durch eine mehr literarische Behandlung der Klassiker zu ersetzen. Zu
dem Zweck ist mit der Reform der philosophischen Kollegien auf den
Universitäten zu beginnen, da man den jungen Lehrern nicht zumuthen
kann, aus eigner Kraft in ihren Unterrichtsstunden die literarische
Behandlung des Inhalts der Klassiker voranzustellen, welche sie auf der
Universität als unwissenschaftlich und dilettantisch verachten gelernt
haben.
Diese vorläufigen Wünsche für den nächsten Reformschritt sind gewiss
massvoll, und ich glaube, dass sich alle Reformfreunde, mit Ausnahme
der Latinitätsverehrer, auf dieselben hin einigen könnten, wenn sie
auch verschiedene Ideale als fernere Zukunftsziele dabei im Sinne
haben. Eine solche Einigung thut aber dringend Noth, wenn überhaupt
demnächst etwas zu Stande kommen soll. Die thatsächliche Verwirklichung
der vollen Einheitsschule wird auf der +nächsten+ Stufe der Reform
überhaupt noch nicht in’s Auge gefasst werden können, sondern erst
für eine spätere Stufe, wenn im Gymnasium der Rollentausch des
Griechischen und Lateinischen vollzogen sein wird und die Stundenzahl
des Lateinischen allmählich auf ein Minimum herabsinkt. Das Ziel einer
Beibehaltung des Griechischen für +alle+ Schüler scheint mir nur dann
erreichbar, wenn das Griechische in der Hauptsache zu der +einzigen+ in
der Schule getriebenen alten Sprache wird.
XIII.
Der Bücher Noth.
Der wichtigste Faktor für die Steigerung der wissenschaftlichen Bildung
ist die wissenschaftliche Literatur, wie der wichtigste Faktor für
ihre Erhaltung der wissenschaftliche Unterricht (auf höheren und
Hochschulen) ist. Seine hervorragende Stellung im wissenschaftlichen
Wettkampf der Völker verdankt Deutschland neben der Tüchtigkeit seiner
Schulen und Hochschulen wesentlich dem Umfang und der Bedeutung seiner
wissenschaftlichen Literatur. Weil die jährliche Bücherproduction
Deutschlands grösser ist als diejenige von Frankreich und England
zusammengenommen, darum kann auch jährlich eine grössere Zahl
hervorragender Erscheinungen auf dem deutschen Büchermarkt gefunden
werden als auf dem französischen oder englischen, während die übrigen
Nationen als Konkurrenten auf dem Gebiete der Wissenschaft noch wenig
in Betracht kommen.
In neuerer Zeit treten Erscheinungen hervor, welche die gedeihliche
Fortentwickelung der wissenschaftlichen Literatur in Deutschland in
Frage stellen; und diese Gefahr ist wichtig genug, um ihren Ursachen
und ihrer Bekämpfung einige Aufmerksamkeit zu widmen. Der Absatz auch
der wirklich werthvollen wissenschaftlichen Bücher, die nicht gerade
Unterrichtsbücher oder billige Popularisirungen sind, wird immer
geringer, so dass er oft kaum ein Drittel der Kosten deckt, und in
Folge dessen wird für die Autoren die Schwierigkeit, einen Verleger
zu finden, immer grösser. In England und Frankreich ist das Publikum
mit literarischen Interessen durchschnittlich auch wohlhabend genug,
dieselben durch Bücherkauf zu befriedigen; in Deutschland welches
überhaupt an Wohlhabenheit sehr zurücksteht, sind Wohlhabenheit
und wissenschaftliche literarische Interessen an ganz verschiedene
Stände vertheilt. Aber dieser Unterschied der nationalen Kaufkraft
und der Kaufkraft der wissenschaftlich interessirten Stände zwischen
Deutschland und andren Ländern hat immer bestanden und doch früher
nicht eine gewisse Blüthe der wissenschaftlichen Literatur verhindert,
während jetzt bei steigender Wohlhabenheit des Volkes die Neigung zum
Ankauf wissenschaftlicher Werke und belletristischer Novitäten im
Publikum immer mehr zurückgeht. Die Verleger können nicht anders, als
diesen Verhältnissen bei ihren Unternehmungen Rechnung tragen, und
die Schriftsteller haben durchaus Unrecht, wenn sie über die Verleger
klagen, die doch eben nur Geschäftsleute sind.
Ich sehe die Gründe für die Abnahme des Ankaufs wissenschaftlicher und
schöner Literatur in Folgendem:
1. Die Abnahme der Mussezeit der Gebildeten und ihrer Fähigkeit,
dieselbe mit Ernst und Sammlung zu benutzen, begünstigt eine Literatur,
welche der Erholung und Zerstreuung dient, und benachtheiligt solche,
die zur Lektüre eine gewisse Stetigkeit und Concentration verlangt.
2. Das Ueberwuchern der politischen Interessen drängt diejenigen an
Wissenschaft, Kunst u. s. w. in den Hintergrund und die zerstreuende
und aufreibende Unruhe des modernen grossstädtischen Lebens (in
Berufsarbeit und Geselligkeit) macht die Sammlung immer schwerer.
3. Die Vertheuerung der städtischen Miethswohnungen und die zunehmende
Häufigkeit der Umzüge machen einen grösseren Bücherbesitz zu einer
immer wachsenden Last, vor deren Aufbürdung der Deutsche sich scheut,
während erst das eigene Haus (wie in England) ein Behagen an eignen
Büchern aufkommen lässt.
4. Die aus der Steigerung der Setzerlöhne folgende Vertheuerung der
Bücherpreise ist dem Sinken des Geldwerths beträchtlich vorausgeeilt
und trägt dazu bei, vom Ankauf neuer Werke abzuschrecken; die Verleger
erhalten einen zu geringen Theil des vom Publikum gezahlten Preises,
weil der Zwischenhandel zu hohe Provisionen verschluckt.
5. Das Anstandsbedürfniss an Bücherbesitz wird durch
billige Klassiker-Ausgaben, Sammel- und Nachschlagewerke,
populärwissenschaftliche Mark-Bibliotheken, Moderomane, gelegentliche
Geschenkliteratur und unentbehrliche Hülfsmittel des Berufs befriedigt;
meist wird auch der in der Wohnung verfügbare Raum durch dieselben
erschöpft.
6. Die für Lektüre verfügbare Zeit wird durch das Bestreben, in der
eigenen Berufswissenschaft nothdürftig auf dem Laufenden zu bleiben,
durch eine Zeitung, einen Journalcirkel und die neuesten Moderomane,
meist vollständig ausgefüllt, ohne dass Lust und Zeit zur Lektüre
wissenschaftlicher Originalwerke übrig bleibt.
7. Die Gewöhnung an Journal- und Zeitungslektüre verdirbt den Geschmack
und die Fähigkeit zum Lesen zusammenhängender Werke, und schon rückt
auch uns Deutschen die Zeit näher, wo der „Leitartikel“ bereits als
eine zu grosse Zumuthung an das Koncentrationsvermögen gilt und in ein
Mosaik von „Entrefilets“ aufgedröselt wird.
Gegen die Verringerung der Mussezeit durch Steigerung der
Berufsansprüche giebt es ebenso wie gegen das Hinzutreten der
politischen Pflichten kein Auskunftsmittel, als dass die Jugend ihre
Zeit bis zur vollen Inanspruchnahme ihrer Kräfte durch den Beruf
fleissig zu ihrer allgemeinwissenschaftlichen Geistesbildung benutzt
und ihre Betheiligung an politischen Angelegenheiten bis zu erlangter
Bildungsreife (also etwa in die dreissiger Lebensjahre) vertagt. Bis
der städtischen Wohnungsmisère durch gesetzliche Verhinderung der
Baustellenspekulation abgeholfen wird, wird noch viel Wasser in’s
Meer laufen; bis dahin muss eine reichliche Dotation der vorhandenen
staatlichen und städtischen Bibliotheken sowohl dem Publikum wie dem
Verlagsbuchhandel zu Hülfe kommen und an den betheiligten Stellen das
Bewusstsein geweckt werden, wie richtig eine derartige Dotation für
die Erhaltung und Förderung der wissenschaftlichen Nationalliteratur
ist. Wie der Romanverlag grösstentheils nur von den Leihbibliotheken
lebt, so könnte der wissenschaftliche Verlag in der Hauptsache von
den wissenschaftlichen Bibliotheken leben, wenn diesen nur die
Mittel zur Verfügung gestellt würden, um ihre Kulturaufgabe für die
Nation in doppelter Hinsicht (kaufend und ausleihend) zu erfüllen.
Die Verleger müssten an alle öffentlichen Bibliotheken direct zum
Buchhändlernettopreis liefern, da der Gewinn des Zwischenhändlers hier
gar keinen Sinn hat und blos kulturschädlich wirkt; dagegen müsste
der unbillige Zwang zur Lieferung von Pflichtexemplaren den Verlegern
abgenommen werden.
Auch dem Publikum müsste die Möglichkeit eröffnet werden, direkt mit
den Verlegern in Verbindung zu treten und die Distributionsspesen
zu ersparen, wenn es keine Bemühungen des Distributeurs
(Sortimentsbuchhändlers) in Anspruch nimmt. Dies ist ausführbar durch
Bildung eines Literaturbezugsvereins, der als Sortimentsbuchhandlung
in’s Handelsregister eingetragen wird und den Mitgliedern nur die
wirklichen Auslagen als Aufschlagsprovision berechnet. Gründlicher
freilich wäre die Abhilfe, wenn die Post ebenso die Bücherspedition
wie die Zeitungsspedition übernähme, neben dem periodischen
Postzeitungskatalog einen periodischen Postbücherkatalog zu billigem
Abonnement herausgäbe und ein Centralbücheramt zur Beantwortung
von Anfragen und zur Ergänzung ungenauer Bestellungen einrichtete.
Bücherbezug zur Ansicht auf bestimmte Frist würde auch beim
Postbuchhandel unter Hinterlegung des Preises als Pfand ganz wohl
möglich sein, und nur die +unverlangten+ Büchersendungen zur Ansicht
würden in Wegfall kommen, welche ich wegen ihres zerstreuenden
Einflusses für überwiegend schädlich halte; der grösste Gewinn des
Buchhandels aber würde meines Erachtens bei der Vermittelung durch
die Post in der Beseitigung des verderblichen Kreditwesens liegen.
So wenig die Kreis- und Gemeinde-Sparkassen durch Postsparkassen
vernichtet werden können, ebenso wenig der Sortimentsbuchhandel
durch den Postbuchhandel; aber eine Einschränkung der Zahl der
Sortimentsbuchhandlungen, die seit der Gewerbefreiheit das vorhandene
Bedürfniss weit überschritten hat, könnte dem Buchhandel nur von Nutzen
sein. Schon das Antiquariat würde den Fortbestand selbstständiger
Buchläden sichern, noch weit mehr aber das Bedürfniss vieler Käufer
nach persönlicher Rücksprache und mündlicher Auskunft, so wie der
Wunsch, die Auswahl der Ansichtsendungen von einem Dritten getroffen zu
sehen; solche Käufer werden auch ferner bereit sein, dem Sortimenter
für seine Mühwaltung die bisherige höhere Provision zu zahlen. Soll
der Postbuchhandel durch seine Vorzüge die relative Benachtheiligung
des bestehenden Sortimentsbuchhandels wett machen, so müssen seine
Vortheile lediglich dem Publikum, nicht der Post zu Gute kommen,
d. h. die Post darf von Kunden nur den Buchhändlernettopreis für
Baarbezug ohne jeden Gewinnaufschlag erheben und muss sich ihrerseits
mit dem Porto für den Bestellzettel (3 Pfennig), dem Streifband- oder
Paket-Porto für die gelieferten Bücher und einer eventuellen Gebühr
für Auskunftsertheilung (etwa 5-10 Pfennig) begnügen. Ein solcher
Postbuchhandel würde auch den bemittelteren Schriftstellern den
lohnenden Selbstverlag ihrer Werke ermöglichen, während jetzt etwa
die Hälfte der vom Publikum für seine Werke wirklich gezahlten Summen
in den Händen der Sortimentsbuchhändler und des Kommissionsverlegers
hängen bleibt. Für unbemittelte Autoren müsste dann noch ein Verein
hinzutreten, welcher die eingesandten Manuscripte gegen beizufügende
Prüfungshonorare beurtheilen lässt und die werthvoll befundenen auf
eigene Kosten veröffentlicht; die Deckung der Kosten würde theils aus
den Beiträgen der Mitglieder erfolgen, welche die Publikationen des
Vereins dafür erhalten, theils aus dem Absatz an Bibliotheken und an
das Privatpublikum vermittelst des Postbuchhandels. Sehr wünschenswerth
wäre allerdings die Lösung der technischen Aufgabe, für Herstellung
kleiner Auflagen (von 100 bis 500 Exemplaren) ein Verfahren zu finden,
das erheblich billiger als der Letternsatz wäre und doch dem Auge die
gewohnte Form der grossen und kleinen Druckbuchstaben darböte.
Die Gefahr, welche in dem erdrückenden Einfluss der Zeitungen und
Journale liegt, muss auf doppeltem Wege bekämpft werden. Die Jugend
muss begreifen, dass sie mit der Hingabe an den flüchtigen Reiz
dieser Lektüre ihre Seele verkauft, d. h. auf die gründliche und
allseitige Ausbildung ihres Geistes verzichtet; die Aelteren aber
müssen selbst aufhören, der periodischen Literatur aus Bequemlichkeit
einen Werth beizulegen, den sie nicht verdient, müssen sie als ein
nothwendiges Uebel betrachten und namentlich die Tagespresse mit der
gebührenden Missachtung behandeln, damit die Jugend nicht durch den
Nachahmungstrieb verführt werde, mit derselben ihre kostbare Mussezeit
zu verderben. Die gebildete Jugend bis zu 30 Jahren soll ebensowenig
Zeitung lesen, wie Politik treiben, sondern alle ihre zur Lektüre
verfügbare Zeit auf Bücher verwenden; der Schnee vom vergangenen
Jahr ist nicht wesenloser als der Inhalt der Zeitung von gestern.
Die Jugend soll aber auch keine Journale lesen, weil solche nur die
Aufgabe haben, den auf ein gewisses fertiges Bildungsniveau Gelangten
auf dem Laufenden zu erhalten, aber nicht geeignet sind, eine noch
fehlende Bildung zu vermitteln. Sie sind um so weniger schädlich, je
zusammenhängendere und umfangreichere Abhandlungen sie darbieten,
je ähnlicher sie also dem Buche werden, und um so schädlicher, je
mehr sie sich dem Charakter der Zeitung annähern. Die reifen Männer
sollen zu der Einsicht gelangen, dass man die „grossen“ Tageszeitungen
bekämpfen und die „kleinen“ kurzen Blätter begünstigen muss, und zwar
um so mehr, je weniger sie einer bestimmten Partei dienen und je mehr
sie sich bemühen, die wichtigeren Thatsachen der Tagesgeschichte und
die wichtigeren Urtheile über dieselben in unparteiischer Kürze zu
registriren. Von Journalen aber sollen sie nur soviel in ihr Haus
kommen lassen, als nothdürftig ausreicht, sie auf dem Laufenden zu
erhalten und namentlich sie auf wichtige Erscheinungen der Literatur
hinzuweisen. Dann aber soll auch der beschäftigste und angespannteste
Mann nicht unterlassen, an freien Sonntagen oder in Ferienzeiten
persönlich zu den Quellen hinabzusteigen, aus denen der Geist der
nationalen Kultur sich verjüngt, d. h. zu den Originalwerken der
Forscher, Denker und Dichter.
XIV.
Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit.
Die That ist alles, nichts der Ruhm.
+Goethe.+
Lieber Leser! Hoffentlich bist Du nicht berühmt; aber vielleicht
wünschest Du es zu werden, und wenn Du zu alt bist, um es für Dich
selbst zu wünschen, so erhoffst Du es vielleicht für Deine Söhne,
Schwiegersöhne oder Enkel. Lieber Leser, lass dich warnen, ehe es zu
spät ist. Es gibt ja so Manches auf der Welt, wonach die Menschen sich
sehnen, und dessen Schattenseiten sie erst kennen lernen, wenn sie
es erreicht haben; aber der Ruhm ist unter allen diesen Prellereien
die schlimmste, weil seine Schattenseiten am wenigsten bekannt und
beachtet sind. Darum gestatte mir, Dir eine kleine Auswahl derselben
vorzuführen, und wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so wird Deine
Zufriedenheit nicht ohne Zuwachs geblieben sein, wenn Du aus ihnen
gelernt hast, Gott zu danken, dass Du nicht berühmt bist.
Die wenigsten Köpfe vertragen den Weihrauchduft des Ruhmes, ohne
davon umnebelt zu werden und das Gleichgewicht vernünftiger
Selbstbeurtheilung zu verlieren. Die liebenswürdige Bescheidenheit
schwindet und macht einer dünkelvollen Eitelkeit Platz; wo aber vorher
schon Eitelkeit bestand, liegt die Gefahr des Ueberschnappens nahe. Der
Mensch wird empfindlich, wo ihm die Anerkennung vorenthalten bleibt,
auf welche er durch seinen Ruhm ein Recht erworben zu haben wähnt; er
wird anspruchsvoll und pocht auf den schuldigen Tribut von Huldigungen.
Seiner gewöhnlichen Umgebung von Familie und Freunden glaubt er sich
nun enthoben und entrückt in eine höhere Sphäre des Daseins; indem er
sich ihnen gegenüber ein höheres und besseres Menschenwesen dünkt, wird
der vorher Fügsame besserwisserisch und herrschsüchtig und dadurch
unliebenswürdig. So werden nicht nur Sitten und Manieren, sondern
selbst Gemüth und Charakter verdorben und die intimsten Beziehungen
vergiftet. Die näher Stehenden sehen mit Bedauern diese Veränderung,
die Nächsten leiden darunter; die alten Freunde ziehen sich halbwegs
zurück, auch wenn sie den Erfolg gönnen, oder fallen ganz ab, wenn sie
ihn missgönnen und beneiden.
Nur seltenen Ausnahmenaturen, die schon vorher ein klares und sicheres
Urtheil über sich selbst, ihr Vermögen und den Werth ihrer Leistungen
besassen und gewohnt waren, das Urtheil der Menge ihrem eigenen
gegenüber stolz zu missachten, nur solche werden ungeschädigt an ihrem
Innersten die Probe des Berühmtwerdens bestehen. Aber wie können sie
erwarten, dass die Welt an eine solche ausnahmsweise Veranlagung
glauben soll? Mögen die nächsten Freunde und Angehörigen diesen Glauben
besitzen und durch die tägliche Erfahrung bestätigt sehen, so werden
doch die neidischen Freunde ein solches menschliches Verdienst zu dem
missgönnten Ruhm hinzu einzuräumen wenig geneigt sein, und ferner
Stehende oder neue Bekanntschaften werden stets mit dem Vorurtheil
behaftet sein und bleiben müssen, dass die gewöhnlichen und so schwer
vermeidlichen Fehler der Berühmtheit auch in diesem Falle vorliegen und
vielleicht nur aus Klugheit etwas geschickter als gewöhnlich verhüllt
werden. So legt der Ruhm auf alle rein menschlichen Beziehungen seinen
erkältenden Reiffrost, bei Allen, die es verdienen und die es nicht
verdienen.
Von den bescheidenen, zurückhaltenden, feinfühligen, harmlosen, in sich
befriedigten Naturen wird der Berühmte gescheut und gemieden, von den
unbescheidenen, zudringlichen, eitlen Menschen, die gern mit berühmten
Bekanntschaften prahlen, wird er aufgesucht. Wenn ohnehin schon ein
„Mensch“ mit der Laterne gesucht werden muss, so muss der Berühmte sich
zehnfache Mühe geben, einen zu finden; noch mehr Noth hat er aber, sich
derer zu erwehren, an denen ihm nichts gelegen sein kann. Die Menschen
können sich so schwer denken, dass ein Mann, der seinen Ruhm verdient,
doch zunächst auch ein Mensch sein muss und in höherem Grade als andre
ein solcher, dem nichts Menschliches fremd ist, bei dem also auch alle
menschlichen Interessen sicher sind, einen Widerhall zu wecken. Statt
dessen sind die Bescheidenen und Feinfühligeren, wenn der Zufall sie
mit einem Berühmten zusammenführt, meist doppelt zurückhaltend und
still aus Furcht, nicht geistreich und bedeutend genug, oder auf dem
Specialgebiet des Betreffenden nicht bewandert genug zu erscheinen; die
Andern aber plagen ihn mit verständnisslosen Fragen und Bemerkungen,
durch welche sie ihr ungewöhnliches Interesse und Verständniss für
die fragliche Specialität zu bekunden glauben. In Gesellschaft wie
in der Sommerfrische wird der Berühmte, wenn er nicht selbst ein
Eitelkeitsnarr ist, bald nur noch den einen Wunsch haben, sich vor
dem erkältenden und isolirenden Nimbus des Ruhmes durch Incognito zu
retten; aber dieses Mittel ist selten anwendbar und jedenfalls hilft es
nicht gegen die Belästigungen zu Hause.
Da kommen die Besucher aus Neugier, die befriedigt wieder abgehen, wenn
sie konstatirt haben, dass der Herr X. seinem Porträt ähnlich sieht;
aber diejenigen Personen, deren Bekanntschaft aus sachlichen Interessen
gerade am erwünschtesten und für beide Theile am erspriesslichsten
wäre, wagen leider aus Bescheidenheit oft nicht, die Schwelle der
Berühmten zu überschreiten. Dass er von wirklichen oder angeblichen
Fachgenossen aufgesucht wird, um Almosen und Unterstützung, Rath und
Hülfe zu finden, mag noch hingehen, da es neben der meist zwecklosen
Belästigung doch auch in Ausnahmefällen Gelegenheit gibt, sich nützlich
zu machen; die allerunsinnigste Belästigung aber ist die durch
Autographensammler, welche sich nicht mit den in Autographenalbums
facsimilirten Schriftzügen begnügen wollen, sondern die Eitelkeit
haben, möglichst viel Originalhandschriften zu sammeln. Wer aus
Furcht, sich unbeliebt zu machen, einige Mal auf solche Zumuthungen
eingegangen ist, der wird überhäuft mit brieflichen Aufforderungen;
wer alle Gesuche um Autographen (mit Ausnahme der für wohlthätige
Zwecke bestimmten), wie es das einzig Richtige ist, in den Papierkorb
wirft, der wird durch allerlei Finten überlistet, z. B. durch
fingirte Unterstützungsgesuche, oder die noch beliebtere Methode der
Bitte um Rath kurz vor dem angeblich beabsichtigten Selbstmord. Der
Autographensammler scheut sich niemals, sich für einen glühenden
Verehrer des Angebettelten auszugeben, auch wenn er dessen Leistungen
nicht anders als von Hörensagen kennt; ebenso findet man auch unter
denjenigen, welche sich nach der persönlichen Bekanntschaft drängen,
selten einen, der es der Mühe werth gefunden hätte, zunächst die so
viel leichter zu erlangende genauere Bekanntschaft mit dem Besten,
was die Person zu geben hat, mit der Reihe ihrer Thaten oder Werke zu
machen.
Die Störung der Unbefangenheit im persönlichen Verkehr erstreckt
sich noch über den mündlichen hinaus auf den brieflichen. Der
widerwärtige Personenkultus dieses Jahrhunderts, welcher allemal im
umgekehrt proportionalen Verhältniss zu dem Ernst und der Tiefe des
sachlichen Interesses steht, hat es fertig gebracht, dass keine private
Mittheilung eines berühmten Mannes vor der Veröffentlichung nach dem
Tode, ja wohl gar bei Lebzeiten, mehr sicher ist. Der Eitle mag daraus
den Antrieb entnehmen, auch seine Privatbriefe so abzufassen, wie er
sie für ein künftiges Publikum wünscht; wem aber solche Exposition in
Schlafrock und Nachtmütze zum Ekel ist, der wird seine Korrespondenz
auf die nothdürftigsten trocknen Thatsachen beschränken, und die
Verkümmerung eines berechtigten Gebietes des gemüthlichen Privatlebens
bitter empfinden.
Sofern die Thaten und Werke des Menschen bestimmte Tendenzen
verfolgen (was eigentlich nur bei Künstlern nicht der Fall -- sein
sollte) werden diese Absichten und Ziele stets der Verkennung und
der Missdeutung von ihren Gegnern wie vom blossen Missverstand
ausgesetzt sein; es bilden sich bald zu Anfang falsche Meinungen und
Stichworte (wie z. B. Grillparzer während eines ganzen langen Lebens
ein „Schicksalstragödiendichter“ hiess), welche durch keine Bemühungen
von Seiten des Verkannten auszurotten sind. Wenn seine Werke nicht
zugleich der vergnüglichen Unterhaltung dienen, so verleiht der Ruhm
nicht einmal, wie er doch billiger Weise sollte, den Rechtsanspruch,
die späteren Leistungen, welche erst das Gesammtbild vervollständigen
und den ersten Eindruck berichtigen können, auch nur beachtet zu sehen.
Das Publikum ist nur zu geneigt zu glauben, dass ein erstes, Ruhm
begründendes Fahnenwerk auch die Leistungsfähigkeit seines Urhebers in
der Hauptsache erschöpfe und dass es nicht der Mühe werth sei, darauf
hinzuhören, was ein solcher Autor sonst noch zu sagen haben könne
(man denke z. B. an Strauss). Den einzigen reellen Vortheil, den der
Ruhm seinem Besitzer gewähren könnte und sollte, enthält er ihm somit
auch noch vor, wenigstens in Deutschland, da das Ausland in dieser
Hinsicht der Ehrenpflichten gegen seine hervorragenden Männer besser
eingedenk ist. Dagegen muss der Kelch des Verdrusses über unbelehrbare
Vorurtheile und ohrenverschliessenden Missverstand bis zur Hefe
geleert werden. Dass die Ungerechtigkeit des Urtheils bei sachlicher
Verkennung selten stehen bleibt und nur zu häufig auch die Person und
deren Privatleben in den Kreis ihrer Angriffe mit hineinzieht, ist
ebenso bekannt, wie dass es nur wenigen öffentlichen Persönlichkeiten
erspart bleibt, Gegner und Feinde zu haben, welche die gutgläubige
Verurtheilung durch eingemischte Einflüsterungen des Neides und
Uebelwollens trüben und verbittern. Der Empfindliche wird an alledem
eine nie versiegende Quelle der Kränkung und des Aergers haben, aber
auch der Unempfindliche, der sich von dem Urtheil Anderer in ruhigem
Stolze unabhängig weiss, wird doch Schmerz und Betrübniss über das
mächtige Beharrungsvermögen des Vorurtheils und der Gleichgültigkeit
und über die unausrottbare Existenz der Gesinnungsgemeinheit in der
Welt fühlen.