Nach allem vorher Angeführten sollte man es für unzweifelhaft halten,

dass man es beim Somnambulismus mit einem nicht bloss abnormen,

sondern schlechthin krankhaften Zustand des Organismus zu thun

hat, mit einem Zustand, der nicht nur seiner Entstehungsursache

nach, sondern an und für sich pathologisch ist und deshalb auch

nur pathologisch modificirte Funktionen ermöglicht. Der psychische

Symptomenkomplex des Somnambulismus lässt sich zusammenfassen als

eine Auslöschung oder Suspension der psychischen Funktionen im

Allgemeinen und als koncentrirte Steigerung derselben in derjenigen

beschränkten Richtung, auf welche das Interesse und die Aufmerksamkeit

durch den Magnetiseur oder Experimentator hingelenkt ist. Es besteht

allgemeine Fühllosigkeit, Seelenblindheit, Seelentaubheit, Geruch- und

Geschmacklosigkeit (Analgesie und Anästhesie), Gedächtnisslosigkeit

(Amnesie), Willenlosigkeit (Abulie), und völlige Stockung des

spontanen Vorstellungsverlaufes, alles dies aber gleichzeitig mit

hochgradiger Sensitivität und Hyperästhesie, Verschärfung der

sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit, Gedächtnisssteigerung (Hypermnesie),

erhöhter Willensenergie (Hyperbulie) und vermehrter Intensität und

Geschwindigkeit des Vorstellungsablaufes, freilich nur in den ganz eng

begrenzten Richtungen, auf welche durch Suggestion des Magnetiseurs

oder auch durch Autosuggestion das Interesse und die unwillkürliche,

reflektorische Aufmerksamkeit koncentrirt ist. Es ist als ob alle

psychischen Funktionen durch künstliche Verengerung des Bettes, in

dem sie sich bewegen, krankhaft gesteigert wären, ähnlich wie die

Muskelkräfte des Maniakus. Dabei ist freilich nicht ausgeschlossen,

dass die Ergebnisse der psychischen Funktionen dieses Zustandes logisch

wahr oder moralisch untadelig seien; z. B. wenn die pathologische

Verfeinerung der Wahrnehmung das Material zu Erkenntnissen und

unbewussten Schlussfolgerungen liefert, welche dem wachen Bewusstsein

verschlossen bleiben, oder wenn das moralische Gefühl des Menschen

durch die physische und psychische Analgesie des somnambulen Zustandes

von pathologischen Störungen befreit wird, welche es im wachen Zustande

entstellen. Aber dieser relative Werth der Ergebnisse jener psychischen

Funktionen beweist doch nichts dagegen, dass dieselben an und für

sich pathologischer Natur sind, wie du Prel meint (131, 137, 278).

Der Beweis dafür ist damit gegeben, dass auch andere pathologische

Zustände, Sensitivität, Irrsinn u. s. w. gelegentlich richtige und

ungewöhnliche Ergebnisse durch ihre pathologischen psychischen

Functionen zu Tage fördern. Anderseits würde die pathologische Natur

des somnambulen Zustandes nicht hindern können, dass die Natur ihn

unter Umständen als das kleinere von zwei Uebeln wählt, und dass die

menschliche Absicht dieses Beispiel der Natur nachahmt, falls das

Uebergewicht des zu beseitigenden Uebels und seine Beseitigung durch

das gewählte Mittel zweifellos sind.

Du Prel geht es wie so vielen Autoren, die sich anhaltend mit einem

Gegenstande beschäftigt haben, er überschätzt dessen Bedeutung in

jeder Hinsicht. So wenig es rathsam ist, nach der Weise der Alten die

Träume auf ihren prophetischen Werth hin zu kultiviren, ebensowenig

kann man es empfehlen, den Somnambulismus in ausgedehnterem Maasse

zu psychologischen Experimenten oder gar zu Heilzwecken zu benutzen.

Wenn es wahrsagende Träume giebt, so müssen dieselben nach du Prel in

tiefem Schlaf (36) stattfinden, von welchem wir gar keine oder nur

eine durch den Halbschlaf vermittelte Erinnerung besitzen (49); der

Halbschlaf aber, der nur werthlose Phantasiebilder liefert (36, 51),

droht die ohnehin schon symbolisirten Ahnungen des tiefen Schlafs

noch zu verunstalten, wenn er sie einmal ausnahmsweise der wachen

Erinnerung überliefert. Die Jagd nach prophetischen Träumen würde

deshalb sicherlich in der grössern Mehrzahl der Fälle, wo man einen

solchen vermuthet und nach einer solchen Vermuthung handelt, den

Menschen zum Narren haben; gesetzt aber auch, man lernte einmal aus der

Symbolik des Traums, dass man sich im Inkubationsstadium einer noch

nicht ausgebrochenen Krankheit befände, so würde dadurch die glückliche

Unwissenheit des Kranken nur um so viel früher zerstört ohne die

Therapie zu erleichtern, welche doch meist erst in den späteren Stadien

einer Erkrankung eingreifen kann.

Zur Erweiterung unserer psychologischen Kenntnisse über abnorme

psychische Zustände wird man wohl thun, sich auf genaue Beobachtung des

spontanen Somnambulismus zu beschränken; ich würde es eher für zulässig

halten, an Menschen mit ihrer Zustimmung Vivisectionsexperimente

zu machen, welche doch nur ihren Körper vorübergehend schädigen,

als künstliche Geistesstörungen in ihnen zu erzeugen, welche erst

bei öfterer Wiederholung interessantere Ergebnisse liefern, dann

aber auch Körper und Geist dauernd zerrütten.[20] Da der durch

künstlichen Somnambulismus dem Nervensystem zugefügte Schaden eine

zweifellose Thatsache, der durch ihn zu erzielende medicinische

Gewinn aber theils illusorisch, theils zweifelhaft und unsicher ist,

so wird jeder besonnene Arzt vor der Anwendung des Somnambulismus

zu Heilzwecken zurückschrecken, ganz unabhängig davon, ob er sich

denselben +erklären+ kann oder nicht (237); denn die vorläufige

Unerklärlichkeit der Wirkungsweise der meisten Heilmittel hat

noch keinen Arzt von deren Anwendung abgehalten. Ausserdem sind

es noch Nebengründe, welche die medicinische Verwendbarkeit des

Somnambulismus, selbst wenn man sie im Princip zuliesse, doch

praktisch (ebenso wie die örtliche Anwendung des Heilmagnetismus

ohne Hypnotisirung) auf Ausnahmefälle beschränken würden, nämlich

die relative Unempfänglichkeit vieler Patienten für magnetische

Einflüsse, die relative Seltenheit ausreichender magnetischer Kraft

bei Aerzten und die rasche Krafterschöpfung der Magnetiseure bei

erwerbsmässiger Thätigkeit. Wollte man aber nach den Vorschlägen

Fahnestock’s[21] alle Menschen darauf einüben, sich selbst willkürlich

durch psychische Einflüsse in Somnambulismus versenken zu können, so

wäre der dadurch im Nervensystem der Menschheit angerichtete Schaden

unermesslich, der Gewinn aber höchst zweifelhaft; denn ob bei schweren

Verwundungen, Brandwunden, Schlangenbissen, Neuralgien u. s. w. der auf

Selbstsomnambulisirung Eingeübte im Stande bliebe, seinen psychischen

Vorstellungsablauf so zu beherrschen, dass der Somnambulismus auch

wirklich einträte, darüber hat Fahnestock, wie es scheint, noch keine

Versuche angestellt.

Den Nutzen, den der Somnambulismus bringen kann, schlägt du Prel

viel zu hoch an. Dass dauernde vollständige Schlafentziehung ebenso

wie Nahrungsentziehung den Menschen tödtet, ist zweifellos; aber es

ist falsch, aus der Unentbehrlichkeit des Schlafs und der Nahrung zu

schliessen, dass der Mensch sich desto besser befinden müsse, je mehr

Schlaf und Nahrung man ihm zuführt (212). Dass Schlafsucht, die zu

wochenlangem oder monatelangem Schlaf führt, nicht nur nicht heilsam

ist, sondern meist mit Blödsinn oder Tod endet, ist bekannt. Aber

gesetzt auch, der Schlaf wäre um so heilsamer, je tiefer er ist, so

wäre doch die daraus gezogene Schlussfolgerung du Prel’s falsch, dass

der somnambule Schlaf als der tiefere und intensivere auch heilsamer

sein müsse als der natürliche (41). Denn erstens beruht dieser Schluss

auf der falschen Voraussetzung, dass der Somnambulismus eine Vertiefung

des normalen Schlafes sei, und zweitens lässt sie ausser Acht, dass

selbst, wenn er dies wäre, er doch nur eine +krankhafte+ Vertiefung

desselben wäre, die sich niemals an Heilsamkeit mit dem gesunden

Schlaf, selbst solchem von +geringerer+ Tiefe, messen kann. So ist

z. B. der durch Chloral, Morphium u. s. w. erzeugte Schlaf tiefer

als der gewöhnliche, und doch sind fünf Stunden natürlichen Schlafes

erquickender als sieben Stunden eines solchen künstlich erzeugten;

wer aber keinen natürlichen Schlaf finden kann, greift schliesslich

doch zu solchen Mitteln und darf dann wohl von ihnen rühmen, dass sie

nach langer Schlaflosigkeit ihn wahrhaft erquickt haben. So mögen

auch Somnambulen, die an Schlaflosigkeit leiden, das Erquickende des

somnambulen Schlafes rühmen, der ihnen einen gewissen Ersatz gewährt;

ja sogar sie können, wenn sie an schmerzhaften oder quälenden Zuständen

und Verstimmungen des Nervensystems leiden, mit Recht dem Hypnotismus

wegen seiner Analgesie in ihrem subjektiven Empfinden einen Vorzug

vor dem natürlichen Schlaf einräumen, ebenso wie sie ihm oft den

Vorzug vor dem ihnen unbehaglichen wachen Zustande geben (493). Aus

dieser subjektiven Bevorzugung des somnambulen Zustandes durch die

Somnambulen auf seine objektive Heilsamkeit zu schliessen, wäre ebenso

voreilig, als wenn man aus dem Verlangen eines Morphiumsüchtigen nach

neuer Narkose auf die Heilsamkeit der Morphiumnarkose schliessen

wollte. Dass der somnambule Zustand nicht erquickender sein kann,

als der gewöhnliche Schlaf, wird dadurch objektiv erwiesen, dass

er den letzteren nicht überflüssig macht, vielmehr bei andauerndem

Somnambulismus das Bedürfniss nach natürlichem Schlaf ganz ebenso

eintritt, wie im wachen Zustande (332).

Uebrigens stehen den Aeusserungen der Somnambulen über die

Erquicklichkeit des somnambulen Zustandes ebensoviel Aeusserungen

gegenüber, dass derselbe nicht gut für sie sei, und dass Alles

vermieden werden solle, was ihren Rückfall in diesen Zustand

herbeiführen oder begünstigen könnte (369); nur die Aeusserungen der

letzteren Art sind unverdächtige Kundgebungen des Heilinstinkts,

während bei denen der ersteren Art der Verdacht nahe liegt, dass

der Heilinstinkt durch den Drang nach relativer Behaglichkeit des

subjektiven Befindens verdunkelt werde. Letzteres wird dadurch

erhärtet, dass die Somnambulen mit dem Schwinden ihrer subjektiven

Beschwerden auch aufhören, nach dem somnambulen Zustand Verlangen zu

tragen; wenn er aber erquicklich und unschädlich zugleich wäre, so

müssten Alle, die ihn kennen gelernt haben, nach seiner Wiederholung

Verlangen tragen, gleichviel ob sie gesund oder krank wären. Wenn der

Somnambulismus darum heilsamer wäre, als der Schlaf, weil er tiefer,

intensiver als dieser ist, so müsste er um so heilsamer sein, je

tiefer er ist, am heilsamsten also als Hochschlaf; das Gegentheil

davon ist wahr: der somnambule Zustand ist um so schädlicher in seinen

Nachwirkungen auf den Organismus, je tiefer er ist, und der geradezu

lebensgefährliche Hochschlaf wird von den Somnambulen selbst gefürchtet

(365). Gegen die prahlerischen Berichte der Magnetiseure über

wunderbare Heilungen und Regenerationen in anhaltendem Somnambulismus

ist mehr kritische Vorsicht nöthig, als du Prel anwendet (212, 254),

und das Gleiche gilt für die wunderbaren Wirkungen der von den

Somnambulen für sich oder Andere verwendeten Heilmittel.

Da der Somnambulismus ein krankhafter, von dem gesunden Schlaf

specifisch verschiedener Zustand ist, der den letzteren keineswegs

entbehrlich macht, wohl aber um so schädlichere Nachwirkungen

hinterlässt, je tiefer er war und je öfter er sich wiederholte, so

ist gegen jede Behauptung heilsamer Wirkungen dieses Zustandes die

äusserste Vorsicht geboten. Der spontane Somnambulismus ist zunächst

ebenso zweifellos ein Symptom einer Erkrankung des Nervensystems wie

Epilepsie, Veitstanz oder Irrsinn; nur die unkritische vorgefasste

Meinung von der Heilsamkeit des Somnambulismus kann zu dem Irrthum

verleiten, in jedem Fall von spontanem Somnambulismus eine Aeusserung

der Naturheilkraft zu sehen. Dabei bleibt natürlich die Möglichkeit

nicht ausgeschlossen, dass in einzelnen besonderen Fällen der

spontane Eintritt des Somnambulismus in der That als eine Selbsthülfe

der Natur aufzufassen ist, z. B. um durch Analgesie dem Organismus

eine Erholungspause von unerträglichen Schmerzen zu gönnen, oder um

einen Anfall von nervöser Gleichgewichtsstörung in milderer Form

verlaufen zu lassen (larvirte Epilepsie, larvirter maniakalischer

Anfall). Ebenso ist es nicht unmöglich, dass die im Somnambulismus

stattfindende Funktionsausschaltung gewisser Theile des Organismus

und die Veränderung in den Bahnen des Blutstroms Gelegenheit geben

zur Förderung regenerativer Vorgänge. Im ersteren Sinne könnte

dem Somnambulismus ein symptomatischer Werth (zur Vorbeugung oder

Unterdrückung bedrohlicher nervöser Anfälle), im letzteren Sinne ein

Werth für die Linderung der Krankheitsursachen zugesprochen werden.

Aber was so für den spontanen Somnambulismus gelten könnte, ist

darum noch nicht ohne Weiteres auf den künstlichen Somnambulismus zu

übertragen, wie du Prel annimmt (140); denn wer steht dafür, dass

der künstliche Somnambulismus genau derselbe Zustand ist, wie der

natürliche, dass er der Natur, die es unterlassen hat, ihn spontan

herbeizuführen, überhaupt willkommen ist, und dass er genau im rechten

Grade und genau zur rechten Zeit angewendet wird? Insbesondere der

mehr am Tage liegende prophylaktische Werth als symptomatisches

Palliativmittel hängt ganz davon ab, dass der Kranke den Magnetiseur

in jedem Augenblick bei sich hat, was doch viel schwerer ist, als ein

Chloral- oder Morphiumpulver immer bei sich zu tragen. Zwar kann der

Arzt dem Patienten in der Hypnose suggeriren, dass der somnambule

Schlaf jedesmal wiederkehren soll, sobald er eines von einer Anzahl

wirkungsloser Pülverchen zu sich nimmt, oder auch sobald er einen

bestimmten Spruch hersagt; aber solche posthypnotische Suggestionen

werden nur bei Personen von hochgradiger Nervosität längere Zeit ihre

Wirkung behalten, und grade bei solchen ist die Herbeiführung des

Somnambulismus ohne sachkundige Beaufsichtigung am wenigsten zulässig.

Selbst wenn die körperlichen Nachtheile der narkotischen Mittel ebenso

gross wären wie die des Somnambulismus (was entschieden zu bestreiten

ist), würden sie doch, da sie für die Gesundheit dasselbe mit grösserer

Sicherheit leisten, den Vorzug verdienen, weil die Gefahren für Geist

und Charakter bei ihnen ungleich geringer sind. Auch der Heilwerth

der posthypnotischen Suggestionen bei hysterischen Störungen ohne

anatomische Grundlage (hysterischen Lähmungen, Krämpfen u. s. w.) darf

nicht überschätzt werden; denn wenn es gelingt, der Krankheit die eine

Pforte zum Hervortreten auf diese Weise zu verschliessen, so wird sie

nie in Verlegenheit sein, sich dafür eine andere zu öffnen, so dass

nicht eine Beseitigung, sondern nur eine fortwährende Aenderung der

Symptome auf diesem Wege erzielt wird. Immerhin kann die Aufhebung

besonders lästiger oder schädlicher Symptome durch posthypnotische

Suggestion unter Umständen ein grosser Gewinn für die ärztliche

Behandlung sein, und dürfte hierin noch am ehesten die mesmerische

Praxis eine Zukunft haben.

Nicht minder als den Heilwerth des Hypnotismus überschätzt du

Prel den Werth der somnambulen Sensitivität und der durch sie

vermittelten Diagnose eigener und fremder Körperzustände. Die Art,

wie die Somnambule ihre Körpertheile fühlt, ist unmittelbar nicht in

Worten auszudrücken, ja nicht einmal unmittelbar vom Bewusstsein zu

vergegenständlichen; erst der in Anschauungsbilder umgewandelte,

d. h. in Gesichtseindrücke übertragene Gefühlseindruck ist in

Worten wiederzugeben. Gesetzt den Fall, der Gefühlseindruck von der

relativen Lage und dem Zustand der eigenen Körpertheile wäre genau und

bestimmt, so würde er doch bei der unwillkürlichen Uebertragung in ein

Anschauungsbild zum ersten Mal, und bei der Uebersetzung des letzteren

in Worte zum zweiten Mal entstellt. Entweder fehlt es der Somnambule

an Worten und technischen Ausdrücken zur Beschreibung ihres Bildes, so

dass der Deutlichkeitsgrad ihrer Anschauung gar nicht zu kontroliren

ist; oder sie beherrscht solche Ausdrücke, dann besitzt sie sicherlich

auch einige unvollkommene Kenntnisse, welche ihrer vermeintlichen

Selbstschau Grundlage und Richtung geben und deren Ergebnisse entweder

verfälschen oder ergänzen. Aber schon der Gefühlseindruck selbst ist

dunkel und unsicher, und es bedarf schon einer Uebung durch häufige

Wiederholung oder eines ausnahmsweisen hohen Grades von Somnambulismus

oder einer örtlichen Steigerung der Hyperästhesie durch örtliche

Magnetisirung (179)[22], um die totale, beziehungsweise lokale

Selbstschau zu einer einigermassen bestimmten zu machen.

Abgesehen von der natürlichen Unbestimmtheit der Diagnose (198)

und von ihrer Gefährdung durch Einmischung von abstrakten

Gedächtniss-Vorstellungen (178) und Phantasiespielen (172) wird deren

Werth noch durch weitere Fehlerquellen verringert. Einerseits kann

nämlich der Magnetiseur durch vorzeitiges, oder zudringliches oder

ungeschicktes Fragen die Somnambule zwingen, seinen Ansprüchen durch

erquälte Antworten zu genügen, die sie theils nach ihrem eigenen

anatomischen Kenntnissstand, theils nach dem Wortlaut der Fragen

eingerichtet (178), und andererseits können, wenn die Annahme der

Gedankenübertragung vom Magnetiseur auf die Somnambule richtig ist,

sowohl die bewussten Gedanken des Magnetiseurs über die von ihm

erwarteten Antworten als auch die unbewussten Vorstellungen oder

dunklen Ahnungen desselben über den Zustand der Kranken in diese durch

den magnetischen Rapport übergehen und ihm aus demselben zurücktönen,

wie ein Echo, das er nicht als Echo erkennt (267). Hält der Magnetiseur

vorsichtshalber seine Fragen zurück, bis die Somnambule spontane

Aeusserungen über den Gesundheitszustand vorbringt (178), so wird er

nur selten eine Diagnose zu hören bekommen, und dann noch eine sehr

unvollständige und unbestimmte; geht er dann mit Fragen vor, so weiss

er doch nicht, was aus dem gesteigerten Körpergefühl der Somnambule

und was aus anderen Quellen stammt. Somnambule zur Diagnose fremder

Personen zu benutzen, bleibt, ob für Geld oder umsonst geübt, immer

ein Missbrauch ihrer Person, der sie schwächt und angreift und gegen

den sie sich mit Recht sträuben (204-205). Wäre die Ausnutzung der

somnambulen Sensitivität für Diagnosen etwas Unschädliches und wirklich

Werthvolles, so wäre nicht abzusehen, warum ein Magnetiseur, der seine

Somnambule (als Frau, Tochter, Pflegling u. s. w.) unterhält, nicht

ebenso gut wie ein konsultirender Arzt für die gelieferten Diagnosen

Honorar annehmen sollte, zumal sie ja von dem Inhalt der Sitzungen und

ihrer Entlohnung nichts zu erfahren brauchte (370).

Die Behauptung du Prels, dass die somnambule Selbstschau viel

werthvollere Aufschlüsse über die Anatomie des Menschen als

der Leichenbefund und +allein+ werthvolle Aufschlüsse über die

physiologische und pathologische Oekonomie des Menschen zu geben im

Stande sei, weshalb in der Vivisektion nichts als nutzlose Grausamkeit

zu sehen sei (193), resumirt seine Ueberschätzung der somnambulen

Selbstschau in drastischer Form und verkennt die Nothwendigkeit,

sich der schwer zu erreichenden Wahrheit von möglichst vielen Seiten

her zugleich anzunähern. Nach meiner Ansicht ist der Missbrauch von

Somnambulen zu Diagnosen und Heilverordnungen für dritte Personen

ebenso unbedingt auszuschliessen, wie öffentliche Vorstellungen; auf

dem Gebiet der Selbstdiagnose aber wird nur ganz ausnahmsweise einmal

eine in den selteneren Graden des Somnambulismus spontan eintretende

Aeusserung einen diagnostischen Werth für den Arzt haben können. Eine

Erweiterung unserer anatomischen, physiologischen und pathologischen

Kenntnisse im Allgemeinen von den Aussprüchen der Somnambulen zu

erhoffen, erscheint mir phantastisch und mit den bisherigen Erfahrungen

im Widerspruch. Dagegen erkenne ich bereitwillig den Nutzen an, den das

objektive Studium dieser pathologischen Zustände der Physiologie des

Nervensystems bringen kann und zum Theil schon gebracht hat. Derselbe

würde noch ungleich grösser sein, wenn die Vivisektion sich mit dem

Somnambulismus redebegabter Individuen verbinden liesse, was leider

nach den bisherigen Ansichten über die Zulässigkeit der Vivisektion bei

Menschen nicht angeht.

Aber selbst zugegeben, dass gelegentlich die somnambule Selbstschau

der ärztlichen Diagnose eine werthvolle Ergänzung oder Berichtigung

zuführt, so ist damit doch sehr wenig gewonnen; wäre jeder gute

Diagnostiker darum auch schon ein guter Arzt (176), so würde es uns

nicht an guten Aerzten fehlen, da in der Diagnose unsere heutige

Medicin ebenso weit vorgeschritten ist, als sie in der Heilung innerer

Krankheiten ohnmächtig geblieben, ja sogar zur Kenntniss ihrer Ohnmacht

gelangt ist. Steht schon den akuten constitutionellen Erkrankungen der

Arzt machtlos gegenüber, so noch weit mehr den chronischen; allgemeine

Kräftigung durch Diät und Hautpflege ist neben vorübergehender

Linderung einzelner lästiger Symptome das einzige, was ihm der heutige

Stand unserer Kenntniss zu leisten gestattet, insbesondere bei den

chronischen Krankheiten des Nervensystems. Wie wenig nützt ihm da

die Genauigkeit seiner eigenen Diagnose, und wie viel weniger die

gelegentliche Unterstützung durch die Somnambule! --

Nun darf freilich der Heilinstinkt der Somnambulen nicht ausser Acht

gelassen werden; aber dieser wird sich meist unabhängig von somnambuler

Selbstdiagnose und nur ausnahmsweise im Zusammentreffen mit derselben

äusseren, besonders, wenn man spontane Aeusserungen abwarten will,

denen allein einiger Werth zugeschrieben werden kann (255). Abgefragte

Heilverordnungen spiegeln fast immer nur die medicinischen Ansichten

des Arztes wieder (267), welche mit denjenigen seiner Zeit theils

übereinstimmen (257), theils mehr oder weniger von ihnen abweichen,

und zwar nicht bloss seine bewussten Gedanken und Entschliessungen,

sondern auch das von ihm Geahnte und noch nicht Erfasste, oder das

von ihm Gewünschte aber noch nicht Gewagte (231, 270). Aber auch

die spontanen Selbstverordnungen der Somnambulen sind mit so viel

Fehlerquellen behaftet, dass man niemals wissen kann, ob und wie viel

der Heilinstinkt dabei mitspricht.

Moderne Probleme · 第 18 / 21 段