dem Zeitvertreib und dem Vergnügen dienen, so bemühen sich seine
Bekannten, zu seinem Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) recht
viel Billets unterzubringen und versäumen nicht, selbst hinzugehen und
kräftigst zu applaudiren. Ist er dagegen ein Schriftsteller, gleichviel
ob seine Schriften der Unterhaltung dienen oder nicht, so kaufen sie
dieselben nur in dem besonderen Ausnahmefall, dass es gerade zeitweilig
Mode ist, dieselben zu kaufen und zu verschenken; andernfalls muss
der Autor riskiren, dass sie ihm übel nehmen, die Werke nicht von
ihm geschenkt erhalten zu haben, unbekümmert darum, ob deren Verkauf
nicht auch sein Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) darstellt.
Dass man bei dem grössten Ruhm verhungern kann, wenn man nicht sonst
eine reelle Einnahmequelle besitzt, und zwar um so leichter, je echter
der Ruhm ist, das ist weltbekannt, ebenso dass der wahre und echte
Ruhm meist langsam gewonnen und nur von denen erlebt wird, welche ein
hohes Alter erreichen. Was aber hat der Mensch von einem Ruhm nach
seinem Tode? Ist es da nicht ganz gleichgültig, ob der Nachruhm sich
an den Namen heftet, den er im Leben trug, oder an einen falschen (z.
B. Homer), oder ob er, wie z. B. bei dem Nibelungenliede, namenlos an
den Werken haftet? Ist es nicht die Eitelkeit der Eitelkeiten, für
seinen +Namen+ nach Nachruhm zu streben, von dem man selber gar nichts
hat? Und selbst wenn der Berühmte steinalt wird und alle Jubiläen
rite absolvirt, so muss er doch noch seinen echten Ruhm mit ebenso
strahlendem falschen Ruhm unwürdiger Mitbewerber theilen, also des
Ruhmes heilige Kränze als auf gemeinen Stirnen entweihte in Empfang
nehmen. Manchmal verbindet sich aber auch falscher und echter Ruhm,
so dass eine Person eine Zeit lang wegen gewisser den Zeitströmungen
entgegenkommenden Nebeneigenschaften seiner Leistungen falschen Ruhm
geniesst, welcher allmählich erblasst und das Aufkommen des wahren
Ruhmes, den seine Leistungen nach ihrem tieferen Kerngehalt verdienten,
mehr behindert als befördert; der Verdacht auf eine solche Verwickelung
des Sachverhalts ist überall da begründet, wo ein Künstler oder
Schriftsteller, dem man Anspruch auf wahren Ruhm nicht aberkennen
möchte, schon in jüngeren oder mittleren Jahren berühmt war (man denke
an Goethes Werther, Schillers Räuber, Schellings Naturphilosophie und
ähnliche Beispiele).
Wenn Du also, lieber Leser, Dich nicht abschrecken lassen willst,
für Dich oder die Deinigen nach Ruhm zu streben, so nimm wenigstens
den guten Rath an, nicht nach echtem, sondern nach falschem Ruhm zu
streben, da nur der letztere Dir einige Aussicht gewährt, dass Du
seine Vortheile an Ehre und materiellem Gewinn noch geniessen kannst.
Willst Du aber den falschen Ruhm trotz seiner ideellen und materiellen
Vorzüge verschmähen, bloss weil er auf unwahrem Grunde ruht, dann höre
überhaupt auf, nach +Ruhm+ zu trachten, und trachte statt dessen +nach
werthvollen Leistungen+, ganz unbekümmert darum, ob und wann denselben
die Anerkennung des Ruhmes zu Theil werden möge.
XV.
Der Somnambulismus.
Die Erscheinungen des Somnambulismus sind von altersher bekannt, nicht
nur diejenigen eines in Nervenkrankheiten spontan eintretenden, sondern
auch diejenigen eines durch verschiedene Mittel z. B. betäubende
Dämpfe, Schwindeldrehungen, Fasten, Fixiren eines nahen Blick-Punktes
u. s. w. hervorgerufenen Somnambulismus. Die Seltenheit des spontanen
Somnambulismus, die schädlichen Folgen des künstlich hervorgerufenen
für den Organismus, die Verquickung des Somnambulismus mit allerlei
Aberglauben und Mysticismus und die Schwierigkeiten einer Erklärung
der Erscheinungen auf Grund der herrschenden materialistischen
Naturanschauung haben jedoch bis vor ganz kurzer Zeit davon
abgeschreckt, dieses Erscheinungs-Gebiet auf exakte Weise zu studiren.
Die von der Pariser Akademie von 1825-1831 niedergesetzte Kommission
gelangte nicht über die Konstatirung der Thatsachen hinaus, und selbst
diese gerieth bald wieder in Vergessenheit oder wurde gar (durch
Verwechselung mit dem Kommissionsbericht von 1784) in ihr Gegentheil
entstellt. Erst das Aufsehen, welches die öffentlichen Schaustellungen
des Magnetiseurs Hansen erregten, veranlassten einige deutsche
Physiologen (insbesondere Heidenhayn), der Sache näher zu treten, und
wenigstens die körperlichen Phänomene des Hypnotismus ausser Zweifel
zu stellen. Bald darauf wurden von Preyer die Braid’schen Versuche
und Schriften neu an’s Licht gezogen, welche einen durch Fixiren
heller Punkte und ähnliche Mittel (also nicht durch einen Magnetiseur)
hervorgerufenen Hypnotismus behandeln.
Während die deutschen Gelehrten in den letzten Jahren sich kaum noch
mit dem Gegenstande zu beschäftigen scheinen, hat er neuerdings in
Frankreich zu sehr eingehenden und interessanten Untersuchungen
geführt. So war z. B. Charcot der erste, welcher eine scharfe
Unterscheidung zwischen den drei Hauptstufen des Hypnotismus oder
Somnambulismus (der lethargischen, kataleptischen und im engeren Sinne
somnambulen) einführte und die Symptomenkomplexe dieser drei Stufen
genau definirte.[12] Diese Unterscheidung dürfte auch dann ihren
Werth behalten, wenn man anerkennt, dass die Grenzen zwischen den
drei Stufen keineswegs feste sind und öfters ein Ineinanderschieben
und Durcheinanderfliessen der Symptome stattfinde. Zugleich
veröffentlichte der Pariser Neurologe Richet seine langjährigen
Erfahrungen, nach welchen die deutschen Physiologen im Unrecht
sind, wenn sie die Action eines Magnetiseurs in allen Fällen für
illusorisch erklären, weil sie für Erzeugung von Hypnotismus bei
vielen Personen entbehrlich ist. Richet behauptet, dass seine
magnetisirende Thätigkeit auf jeden Organismus, auch den stärksten,
eine Einwirkung hinterlasse, die sich mindestens in einer Steigerung
der Empfänglichkeit für künftige Versuche kundgibt, und dass er sich
getraue, in einer aufeinanderfolgenden Reihe von Sitzungen schliesslich
jedes Individuum ohne Ausnahme in einen somnambulen Zustand zu
versetzen; er behauptet ferner, dass der durch magnetische Striche
hervorgerufene Somnambulismus sich von dem durch Fixiren naher Punkte
hervorgerufenen dadurch unterscheide, dass im ersteren die psychischen
Erscheinungen, in letzterem die körperlichen (Lethargie, Katalepsie
u. s. w.) vorwiegen. Ausserdem sind von Bernheim, Binet und Féré
Liébault, Beaunis u. a. m. ausgedehnte Versuchsreihen mit Somnambulen
vorgenommen worden, welche zu manchen neuen Aufschlüssen geführt haben,
insbesondere in Bezug auf die Uebertragung der Aktivität aus einer
Hirnhälfte in die andere und in Bezug auf die Umkehr der Zustände in
ihre polaren Gegensätze, z. B. Aktivität in Lähmung, und Lähmung in
Aktivität und die Erscheinungen des ausschliesslichen Rapports einer
Somnambulen zu einem bestimmten Experimentator[13]. Die deutschen
Physiologen haben sich bisher weit mehr auf das Studium der in den
niederen Graden des Hypnotismus vorwiegenden körperlichen Erscheinungen
beschränkt, während die Franzosen bereits dem psychischen Phänomen des
eigentlichen Somnambulismus näher getreten sind, ohne jedoch das Gebiet
des Wunderbaren mehr als zu streifen. Die interessantesten Probleme
harren deshalb bis jetzt ihrer wissenschaftlichen Behandlung, und sind
nur erörtert von Mystikern und Popularphilosophen, welche kein Bedenken
getragen haben, die phantastischen Personifikationen somnambuler
Traumbilder als Realitäten aus einer anderen Welt gelten zu lassen.
Carl du Prel hat sich der dankenswerthen Aufgabe unterzogen, die
psychischen Probleme des Somnambulismus im Zusammenhang zu bearbeiten,
wobei er sich von allem spiritistischen Aberglauben als von unlogischen
Hypothesen vollständig freihält (S. 210, 434, vgl. 115, 186, 300),
und sogar das Gebiet des eigentlichen Hellsehens vorläufig bei Seite
lässt, um es einem besonderen Werk vorzubehalten. Durch den Titel[14]
braucht sich also Niemand abschrecken zu lassen, denn der Verfasser
erklärt ausdrücklich, dass es mystische Erscheinungen im eigentlichen
Sinne gar nicht gibt, und Manches uns nur heute noch mystisch vorkommt
(S. 386, 204). Gleichwohl kann ich den Titel nicht zweckmässig finden,
weil ich nicht wie du Prel im Somnambulismus die „Grundform aller
Mystik“ (399, 497) und in der Mystik nicht „das magische Verhalten des
Menschen zu sich selbst“ (444) erkennen kann; ich verstehe vielmehr
unter Mystik das gefühlsmässige Sicheinswissen des Menschen mit dem
Absoluten, und sehe in der praktischen Pflege des Somnambulismus durch
einen grossen Theil der religiösen Mystiker nur eine Verirrung, die auf
einem Verkennen der eigentlichen Natur und Bedeutung des Somnambulismus
beruht. Ich meine deshalb, der richtigere Titel des du Prel’schen
Buches hätte lauten müssen: „Der Somnambulismus in seiner Bedeutung
für Psychologie und Metaphysik.“ In der That wäre dieser Titel
erschöpfend, denn was aus den Erscheinungsgebieten des gewöhnlichen
Traumes und des wachen Gedächtnisses herangezogen ist, dient doch nur
zum Vergleich und zur Erläuterung der somnambulen Erlebnisse.
Auch du Prel nimmt als erwiesen an, dass Hypnotismus und Mesmerismus
(oder thierischer Magnetismus) keineswegs sich deckende Begriffe
von gleichem Umfang sind (155), und dass es irrthümlich ist, den
hypnotischen oder somnambulen Zustand lediglich auf Vorgänge im
Wahrnehmungs- oder Vorstellungsprocess des Versuchsobjekts zurückführen
zu wollen. Zum Beweise führt er an, dass auch Schlafende, welche
von den mit ihnen vorgenommenen Manipulationen nichts wissen, in
Somnambulismus versetzt werden können und dass sogar der Schlaf die
magnetische Einwirkung erleichtert (39-40); ferner, dass auch die
Mimosa pudica ebenso durch Mesmerisiren wie durch Chloroformiren
unempfindlich gemacht werden kann (156). Ich möchte hinzufügen,
dass wir die dynamische Aktivität der Magnetiseure auch aus anderen
Wirkungen kennen, z. B. aus den lokalen Einwirkungen auf menschliche
Körpertheile, welche für die Hautempfindungen denjenigen einer
schwachen Elektrisirmaschine gleichen, ferner auf das Elektroskop
und die Magnetnadel, und dass in einem sensitiven Nervensystem schon
Electricitäten von minimaler Spannung starke Abänderungen in der
Vertheilung der Innervationsintensität hervorrufen, wie die Versuche
an Hysterischen mit halbseitiger Anästhesie des Körpers beweisen.[15]
Dass auch der Stahlmagnet gewaltige Einwirkungen auf die Vertheilung
der Innervationsenergie in den Centralorganen ausübt, ist durch die
oben angeführten Versuche von Binet und Féré erwiesen, veränderte
Anwendungsarten werden ohne Zweifel noch andre Verschiebungen der
Innervationsenergie kennen lehren und damit dem Verständniss der Art
und Weise, wie der Einfluss des Magnetiseurs die gleiche Wirkung
hervorbringt, näher führen. Es ist anzunehmen, dass jeder Mensch in
irgend welchem Grade die Fähigkeit, andere zu magnetisiren, besitzt,
dass aber die Herrschaft über dieselbe nur durch Uebung zu gewinnen
ist, weil diese Fähigkeit nicht in dem Organ der bewussten Willkür
ihren Sitz hat, sondern nur indirekt durch Impulse des bewussten
Willens in anderen niederen Centralorganen aufgelöst wird. Damit stimmt
überein, dass Somnambule, deren Willkürorgan ausser Funktion gesetzt
ist, eine besonders starke Fähigkeit zum Magnetisiren Dritter, ja sogar
ihres Magnetiseurs gewinnen, auch wenn sie dieselben im wachen Zustand
nicht besitzen oder beherrschen (274). Es ist ferner zu beachten, dass
fortdauernde Bethätigung der magnetischen Kraft den Menschen angreift
und entkräftet (250), woraus folgt, dass der Magnetiseur wirklich
organische Kraft bei seiner Thätigkeit konsumirt. Es ist endlich zu
berücksichtigen, dass die elektrischen Apparate der Zitter-Rochen und
-Aale nur Gruppen von Ganglienzellen sind, und dass jede Ganglienzelle
in irgend welchem Maasse die Eigenschaft besitzen muss, welche hier
durch Differenzirung ausgebildet ist.
Ob das im thierischen Magnetismus wirksame dynamische Agens mit
einer der uns bekannten Naturkräfte identisch ist, oder ob es
eine noch unerforschte neue Proteus-Gestalt der einheitlichen
Naturkraft ist, welche bloss elektrische, magnetische, thermische und
nervenphysiologische +Begleit+erscheinungen hervorruft, das dürfte
vorläufig schwer zu entscheiden sein, doch neige ich der letzteren
Auffassung zu, so dass der Bezeichnung „thierischer Magnetismus“
oder „organische Electricität“ nur ein uneigentlicher Sinn beiwohnt.
Ebenso vorsichtig wie in der Gleichsetzung der mesmerischen Funktion
mit physikalischen Kräften muss man aber auch sein, sie mit besser
bekannten organischen psychischen oder gar metaphysischen Potenzen
zu identificiren, wie wenn z. B. du Prel sie mit der Naturheilkraft
gleichsetzt (239), wozu die etwaigen heilsamen Nebenwirkungen der durch
sie hervorgerufenen somnambulen Zustände noch lange keine Berechtigung
geben.
Du Prel hat sich in diesem Punkte, wie leider in manchen andern, durch
Schopenhauers Ansichten bestimmen lassen, von welchem Denker seine
gesammte Weltanschauung mehr als von irgend einem andern abhängig ist.
Schopenhauer nimmt an[16], dass der Somnambulismus nur ein tiefer und
vollkommener Schlaf sei, dass er deshalb heilsamer als der gewöhnliche
Schlaf sei und von der Naturheilkraft absichtlich herbeigeführt
werde. Er glaubt ferner, dass Wahrträume auch im gewöhnlichen tiefen
Schlafe häufig sind, und der Somnambulismus nur diese Wahrträume
offenbare. Alle scheinbaren Sinneswahrnehmungen der Somnambulen hält
er für Wahrträume, welche die Vermittelung der Sinneswerkzeuge nur
vorspiegeln. In Bezug auf die physiologische Erklärung des somnambulen
Zustandes verwirft er mit triftigen Gründen die Annahme, dass das
Gangliensystem an Stelle des Gehirns funktionire, und hält an der
Unentbehrlichkeit der Gehirnfunktion fest, worin ihm du Prel leider
nicht gefolgt ist; seine Theorie einer Umkehrung der Richtung der
Gehirnfunktion durch Rollentausch der grauen und weissen Substanz ist
dagegen physiologisch ganz unhaltbar und ist auch von keiner Seite
vertheidigt worden.
So wenig der Somnambulismus mit dem gewöhnlichen Schlaf zu verwechseln
ist, ebenso wenig ist er, wie du Prel meint (173), ein tieferer Schlaf
als der gewöhnliche, d. h. bloss graduell von demselben verschieden.
Obschon Uebergangsformen zwischen beiden stattfinden und einige
Merkmale ihnen gemeinsam sind, sind sie doch specifisch verschieden; in
manchen Beziehungen erscheint der Schlaf als Zwischenzustand zwischen
Somnambulismus und Wachen, in andern erscheint der Somnambulismus als
Mittelzustand zwischen Schlaf und Wachen. Du Prel, welcher nur die
erstere, und Wirth (40), welcher nur die letztere Ansicht gelten lässt,
haben daher Beide Recht und Unrecht. Der somnambule +Traum+ erscheint
in der That gegenüber dem gewöhnlichen als ein +gesteigerter+ Traum,
aber der somnambule +Schlaf+ gleicht mehr dem Verhalten im +wachen+
Zustande als im gewöhnlichen Schlaf.
Das gewöhnliche Traumbewusstsein ist durch eine bessere
Erinnerungsbrücke mit dem wachen Bewusstsein verbunden als das
somnambule und kann zwischen diesen beiden als verknüpfendes Mitglied
eintreten. Je näher das somnambule Traumbewusstsein dem gewöhnlichen
Traume steht, desto leichter reichen Erinnerungen aus demselben
in’s wache Bewusstsein hinüber; je mehr es sich in sich vertieft,
desto schwerer wird die Erinnerung an seinen Inhalt, am schwersten
beim „Hochschlaf“, der nur durch das verknüpfende Mittelglied des
gewöhnlichen Somnambulismus mit dem wachen Bewusstsein verbunden
werden kann. Je mehr sich der Somnambulismus steigert, desto mehr
steigern sich die Eigenthümlichkeiten, welche das Traumbewusstsein
von dem wachen Bewusstsein unterscheiden: die Passivität des Willens,
die Sinnlichkeit und Bildlichkeit der Vorstellungen, die Stärke der
unwillkürlichen Phantasiethätigkeit, die Neigung zu dramatischer
Spaltung des Ich, der Mangel an Besonnenheit und zielbewusster
Stetigkeit, die Hyperästhesie des Gedächtnisses, die damit
zusammenhängende Geschwindigkeit des Vorstellungswechsels, und endlich
die Sensitivität des Gefühlslebens für natürliche Vorgänge innerhalb
und ausserhalb des eigenen Organismus.
Andererseits aber steigern sich auch einige solche Merkmale, durch
welche das wache Leben sich vom Schlaf unterscheidet, erstens die
Fähigkeit, vermittelst der Sinneswerkzeuge von der Aussenwelt Eindrücke
zu empfangen und auf diese Eindrücke mit Reden und Handlungen
sinngemäss zu reagiren, zweitens die Eigenthümlichkeit, dass die
Erlebnisse der Zeitabschnitte des somnambulen Lebens wie diejenigen des
wachen Lebens durch ihren Erinnerungszusammenhang ein geschlossenes
Ganzes bilden, während die Träume der verschiedenen Nächte der Regel
nach zusammenhangslose Bruchstücke bleiben und nur ausnahmsweise mit
vereinzelten Erinnerungen ineinander übergreifen, und drittens der
Umstand, dass die das somnambule Bewusstsein vermittelnden Theile des
Centralnervensystems ebenso wie die das wache Bewusstsein vermittelnden
der zeitweiligen Ruhe durch Schlaf bedürfen, wie der Wechsel von Schlaf
und Wachen bei einem Wochen und Monate lang anhaltenden Somnambulismus
beweist (332).
Wenn eine Somnambule ihren häuslichen Verrichtungen obliegt, oder
gar eine Rolle auf der Bühne tadellos durchführt, so wird Niemand
bezweifeln, dass ihr Zustand dem Wachen ähnlicher ist, als dem Schlaf,
trotzdem sich bei genauerer Untersuchung herausstellt, dass der
Zustand ihres Bewusstseins in vielen Punkten als ein gesteigerter oder
vertiefter Traumzustand zu betrachten ist. Beim Somnambulismus wird die
Aehnlichkeit mit dem Wachen, beim Schlaf die Unähnlichkeit mit dem
Wachen um so grösser, je tiefer er wird; je weniger tief Somnambulismus
und Schlaf sind, desto ähnlicher sehen sie sich beide; je tiefer
sie werden, d. h. je mehr sie ihre eigenartige specifische Natur
hervorkehren, desto verschiedener und entgegengesetzter erscheinen sie.
Der niedrigste Grad des Hypnotismus zeigt vollkommene Lethargie, also
gar keinen Verkehr mit der Aussenwelt wie der Schlaf; erst im zweiten
Grade, im kataleptischen Stadium öffnet sich das Ohr und die niedern
Sinne, und erst im dritten Stadium, dem im engeren Sinne somnambulen,
öffnen sich auch die Augen und beginnt jener vollständige Verkehr mit
der Aussenwelt, der auf den ersten Anblick vom Verhalten einer wachen
Person nicht zu unterscheiden ist.
Der Schlaf hingegen wird dem Somnambulismus nur dann ähnlicher,
wenn er im Begriff ist, in denselben überzugehen, z. B. in dem
Sprechen und Handeln der Schlafenden; aber der sich selbst treu
bleibende ruhige und tiefe Schlaf kennt solche Extravaganzen
nicht, die schon einem gestörten Gleichgewicht des Nervensystems
entspringen, wie der Somnambulismus auch. Es ist gleichgiltig ob, wie
du Prel meint, der tiefe, oder, wie ich meine, der leichte Schlaf
mehr dazu neigt, unruhig zu werden, d. h. in Uebergangsformen zum
Somnambulismus hineinzugerathen, da man in beiden Fällen es schon mit
zusammengesetzten Erscheinungen aus verschiedenen Gebieten zu thun
hat; und ebenso gleichgiltig ist es für die hier behandelte Frage, ob
der tiefe ruhige Schlaf traumlos ist oder nicht, ob mit anderen Worten
nicht bloss das wache und das somnambule Bewusstsein im Schlafe Ruhe
und Erholung geniesst, sondern die Bewusstseinsfunktion schlechthin.
Letzteres kann wegen der beim Erwachen abreissenden Erinnerung
niemals direkt konstatirt werden (43); du Prel’s indirekter Beweis
für die Behauptung beruht aber auf einem Cirkelschluss, insofern er
aus der vorausgesetzten Richtigkeit des Satzes folgert, dass auch
der Somnambulismus im Wesentlichen nur ein vertiefter Schlaf sei,
und hieraus dann wieder nach Analogie zurückschliesst, dass auch im
natürlichen Schlaf ebenso wie im Somnambulismus das Erwachen des
Traumbewusstseins proportional der Tiefe des Schlafes sein müsse
(427, 32, 37). Nach meiner Ansicht hingegen wird schon durch das
Ruhebedürfniss des somnambulen Bewusstseins und dessen Befriedigung im
Schlafe zur Genüge erwiesen, dass auch die das somnambule Bewusstsein
vermittelnden Theile des Centralnervensystems im tiefen Schlafe ruhen,
so dass die dessen etwaige Träume vermittelnden Partien jedenfalls noch
unterhalb der ersteren gesucht werden müssten.
Worauf es hier ankommt, ist nur, zu konstatiren, dass der natürliche
Schlaf ein gesunder normaler, für Wache und Somnambule gleich
unentbehrlicher Erholungszustand, der Somnambulismus aber ein abnormer,
pathologischer, schlechthin entbehrlicher Zustand ist, dass ferner der
reine Schlaf mit wachsender Vertiefung den Schläfer immer mehr von
der Aussenwelt abschliesst, der Somnambulismus dagegen mit wachsender
Vertiefung den Somnambulen in eine dem wachen Zustand immer ähnlicher
werdende sinnlich vermittelte Wechselbeziehung zur Aussenwelt setzt.
Dies genügt, um einen +specifischen Unterschied+ beider Zustände
festzustellen, und den Streit über die Stellung zwischen Wachen, Schlaf
und Somnambulismus zu einem nebensächlichen zu machen.
Ausser der Verwandtschaft des Somnambulismus mit dem wachen Zustand
und dem gewöhnlichen Traum ist noch diejenige mit der Narkose und mit
Nerven- und Geisteskrankheiten zu beachten. Die Narkotisirung durch
Chloroform und Aether stimmt darin mit dem Somnambulismus überein,
dass eine von der Peripherie nach dem Centrum fortschreitende Analgesie
(Unempfindlichkeit für Schmerz) und scheinbar auch Anästhesie eintritt,
dass das wache Bewusstsein schwindet und unwillkürliche Träume sich
entfalten; ein ähnlicher Zustand der Analgesie trat auch bei den
höchsten Graden der Folter manchmal ein, der dann der Hülfe des
Teufels zugeschrieben wurde. Bei der Morphium- und Haschisch-Narkose
ist die Analgesie weniger ausgesprochen, dafür aber das Traumleben
gesteigert; insbesondere das Haschisch erzeugt eine Hyperästhesie
des Gedächtnisses und eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufes,
welche mit den gleichen Erscheinungen des somnambulen Traumlebens
viel Aehnlichkeit hat. Alle Narkosen unterscheiden sich aber dadurch
vom Somnambulismus, dass in ihnen für gewöhnlich und unter Ausschluss
eines gleichzeitig eintretenden Somnambulismus der Verkehr mit der
Aussenwelt abgeschnitten ist; nur eine unvollständige Narkose, welche
noch einen Rest des wachen Bewusstseins übrig lässt, macht solchen
Verkehr möglich. Auf der Verwandtschaft dieser narkotischen Zustände
mit dem Somnambulismus beruht es, dass in nervösen Organisationen,
die zum Somnambulismus neigen, derselbe durch narkotische Mittel
hervorgerufen werden kann (Pythia, Hexenfahrten u. s. w.). Die Menge
von Chloroform, die Jemand zur Narkose braucht, ist zugleich ein
Gradmesser seiner Empfänglichkeit für magnetische Hypnotisirung, und
die Blutbeschaffenheit eines hungernden Organismus erleichtert in
gleichem Masse die Narkose wie das Magnetisiren und den spontanen
Eintritt von Uebergangsformen zwischen Traum und Somnambulismus.