dass man es beim Somnambulismus mit einem nicht bloss abnormen,
sondern schlechthin krankhaften Zustand des Organismus zu thun
hat, mit einem Zustand, der nicht nur seiner Entstehungsursache
nach, sondern an und für sich pathologisch ist und deshalb auch
nur pathologisch modificirte Funktionen ermöglicht. Der psychische
Symptomenkomplex des Somnambulismus lässt sich zusammenfassen als
eine Auslöschung oder Suspension der psychischen Funktionen im
Allgemeinen und als koncentrirte Steigerung derselben in derjenigen
beschränkten Richtung, auf welche das Interesse und die Aufmerksamkeit
durch den Magnetiseur oder Experimentator hingelenkt ist. Es besteht
allgemeine Fühllosigkeit, Seelenblindheit, Seelentaubheit, Geruch- und
Geschmacklosigkeit (Analgesie und Anästhesie), Gedächtnisslosigkeit
(Amnesie), Willenlosigkeit (Abulie), und völlige Stockung des
spontanen Vorstellungsverlaufes, alles dies aber gleichzeitig mit
hochgradiger Sensitivität und Hyperästhesie, Verschärfung der
sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit, Gedächtnisssteigerung (Hypermnesie),
erhöhter Willensenergie (Hyperbulie) und vermehrter Intensität und
Geschwindigkeit des Vorstellungsablaufes, freilich nur in den ganz eng
begrenzten Richtungen, auf welche durch Suggestion des Magnetiseurs
oder auch durch Autosuggestion das Interesse und die unwillkürliche,
reflektorische Aufmerksamkeit koncentrirt ist. Es ist als ob alle
psychischen Funktionen durch künstliche Verengerung des Bettes, in
dem sie sich bewegen, krankhaft gesteigert wären, ähnlich wie die
Muskelkräfte des Maniakus. Dabei ist freilich nicht ausgeschlossen,
dass die Ergebnisse der psychischen Funktionen dieses Zustandes logisch
wahr oder moralisch untadelig seien; z. B. wenn die pathologische
Verfeinerung der Wahrnehmung das Material zu Erkenntnissen und
unbewussten Schlussfolgerungen liefert, welche dem wachen Bewusstsein
verschlossen bleiben, oder wenn das moralische Gefühl des Menschen
durch die physische und psychische Analgesie des somnambulen Zustandes
von pathologischen Störungen befreit wird, welche es im wachen Zustande
entstellen. Aber dieser relative Werth der Ergebnisse jener psychischen
Funktionen beweist doch nichts dagegen, dass dieselben an und für
sich pathologischer Natur sind, wie du Prel meint (131, 137, 278).
Der Beweis dafür ist damit gegeben, dass auch andere pathologische
Zustände, Sensitivität, Irrsinn u. s. w. gelegentlich richtige und
ungewöhnliche Ergebnisse durch ihre pathologischen psychischen
Functionen zu Tage fördern. Anderseits würde die pathologische Natur
des somnambulen Zustandes nicht hindern können, dass die Natur ihn
unter Umständen als das kleinere von zwei Uebeln wählt, und dass die
menschliche Absicht dieses Beispiel der Natur nachahmt, falls das
Uebergewicht des zu beseitigenden Uebels und seine Beseitigung durch
das gewählte Mittel zweifellos sind.
Du Prel geht es wie so vielen Autoren, die sich anhaltend mit einem
Gegenstande beschäftigt haben, er überschätzt dessen Bedeutung in
jeder Hinsicht. So wenig es rathsam ist, nach der Weise der Alten die
Träume auf ihren prophetischen Werth hin zu kultiviren, ebensowenig
kann man es empfehlen, den Somnambulismus in ausgedehnterem Maasse
zu psychologischen Experimenten oder gar zu Heilzwecken zu benutzen.
Wenn es wahrsagende Träume giebt, so müssen dieselben nach du Prel in
tiefem Schlaf (36) stattfinden, von welchem wir gar keine oder nur
eine durch den Halbschlaf vermittelte Erinnerung besitzen (49); der
Halbschlaf aber, der nur werthlose Phantasiebilder liefert (36, 51),
droht die ohnehin schon symbolisirten Ahnungen des tiefen Schlafs
noch zu verunstalten, wenn er sie einmal ausnahmsweise der wachen
Erinnerung überliefert. Die Jagd nach prophetischen Träumen würde
deshalb sicherlich in der grössern Mehrzahl der Fälle, wo man einen
solchen vermuthet und nach einer solchen Vermuthung handelt, den
Menschen zum Narren haben; gesetzt aber auch, man lernte einmal aus der
Symbolik des Traums, dass man sich im Inkubationsstadium einer noch
nicht ausgebrochenen Krankheit befände, so würde dadurch die glückliche
Unwissenheit des Kranken nur um so viel früher zerstört ohne die
Therapie zu erleichtern, welche doch meist erst in den späteren Stadien
einer Erkrankung eingreifen kann.
Zur Erweiterung unserer psychologischen Kenntnisse über abnorme
psychische Zustände wird man wohl thun, sich auf genaue Beobachtung des
spontanen Somnambulismus zu beschränken; ich würde es eher für zulässig
halten, an Menschen mit ihrer Zustimmung Vivisectionsexperimente
zu machen, welche doch nur ihren Körper vorübergehend schädigen,
als künstliche Geistesstörungen in ihnen zu erzeugen, welche erst
bei öfterer Wiederholung interessantere Ergebnisse liefern, dann
aber auch Körper und Geist dauernd zerrütten.[20] Da der durch
künstlichen Somnambulismus dem Nervensystem zugefügte Schaden eine
zweifellose Thatsache, der durch ihn zu erzielende medicinische
Gewinn aber theils illusorisch, theils zweifelhaft und unsicher ist,
so wird jeder besonnene Arzt vor der Anwendung des Somnambulismus
zu Heilzwecken zurückschrecken, ganz unabhängig davon, ob er sich
denselben +erklären+ kann oder nicht (237); denn die vorläufige
Unerklärlichkeit der Wirkungsweise der meisten Heilmittel hat
noch keinen Arzt von deren Anwendung abgehalten. Ausserdem sind
es noch Nebengründe, welche die medicinische Verwendbarkeit des
Somnambulismus, selbst wenn man sie im Princip zuliesse, doch
praktisch (ebenso wie die örtliche Anwendung des Heilmagnetismus
ohne Hypnotisirung) auf Ausnahmefälle beschränken würden, nämlich
die relative Unempfänglichkeit vieler Patienten für magnetische
Einflüsse, die relative Seltenheit ausreichender magnetischer Kraft
bei Aerzten und die rasche Krafterschöpfung der Magnetiseure bei
erwerbsmässiger Thätigkeit. Wollte man aber nach den Vorschlägen
Fahnestock’s[21] alle Menschen darauf einüben, sich selbst willkürlich
durch psychische Einflüsse in Somnambulismus versenken zu können, so
wäre der dadurch im Nervensystem der Menschheit angerichtete Schaden
unermesslich, der Gewinn aber höchst zweifelhaft; denn ob bei schweren
Verwundungen, Brandwunden, Schlangenbissen, Neuralgien u. s. w. der auf
Selbstsomnambulisirung Eingeübte im Stande bliebe, seinen psychischen
Vorstellungsablauf so zu beherrschen, dass der Somnambulismus auch
wirklich einträte, darüber hat Fahnestock, wie es scheint, noch keine
Versuche angestellt.
Den Nutzen, den der Somnambulismus bringen kann, schlägt du Prel
viel zu hoch an. Dass dauernde vollständige Schlafentziehung ebenso
wie Nahrungsentziehung den Menschen tödtet, ist zweifellos; aber es
ist falsch, aus der Unentbehrlichkeit des Schlafs und der Nahrung zu
schliessen, dass der Mensch sich desto besser befinden müsse, je mehr
Schlaf und Nahrung man ihm zuführt (212). Dass Schlafsucht, die zu
wochenlangem oder monatelangem Schlaf führt, nicht nur nicht heilsam
ist, sondern meist mit Blödsinn oder Tod endet, ist bekannt. Aber
gesetzt auch, der Schlaf wäre um so heilsamer, je tiefer er ist, so
wäre doch die daraus gezogene Schlussfolgerung du Prel’s falsch, dass
der somnambule Schlaf als der tiefere und intensivere auch heilsamer
sein müsse als der natürliche (41). Denn erstens beruht dieser Schluss
auf der falschen Voraussetzung, dass der Somnambulismus eine Vertiefung
des normalen Schlafes sei, und zweitens lässt sie ausser Acht, dass
selbst, wenn er dies wäre, er doch nur eine +krankhafte+ Vertiefung
desselben wäre, die sich niemals an Heilsamkeit mit dem gesunden
Schlaf, selbst solchem von +geringerer+ Tiefe, messen kann. So ist
z. B. der durch Chloral, Morphium u. s. w. erzeugte Schlaf tiefer
als der gewöhnliche, und doch sind fünf Stunden natürlichen Schlafes
erquickender als sieben Stunden eines solchen künstlich erzeugten;
wer aber keinen natürlichen Schlaf finden kann, greift schliesslich
doch zu solchen Mitteln und darf dann wohl von ihnen rühmen, dass sie
nach langer Schlaflosigkeit ihn wahrhaft erquickt haben. So mögen
auch Somnambulen, die an Schlaflosigkeit leiden, das Erquickende des
somnambulen Schlafes rühmen, der ihnen einen gewissen Ersatz gewährt;
ja sogar sie können, wenn sie an schmerzhaften oder quälenden Zuständen
und Verstimmungen des Nervensystems leiden, mit Recht dem Hypnotismus
wegen seiner Analgesie in ihrem subjektiven Empfinden einen Vorzug
vor dem natürlichen Schlaf einräumen, ebenso wie sie ihm oft den
Vorzug vor dem ihnen unbehaglichen wachen Zustande geben (493). Aus
dieser subjektiven Bevorzugung des somnambulen Zustandes durch die
Somnambulen auf seine objektive Heilsamkeit zu schliessen, wäre ebenso
voreilig, als wenn man aus dem Verlangen eines Morphiumsüchtigen nach
neuer Narkose auf die Heilsamkeit der Morphiumnarkose schliessen
wollte. Dass der somnambule Zustand nicht erquickender sein kann,
als der gewöhnliche Schlaf, wird dadurch objektiv erwiesen, dass
er den letzteren nicht überflüssig macht, vielmehr bei andauerndem
Somnambulismus das Bedürfniss nach natürlichem Schlaf ganz ebenso
eintritt, wie im wachen Zustande (332).
Uebrigens stehen den Aeusserungen der Somnambulen über die
Erquicklichkeit des somnambulen Zustandes ebensoviel Aeusserungen
gegenüber, dass derselbe nicht gut für sie sei, und dass Alles
vermieden werden solle, was ihren Rückfall in diesen Zustand
herbeiführen oder begünstigen könnte (369); nur die Aeusserungen der
letzteren Art sind unverdächtige Kundgebungen des Heilinstinkts,
während bei denen der ersteren Art der Verdacht nahe liegt, dass
der Heilinstinkt durch den Drang nach relativer Behaglichkeit des
subjektiven Befindens verdunkelt werde. Letzteres wird dadurch
erhärtet, dass die Somnambulen mit dem Schwinden ihrer subjektiven
Beschwerden auch aufhören, nach dem somnambulen Zustand Verlangen zu
tragen; wenn er aber erquicklich und unschädlich zugleich wäre, so
müssten Alle, die ihn kennen gelernt haben, nach seiner Wiederholung
Verlangen tragen, gleichviel ob sie gesund oder krank wären. Wenn der
Somnambulismus darum heilsamer wäre, als der Schlaf, weil er tiefer,
intensiver als dieser ist, so müsste er um so heilsamer sein, je
tiefer er ist, am heilsamsten also als Hochschlaf; das Gegentheil
davon ist wahr: der somnambule Zustand ist um so schädlicher in seinen
Nachwirkungen auf den Organismus, je tiefer er ist, und der geradezu
lebensgefährliche Hochschlaf wird von den Somnambulen selbst gefürchtet
(365). Gegen die prahlerischen Berichte der Magnetiseure über
wunderbare Heilungen und Regenerationen in anhaltendem Somnambulismus
ist mehr kritische Vorsicht nöthig, als du Prel anwendet (212, 254),
und das Gleiche gilt für die wunderbaren Wirkungen der von den
Somnambulen für sich oder Andere verwendeten Heilmittel.
Da der Somnambulismus ein krankhafter, von dem gesunden Schlaf
specifisch verschiedener Zustand ist, der den letzteren keineswegs
entbehrlich macht, wohl aber um so schädlichere Nachwirkungen
hinterlässt, je tiefer er war und je öfter er sich wiederholte, so
ist gegen jede Behauptung heilsamer Wirkungen dieses Zustandes die
äusserste Vorsicht geboten. Der spontane Somnambulismus ist zunächst
ebenso zweifellos ein Symptom einer Erkrankung des Nervensystems wie
Epilepsie, Veitstanz oder Irrsinn; nur die unkritische vorgefasste
Meinung von der Heilsamkeit des Somnambulismus kann zu dem Irrthum
verleiten, in jedem Fall von spontanem Somnambulismus eine Aeusserung
der Naturheilkraft zu sehen. Dabei bleibt natürlich die Möglichkeit
nicht ausgeschlossen, dass in einzelnen besonderen Fällen der
spontane Eintritt des Somnambulismus in der That als eine Selbsthülfe
der Natur aufzufassen ist, z. B. um durch Analgesie dem Organismus
eine Erholungspause von unerträglichen Schmerzen zu gönnen, oder um
einen Anfall von nervöser Gleichgewichtsstörung in milderer Form
verlaufen zu lassen (larvirte Epilepsie, larvirter maniakalischer
Anfall). Ebenso ist es nicht unmöglich, dass die im Somnambulismus
stattfindende Funktionsausschaltung gewisser Theile des Organismus
und die Veränderung in den Bahnen des Blutstroms Gelegenheit geben
zur Förderung regenerativer Vorgänge. Im ersteren Sinne könnte
dem Somnambulismus ein symptomatischer Werth (zur Vorbeugung oder
Unterdrückung bedrohlicher nervöser Anfälle), im letzteren Sinne ein
Werth für die Linderung der Krankheitsursachen zugesprochen werden.
Aber was so für den spontanen Somnambulismus gelten könnte, ist
darum noch nicht ohne Weiteres auf den künstlichen Somnambulismus zu
übertragen, wie du Prel annimmt (140); denn wer steht dafür, dass
der künstliche Somnambulismus genau derselbe Zustand ist, wie der
natürliche, dass er der Natur, die es unterlassen hat, ihn spontan
herbeizuführen, überhaupt willkommen ist, und dass er genau im rechten
Grade und genau zur rechten Zeit angewendet wird? Insbesondere der
mehr am Tage liegende prophylaktische Werth als symptomatisches
Palliativmittel hängt ganz davon ab, dass der Kranke den Magnetiseur
in jedem Augenblick bei sich hat, was doch viel schwerer ist, als ein
Chloral- oder Morphiumpulver immer bei sich zu tragen. Zwar kann der
Arzt dem Patienten in der Hypnose suggeriren, dass der somnambule
Schlaf jedesmal wiederkehren soll, sobald er eines von einer Anzahl
wirkungsloser Pülverchen zu sich nimmt, oder auch sobald er einen
bestimmten Spruch hersagt; aber solche posthypnotische Suggestionen
werden nur bei Personen von hochgradiger Nervosität längere Zeit ihre
Wirkung behalten, und grade bei solchen ist die Herbeiführung des
Somnambulismus ohne sachkundige Beaufsichtigung am wenigsten zulässig.
Selbst wenn die körperlichen Nachtheile der narkotischen Mittel ebenso
gross wären wie die des Somnambulismus (was entschieden zu bestreiten
ist), würden sie doch, da sie für die Gesundheit dasselbe mit grösserer
Sicherheit leisten, den Vorzug verdienen, weil die Gefahren für Geist
und Charakter bei ihnen ungleich geringer sind. Auch der Heilwerth
der posthypnotischen Suggestionen bei hysterischen Störungen ohne
anatomische Grundlage (hysterischen Lähmungen, Krämpfen u. s. w.) darf
nicht überschätzt werden; denn wenn es gelingt, der Krankheit die eine
Pforte zum Hervortreten auf diese Weise zu verschliessen, so wird sie
nie in Verlegenheit sein, sich dafür eine andere zu öffnen, so dass
nicht eine Beseitigung, sondern nur eine fortwährende Aenderung der
Symptome auf diesem Wege erzielt wird. Immerhin kann die Aufhebung
besonders lästiger oder schädlicher Symptome durch posthypnotische
Suggestion unter Umständen ein grosser Gewinn für die ärztliche
Behandlung sein, und dürfte hierin noch am ehesten die mesmerische
Praxis eine Zukunft haben.
Nicht minder als den Heilwerth des Hypnotismus überschätzt du
Prel den Werth der somnambulen Sensitivität und der durch sie
vermittelten Diagnose eigener und fremder Körperzustände. Die Art,
wie die Somnambule ihre Körpertheile fühlt, ist unmittelbar nicht in
Worten auszudrücken, ja nicht einmal unmittelbar vom Bewusstsein zu
vergegenständlichen; erst der in Anschauungsbilder umgewandelte,
d. h. in Gesichtseindrücke übertragene Gefühlseindruck ist in
Worten wiederzugeben. Gesetzt den Fall, der Gefühlseindruck von der
relativen Lage und dem Zustand der eigenen Körpertheile wäre genau und
bestimmt, so würde er doch bei der unwillkürlichen Uebertragung in ein
Anschauungsbild zum ersten Mal, und bei der Uebersetzung des letzteren
in Worte zum zweiten Mal entstellt. Entweder fehlt es der Somnambule
an Worten und technischen Ausdrücken zur Beschreibung ihres Bildes, so
dass der Deutlichkeitsgrad ihrer Anschauung gar nicht zu kontroliren
ist; oder sie beherrscht solche Ausdrücke, dann besitzt sie sicherlich
auch einige unvollkommene Kenntnisse, welche ihrer vermeintlichen
Selbstschau Grundlage und Richtung geben und deren Ergebnisse entweder
verfälschen oder ergänzen. Aber schon der Gefühlseindruck selbst ist
dunkel und unsicher, und es bedarf schon einer Uebung durch häufige
Wiederholung oder eines ausnahmsweisen hohen Grades von Somnambulismus
oder einer örtlichen Steigerung der Hyperästhesie durch örtliche
Magnetisirung (179)[22], um die totale, beziehungsweise lokale
Selbstschau zu einer einigermassen bestimmten zu machen.
Abgesehen von der natürlichen Unbestimmtheit der Diagnose (198)
und von ihrer Gefährdung durch Einmischung von abstrakten
Gedächtniss-Vorstellungen (178) und Phantasiespielen (172) wird deren
Werth noch durch weitere Fehlerquellen verringert. Einerseits kann
nämlich der Magnetiseur durch vorzeitiges, oder zudringliches oder
ungeschicktes Fragen die Somnambule zwingen, seinen Ansprüchen durch
erquälte Antworten zu genügen, die sie theils nach ihrem eigenen
anatomischen Kenntnissstand, theils nach dem Wortlaut der Fragen
eingerichtet (178), und andererseits können, wenn die Annahme der
Gedankenübertragung vom Magnetiseur auf die Somnambule richtig ist,
sowohl die bewussten Gedanken des Magnetiseurs über die von ihm
erwarteten Antworten als auch die unbewussten Vorstellungen oder
dunklen Ahnungen desselben über den Zustand der Kranken in diese durch
den magnetischen Rapport übergehen und ihm aus demselben zurücktönen,
wie ein Echo, das er nicht als Echo erkennt (267). Hält der Magnetiseur
vorsichtshalber seine Fragen zurück, bis die Somnambule spontane
Aeusserungen über den Gesundheitszustand vorbringt (178), so wird er
nur selten eine Diagnose zu hören bekommen, und dann noch eine sehr
unvollständige und unbestimmte; geht er dann mit Fragen vor, so weiss
er doch nicht, was aus dem gesteigerten Körpergefühl der Somnambule
und was aus anderen Quellen stammt. Somnambule zur Diagnose fremder
Personen zu benutzen, bleibt, ob für Geld oder umsonst geübt, immer
ein Missbrauch ihrer Person, der sie schwächt und angreift und gegen
den sie sich mit Recht sträuben (204-205). Wäre die Ausnutzung der
somnambulen Sensitivität für Diagnosen etwas Unschädliches und wirklich
Werthvolles, so wäre nicht abzusehen, warum ein Magnetiseur, der seine
Somnambule (als Frau, Tochter, Pflegling u. s. w.) unterhält, nicht
ebenso gut wie ein konsultirender Arzt für die gelieferten Diagnosen
Honorar annehmen sollte, zumal sie ja von dem Inhalt der Sitzungen und
ihrer Entlohnung nichts zu erfahren brauchte (370).
Die Behauptung du Prels, dass die somnambule Selbstschau viel
werthvollere Aufschlüsse über die Anatomie des Menschen als
der Leichenbefund und +allein+ werthvolle Aufschlüsse über die
physiologische und pathologische Oekonomie des Menschen zu geben im
Stande sei, weshalb in der Vivisektion nichts als nutzlose Grausamkeit
zu sehen sei (193), resumirt seine Ueberschätzung der somnambulen
Selbstschau in drastischer Form und verkennt die Nothwendigkeit,
sich der schwer zu erreichenden Wahrheit von möglichst vielen Seiten
her zugleich anzunähern. Nach meiner Ansicht ist der Missbrauch von
Somnambulen zu Diagnosen und Heilverordnungen für dritte Personen
ebenso unbedingt auszuschliessen, wie öffentliche Vorstellungen; auf
dem Gebiet der Selbstdiagnose aber wird nur ganz ausnahmsweise einmal
eine in den selteneren Graden des Somnambulismus spontan eintretende
Aeusserung einen diagnostischen Werth für den Arzt haben können. Eine
Erweiterung unserer anatomischen, physiologischen und pathologischen
Kenntnisse im Allgemeinen von den Aussprüchen der Somnambulen zu
erhoffen, erscheint mir phantastisch und mit den bisherigen Erfahrungen
im Widerspruch. Dagegen erkenne ich bereitwillig den Nutzen an, den das
objektive Studium dieser pathologischen Zustände der Physiologie des
Nervensystems bringen kann und zum Theil schon gebracht hat. Derselbe
würde noch ungleich grösser sein, wenn die Vivisektion sich mit dem
Somnambulismus redebegabter Individuen verbinden liesse, was leider
nach den bisherigen Ansichten über die Zulässigkeit der Vivisektion bei
Menschen nicht angeht.
Aber selbst zugegeben, dass gelegentlich die somnambule Selbstschau
der ärztlichen Diagnose eine werthvolle Ergänzung oder Berichtigung
zuführt, so ist damit doch sehr wenig gewonnen; wäre jeder gute
Diagnostiker darum auch schon ein guter Arzt (176), so würde es uns
nicht an guten Aerzten fehlen, da in der Diagnose unsere heutige
Medicin ebenso weit vorgeschritten ist, als sie in der Heilung innerer
Krankheiten ohnmächtig geblieben, ja sogar zur Kenntniss ihrer Ohnmacht
gelangt ist. Steht schon den akuten constitutionellen Erkrankungen der
Arzt machtlos gegenüber, so noch weit mehr den chronischen; allgemeine
Kräftigung durch Diät und Hautpflege ist neben vorübergehender
Linderung einzelner lästiger Symptome das einzige, was ihm der heutige
Stand unserer Kenntniss zu leisten gestattet, insbesondere bei den
chronischen Krankheiten des Nervensystems. Wie wenig nützt ihm da
die Genauigkeit seiner eigenen Diagnose, und wie viel weniger die
gelegentliche Unterstützung durch die Somnambule! --
Nun darf freilich der Heilinstinkt der Somnambulen nicht ausser Acht
gelassen werden; aber dieser wird sich meist unabhängig von somnambuler
Selbstdiagnose und nur ausnahmsweise im Zusammentreffen mit derselben
äusseren, besonders, wenn man spontane Aeusserungen abwarten will,
denen allein einiger Werth zugeschrieben werden kann (255). Abgefragte
Heilverordnungen spiegeln fast immer nur die medicinischen Ansichten
des Arztes wieder (267), welche mit denjenigen seiner Zeit theils
übereinstimmen (257), theils mehr oder weniger von ihnen abweichen,
und zwar nicht bloss seine bewussten Gedanken und Entschliessungen,
sondern auch das von ihm Geahnte und noch nicht Erfasste, oder das
von ihm Gewünschte aber noch nicht Gewagte (231, 270). Aber auch
die spontanen Selbstverordnungen der Somnambulen sind mit so viel
Fehlerquellen behaftet, dass man niemals wissen kann, ob und wie viel
der Heilinstinkt dabei mitspricht.