässige Legalität
der impulsiven Handlungen erzielen; aber die Legalität ist hier
nicht, wie in der echten Pädagogik, eine Vorstufe zur Bethätigung
sittlicher Autonomie, sondern mit dem Preise ihrer Zerstörung bezahlt.
Nur da, wo durch Geistesstörung ohnehin die psychische Grundlage der
sittlichen Persönlichkeit aufgehoben ist, kann die Herbeiführung des
somnambulen Zustandes und die Aenderung der krankhaften Willensimpulse
und Einbildungen unbedenklich erscheinen; so z. B. wenn man einem
Irrsinnigen im somnambulen Zustand befiehlt, hinfort nicht mehr von
einem bösen Dämon sondern von einem guten Genius besessen zu sein,
oder ihn selbst die Person wählen lässt, mit der er die Vertauschung
seines wahnsinnigen Ich vornehmen will. Auch die Möglichkeit Somnambule
auf Befehl bestimmte Vorstellungen für die Dauer vergessen zu lassen,
könnte zur Bekämpfung von fixen Ideen und Zwangsvorstellungen
verwerthet werden, obschon die aus einer Wahnvorstellung verscheuchte
Krankheit sich dann sehr bald in einer andern Wahnvorstellung ein neues
Ventil zu öffnen pflegt.
Es giebt keine launischeren, selbstsüchtigeren, anspruchsvolleren,
herrschsüchtigeren, empfindlicheren, kurz, für ihre Umgebung
unerträglicheren Individuen, als jene Art von Nervenkranken, die
zum Somnambulismus prädisponirt sind, und die öftere Wiederholung
des Somnambulismus steigert die nervöse Gleichgewichtsstörung, aus
der diese Unliebenswürdigkeit des Benehmens entspringt, hat also
eine entschieden ungünstige Rückwirkung auf die sittliche Haltung
der Person, ebenso wie auf ihr Gedächtniss und ihre intellectuellen
Fähigkeiten. Nur in der somnambulen Krise selbst, wo der störende
Druck des Nervenleidens auf die Stimmung der Kranken durch die
Analgesie aufgehoben ist und alle Gedächtnissvorstellungen nur mit
den ihnen in der Vergangenheit (also in gesunden Tagen) anhaftenden
moralischen Gefühlswerthen reproducirt werden (317, 319), erscheint
auch das aus diesen begleitenden Gefühlswerthen abfliessende moralische
Urtheil wieder so, wie es in gesunden Tagen war. Dieser Zustand
kann also relativ, d. h. im Vergleich mit der krankhaften Entartung
des sittlichen Gefühls im wachen Zustande, als eine Steigerung
und Reinigung des moralischen Gefühls erscheinen (434); aber der
Somnambulismus erzeugt diese nicht, sondern lässt nur die reineren
Gefühlswerthe der gesunden Vergangenheit durch das Gedächtniss wieder
aufwachen, während er die Störungen des gegenwärtigen wachen Lebens
zeitweilig verdunkelt.
Nach alledem ist der Nutzen des Somnambulismus ebenso problematisch wie
die Schädlichkeit desselben für Leib und Seele zweifellos ist; alle
Versuche, aus demselben Nutzen zu ziehen, sind (mit Ausnahme einzelner
Fälle von Behandlung der Hysterie und des Irrsinns) nicht nur praktisch
werthlos, sondern befinden sich auf einem gefährlichen Irrwege. Es ist
praktisch höchst wichtig, daran festzuhalten, dass der Somnambulismus
ein rein pathologischer Zustand mit ausschliesslich pathologischen
Funktionen ist, der vor anderen pathologischen Nervenzuständen nichts
voraus hat und keine einzige neue Funktion des menschlichen Geistes
enthüllt, sondern nur bekannte Funktionen in anderer Zusammenstellung
zeigt. Selbst das eigentliche Hellsehen ist eine Funktion, die bei
wachem Bewusstsein unter Umständen auch vorkommt, und die nur beim
Somnambulismus wegen der Hyperästhesie des Gedächtnisses und der
Phantasie leichter eintritt; aber noch nie hat die Menschheit in
ihrem Kulturprocess vom somnambulen Hellsehen irgend welche Förderung
erfahren, weil solche abhängig ist von der Verbindung des Hellsehens
mit der zielbewussten Besonnenheit der Geistesthätigkeit, die eben im
Somnambulismus unterdrückt ist.
Die willenlose, decentralisirte, automatenartige Passivität des
somnambulen Bewusstseins (124) stellt dasselbe tief unter das
wache Bewusstsein, ebenso wie das gewöhnliche Traumbewusstsein,
dem gleichfalls das zielbewusste Wollen und die Richtung gebende
Aufmerksamkeit fehlen (33). Die Geistigkeit und bewusste Vernünftigkeit
des wachen Lebens bekundet sich eben formell in der Erhebung über die
anschauliche Bildlichkeit der Vorstellungen zu abstrakten Begriffen
und zur Gedankenreflexion, inhaltlich in der zielbewussten Leitung
des Vorstellungs- und Motivationsprocesses, durch welche auch die
autonome Selbstbestimmung des Willens ermöglicht ist. Ein bloss
bildliches Bewusstsein, dessen Vorstellungsbilder mechanisch von aussen
aufgezwungen werden oder ebenso mechanisch nach zufällig entstandenen
Associationen abschnurren, und dessen Handlungen ebenso mechanisch aus
den aufgezwungenen oder zufällig aufgetauchten Bildern entspringen,
entbehrt der Finalität im Vorstellungsablauf und damit der specifisch
geistigen Vernünftigkeit. Je tiefer der natürliche oder somnambule
Schlaf ist, desto mehr nimmt diese Lähmung der Spontaneität, diese
teleologische Vernunftlosigkeit der Bilderfolge und Handlungen zu, und
nur die wachsende Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie
bewirkt, dass längere Bilderreihen im Zusammenhang verlaufen. Beim
normalen Traum, der schon im Halbschlaf oft längere zusammenhängende
Episoden zeigt, mag bei der Schlafvertiefung der zunehmende Abschluss
von den Sinnesreizen die Häufigkeit solcher störenden Unterbrechungen
vermindern und dadurch zur Verlängerung der zusammenhängenden Episoden
beitragen (32); im Somnambulismus giebt umgekehrt bei gesteigerter
Tiefe und damit zunehmendem Aufschluss der Sinne an die Aussenwelt
der Magnetiseur den spiritus rector ab, welcher den mechanischen
Bilderfluss im Zügel hält und von unwillkürlichen Abschweifungen aus
dem Zusammenhang zurückholen kann.
Alles Vernünftige im gewöhnlichen und somnambulen Traum hängt aber doch
lediglich von der Vernünftigkeit des wachen Bewusstseins ab, nämlich
bei beiden von der Vernünftigkeit der im Gedächtniss niedergelegten
Associationen, durch welche die Reihenfolge der Reproduction bestimmt
wird, und beim Somnambulismus ausserdem von der Vernünftigkeit des den
Traum der Somnambule leitenden Magnetiseurs. Je tiefer der Schlaf wird,
desto tiefer versinkt das Traumbewusstsein in mechanische Passivität,
in gedankenlose Bildlichkeit und in die Neigung zu symbolischer
Personifikation (99), desto weiter entfernt es sich von der
vernünftigen Geistigkeit des wachen Bewusstseins; je tiefer und fester
der Schlaf, desto tiefer wird die Seele in das organische Treiben der
Natur versenkt (215). Je weiter sich aber der Seelenzustand von der
vernünftigen Geistigkeit entfernt und je tiefer er in das organische
Treiben des blossen Naturdaseins versenkt wird, desto mehr steigt er
auf der Stufenleiter der organischen Entwickelung +abwärts+, desto
unähnlicher wird er dem specifisch Menschlichen und desto ähnlicher dem
thierischen und pflanzlichen Leben. Das wache Bewusstsein der Thiere
von den Amphibien abwärts gleicht zweifellos mehr dem somnambulen
Bewusstsein als dem wachen Bewusstsein des Menschen, und die
Sensitivität des somnambulen Zustandes für unorganische und organische
Einflüsse, für chemische, elektrische und meteorologische Eindrücke
gleicht mehr dem thierischen und pflanzlichen Verwachsensein mit dem
Naturganzen als der menschlichen Aussonderung aus demselben.
Wenn man demnach vor die Alternative gestellt wäre, ob der
Somnambulismus sammt seiner sensitiven Einfühlung in den
Naturzusammenhang als eine atavistische Gestaltung, d. h. als ein
Ueberlebsel überwundener biologischer Entwickelungsstufen, oder ob
er als keimartige Anticipation einer auf Erden noch unerreichten
höheren biologischen Entwickelungsstufe zu deuten sei, so müsste
die Antwort zweifellos zu Gunsten des atavistischen Rückfalles in
niedere Lebensstufen lauten, und die Erörterung, ob die eventuell dem
Somnambulismus entsprechende höhere Entwickelungsstufe noch hier auf
Erden, oder in einem besseren Jenseits oder auf anderen Weltkörpern
erreicht werden wird (387, 125), ist völlig bodenlos. Aber selbst
die Frage, die jener Alternative zu Grunde liegt, ist schon falsch
gestellt: denn sie ist nur zulässig bei normalen physiologischen
Zuständen, die in der gradlinigen Entwickelung liegen, aber unzulässig
bei pathologischen Zuständen, die aus derselben seitlich heraustreten.
Niemand zweifelt daran, dass ein Irrsinniger mit alternirendem
Bewusstsein, trotz seines zwiespältigen Bewusstseinslebens,
und trotzdem er in dem einen Zustand als eine andere geistige
Persönlichkeit wie in dem andern erscheint, doch nur eine einzige
geistige Persönlichkeit mit einem einzigen Bewusstsein, aber mit
wechselnden Zuständen und demgemäss wechselndem Inhalt dieses
Bewusstseins ist. Nicht das Bewusstsein ist bei solchen Kranken
doppelt, auch nicht das Vorstellungsmaterial, über das sein
Bewusstsein insgesammt verfügt, sondern nur in zwei Gruppen ist das
Vorstellungsmaterial getheilt, so zwar, dass jede Vorstellung einer
Gruppe mit jeder derselben Gruppe sich leicht associirt, mit irgend
welcher Vorstellung aus der anderen Gruppe aber gar nicht oder doch
sehr schwer associirt. Der Vorrath der einen Gedächtnisskammer scheint
in zwei Kammern vertheilt (298), weil er in zwei Haufen getheilt ist,
die untereinander sich nicht berühren. Dass nur ein leerer Raum, aber
keine Scheidewand zwischen ihnen steht, erhellt daraus, dass manchmal
beim Uebergang des einen Zustandes in den anderen beide Gruppen doch in
einander übergreifen, aber sich wegen ihrer Fremdartigkeit abstossen.
Man kann das Bewusstsein mit einer Blendlaterne vergleichen, welche
durch ihren Lichtkegel immer nur einen engbegrenzten Ausschnitt der
Umgebung auf einmal beleuchtet; dreht sich die Laterne langsam, so
rückt der Lichtkegel stetig weiter und die Continuität des wechselnden
Bewusstseinsinhalts bleibt gewahrt, -- dreht sie sich aber plötzlich
mit einem Ruck um mehr als den Scheitelwinkel ihres Erleuchtungskegels,
so sind ganz von einander getrennte Ausschnitte der Umgebung
beleuchtet, welche bei der Dunkelheit der sie thatsächlich verbindenden
Brücke als zwei getrennte Bewusstseine erscheinen. Dass dieser Schein
trügt, ist daraus empirisch zu erweisen, dass die Uebergangsbrücke
unter Umständen, bei langsamer Drehung der Laterne, wirklich
beobachtet, also das Vorhandensein des objektiven Zusammenhanges beider
Gruppen erfahrungsmässig konstatirt wird. Denn wo die Vergleichung
von Vorstellungen aus den verschiedenen Bewusstseinszuständen
überhaupt möglich ist, da ist sie es nur unter der Voraussetzung der
Einheitlichkeit des Bewusstseins in beiden Zuständen; wo sie aber gar
nicht beobachtet wird, liegt in dieser Nichtwirklichkeit doch noch
kein Beweis für ihre Unmöglichkeit oder gar (wie du Prel meint --
438) für die Doppelheit des Bewusstseins, da auch dann immer noch ein
identisches Bewusstsein bestehen kann, dem nur die Handhabe dazu fehlt,
seine Identität mit in seinen Inhalt aufzunehmen.
Nun kennen wir innerhalb desselben menschlichen Organismus keine
Bewusstseinszustände, zwischen denen nicht wenigstens ausnahmsweise
ein Uebergang, eine wenn auch nur schwache Grenzberührung stattfände.
Das wache Bewusstsein erinnert sich vieler Träume und mancher Vorgänge
aus dem somnambulen Traumleben, besonders wenn für associative
Erinnerungsbehelfe Sorge getragen wird; ebenso erinnert sich das
Traumbewusstsein mancher Vorgänge aus dem somnambulen Leben, und das
somnambule Bewusstsein ausnahmsweise der Vorgänge aus dem Hochschlaf
(347-356). Nach den neueren französischen Berichten, ist der
entschiedene Befehl des Magnetiseurs an die Somnambule, sich nach dem
Erwachen an bestimmte Vorgänge des somnambulen Zustandes oder die ganze
Reihe derselben zu erinnern, ausreichend, um die Erinnerungsbrücke
mit Sicherheit herzustellen.[23] Diese Thatsachen genügen zum
strengen Beweise des Satzes, dass wir es in allen diesen Fällen nicht
mit verschiedenen Bewusstseinen innerhalb desselben organischen
Individuums, sondern mit verschiedenen, physiologisch bedingten
Zuständen desselben einen und einzigen Bewusstseins zu thun haben, und
es bedarf dazu kaum noch des Hinweises darauf, dass das Umspannen
des einen Bewusstseinszustandes durch den andern nicht die Ausnahme,
sondern die Regel ist, wenn wir vom Hochschlaf durch das somnambule und
Traumbewusstsein zu den verschiedenen normalen und abnormen Zuständen
des wachen Bewusstseins fortschreiten.
Diese Sätze sind so selbstverständlich, dass wohl Niemand darauf
verfallen wäre, sie in Frage zu stellen, wenn nicht der optische
Dualismus (148) der phantastischen Spaltung (38) des Ich in manchen
abnormen Bewusstseinszuständen mit einer Mehrheit relativ gesonderter
Bewusstseinszustände zusammenträfe. Nun ist aber klar, dass die
hallucinatorische Deutlichkeit eines Trauminhalts gar nichts für
dessen Realität beweist, dass es dem Aberglauben verfallen heisst,
wenn man die Traumfiguren des gewöhnlichen oder somnambulen Traumes
für wirkliche Personen nimmt (210, 186), und dass die Neigung zur
Verbildlichung und symbolisch-phantastischen Personifikation mit der
Tiefe des Traumbewusstseins wächst (99), also z. B. die Zahl der
Schutzengel und Interlocutoren mit der Steigerung des Somnambulismus
zunimmt. Wie ist es unter solchen Umständen möglich, die symbolischen
Personifikationen des Traumbewusstseins ausnahmsweise als Realitäten
zu behandeln, sobald sie sich auf einen anderen, relativ gesonderten
Bewusstseinszustand desselben Individuums beziehen, falls nicht schon
+auch ohnedies+ ein genügender Grund vorliegt, eine Mehrheit von
Bewusstseinen oder Personen innerhalb desselben organisch-psychischen
Individuums anzunehmen? Da wir gesehen haben, dass dazu nicht nur kein
Grund vorliegt, sondern eine solche Annahme entschieden unstatthaft
ist, so ist es auch schlechthin unstatthaft, in der Anerkennung des
phantastisch-illusorischen Charakters aller dramatischen Spaltungen
des Ich eine Ausnahme zu Gunsten der Personifikation des normalen
wachen Bewusstseinszustandes durch den irrsinnigen (343) oder durch den
somnambulen zu machen (438, 189, 127).