Von den pathologischen Zuständen des Nervensystems bietet sich

zunächst die konstitutionelle Sensitivität zum Vergleich dar. Während

„Sensibilität“ die Reizempfänglichkeit der Empfindungsnerven

bezeichnet, insoweit sie auf einem feinen Bau der Endorgane

(Sinneswerkzeuge) beruht, bedeutet das Wort „Sensitivität“ eine

abnorme Reizempfänglichkeit, welche nicht auf der Verfeinerung der

Sinneswerkzeuge, sondern auf der Hyperästhesie der Empfindungsnerven

und der ihre Eindrücke verarbeitenden Centralorgane beruht. Es giebt

abnorme Naturen, welche bei vollem Tagesbewusstsein die unglaublichsten

Dinge wahrnehmen, sowohl Vorgänge in ihrem eigenen Organismus, als

dynamische Einflüsse der Umgebung, z. B. das Vorhandensein einer

Katze im Zimmer, oder gewisse Krankheiten anwesender Personen, oder

die relativen elektrochemischen Werthe einer Reihe von eingewickelten

Stoffen. Es mag sein, dass eine gewisse Beschaffenheit des

Nervensystems für alle Arten von Empfindungen die Reizempfänglichkeit

erhöht; aber es ist doch durchaus nicht nöthig, dass die Sensitivität

für Gefühls-, Geruchs-, Gehörs- und Gesichtsempfindungen immer Hand

in Hand gehen, oder gar den gleichen Grad von Steigerung aufweisen

muss. Die Thatsache, dass Sensitivität auch in dem gewöhnlichen wachen

Bewusstseinszustand vorkommt, lässt erkennen, dass, wenn auch die

abnormen Bewusstseinszustände (wie Traum, Somnambulismus, Irrsinn etc.)

häufig mit Schwellenverschiebung verbunden auftreten, doch dieses

Symptom weder ausreichend zu ihrer Charakterisirung heissen, noch als

ausreichende Ursache ihres Eintritts angesehen werden kann.

Der Somnambulismus zeigt eine Sensitivität insbesondere für

Empfindungen des Gemeingefühls (122, 141), zum Theil auch für

solche des Geruchs und Geschmacks (246, 389), wogegen das Gehör

unverändert zu bleiben scheint und die Reizempfänglichkeit für

Gesichtswahrnehmungen noch im zweiten, kataleptischen Stadium ganz

aufgehoben ist und erst im dritten, somnambulen Stadium zugleich

mit der nun auffällig erhöhten Hautempfindlichkeit wieder erwacht.

Es ist also im Somnambulismus die Empfindungsschwelle der niedern

Sinne emporgeschraubt, die der höheren theils unverändert, theils

heruntergerückt, theils gesteigert, und es ist demnach ebenso ungenau

von einer Herabsetzung der Empfindungsschwelle im Allgemeinen, wie von

einem Geschlossensein der äusseren Sinne oder einem vom Sinnesapparat

unabhängigen Bewusstsein in diesem Zustand zu reden (146, 441). Eine

Verschiebung der Empfindungsschwelle findet zwar statt, aber für

verschiedene Sinneswahrnehmungen in ungleichem Maasse und zum Theil

sogar in entgegengesetztem Sinne, und keine Art von Sinneswahrnehmungen

fehlt im eigentlich somnambulen Stadium des Hypnotismus ganz, weder die

Tastempfindungen, welche zur Wahrung des Gleichgewichtes unentbehrlich

sind, noch die Gesichtseindrücke, ohne welche ein Somnambuler sich

in einer ihm unbekannten Umgebung unmöglich mit Sicherheit bewegen

könnte. Eine Somnambule mit geöffneten Augen liest auf Befehl ein

ihr vorgehaltenes Buch fliessend vor, während sie bei geschlossenen

Augen auf den gleichen Befehl nur unverständliche Worte murmelt. Die

Behauptung, dass sie nicht mit den geöffneten Augen, sondern etwa mit

dem Sonnengeflecht läse, stünde logisch auf gleicher Stufe mit der,

dass sie die Worte nicht mit dem Kehlkopf und der Zunge bilde, sondern

mit dem Magen. Manche Somnambulen sind im Stande, mikroskopische

Photographien mit blossem Auge zu erkennen, oder ein ihnen abgekehrtes

Buch aus der Spiegelung im Auge des Magnetiseurs zu lesen; dies alles

setzt eine hochgradige Steigerung der Gesichtsschärfe voraus. Auf

den Einfall, dass eine Somnambule mit fest zugedrückten Ohren nicht

mehr mit dem Gehörorgan die Worte des vor ihr stehenden Magnetiseurs

vernehme, konnte Schopenhauer nur darum kommen,[17] weil er nicht

daran dachte, sich durch den Versuch zu überzeugen, dass man mit fest

zugedrückten und verstopften Ohren noch ziemlich ebenso gut hört,

wie mit offenen; für die leisesten Worte des, wenn auch entfernt

stehenden Magnetiseurs kann ausserdem in dem Gehör der Somnambulen

eine hochgradig verschärfte Wahrnehmungsfähigkeit vorhanden sein,

während gleichzeitig für laute Gespräche der nicht mit ihr in Rapport

stehenden Anwesenden Taubheit zu bestehen scheint. Das Vorkommen

des Hellsehens wird selbst bei hoch gesteigertem Somnambulismus

immer nur als sporadischer Ausnahmefall anzusehen sein, aber nicht

als ein fortdauernder Zustand, aus dem +alle+ anscheinenden

Sinneswahrnehmungen zu erklären wären.

Der psychologische Unterschied zwischen Sensitivität und Somnambulismus

ist nicht in der Ungleichmässigkeit der Schwellenverschiebung für

verschiedene Sinne, sondern darin zu sehen, dass die gewöhnliche

Sensitivität auf ein waches, die somnambule auf ein träumendes

Bewusstsein trifft, und dass in Folge dessen der Sensitive seine

Sinneseindrücke von Phantasiebildern unterscheiden kann, der Somnambule

nicht. Daher kommt es, dass der Somnambule Phantasiebilder von

Sinneseindrücken, welche durch Ideenassociation aus Empfindungen ganz

anderer Sinnesgebiete entstanden sind, für reale Sinneswahrnehmungen

hält (z. B. das Phantasiegebild eines Wohlgeschmacks oder einer

Amputation, die der Magnetiseur ihm bloss einredet, oder die Bilder von

Gestalten und Stimmen, die nur Personifikationen oder Symbolisirungen

organischer Gefühlsreize sind), während energische Sinneseindrücke,

die zu dem momentanen Inhalt seines Traumbewusstseins keine Beziehung

haben, von diesem gar nicht appercipirt werden (z. B. eine wirklich

stattfindende Operation, oder ein intensiv schmeckender Stoff auf

der Zunge, oder die den geöffneten Augen sich darbietende Umgebung).

Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit der Sensitivität macht es

erklärlich, dass wiederholter Somnambulismus das Nervensystem sensitiv

macht, d. h. einen geringeren Grad der somnambulen Sensitivität

als dauernden Zustand zurücklässt. Die Sensitivität ist aber ein

pathologischer, bei Unwohlsein sich steigernder (223) Zustand, der für

unser praktisches Leben mit den grössten Unannehmlichkeiten verknüpft

ist (197), und häufig mit einer Schwächung des Gedächtnisses Hand in

Hand geht (310), also ein Zustand dessen Herbeiführung und Steigerung

sorgfältig zu vermeiden ist.

Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit Hysterie, Epilepsie,

Katalepsie, Ohnmacht, Starrsucht, Scheintod, Todeskampf,

Fieberdelirien, Veitstanz und den verschiedenen Arten des Irrsinns

zeigt eine Anzahl sich kreuzender Symptome; alle schwereren

Erkrankungen des Nervensystems disponiren zum spontanen Eintritt und

zur Empfänglichkeit für die künstliche Erzeugung des Somnambulismus,

wie umgekehrt ein häufiges Hervorrufen des somnambulen Zustandes

künstliche Hysterie erzeugt (nach Richet), den Geist und Körper

zerrüttet und zu allen Arten von Nervenleiden prädisponirt.

So lange ein Nervenleiden besteht, gelingt es dem Magnetiseur mit

Leichtigkeit, den Somnambulismus hervorzurufen; schreitet aber

die Genesung fort, so wird das Magnetisiren des Rekonvalescenten

immer schwieriger (239), bleibt aber in Folge der Gewöhnung des

Organismus immer noch leichter, als es vor Eintritt der Krankheit

war. Das weibliche Geschlecht, das bei seinem geringeren Uebergewicht

des Grosshirns über das sonstige Centralnervensystem leichter

zu decentralisirender Desorganisation des letzteren, d. h. zu

Nervenleiden, hinneigt, ist auch mehr prädisponirt für das Auftreten

von natürlichem und die Herbeiführung von künstlichem Somnambulismus,

insbesondere der höheren Grade derselben.

Die Gleichheit der körperlichen Symptome bei Katalepsie und

Somnambulismus ist in die Augen springend; der Tonus der Muskeln

genügt, um jede einem Gliede gegebene Stellung zu behaupten,

ohne dass Krampfzustände vorhanden sind (Wachstarre). Aber der

Unterschied zwischen Katalepsie, Starrsucht, Scheintod einerseits

und Somnambulismus andererseits ist ebenso in die Augen fallend:

die Bewegungslosigkeit dort und die automatenartige Beweglichkeit

nach Anleitung des unwillkürlichen Inhalts des Traumbewusstseins

hier. Die automatische, traumgeleitete Beweglichkeit ist dagegen

im Veitstanz vorhanden, sobald die gewöhnlichen Krämpfe sich zu

ekstatischen Konvulsionen ausbilden, und die Geschichte der religiösen

Verirrungen zeigt in allen Ländern und Glaubenskreisen ähnliche Bilder

solcher ansteckenden Zustände, wie sie auch in Fällen des spontanen

Somnambulismus häufig beobachtet werden. Manche Theoretiker des

Somnambulismus sind soweit gegangen, eine Menge Formen der schweren

Nerven- und Geisteskrankheiten für regellose Formen des Somnambulismus

zu erklären (243, 266, 366); wenn dies richtig wäre, so würde der

pathologische Charakter des Somnambulismus in ein noch helleres Licht

dadurch gestellt, als wenn, wie ich annehme, in vielen Fällen bloss

eine Verquickung somnambuler Zustände mit anderen verwandten Störungen

des nervösen Gleichgewichts stattfindet.

Gehen wir zu den psychischen Symptomen über, so zeigt sich die

Hyperästhesie der Erinnerung nicht nur im Somnambulismus und dem

gewöhnlichen Traum, sondern auch in Fieberdelirien, in manchen

Fällen der Hysterie, des Irrsinns, der Incubationsperiode mancher

Gehirnkrankheiten und im Todeskampf. Wenn eine Somnambule die

Aufschriften der Strassenschilder aus dem Heimatsort ihrer Jugend

angeben kann, wenn sie einmal Gelesenes wörtlich hersagt, wenn

sie die lateinischen oder griechischen Recitationen oder die

Violinübungen früherer Stubennachbarn nachahmend wiederholt, so

finden diese Leistungen eines hyperästhetischen Gedächtnisses

ihre Analogien in den gleichen Erscheinungen bei Fiebernden oder

Irrsinnigen, und hier wie dort stellt sich leicht die Täuschung ein,

dass Reproduktionen aus dem Gedächtniss, die man nicht als solche

erkennt, unmittelbare Neuproductionen seien, so dass dann leicht die

Reproductionen vergangener Ereignisse, an welche die Erinnerung (d.

h. Wiedererkennung) fehlt, als Weissagungen auf die Zukunft gedeutet

werden können.

Hand in Hand mit der Hyperästhesie der Erinnerung geht nicht selten

eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufs; wahrscheinlich sind beide,

die Erleichterung und die Beschleunigung des Vorstellungswechsels

durch Ideenassociation, koordinirte Wirkungen derselben Ursache, einer

Hyperästhesie des funktionirenden Organs (Gehirntheils). Wie die Zeit

des Gehirnreflexes zwischen Empfindung und motorischer Reaktion, so ist

auch die durchschnittliche Zeit, die vom Auftauchen einer Vorstellung

bis zum Hervorrufen der folgenden durch Ideenassociation verstreicht,

bei jedem Individuum eine andere, und bei demselben Individuum je nach

seinem Befinden und seiner Stimmung (Frische oder Ermüdung, Sättigung

oder Nüchternheit, intellektuelle Freiheit oder Gemüthsbeklommenheit)

erheblichen Schwankungen (etwa von 2 bis 1/12 Sekunde) schon im

wachen normalen Bewusstseinszustand unterworfen. Die Schwankungen

bewegen sich in noch weiteren Grenzen im Schlaf und den abnormen

Zuständen des Nervensystems. In Fieberdelirien, in maniakalischen

Delirien, im Haschischrausch und im Todeskampf (insbesondere der

Ertrinkenden) erreicht die Hyperästhesie des Gedächtnisses und der

Phantasie einen Grad, der mit Ideenflucht bezeichnet wird, den man aber

bei der sinnlich-anschaulichen Beschaffenheit solcher unwillkürlich

vorüberziehenden Vorstellungsgebilde vielmehr „Bilderflucht“ nennen

sollte. Indessen sind die Berichte über das Vorüberziehen des gesammten

Lebens von dem Bewusstsein Ertrinkender denn doch nur auf typische

Hauptmomente des Lebens zu beziehen, und deren können in 60 bis 180

Sekunden allerdings eine beträchtliche Zahl (720 bis 2160) auf einander

folgen, ohne die Maximalgeschwindigkeit des wachen Vorstellungsablaufs

auch nur zu überschreiten.[18]

Ein weiteres psychisches Symptom, welches dem Somnambulismus

(und dem Traum) mit Fieberdelirien, Haschischträumen und

Geistesstörungen gemeinsam ist, ist die dramatische Spaltung.

Wenn eine Gedächtnissvorstellung zwar reproducirt wird, aber ohne

Wiedererkennung, d. h. ohne Erinnerung, so nimmt das wache, besonnene

Bewusstsein dieselbe hin als eine aus dem Unbewussten auftauchende,

deren Herkunft zunächst problematisch bleibt, vermuthet aber von

vornherein, dass sie aus dem Gedächtniss stammen werde; oft hat man

auch das Gefühl, sie schon gehabt zu haben, also das Bewusstsein, dass

sie Gedächtnissvorstellung ist, ohne ihr doch in der Vergangenheit

durch Verknüpfung mit Ort, Zeit und näheren Umständen ihres früheren

Auftretens einen bestimmten Platz anweisen zu können (284). Das

träumende Bewusstsein, das dieser Besonnenheit ermangelt und statt

dessen allen Gedankengehalt in sinnlich-anschauliche Formen giesst

(33), verbildlicht (50), symbolisirt (70) und personificirt (99),

projicirt eine Gedächtnissreproduktion, die es nicht als solche zu

rekognosciren vermag, gern nach aussen, und legt sie Traumgestalten

in den Mund; das irre Bewusstsein verfährt bei höheren Graden

der Phantasieerregung ebenso, bei geringeren Graden, die zur

Gestaltenprojektion (Gesichtshallucination) nicht ausreichen, verlegt

es wenigstens den Gedankengehalt in von aussen kommende Stimmen

(Gehörshallucination).

Die Bruchfläche dieser dramatischen Spaltung ist also die Scheidelinie

zwischen Gedächtnissreproduktion und Erinnerung (291); was das

Traumbewusstsein als sein Eigenthum rekognoscirt, nimmt es auch

als solches, als geistigen Besitz und Zubehör seines Ich für sich

in Anspruch, was es nicht zu rekognosciren vermag, aber trotzdem

als seinen Bewusstseinsinhalt vorfindet, lässt es auch nicht als

das Seinige gelten und projicirt es auf andre Traumgestalten.

Aus dem Unbewussten stammt also gleichmässig aller Inhalt des

Traumbewusstseins, sowohl der dem Ich als der dem Nichtich zugetheilte,

und Alles gehört gleichmässig dem Inhalt des Traumbewusstseins

an; auch das Ich des Träumers umfasst nur einen kleinen Theil des

Gesammtinhalts des Traumbewusstseins, und auch dieser dem Ich

zugewiesene Theil ist ein ebenso unwillkürlicher Ausfluss aus dem Quell

des Unbewussten, wie der in’s Nichtich (Aussenwelt und Traumgestalten)

hinausprojicirte Theil. Deshalb ist es unzulässig, wenn du Prel die

Bruchfläche der dramatischen Spaltung für zusammenfallend erklärt

mit der psychophysischen Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem

(96, 101), oder wenn er behauptet, dass alle Verstandesprocesse,

die den Charakter eines Einfalls haben, im Traume zur dramatischen

Spaltung führen (106). Gerade die produktiven Einfälle vertheilen sich

auf das Ich des Träumers und die bereits gegebenen Traumgestalten,

je nachdem die Situation des Traumes es verlangt, d. h. je nachdem

sie einem Vorstellungskomplex associativ zugehören, welcher dem

Traum-Ich oder anderen Traumfiguren bereits zugetheilt ist. Aber wohl

niemals werden solche produktive Einfälle zur Abspaltung +neuer+

Traumfiguren veranlassen; denn bei ihnen fehlt ja eben die Scheidelinie

zwischen Reproduktion und Erinnerung, welche allein massgebend als

Bruchfläche der Spaltung ist, und welche etwas ganz Anderes ist als

die „psychophysische Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem“ im

Allgemeinen.

Es ist die niedrigste Form der dramatischen Spaltung, wenn ein

reproducirter Gedächtnissvorrath, der nicht als solcher wiedererkannt

ist, in fremde Traumgestalten hinausprojicirt wird; man sollte in

diesem Falle, streng genommen, noch nicht von dramatischer +Spaltung+,

sondern von dramatischer +Vertheilung+ des Bewusstseinsinhalts auf das

Ich und das Nichtich des Traumbewusstseins sprechen. Dies Verhältniss

bleibt auch dann noch dasselbe, wenn die einer Traumfigur in den Mund

gelegte Gedächtnissvorstellung nach der Aeusserung derselben dann als

eigenes, nur zeitweilig vergessenes Wissen in’s Ich zurückgenommen

wird. Interessanter sind jene Spaltungen, bei welchen nicht mehr das

reproducirte Vorstellungsmaterial, sondern die eigene Traumfigur, das

Traum-Ich gespalten und in mehrere Ichs zertheilt wird, etwa als Acteur

auf der Bühne und als Zuschauer im Parterre; derartige Verdoppelungen

kommen auch bei Todtkranken und bei Irrsinnigen vor, welche letztere

manchmal lange Disputationen mit ihrem visionär vor ihnen stehenden

Doppelgänger halten. Aber nicht immer weiss man sich im Traum identisch

mit seinem zweiten Ich, und das Selbstbewusstsein kann zwischen beiden

schwanken, wobei dann immer das jeweilige eigentliche Ich das zweite

Ich als sein „anderes“ Ich oder als „den Andern“ betrachtet; beide Ich

können auch wieder in eins zusammenfliessen, wie wenn das Zuschauer-Ich

auf die Bühne springt, um nun selbst weiter zu agiren. Dem analog ist

es eine gewöhnliche Erscheinung, dass das somnambule Bewusstsein sich

als das eigentliche Ich des somnambulen Zustandes von dem „anderen“ Ich

des wachen Zustandes, dessen Bewusstseinsphäre es doch umspannt, wie

von einer fremden Person unterscheidet, und diese Neigung, die eigene

Persönlichkeit des wachen Lebens als eine andere, fremde, obwohl doch

mit dem Ich wie ein Doppelgänger zusammengekoppelte anzusehen, wächst

mit der Tiefe des Somnambulismus.

Die Scheidelinie zwischen Reproduktion und Erinnerung reicht zwar

aus zur Feststellung der Bruchfläche für die einfache dramatische

Spaltung zwischen Ich und Nichtich, aber nicht für die Feststellung

der Bruchfläche für die Spaltung des Ich in ein doppeltes Ich, das

„eigentliche“ Ich und „das andere“; die psychophysische Schwelle

zwischen Bewusstem und Unbewusstem, die schon für den ersteren Fall

nur irrthümlicher Weise mit der Bruchfläche der Spaltung verwechselt

werden konnte, passt auf den letzteren Fall noch viel weniger, da der

Bewusstseinsinhalt des „anderen“ (normalen) Ich für das Bewusstsein des

„eigentlichen“ (somnambulen) Ich nichts weniger als unbewusst, sondern

völlig bewusst, ja sogar in seiner Einordnung in die Erlebnisse der

Vergangenheit klar durchschaut und doch nicht als eigener Besitz, als

Zubehör des „eigentlichen“ Ich anerkannt wird. Man könnte sich denken,

dass das einer fremden Traumfigur geliehene Gedächtnissmaterial in dem

Falle, wenn es eine grössere zusammenhängende Gruppe von Vorstellungen

ausmacht, dahin neigt, das Traumbewusstsein zu der Ahnung zu führen,

dass das scheinbar Fremde doch nur sein verliehenes Eigenthum,

somit die fremde Traumfigur nur ein Spaltungsprodukt des eigenen

Geisteslebens sei, was sich dann bildlich in dem widerspruchsvollen

Gleichsetzen und Ungleichsetzen der anderen Figur mit dem Traum-Ich

ausdrückt; aber dabei bleibt doch die Hauptbedingung unerwähnt, dass

die abgetrennte Vorstellungsmasse ausreichend und geeignet sein muss,

einem Ich als Unterlage zu dienen, was psychologisch nicht zu erklären

ist.

Begrifflich streng zu sondern von dem subjektiven Phänomen der

dramatischen Spaltung des Ich ist das objektive Phänomen des

alternirenden Bewusstseins. Ein solches kommt dann zu Stande, wenn

verschiedene Bewusstseinszustände, welche die Eigenthümlichkeit haben,

nach stattgehabter Unterbrechung die Kontinuität des Bewusstseins

aufrecht zu erhalten und ein in sich geschlossenes bewusstes

Lebensganze zu bilden, mit einander abwechseln. Ein solcher Zustand ist

das normale wache Bewusstsein, ein zweiter das somnambule Bewusstsein,

ein dritter der Hochschlaf des somnambulen Bewusstseins, ein vierter

und fünfter kann endlich in verschiedenen Formen periodischer

Geistesstörung auftreten, in welchen die Erinnerung an das bisherige

wache Leben erlischt und ein von demselben völlig abgetrenntes neues

Leben begonnen und fortgeführt wird. Auch die Reiche der natürlichen

Träume würde ein alternirendes Bewusstsein konstituiren, wenn sie sich

ebenso wie die Abschnitte des wachen Lebens, oder wie die Reihe der

somnambulen Krisen oder die Reihe der bezüglichen Irrsinnsanfälle zu

einem stetig zusammenhängenden Erinnerungsganzen konsolidirten. Die

periodische Geistesstörung producirt für sich allein manchmal mehr

als ein abgetrenntes Bewusstseinsleben, das mit dem wachen alternirt;

wechseln zwei getrennte Bewusstseinszustände des Irrsinns mit dem

normalen wachen Bewusstsein ab und tritt zu diesen dreien noch der

somnambule Zustand, so haben wir es mit einem vierfachen alternirenden

Bewusstsein, d. h. mit einem vierfachen Geistesleben desselben

Individuums zu thun (337-343).

Streng genommen kann von einem alternirenden Bewusstsein nur da

gesprochen werden, wo weder der Zustand a vom Zustand b, noch der

Zustand b vom Zustand a etwas weiss; diese Bedingung ist aber im

Somnambulismus nur einseitig erfüllt, da das somnambule Bewusstsein

den Gedächtnissinhalt des wachen nicht nur umspannt, sondern sogar in

erleichterter Weise reproducirt (308, 312). Im Traum findet dieses

Umspannen des wachen Bewusstseinsinhalts durch das Traumbewusstsein

der Regel nach ohne Spaltung des Ichs statt, und die Verdoppelung des

Ich im Traume gehört zu den seltensten Ausnahmen, bei denen vielleicht

schon eine Uebergangsform zwischen Traum und Somnambulismus oder Traum

und Wahnsinn[19] anzunehmen ist. Im alternirenden Bewusstsein des

Irrsinns fehlt in der Regel jede Umspannung der Vorstellungen des

einen Zustandes durch das Bewusstsein des anderen und jeder der beiden

Bewusstseinszustände weigert sich, die ihm von aussen dargebotenen

Vorstellungen, sofern sie dem anderen angehören, als die seinigen

anzuerkennen, oder überhaupt kennen zu wollen. Nur wenn der Irrsinn

dem Traum sich annähert, d. h. Hallucinationen erzeugt, kommt es vor,

dass das wahnsinnige Bewusstsein als ein anderes Ich aus der Person

des Kranken (meist mit veränderter Stimme) redet und sich von dieser

unterscheidet, womit dann die Illusion der Besessenheit gesetzt

ist. Im Somnambulismus weigert sich nur das wache Bewusstsein, die

Vorstellungen des somnambulen kennen zu wollen; das letztere aber

kennt die Vorstellungen des ersteren wohl, erkennt sie aber nicht

als die seines „eigentlichen“ Ichs, sondern als die des „anderen“

an. So nimmt ersichtlich der Somnambulismus in dieser Hinsicht eine

Mittelstellung zwischen Traum und Irrsinn ein, halb dem einen, halb

dem andern gleichend, und bemüht, die Unterschiede beider durch die

dramatische Spaltung des Ich zu vermitteln, insofern durch dieselbe

das alternirende Bewusstsein des Irrsinns in fingirter Weise trotz der

Umspannung des alternirenden Bewusstseinszustandes aufrecht erhalten

wird.

Es wird die Vermuthung nahe liegen, dass nicht nur hier, sondern

überall, wo wir der dramatischen Spaltung und Verdoppelung des Ich

begegnen, dieser phantastische optische Dualismus eine symbolische

Personifikation der physiologischen Thatsache ist, dass die

physiologischen Hauptbedingungen zu einem alternirenden Bewusstsein

vorhanden sind, wenn auch dasselbe wegen des Fehlens gewisser

Nebenbedingungen meistens im latenten oder potentiellen Zustande

verharrt. Andrerseits werden wir annehmen dürfen, dass überall, wo ein

alternirendes Bewusstsein besteht, auch die physiologischen Bedingungen

für die dramatische Spaltung und Verdoppelung des Ich gegeben sind,

und nur das umspannende Uebergreifen des einen Bewusstseins über das

andere hinzuzutreten braucht, um die Verdoppelung des Ich wirklich

herbeizuführen; die Richtigkeit dieses Satzes wird bestätigt in

denjenigen Fällen des alternirenden Bewusstseins bei Geisteskranken, in

denen die beiden Zustände nicht plötzlich wechseln oder durch trennende

Bewusstlosigkeit geschieden sind, sondern allmählich in einander

übergehen, wo sich dann stets im Uebergangsstadium das Gefühl der

doppelten Persönlichkeit einstellt. --

Moderne Probleme · 第 17 / 21 段